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Full text of "Illyrisch-Albanische Forschungen. Unter Mitwirkung von Konstantin Jirecek [et al.]"

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ILLYRISCH-ALBANLSCHE 
FORSCHUNGEN 


ÜNTEU  MITWIllKUXG  VON  PROFESSOR  DR.  KONSTANTIN  JIKECEK, 
l-ROFESSOR  Di;.  MILAN  VON  SUFFLAY,  SEKTIONSCHEF  THEODOR 
IPPEN,  PROFESSOR  E.  C.  SEDLMAYR,  ARCHIVAR  DR.  .JOSEF  IVANIC, 
WEILAND  EMMERICH  VON  KARACSON,  K.  UNG.  SEKTIONSRAT  RELA 
PECH  UND  KARL    TIlOPIA 


ZUSAMMENGESTELLT 

VON 

Dr.  LUDWIG  VON  THALLÖCZY. 

I.  BAND. 

MIT    EIXEK    LANDKARTE. 


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VERLAG  VON  DüNCKER  &  HUMBLOT 

MÜNCHEN  UND  LEIPZIG 

1916. 


f?  I   I 


Köu.  villi».  Universitätsdnickorei  iu  Buila)  est. 


VORWOllT. 


Das  vorliegende  Sammelwerk  enthält  in  zwei  Bünden  eine 
Anzahl  von  Htiidien  und  Aufsiitzen  teils  geschichtlichen,  teils 
ethnographisch-gewohnheitsrechtlichen  Inhalts,  an  die  sich  aktuelle 
Beiträge,  die  volkswirtschaftliche  Entwicklung  Albaniens  be- 
treffend, und  Erläuterungen  zur  Halbvergangenheit  Albaniens 
anschließen.  Die  Verfasser  dieser  chronologisch  und  nach  Materien 
geordneten  Arbeiten  sind  Gelehrte  und  iSchriftsteller  aus  beiden 
Staaten  der  Monarchie. 

Der  Herausgeber  hat  sich  die  Aufgabe  gestellt,  die  Arbei- 
ten von  Fachgelehrten  über  illyrisch-albanische  Fragen,  welche 
in  verschiedenen  Zeitschriften  zerstreut  erschienen  sind,  einem 
weiteren  Kreis  von  Lesern  zugänglich  zu  machen,  welche  für 
Albanien  nicht  nur  in  der  sogenannten  Balkansaison  1913' 14 
schwärmten,  sondern  sich  für  dieses  Stück  Erde  ein  dauerndes 
Interesse  1)ewahi't  haben. 

Es  ist  ja  für  die  Gelehrten  der  Monarchie  sozusagen  eine 
Ehrenpflicht,  dieses  Wissensgebiet  zu  pflegen,  da  ein  österreichisch- 
ungarischer Generalkonsul,  Johann  Georg  von  Hahn  (1811 — 1869) 
als  erster  durch  seine  „Albanesischen  Studien"  (1854)  uns  Albanien 
näher  gebracht,  ich  möchte  sagen,  erschlossen  hat. 

Nach  ihm  war  es  Benjamin  von  Källay,  Ungarns  be- 
deutendster Orient23olitiker,  der  während  seiner  Tätigkeit  als 
Minister(1880 — 1903)  alle  wissenschaftlichen  Bestrebungen, welche 


IV 

die  Erschließung  Albaniens  bezweckten,  mit  der  ihm  eigenen 
Ausdauer  durch  l?at  und  Tat  imterstützte.  Ihm  ist  die  erste 
albanisch  geschriebene  Geschichte  des  Landes  zu  danken.  Auch 
das  albanische  Alphabet  mid  die  Schaffung  einer  albanischen 
Schriitsprache  bildeten  zwei  Punkte  seines  Balkanprogramms. 

Die  hier  veröffentlichten  wissenschaftlichen  Arbeiten  der 
Epigonen,  von  denen  in  erster  Keihe  die  Studien  Prof.  Konstan- 
tin Jireceks  und  Prof.  Milan  v.  Sufflays  hervorzuheben  sind, 
bringen  uns  auf  Grund  neu  erschlossener  (Quellen  eine  wertvolle 
Bereicherung  der  historischen  Kenntnisse  über  Albanien  und 
seiner  Beziehungen  zu  den  Nachbarländern. 

Die  Arbeiten  aus  dem  Gebiete  der  Ethnogi-aphie  und  des 
albanischen  Gewohnheitsrechtes,  besonders  die  bahnbrechende 
Studie  des  Sektionschefs  Theodor  Ippen  bilden  Bausteine  zur 
vergleichenden  Völkerkunde. 

Der  II.  Band  beinhaltet  zwei  Aufsätze  von  bewährten 
Fachmännern,  welche  Albaniens  landmrtschaftliche  und  hydi-o- 
graphische  Verhältnisse  behandeln. 

Im  zweiten  Teile  des  II.  Bandes  veröffentlichen  wir-  sti-eng 
objektiv  gehaltene  Beiträge  zm-  Geschichte  des  von  der  Londoner 
Botschafterkonferenz  eben  ei-st  ins  Leben  gerufenen  und  schon 
vor  dem  Weltkriege  wieder  entschlafenen  neuen  Albanien.  Mit  der 
Veröffentlichung  dieser  Studien  und  Projekte  beabsichtigten  wir 
den  Beweis  zu  liefern,  daß  Östen-eich-Ungarn  sich  bei  all  seinen 
Bestrebmigen  hinsichtlich  Albaniens  genau  an  die  Abmachungen 
der  Londoner  Botschafterkonferenz  hielt,  zumal  sich  durch  die 
Beschlüsse  dieser  Keunion  die  albanische  Frage  zu  einer  europäi- 
schen gestaltet  hatte.'    Andrerseits    richtete   sich  die    Monarchie 

'  Diplomatische  Aktenstücke  betr.  clie  Bezieliungen  Österreich- 
Ungarns  zu  Italien  vom  20.  VII.  1911  bis  23.  V.  191.5.  Wien,  1915. 
Stück  144,  S.  137. 


aucli  strikte  nach  jener  Vereinbaning,  welche  über  Albanien 
zwischen  dem  österreichisch-ungarischen  Minister  des  Äußern 
Grafen  Goluchowski  und  dem  italienischen  Minister  des  Auswär- 
tigen Visconti- Venosta  bei  der  am  G.  und  7.  November  1897  in 
Monza  stattgefimdenen  Zusammenkmift  zuerst  mündlich  getroffen 
und  dann  im  Jahre  1900/1901  in  einem  Notenwechsel  schriftlich 
niedergelegt  worden  war/  Man  trachtete,  so  oft  sich  eben  ein 
Grund  hiefür  ergab,  die  geeigneten  Mittel  und  Wege  zu  finden, 
um  die  Interessen  Österreich-Ungarns  mit  jenen  Italiens  in  Ein- 
klang  zu  biingen. 

Wu-  hielten  unsere  Publikation  von  jeder  Politik  ferne. 
Und  wenn  wnr  rezente  Themata  der  Halbvergangenheit  vom 
Standpunkte  der  Geschichtsforschung  aus  eigentlich  vor  der  Zeit 
veröffentlichten,  so  leitete  mis  die  Absicht,  ein  zur  Beurteilmig 
der  im  Fluß  befindlichen  Entwicklung  am  Balkan  dienliches, 
rein  sachliches  Material  zu  bieten. 

Wie  schwer  es  sein  wird,  die  Fäden  der  neuesten  Ent- 
wicklungen objektiv  zu  einem  genauen  Bude  zu  vei-weben,  dar- 
über sei  kein  Wort  verschwendet.  Erleichtert  aber  wird  diese 
Aufgabe  für  die  Mit-  und  Nachwelt,  wenn  zeitgenössische  Mit- 
arbeiter die  Absichten  der  einzelnen  Aktionen  erläutern. 

Dem  königlichen  ungarischen  Kultusminister  Bela  von  Jan- 
kovich  sei  gedankt,  daß  er  in  Würdigung  der  Ziele  dieses  Sam- 
melbandes dessen  Druck  veranlaßte. 

Im  Dezember  1915. 

'  Zur  Vorgeschichte  des  Krieges  mit  Italien.  Wien,  1915.  S.  19—21. 


i 


«ESCfflCHTLK'HES. 


1 


Beiträge  zur  Siedlungsgeschichte  der  Balkan- 
halbinsel. 

Von  Dr,  Tymhvifj  r.  ThaMoczj/. 

Die  Urgeschichte  des  Illyrertums  auf  dem 
Gebiete  Bosniens. 

(Die  Wanderung  und  Ansiedlniig  der  Hellenen  an  der  westlichen  Küste 
der  Adria.  —  Die  "Wanderung  und  Niederlassung  der  thrazisch-illyrischen 
Stämme.  —  Namen  und  Organisation  der  illyrischen  Stämme.  —  Die 
gesellschaftliche  Gliederung  der  nordillyrischen  Stämme.  —  Die  Einfälle 
der  Kelten,  die  Ardiäer,  die  Autariaten,  Alexander  der  Große.  —  Die 
südillyrischen  Stämme,  Agron,  Königin  Teuta,  die  ersten  Kämpfe  der 
Römer-  mit  den  Illyrern.  —  Gentius.) 

Die  Küste  des  Adriatisclien  Meeres  ist  eine  lu-alte  Stätte 
der  Kultur.'  Hier  ließen  sich  die  gräk()-italiselien  Stämme  nieder, 
welche  durch  die  vielen  bewohnbaren  Inseln  und  durch  die  guten 
Häfen  angezogen  wurden.  Die  Sagen  über  die  Argonauten  lassen 
uns  ahnen,  daß  die  tapferen  Schiffleute  Kleinasiens  auch  in  diesen 
fernen  Gegenden  erschienen  sind.  Ihre  Führer,  die  den  Stürmen 
des  Meeres    trotzbietend    sich  in  eine    unbekannte  Welt   hinaus- 

'  SuUe  origin'  del  nome  del  niare  Adriatico.  Pietro  Pervanoglu 
Archeografo  Triestino.  VII.  290—301.  Diese  Abhandlung  leitet  den  Namen 
des  Adriatischen  Meeres  von  atrium-adar,  d.  h.  Herd  ab.  Es  wurde  auch 
fonischer  Meerbusen  genannt.  Aeschylos  nennt  es  den  Meerbusen  der  Rhea. 
Vgl.  Benussi  B.,  L'Istria  sino  ad  Augusto.  Trieste,  1883.  S.  44.  H.  Nissen, 
Italienische  Landeskunde.  I.  Berlin,  1883.  S.  89—94.  —  Dr.  A.  Breusing, 
Die  Nautik  der  Alten,  Bremen,  1886.  S.  1-8.  Der  Aufsatz  Lanza's,  Le  ori- 
gini  primitive  di  Salona  Dalmatica.  Venedig,  1889  behandelt  auf  Grund 
der  Periplus  von  Scylax  den  Zusammenhang  der  Kolonisation  der  dalma- 
tinischen Küste  mit  der  Herakles-Sage.  Ich  stimme  zwar  vielen  seiner 
Behauptungen  nicht  zu,  halte  es  aber  für  interessant,  daß  er  die  Urstätte 
des    späteren    Salona    mit   Heraclea    Illinica,   der  Stadt  Herakles'  in  Zu- 

1* 


waft^Mi.  wiialt'ii  VOM  den  dankbaren  Dichtern  des  Altertums  mit 
dem  Nimbus  von  Heldeji  nmgel)en.  Odysseus.  der  den  Reizen  der 
Kvrke  widersteht,  auf  die  bezaubernde  Stimme  der  Sirenen  nicht 
hört  und  mit  den  wilden  Lestrygonen  k;imi)ft.  steht  als  ein  sagen- 
hafter ^'orgiinger  der  großen  Entdecke)-  der  Neuen  Zeit  vor  mis. 
Herakles  gründet  der  Sage  nach  Städte ;  sein  Xame  klang  im  gan- 
zen Gebiet  des  Mittelländischen  Meeres  wider.  Bau  von  Kanälen, 
Austrocknen  der  Moräste,  Bezähmung  der  Pferde  knüpfen  sich  an 
seinen  Xamen :  übermenschliche  Unternehmungen  in  jenem  Zeit- 
alter. Das  Lob  Adars,  des  kleinasiatischen  Gottes  der  Sonne  tönt 
üljerall.  Dyonisios.  der  Tyi-ann  gründet  (400  v.  Chr.)  am  Fuli 
des  Ätna  eine  Stadt  und  nannte  sie  Adranos ;  ebenso  gründet  er 
an  der  Küste  Italiens  Adria.  So  erhielt  das  Lebenselement  der 
alten  Hellenen :  das  Wasser,  den  Namen  des  Gottes  des  Feuers. 
Die  Hellenen,  wie  die  Seevölker  im  allgemeinen,  waren 
expansiv,  sie  drangen  zuerst  an  der  Küste  weiter  vor,  dann 
besiedelten  sie  eine  Insel  nach  der  anderen.  Sie  nahmen  ihre 
Götter  mit.  schlössen  sich  rasch  einander  an,  und  so  entstand 
bald  eine  ganze  Reihe  blühender,  volkreicher  Kolonien  entlan«; 
(\ev  Straße  ihrer  AVanderung.  Von  der  Mündung  des  reißenden 
'J'iniavus  bis  zu  den  Küsten  Siziliens  war  der  Hellene  überall 
zuhause.  Antenor,  der  herumirrende  Held  der  Sage,  hatte  die 
Küsten  lUyriens  kennen  gelernt,'  auf  dessen  Inseln:  Curicta 
(Veglia),  Melite    (Meleda),   Mentorides    (Pago)   bald    neues    Leben 

.^sammenhang  bringt.  S.  32.  —  Durch  eine  gründliche  Kritik  der  Quellen 
zeichnet  sich  die  Abhandlung  von  Adolf  Bauer  aus:  Griechische  Kolonien 
in  Dalmatien,  Roms  erster  illyrischer  Krieg.  A.  K.  M.  XVIII.  S.  128 — 150. 
Über  die  An.siedlung  der  Hellenen  schrieb  eingehend  Josef  Brunsmid: 
Die  Inschriften  und  Münzen  der  griechischen  Städte  Dalmatiens  mit 
7  Tafeln.  Holder.  Wien,  1898.  (Abh.  des  arch.  ep.  Semin.  XIll.)  Nach 
seiner  Meinung  beweisen  die  Sagen  nicht  ^del  nnd  die  Ansiedlung  ist 
nicht  älter,  als  aus  den  Jahren  405—367  v.  Chr.  Am  wertvollsten  ist 
bezüglich  die  Uransiedlung  die  Besprechung  der  Inschrift,  welche  auf 
der  Insel  Curzola  gefunden  wurde. 
'  Vergilius,  Aeneis.  I.  244.: 

Autenor  i)ot\iit,  medüs  elapsis  Acbivis 

Illyricos  penetrare  sinus  atque  intimn  tutus 

IJegiia  Ijliiiruornm  et  fontem  superare  Timavi. 


eniporblülite,  Corcyra '  wird  zum  Mittelpunkt  des  ijrol.ieii  Meer- 
Imsens,  weklier  nacli  allen  Richtungen  Völkerscharen  entsendet. 
Die  St'idte  Epidamnos  (Dyrrliacbion,  Diirazzo  MO  v.  <.'hr.), 
Apollonia  (Avlona),  die  Jnseln  Pharos  (Lesina)  uml  die  wein- 
tragende Issa  (Lissa)  sind  Zeugen  dieser  stillen  \"ölker\vanderung, 
welche  Leben  auf  den  Boden  verpflanzt,  wo  noch  keines  gewesen 
ist.  überall  baut  und  nii-gends  zerstört.  Später  wurde  die  Gegend 
des  Flulies  Xaron  (Xarenta)  der  neue  Mittel])unkt  der  Koloni- 
sation. Epidaurus  (Ragusa)  wird  gegründet,  im  Meerbusen  von 
Ivbizon  (Cattar(i)-  faßt  das  Volk  der  Hellenen  Wurzel,  sie  treiben 
Handel,  prägen  Münzen. 

Diese  Bahnl)recher  der  Zivilisation  des  Altertums  ]ial)en 
keine  o-erinore  Arbeit  vollbracht.  Die  Kolonisten  wurden  auf  der 
See  von  Sandbänken.  Klippen,  rauhen  ^^^inden,  auf  dem  Land 
von  wilden,  fremden  und  gehässigen  Stänmien  zurückgeschreckt. 
Die  Hellenen  drangen  trotzdem  unerschütterlich  vor.  Sie  kämpfen 
mit  dem  Meer,  besiegen  es,  aber  in  das  Innere  des  Landes  drin- 
gen sie  nicht  ein.  Sie  kamen  nämlich  überall  hin,  sie  durcli- 
streiften  aber  nur  selten  das  Innere  des  Landes,  welches  die 
felsigen  Küsten    umgibt.   Sie  gelangten    zwar    auch    dcjrthin,^  da 

'  Corcyra  war  eine  korinthische  Kolonie.  734  v.  Chr.  Siehe  über  tlie 
griechische  Ansiedlung :  E.  H.  Bunbury,  A  history  of  aiicient  geography. 
London,  1879.  S.  93.  Daß  Korinth  die  Mutterkolonie  war.  bewei.st  der 
Typus  der  Münzen.  Vgl.  Numismatische  Zeitschrift.  1.  Berlin.  E.  Curtius, 
Über  griechische  Kolonialmünzen.  S.  2. 

-  K.  Jirecek,  Die  Handelsstraßen  in  Serbien  und  Bosnien  im 
Mittelalter.  S.  1-2.  —  Archeografo  Triestino.  VII.S.  103-144;  IX.  S.  357. 
P.  Pervanoglu,  Le  colonie  grecche  sulle  coste  orientali.  und  Pappai'igo- 
])ulo,  Histoire  de  la  civilisation  hellenique.  Paris,  1878.  S.  9,  33  n.  65.  — 
Bulletino  dl  Arch.  e  Storia  Dalmata,  1875.  —  in  Starigrail,  wd  ver- 
mutlich die  Koloide  von  Pharos  .gelegen  war,  wurden  189-")  Statuen  von 
Tanagi-a  gefunden.  Die  Relation  von  F.  Bulic  in  den  Mitt.  der  k.  u.  k. 
Zentralkom.  1895.  S.  185.  Von  bibliographischem  Interesse  ist  die  Abhantl- 
lung  von  S.  Ljubic,  Farla  Cittä  vecchia  e  non  Lesina.  Agrani.  1873.  S.  08, 
und  die  Erwiderung  darauf  von  Giambattista  Novak,  Alcuni  lezioni  etc. 
Zara,  1874.    S.  40. 

•'  Es  ist  charakteristisch,  daß  auf  dem  bosidschen  flebiet  sehr 
wenig     griechische    Münzen    vorkomnifn.     Vgl.    Pat.-<ch.   Wi.-s.   Mitt.   IV. 


al»er  ihre  Kolonisation  sich  nicht  um  einen  ^littelpimkt  kon- 
vAintnerte,  konnten  sie  nirgends  Wurzel  fassen  und  im  Inneren 
Herren  werden. 

Hingre^en  wurden  die  hellenischen  Gemeinden  an  den  Küsten 
eine  Zeitlang  zu  so  gewaltigen  Zentren,  gegen  Avelche  die  Volks- 
stänmie,  die  vom  Inneren  des  Landes  an  das  Meer  vordringen 
Avollten.  lange  nicht  aufkommen  konnten.  Der  Barbar  der  Dinarer 
Aljien  konnte  zum  Hellenen  werden,  aber  der  Hellene  nie  mehr 
zum  Barbaren.  Dieser  Kampf  ist  der  Ausgangspunkt  einer 
zweitausendjährigen  Entwicklung,  die  sich  einerseits  unter  den 
Völkern  der  Kolonien  an  der  dalmatinischen  Küste,  andererseits 
jenseits  der  Dinara  auf  dem  heutigen  Gebiete  Bosniens,  Serljiens 
und  Albaniens  abspielte.  Infolgedessen  betätigen  sich  zwei  Fakto- 
ren auf  diesem  sonst  emheitlichen  Gebiete,  die  entgegengesetzter 
liichtung  sind :  der  eine  dringt  vom  Meer  gegen  das  innere  Land, 
der  andere  aus  dem  Inneren  gegen  die  Küste,  jenen  stellte  am 
Anfang  der  Geschichte  das  Hellenentum,  diesen  die  illyi'isch- 
thrazischen  Stämme  vor. 

Letztere  bewohnten  das  innere  Gebiet  der  Balkanhal))iiisel 
imd  zAvar  die  westlichen  Teile  die  Illyrer,  die  östlichen  die 
Thrazier,  im  Süden  ließen  sich  die  mit  ihnen  verwandten  mazedo- 
epirotischen  Stämme  nieder.  Zwischen  iliren  Gebieten  können 
keine  sicheren  Grenzlinien  gezogen  werden.  Man  kann  nur 
im  allgemeinen  behaupten,  daß  östlich  vom  Fluß  Morava  die 
Thrazier,  westlich  die  Illyrer  und  südlich  von  den  Keraunischen 
Bergen  die  mazedonischen  Epiroten  ihren  Wohnsitz  hatten.  Alle 
drei  Stämme  haben  ihren  Ursprung  in  der  indo-europäischen 
Yölkerfamilie :  sie  gelangten  noch  vor  den  Hellenen  auf  die 
Halbinsel.  Ihre  Wanderung  fand  von  Norden  her  statt,  zuerst 
brachen  die  Illyrer  auf,  später  dann  die  thrazischen  Stämme  aus 
der  Gegend  der  Karpathen.  Beide  drangen  in  die  Gebiete  der 
Halbinsel  ein,  welche  wahrscheinlicli  von  ihren  Verwandten  oder 

S.  119—128.  Über  Funde  griechischer  Herkunft.  Fiala,  Glasnik,  1897. 
S.  657—664.  Die  Gegenstände,  die  zerstreut  vorkommen  und  griechischer 
Herkunft  sind,  sind  teilweise  vom  Süden,  teilweise  entlang  der  Narenta 
in.s  lauere  des  Landes  gekommen. 


noch  älteren  Ansiedlern  bewohnt  waren.  Bald  beherrschten  sie 
das  Berggebiet  des  südöstlichen  Europas  und  die  Nachbarländer. ' 
Die  Ansiedlung  dieser  Stämme,  die  auch  der  Sprache  nach 
verwandt  waren,-  ging  in  größeren  und  kleineren  Intervallen, 
scharen-  und  geschlechterweise  vor  sich.  Sie  hielten  sich  an  die 
Richtungen  der  großen  natürlichen  Straßen,  der  Flüße.  Die  spä- 
teren Ankömmlinge  haben  die  früheren  Ansiedler  vertiieben, 
die  dagegen  in  der  Richtung  der  großen  Bergketten  neue 
Unterkünfte  suchten.  So  kam  es,  daß  die  Thra/ier,  da  sie  den 
Weg  der  grol'en  Wanderungen  auf  dem  Kontinent  nahmen,  nach 


'  V.  Tomaschek,  Die  alten  Thraker  (Wien,  I.,  II.)  unterscheidet  drei 
Gruppen  von  Einwanderern  -.  die  paion-dardonische  (dahin  zählt  er  auch 
die  illyrischen  Dardanen  und  die  Veneter)  die  phrygisch-mysische  und 
die  thrazischen  Gruppen.  Seine  Argumentation,  welche  sämtliche  histo- 
rische Daten  würdigt,  ist  zwar  sehr  lehrreich,  er  nimmt  aber  infolge 
seiner    Methode  keine    Rücksicht  auf  die  Ergebnisse  der  archäologischen 

Funde. 

-  Die  Sprache  der  Thrazier  und  Illyrer  entsprang  demselben  Stamme, 

und  die  einzelnen  Dialekte  standen  in  naher  Verwandtschaft  mit  einander. 
Tomaschek  hat  im  II.  Teil  a.  W.  die  spärlichen  Reste  der  thrazischen 
Sprache  zusammengestellt,  insoferne  dieselben  griechisch  schlecht  ab- 
geschrieben uns  überliefert  worden  sind.  Aus  semer  Zusammenstellung 
könnte  ich  mit  Hilfe  der  albanischen  Sprache  folgende  Übereinstimmungen 
thrazisch-illyrischer  Wörter  konstatieren : 

im  heutigen  Albanischen 


thrazisch 

illyriseh 

l)eaeutet  das  : 

aizi 

tv 

Ziege 

pathiso 

batica 

weitläufig 

pori 

buri 

Töter,  Krieger 

melg 

me  miel 

melken 

roimet 

iTue 

Wiederkäuer 

dierna 

zier 

Schlucht 

tem 

tum 

dunkel,  Rauch 

seuta 

sdjeta 

Schleuderer 

ketri 

käter 

vier 

krisio 

krüsi 

schwarz,  schwarzhaarig. 

Es  ist  zu  beachten,  daß  diese  spärlichen  ÜI:)ereinstimmungen  der 
Wörter  auf  Grund  der  heutigen,  verwandelten  albanischen  Sprache  be- 
stimmt werden  können;  die  alten  illyrischen  Dialekte  standen  ohne  Zweifel, 
einander  viel  näher. 


Hasse  und  Sprache  zerüelen.  Ihre  Reste  wurden  zu  einer  Grund- 
schiehte  des  mmänischen  Volkes. 

Die  illyrisehen  Stämme  im  Westen  der  Balkanhalljinsel 
bewahrten  viel  länger  ihre  Individualität  in  der  kahlen,  felsigen 
Gegend,  aber  sie  gingen  endhch  in  den  Römern,  später  im 
Slawentum  auf.  Nur  ein  kleiner  Bniohteil  l^estand  im  heutigen 
albanischen  Volke  weiter,  dessen  uralte  illyrische  Schichte  aber. 
durch  die  Wirkmig  der  Sprachen  jener  Völker,  die  mit  ihm 
durch  ein  Jahrtausend  im  Verkehr  standen,  verdeckt  wird. 

Durch  diese  Verändermig  der  albanischen  Sprache  wird  die 
Auflösung  der  uralten  illyrischen  Wortstämme  sehr  erschwert. 
Dazu  kommt  noch,  daß  jene  Volksstämme,  deren  Nachkommen 
die  heutigen  Albanier  sind,  nur  einen  Teil  des  alten  Illvrer- 
tim^s  bildeten.  Damals  wm*de  von  einem  jeden  Stamm,  von  den 
Bewohnei-n  eines  jeden  Tales  ein  anderer  Dialekt  gesprochen 
und  sie  standen  schon  damals'  unter  dem  EinHuß  der  semitischen 
und  hellenischen  Kultur.  Wenn  man  den  Umstand  l)edenkt.  dal'' 
die  moderne  Sprachwissenschaft  miter  5140  Wöi-tern  nur  4<><>  indo- 
europäische Urwöi^ter  gefunden  hat  '  und  Avenn  man  lierik-ksich- 
tig-t,  wie  eng  der  Horizont  der  Kultur  der  alten  Illyrer  gewesen 
ist,  so  kann  es  nur  als  ein  Versuch  bezeichnet  werden,  wenn 
wir  es  unternehmen,  den  Sinn  der  uns  überlieferten  illyrischen 
Elemente,  die  uns  von  den  alten  griechischen  und  römiselien 
Schriftstellern  nach  dem  Gehör  ülDerliefei't  woi-den  sind,  mit 
Hilfe  der  albanischen  Sprache  zu  deuten.  Man  kann  sich  auch 
irren,  w^enn  man  die  streng  etymologische  Methode  tefblgt. 
Wenn  ich  auch  jene  Ergebnisse,  die  Cyiill  Truhelka  als  erster 
erzielte,  verweiie  und  erweitere,  so  tue  ich  das  nur  um  die  Rich- 
timg zu  kennzeichnen.  Wenn  man  im  Wirrnis  der  heutigen 
albanischen  Dialekte  ward  einmal  klar  sehen  Ivönnen,  wird  man 
gCAviß  auf  verläßlichere  Ergebnisse  rechnen  können.  Hie  und  da 
schimmert  aus  der  Dunkelheit  ein  AVort  hervor,  das  sämtliche 
illyrische  Stämme  kannten ;  ob  al)er  die  Grabstätte  von  Glasinac 
in  Bosnien  uns  den   Schlüssel  zu  der  Sprache  der  dortigen    illy- 

'  Gustav  Meyer,  Etj'mologisches  AV'ürterbuch  der  albanesischeii 
Sprache,  1801.  IX.  Vgl.  noch  Zeitschrift  fiir  vgl.  Spracht'orschniig  IX.  132.,  •2uO. 


rischen  Stämme  gel>en  wird,  wie  die  im  ()bei-«i;iiilüil  in  Kärnten 
gefundenen  Sehnft/.eichen  '  die  Sprachreste  der  Veneter  ülxn- 
liefert  liiiben.  l)leibt  selir  fraglieh.  Tatsächlich  fülilt  man  aln^r 
aus  einem  oder  anderen  topographischen  Xamen  der  Ansiedlung 
von  Glasinae,  dal.)  dieser  Boden  im  Anfang  der  (beschichte  von 
Illyrern  bewohnt  gewesen  ist. 

Deutlicher  läßt  sich  die  illyrische  Uransiedlung  auf  Urund 
der  Grenzen-  und  Wäldernamen  erkennen,  die  nns  iilx'rliet'ert 
worden  sind.  Aus  25-i  Anflösungen  to{)Ographischer  Wöi^ter.  die 
zweifelsohne  illvrisch-all)anisch  sind.  i>;eht  hervor,  dal.)  ohne  die 
Benennungen  der  heutigen  nordalbanischen  Stämme  7a\  Ixnichten, 
die  alten  illyrischen  Stänmie  den  Hügeln.  <len  Bergen  Namen 
galten,  dann  auch  den  Flüssen  und  Süm})fen ;  am  lehrreichsten 
sind  die  zahlieichen  Bezeichnungen  dei'  Tier-  und  l'ilanzen- 
welt.  Unter  deii  illyrischen  Benennungen  der  einzelnen  Bezirke 
Bosniens  ist  das  Verhältnis  ziemlich  gleich,  es  ist  alier  auffal- 
lend, dal.)  die  meisten  Sprachreste  in  Sarajevo,  im  mittleren  Teil 
des  Landes,  vorhanden  sind.  Es  ist  eine  Analysierung  der  Xamen 
nicht  notwendig,  denn  schon  die  Gruppierung  der  Namen  macht 
ottenknndig.  daß  der  illyrische  Hiii.  der  vom  Gipfel  der  Berge 
und  aus  dem  Dickicht  der  Waldungen  auf  die  Welt  blickte,  den 
kreisenden  Adler,  den  Maulwurf,  den  treuen  Hund,  die  Ameise, 
die  Biene  und  die  in  den  Urwäldern  lebenden  W'ildschweine  in 
ei'ster  Reihe  seiner  Aufmerksamket  würdigte,  er  sah  a))er  auch  die 
Wiese,  auf  der  seine  Herde  lebte,  die  Eiche,  den  Haselnußstraiich 
den  Birken-  und  den  Lindenbaum,  und  gal)  diesen  Gegenständen 
zuerst  Namen.-  Da  die  sprachlichen  Belege  eine  sichere  Beweis- 
kraft hal)en.  ist  es  gewiß,  daß  wir  im  Illyrertum  die  erste  An- 
siedlungsschichte  des  lx)snischen  Gebietes  finden.  Avelches  uns  von 
der  Geschichte  als  ein  zähes  Hii-tenvolk  beschrielien  wird. 

Aber  nicht  nur  die  Flurnamen  deuten  auf  altillyrisciie 
Herkunft,  sondern  wir  finden  die  letztere  auch  in  einigen   Xamen 

'  Dr.  A.  B.  Meyer,  Gnriiiii  im  Obeigailtal.  Dresden,  188."),  Dr.  »'. 
l'iuili.   Altitalische  Forschungen.  Leipzig,   1891.  412-110. 

-  Wir  benutzten  zu  diesen  Folgerungen  die  Katastral-  und  Detaii- 
waldkarte  Bosniens  luid  der  Herzegowina. 


10 

der  Flüsse,'  Berge'  und  Ortschaften  ]>estätigt.  von  denen  um 
meisten  cliarakteristiscli  jene  sind,  die  mit  Ruiste,  Rniska.  Rinske 
yyiisammengeset/.t  sind,  welclie  alle  AN'aelie,  d.  h.  die  Grenze  der 
ein /-einen  Ansiedlungen  bedeuten. 

Das  Land  erhielt  den  Namen  vom  Fluß  Bosna ;  unter 
diesem  Namen  wurde  es  sich  von  den  lienachljarten  Gebieten  im 
nordwestlichen  Teile  der  Balkanhalbinsel  unterschieden.' 

'  Drhm,  alb. :  Drün,  Schloß,  Sulilüssel,  Brinjum,  slawisches  Dimi- 
nutiv;  Una,  alb.:  iij,  Wasser,  Mehrzahl  vjna;  Lim,  alb.:  lom-'i,  him-i, 
der  Fluß  vüfl.  za/o/nska  (Bezirk  Gtacko) ;  liama,  alb. :  merd,  der  Regen, 
reißender  Bach  ;  Usnm,  Vrhas,  die  Wurzel  beider  ist  nr,  um,  die  Brücke, 
eventuell  durch  die  lotation  des  r,  uj,  uji  Wasser.  Vlka,  im  Mittelalter 
Pleba,  Pleva,  lat. :  Pelva  (Inschrift  bei  Sarici)  alb.  :  plehe,  bedeutet  An- 
häufung-, aber  auch  Stalaktit.  Die  Tliva  bildet  nämlich  in  der  Gegend 
von  Jajce  zahlreiche  Tuff-Formationen.  Lasva,  alb.  :  Isxe,  der  frei  Fließende  ; 
SavH,  alb. :  zan,  der  Ton,  der  Lärm.  Das  mittelalterliche  zupa  Glas,  im 
nordwestlichen  Teile  Bosniens  bedeutet  slawisch  gleichfalls  Ton. 

2  Botin,  bei  Nevesinje,  alb. :  bot,  Erdhügel.  Der  Name  der  Hügel 
Kam,  bedeutet  Stamm.  Berg  Mcdjevica.  Dieses  Wort  enthält  malj,  maj, 
was  Berg  bedeutet.  Mai-a  ist  der  Gipfel.  (Jelic  bringt  die  Mäzeer  mit 
diesem  Wort  in  Zusammenhang.)  Die  Verzweigung  dieses  Berges  nach 
Gracanica  spricht  das  "Volk  heute  noch  als  molj,  monj  ans.  (Andrian 
Werburg,  Der  Höhenkultus.  Wien,  1891.  S.  345).  Analogon :  Hoto-mal 
(bei  Jezero)  Mal-pktket  in  Istrien,  alter  Berg.  Mal-honjet  (ebendort)  Schnee- 
berg. Flosa,  in  der  Herzegowina  aus  dem  Zeitwort  v)ep1as,  Schlucht, 
Felsenschlucht.  Mffiit,  bei  Stolac  (aus  dem  Zeitwort  arg't,  loben)  hervor- 
ragend. Prenj,  Preh'n-i,  Gijofel. 

•■»  Diesen  Umstand  hat  Karl  Sax  mit  eingehender  Benützuug  der 
Quellen  überzeugend  bewiesen :  Über  die  Entstehung  des  Namens  von 
Bosnien.  Mitt.  der  k.  k.  geogr.  Gesellschaft  1882. 

Auch  Cyrill  Truhelka  hat  die  Lösung  des  Namens  Bosna  zu  finden 
gesucht.  Der  Name  Bosna  war  im  Altertum  Basante.  Basante  und  Narentxa 
enden  (mit  Metathesis)  gleich.  Enda,  enta  bedeutet  die  Hechel,  Berg- 
zacken. Bas,  alb. :  vihas  ist  soviel,  wie  jenseits,  also  mhasenia  =  das  Land 
jenseits  der  Bergzacken. 

Narenta  =  ndcr.  ner,  nar  =  inter,  enda,  d.  h.  der  zwischen  den 
Bergzacken  Fließende.  Wir  teilen  diesen  Versuch  mit,  gegen  welchen 
die  Bemerkungen  von  Sax  a.  W.  S.  8  und  Tomaschek  a.  W.  S.  499 
und  die  Meinung  Sciantojas  anzuführen  sind,  nach  welchem  Bosna  =  das 
Unsere  etc.  —  Nur  so  viel  ist  bestimmt,  da'.i  die  Illyrer  dem  Fluß  einen 
Namen  miben. 


11 


Zu  der  Zeit,  als  die  illyrisclien  Stäninie  eine  einheitliche 
Geschichte  hatten,  biklete  der  Fhil.»  Bosna  und  seine  Umfelnnif 
nur  einen  kleinen  Teil  des  grol.len  Ansiedln no-so-el)ietes,  das  unter 
dem  Sammelnamen  ^'IXKvQig  lUyria  l^ekannt  ist.  und  untei-  wel- 
chem das  Gebiet  /.wischen  der  Donau  und  dem  heutiu"en  Gebirfi^e 
»Sar-Dagh  zu  verstehen  ist.  Eine  Gruppe  iüyi'ischer  V'ölker  wohntt; 
hier,  von  denen  ))ehauptet  wird,  dal.»  ihr  Name  in  iln-er  Sprache 
die  Nation  der  Freien  bedeutete.' 

Wir  dürfen  aber  nicht  außer  acht  lassen,  dal.»  nicht  nur 
Illyrer  dieses  umtangreiche  Gebiet  besetzten,  mit  ihnen  tauchen 
auch  thrazische,  keltische  Stämme,  ja  sogar  solche  semitischer 
Herkunft  auf  diesem  illyrischen  Gebiet  auf;  -  in  'J'hrazien  wohn- 
ten dagegen  solche  illyrische  Stämme,  die  später  auf  mazedoni- 
schem Gebiet  vorkommen.  Dazu  kommt  noch  der  Umstand,  daß 
uns  im  Norden  und  Süden  Stämme  mit  bleichem  Namen  beseg- 
neu.  Das  kann  derart  erklärt  werden,  wenn  wir  annehmen.  dal.> 
die  Stämme  längs  der  Bergketten,  die  mit  der  Adria  parallel 
laufen,    von    Norden    nach    Süden    wanderten    und    der  eine  Teil 

'  I-lirr,  lirnie  befreien,  nach  Triihelka.  Diese  Versuche  verdienen 
nur  der  Vollständigkeit  wegen  eine  Erwähnung,  so  wie  auch  die  grie- 
chische Sage  erwähnt  werden  soll,  nach  welcher  der  Stammvater  der 
Illyrer  llyrios,  der  Sohn  von  Kndmos  und  Harmonia  war,  seine  Brüder 
Keltos  und  Gallos  waren  die  Stammväter  der  Kelten  und  Gallier,  llyrios 
hatte  sechs  Söhne  und  drei  Töchter,  von  diesen  stammen  die  Eucheleer, 
Antariaten,  Dardanen  etc.  ab. 

-  Die  ältesten  Völkerwanderungen  auf  diesem  Gebiet  weisen  uns 
zweifelsohne  auf  jene  kleinasiatischen  Völker,  die  ungefähr  um  löOO  v. 
Chr.  in  die  Gegend  der  Adria  kamen,  und  den  Kultus  von  Pan,  Priapus 
und  Silvanus  mitbrachten.  Die  verschiedenen  Stämme  mischten  sich 
derart,  daß  die  Forscher  da  vor  einem  Labj'rinth  stehen.  Ich  will  imr 
auf  die  Forschungen  über  die  Pelasger  hinweisen.  (Die  Literatur  bis 
1885  hat  Busolt  am  besten  bearbeitet :  Griech.  Gesch.  I.  S.  27.  Gotha. 
Von  Interesse,  aber  kritiklos  ist  das  Werk  von  L.  Benloew,  La  Grece 
avant  les  Grecs.  Paris,  1877. 

.Die  Ergebnisse  linguistischer  Forschungen  werden  meistens  ange- 
wendet von  H.  D'Arbois  .Tubainville,  Les  premiers  habitiints  de  TEuropf. 
S.  205 — 307.  Über  die  semitischen  Einflüsse  hat  Emil  Freund  zahlreiche 
vStuclien  geschrieben.  (■Archeografo  Triestino  Vi.  250.  :  Vif.  lOi.;  VIII.  öö.: 
X.  329.;  XIIL  351.;  XIV.  3.51.;  XV.  239.) 


1-2 


tler  Stänini«'  in   ihivni  alten  Mebiet  Ijliel).   wiilirend  der  andere  in 
seiner  neuen  Heimat  den  alten  Namen  )x?ilMdiielt. ' 

Ein  J^eweis  für  diese  Wanderung  von  Oii  zu  Ort  ist.  dal'i 
die  illyrisc'lien  Völker  auch  nach  Italien  übersiedelten.  Die  Veneter 
«••elano'ten  wahrseheinlicli  auf  dem  Landwege,  und  /.war  ülx')*  dif 
nordwestliche  Ecke  der  BalkanliaUjinsel  an  das  heutige  vene- 
/-ianische  Gehiet  und  von  dort  auf  die  Eigene  des  Po-Flusses.  Zur 
See  kamen  die  Japygen  nach  Süditcdien.  Einzelne  illyrische 
Stämme,  die  von  den  italischen  Stännnen  zersprengt  wurden,  über- 
setzten mit  Schiffen  die  Adria  und  siedelten  sich  in  Picenum. 
Umbrien   und  Latium  an." 

Diese  VcUkerbewegungen,  von  denen  Avir  fast  nur  die  Namen 
kennen,  stellen  den  westlichen  \\  ellenschlag  des  Illyrentums  dai\ 
dessen  Heimat,  der  Sitz  seiner  Haii})tmasse,  der  Avestliche  Teil  der 
Halkanhal))insel  war. 

Es  stelle  sich  jemand  einen  riesigen  Teppich  vor.  Avelcher 
aus  dem  (.lebiete  Ungarns  diesseits  der  Donau  und  den  kroati- 
schen, slawonischen,  serbischen.  ])osnisch-herzegowinischen,  dalma- 
tinischen. al])anischen,  monteneginisehen  Gebieten  besteht,  von  den 
buntesten  Farben,  am  Rand  nicht  eingefaßt  ist  und  bald  größer,  bald 
kleiner  wird,  so  wird  er  das  Bild  des  alten  Illyriens  vor  sich  haben.  Im 
Norden  bildete  die  Save  keine  Landesgrenze,  diesseits  und  jenseits 
des  Flusses  \Aohnten  Kelten  mit  Illyr-Pannoniern  gemischt,  (he  sich 
im  Westen  des  heutigen  Bosniens  und  der  Herzegowina  bis  zum 
östlichen  Ful.»  der  Dinarischen  Alpen  ausdehnten.  "  Die  westliche 
Grenze  gegen  Istrien  ist  der  Fluß  Arsia  (Arsa)  ]>zw.  der  Beig 
Caldiera.  da  kommen  die  Veneter  mit  den  Istrianern  und  diese 
mit  den  illyrischen  Stämmen  in  Berührung.  An  der  östlichen 
Grenze  finden  Avir  diesseits  und  jenseits  der  Drina  die  Stämme  der 

'  Ct.  Zippel,  Die  Römische  Herrschaft  in  Ulyrien  liis  auf  Auunstn.-;. 
Leipzig,  1877.  S.  H. 

-  Sehr  wichtig  sind  eliesbezügiich  die  Arbeiten  von  Gherardo 
Cihirardini,  der  die  Funde  des  estei.schen  nnd  venetischeii  Gebietes  ans 
die.^er  Zeit  untersuchte.  La  eollezione  Baratela  di  Este.  Rom,  1888  nn<l 
NecropoH  primitive  e  romane  del  Veneto.  Rom,  1888. 

•■'  Robert  Fröhlich,  Das  Land  und  das  Volk  der  Pannonen.  Butla- 
pest,  1881.  S.  :'.:!  Dr.  K.   Patsch.  .Tapodi,  Glasnik.  18!»<.  >S.  8:}.-)— 304. 


13 


'Jlii'rty.ier.  Kelten.  Pannonier.  wilhreiid  im  Süden  die  (TP««;end  dei- 
Di'ina  ihre  Herren  fortwilhrend  wechselt.  Innerhall)  dieser  Grenzen 
wohnen  die  eigentliclien  illyrisehen  Stämme,  die  nach  dem  Ort 
ihrer  Niederlassnng  zwei  besonderen  (Truj)])en  angehören.  Dir 
nördliche  Grnppe  wohnte  anf  dem  Gebiet,  welches  Dalniatien 
genannt  wird,  von  Istrien  bis  zur  Drina.  '  im  Süden  organisierte 
sieh  die  illyrische  Völkergrii])})e.  welche  mit  den  Hellenen  aiicli 
zu  Lande  verkehrte.  Eine  ältere  Geschichte  haben  eigentlich  nur 
die  südlichen  Völker,  da  jene  der  nördlichen,  nur  dem  Leben 
eines  Bienenschwarms  vero-lichen  werden  kann,  solange  sie  in 
den  Kreis  der  römischen  Eroberung  nicht  gekonmien  sind. 

Im  bezeichneten  vagen  geographischen  Rahmen  k()unen 
Avir  das  Gel)iet  drei  verschiedener  Gruppen  l)estimmen,  die  sich 
aus  mehreren  Völkern  gebildet  haben.  Aon  der  nördhchen  Grenze 
der  Adria.  von  Istrien  bis  zum  Fluß  Kerka  scharen  sich  um 
die  Lilinrner  die  mit  Kelten  gemischten  Japuden.  die  Volker- 
schaften der  Mentores.  HvUi  mid  ISulini."  Das  Gebiet  zwi- 
schen den  Flüssen  Kerka  und  Narenta  bildet  mit  seinen 
unbequemen  Häfen,  die  schwer  angelaufen  werden  können,  die 
eigentliche  Illyris,  wo  der  Stamm  der  Xester  und  der  Manier 
wohnt.  Südlich  von  der  Narenta  ist  das  zahlreiche  und  starke 
Volk,  der  Ardiäer  der  Herr;  wo  ilir  Gebiet  endet,  beginnt  jenes 
der  südillyrischen  Dassareten  und  anderer  Slämme. 

Es  mußte  ein  längerer  Zeitraum  ablaufen,  bis  die  ver- 
schiedenen illyrischen  Stämme  unter  ihrem  eigenen  Namen  sich 
organisiei-ten.  Die  Stämme  benannten  sich,  wie  das  bei  primi- 
tiven Völkern    übhch   ist,  teils  nach  körperhchen    Eigenschaften. 

'  Sti-abo,  Vil.  r...  10. 

-  Was  die  Niederlass^ung  der  einzelnen  Stämme  betritft,  .sind  die 
ersten  Quellen  die  Fra;4-mente  des  Hecataeus  Milesius.  Herausgegeben 
von  Müller,  Fragmenta  hist.  Graecorum.  Paris,  1841.  Zippel  a.  W.  S. 
6—12.  Beuus.si  a.  W.  S.  43. 

Nach  der  Periplus  von  Scylax  (19—26)  wolmeu  neben  den  Veue- 
tern  die  Istrianer,  in  deren  Naclibarscliaft  die  liburnischen  Stämme. 
Xeben  den  Libnrnen  haben  sich  die  illyrisdien  Stämme  niedergelassen, 
deren  Mittelpunkt  Heraclea  ist,  dann  kommen  die  Nester  und  Manier, 
jene  nördlich,  diese  südlicli  vom  Narou  (der  Fluß  Narenta). 


11 


teils  nach  einem  ihrer  Ahnen  uder  nach  einem  aus  der  Natur- 
weit  genommenen  Xamen. 

Jhdimdten,  das  illvrische  Küstenland  bedeutet  soviel,  Avie 
Hügelland  oder  wenn  wir  die  semitische  Etymologie  annehmen, 
wie:  an  der  Küste  liegendes,'  der  Xame  der  Ddnlaneii  bedeutet 
Birnenzüchter  oder  Ackerbauer,  jener  der  thraz-ischen  Trihalka 
drei  Gipfel  oder  aus  drei  Familien  Stammendes,  die  um  den 
Skutari-8ee  wohnende  L<il)eut('S.  ist  soviel  wie  Arme,  die  nord- 
illvrischen  'Mentores  (mentaar  vernünftig)  soviel  wie  Amme  (y). 
die  Gnihär.r  wie  Rechen,  die  Lopsier  wie  Kulihirten,  der  Name 
der  Feiiäsfer  im  Süden  l)edeutet  Arbeiter,'  der  der  AntdridUm 
an  der  Tara  Wohnende,  der  der  Melcoiaonen  ist  soviel,  wie 
breit,"  jener  der  Lotophaijon  Lotosessende.  der  der  TunUudeii 
Schwalbe,   der  der  Uurheleer  bedeutet  auch  griechisch  Aal. 

Solch  ein,  mit  eigenem  Namen  bezeichneter  Stamm  wurde 
durch  selbständige  Geschlechter  gebildet,  deren  einzelne  IVIitgHeder 
zuemander  im  selben  Verhältnis  stehen,  wie  die  einzelnen  Körper- 
teile zum  ganzen  Körper.^  Das  Bewußtsein  des  Stanmies  oÖ'en- 
bart  sich  dann  erst,  als  die  einzelnen  Familien  einen  Beweis 
ihrer  Zusammengehörigkeit  geben  und  die  Verpflichtmig  der 
gegenseitigen  Verteidigung  und  des  Angriffes  anerkennen."  Daraus 

'  Tomaschek,  Die  vorslawische  Topographie  Bosniens  u.  d.  Herze- 
gowina etc.  Mitt.  der  k.  u.  k.  geogr.  Gesellschaft  in  Wien.  1880.  S.  497. 
W.  Tomaschek,  Miszellen  aus  der  alten  Geographie.  Zeitschrift  für 
östeiT.  Gymnasien.  1874.  S.  651.  Stefano  Novakovic,  Derivazione  etimo- 
logica  dei  nomi  Dalmazia  et  Delmininm.  Bulletino  IL  S.  568.  Duvno  = 
Dl'mino  =  Dumno  =  delme  coUis.  Djal  deal  bedeutet  auch  in  der 
heutigen  rumänischen  Sprache  Hügel'.  Mit  del  und  djal  wird  in  der 
Gegend  von  Sofia  die  Wasserscheide  bezeichnet,  m  Ortsnamen  kommt  es 
in    Bulgarien    auch    häufig    vor,    Jirecek,    Bulgarien.  S.  2. 

-  Hahn  a.  a.  0.  S.  230.  Dardhan  =  Birne,  dordhan  bedeutet  übrigens 
auch  freie  Menschen.  Tomaschek  charakterisiert  in  seiner  Studie  über  die 
Thraker  die  Dardanen  S.  23—27,  und  sclüldert  sie  als  tapferes  Gebii'gsvolk. 

■>  Tomaschek  a.  a.  0. 

■*  Müller ;  Dicaearchi  Messenii.  Fr.  9.  II.  238.  Vgl.  Abhandlungen 
der  Berliner  Akademie  1818  19.  S.  12,  außerdem  Hahn  a.  W.  S.  205. 

^  Eine  analoge  Entwicklung  zeigt  die  Organisation  der  berg- 
bewohnenden Kabylen.  Korsikaner  und  Schotten.  Das  ist  eine  allgemeine 


15 


folgt  von  selbst  die  Erweiterung  der  Miiclit  des  Oberliau^ites 
des  Famiüengeschleclites,  bald  des  Stammes,  welche  l)ei  den 
Illyren  sicli  in  verschiedenen  Formen  äuUert.  Es  gibt  Stämme, 
die  sich  selbst  regieren,  andere  leben  unter  absoluter  Hen-schaft. 
bei  vielen  schränkt  die  Versammlung  der  Häupter  der  Geschlech- 
ter die  Macht  des  Stammes(^l)erhauptes  ein.' 

Die  älteste  Organisation  haben  die  Stämme,  welche  von 
der  Küste  entfernt,  auf  den  Abhängen  des  Gel)irges  Dinara,  im 
Westen  Bosniens  lebten.  Sie  sind  Barbaren,  „deren  erstes  Gesetz, 
die  Rache,  zweites  der  Raub,  drittes  die  Lüge,  viertes  die  Ver- 
leugnung der  Götter  war",  d.  h.  Stämme,  die  sich  mit  Jagd  und 
Rauben  beschäftigten,  nahe  dem  Xiveau  des  tierisclien  Leidens. 
Die  Schriftsteller  des  Altertums  charakterisieren  sie  natürlich 
so,  vrie  dies  die  Chronisten,  Schriftsteller  und  Missionäre  zivili- 
sierter Völker  immer  tun  und  getan  haben,  wenn  sie  über  ein 
von  ihnen  abstechendes,  fremdes  Volk  geschrieben  haben,'-  Die 
Stämme  an  der  Küste,  besonders  al^er  an  der  Xai-enta  und  im 
heutigen  Albanien  haben  eine  htihere  Stufe  der  Entwicklung 
erreicht. 

Wir  kennen  die  Namen  von  Königen.  Dynasten :  wir 
sehen  eine  Organisation  der  Stämme,  che  den  Befehlen  der  Könige 
von  absoluter  Macht  unbedingt  gehorchen.  Trotzdem  ist  die 
Verbindung  zwischen  der  Macht  des  Königs  und  den  Stammes- 
häuptern  noch  locker.  „Die  Dynasten",  wie  die  griechischen 
Schriftsteller  die  Stammeshäupter  nannten,  sind  mehr  oder 
weniger  unabhängige  Vasallen,  die  der  König  gelegentlich  um 
ihre  Ratschläge  ersucht.  Dieses  Königtum  war  also  nm-  eine 
Anhäufung  von  Stämmen,  das  von  Grund  aus  erschüttert  wurde, 
wenn  die  Häuptlinge    abti-ünnig   wurden  und  sich  an  den  Feind 

Erscheinung-,  die  .sich  nach  den  lokalen  Vevhilltiiis.sen  ändert.  Dr.  A. 
Post  (Die  Geschlecht.sgenossenschaft  der  Urzeit,  Oldenburg)  stellte  mög- 
lichst eingehend  die  diesbezügliche  reiche  Literatur  zusammen. 

]  Scymnos,  Müller  V.  419—421. 

-  So  charakterisiert  Herodotos  auch  die  Thrazier.  V.  6.  Mit  ihm 
stimmt  die  spätere  römische  Geschichtsschreibung  überein.  Livius  X., 
cap.  2.  „ülyrii,  Liburnique  et  Istri  gentes  ferae  et  magna  ex  parte 
latrociniis  maritimis  infames." 


!•; 


schlössen.'  Die  Stämme  standen  alsn  unter  einer  DoppelhoiT- 
schaft.  Unnn'ttelbar  verfiijj^te  ihi-  Verwandter,  der  Häuptling 
über  sie.  während  der  König  nur  über  den  Häuptlingen  stand, 
woraus  folgte.  did>  die  kr)nigliche  Macht  sie  nicht  zusammen- 
lassen konnte.-  Ein  gemeinsamer,  charakteristischer  Zug  aller 
Stännne  ist  noch  strenges  Festhalten  an  ihren  alten  Institutionen. 
L)ie  albanischen  Stämme  Ijetrachten  heute  noch  jede  Neuerung 
und  Vernachlässigung  der  uralten  Sitten  als  Sünde  und  Übel. 
Das  Gesetz,  nach  dem  Begritt'  der  Illyrer,  die  Überlieferung  ver- 
ui-teilt  alles  Streben.  Avelches  erst  in  der  Zukunft  seine  Lebens- 
ildiigkeit  beweisen  soll  und  versteht  nm-  das.  begeistert  sich  nur 
dafür,  was  schon  yorhanden  und  l^ekannt  ist :  daher  ist  für  den 
Illyrer  alles  lieiHg.  was  von  seineu  Vätern  überliefert  worden 
ist.  Diese  Hartnäckigkeit  ist  am  meisten  an  der  Entwicklung 
der  nördlichen  Stämme  zu  beobachten.  In  Albanien  wohnen  noch 
heutzutage  die  einzelnen  Familien  oft  in  großer  Entfernmig  von 
einander.  An  ihren  Ansiedlungen  ist  ein  gewisser  Trieb  des 
Auseinanderziehens  zu  l^emerken.  Jedermann  will  auf  seinem 
(Tel)iet  Herr  sein,  die  Grenzen  werden  sti-eug  bewacht  und  eine 
blutige  Hache  harrt  desjenigen,  der  sie  verletzen  wollte.  Da 
die  südillyrischen  Stämme  auch  mit  den  Hellenen  in  Verlnndung 
standen,  ließen  sie  sich  auch  in  Städten  nieder  und  während 
ihi"e  thi-a zischen  Xachliarn  und  ihre  nördlichen  Verwandten  die 
Kunst  des  Lesens  luid  Schreibens  für  eine  Schande  hielten, 
legten  sie  einigermaßen  die  Bar))arei  al>.  In  der  Xachbarschaft 
ziehen  volkreiche  und  lilühende  hellenische  Kolonien :  Dyrrha- 
chion  (Durazzo)  und  Apollonia.'  die  den  alten  hellenischen 
Schriftstellern  schon  lange  bekannt  sind,  die  Stämme  des  Binnen- 
landes  an  sich,  während  die  Illyrer  im  Xorden  ungestört  leben. 

'  Liviiis   tö.  26.  1.  Vgl.  Zippel  a.  W.  S.  84  u.  tf. 

-  Voll:«täudig  übereiiistimmeutl  ist  diese  Charakterisierung  mit 
jener,  welche  Herodotos  über  die  Thrazier  gibt :  sie  könnten  das 
mächtigste  Volk  >eiii.  wenn  die  Stämme  einem  HeiTn  unterworfen 
wären.  V.  3. 

■'■  Über  ihre  Organisatiun  sclu-eibt  auch  Aristoteles :  Politika  II. 
47.  V.  1.,  4.  Über  den  Ursprung  des  Xamens  von  Dyrrhachion  s.  Keller: 
Lateinische  Volksetymologie.  Leiijzig,  1891.  S.  235. 


l)is  sie  mit  den  rtiniischen  I^gionen  zusammenstossen.  Unter  diesen 
zwei  Grui^pen  AA.ir  der  Unterschied  so  <irol.»,  wie  der  zwischen 
den  wilden,  al^er  christlichen  .Stlhnnien.  die  mit  den  em-opäischen 
Völkern  verkehren  und  den  Heiden,  die  an  ihrem  alten  Glauhen 
und  der  alten  Organisation  festhalten.  So  entnehmen  wir  das 
dem  Bilde  ihrer  Gesellschaft,  welches  sich  wenn  auch  nur  in 
crroßen    Zügen,  aus  den  einzelnen  Bele^jen  erteilet. 

Ton  den  nördlichen  Stämmen  sind  die  Liliurner  am  an- 
sehnlichsten, deren  Gehiet  weit  von  den  Küsten  liis  zu  den 
Bergen  hinaufreichte.  Die  Küstenhe  wohner  sind  geschickte  See- 
fahrer und  Fischer,  welche  von  ihren  schnellen  Ruderbooten  her 
]»erühmt  sind,'  während  im  Gebirge  tapfere,  starke  und  aus- 
dauernde Hirten  wohnen.-  Diese  wohnten  in  Höhlen^  und  elen- 
den Hütten,  ihre  Herden  —  aus  denen  ihr  ganzes  h'eichtum 
bestand  und  die  ihre  Nahrung  l)ildeten'  —  hielten  sie  in  Pferchen. 
Gegen  die  Kälte  schützten  sie  sich  mit  tierischen  Häuten,  tragen 
Hosen.  Riemenschuhe  und  eine  Mütze  von  phrvgischer  Form.^ 
An  langen  Winteraljenden  machten  sie  Feuer  und  veiirieben  .sich 
am  Herd  die  Langeweile  mit  Spielen.  Märchen  und  Trinken;" 
sie  achteten  auf  die  Wölfe,  die  auf  ihr  Vieh  lauerten. 

Ihre  Frauen  sind  nicht  häßlich,  arbeitsam,  sie  tragen  Holz 

'  Appiaims  :  De  rebus  Illyricis  cap.  TH.  Über  die  lilturnisclien  Boote 
siehe  eine  Handsclirift  von  Panlini  Antonio  (La  invenzione  delle  navi  libur- 
nale)  in  der  Stadt l.ibliothek  von  Verona  1332  (628).  Florus  III.  IX.  ö. 

-  Die  Römer  schätzten  die  Libiu-ner  sehr  hoch.  Libarner  waren 
auch  die  Senftenträger. 

■■'  Florus  II.  23. 

*  Tomaschek,    Die  alten  Tln-aker.  I.  122. 

3  Die  montenegrinische  Struka.  ein  plaidartiges  Tuch  ist  ein  Ab- 
kömmling der  libm-nisehen  Lacerna.  Martialis  erwähnt  öfter  dieses  Klei- 
dun<'sstück.  1.  49.  XIV.  137.  139.  Es  wkd  auch  an  den  Mantel  der 
Illyrer  (penula)  erinnert.  Treb.  Poll.  Dio.  Cland,  c.  17.  Möglicherweise 
ist,  der  albanische  Mantel  mit  der  roten  Kutte,  welche  später  auch 
von  den  venezianischen  Stradioten  und  von  den  Grenzlern  getragen  wor- 
den ist,  ein  liburnischer  Überrest.  Es  "wird  behauptet,  daß  die  Lacerna 
nichts  anderes  sei,  als  die  griecliische  xXafivq. 

«  Vergilius  Buc.  III.  Cons.  La  Dalmatie.  S.  45.  Atarchides,  De  mari 
Erythraeo  S.  61,62,  charakterisiert  fast  ebenso  ein  südliches  Hirtenvolk. 

2 

/ 


18 


fürs  Feuer  und  liulten  ihre  Hütte  in  Ordnung.  Sie  säugen  ihre 
Kinder  selbst.  Sie  waren  so  ausdauernd,  dal.)  sie  mitten  in  der 
Arbeit  von  den  Geburtswehen  überrascht  sich  i-iihig  entf'ernt^en 
und  gleich  nach  der  Crebui-t  zur  Arbeit  zurückkehrten.'  Trotz- 
dem wurden  die  Frauen  nicht  in  Ehi*e  gehalten,  da  sie  frei  mit 
allen  Männern  und  selbst  mit  ihren  Dienern  verkehi-ten;  und 
da  sie  in  dieser  Hinsicht  nicht  einmal  unter  den  einzelnen  Stämmen 
einen  Unterschied  machten,  huldigten  sie  der  unbeschränkten 
Promiscuität.-'  Aber  das  Rechtsgefühl  der  väterlichen  Macht 
äußerte  sieh  auch  bei  ihnen  in  gewisser  Form.  Die  Kinder  wur- 
den nämlich  bis  zu  ihrem  fünften  Lel^ensjahr  gemeinsam  erzogen. 
Dann  wurden  die  Knaben  versammelt  und  derjenige,  welcher 
einem  bestimmten  Mann  ähnlich  sah.  für  dessen  Sohn  erklärt. 
Der  Mann,  der  dm-ch  eine  solche  Wahl  zum  Vater  erklärt 
worden  war,  mußte  den  Knaben  als  seinen  Sohn  und  seine 
Mutter  als  seine  Gemahlin  anerkennen.  Die  Mädchen  konnten, 
solange  sie  keinen  Knaben  gebaren,  der  seinen  Vater  fand,  frei 
nach  ihrem  Belieben  mit  wem  immer  leben.  Solche  Frauen- 
und  Männergemeinschaft  war  bei  den  alten  arabischen  Stämmen^ 
und  auch  bei  den  Agathyrsen  üblich.*  Die  Thrazier  achteten 
zwar  auf  die  Junglräulichkeit,  da  sie  aber  in  Vielweiberei  leis- 
ten, gaben  sie  auf  ihre  Gattinnen,  die  sie  um  Geld  erworben 
hatten,  sehr  acht.  Nach  dem  Tode  des  Gemahls  Avetteifei-ten  die 
Frauen  untereinander,  welche  ihrem  Mann  ins  Grab  folgen  soll. ' 

'  M.  T.  Varro,    De  re  rustica  lib.  II.  cap.  X.  Utrecht,  1619. 

-  Herodotos.  IV.  104.  Scylax  iDeripliis.  21. 

^  Diodorus  Siculus.  IL  57.  58.  Heute  ist  diese  unbeschränkte  Frei- 
heit bei  den  Nairen  an  der  malabarischen  Küste  üblich.  Post,  Studien 
zur  Entwicklungsgeschichte  des  Familienrechtes.  1890.  S.  52.  Dasselbe 
war  bei  den  Lybiern  der  Fall.  (Arist.  Pol.  2.  I.  13.)  Bachofen,  Mutter- 
recht. S.  17. 

*  Herodotos.  IV.  104.  Heute  so  in  Patagouien  und  in  Afrika  in 
Darfur.  A.  Post,    Die  Geschlechtsgen.  der  Urzeit.  S.  31. 

6  Herodotos.  V.  5.  6.  Nicolai  Damasceni  fragmeuta  III.  Müller  Fr. 
Einige,  natürlich  nur  Vermögende,  hatten  dreißig  Fi-auen.  Die  Frauen 
wurden  als  Eigentum  betrachtet  und  bildeten  eine  Erbschaft.  Vgl. 
Hei-aclides  de  rebus  publicis.  Müller  Fr.  II.  220. 


19 


.  Die  Thrazier  und  die  den  Liburnera  benachbarten  Veneter 
hatten  die  gleiche  Gewohnheit,  die  schönsten  Mädchen  zu  ver- 
kaufen und  vom  erhaltenen  Geld  die  hiil.Uichen  zu  verheiraten: 
wer  sich  von  seiner  Frau  trennte,  war  verpflichtet  die  Mitgift 
zurückzugeben. ' 

Die  Verhältnisse  der  Liburner  der  Urzeit  sind  voUständiir  zu 
verstehen,  wenn  wir  ihrer  \\ilden  felsigen  Heimat  eingedenk 
sind,  wo  sie  abgeschlossen  von  der  Welt  ihr  Leben  fristeten. 
Während  die  Hauptmasse  der  Veneter  sich  am  Po  schon  vor 
der  Zeit  der  Geschichtsschreibung  (V.  Jahrhundert  v.  Chr.) 
überall  verbreitet  hatte  und  gewissermaßen  als  Kultun'olk  eine 
Kolle  spielte,-  sind  ihre  Zweige,  die  in  der  Xachbarschaft 
der  Liburner  wohnten,  ein  ackerbauendes  Volk.  Sie  sind  Heißig, 
kennen  das  Privateigentum  und  verteidigen  stark  ihre  Grenzen." 

Eine  andere  Völkerschaft,  die  mehr  den  Liburnern  gleicht, 
sind  die  Japuden,  die  nordwestlich  von  Liburnien  zu  beiden 
Seiten  des  Berges  Albius  —  kleine  und  große  Kapella  —  wohnen. 

Die  nördKche  "  Grenze  ihrer  Heimat  ist  der  Berg  Okra 
zwischen  Aquileia  und  Naopoi-tus,  (istlich  wird  ihr  Gebiet  von 
Pannonien,  südlich  vom  Fluß  Zermanja,  westHch  vom  Meer 
begrenzt  mid  von  der  Kulpa  durchschnitten.  Es  war  ein  mit 
Kelten  gemischtes,  kriegslustiges  Volk,  welches  in  Ideinen 
Ortschaften     wohnte,     Hirse     aß,  *     sich     tätowierte     und     mit 

'  Herodotos.  I.  196.  Der  Überrest  dieser  exogamischen  Anschauung 
ist,  daß  auch  heutzutage,  wenn  die  albanische  Frau  verletzt  wird,  nicht 
der  Gemahl,  sondern  die  Familie  der  Frau  die  Pflicht  hat,  Blutrache  zu 
nehmen.  Miklosich,  Die  Blutrache  bei  den  Slawen.  Wien,  1887.  S.  40. 

-  Es  wird  noch  bestritten  ob  sie  wirklich,  wie  Pauli  a.  a.  O. 
behauptet,  bis  zum  Bodensee  hinauf  wohnten.  Dass  sie  aber  die  Vor- 
posten des  Illyrertums  nach  dem  Westen  Em-opas  waren,  scheint  gewiß 
zu  sein. 

3  Theopompus  143.  Müller  Fr.  1.  302—303.  Annali  del  Friuli  Fr. 
di  Manzano.  Udine,  1858.  S.  2,  ä,  16. 

^  Clearch.  Sol.  Vitarum  frag.  Müller.  II.  6.  Die  von  Scylax  er- 
wähnten Lotophagen  nährten  sich  von  den  Früchten  des  Strauches 
Ziziphus  Lotos  W.,  daher  stammt  auch  ihr  Name.  Dr.  Mm-r,  Die 
geogi-aph.  und  myth.  Namen  der  altgriechischen  Welt  in  ihrer  Verwer- 
tung für  die  antike  Pflanzengeogi'aphie.  Iimsbruck,  1896.  S.  33. 

•y* 


20 


keltisclien  ^Vutten  kämpfte.'  Wir  finden  auch  die  Spuren  eines 
Kunstgefülils  liei  ihnen,  sie  meilöelten  den  Stein  e])en  so  gut. 
wie  ihre  Stammverwandten  in  der  voi-geschichtlichen  Zeit  ihre 
l)erühmten  situki  und  Krüge  zierten.' 

Im  Kampf  sind  dem  illyrisehen  Krieger  dei-  Bergkampf, 
der  Angriff  aus  dem  Hinterhalt  und  das  maskierte  Laufen  he- 
liebt.  Seine  Waffen  A\aren  der  kurze  Wurfs2)eer,'  das  dolchaiiige 
Sehwert,  die  Lanze,  sie  kennen  den  keltischen  krummen  Säbel 
und  benutzten  die  Schleuder.  Sie  nützen  die  Vorteile  gut  aus. 
die  ihnen  das  gebirgige  Terrain  gibt,  A\'erfen  Kreisschanzen 
und  yei-teidigen  sich  hartnäckig.  ^Venn  eine  Gefahr  drohte  und 
die  Annäherung  des  Feindes  bemerkt  wurde,  schallte  von  einem 
Berggipfel  auf  den  anderen  das  Notsignal ;  nachts  miterhielten 
sie  Wachtfeuer.  ]hre  Verwundeten  ließen  sie  nicht  in  den  Hän- 
den des  Feindes,  lieber  töteten  sie  sie,  wenn  die  Schlacht  ver- 
loren wurde.  MVähi'end  die  Blyrer  im  allgemeinen  gute  Soldaten 
waren,  waren  die  Thi'azier  gute  Reiter,  einige  ihrer  Stämme  be- 
folgten eine  gute  Taktik,"'  obwohl  sie  gegen  die  organisierten  und 
gut  bewaffneten  griechischen  Truppen  nm-  als  eine  ungeordnete 
Masse  betrachtet  werden  können.  Sie  haben  keine  Schlachtlmie. 
machen  einen  Lärm,  schlagen  ihre  Waffen  aneinander,  sie  ziehen 
sich  aber  leicht  zurück,  wenn  sie  mit  einem  haiinäckigen  Feind 
zusammenstoßen. 

'  Strabo  YII.  5  und  Patscli,  Japudija  i  predhistoricko  odkrice  u 
Prozoru  kod  Otoca.  Cous.  a.  W.  43.  Hiiisichtlicli  der  Gescliiclite  und  der 
Urkultur  dieser  Völkerschaft  und  der  Kelten  sind  die  Funde  von  Jeze- 
rine  in  Bosnien  wichtig.  Unter  der  katholischen  Bevölkerung  Bosniens 
ist  heute  noch  das  Tätowieren  des  Armes  und  des  Brustkorbes  verbreitet. 
Vgl.  Wiss.  Mitt.  II.  455.  Nach  Dr.  Jelic  sind  diese  keltischen  Japuden 
die  Vorgänger  der  heutigen  Morlaken,  Najstariji  kart.  sponienik  o  rin- 
skoj  prokrajini  Dalmaciji.  Glasnik,  1898. 

-  Hoernes  W.  M.  III.  516. 

^  Sigyne,  BuUetmo  III.  148. 

••  Müller  a.  W.  Nicol.  Dam.  Fragm.  III.  458.  Über  die  Au- 
tariaten. 

5  Tomaschek  a.  W.  I.  Die  Triballeu  stellen  die  Schwachen  in  die 
erste  Reihe,  die  Tapferen  iu  die  zweite,  die  Reiter  in  die  dritte,  und 
aanz  rückwärts  stellen  sie  die  Weiber  auf. 


21 


Ilir  großer  Fehler  ist  aber  die  Neigung  /,ur  Truilksuelit, 
die  Illyrei-  und  Thrazier  in  gleicher  Weise  charakterisiert.  Sie 
tranken  viel  Wein,  Gerstensaft  und  betäubende  Ueti-änke.  die 
aus  verschiedenen  Pflanzen  gemacht  wurden.  Die  Pflanze  Gen- 
tiana,  welche  in  den  Dinarischen  Alpen  reichlich  wächst,  erhielt 
angeblich  vom  illyrischen  König  Gentius  iliren  Namen.'  Wie 
bei  einem  kriegerischen  Volk,  wurden  l)ei  ihnen  Kriegslieder 
gesungen,  von  Pfeife  und  Dudelsack  ])egleitet,  wol)ei  das  Trink- 
horn-  von  Hand  zu  Hand  ging  und  ein  wilder  Wattentanz 
getanzt  wurde.  Der  Illyrer  sprang  mit  gezücktem  »Schwert  herum, 
so  wie  auch  der  heutige  Albaner  während  des  IVmzes  mit  sei- 
nem langem  Gewehr  schießt  oder  seinen  Handschar  schwingt.' 
Natürlich  waren  die  Gelage  und  die  Unter! laltungen  verschieden. 
je  nach  dem  der  Stamm  in  einer  ärmeren  oder  reicheren  Gegend 
wohnte.  Die  Thrazier  des  Ostens  hatten  goldene  Schalen,  a(.)en 
zum  Fleisch  Brot  mit  Sauerteig  gemacht  und  fanden  die  Gläser 
immer  zu  klein,  da  sie  viel  tranken.'*  Die  westlichem  illyi-ischen 
Stämme  hatten  nicht  die  Mittel  zu  einem  solchen  Glanz,  sie 
schwelgten  aber  umso  zügelloser;  bei  solchen  Anlässen  über- 
ließen sie  alles  dem  Gast:  ihr  Haus,  ihre  Frauen  nach  dessen 
Belieben;'  Sie  sorgten  nur  für  Speise  und  Ti-ank,  das  erstere 
bestand  aus  minderwertiger,  harter  Nahrung,  Schaf-  und  Ziegen- 
fleisch und  ZAviebel.  Wer  zuviel  getnmken  hatte,  lockerte  sei- 
nen Gürtel  und  setzte  fort ;  wenn  er  nicht  melir  konnte,  wurde 
er  von  den  Frauen  nach  Hause  getragen.  Die  Kelten  kannten 
diese  trunksüchtigen  Neigungen   der  Illyrer  wohl  und  als  sie  mit 

1  Plinius.  Hist.  Nat.  111.  cap.  VII.  Hellauicus.  149.  Müller.  11.  S.  304 
liber  den  Gerstensaft.  Sabajum,  sabia  ist  Bier.  Über  die  Gentiaiia:  seni- 
plici  dell  Ecc.  M.  Lnigi  Anguillara.  Venezia,  1560,  19U2. 

-  Athenaeus,  Dipnosopliistarum  sive  coena  sapientium.  IV.  c. 

•'*  Athenaeus,  I.,  cap.  Vlll.  besehreibt  die  Hochzeit  des  thrazischen 
Königs  Senthes :  die  Ähnlichkeit  mit  einer  Feier  der  Hoti  oder  Mirditcii 
springt  in  die  Augen. 

■*  Athenaeus,  IV.,  cap.  IL  Xll.  „Omnes  Thraces  Inbaces  Oderat  hie 
ITiraces  potantes  ora  patenti  fusim  grataque  ernnt  pocnl;i  parva  sibi." 
Ebend.  lib.  X.  cap.  XIV. 

'"  Athenaeus,  X.  Aelius.  Hist.  var.  lll.  15. 


99 


ihnen  eine  Selilaclit  liutten,  zogen  sie  sich  scheinbar  laufend 
znrück  und  liel.'ten  ihr  Lager  als  Beute  zurück.  Die  Ardiäer 
fielen  wirklieh,  statt  zu  veitblgen,  über  die  Gewürzgetränke,  die 
mit  einem  Schlafmittel  gemischt  waren,  her  und  nachdem  sie 
kampfunfähig  geworden  waren,  wurden  sie  niedergemetzelt.'  Agron. 
der  Gemahl  der  Königin  Teuta  trank  soviel,  daß  er  Seitenstechen 
bekam,    und  Kcinig  Gentins    war    erst    ein  rechter  Trunkenbold." 

Da  Menschen  und  Vieh  sich  in  derselben  Hütte  aufhielten, 
achteten  sie  nicht  auf  Reinlichkeit.  Von  den  Dardanen  Avurde 
berichtet,  daß  sie  nur  dreimal  im  Leben  mit  Wasser  in  Berüh- 
rung kamen:  anläßlich  der  Gebui*t,  der  Hochzeit  und  des 
Todes.  ^  Das  Worthalten  gehörte  nicht  zu  ihren  Tugenden.  Was 
Menander  über  die  Thrazier  schreibt,  paßt  auch  auf  die  Illyrer, 
daß  sie  nämlich  keine  Treue  kennen.^  übrigens  ist  diese  Meinung 
der  griechischen  Schriftsteller  sehr  voreingenommen.  Sie  beweist 
höchstens  soviel,  daß  die  Stämme,  die  miteinander  fortwährend 
im  Sti-eit  lagen,  des  gegenseitigen  Blutvergießens  satt  wurden 
und  ihre  Unterdi-ücker,  die  Griechen  und  Römer  gemeinsam 
verfolgten.  In  der  Verteilung  der  Beute  gingen  sie  mit  großer 
Genauigkeit  vor.  So  erwarb  der  berühmte  Bardilys  durch  seine 
Unparteilichkeit  bei  der  Verteilung  der  Beute  großes  Ansehen.^' 
Wir  brauchen  nicht  erst  sagen,  daß  wir  aus  diesen  zerstreuten 
Nachrichten  über  die  Völkerschaften  nicht  einmal  ein  annähernd 
treues  Bild  geben  können. 

Ihre  Religion  ist  eine  eigentümliche  Mischung  der  Indi- 
vidualisierung   der    Naturelemente    mit    lokalen  Überlieferungen.' 

'  Theopomp,  fragm.  XXX.  MüUer  a.  W.  S.  41.  Zippel  a.  W.  S.  34. 
Sie  ließen  30.000  Tote  auf  dem  Schlachtfeld. 

2  Polyhius.  II.  Athenaeus  lib.  X.  cap.  12. 

•■>  Nie.  Dam.  Fragm.  Müller  a.  W.  III.  S.  110.  Die  Dai'dauen  wohnten 
im  Winter  ebenso,  wie  die  Germanen  —  Tacitus  Germania  XVI.  —  in 
Höhlen,  die  mit  Dünger  verklebt  waren. 

■*  Menander.  Prot,  fragm.  Müller  a.  0.  IV.  S.  204.  „Thraces  foedera 
nesciunt." 

6  Cicero,  de  officiis  II.  11.  Er  führt  Theopompns  an.  (Müller  a,.  W.  30.) 

'■  Hahn  a.  W,  S.  249  und  Vasa  Effendi:  Albanien  und  die  Albanesen. 
Berlin  1879.  16—19.  Herodot  11.  .52.  Tomaschek,  Die  alter  Thraker  11.36—68. 


23 


Sie  hatten  runde,  auf  Hügeln  erbaute  Kultstätten  in  welchen  heid- 
nische Götzenbilder  aus  Silber,  Holz  \md  Stein  mit  getupften  Ge- 
^vändern  verehrt  wurden,  die  in  beiden  Händen  ein  Schwei-t  hielten.' 
Der  thrazische  und  der  südillvrische  Kultus,  welcher  der  griechi- 
schen Mythologie  soviel  Material  gegeben  hat,  scheint  ziemlich 
gleichartig  gewesen  zu  sein,  während  die  nördlichen  Illyrer  und  die 
Thrazier,  obwohl  der  keltische  Einfluß  auf'h  bei  ihnen  zu  spüren 
ist,  den  uralten  Naturkultus  viel  mehr  beibehielten;  sie  hatten 
auch  Menschenopfer.  Als  die  Illyrer  Alexander  den  Großen,  der 
von  dem  Kriegszug  an  der  Donau  zurückgekehrt  war,  beim 
Flul.ie  Erigon  angriti'en.  opferten  sie  vor  der  Schlacht  drei 
Knaben,  drei  Mädchen  und  drei  schwarze  Böcke. - 

Bei  den  Thraziern  finden  wir  auch  Spuren  von  Menschen- 
opfern.^ Sie  glauben  an  die  Unsterblichkeit  von  Zamolxis  (Zil- 
misto.  der  von  Süden  kam  oder  der  in  den  Mantel  Gehüllte, 
der  im  ^\  inter  Schlafende  und  im  Frühjahr  zum  Leben  Erwa- 
chende n'^}.ti''^^~<^''S,i)  der  anscheinend  die  Rolle  des  Gottes  der 
Xatur  bei  ihnen  »spielte.  In  jedem  fünften  Jahr  wurde  emand 
durch  das  Los  bestimmt,  und  nachdem  jedermann  drei  Speere 
auf  ihn  geworfen  hatte,  wurde  er  mit  einer  Botschaft  zu  diesem 
Geist  abgesendet.  Menn  der  Betreffende  daran  nicht  starb,  so 
ward  er  für  einen  schlechten  Mann  gehalten.^  Dieser  Zamolxis 
muß  mit  uralten  Offenbarungen  des  Ostens  in  Verbindung  stehen, 
da  ein  Stamm  der  Thrazier,  die  Thrausen,  Gläubige  der  Nü'vanä 
waren.  Sie  beweinten  das  Kind,  wenn  es  auf  die  Welt  kam  mit 

'  Argeuteae  statuae  fabr.  tres  !-uut  liabitu  barbarico.  Inter  Thraciam 
et  Illyriam  sunt  consecrata  loca  caeterum  trium  statuarum.  Olymp.  The- 
baeusis  fr.  27.  Müller  a.  W.  IV.  63. 

-  Droysen  a.  W.  In  Dibra  in  Albanien  wird  heute  noch  bei  großen 
Festlichkeiten  ein  Bock  geopfert.  Vgl.  Arrianus  1.  5. 

■■'  Tomaschek,  Die  alten  Thraker,  1.  128.  „Quod  captivos  diis  suis 
letarint,  et  hunianum  ^anguineui  in  ossibus  capituni  essent  soliti  portare'% 
Lsidori  Ethyiu.  Migiie  tom.  82,  pag.  835. 

■  *  Herodotos.  IV.  92.  Zil  Miesditt,  alb  :  der  von  Süden  kam  oder 
vielleicht  die  Sonne  des  Südens.  Alex.  Ephesius  (Müller  244)  nennt  ihn 
Zihhisto.  Über  die  Götter  der  Thraker  s.  W.  Tomaschek,  Die  alten  Thraker. 
II.  S.  60—70. 


24 


Rücksicht  auf  das  viele  Elend  und  die  vielen  <^>ualen,  die  seiner 
han-ten,  und  freuten  sich  des  Todes,  der  Verniehtung,  da  dann 
alles  Übel  ein  Ende  nähme.'  Die  Griechen  l)ehaupten  selbst.  daU 
die  Lehre  der  Seelenwanderung  von  den  'J'hraziern  vax  ihnen 
gekommen  sei.-  Es  ist  schwer  in  diesem  mit  Aberglauben  ge- 
mischten Fetischismus  sich  zurecht  zu  linden,  nur  einzelne  Spu- 
ren lassen  uns  vermuten,  dal.)  die  verschiedenen  Stännne  ihrer 
geographischen  Lage  nach,  mehr  oder  wenigei-  unter  denn  Imu- 
Hul.)  der  kleinasiatischen  Urkulte  standen. 

Die  Götter  der  Thrazier:  Dionysius.  Artemis  und  Ares, 
der  von  ihren  Königen  verehrte  Hermes  weisen  zwar  auf  den 
individualisierten  Kultus  des  Weines,  der  Jagd,  des  Krieges  und 
des  Reichtums,  von  einem  Religionssystem  kann  aljer  keine  Rede 
sein.  Gewiß  bildeten  einige  Gewohnheiten  und  Überlieferungen 
das  Glaubensleben.  Die  Thrazier  hatten  die  Gewohnheit  Ijei  Ge- 
witter ihre  Pfeile  gegen  den  Himmel  zu  schießen  und  glaubten, 
daß  nur  sie  einen  Gott  hätten;^  die  Japygen  Avarfen  nach  der 
allgemeinen  Gewohnheit  der  wilden  Völker,  wenn  die  Götter 
ihnen  nicht  geholfen  hatten,  deren  Bilder  aus  dem  Tempel  und 
schössen  ihre  Pfeile  auf  sie  ab.^  In  ihrem  Glaubensleben  galt 
als  heiliger  Moment  die  Morgendämmerung,  sowie  natürlich  die 
Sonne,  die  Leben  gab.  Der  heutige  Albaner  nennt  die  Morgen- 
röte Sabah  (Sabacit),  nach  den  alten  griechischen  Schriftsteller 
wurde  sie  von  den  Illyrern  Sabadium  (2cc^jdaToq)  genannt.' 

Die  Spuren  des  Kultes  von  Bacchus  oder  vom  Weine  fin- 
den wir  hauptsächlich  in  Südillyrien.*^ 

'  Hevodotos  V.  4. 

-  Hermippi  Callimaclii  fraginenta,  Müller.   111.   11.  (21.) 

3  Herodotos,  IV.  94. 

*  Athenaeii!?.  XII.  cap.  VII. 

=  Alex.  Ephesius  Müller.  111.  244.  Ob  wir  es  mit  einer  alteji  Über- 
einstimmung oder  nur  mit  einer  zufälligen  Ähnlichkeit  zu  tun  haben, 
weiß  ich  nicht. 

''  Um  Skutari  (serbisch  Skadar)  wachst  jene  berühmte  Weinsorte,  die 
unter  dem  türkisc-h-albanischen  AVorte  „kadarka"  nach  Ungarn  eingeführt 
worden  ist.  Wenn  auch  diese  Annahme  nicht  .stichhältig  ist,  so  ist  es  doch 
Tatsache,  daß  die  Raitzen  diese  Weinsorte  nach  Ungarn  gebracht  haben.. 


Nocli  im  XVII.  Jalirliiindert  war  es  in  RiifJ^usu  am  Tage 
von  Philipp  und  Jakob  üblicli.  dal»  Frauen  einen  Kreis  l^ildeten, 
in  dessen  Mitte  sie  einen  Mann  stellten,  den  sie  mit  einem 
schlangenai-tigen  Schreckenszeug  erschreckten  und  fortwährend 
umtanzten/  Dieselbe  Sitte  war  auch  bei  den  alten  Ma/-edonen 
üblich,"  woraus  man  auf  die  allgemeine  Verbreitung  des  Wein- 
kultes in  jenen  Gegenden  sclilieljen  Icann,  in  welchen  Wein 
gebaut  worden  ist. 

Die  illyrisch-thraüischen  Glaubensanscliauungen  änderten 
sich  in  dem  Maße,  in  welchem  sich  der  griechisch-iömische 
Kult  verbreitete,  während  der  Verkehr  mit  den  Kelten  die 
Lebensweise  und  die  Gewohnheiten  der  illyrisehen  Stämme  iim- 
gestiiltete.  Während  die  hellenischen  Schriftsteller  die  Götter 
der  Thrako-Illyrer  mit  den  Ihrigen  vergleichen,  tun  die  Römer 
unter  illyrisch-keltischem  Namen,  aber  mit  lateinischer  Endung, 
von  den  heiligen  Gestalten  der  Völkerschaften  Erwähnung,  die 
später  mit  dem  Namen  l'annonier  und  Dalmatiner  bezeichnet 
werden ;  so  werden  Latobius,  Sedatus,  Laburo,  Uridna,  Froml^o, 
Scutona  imd  der  japudische  Bindus  erwähnt.^  Man  weil.5  von 
ihren  Zauberinnen,  die  auch  in  den  abergläubischen  Kreisen 
Roms  hochgeschätzt^  wurden. 

Charakteristisch  sind  jene  von  Osten  Icommende  Hii-ten- 
sagen,'  in  welchen  sich  Menschen  in  Tiere,  Bäume,  Pflanzen 
umwandeln.  Der  thrazische  Tereus  wandelte  sich  in  einen 
Wiedehopf,  Dryope  zum    Lotosbaume,    die    schöne    Lethea    zum 

'  Ignazio  Giorgi,  Rerum  lUyricaruiu  sive  Ragusanae  liistoriae. 
Makusev,   Izljedovanije  ob  isztoricseszkich    pamjatiiikach,  in  der  Beilage. 

-  Plutarch.  Alex.  Vita.  Über  Olympian,  die  Mutter  Alexanders 
des  Großen. 

^  Jarmogio  =  Jiarsem,  der  kommen  wird,  Savo  ist  wahrscheinlich  eine 
keltische  Gottheit,  Laburo,  blavui-  =  Drache  ?  Uridna,  die  Göttin  der  Weis- 
heit, Trombo  ist  der  Gott  des  Gewitters,  Scutona  die  Göttin  der  Gesund- 
heit, Bindus <]t'  bindnem  =:  veneratio,  die  Verehrung  (iiiich  C.  Truhelka). 

*  Die  Samnihnig  Gruters:  Matres  Pannoniorum  et  Dahuataruni 
p.  90.  n.    11. 

^  In  Hallstatt  wurden  Überreste  des  Baalkultes  gefunden,  der 
gewiß  auch  im  lllyrertum  Spuren  ließ. 


2«5 

Stein,  da  sie  die  Eifersucht  der  Götter  erweckt  luitte.  Kadmos 
und  Harmonia  —  deren  Grab  nach  der  Sage  in  Illyrien  war, 
diese  vorzügHch  illyrisclien  Halbg()tter  —  wurden  zu  Schlangen/ 

Wie  die  Urvölker  im  allgemeinen,  glaubten  auch  die 
Illyrer  an  ein  Leihen  im  Grabe.  Darauf  weisen  die  Funde  der 
Grabfelder  von  Glasinac  und  Jezeiine,  die  Waffen  und  Werk- 
zeuure  neben  den  Leiclien.  Bei  den  Südalbanem  lebt  heute  noch 
der  Glaube  in  Verbindung  mit  dem  Aberglauben  des  Hexen- 
Yam})yrs.  Es  wird  geglaubt,  daß  die  Seele  des  Toten  zurück- 
kelirt  und  jene  verdirbt,  die  nicht  nach  ihrem  Wunsch  gehandelt 
hal)en.  und  deshalb  wurde  das  Herz  des  Toten  der  für  eine 
solche  Irrseele  gehalten  wijrden  war,  mit  einem  glühenden  Pfahl 
durchbohrt.-  AVährend  aber  die  Nordalbaner  ohne  irgend  ein 
System  ihre  Leichen  begraben,  wurde  in  Mittelalbanien  der 
Leichnam  mit  dem  Kopf  gegen  Westen  bestattet.  Im  ehemaligen 
Militürgrenzgebiet,  l^ei  Prozor  und  Brlog,  auf  dem  Yitalljerge 
waren  in  den  alten  Gräbern  die  Leichen  mit  dem  Kopf  nach 
Süden  gerichtet.'  Bei  der  Erklärung  dieser  Daten  darf  man 
nicht  aus  dem  Auge  lassen,  daß  diese  Momente  nur  für  das 
betreffende  Gel)iet  charakteristisch  sind  und  nicht  verallgemeinert 
werden  können. 

Die  Illyrer  waren  von  hohem  AVuchs.  hager,  muskulös 
und  ihren  Gesichtsausdruck  bezeichneten  Hellenen  und  Römer, 
als  wild.'  Was  die  anthropologischen  Forschungen  bezüghch 
der  alten  Illyrer  betrifft,  verfügen  sie  bis  jetzt  über  wenig 
Belege  und  so  kann  man  nicht  für  bewiesen  Ijetrachten,  daß 
der  Thrazier  einen  blonden,  hinglichen,  der  Illyrer  einen  braunen 

'  Apollodorus,  Müller.  Fr.  Hl.,  cap.  IV.,  V.  Statius,  Tliebaidos, 
11.  291. 

'  Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn.  1888.  III.  Dieser  Aber- 
glaube herrscht  noch  heute  bei  den  Südslawen  und  Rumänen. 

"  Liubiö,    Pred  hist.  starine  u  Przoru  i  Brlogn. 

*  Plinins,  „Illurica  facies  videtur  hominis."  Man  pflegt"  als  Beweis 
für  ilir  langes  Leben  die  von  Plinius  H.  V.  Vll.  49  erwähnte  märchen- 
hafte Angilbe  anzuführen,  nach  welcher  ein  lUyrier,  namens  Dando, 
fMnfliundyrt  Jahre  gelebt  habe.  Über  das  lange  Leben  der  Thraker, 
Toniaschek  a.  W.  1.   127. 


27 


und  runden  Kopf  gehabt  habe.  Beide  \'olksurten  und  Völker- 
schaften Avaren  schon  in  der  Urzeit  vermischt  und  auf  Grund 
der  alten  Schriftsteller  ist  es  schwer  zu  entscheiden,  wo  die 
Grenzen  zwischen  den  illyrischen,  thrazischen  und  Iceltischen 
Stämme  waren.' 

Wenn  wir  alle  spärlichen  Belege  zusammenfassen,  so  steht 
ein  Volk  vor  uns,  das  ursprünglich  nur  Hirten  umfa(.)te,  und 
welches  das  Pnvateigentum  nur  hie  und  da  kennt.  Sie  sind  im 
Gebirge  Räuber,  zur  See  Piraten,  arm.  aber  üipfer.  Sie  fanden 
an  ihren  Wässern  das  Gold,  und  als  sie  den  Urwald  in  Brand 
steckten,  lernten  sie  vermutlich  auch  Gold  und  Silber  kennen," 
tausehten  es  aber   um  Waffen    und    Schmuck   aus    Bronze    ein."^ 

In  Bosnien,  auf  dem  Glasinac  lebte  diese  Völkerschaft  Jahr- 
hunderte lang  so.  Avährend  sie  an  der  Küste  in  ihrem  Urzustände 
kümmerlich  ihr  Leben  fristete  und  niit  ihren  Nachbarn  oder 
anderen  kämpfen  mußte.  Besiegten  sie  ihre  Gegner,  so  machten  sie 

'  Die  Überlieferung  bewahrt  auf  illyrischem,  bezw.  albanischem 
Gebiete  die  Erinnerung  an  Menschen,  die  noch  am  Ende  des  Rückgrats 
Spuren  von  einem  Schwanzgebilde  gehabt  haben. 

Es  ist  noch  strittig,  ob  die  Erinnerung  an  den  Kult  von  Pan  diese 
Überlieferung  wach  hielt,  oder  die  beobachteten  Fälle  nur  atavistische 
Rückfälle  waren.  Hahn  a.  \V.  S.  163.  Vgl.  die  Ai'tikel  von  Dr.  Bartels  und 
lir.  Braun,  Über  Menschenschwänze,  Archiv  für  Anthi-opologie.  S.  411,  417. 
Dr.  0.  Mohnike,  Über  geschwänzte  Menschen.  Münster,  1878.  S.  o3. 
Den  Umstand,  daß  die  auf  illyrischem  Gebiet  gefundenen  alten  süd- 
slawischen Schädel  eine  runde  Form  haben,  schreibt  Tirchow  der  Ver- 
mischung mit  den  Illyrern  zu.  (Zur  Chronologie  lUyriens.  Monatsbei'ichte 
der  Königlichen  Preußischen  Akademie.  1877.  S.  769 — 811.) 

Die  in  den  Gräbern  von  Glasinac  gefundenen  Schädel  hat 
Dl".  Weisbach  gemessen  und  unter  ihnen  60", o  Dolichokephal  gefunden; 
die  heutige  Bevölkerung  ist  zu  72",  o  Brachykephal,  ebenso  wie  die 
heutigen  Albaner,  die  direkten  Abkömmlinge  der  Illyrer,  überwiegend 
Brachykephal  sind.  (Wiss.  Mitt.  V.  ö62 — ÖIO.)  Diese  Versuche  sind  aller- 
dings von  Interesse,  sie  Inldcu  aber  nocli  keinen  sicheren  Grund  zu 
Folgerungen. 

-  So  erzählt  Diodorus  Siculus  die  Entdeckung  de.s  Silbers  in 
Iberien.  (V.,  cap.  XXV.) 

■'  Chai-aktei-istisch  ist  die  Sage,  daß  den  Halsschmuck  und  Brautschatz 
von  Harmonia  Vulcan  anfertigte.  Müller.  Fr.  111.  Apollodonis,  cap.  IV — V. 


28 


dieselben  zu  ihren  Sklaven '  und  bewachten  iliren  gröLiten  Schatz : 
ihre  Herden,  ihr  Vieh."  Die  kleineren  Stämme  werden  durch 
die  crrüiieren  besieoft,  dann  vei-teilen  sich  die  letzteren  wieder 
in  kleinere ;  manchmal  vereinigen  sich  die  kleineren  Völker- 
schaften und  unterdrücken  ihre  stärkeren  Nachliarn.  Es  können 
sich  nirgends  Zentren  bilden ;  von  einer  Ständigkeit,  Einheit  ist 
keine  Sjjur.  Das  ist  die  Urgeschichte  der  Ill^a'er." 

Wenn  wir  ))eräcksichtigen,  daß  Völker  von  so  außer- 
ordentlich großer  Anziehungskraft,  wie  die  Griechen  und  später 
die  staatl>ildenden  Kömer  auf  sie  gewirkt  haben,  so  müssen  wir 
uns  über  die  Ausdauer  wundern,  welche  diese  Stämme  in  der 
Bewahrung  ihrer  Art  Ijewiesen  haben.  Unser  Erstaunen  wird 
noch  wrößer,  wenn  wir  neben  diesen  zweierlei  Einflüßen  den 
Einbruch  der  Kelten  in  Betracht  ziehen,  welcher  mit  solcher 
Kraft  erfolgte,  daß  er  Hellas  im  Grunde  erschütterte. 

Am  Beginn  des  IV.  Jahrhunderts  v.  Chr.  brechen  vom 
Rhein  die  keltischen  Völkerwogen  auf,  lauter  Männer  von 
Todesverachtung,  deren  heftigem  Ansturm  die  schlecht  organi- 
sierten Stämme  nicht  standhielten.  Länder  gingen  unter  ihren 
Scliläcren  zutjfrande  und  nach  ihnen  türmten  sich  die  zerrütteten 
Volksstämme,  wie  die  Wogen  des  Meeres  bei  einem  heftigen 
Sturme  auf;  die  eine  stürzt  auf  die  andere,  die  größere  verwischt 
die  kleinere  und  es  entsteht  ein  Bild  fortwährenden  Treibens, 
welches  nur  an  festen  Hindernissen  bricht.  Die  erste  Aktion 
der  Kelten  war  die  Verdrängung  der  an  der  Morava  wohnenden 
Triballen  aus  ihren  Wohnstätten,  die  dann  infolgedessen  in  allen 
Richtmigen  zerstreut,  nach  Osten  in  das  Gebiet  der  unteren 
Donau  zogen  und  mit  den  Skythen  am  linken    Ufer   der  Donau 

'  Die  Arcliäer  hatten  angeblich  .300.000  Sklaven.  Athenaeus,  IV., 
cap.  in. 

2  Pausaiiias.  IV.   36. 

■■'  In  Padua  sah  ich  in  der  Bibl.  Civica  eine  Haudsclmft :  Antiqui- 
tatum  Ill3'ricavum.  I.,  II.  sive  de  lUyrici  Minoris  atque  Dalmatiae  rebus 
a  Diluvio  Noachio  (M.  55.  323  ).  welche  sich  zwar  in  der  unkritischen 
Art  des  XVII.  Jahrhunderts,  aber  doch  eingehend  mit  den  alten  Illyrern 
beschäftigt.  Ignazio  (riorgi,  publiziert  von  Makusev,  benützte  sie  wahr- 
scheiidicli  als  Quelle. 


29 


in  Kampf  gerieten.  Die  keltiselien  Sieger  Avnrden  Skorclisken ' 
genannt;  sie  lösten  sich  in  zwei  Gruppen  auf.  Die  sogenannten 
großen  Skorclisken  l)reiteten  sieh,  nachdem  sie  vom  Nordwesten 
der  Adria  nach  Osten  gezogen  Avaren.  im  westlichen  Geliiet 
Serbiens  aus:  an  der  Drina  imd  an  der  rnteren  Donau  (zwischen 
Titel — Belgrad),  während  die  kleinen  Skordisken  das  Gebiet  jen- 
seits der  Morava  besetzten. 

Aus  dieser  vorteilhaften  Position  konnten  sie  Ijequem  ihre 
Xachbam  angreifen.  Unter  ihrem  Vordringen  litten  die  Thrazier 
von  Osten  und  Süden  el)enso.  wie  die  westlichen  illyrischen 
Stämme,  die  auf  dem  Gebiet  des  heutigen  Bosniens  imd  der 
Herzegowina,  des  Sandschak  von  Xovipazar  und  auf  dem 
Amselfeld  wohnten.  Zwei  illvrische  Stämme  ragen  vc^r  den 
anderen  l^esonders  hervor,  deren  Spuren  in  der  älteren  Ge- 
schichte dieses  Gel>ietes  erkennbar  sind:  die  Ardiäer  und  die 
Autariaten.  ^ 

Die  Ardiäer  wohnten  in  den  ersten  Jahrzenten  des  IV.  Jahr- 
hundei-ts  V.  Chr.  (390—370)  an  der  Save.  bezw.  westlich  von 
den  Liburnern,  im  nordwestlichen  Teile  des  heutigen  Bosniens, 
in  der  Nachbarscliaft  des  späteren  Japudiens.  Mit  den  Kelten 
hatten  sie  einen  schweren  Kampf  zu  bestehen :  nachdem  sie 
aber  geschlagen  worden  Avaren.  zogen  sie  nach  Süden.  Infolge- 
dessen ließen  sie  sich,  verbündet  mit  den  Daorisen  und  Pleraeern, 
an  der  unteren  Narenta.  nöi'dlich  vom  Meerlinsen  von  Cattaro 
nieder.  Den  Mittelpunkt  dieser  Völkerschaft  bildete  die  Stadt 
Xaron  in  einer  Entfernung  von  80  Stadien  (16  Kilometer)  vom 
Meere,  Avelche  in  der  Xähe  eines  großen  Sees  lag.  Dieser  See 
fiillte  die  Becken  von  Bisce,  Bjelopolje  und  Mostar,  der  heutigen 
Herzego Avina  und  ist  infolge  eines  Kataklysma  aljgeflossen.  Xur 
die    heutigen    Mündungen     und     UberschAvemmungsgebiete     der 

'  Die  Mehrzahl  der  Schrifts^teller  leiten  den  Namen  der  Skordisken 
vom  Berg  Skardus,  von  dem  heutigen  Schar  und  Dukadschin  ab  bis  wohin 
sieh  dieses  Volk  verbreitete.  Sie  gehörten  gewiß  den  Kelten  an,  und 
bildeten  einen  Ast  dieses  Volkes,  der  nach  Illyrien  und  Thrazien  ein- 
gefallen war.  Spätere  Schriftsteller  zählen  auch  dieses  Volk  geAviß  infolge 
der  Vei-mischung  zu  den  Illyrern. 


30 


Narenta,    und    der   jetzige    Morast    (mostarsko    lilato)    erinnern 
daran,  daß  hier  einmal  ein  »See  Avar. 

Nordöstlich  von  den  Ardiäern,  am  Ufer  des  erwähnten 
Sees  wohnte  das  tapfere  Volk  der  Autariaten,  mit  denen  sieh 
die  neuen  Ankömmlinge  wegen  der  Salzquellen  sogleich  in  einen 
Kampf  einließen.  An  der  oberen  Narenta  (3  Kilometer  von  der 
Stadt)  befanden  sich  diese  Quellen,  um  welche  die  zwei  Stämme 
einen  hartnäckigen  Kampf  führten.  Möglicherweise  handelte  es 
sich  auch  um  die  Quellen  von  Dolni-Vakuf.  Anfangs  wurde 
vereinbart,  daß  die  zwei  Stämme  das  für  sie  so  wertvolle  Salz 
gemeinsam  benützen  sollten;  der  Friede  konnte  aber  nicht  von 
Dauer  sein.  Die  langwierigen  Gefechte  endeten  mit  der  voll- 
ständigen Niederlage  der  Ardiäer,  welche  infolgedessen  nach 
Süden  zurückgedrängt  wurden;  nach  ihnen  wurde  der  südliche 
Teil  des  heutigen  Bosnien  und  der  Herzegowina  und  ein  Teil 
von  Montenegro  von  den  Autariaten  beherrscht.  Diese  Kämpfe 
sind  dadurch  charakteristisch,  daß  sie  wegen  der  Nutzung  des 
Salzes  entstanden.  Auf  dem  Gebiete  der  illyrischen  Stämme 
spielten  ebenso  das  Salz  und  die  Salzquellen  eine  entscheidende 
Rolle,  wie  später  bei  den  Harmunduren  und  Chatten,  Burgundern 
und  Alemannen.  Um  Salz  verkauften  die  Thrazier  ihre  Sklaven, 
es  war  ein  hochgeschätzter  Ai-tikel  auch  bei  den  Autariaten  in 
jenen  unwirtlichen  Gegenden.' 

Kaum  hatten  diese  Kämpfe  aufgehört,  als  die  Gestalt  des 
ersten  großen  Welteroberers,  Alexander  des  Großen,  erscheint,  der 
die  Balkanhalbinsel  damals  wenigstens  auf  die  Dauer  seiner 
Herrschaft  vereinigte. 

'  Wie  arm  die  südliche  Herzegowina  und  Dalmatlen  an  Salz  sind, 
so  reich  ist  in  dieser  Hinsicht  der  östliche  Teil  Bosniens. 

Die  Natur  segnete  Tuzla  am  Fluß  Spreca  reichlich  mit  Salz,  so 
da(.i  dieses  Gebiet  im  Laufe  der  Geschichte  immer  nach  dieser  Eigenschaft 
benannt  wurde:  ^^ttXtjv/j  von  den  Griechen,  Ad-Salinaa  von  den  Eömern, 
Soli  von  den  Bosniern,  Banat  von  So  von  den  Ungarn.  Sein  heutiger 
Name  Tuzla  bedeutet  auch  türkisch  Salz. 

Über  die  Lage  des  Skylaxiscben  Sees  sind  die  Meinungen  ver- 
schieden. Truhelka  meint,  die  obere  Narenta,  Jasenice  und  Radsbolje 
haben  dieses  Wasserbecken  gespeist,  welches  dann  im    unteren   Bett  der 


31 


Vor  seinem  Feldzu«;  iifich.  Asien,  wollte  er  niit  den  thni- 
zisehen  und  illyrischen  Stummen  abrechnen,  die  sein  Reich 
beunruhigten ;  er  drang  mit  seinem  Heer  liis  znr  Donau  vor, 
unterdrückte  die  Geten  jenseits  dersell^en  und  brachte  zur  Erin- 
nerung seines  Sieges  dem  mächtigen  Geiste  des  Stromes  ein 
Opfer  dar  (355  v.  Chr.).^  Die  vielen  kleinen  Völkerschaften 
Hohen  vor  ihm,  suchten  seine  Freundschaft,  wenn  sie  konnten, 
und  unterwarfen  sich.  Unter  ihnen  waren  auch  die  Gesandten 
der  hochgewachsenen  Skordisken,  die  von  Alexander  entgegen- 
kommend em])fangen  und  bewirtet  wurden,  er  schloß  sogar  ein 
Bündnis  mit  ihnen  ab,  das  die  Skordisken  bis  zum  Tode  des 
üfroßen  Eroberers  ehrlich  hielten.  Die  Thrazier  und  Illvrer 
kämpften  von  da  an  treu  in  den  Eeldzügen  des  A-N'elt- 
eroberers;  er  konnte  von  ihrer  Kampfmethode  in  zerstreuten 
Reihen  oft  Gebrauch  machen.  Die  halbnackten  Einwohner  der 
kalten,  felsigen  Berge  stürzten  sich  mit  Todesverachtung  auf 
den  Feind  im  purpurnen  Gewände.  Die  verweichtlichten  Ein- 
wohner Asiens  konnten  nicht  als  ihre  würdigen  Gegner  betrachtet 
werden;  Asien  war  ihre  Beute.' 

Nach  dem  Tode  Alexanders  löste  sich  die  ohnehin  nur 
nominelle  Einheit  auf.  Die  Skordisken  fielen  in  Griechenland  ein. 
beseitigten  jeden  Widerstand  und  verkauften  die  Gefangenen  als 
Sklaven. 

Über  ihre  Grausamkeit  gingen  Schreckensmärchen  um. 
Man  sagte,  sie    opferten   ihre    Gefangenen   häutig    den    Göttern 

Narenta  emen  Abfluß  fand.  So  bildete  sich  der  Teich  durch  den  Durch- 
brucli  des  Beckens  der  Narenta.  (Handschrift.)  V.  Radimsky  meint  in 
seinem  Aufs^atz  :  Skylaxovo  jezero  kod  Neretve,  (Glasnik  1894.  533 — ö40l 
daß  Skylax  nur  in  der  Nähe  der  Stadt  Narona  einen  Morast  sah.  Er  hielt 
den  Mostarsko  Blat  für  diesen  See.  Siehe  noch  A.  Oiccarelli,  Saggio  sopra 
la  citta  di  Narona.  Im  Programm  des  Gymnasium  von  Zara,  vom  Jahre  1860. 
Er  stellt  sich  die  Teiche  der  Herzegowina  so  vor,  daß  sie  durch  einzelne 
Flußadem  miteinander  in  Verbindung  Standen,  und  so  von  Skylax  ffir 
einen  Teich  gehalten  werden  konnten. 

'  Arrianus  I.  1.  Die  unabhängigen  Thrazier  wohnten  links  von 
Orbelos,  die  Triballen  in  der  Umgebung  des  heutigen  Silistria. 

-  Curtius,  Vita  Alexandri  Magni.  IIl.  lu.  VI.  0. 


32 


lind  tmnT\en  MfnsclieiiMut  aus  ihren  Schädeln.'  Tatsache  ist. 
dal-i  dieses  kriegstüchti<i:e,  <;ut  bewaffnete  Volk  mit  seinem  wilden 
Aussehen  auf  dem  Balkan  eine  furchtbare  Rolle  zu  spielen  be- 
rufen war.  Sie  Ijemächtigten  sich  des  heutigen  Serbiens  nnd 
nachdem  sie  die  Autariaten  aus  ihren  bosnischen  Niederlassungen 
vertrieben  liatten.  dehnte  sich  die  keltische  Herrschaft  über 
JBosna-Seraj,  über  Sarajevo  bis  Yisegrad  aus.  Um  310  waren 
diese  illyrischen  Einwohner  Bosniens  schon  heimatlos;  von  den 
fliehenden  Autariaten  wurden  ungefähr  20.000,  die  in  Poonia 
eingefallen  waren,"  durch  Kassander  in  der  Gegend  des  heutigen 
Berges  Orbelos  (warscheinlich  in  Westl)ulgarien  zwischen  dem 
heutigen  Bilo-Dagh  und  der  Beles-Planina) "  angesiedelt. 

Die  Einfälle  der  Kelten  hr)i-ten  damit  nicht  auf.  Ihre 
"Wirkung  lühlten  auch  die  südillyrischen  Stämme.  Am  delphischen 
Feldzuce  des  keltischen  Königs  Akichoros  nahmen  auch  einzelne 
'J'eile  der  thrazischen  Stämme  teil.^  Diese  Scharen  nahmen  zwar 
infolge  ihrer  Käuljereien  stark  ab :  ihren  Weg  bezeichnete  al)er 
ü1>erall  Yer^^'üstung ;  für  viele  Stämme  schlug  damals  die  letzte 
Stunde.  In  ihre  Spuren  treten  neue  Elemente,  neue  Formationen : 
in  erster  Iveihe  die  Dardanen,  ein  illyrischer  Stamm,  der  maze- 
donisch wurde  und  die  Kelten  besiegte;  dann  erholte  sich  das 
militärisch  noch  immer  starke  Mazedonien  und  bald  das  Gebiet 
südlich  von  Drin,  das  Illyrien  der  griechisch-römischen  Geschichte. 

Hiei-    Ijlühte    einst   das    Land    der   Encheleer,  die    an  dem 

•  Festi,  Brev.  rer.  gent.  pop.  Romani  Ed.  Car.  Wagener  188(3.  IX., 
pag.  9.  Übrigens  werden  sie  liäuflg  mit  den  Thraziern  verwechselt,  deren 
Barbarei  von  den  römischen  Schriftstellern  gar  oft  erwähnt  wird.  Florus. 
in.  3.  c.  Ammianus  MarcelUnus  :  XXVII.  IV, 

-'  Heraclides  Lembns,  Müller  III.  168.  3.  Diodorus  Siculus  III.  XXX. 
(Dilldorf)  .Tustinus,  Athenaeus  Appianus  IV— V.  Die  Annahme  Zippeis, 
daß  die  Wanderung  der  Autariaten  mit  dem  Vordringen  der  Kelten  in 
Verbindung  steht  (a.  W.  39—40.). 

»  Diodor  XX.  19.  Zippel  bezeichnet  a.  0.  den  Rilo-Dagh,  während 
L»r.  M,  Doli,  Studien  zur  Geographie  des  alten  Mazedoniens,  (Regens- 
burg, 1891.  S.  31.)  die  Beles-Planina  für  den  Hauptberg  des  Gebirges 
(;)rbelo8  hielt. 

*  Pausanias  in  der  Beschreibung  Griechenlands.  VI.  üb.  L  IV.  3., 
b.  u.  9.  Herodotos.  V.  3. 


33 


(A-liridasee  ihre  Muclit  Ijegründet  hatten  und  die  mit  ihren 
nördlichen  luid  siidhchen  Xuchharn  durch  die  Verehrunsf  von 
Kadmos  und  Hannonia  ver])unden  Avurden.^  Sie  standen  auf  dem 
(iipfel  ihrer  Macht,  als  sie  um  7f)0  Jahre  v.  Cln-.  das  delpliisehe 
Orakel  brandschatzen ;  im  VI.  Jahrhundert  verfielen  sie  und 
später  A\'aren  sie  nur  mehr  Vasallen  der  hochstrebenden  Ma- 
zeduner. 

Naeli  den  Encheleern  erwarb  der  Stamm  der  Taulanten 
uroUen  Ruhm;-  sie  legten  den  Grund  ihrer  Macht  im  heutigen 
Mittelalbanien,  nacbdem  sie  durch  Stämme  verstärkt  worden 
Avaren,  die  von  Norden  zuwanderten.  Ihre  Geschichte  besteht 
aus  einer  Keilie  von  blutigen  Kämpfen  mit  Mazedonien.  Sie 
waren  so  mächtig,  daß  erst  Philipp  IT.  die  Steuerzahlung  für 
sie  einstellte  (o59).  Am  selben  Tage,  als  Alexander  der  Große 
geltoren  wurde,  schlug  Parmenio  die  vereinigten  illyr-thrazischen 
Heere.  Von  da  an  bis  zum  Einfall  der  Kelten  fristeten  sie  nur 
kümmerlich  ihr  Leben ;  ihr  Name  erhielt  sich  zwar,  ihre  Rolle 
Avurde  aber  durch  die  nach  Süden  verdrängten  Ardiäer  über- 
nommen. 

Auf  welche  Weise  Südillyrien  in  die  Hände  der  Ardiäer 
kam,  Avissen  Avir  nicht  genau.  MöglicherAveise  vereinigten  sie  sich 
nach  dem  Schlage,  den  sie  durch  die  Autariaten  erhtten  hatten, 
mit  den  kleinen  Stämmen  und  wurden  so  verstärkt.  Tatsache 
ist.  dal.l  sie  um  die  Mitte  des  HL  Jahrhunderts  nach  Süden  vor- 
drangen. Unter  mächtigen  Führern  schlugen  sie  ihre  Gegner 
und  wie  die  zwei  zugrundegegangenen  Völker,  die  Encheleer 
und  die  Taidanten,  begründeten  sie  ihre  Herrschaft  mit  der 
Unterwerfung  kleinerer  Stämme.  König  Agron  war  der  Eroberer, 
der  die  Stämme  des  nördlichen  Hellas  angriff  und  brandschatzte. 
An  seine  Herrschaft  knüpft  sich  die  Erinnerimg  an  den  Beginn 
der   illyrischen    Seeräuberei,  Avelche    der   Anlaß    zur    römischen 

'  Seueca :  Hercules  fureus  Act.  11.393  und  Statius  Silv.  11.291. — 
Lucauus :  Pharsalia.  III.  189. 

-  Ihr  Name  blieb  bis  zum.  XV.  Jahrhundert  in  dem  eines  in 
der  Nähe  von  Durazzo  -wohnenden  Stammes.  Kristobulos,  Das  Leben 
Mohammeds.  III.  XVI.  §  1. 

3 


34 


Eroberung  Avar,  als  die  Kultnrniission  der  Hellenen,  welche  nicht 
durch  ausreichende  materielle  Kraft  unterstützt  wurde,  damals 
auch  ihr  Ende  erreichte.  Das  Illyrertum  war  frischer  und  außer 
seiner  Derbheit  auch  imternehmungslustiger.  In  der  Geschichte 
der  Ardiäer  ist  der  Umstand  sehr  charakteristisch,  daß  dieser 
ursprünglich  kontinentale  Stamm,  nachdem  er  ins  Küstengebiet 
gelangt  war,  auch  die  See  so  betrachtete,  wie  das  Gebiet  seiner  bis- 
heiigen  Wanderungen,  welches  zu  Beute-,  Raubzügen  und  Guerilla- 
krieg geeignet  war.  Die  Illyrer  wechselten  nur  den  Schauplatz 
ihrer  bisherigen  Raubzüge,  ihre  Lebensweise  aber  blieb  diesellje. ' 
Ihnen  war  das  Meer  die  Straße,  welche  zu  den  volki-eichen  Inseln 
und  Küsten  fühi'te,  die  Klippen  der  geeignete  Hinterhalt,  von  wo 
aus  sie  die  Handelsschiffe  übei-fielen.  Wenn  es  schon  zu  Lande 
schwer  war  diese  unruhigen  Stämme  einigermaßen  zusammen- 
zuhalten, so  war  zur  See  die  Disziplin  ganz  unmöglich.  Solange 
die  Hellenen  aus  eigener  Kraft  ihre  Kolonien  beschützten  und 
die  römische  Eroberung  sich  nur  auf  Italien  beschränkte,  hatte 
man  keinen  Anlaß  auf  die  Stämme  der  Italiker  zu  achten. 
Der  Sieg  Mazedoniens  unterdrückte  zwar  die  politische  Freilieit 
der  Griechen,  er  eröffnete  aber  dem  Osten  den  hellenischen 
Element,  welches  in  der  Adria  die  Konkurrenz  der  Römer  schon 
ohnehin  stark  fühlte.  Einerseits  zog  das  reichere  und  zu- 
gänglichere Absatzgebiet  Asiens  sie  ab,  andererseits  wurden  sie 
durch  die  Verheerungen  der  Illyrer  von  der  Adria  zurück- 
geschreckt. Wer  von  ihnen  in  der  alten  Kolonie  zurückbliel/, 
ließ  sieh  unwillkürKch  zu  den  Römern  hinziehen,  die  als  die 
Vei-teidiger  der  griechischen  Freiheit  wenigstens  gegen  die 
Mazedonier  und  Illyrer  auftraten. 

König  Agron  starb.  Seine  Witwe,  Teuta,  diese  Frau  von 
großer  barbarischer  Schlauheit,  stellte  die  Seeräuberei  auf  eine 
neue  Grundlage.  Ihre  Heere  drangen  zu  Lande  bis  Epirus  vor. 
eroberten  die  Hauptstadt,  verwüsteten  Elis  und  Messene  und 
zogen  sich  erst  auf  das  Gerücht  des  Herannahens  der  furcht- 
baren Dardanen  zurück.  Sie  blieben  auch  zur  See  Sieger;  die 
illyrischen    Schiffe    en-angen    einen    glänzenden    Sieg    über    die 

1  Pausanias  üb.  IV.  35. 


35 


Acliaien  ;  Korkyra,  die  reiche  Mntterkolonie  wurde  ilii-e  Beute. 
Nun  beginnt  die  Aktion  der  römischen  Republik,  welche  seit 
der  Mitte  des  III.  Jahrhunderts  die  Schutzherrin  der  dalmatinischen 
Insel  Issa  und  auch  sonst  interessierte  Partei  war,  da  die  illyri- 
schen Seeräuber  auch  die  Schifte  der  italienischen  Kaufleute  nicht 
schonten.  229  begifmt  jener  fast  drei  vierteljahrhunderte  aus- 
füllende Kampt^ '  welcher  die  Tapferkeit  und  Weisheit  der  Römer 
auf  die  Probe  stellte.  Es  konnte  schließlich  kaum  ein  Zweifel 
darüber  bestehen,  wer  Sieger  bleiben  werde.  Die  Stammeshäupt- 
linge der  Ardiäer,  die  nur  durch  ein  lockeres  Bündnis  verbündet 
waren,  ließen  sich  sehr  leicht  von  den  Versprechungen  der 
Römer  anlocken,  die  Anfangs  nur  das  Küstengebiet  unterwarfen. 
Die  einzelnen  illyrischen  Häupthnge  konnten,  wenn  sie  die 
römische  Schutzherrschaft  anerkannten,  wie  vorher  gebieten  und 
luitten  vorläufig  auch  den  Nutzen,  daß  kein  eingeborener  König 
sie  beherrschte.  Für  die  Römer  war  die  Autlösimg  des  Bünd- 
nisses in  jeder  Hinsicht  voi-teilliaft,  denn  die  Stämme,  welche 
sich  ihnen  angeschlossen  hatten,  hielten  schon  aus  Furcht  vor 
ihren  Konnationalen  treu  zu  ihnen  und  gingen  ihnen  an  die 
Hand.  Ja,  es  gaben  sogar  die  manchmal  nicht  einmal  absicht- 
lichen Streitigkeiten  der  Stämme  zur  weiteren  Eroberung  des 
Landes  durch  die  Römer  Anlaß.  Der  erste  illyrische  Krieg 
wurde  infolgedessen  rasch  beendet:  (228  v.  Chr.)  Pharos,  Issa 
und  Korkyra  und  das  Avichtige  Epidamnos  wurden  römischer 
Besitz.  Die  Macht  des  Sohnes  der  Königin  Teuta  wurde  dadurch 
geschwächt,  daß  die  Römer  den  Vormund  desselben,  Demetrios, 
Herren  von  Pharos  für  sich  gewannen  und  als  Belohnung  für 
seine  Untreue  ihm  ein  großes  Stück  Landes  gaben.  Wie  aber 
Demetrios  Teuta  im  Stich  heß,  so  hielt  er  auch  auf  der  Seite 
der  Römer  nicht  aus.  Er  bemächtigte  sich  sehr  bald  des  Landes 
des  Sohnes  Agrons,  Pinnes,  welches  die  Römer  hatten  l)e- 
stehen  lassen  und  wandte  sich  mit  den  Mazedoniern  verbündet 
gegen  die  Römer.  Nach  kurzem  siegreichem  Kampfe  der  Römer 

•  Mommsen,  Römische  Geschichte  I.  554.  —  Droysen,  Helle- 
nismus. II.  448.  —  Zippel  a.  W.  S.  54—60.  Fragm.  apud  Dio  Cass. 
144.  —  Florua  IV.  2. 

3* 


36 


wurde    er    ^eschWen     und    Pinnes    in    sein    Land    wieder    ein- 
gesetzt  (219). 

Der  Krie<^  mit  den  Puniern  und  das  Bündnis  Hanniljals 
mit  den  Mazedoniern  hinderten  eine  Zeitlang  die  vollständige 
Unterwerfung  lUyriens.  König  Philipp  V.  durch  seine  momen- 
tanen Erfolge  angeeifert  unterwarf  die  illjrischen  Stammes- 
häupter seiner  Macht  und  besteuei-te  sie.  Dies  gereichte  ihm  nur 
zum  Schaden,  da  der  überwiegende  Teil  sich  gegen  ihn  wendete 
und  die  Partei  der  Römer  ergriff.  Im  Frieden  von  Tempe  (197) 
gab  Mazedonien  alle  seine  Eroberimgen  zurück,  da  aber  Rom 
seinen  rachsüchtigen  Nachbar  kannte,  überheß  es  seinem  Ver- 
bündeten, dem  illyrischen  König  Pleuratus  die  Küste  von  Lissos 
(Alessio)  bis  zur  Narenta,  damit  er  Philipp  im  Zaume  halte. 
Das  Gebiet,  welches  unmittelbar  zum  römischen  Besitz  wurde, 
wurde  militärisch  verwaltet,  da  die  Zeit  der  Zivilverwaltung  noch 
nicht  gekommen  war. 

Pleuratus  verlegte  den  Mittelpunkt  des  neuen  Landes  der 
Ardiäer  nach  Scodra  (Skutari),  welches  das  Zentrum  der  nach  * 
Durazzo  (Epidamnos,  Dyrrhachion)  Avlona  (Appolonia)  und  in 
das  Gebirge  führenden  Handelsstraßen  war.  Die  strategische 
Bedeutung  dieser  Stadt  war  nicht  weniger  wichtig,  da  auch  die 
Straßen  in  das  Innere  des  Balkans  von  hier  ausgingen.  Scodra 
war  zu  jener  Zeit  el^enso  wie  Lissos,  das  im  IV.  Jahrhundert 
von  Dyonisios  gegründet  worden  war,  und  die  Städte  des  Inneren 
Gebietes  hellenisch.  Der  König,  seine  Leibwache  und  die  Ein- 
wohner waren  zwar  illyrisch,  aber  die  Handelsleute  und  Ein- 
wohner der  Städte  durchwegs  Helleneu.  Das  bezeugen  (he  um 
135  V.  Chr.  hier  geprägten  Münzen.^ 

Pleuratus  folgte  Gentius  auf  dem  Throne.  Er  war  von 
unschlüssiger  Natur,  und  konnte  seine  seeräuberischen  Untei-tanen 

^  Evans,  Numismatic  Chromcle  N.  S.  vol.  XX,  pag.  269.  Vgl.  noch 
Evans,  Antiquarlan  researclies  in  Illyricuui  Parts  L,  IL,  S.  42.  Westminster, 
1883.  —  Dieser  Artikel  erschien  auch  in  kroatischer  Sprache  im  Vjestnik 
von  Agram :  0  njekojih  nedavno  nadjenih  illirski  pjenezih.  Außerdem 
Imhof  Blumel,  Beiträge  zur  Münzkunde  von  Altgriechenland  und  Klein- 
asien.    Zeitschrift  für  Numismatik.  I.  Band.  Berlin,  S.  103. 


ot 


nicht  bändigen.  Die  Natur  der  Illyrer  änderte  sich  auch  infolge 
der  Unterwerfung  nicht.  Gentius  wußte  von  der  Ausraubung 
der  italienischen  Schiffe  ebenso,  wie  die  Königin  Teuta,  da  er 
einen  Teil  der  Beute  erhielt.  Die  Römer  befolgten  daher  die  alte 
Politik,  welche  die  Stämme  entzweite  und  sie  nacheinander  ihrem 
König  entfremdete.  Da  Gentius  zwischen  zwei  Militärmächte,  die 
Mazedonier  und  die  Römer,  eingekeilt  war,  konnte  or  von  seiner 
Selbständigkeit  nur  einbüLien. 

Perseus,  der  König  der  Mazedonier,  kannte  tUe  Lage  seines 
illyrischen  Nachbars  gut.  Er  wollte  also  mit  Gentius  um  jeden 
Preis  ein  Bündnis  schließen ;  bis  aber  der  unschlüssige  Illyrer 
nach  langen  Verhandlungen  zustimmte,  hatten  die  Römer  schon 
die  Stammeshäupter  für  sich  gewonnen.  Er  legte  seine  Tnklugheit 
noch  dadurch  an  den  Tag,  daß  er  die  römische  Gesandtschaft 
—  wie  es  Teuta  seiner  Zeit  getan  hatte  —  in  Scodra  gegen 
das  damalige  internationale  Recht  unwürdig  behandelte,  Avas  der 
römische  Senat  damit  l)eantwortete,  daß  er  den  Praetor  L.  Anicius 
mit  einer  Armee  von  15.000  Mann  zur  Vergeltung  dieser  Belei- 
digung entsandte.  Der  Weg  des  römischen  Heeres  wurde  mit  Geld 
geebnet  und  der  Krieg  war  in  dreißig  Tagen  beendigt.  Da  Perseus, 
der  König  von  Mazedomen,  sich  auf  die  Verteidigung  seines 
Landes  Ijeschränkte,  erlitt  das  Heer  Gentius'  bei  Scodra  eine 
vollständige  Niederlage,  mid  auch  seine  Flotte  gelangte  in  die 
Hände  der  Römer ;  Gentius  ergab  sich  hierauf  und  wui-de  im 
Triumphzug  des  L.  Anicius  mitgeführt.  So  endete  167  v.  Chr. 
das  letzte  illyrische  Königreich.^ 

Gentius'  Land  wurde  durch  Rom  in  di'ei  Teile  geteilt. 
Labeate,  das  Gebiet  der  heutigen  albanischen  Gegend  mit  dem 
Mittelpunkt  Scodra,  und  das  Gebiet  an  der  Bucht  von  Cattaro 
mit   dem   Hauptoii   Rhizonium    wurden    einem    römischen    Prä- 

'  Festi,  Brev.  VII.,  pag.  5.  Florus :  Bellum  Ulyr.  IL  cap.  Livlu« 
XLII.,  cap.,  36;  XLIII.  cap.,  17,  18,  43.  Die  Ki-iegsbeute  bestand  aus 
27  Pfund.  Gold,  19  Pfund  Silber  und  aus  einer  großen  Menge  Silbergeld. 
Das  Ganze  A\'urde  angeblich  auf  20  Millionen  Sesterzen  geschätzt,  wovon 
jeder  Soldat  45  Denare,  die  Offiziere  zweimal  und  die  Ritter  dreimal 
soviel  bekamen. 


fekten  unterstellt.  Ein  kleineres,  schwer  zugängliches  Grebiet  blieb 
unter  einem  illyrischen  Häuptling  mit  dem  Königstitel  —  viel- 
leicht gerade  einem  Verwandten  von  Gentius  —  autonom,  was 
ims  die  Münzen  des  Königs  Ballaeos  vermuten  lassen,  der  nach 
107  V.  Chr.  heiTSchte.  Aber  der  Bund  der  einst  so  starken  Stämme 
löste  sich  endgültig  auf.  Als  Konsul  Flaccus  (135)  aufl^rach,  um 
die  wilden  Gebirgsstämme  zu  zähmen,  ging  er  mit  ihnen  so  wie 
mit  Räuljern  vor,  vertrieb  sie  aus  dem  römischen  Gebiet  und 
drängte  die  Widers  [jenstigen  ins  felsige  Gebirge.  Jene  Städte, 
beziehungsweise  Stämme,  welche  —  Avie  die  Daorsen  —  nachdem 
sie  Gentius  und  seinen  Bruder  Karavantius  verlassen  hatten, 
zu  den  Römern  hielten,  erlangten  Befreiung  von  den  Steuern, 
die  übrigen  bezahlten  die  Hälfte  ihrer  früheren  »Steuer.' 

Die  erste  Periode  der  Eroberung  war  l)eendet.  Die  römi- 
sche Macht  erstreckte  sich  bis  zur  Narenta,  jenseits  welcher 
die  starken  Dalmaten  sich  organisierten,  die  auch  früher  der 
Schrecken  des  ülyrischen  Königreiches  gewesen  waren,  während 
dasselbe  von  der  Gnade  der  Römer  lebte. 

Die   Folge    dieser    Eroberung    war,  daß  Rom,  welches  die 
See  beherrschte,  um  seinen  Besitz  zu  sichern,  auch  das  ülyrische 
Binnenland    zu    unterwerfen  begann,  welches    über  Bosnien  und 
Dalmatien  bis  Pannonien    reichte  und  damit  bis  zur  Grenze  der" 
zukünftigen  Weltmacht  des  Reiches :  der  Donau. 

Die  Theorie  der  wlachischeii  oder  riiniäiiiselien  Frage. 

I. 
Die  südslawischen   Stämme   fänden  bei  der  Eroberung  der 
dalmatinischen    Provinz    auch     itahenische     Hirtenelemente    vor, 

'  Was  die  kleinen  illyrischen  Gebiete  betrifft  (s.  Evans  a.  W  135. 
V.  Chr.),  genossen  gewisse  Gebiete  eine  Ai-t  Selbständigkeit  und  behielten 
ihr  Münzrecht.  Vgl.  Najstariji  dalmatinski  novci.  .J.  Racki.  Rad.  XIV, 
S.  45.  —  Über  die  illyrischen  Münzen  eingehender  J.  v.  Sehlo.sser, 
Beschreibung  der  altgr.  Münzen.  Wien,  1593.  III,  14 ;  IV.  2.  —  Über  den 
Feldzug  gegen  Gentius  s.  Joannis  Zonarae  Annales  ex  recensione  Piuderi. 
Tom.  II.  Bonnae.  IX,  24,  pag.  275.  —  Velleji  Paterculi  Eist.  Rom.  1,  IX. 
Appianus,  De  hello  lllyrico  cap.  VII— IX.  Vgl.  Polyb.  II.  Livius  XX. 
Floriis  II,  5.  Eutropius  IV,  6. 


die  samt  den  Überresten  der  Illyrer  Wluchen  genannt  wurden. 
Wir  wollen  die  Frage  der  Wlachen  nicht  eingehend  behandeln 
lind  wollen  daher  nur  auf  die  wichtigsten  Ergebnisse  jener  großen 
Literatur  liinweisen.  welche  Thunmann,  Ko2)itar,  Miklosich, 
Jirecek,  Jung.  Pic.  Rössler.  Hasden,  Tomaschek  und  die  Ungaren 
Paul  HuntalvY  und  Ladislaus  Ke'thy  verfaßt  haben,  und  die  die 
historischen,  ethnologischen  und  sprachlichen  Beweise  in  gleicher 
Weise  umfaßt.  Soviel  kann  heute  schon  bestimmt  gesagt  wer- 
den, obwohl  man  wegen  der  nationalen  Vorai-teile  noch  nicht 
klar  sehen  will,  daß  die  Theorie  der  römischen  Kontinuität  im 
heutigen  Siebenbürgen  nicht  aufrecht  zu  halten  ist,  daß  vielmehr 
die  Entstehmig  des  heutigen  Rumänentums  auf  der  Balkan- 
halbinsel zu  suchen  ist.  Es  handelt  sich  nur  darum,  objektiv 
darzustellen,  wie  sich  jene  Grundschichte  gebildet  hat,  aus  welcher 
die  heutige  rumänische  Nation,  als  der  östliche  Zweig  des  Xeo- 
Latinismus  entstanden  ist.' 

Ich  will  nun  Beweise  erl>ringen,  daß  sich  in  der  alten 
Provinz  Dalmatien  auch  Hirtenelemente  befanden,  die  zwar  die- 
selbe Beschäftigung  hatten  wie  die  alten  Illyrer,  jedoch  sprach- 
lich ganz  verscliieden  waren.  Ich  will  noch  bemerken,  daß  die 
Abhandlung  von  Ladislaus  Rethy :  Der  Romanismus  in  Illyricum 
(Budapest.  1898  :  auch  deutsch,  französisL-h  und  rmnänisch  erschie- 
nen) den  Anlaß  zu  chesen  Eröiierungen  gab.  Diese  Studie  l^e- 
handelt  die  Frage  von  einer  Seite,  ül^er  welche  schon  viel  geredet 
wurde,  wo  jedoch  die  Lehren  der  rumänischen  Sj^rache  in  dieser 
Richtung  noch  nie  so  exakt  zusammengestellt  wurden.  Rethy 
vergleicht  nämlich  die  Eigenheiten  der  rumänischen  Sj^rache 
mit  den  mittelitalienischen  Dialekten  und  sucht  die  Wiege  des 
Rumänentums  im  Hirtenleben  der  Apenninischen  Berge.  Er 
nimmt  an.  daß  dieses  Hirtenvolk  aufbrach  und  über  Friaul  in 
das  illvris.-he  Berggebiet  gelangte,  wo  es  Slawen  und  Illvrer 
vorfand.  Dort  bildete  sich,  um  das  VII— YIII.  Jahrhundert  die 
nimänische  Sprache  unter  slawischem  und  illyrischem  Einfluß  aus. 

'  Vom  rumänischen  Standpunkt  versuchte  das  Hasdeu  mit  großem 
Apparat,  aber  mit  Vorurteilen  in  seiner  Abhandlung :  Strat  si  substrat. 
(jenealogia  popolare  balcanice.    Bukarest.  Akad.  XIV. 


40 


Die  Grundlage  des  Rumänen-  oder  Rumnnentums  ist  also  italie- 
nisch, welche  später  durch  Balkanelemente  erweitert  Avurde. 
Ich  kann  zwar  nicht  allen  seinen  Behauptungen  zustimmen.  1)e- 
sonders  nicht  jener,  daß  die  S])rache  im  VIl — VllI,  Jahrhundert 
entstanden  sei ;  hauptsächlich  bedarf  jener  Umstand  eines  Beleges 
—  was  der  Autor  selbst  zugibt  — ,  um  welche  Zeit  die  an- 
genommene Massenwanderung  über  Friaul  stattgefunden  hat. 
Wir  brauchen  das  nicht  näher  begründen.  Die  historischen  For- 
schunscen  werfen  neues  Licht  auf  die  von  iie'thv  verfretenen 
Anschauungen,  besonders  ist  die  Kenntnis  des  alten  römischen 
Wirtschaftssystems  und  jene  Rolle,  die  in  dessen  Rahmen  das 
Hirtenleben  als  uralte  Beschäftigung  einnahm, '  zu  berücksichtigen. 

U. 

In  der  römischen  Wirfschaftsgeschichte  kam  außer  den 
ständig  angesiedelten  Landwirfen  auch  den  Hirten  eine  große 
RoUe  zu.  Varro,  der  Klassiker  des  römischen  Wirtschaftslebens' 
gibt  in  dieser  Hinsicht  eine  Beschreibung  des  italienischen  und 
durch  einige  Beispiele  des  balkanischen  Hirtenlebens,  welche 
auch  ohne  Aveitere  Erklärung  als  historischer  Beleg  dienen  können. 
Außer  anderen  interessanten  natnrhistorischen  Belegen  behandelt 
er  eingehend  die  Viehzucht.  Zuerst  spricht  er  von  den  Schafen. 
Ziegen  und  Schweinen,  dann  von  den  Rindern,  Eseln  und  Pfer- 
den und  zum  Schluß  von  den  Hirten  selbst.  Weitläufiger,  als 
VaiTos  Erörterungen,  ist  das  Werk  Columellas,  seines  Zeit- 
genossen, welches  mehr  didaktisch  ist.  ^  Die  Darstellung  Varros 
ist  aber  lebhafter  und  unserem  Zweck  mehr  entsprechend,  da  er 

'  Darauf  hat  schon  M.  Weber  aufmerksam  gemacht :  Römische 
Agrargeschichte  (Stuttgart,  1891.)  S.  228—229,  in  dem  er  bemerkt,  daß 
die  Weidenwirtschaft  heute  noch  in  Apulien  und  Mittelitalien  betrieben 
wird,  und  daß  die  Hirten  heute  noch  mit  ihren  Herden,  wie  einst,  von 
Berg  zu  Berg  wandern. 

2  M.  Terentii  Varronis  Rerum  rusticarum  Hbri  tres.  Edition  Teu1)ner. 
1889.    H.  Keil. 

3  Junii  Moderati  Columellae  :  De  re  rivstioa  libri  XII.  Edidit  Fran- 
ciscus  Szilägyi.  Claudiopoli,  1820. 


41 


die  mittelitalienisclien  Verhältnisse  schildert.  Columella  ist  zwar 
eine  erstklassige  Quelle,  was  die  römische  Wii-tschaftslehre  1)e- 
trifft.  er  selbst  war  ein  praktischer  Landwirt,  aljer  was  die  Frage 
der  Hirten  betrifft  läßt  er  verschiedenes  Wichtige  unberücksichtigt. 

Es  erhellt  aus  den  Erörterungen  Varros,  daß  der  römische 
Landwii-t  die  Kenntnisse  der  Hirten  hochschätz,te.  Sie  wußten 
wohl,  daß  die  Hirten,  die  sich  ausschließlich  mit  der  Viehzucht 
beschäftigen,  erst  nach  langen  Erfahrungen,  die  Kenntnisse 
besaßen,  wie  sie  das  Vieh  pflegen,  wenn  es  krank  war,  heilen 
und  seine  Vermehrung  vernünftig  fördern  sollen.  Varro  selbst 
hatte  in  Apulien  Herden  und  kannte  die  Verhältnisse  des  Epirus 
gut,  da  er  von  dortigen  großen  Viehzüchtern  Erkundigungen 
einzog.^  Er  interessierte  sich  urasomehr  für  die  Viehzucht  des 
Balkans,  da  das  Vieh  von  Epirus  zur  Mästung  viel  geeigneter 
galt,  als  das  italienische,  und  man  nach  langen  Erfahrungen  die 
Vor-  und  Nachteile  der  einzelnen  Gattungen  schon  gut  kannte. ' 
Columella  hält  die  Schafe  Kalabriens  und  Apuliens  für  die  besten ; 
unter  ihnen  ragen  besonders  die  von  Taranto  hervor,  welche, 
wie  er  sagt,   „von   Vielen  griechische  Schafe  genannt  werden".^ 

Die  Sommerweide  wurde  systematisch  betrieben.  Deren 
Zeit  war  genau  bestimmt  und  der  aufgetriebene  Viehbestand 
wurde  vom  Verwalter  des  Landbesitzes,^  Varro  nennt  ihn  publi- 
canus,  gezählt.  Jene  Bewohner,  die  sich  mit  Viehzucht  beschäf- 
tigten, die  Hii-ten,  bildeten  schon  lange  eine  besondere  Organi- 
sation. 

Die  Ratsch lätre  und  Beobachtuns^en  Varros  und  Columellas 
geben  ein  treues  Bild  des  damaligen  Zustandes.  Aus  der  Xatur 
der  Sache  folgte,  daß  für  die  Rinder  ältere  Hirten  angestellt 
wurden,  während  die  Schaf-  und  Ziegenherden  auch  von  Kindern 

>  Lib.  n,  cap.  I,  pag.  72. 

-  Z.  B.  ist  das  thrazische  Vieh  weiß.  Die  Hunde  von  Epirus  sind 
ausgezeichnet.  Der  Schweinezucht  kam  eine  wichtige  Rolle  zu.  Die  Heimat 
des  feinen  Fleischselchens,  der  Anfertigung  von  Schinken  und  Würste 
ist  Gallien.  (Lib.  II,  cap.  III.) 

■•'  Lib.  VII,  cap.  II  -VH,  cap.  IV. 

■•  Lib.  II,  cap.  I.  „ad  publicanum  profitentur". 


42 


bewacht  werden  k(jnnten.  Die  Hirten  waren  bewaffnet,  da  sie 
in  unsicheren  Gegenden  ihre  Herden  und  Vieh  weideten ;  ])ei 
Tag  hielten  sich  die  Herden  nahe  an  einander,  aber  nachts 
ruhten  sie  abgesondert.  Das  Haupt  der  einzehien  Hirtenorgani- 
sationen war  ein  älterer,  ei-fahrener  Mann  —  Varro  nennt 
ihn  Magister  — ,  dem  die  anderen  gehorsam  Avaren.  Der  Be- 
treffende Avar  natürlich  \(m  großer  Kraft,  um  den  Anderen  als 
Beispiel  dienen  zu  Icönnen.  Das  Vieh  und  die  Ziege  halten 
sich  t;erne  auf  felsioren  Stellen  auf.  kommen  rasch  vorwärts, 
laufen  auseinander,  deshalb  kann  nur  ein  flinker  Mann  mit 
guten  Sehnen  und  ausgezeichneten  Augen  ein  Hirt  sein. 
Außerdem  müssen  sie  tajifer  sein,  um  sich  gegen  Räuber 
wehren  zu  können.  Die  'Galliei-  z.  B.  —  sagt  Varro  —  sind 
sehr  Ijequem  und  schätzen  daher  das  Zugvieh  höher.  Diese 
Hirten  kamen  teils  durch  Erbschaft,  teils  durch  Kauf  oder  als 
Beute  in  den  Besitz  ihrer  Herrn.  Handelte  es  sich  um  den  Kauf 
einzelner  Personen,  so  mußte  der  Verkäufer  für  die  Gesundheit 
und  Ehrlichkeit  des  Verkauften  gutstehen.  Bei  dieser  Gelegenheit 
konnte  bestimmt  werden,  daß  die  fahrende  Habe  des  verkauften 
Hirten  dem  neuen  Herrn  zukomme,  oder  dem  Hii-ten  selbst  gehöre. 

Im  allgemeinen  Avaren  sie  infolge  ihrer  Beschäftigung 
Dienstleute,  die  an  die  Scholle  gebunden  Avaren,  individuell 
bewegten  sie  sich  aber  freier,  als  die  kleineu  Gutsbesitzer.  Ihr 
politischer  Gesichtskreis  Avar  ihre  Weide,  jeder  Hirt  war  ein 
kleiner  König  in  seiner  Herde.  Kurz  und  gut,  sie  Avaren  Privat- 
eigentum des  Gutsbesitzers  „homines  sine  tribu  et  nomine",  sie 
betrieben  aber  ihre  Beschäftigung  nach  ihren  GeAvohnlieiten  und 
lebten  getrennt  voneinander. 

Ihr  Haupt  und  Führer  Avar  der  Schafmeister.  Bei  Tag 
nehmen  die  Hirten  ihre  Mahlzeiten  bei  der  Herde,  abends  essen 
sie  aber  gemeinsam  mit  dem  Schafmeister.  Dieser  achtet  darauf, 
daß  die  Werkzeuge  in  Ordnung  sind,  er  gibt  auf  die  Gesund- 
heit des  Viehes  acht.  Der  Gutsbesitzer  hielt  daher  Zugvieh  für 
ihn :  Pferde,  Maultiere,  AA-elche  die  Werkzeuge  zu  den  Hirten 
tragen.  Was  die  körperlichen  Bedürfnisse  der  Hirten  anbelangt, 
A\urde  Vorsorge  getroffen,  daß  ihnen  eine  Dirne  zur  Verfügung 


43 


stand,  „da  der  Hirt  in  der  Liebe  nicht  sehr  wählerisch  ist". 
Die  Hirten  nlimlich,  die  in  den  Wäldern  und  auf  Milden  Stel- 
len die  Herde  weideten  und  gegen  den  Regen  in  rasch  auf- 
gestellten Hütten  (casa  repentina)'  Unterkunft  fanden  und  sich 
ständig  im  Freien  aufhielten,  konnten  ohne  Frauen  nicht  leben. 
Diese  kräftigen  Frauen  ge]:)en  auch  auf  die  Herde  acht,  kochen 
und  sorgen  für  die  Männer.  Columella  legt  großes  Ge\\acht 
darauf,  daß  viele  Hirtenkinder  vorhanden  sein  sollen.  Wenn 
die  Hirtenmutter  drei  Kinder  hat,  so  muß  man  ihr  nach  der 
Arbeit  freie  Zeit  geben,  daß  sie  die  Kleinen  versorgen  könne ; 
hatte  sie  noch  mehr  Kinder,  so  wurde  sie  von  der  Arbeit 
beireit.  In  Illyricum  —  d.  h.  im  nordwestlichen  Teil  der  Bal- 
kanhalbinsel —  tragen  die  Frauen  das  Holz,  weiden  das  Vieh 
und  hüten  die  Hütte. 

Da  die  Sorge  für  die  Gesundheit  des  Viehes  dem  Schaf- 
meister zukam,  mußte  er  einige  Schriftkenntnisse  haben.  Varro 
hält  den  schreibunkundigen  Schafmeister  zu  diesem  Amt  für 
nicht  geeignet.  Columella  verlangt  zwar  nicht  die  Schriftkun- 
digkeit,  jedoch  ein  gutes  Gedächtnis.-  Hinsichtlich  der  Anzahl 
der  Hirten,  meint  Varro,  zu  80 — 100  Schafen  soll  je  ein  Hirt 
gehören.^  Bei  einem  Gestüte,  das  aus  fünfhundert  Pferden 
besteht,  reichen  zwei  Hirten  aus. 

Mit  dem  Hirtenleben  ist  die  Milch-  und  Käsewirtschait 
eng  verbmiden.^  Den  größten  Nährwert  hat  der  Kuhkäse,  ob- 
wohl er  schwerer  zu  verdauen  ist,  dann  folgt  der  Schafkäse ; 
weniger  wertvoll  ist  der  Ziegenkäse.  Der  Käse  wird  vom  Früh- 
jahr bis  Herbst  erzeugt.  Im  Frühjahr,  wenn  Käse  gemacht 
wurde,  molk  man  die  Kühe  morgens,  im  Sommer  aber  mittags. ' 

'  Pastorum  casa  Florus  I.  XIII.  18.  Paris,  Lemaire.  Casa  pecuaria 
.Toliannes  de  Ephes.  Frag.  Amst,  1889.  c.  XYI. 

2  Lib.  1,.  cap.  VIII. 

•^  In  Epirus  zu  100  Schafen  je  ein  Hirt,  zu  100  Ziegen  je  zwei 
(Hb,  IL,  cap.  3.). 

•       *  Varro  lib.  II.,  cap.  XI.  Columella  lib.  XIII..  cap.  13. 

^  Über  den  Käse,  als  Zahlung^^mittel  bei  den  wlachisclien  Hirten 
in  der  Gegend  von  Ragusa  im  XIV.  Jahrb..  siehe  K.  .Jirecek  :  Sitzb.  der 
k.  böhm.  Ges,  1879. 


44 


Sie  hatten  viel  sauere  Milch..'  Sie  machten  die  Milch  auch 
in  der  Weise  sauer,  daß  sie  den  Saft  des  Feigenbaumes  hinein- 
tröpfelten. In  Erinnerung  daran  pflanzten  sie  neben  dem 
Heiligtum  ihrer  Göttin,  JRmidna,  Feigenbäume.  Die  Göttin 
bekam  diesen  Namen  nach  Varro  von  der  Mamme,  die  latei- 
nisch rumis  heißt,  die  noch  säugenden  Lämmer  =  sub  rumi 
agni  Wir  sind  nicht  berufen  aus  dem  Wort  Rumina,  rumis, 
den  Yolksnamen  Rumun  abzuleiten,  wir  behaupten  aber  nichts 
Neues,  wenn  wir  den  Sinn  des  Wortes  Rumäne  aus  der  Weide- 
wirtschaft erklären  wollen." 

ni. 

Die  Beschreibung  des  Hirtenlebens  ist  vollkommen  zuver- 
lässitr  und  gibt  ein  einheitliches  Bild  der  römisch-italienischen 
Viehzucht.''  Wir  brauchen  die  Darstellung  VaiTOS  nicht  mit 
Analogien  zu  unterstützen  und  zu  erweitern. 

Es  Avürde  uns  weit  vom  Ziele  ablenken,  wenn  wir  in 
Verbindung  mit  dieser  Beschreibung  alle  jene  Annahmen  erör- 
tern würden,  die  übrigens  eine  große  Literatur  haben,  ob  das 
Hirtenvolk  die  nach  Italien  eingewanderte  italische  Volksschichte 
war,  oder  ob  die  Landmrte  diesen  Hirten  gegenüber  die  Erobe- 
rer waren.  Es  ist  aber  gewiß,  daß  wenn  auch  die  Hirten- 
elemente, die  bei  der  Gründung  Roms  von  überall  herbeiström- 
ten, ihren  Einfluß  in  der  ersten  Zeit  der  Organisierung  des 
Staates  fühlbar  machten,  die  Hauptkraft  Roms  von  den  grmid- 
besitzenden  Landwirten  gebildet  \\Tirde.  Aus  den  topographischen 
Verhältnissen    Italiens,    besser    gesagt    Mittel-    und    Süditaliens 

1  Columella  lib.  XIII.,  cap.  9. 

'  Das  Wort  Rumun  bedeutet  also  Melker.  Rumen  proxlmum  gur- 
gulioni  quo  cibus  et  potio  devoratur.  Isidori  Etjm.  XI.  pag.  406.  Migne. 
Ruminare  =  wiederkäuen.  Bei  Auialfi  ist  Rominianum  Reg.  Nap.  no.  402. 
Übrigens  ist  das  Zeitwort  merrue  =  wiederkäuen  auch  im  heutigen 
Albanischen  zu  finden.  Jedenfalls  gehört  dieses  Wort  zum  gemein- 
samen Wortschatz  der  Italiker. 

■■'  Bei  den  Wörtern,  die  im  Hirtenleben  vorkommen,  sind  aufFalend 
wenig  griechische  Lehnwörter.  Keller  ;  Lat.  Volksetymologie  S.  89.  glaubt, 
daß  diese  Wörter  sich  in  Italien  entwickelt  haben. 


45 


folgte,  daß  die  Weiden  auf  den  Bergen  nur  zur  Viehzucht  zu 
verwenden  Avaren,  und  daß  jene  Hirtenschiclite,  welche  sieh 
durch  die  lange  Beschäftigung  zu  einer  solchen  herangebildet 
hatte,  neben  dem  freien  römisclien  Kultin-element,  welches  kraft 
seiner  Institutionen  Eroberungen  machte,  die  besitzlose  Ur- 
schichte  darstellte. 

Der  Hirt  wird  vom  gebildeten  Römer  durch  seine  Tracht,^ 
besonders  aber  durch  seine  Sprache  unterscliieden.  Cnoius  Ful- 
vius  legatus  (30 1  v.  Chr.)  verstand  die  Hprache  der  mittelitalieni- 
schen Bauern  nicht  (sermo  agrestis  pastoris),  man  mußte  sie' 
ihm  übersetzen,  bezw.  erklären."  Es  bestand  nicht  nur  ein 
gesellschaftlicher,  sondern  auch  sprachlicher  Unterschied  zwischen 
dem  freien  Römer  und  der  uralten  Hirtenbevölkerung.  Wenn 
wir  das  vom  Caesar  auf  die  Hirten  angewendete  Attribut  im 
heutigen  Sinne  nehmen,  so  müßten  wir  sie  wild  nennen.^ 

Infolge  ihrer  Organisation  hatten  sie  aber  ein  starkes 
Unabhängigkeitsgefühl.  Die  Natur  war  ihre  Schule,  mit  der 
gebildeten  Gesellschaft  waren  sie  nur  durch  den  Schafmeister 
verbunden ;  es  war  schwer,  ihnen  gegenüber  den  Begriff"  des  Privat- 
eigentums zu  bestimmen.  Das  Weidenvergehen,  das  Vertreiben 
des  Viehs  und  die  darauffolgende  Bestrafung  gab  öfters  Grund 
zu  Aufruhr.  185  v.  Chr.  entstand  eine  große  Verschwörung  in 
Taranto  in  Apulien.  Der  Praetor  L.  Postumius,  verurteilte  7000 
von  den  räuberischen  Hirten,  worauf  viele  von  ihnen  entflohen.* 

Man  darf  sich  jedoch  dieses  Hirtenvolk  nicht  als  eine 
Kaste  vorstellen,  aus  welcher  man  in  eine  freie  Klasse  nicht 
i^elano-en  konnte.  Zur  Zeit  der  Bür^^erkrieo^e  woirden  die  Hirten 
von  ihren  Herren  bewaffnet  und  in  die  Reihe  der  Soldaten 
gestellt  „die  vor  ihi^en  Herren  in  der  Hoffnung  auf  die  Freiheit 
umso  tapferer  kämpften".'^  Ein  solcher  Austritt  aus  der  Klasse 
der  Hirten    löste   aber  das  Verhältnis    zwischen    dem   Befreiten 

'  Florus  XVII.  4.  Livius  IX.,  cap.  2. ;  X.,  cap.  4. 

-  Livius  X.,  cap.  4. 

^  De  bello  civ.  L,  cap.  57.  „pastoresque  indomiti". 

*  Liv.  XXXIX.,  cap.  29. 

^  Caesar  a.  a.  0. 


40 


und  seinen  alten  Verwandten,  und  der  so  befreite  Hirt  wurde 
nur  für  seine  Person  Mitglied  einer  gebildeteren  Klasse,  die 
große  Masse  der  Hirten  blieb  in  ihrem  früheren  Zustand. 

In  der  Geschichte  des  republikanischen  Roms  spielte  die 
Bewegung  einzelner  Volksklassen,  welche  die  eroberten  Gebiete 
l)esetzten,'  zweifellos  eine  Rolle.  Ebenso  gewiß  setzte  die  Ver- 
Ijreitung  des  Römertums  erst  infolge  der  Eroberungen  des  Kaiser- 
reiches ein.  Von  Augustus  bis  Aurelianus  konnte  sich  das 
Römertum  auf  der  Balkanhalbinsel  ruhig  ausbreiten.  Der  Aut- 
»schwung  der  Macht  des  Reiches  gab  Gelegenheit  dazu.  Wenn 
wir  aber  die  Daten,  die  sich  auf  die  Übersiedlung  der  Römer 
beziehen,  ins  Auge  fassen,  so  sehen  wir  zwar,  daß  der  Prozeß 
tatsächlich  stattgefunden  hat,  daß  aber  hinsichtlich  der  einzelnen 
Details  uns  nur  allgemeine  Umrisse  zur  Verfügung  stehen.  Wir 
wissen,  daß  viele  in  die  Provinzen  ausgewandert  sind,  daß  die 
Kolonisationstätigkeit  der  Truppen  große  Erfolge  erreicht  hat, 
solange  sie  systematisch  geleitet  wurde ,  aber  schon  61  n.  Chr. 
bemerkt  Tacitus.  daß  verschiedene  Gruppen  vermischt  werden 
und  die  in  die  Kolonien  geschickten  Leute  eilig  zusammen- 
gerottete Scharen  seien,  „mehr  eine  Masse,  als  eine  Kolonie ".- 
Aus  dieser  Behauptung  von  Tacitus  kann  man  ebenso  wenig 
eine  Folgerung  ziehen,  wie  aus  einem  Ausruf  desselben : 
„Einst  sandte  man  den  Legionen  in  fernen  Provinzen  aus  Ita- 
lien den  Proviant  nach,  jetzt  ist  Italien  unfruchtbar  und  auf 
Afrika  und  Ägypten  angewiesen."^  Dieser  Umstand  hatte  aber 
auch  einen  anderen  Grund,  als  die  L^nfruchtbarkeit,  die  man 
ohnehin  nicht  im  wörtlichen  Sinne  auffassen  kann.  Eine  noch 
so  intensive  Landwirtschaft  konnte  nicht  soviel  Einkommen 
sichern,  als  der  Handel.    In   diesem    Zeitalter   des    KapitaKsmus 

1  In  Mazedonien  und  Epmis  kann  man  auch  die  Ansiedelung- 
größerer  Massen  annehmen,  wir  haben  aber  darüber  keine  Belege.  Wenn 
wir  die  Eroberung  von  Mazedonien,  Epirus  und  Achaia  berücksichtigen, 
so  hatten  die  italo-griechischen  Beziehungen  am  Beginn  des  Kaiser- 
reiches schon  eine  jahrhundertlange  Greschichte. 

2  Ann.  Hb.  XIV.,  cap.  27. 

3  Ebendort  Hb.  XII.,  cap.  43. 


47 


lial)en  sich  große  Kapitalien  angehäuft  und  die  Wirkung  dieses 
Umstandes  fühlte  der  kleine  Gutsbesitzer  in  erster  Keihe.  Inwie^ 
lerne  diese  Zustände  auf  die  Auswanderung  der  Dienstleute  und 
der  Hirten  einen  Einfluß  hatten,  wissen  wir  nicht.  Es  kann 
aber  mit  Bestünnitheit  behauptet  werden,  daß  Dalmatien  damals 
auf  der  Balkanhalljinsel  die  wertvollste  Provinz  war.  Sie  Avar 
*am  nächsten  zu  Italien,  ihre  Urbewohner,  die  Illyrer  waren 
schon  gebrochen,  ihr  Klima  und  ihre  Vegetation  begünstigte 
das  Vordringen  der  Römer.  Es  ist  nur  natürhch,  daß  die  Aus- 
wanderer und  Ansiedler,  die  nach  Osten  aufgebrochen  waren, 
über  Istrien  nach  Dalmatien  gelangten  und  da  am  meisten 
Wm-zel  faßten.  Die  allgemeinen  Beziehungen  der  dalmatinisch- 
römischen  Ansiedlung  will  ich  nicht  besj^rechen.  Ich  beschränke 
mich  nur  auf  die  Schilderung  jener  wirtschaftlichen  Momente,  die 
die  aufgeworfene  Frage  in  dieser  Richtung  beleuchten   können.^ 

TV. 

Bekannthch  kam  in  der  Geschichte  des  Kaiserreiches   dem 


kaiserlichen  Privatbesitze,  dem  Patrimonium  eine  große  Rolle  zu, 
welches  sich  durch  Erljschaft,  Kauf  und  Konfiskation  vergrößerte. 
Xatürhch  handelt  der  größte  Teil  der  ims  diesbezüghch  über- 
liefei-ten  Daten  von  Italien.- 

Von  den  Flaviem  ist  es  bekannt,  daß  sie  die  bebauten 
italienischen  Staatstjüter  verkauften,  aber  die  Weiden  und  Wälder 
in  Picenum  und  Reate,  über  welche  (iebiete  Varro  spricht, 
blieben  im  kaiserlichen  Besitze,  über  dieses  Gebiet  stimmt  die 
Behauptimg  des  Siculus  Flaccus    zu,^    daß  in  dieser    Gegend  die 

'  Siehe  Ladislau.<  Retliv  :  Das  Entstehen  der  walachischen  Sprache 
und  Nation.  1887.  Am  gründlichsten  und  eingehendsten  beschäftigte  sicli 
K.  Jhecek  mit  dem  Romanismus  :  Die  Romanen  in  den  Städten  Dalma- 
tiens  während  des  Mittelalters. 

-  Hirschfeld,  Uniersuchungen  auf  dem  Gebiete  der  römischen 
Verfassung  S.  24  stellt  das  diesbezügliche  Material  bis  1877  zusammen. 

'  De  cond.  agrorum.  Edit.  Goesius.  Amsterdam.  1674.  32.  pag.  2.  Ut 
est  in  Piceno  et  in  regione  Reatiua,  m  quibus  regionibus  montes  Romani 
appellantur.  Nam  sunt  populi  Romani,  quorum  vectigal  ad  aerarium  per- 
tinet.  Angeführt  von  Marquardt :  „Rom.  Staatsv."  II.  S.  248.  1.  Anmerkung. 


48 


Berge  i'öniiscli  genannt  werden.  „Die  Einwohner  sind  Römer 
(Komani)  deren  Steuer  in  die  Stuatskassu  fließt."  Diese  Weiden 
Aviirden  später  zum  kaiserlichen  J Privatbesitz,  der  unter  der  A'er- 
waltung  l>esonderer  Proku)-atoren  stand.  Eine  <jnelle  des  kaiser- 
liclien  Einkommens  ist  das  Weidengekl:  „pascna".  Einzehie 
Schafmeister  der  Hii-tengenossensehaften  dieser  Weiden  .standen 
im  Pachtverhältnis  mit  dem  Prokurator  und  Ivommen  als  solche 
unter  dem  Namen   „conductores"   vor.' 

Es  Aväre  überflüssig  länger  zu  beweisen,  daß  in  jenen 
Gegenden,  wo  heute  nur  mehr  eine  ^^"eidenw^l•tschaft  möglich 
ist,  im  aligemeinen  dasselbe  Hirtenleben  zu  finden  ist.  Der 
römische  Kataster  zog  die  unzugänglichen  AVälder  und  felsige 
Weiden  nicht  in  Betracht.-  Ich  will  damit  nur  sagen,  daß  eine 
( xrundlage  des  italienischen  Wirtschaftslebens :  die  Klasse  der 
Hii-ten  Avährend  des  ganzen  Kaiserreiches  unverändert  blieb  und 
auch  im  r(imischen  Kechtsleben  Spuren  hinterließ.  Bei  diesem 
nicht  angesiedelten  Element  Avar  das  Wegtreiben  des  Viehs  ganz 
gewöhnlich,  so  daß  sich  der  Begrifl'  des  Räubers  und  des  Hii-ten 
in  der  öfl'entlichen  Meinung  deckte.'  Da  die  Hirten  beritten 
waren,  komiten  sie  sehr  leicht  aus  der  fremden  Herde  ein  Stück 
Vieh  wegtreiben  und  dann  verschwinden.  Daher  verbot  Kaiser 
Valens  (364)  den  carapanischen  Hirten,  die  des  Viehraubes  be- 
schuldigt Avaren,  das  halten  von  Pferden.^  Wenn  sie  zu  Fuß 
Avaren,  konnte  man  sie  rascher  einholen.  Dadurch  Aväre  aber  die 
Verpflegung  der  Hirten,  die  auf  entlegenen  Orten  Aveideten,  un- 
möcflich  cjeAVorden  und  deshalb  Avurde  in  den  suburbicarius 
Provinzen  den  nicht  verdächtigen  Hirten  ei'laubt  Zugpferde  zu 
halten."  Honorius  trat  A\deder  strenger  auf  (399)  und  entzog 
diese  Erlaubnis.    Die    Räuber   hatten   ihre  sicherste  Zuflucht  bei 

>  Marquardt  a.  W.  251—252.  —  Weber  a.  W.  229. 
2  Siculus  Flaccus.  S.  24. 

■'  Maiorum  i)iimus  quisquis  ille  tuorum 

Aut  pastor  fuit,  aut  istud,  quod  dicere  vult, 

Juv.  8.  Sat. 

*  Cod.  Theod.  tit.  XXX.  2.  lex.,  „habendi  equini  pecoris  licentiam 
denegamus". 

5  Ebend.  3.  lex. 


49 


den  Hirten,  die  entweder  aus  Fnrclit  gehorchten  oder  Hehler 
waren.  Die  Behörden  hatten  deshalb  viel  zu  tun  und  bestraiten 
die  Banditen  streng  (883).'  Das  Gesetz  hielt  die  Begriffie  Hirt 
lind  Räuber  für  so  nahestehend,  daU  den  Grundbesitzern  ver- 
):)oten  wurde,  (409)  ihre  Kinder  Hirten  in  Pflege  zu  geben 
,,weil  sie  sieh  damit  zur  Gesellschaft  der  Räuber  bekennen". 
JS^icht  freie  Leute  dürfen  es  aber,  „wie  es    oft   geschieht",  tun.- 

Dieses  starke  uralte  Element  von  großer  werbender  Kraft 
wurde  durch  die  Katastrophe  des  Kaiserreiches  und  das  Herein- 
stürmen der  Barbaren  gleichfalls,  aber  weniger,  als  die  Klasse 
der  Landwirte  getrotten.  Die  Goten  brauchten  Ackerboden,  daher 
liel-^en  sie  die  Hirten  in  jenem  Zustande,  in  welchem  sie  waren. 
Bei  den  Einf.illen  der  Barl)aren,  wenn  die  Herden  vertrieben 
A\urden,  nahm  man  auch  jene  Hirten  mit,  die  keinen  Widerstand 
leisteten,  da  solche  Leute  immer  zu  brauchen  waren.  Im  all- 
gemeinen veränderten  sich  diese  Zustände  in  Italien  auch  nach 
dem  Aufhören  des  Kaiserreiches  nicht. 

Diese  Darstellung  bezieht  sich  auf  die  Hirten  Italiens  im 
Zeitalter  der  Römer.  Es  taucht  nun  die  Frage  auf,  in  welcher 
Verbindung  die  Klasse  der  italienischen  Hirten  mit  der  Be- 
setzung der  dalmatinischen  Provinz  steht. 

V. 

Die  Überreste  der  römischen  Hirtenwirtschaft  sind  bis 
heutzutage  in  der  Vieh-,  besser  Schafzucht  Apuliens  in  den  so- 
genannten „Tratturi"  zu  finden,  welche  in  den  Provinzen  Apulien, 
Kalabrien  und  Basilicata  des  heutigen  itahenischen  Königreiches 
Staatsgüter  bilden. 

„Tratturi'"  werden  jene  breiten  Wiesen wege  genannt,  auf 
welchen  das  Vieh  auf  die  Weide  getiieben  wird.  Im  Winter 
hält  sieh  die  Herde  in  der  Gegend  des  sogenannten  Tavoliere 
di  Puglia  auf,  im  Sommer  Avird  sie  aber  auf  die  Weiden  der 
Molise  und  der  Abruzzen  getrieben.^ 

'  Cod.  Theod.  XXIV.  I.  9.  -  Cod.  Just.  XXXIX. 

■'  Cod.  Theod.  lib.  IX.  lex  21. 

•^  Die  Läncre  der  Tratturis  beträo:t  1543  Kilometer. 


50 


In  Italien  werden  dreierlei  Trattnris  untersekieden.  Die 
dnrchsclmittliclie  Breite  der  eigentlichen  Trattnris  ist  111*11  Meter 
(60  apulische  Sehritte).  Diese  führen  aus  den  Winterunterkünften 
und  aus  den  Weiden  des  Tavoliere  in  den  Provinzen  Potenza, 
Bari  und  Leece  in  das  heutige  Tavoliere. 

Zu  der  zweiten  Gruppe  gehören  die  „Bi'acei  di  Tratturo". 
Diese  sind  jene  Straßen,  die  die  einzelnen  Straßen  miteinandnr 
quer  verbinden. 

Tratturelli  werden  jene  IS'ÖO — 55"55  Meter  breiten  AV'ege 
genannt,  welche  zu  den  breiten  Wegen  und  den  Unterkünften 
führen.  Dieses  Straßensystem  wnrd  durch  die  sogenannten  Riposi 
ergänzt.  Unter  diesen  sind  Wiesen  von  oft  bedeutendem  Um- 
fang zu  verstehen,  auf  welche  der  Hirt  seine  Herde  treibt, 
wenn  auf  der  Straße  ein  Gedränge  entsteht.  Heutzutage  sind 
diese  Ruhestellen  größtenteils  verschwunden,  und  die  noch  vor- 
handenen haben  ihre  Bedeutung  verloren. 

Das  Wort  „tavoliere"  stammt  noch  aus  der  Zeit  der 
Römer.  Hinsichtlich  der  Bedeutung  des  Wortes  sind  die  An- 
schauungen sehr  verschieden.  Manche  glauben  es  bedeutet  eine 
Ebene  von  bedeutendem  Umfang.  Nach  Bianchini  nannten  die 
Römer  die  den  Hirten  verpachteten  Weidenparzellen  „tavolieri". 

Schon  zur  Zeit  der  Römer  kannte  man  die  „Tavoliere" 
unter  dem  Namen  „regaliae".  Zur  Zeit  der  Normahnen  hießen 
sie  „Regie  difese". 

Alfons  I.  von  Aragon  stellte  die  Benennung  tavoliere  (in 
seinem  Edikt  von  1.  August  1447  Tivoli)  wieder  her  und 
organisierte  unter  dem  Namen  „Regia  Dogana  della  mena  delle 
pecore  in  Puglia"  eine  neue  Behörde,  deren  Aufgabe  es  war, 
die  Weiden  den  Herdenbesitzern  unmittelbar  zu  verpachten. 
Diese  wurden  „locati  di  Tavoliere"  genannt. 

Diese  Verfügung  schädigte  in  gleicher  Weise  die  Boden- 
kultur wie  die  Viehzucht.  Dem  Landwirt  wurde  nämlich  da- 
durch der  Boden  von  guter  Qualität  entzogen,  und  der  Hirt 
mit  einer  großen  Steuer  und  Gebühr  belastet. 

Zur  Zeit  Josef  Bonapartes  (21.  Mai  1806)  hob  man  diese 
Zustände  auf,  insofeme  die  „locati"   ein  vererbliches  Pachtrecht 


51 


erwerben  und  das  veriDachtete  Feld  einlösen  konnten.  Die 
Bourbonen  setzten  (13.  Januar  1817)  das  Gesetz  Bonapartes 
außer  Kraft,  und  obwohl  sie  einen  Teil  der  Pachtungen  still 
anerkannten,  stürzten  sie  viele  Rechte  um  und  schädigten 
dadurch  die  Viehzucht  sehr.  Die  neuere  italienische  Gesetz- 
gebung (26.  Februar  1865.  Nr.  2186)  löste  die  Frage  so,  dal.» 
die  dem  Staat  gehörenden  Tavoliere,  von  den  Lasten,  die  die 
Bourbonen  darauf  gelegt  hatten,  befreit  wurden,  und  derjenige, 
der  das  Zweiimdzwanzigfache  des  jähidichen  Pachtzinses  bezahlte, 
sein  bisheriges  Pachtgut  als  Erbgut  erhielt. 

Was  die  wirtschaftgeschichtliche  Entwicklung  der  „Tratturi" 
betrifft,  so  beschäftigt  sich  eine  ziemlich  große  Literatur  mit 
dieser  Frage,  die  wohl  nur  mehr  einen  lokalhistorischen  Wert 
besitzt. 

Einige  behaupten,  die  Tavolieri  seien  auf  Grund  der 
Lex  Publia  entstanden,  nach  der  jeder  römische  Bürger  das 
Recht  besaß,  sein  Vieh  auf  die  vom  Feind  eroberte,  nicht  auf- 
geteilte Weide  zu  ti-eiben.  Jene,  welche  dieser  Meinimg  sind, 
glauben,  daß  das  Wort  tratturo  aus  dem  tradoria  und  dieses 
wieder  aus  dem  tradus  stammt.  Tractus  ist  nach  ihnen  aus 
den  Wörtern  iter  und  adus  zusammengesetzt.  Daraus  kann  man 
den  Begriff  des  „ins  itineris  imd  actus"  bilden,  nach  welchem 
jemand  das  Recht  hat  mit  Vieh  und  Wagen  den  Weg  zu  be- 
nützen. 

Nach  der  Meinung  anderer  rief  Alfons  I.  die  Tratturis 
durch  seine  obenerwähnte  Verfügimg  ins  Leben.  Nach  der 
Meinung  G.  Podestäs  kann  keine  der  beiden  Hypothesen 
bestehen,  am  wenigsten  die  zweite,  da  König  Alfons  die  schon 
lange  bestehenden  Trattmis  nur  neu  organisierte.  Nach  seiner 
Meinimg  fand  die  Bildung  der  Tratturi  kurz  vor  der  Besetzung 
Samniums  durch  die  Römer  statt.  Die  samnitischen  Hirten  (aber 
auch  die  von  Vestinum  und  anderswoher)  ti'ieben  nämlich  im 
Winter  schon  vor  der  römischen  Eroberung  ihre  Herden  auf 
die  Weiden  von  Apulien,  und  zwar  auf  bestimmten  Wegen,  die 
von  den  Römern  tractoria  genannt  wurden. 

Die  Weiden   von   Apulien    Avurden    von  den  Römern  mit 

4* 


52 


Keclit  geschätzt,  denn  sie  sind  wirklich  die  üppigsten  AVeiden 
der  Halbinsel.  Sie  förderten  den  Ausbau  der  AVege  um  das 
Hin-  und  Durchtreiben  des  Viehes  zu  erleichtern.' 

Das  römische  Weltreich  wurde  zerstört;  die  Völkerwan- 
<lerung  veränderte  das  bisherige  Verhältnis  zwischen  der 
Hirten  Wirtschaft  und  der  Agrikultur  von  Gnmd  aus.  Die  Land- 
wirte von  Apulien  und  Samnium  suchten  auf  alle  Weise  ilie 
Hirten  zu  unterdrücken. 

Die  Normannen,  beziehungsweise  Roger  I.  brachten  Ord- 
nung in  diese  Zustände,  und  bestraften  mit  Verlust  des  Lebens 
und  der  Güter  jene,  die  den  auf  den  Tratturis  sein  Vieh  trei- 
benden Hirten  bedrückten,  oder  ihn  an  seiner  Wanderung 
hinderten.  Kaiser  Friedrich  H.  ermäßigte  zwar  diese  strenge 
Strafe,  sicherte  aber  auch  die  Wanderung  der  Herden  mid  die 
Benützung  der  riposi."  All  das  war  erfolglos,  bis  Alfons  L  —  schon 
im  Interesse  seines  Arars  —  bindend  anordnete,  daß  die  Hirten 
im  Winter  verpflichtet  sind  ihr  Vieh  „ab  torto  cole"  in  das 
Tavoliere  treiben.  Er  ließ  die  Zahl  der  Tratturi  bedeutend  ver- 
mehren und  ordnete  an,  dieselben  sollen  60  Schritt  breit  sein. 
Infolge  dieser  Verfügungen  blühte  die  Viehzucht  auf  mid  im 
Winter  1494  wurden  1,700.000  Schafe  nach  Apulien  getrieben. 

Natürlich  sahen  die  süditalienischen  Herren  diese  Vieh- 
zucht, welche  größtenteils  nur  dem  Arar  Nutzen  brachte,  nicht 
gerne  und  wo  sie  nur  konnten,  schädigten  sie  die  Herden  und 
legten  ihnen  verschiedene  Lasten  auf. 

Infolge  der  vielen  Beschwerden  ließ  Kaiser  Karl  (1549) 
als  spanischer  König,  durch  Toledo,  Vizekönig  von  Neapel,  eine 
L^ntersuchung  durchführen,  die  zu  einer  Neuregelung  des  AVeide- 
rechtes  führte.  Daraufhin  blühte  die  Viehzucht  wieder  auf  und 
1556  weideten  auf  dem  Tavoliere  1,483.318  Schafe  und  14.400 

•  Als  ein  Beweis  kann  die  Insclirift  über  dem  Tor  von  Sepinum 
angeführt  werden,  in  welcher  der  Rationalis  des  Kaiser  Augustus  den 
Behörden  von  Sepinum  beßehlt,  die  Hirten  von  Sepinum  gegen  die 
Bedrückungen  ihrer  Herren  in  Schutz  zu  nehmen. 

-  In  der  Konstitution  mit  den  Beginn :  Cum  per  partem  Apuliae 
feliciter  transiremus. 


Kühe.  1578  wuchs  diese  Zahl  auf  3,000.000  an,  und  das  Ärar 
bezog  ein  Einkonmien  von  450.000  Dukaten  davon. 

Zu  dieser  Zeit  wurden  die  Grenzen  der  Tratturis  mit  Steinen 
bezeichnet  und  diejenigen  zur  Todesstrafe  verurteilt,  welche  diese 
verrückten.  Mit  diesen  Grenzzeichen  hatten  die  Hirten  viel  zu 
tun  und  für  die  vielen  Streitigkeiten  büßten  die  Hirten:  1<)12 
Avurden  nur  mehr  580.947  Schafe  auf  das  Tavoliere  getrieben. 
1()50  wurde  das  ganze  Netz  ausgemessen  und  ein  Kataster  des 
ganzen  Ge})ietes  gemacht. 

Jedoch  hörten  die  Beschwerden  nicht  auf.  Die  Pächter 
beschwerten  sich  fortwährend  und  hatten  teils  mit  den  Beamten 
des  Arars,  teils  mit  den  bedrückenden  Land^virten  Streitigkeiten, 
Es  nützte  nicht  viel,  daß  die  Angelegenheit  der  Tratturi  einer 
besonderen  Komission  anvertraut  wurde ;  bis  zu  der  erwähnten 
Regelung  von  1806  höi-ten  die  Beschwerden  wegen  unerledigter 
Grenzstreitigkeiten  nicht  auf^  Es  braucht  nicht  gesagt  zu  werden, 
daß  das  Einkonunen  des  Arars  sich  fortwährend  verminderte. 

Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  nahm  zwar  die  Schafzucht 
einen  Aufschwung  (1800  eine  Million),  aber  bis  1865  verbheb 
als  bittere  Folge  der  trostlosen  politischen  Verhältnisse  auch  in 
dieser  Hinsicht  eine  gänzhche  Kechtsunsicherheit.  Von  Schritt 
zu  Schritt  können  wir  beobachten,  Avie  die  Gutsbesitzer  die  Wege 
auf  den  Weiden  sozusagen  expropriieren  und  die  Wiederher- 
stellung aufhalten  Avollen.  Endlich  wurde  dem  in  der  Weise 
abgeholfen,  daß  1875  die  Forstadministration  amtlich  die  Rechts- 
lage und  das  Besitzrecht  der  eizelnen  Straßen  auf  den  AVeiden 
bestimmte  und  nach  einem  Kampf  von  zehn  Jahren  diese  Frage 
löste.  Hienach  beträgt  die  ganze  Länge  der  Wege  1543  Kilo- 
meter und  die  Fläche  des  Tavoliere  15.352  Hektare.  Das  ist 
im  Besitz  des  Arars, 

Man  wird  leicht  verstehen,  daß  zalilreiche  Gemeinden, 
welche  die  einzelnen  Straßen  30  Jahre  durch  bebauten,  ein 
Besitzrecht  darauf  zu  erwerben  bestrebt  waren,  welcher  Bestrebung 
aber  das  Gesetz  im  Wege  stand.  Bis  1865  hatten  diese  Straßen 
öffenthchen  Charakter  und  man  konnte  nur  durch  Erbpacht  und 
dadurch  ein  Eigentumsrecht  erwerben,  dalj  man  den  Boden  ein- 


löste;  der  X.  Artikel  des  Gesetzes  vom  Julire  1865  gab  aber  der 
Finanzbeliörde  Anlaß  die  überflüssigen  Straßen  des  Tavoliere 
mit  der  Zustimmung  des  Provinzrates  verkaufen  zu  kcinnen. 
Die  den  Tratturi  benachbaiien  Gutsbesitzer  erhielten  innerhall:» 
eines  Monats  ein  Vorkaufsrecht,  das  sie  mit  Recht  beanspruchten, 
da  die  durchziehenden  Herden  auf  ihren  Gütern  manchmal  einen 
bedeutenden  Schaden  verursachten. 

Die  Viehzüchter  des  ehemaligen  Königreichs  von  Neapel 
hoffen  heute  noch,  daß  die  Viehzucht  aufblülien  kann  und  sind 
deshalb  gegen  den  Verkauf  der  Tratturi.  Der  Sieg  der  Agrar- 
interessenten  ist  aber  zweifellos.  Mit  letzterem  rechnend  unterbreitete 
die  italienische  Kegierung  am  3.  Mai  1893  dem  Parlament  eine 
Gesetzvorlage,  wonach  die  Breite  der  Tratturi  reduziert  und  die 
Zahl  der  Riposi  auf  das  Miniminn  vermindert  werden  sollte ;  die 
überflüssigen  Tratturi  woirden  verkauft  und  die  übriggebliebenen 
den  interessierten  Provinzen  mit  der  Verpflichtung  übergeben, 
daß  sie  die  Bedürfnisse  der  Viehzucht  decken  müssen  und  die 
Tratturi  ohne  (he  Zustünmung  der  Regierimg  nicht  verkaufen 
dürfen. 

Die  Gesetzvorlage  begründet  diese  Maßnahme  damit,  daß 
eine  halbe  Million  Schafe  nicht  so  viele  Straßen  brauche,  wie 
3,000.000.  Die  Regiermig  hatte  bisher  als  Kosten  der  Instand- 
haltung der  Tratturi  60.000  Lire  bezahlt  und  42.000  Lire  ein- 
genommen, und  so  zahlte  sie  18.000  Lire  darauf.  Nach  Durch- 
fiüii'ung  des  Gesetzes  bekommt  die  Landwirtschaft  7738  Hektar 
guten  Boden  und  die  Regierung  verdient  durch  den  Verkauf 
6,000.000  Lire. 

1893  ist  diese  Vorlage  nicht  Gesetz  geworden.  Die  itaheni- 
sche  Kammer  nahm  die  Vorlage  nicht  wohlwollend  auf,  und 
seither  ist  die  Lage  der  Trattuii  unverändert.  ' 

'  Diese  Skizze  habe  ich  auf  Grund  der  Studie  von  G.  Podestii, 
I  tratturi  del  Tavoliere  di  Puglia,  zusammengestellt  (in  der  Fachzeitschrift 
L'eco  dei  campi  e  dei  Boschi,  Rom  1894.  Nr.  79).  Sehi"  interessant  ist  der 
Aufsatz  von  Masei  Angelo,  Discorso  sull'origine,  costiimi  e  stato  attuale 
della  nazione  Albanese  (sine  anno.  In  der  Kgl.  Bibl.  in  Neapel.  185.  cap.  67) 
über  die  albanischen  Hirten    von    Südalbanien,    der    auch    auf    die  alten 


55 


Meoli,  der  Verwalter  des  Forstinspektorats  von  Foggia 
schildert  dieses  Hirten  leben  in  folgender  Weise : 

„Die  Viehzucht  in  Puglia  beschränkt  sich  hauptsächlich 
auf  die  Schafzucht.  Es  ist  bekannt,  daß  früher  mehr  als  drei 
jVlillionen  Schafe  in  dieser  Gegend  vorhanden  waren,  heute  aber 
diese  Zahl  sehr  tief  gesunken  ist.  Die  Ursache  dieser  „Depecoratio" 
ist  einerseits  das  Gesetz  von  18G5,  welches  das  „Tavolliere  delle 
Puglie"  dieses  aus  großen  Wiesen  bestehende  Gebiet,  in  Acker- 
boden umwandelte,  andererseits  das  italienische  Gesetz  von  20. 
Juni  1877,  welches  die  A])holzung  der  Wälder  gestattete,  in 
dessen  Folge  einige  hunderttausend  Hektar  zum  Ackerboden 
wurden,  besonders  jenes  hügelige  Gebiet,  welches  sich  am  Rande 
der  AVälder  und  der  Wiesen  ersti-eckte. 

Heutzutage  überschreitet  die  Zahl  der  in  Puglia  weidenden 
Schale  auf  keinen  Fall  die  hallte  Million  und  diese  Zahl  verteilt 
sich  auch  unter  den  verschiedenen  Eigentümern  so,  daß  auf  einen 
kaum  mehr  als  2000 — 8000  Stück  fallen.  Heutzutage  ist  die  Schaf- 
zucht so  eingerichtet,  daß  der  HeiT  sich  selbst  damit  nicht  beschäf- 
tigt, sondern  die  Sache  einem  Verwalter,  Schafmeister  anvertraut, 
der  gewöhnlich  ein  mehr  oder  weniger  verständiger  Hirt  ist. 
Sein  Name  ist  ji/.(f.'<S((ro.  Massarius,  massaio,  massaecustos  heißt 
allgemein  der  vilHcus  in  Italien.  Das  Wort  massaro  ist  höchst- 
wahrscheinlich ein  itahenisches  Wort  aus  Picenum,  stammt  aus 
dem  heutigen  albanischen  maza  (grich.  ua^a).  Brot  und  bedeutet 
den  Brotverteiler. 

Der  Massaro.  den  der  Sottomassaro  unterstützte,  teilt  die 
Herde  in  Gruppen  von  250  Stück ;  diese  Gruppen  heißen :  morra. 
Die  Morra,  in  welcher  15  Böcke  sich  befinden,  ^\ird  emem  Hii*ten 
übergeben.  Er  hat  zwei  Hunde. 

Von  Ende  Mai  bis  Ende  September  weiden  die  Herden 
in  den  Wäldern  der  Abruzzen  und  auf  den  Weiden  der  Basihcata. 

Illyrer  ano-ewendet  werden  kann.  Ein  sehr  interessantes  Analogen  bietet 
uns  das  Hirtenleben  in  Sardinien,  wo  die  Rolle  des  conductor  der 
armentarius  curador  hatte  und  der  Name  des  berittenen  Hirten  Mayor 
de  caballos  war.  Eino-eliend  Miscelliiiiea  di  Storia  Italiana  III.  Serie  III. 
B.  Turin   1895. 


56 


Im  Sommer  hat  die  Herde  keine  Unterkunft  und  Schutz  vor  Gewitter 
und  Regen,  sie  hält  sich  meistens  unter  freiem  Himmel  auf.  Es 
muß  bemerkt  werden,  daß  die  Herde  eines  Eigentümers  nicht 
an  einer  Stelle  weidet,  sondern  je  nach  der  Morra,  gruppenweise 
auf  anderem  Gebiet. 

Das  Auftreiben  des  Viehs  von  den  ebenen  Weiden  in  das 
Gebirge  und  das  Abtreiben  von  doi-t  ordnet  das  königliche  Amt 
der  Tratturi  an.  Das  Auftreiben  beginnt  bei  Tag.  Die  Herde 
macht  tüghch  15 — 20  Kilometer,  abends  wird  sie  in  einen  aus 
Hanf  geflochtenen  viereckigen  Zaun  getrieben. 

Selbstverständlich  werden  die  Schafe  abends  und  in  der 
Früh  gemolken  und  aus  der  Milch  Käse  gemacht. 

Die  Milchwirtschaft  ist  dem  sogenannten  Capo  Buttero 
anvertraut.  Buttero  stammt  aus  dem  Woi-t  butta  =  Melkgeschirr. 

Der  Massaro,  Sottomassaro,  Capobuttero,  die  Hirten  und  die 
Hunde  werden  von  den  Butteri  verpflegt.  Je  ZM^ei  Morra  haben 
einen  Buttero,  der  ein  Pferd  oder  einen  Esel  besitzt.  Er  liefert 
auch  das  Futter  und  die  zur  Milchwirtschaft  nötigen  Mittel. 

Die  Hirten  und  Butteri  werden  nie  aus  den  Bewohnern 
der  Ebene  gewählt,  sondern  immer  aus  den  kleinen  Oi-tschaften 
der  Abruzzen,  Molise  und  der  Basilicata  genommen,  je  nach  dem 
die  Herde  auf  diesem  oder  jenem  Gebiet  weidet.  Auf  diese  Weise 
haben  die  Hirten  den  Vorteil,  dal.)  sie  sich  im  Sommer  in  der 
Nähe  ihres  Heimatsortes  aufhalten. 

Der  Massaro,  Sottomassaro  und  der  Capobuttero  werden  nach 
dem  Maß  ihrer  Geschicklichkeit  und  nach  der  Zahl  der  Schafe 
der  Herde  bezahlt.  Die  Hirten  und  die  Butteri  haben  aber  einen 
beständigen  Lohn.  Ihre  jährliche  Entlohnung  beträgt  170 — 200 
Lire,  dreimal  monatlich  bekommen  sie  Brot  (jedesmal  ungefähr 
12  Kilogramm),  einen  Liter  Ol  und  1  Kilogramm  Salz,  und 
jähi-lich  ungefähr  7  Kilogramm  gewöhnliche  Butter,  drei  Schaf- 
häute fürs  Gewand  und  jedes  dritte  Jahr  einen  wollenen  Pelzmantel. 

Die  Hirten  und  die  Butteri  heiraten  aus  ihrem  Dorf,  können 
aber  das  Familienglück  kaum  genießen,  da  sie  nur  von  Ende 
September  bis  Ende  Mai  in  jeder  zweiten  W^oche  auf  zwei  Tage 
nach  Hause  gehen  dürfen    und   nur   ausnahmsweise  wöchentlich 


57 


einmal.  Sie  gehen  Samstag  nachmittag  nach  Hause  und  kommen 
jNIontag  in  der  Früh  zmüick.  Aber  auch  dann  haben  sie  keine 
vollständige  Freiheit,  da  sie  die  l'fhcliten  des  Buttero  über- 
nehmen, während  der  Buttero  das  Vieh  hütet." 

Ich  konnte  nur  eine  kurze  Schilderung  des  italienischen 
Hirtenlebens  geben.  Aber  aus  dieser  Schilderung  ist  schon  klar, 
daß  wir  die  antiken  Sitten  nur  wenig  verändert  vor  uns  haben. 
Nun  will  ich  auf  die  Frage  antworten,  in  welcher  Beziehung 
dieses  itahenische  Hirtenvvesen  zu  der  Besetzung  Dalmatiens  steht. 

VI. 

Es  wäre  eine  unbegründete  Kombination,  wenn  wir  das 
allgemeine  Bild  der  römischen  Besetzungen  auf  die  Verhältnisse 
der  Provinz  Dalmatien  anwenden  wollten.  Wir  können  nur 
behaupten,  daß  die  wirtschaftliche  Besetzung  der  Provinz  aus 
den  Terrainverhältnissen  zu  erklären  ist.  Es  ist  weiter  natürlich, 
daß  zur  Zeit  des  römischen  Imperiums  die  dalmatinische  Küste 
mit  ihren  Zentren,  aus  welchen  die  Straßen  in  die  Gegend  der 
Save  und  der  Donau  führten,  das  römisclie  Element  mehr  anzog, 
als  das  Gebirge  des  inneren  Landes. 

Wenn  wir  in  Betracht  ziehen,  daß  nur  50*8  Vo  jener  Gebiets- 
fläche von  12.884  Quadratkilometer,  welche  heute  Dalmatien 
genannt  wird,  fruchtbar  ist  und  davon 

Acker 10-7Va 

Weiden 4r,-3Vo 

^Veingarten ♦j*4Vo 

Garten  und  AViesen      ....  8"77o 

Wald 80-0  Vo 

so  wird  man  nicht  sehr  kühn  sein,  wenn  man  für  die  Zeit  der 
Römer  eine  ähnhche  Verteilung  annimmt;  wir  müssen  nur  den 
Anteil  des  Waldes  auf  Kosten  des  Ackerbodens  höher  ansetzen. 
Wenn  wir  diese  Küste  und  das  heutige  Bosnien  und  die  Her- 
zegowina, welches  nur  W^ald-  und  Bergwerkgebiet  war,  in  Betracht 
ziehen,  so  hatte  das  uralte  Hirtenwesen  in  der  ganzen  Provinz 
einen  ungleich  größeren  Platz  zur  Petätigung.  als  die  Land- 
wirtschaft;. 


0>* 


Es  gab  hier  Wald-,  AVeiden-  und  Wiesenwirtscliaft.  Bis 
zur  Zeit  des  Kaiser  Vespasianus,  solange  die  11.  Legion  sicli 
auf  dem  Plateau  von  Knin  (Bumuni)  aufhielt,  gehöiien  ihr 
Wiesen,  auf  welchen  man  das  Vieh  weiden  ließ.  Sj)äter  wurde 
auch  das  staatlicher  Besitz  und  dessen  Grenze  zwischen  der 
AViese  und  dem  benachljarten  Waldgebiet  vom  Procurator  be- 
stimmt.' Alle  Güter,  welche  in  dieser  Provinz  entstanden  waren, 
o))  in  kaiserlichem  oder  in  Privatbesitz  —  ausgenommen  der 
Boden  in  der  Xähe  der  fünf  dalmatinischen  Kolonien  — .  bezogen 
ihr  Einkommen  haiiptsächlich  aus  der  Viehzucht.  Wir  verfügen 
ül)er  viel  zu  wenig  Daten,  um  die  Wirtschaftsführung  in  Dal- 
matien  zur  Zeit  der  Römer  so  genau  darstellen  zu  können,  wie 
das  z.  B.  betretfend  Africa  möglich  ist.  Der  Ackerbau  —  inso- 
ferne  anfangs  Subpächter  den  Boden  l^ebauten  —  wurde  unter 
densellien  Bedingungen  betrieben,  wie  in  Italien.'-  Betreffs  der 
Hirten  aber,  dies-  und  jenseits  der  Dinarischen  Aljien.  verfügen 
wir  über  keine  Daten. 

Wir  wissen  nur  soviel,  daß  die  eingeborenen  Hirten  Dal- 
matiens  Illvrer  waren.  Es  taucht  eine  ganze  Menge  von  Fragen 
auf,  wenn  wir  das  Schicksal  einzelner  Schichten  der  römischen 
Besetzung  erklären  wollen. 

Kamen  Hirtenvölker  in  größerer  Zahl  aus  Italien  nach 
Dalmatien y  Wenn  .sie  kamen,  welchem  Dialekt  gehörten  sie  an? 
Wann  kamen  sie?  Was  hat  es  für  einen  Grund,  daß  aus  dem 
dalmatinisch-herzegowinischen  Inlande,  welches  ursprünglich  von 
Illyrern  besiedelt  war,  das  illjrische  Element  vollkommen  ver- 
schwand y  Löste  es  sich  im  Römertum  auf,  oder  w^urde  es  ganz 
vernichtet?  Diese  Fragen  können  nicht  beantwortet  werden. 

Was  wir  darlegten,  beweist  nur  soviel,  daß  das  Bild  des 
italienischen  Hirtenwesens  im  I.  Jahrhundeii  n.  Chr.  gleich 
ist  jenem  des  Hirtenlebens  auf  dem  Balkan.  Das  gibt  zum  Ver- 

'  Corp.  Inser.  L.  13.250.  Hermes  XIX.  Schulten,  Das  Territorinm 
legiüuis.  S.  481. 

2  Schulten,  Die"  lex  Hadriana  de  ruderibus  agris  Hermes.  XIX.  204. 
Die  Reformen  Hadrian.?  bähen  wahrscheinlich  auch  Dalmatien  berührt. 
Vom  selben,    Die  römische  Grundherrschaften.  Weimar,  189G. 


59 


i^leicli  Gelegenheit,  ist  aber  kein  unmittelbarer  bistorisclier  Beweis 
betreffs  der  Herkunft. 

Wir  wollen  auf  den  Einflul.t  der  illyrischen  und  tlirazischen 
Sprachen  auf  die  rumänische  nicht  näher  eingehen.  Was  die 
Sprachwissenschaft  in  dieser  Hinsieht  herausgefunden  hat,  beweist 
nui'  soviel,  daß  rumänische  Hirten  mit  thrazischen  und  illynschen 
Elementen  längere  Zeit  verkehrten.  Die  Ergebnisse  dieses  Ver- 
kehrs sieht  man  am  Wortschatz  mid  an  der  Stniktur  der  rumä- 
nischen Sprache ;  dieser  Umstand  macht  aber  die  Hypothese 
nicht  wahrscheinlicli,  daß  die  Rumänen  in  ihrer  Gesamtheit  aus 
romanisierten  thrazischen  oder  illyrischen  Völkergruppen  hervor- 
gegangen Avären.  ]\Ian  kann  nur  Ijehaupten,  daß  die  Thrako- 
Illyrer  eine  Schichte  der  Rumänen  ]>ilden.  Gewiß  geschah  eine 
Blutvermischung  wählend  des  Verkehres  dieser  Elemente,  aljer 
den  Grad  derselben  kann  man  auf  Grund  der  bisherigen  For- 
schungen nicht  bestimmen. 

Auch  jene  Erklärung  ist  nicht  anzunehmen,  daß  die 
Rumänen  auf  der  Balkanhalbinsel  städtische  Kolonisten  und 
Landwirte  waren  und  infolge  der  Völker wandening  zu  Hirten 
geworden  sind.  Auf  der  BalkanhaDjinsel  waren  echte  römische 
Elemente  ursprünglich  nur  im  westlichen  Teile :  in  Dalmatien, 
Moesien  und  Praevalis. 

An  der  Küste  leben  —  dies  bedarf  keiner  längeren  Erör- 
tenmg  —  heute  noch  Sprossen  des  imter  venezianischen  Einfluß 
gekommenen  (venedigisierten)  Neo-Romanismus.  Im  östlichen  und 
südlichen  Teil  der  Halbinsel  war  aber  das  städtische  römische 
Element  nicht  zahlreich  imd  stand  noch  dazu  unter  dem  kultu- 
rellen Einfluß  des  Hellenismus.'  Infolge  der  Einfälle  der  Völker- 
wandeining  flüchteten  sieh  jene  städtischen  und  landwirtschaft- 
lichen Elemente,  soweit  sie  konnten,  nach  Italien,  viele  wurden, 
da  sie  Widerstand  leisteten,  vernichtet.  Es  gab  zweifellos  Fälle, 
daß  einzelne  sich  ins  Gebirge  flüchteten,  eine  massenhafte  noma- 
dische AVanderung  konnte  aber  nicht  stattfinden.  AVenn  wir 
auch  nicht  in  Betracht  ziehen,  daß    aus    städtischen    Bewohnern 

'  Claudius  sagt  einem  Barbaren  (Suctonius  CXLII.) :  „Cum  utroque 
sermone  nostro  vis  paratus'". 


60 


keine  Nomaden  werden  konnten,  kann  maiv  annehmen,  daß  die 
ihres  ganzen  Gutes  beraubten  städ tischen  Bewohner,  die  vom 
Hirtenleben  keine  Ahnung  hatten,  imd  die  blasse  der  Landwirte 
im  Gebirge  friedlich  hätten  verbleiben  können  y 

Auf  der  Bühne  sind  wir  an  verkleidete  Ritter  gewöhnt, 
aber  von  einer  solcher  Umwandlung  ganzer  Volksmassen,  die 
vertrieben  wurden,  kann  keine  Rede  sein.  Wenn  abe)'  nur  ein- 
zelne sich  flüchteten,  wie  konnten  sich  diese  Element^  zu  einer 
Nation  gestalten  y  L  nd  wenn  wir  annehmen  —  was  notwendig 
ist  —  daß  es  im  Gebirge  eine  Hirtenbevölkerung  gegeben  hat, 
Avelche  die  „lingua  nistica"  sprach,  so  kann  man  sich  vorstellen, 
daß  diese  so  massenhafte  Flüchtlinge  aufgenommen  haben  y 
Diese  von  ihrem  Vieh  lebenden  Hirten  mußten  sich  freuen, 
wenn  sie  Frieden  hatten,  und  was  konnten  sie  mit  den  zu  ihnen 
fliehenden  Herren  anfangen  y 

Alle  diese  Kombinationen  werden  durch  die  Tatsache 
entkräftet,  daß  im  östlichen  Teile  der  Balkanhalbinsel  die 
walachischen  (bulgarisch  und  serbisch  wlach,  neugriechisch 
K()rr(ii\j\  c/)  Wanderhirten  von  Serbien  angefangen  bis  zum 
Schwarzen  Meere  heute  noch  leben. 

Der  Name  der  rumänisch  Redenden  ist  Kutzowlach,  jener 
der  griechisch  Gewordenen  Karakacan.  In  Mazedonien  sind  die 
Schafhirten  Aveiße,  die  Viehzüchter  schwarze  Wlachen.  Wenn 
wir  die  Beschreibung  K.  Jireceks  *  mit  den  Klassikern  vergleichen, 
so  bekommen  wir  ein  vollkommen  übereinstimmendes  Bild  des 
Hii-tenlebens,  wie  es  zwei  Jahrtausende  hindurch  im  Gebirge  un- 
verändert geblieben  ist.  Sie  weiden  in  Gruppen  von  60 — 100 
Personen  vom  28.  April  bis  14.  September  auf  den  Bergweiden 
(in  einer  Höhe  von  1000 — 1500  Meter),  im  Winter  begeben 
sie  sieh  in  die  Katuns:  das  Haupt  des  Katuns  ist  der  Kehaja, 
in  Mazedonien  slawisch  celnik. 

Sie  erkennen  die  staatlichen  Behörden  überall  an,  zahlen 
Pachtzins  für  die  Weiden,  halten  aber  in  ihrer  engeren  Gesell- 
.schaft  an  den  GeAvohnheiten  fest.  Dieses  so  zähe  Volk  wurde 
weder    din-ch    die    römische,    noch    die    byzantinische,    oder    die 

'  K.  .Tirecek,    Das  Fftrstentum  Bulgarien.  118—124. 


61 


bulgarische,  griechische  und  tüi-kische  Herrschaft  seßhaft  ge- 
macht. Sie  blieben,  was  sie  waren :  eine  Hii-tenklasse  mit  eigener 
Sprache.  Insoferne  die  Eroberer,  wie  die  Kroaten.  Serben  und 
Bulgaren  einzelne  Gruppen  in  ihr  Staatswesen  einfügten,  paßten 
sich  diese  dem  slawischen  Rahmen  des  sttiatlichen  und  munizi- 
palen Lebens  an.  Ein  Teil  ging  im  Slawentum,  welches  der 
römisch-byzantinischen  Herrschaft  folgte,  auf. 

Auch  in  der  alten  römischen  Provinz  Dalmatien  gab  es 
ein  solches  Hirtenvolk.  Heute  gibt  es  keine  rumänisch  Sprechenden 
an  der  Küste  oder  auf  bosnischem  Gebiet.  Aber  aus  den  Orts- 
namen mit  walachischer  Endung,  die  im  XII.  und  XHI.  Jahr- 
hundert auf  diesem  Gebiet  vorkommen,  erhellt,  daß  die  slawische 
Ansiedlung  von  Friaul  bis  zu  den  Dinarischen  Alpen  und  zum 
Sar-Dagh  auch  dieses  Hii-tenvolk  vorfand.  Das  Ergebnis  der 
slawischen  Ansiedlung  war.  daß  die  slawischen  Eroberer  die 
Hii-teneleraente,  die  von  der  Küste  entfei-nter  waren,  aufsaugten. ' 

Diese  Aufsaugung  muß  längere  Zeit  gedauert  haben,  bis 
<lie  wandernden  Hirten  infolge  des  Einflusses,  den  einerseits  das 
Christentum,  andererseits  die  slawische  Stammesorganisation  auf 
sie  ausübte,  sprachlich  mit  den  angesiedelten  slawischen  Guts- 
besitzern verschmolzen. 

Die  serbischen,  bosnischen  und  kroatischen  „Wlachen" 
des  Älittelalters  kommen  als  Hirten  von  niederer  Gesellschafts- 
klasse vor,  die  aber  sprachlich  den  Eroberern  gleich  sind,  ihre 
Wm-zel  reicht  aber  in  die  erste  Zeit  der  slawischen  Erobeining, 
in  das  VI.  Jahrhvmdert  zurück. 

Diese  Darstellungen  sind  nur  kleine  Mosaiken.  Es  ist 
kein  vollständiges  Bild  der  politischen  Entstehung  des  wlacho- 
riunänischen  Elementes.  Was  muß  man  tun  um  die  richtige  Quelle 
der  geschichtlichen  Entstehmig  dieses  Volkes  kennen  zu  lernen  y 

1  Was  Friaul  betrifft :  I  nomi  locali  del  elemento  slavo  in  Friuli. 
Firenze,  1897.  In  einer  Urkunde  von  1170—1190  kommt  um  Tagliamento 
der  Name  Radul  vor.  J.  Trinke:  Listine  iz  1.  1170—1190.  Udine.  Diese 
Frage  wurde  von  K.  Jirecek  in  einer  Abhandlung  vollkommen  geklärt :  Die 
Wlacben  und  Maurowlachen  in  den  Denkmälern  von  Ragusa.  Sitzungiäb. 
der  Kgl.  böhm.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Prag.  1879—1880. 


Ö2 


Man  muß  die  Keihe  jener  Fragen  bestimmen,  durcli  deren 
systematische  Behandlung  man  zur  möglichen  wissenschaftlichen 
Lösung  der  rumfinischen  Frage  gelangen  kann.  Absolute  Gewiß- 
lieit  kann  nicht  beanspnicht  werden. 

In  erster  Reihe  muß  man  die  Umstünde  der  Wanderung 
der  Italiker  auf  der  Balkan-  und  italienischen  Halbinsel  erörtern. 

Dann  muß  man  ein  systematisches  Bild  der  Ausgestaltimg 
des  Romanismus  im  westlichen  Teile  des  Balkans  in  Verbindung 
mit  der  Geschichte  der  Illyrer  entwerfen.  Die  kultm-ellen  Be- 
ziehungen des  Romanismus  mit  dem  Slawentum  sind  darzustellen. 

Dann  die  Verhältnisse  des  balkanischen  und  italienischen 
Hirten  Wesens  bestimmen.  Mit  all  dem  parallel  muß  die  sprach- 
wissenschaftliche Forschung  vorgehen.  Was  die  Immigration  der 
moldauischen,  walachLschen,  siebenbürgischen  Rumänen  betrifft, 
so  ist  die  Aufgabe  die  topographische  und  Siedlungsgeschichte 
Siebenbürgens  zu  schreiben.  Die  anthropometrischen  Studien 
brauchen  nicht  noch  betont  Averden.  Sie  werden  uns  das  Bild 
der  Rassenverraischung  geben. 


63 


Albanien  in  der  Vergangenheit.  ^ 

Von  Dr.  Konstantin  Jireceh, 

Die  großen  Umwälzungen  in  den  Balkanländern,  welche 
seit  Oktober  1912  die  Welt  überrascht  haben,  führten  zur  Ent- 
stehung einer  neuen  politischen  Einheit,  zur  Gründung  eines 
autonomen  Albaniens. 

Die  Vergangenheit  Albaniens,  besonders  im  Mittelalter, 
wurde  im  XIX.  Jahrhundert  von  mehreren  fleißigen  Gelehrten 
eifrig  untersucht:  von  dem  bekannten  Verfasser  der  ., Fragmente 
aus  dem  Orient",  Jakob  Philipp  Fallmerayer,  einem  Tiroler  aus 
der  Umgebung  von  Brixen,  von  dem  östeireichischen  General- 
konsul Johann  Georg  v.  Hahn,  von  dem  Professor  in  Königs- 
berg  Karl  Hopf  und  von  dem  Russen  V.  Makusev,  zuletzt 
Professor  in  Warschau.  Eine  feste  Grundlage  wird  ihr  das  von 
L.  V.  ThaUdczy,  Professor  v.  SuflFlay  in  Agram  und  meiner 
Wenigkeit  zusammengestellte  Urkundenbuch  geben,  mit  einem 
umfangreichen  Material  aus  den  Archiven  von  Italien  (besonders 
Korn,  Venedig  und  Xeapel)  und  Dalmatien.  Der  erste  Band  ist 
im  Frühjahr  1913  erschienen.-  Sehr  verdienstvoll  sind  die 
archäologischen  Arbeiten  des  französischen  Konsuls  Degi-and, 
des  österreichischen  Generalkonsuls  Ippen,    des  Dr.  Karl    Putsch 

•  Teilweise  vorgetragen  in  der  Historischen  Gesellschaft  an  der 
Wiener  Universität  am  14.  Januar  1913. 

-  Acta  et  diplomata  res  Albaniae  mediae  aetatis  illustiuntia.  Col- 
legerunt  et  digesserunt  Dr.  Ludovicus  de  Thallöczy,  Dr.  Constantinus 
Jirecek  et  Dr.  Emilianus  de  Sufflay.  Volumen  I  (a.  344—1343).  Vindobonae, 
Holzhausen  1913.  XXXVIII  und  292  S.  (835  Nummern.) 


64 


ans  Sarajevo  und  des  Dr.  Franz  Baron  v.  Xopcsa.  zimi  Teil  in 
den   ..Wissenschaftlichen  Mitteilungen  aus  Bosnien".' 

Die  Darstellung  der  (jeschic-hte  des  Landes  ist  nicht  leicht. 
AUmnien  hat  seit  dem  Altertum  ftie  ein  einheitliches,  großes, 
nationales  Reich  gebildet.  Dadurch  unterscheiden  sich  die 
Alljaner  von  den  Griechen  des  Mittelalters,  den  Bulgaren. 
Öer])en  und  sogar  den  Bosniern.  Albaniens  (lescliichte  veiieilt 
sich  auf  die  Geschichte  verschiedener  fremder  Staaten,  kleiner, 
einheimischer  Fürstentümer  und  der  autonomen  Stämme  des 
Gebirges. 

Die  Yoi-fahren  der  All)aner  waren  die  Illyrier  des  Alter- 
tums (altlateiniscli  Hilurii).  deren  zahlreiche  Gruppen  an  der 
Üstküste  des  Adiiatischen  Meeres  von  Epirus  nordwärts  bis  nach 
Pannonien  wohnten.  In  Italien  werden  die  Veneter  mid  die 
Stämme  Apuliens  (Messapier,  Japjger  usw.)  zu  ihnen  gerechnet. 
Der  Sprache  nach  hatten  sie  eine  Mittelstellung  zwischen  den 
Hellenen  und  Italikern.  Die  aus  den  Inschriften  bekannten 
illyi-ischen  Personennamen  stehen  den  italischen  näher  als  den 
hellenischen.  Sie  sind  nicht  zweistänmiig,  wie  die  Mehrzalil  der 
hellenischen,  germanischen,  slawischen  oder  iranischen,  sondern 
meist  emstämmig.  z.  B.  Bato  (bei  den  Griechen  Baton  geschrieben). 
Apo.  Tato.  Tito,  Verzo.  Plares  (im  Genitiv  Plarentis),  Dassius, 
Plassarus,  Pleuratus  usw.  Auch  die  Oi-tsnamen  Illyricums 
und  Italiens  haben  mitereinander  viel  Gemeinsames.  Das  Volk 
Avar  geteilt  in  eine  Menge  kleiner  Einheiten,  wie  die  Delmatae 
bei  Salona.  von  denen  Dalmatien  seinen  Xamen  hat.  die  Vardaei 

'  Die  von  Dr.  Karl  Patsch,  Leiter  des  bosniscli-lierzegowinischeii 
Instituts  für  Balkanforschung,  herausgegebene  Sammlung  „Zur  Kmide 
der  Balkanhalbinsel,  Reisen  und  Beobachtungen''  (1904  f.)  enthält : 
Karl  Steinmetz,  Eine  Reise  durch  die  Hochländergaue  Oberalbanieus 
(Heft  1) ;  Desselben,  Ein  Vorstoß  in  die  uordalbauischen  Alpen  (3) ; 
Ippen,  Skutari  und  die  nordalbanische  Küstenebene  (5) ;  Steinmetz,  Von 
der  Adria  zum  Schwarzen  Drin  (6) ;  M.  Dr.  Erich  Liebert,  Aus  dem 
nordalbanischen  Hochgebirge  (10) ;  Dr.  Franz  Baron  Nopcsa,  Aus  Sala 
und  Klementi,  albanische  Wandenangen  (11);  M.  Ekrem  Bey  Ylora,  Aus 
Berat  und  vom  Tomor  (13) ;  Nopcsa,  Haus  und  Hausrat  im  katholischen 
Nordalbanien  (16). 


,65 


(Anliaioi  der  Griechen)  ]jei  Mukarska,  die  Docleates  im  lieutigen 
Montenegro,  die  Pirustae  und  Dassaretae  in  Nordalbanien  usw. 
Es  waren  meist  kriegerische  Hirtenstiimme.  Avelche  sich  an  der 
Ivüste  durch  ilire  Piraterie  den  Hellenen  luit^  liömern  xulet/i 
sehr  unangenehm  machten.  »Silberbergwerke  gab  es  in  Damastion 
bei  den  Dassareten,  wahrscheinlich  in  der  heutigen  Di))ra.  Das 
illyrische  Königreich  des  Agron,  der  Königin  Teuta  und  ihrer 
Nachfolger  im  III.  und  11.  Jahrhundert  v.  Chr.  hatte  seine 
^littelpunkte  in  Scodra  (Ökiitari)  und  Jvhi/.<jn  (Risau(|),  umial.'ite 
al>er  nicht  die  JJergstämme  des  nördlichen  Dalmatiens.  Die  Römer 
set/ien  (1()8  v.  Uhr.)  den  letz-ten,  auch  durch  seine  Münzen 
(mit  griechischen  Aufschriften)  bekannten  König  Genthios  als 
A  erblindeten  der  Mazedonier  ab,  aber  die  Unterwerfung  der 
nördliclien  lUyrier  wurde  nach  langen,  schwierigen  Kriegen  erst 
unter  Augustus  vollendet. 

Intensiv  war  der  Kulturein fluß  der  Hellenen.  Die  Bürger 
von  Korkvra  (Korfu)  gründeten  an  der  flachen  Küste  des  heutigen 
^littelalljaniens  zwei  Kolonien,  deren  Sil])ermünzen  heute  in  allen 
Ländern  bis  zur  Donau  und  bis  nach  Siebenbürgen  überall 
gefunden  werden.  Ein  wichtiger  Platz  war  Epidamnos,  später 
Dyrrhachion  genannt  (jetzt  albanisch  Dürres,  slawisch  Drac, 
italienisch  Durazzo),  ursprünglich  auf  einer  felsigen  Halbinsel 
erbaut,  alle  Jahrhunderte  hindurch  ein  Hauj^tort  des  albanischen 
Küstenlandes.  Das  südlicher  gelegene  Apollonia  ist  seit  dem 
Zeitalter  Kaiser  Justinians  verödet,  durch  die  fortschreitende 
Versumpfung  der  benachbarten  Flußmündungen.  Die  von  Dr.  K. 
Patsch  beschi-iebenen  Ruinen  liegen  an  der  Mündung  des  Semeni, 
Ijei  dem  griechischen  Kloster  „Panagia  tis  ApoUonias"  und  dem 
von  Aromunen  (Kutzowalachen)  l^ewohnten  Dorf  Pojani.  ^  Der 
Erlie  von  Apollonia  wurde  das  südlicher  gelegene  Aiüon,  das 
jetzige  Valona  (griechisch  aulon.  Graben  oder  Kanal),  überragt 
V(.)n  der  großen  Bnrg  Kanina.  mit  einem  vortrefflichen,  natür- 
lichen Hafen.  Eine  Kolonie    der    Syrakusaner   bestimd    seinerzeit 

1  Dr.  Karl  Patsch,  BsiH  Sandschak  Berat  in  Albanien.  "Wien,  1904,  4". 
(Schriften  der  Balkankommission  der  kaiserlichen  Akademie  der  Wissen- 
schaften, Antiquarische  Abteilung.  Nr.  111.) 


Q6 


auch  in  Lissos  mit  der  Burg  Akrolissos  über  der  ^^t<ldt.  in  dem 
jet/jgen  Alessio  (allmniscli  imd  slawisch  Ljes). 

Der  alexandrinische  Geograph  Ptolemaios  im  II.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  erwähnt  im  Lande  östhch  von  Lissos  einen 
vStamm  der  Albaner  mit  der  Stadt  Albanopolis,  deren  Lage 
Hahn  in  den  Ruinen  von  Skurtese  am  Westfuß  des  l^orges  von 
Kroja  suchte.  Der  Name  dieser  Albaner  wurde  seit  dem  XI. 
Jahrhundei-t  infolge  der  strategischen  Wichtigkeit  ihrer  schwer 
zuofmslichen  Wohnsitze  auf  alle  Keste  der  alten  lUyrier  ül:»er- 
tragen.  Die  Landschaft  um  Kroia  und  Elbassan  heißt  im  XL 
bis  XV.  Jahrhundert  bei  den  Byzantinern  Arbanon  oder  All>anon. 
lateinisch  Arbanum,  altserbisch  Kaban.  Das  Volk  nannte  man  mit 
stetem  Wechsel  zwischen  l  und  r  griechisch  Albanoi,  Arbanoi 
oder  Al])anitai,  Arbanitai,  lateinisch  Arbanenses  oder  Albanenses. 
Aus  der  lateinischen  oder  romanischen  Form  ist  auch  das  sla- 
wische Arbanasi  entstanden,  aus  der  neugriechischen,  die  Arva- 
nitis  lautet,  endlich  die  türkische  Arnaut.  Die  Albanesen  nennen 
sich  selbst  ebenfalls  Arber  oder  Arben.  Jünger  ist  der  Xame 
Schkipetaren  (nach  Gustav  Meyer  von  lat.  excipio,  vernehmen  I ; 
er  ist  auch  den  im  XV.  Jahrhunde i-t  nach  Italien  und  Griechen- 
land ausgewanderten  Al]:)anern  unbekannt.  Die  Sprache  zerfällt 
in  zwei  von  einander  sehr  verschiedene  Dialekte,  den  der  <iegen 
im  Norden  und  den  der  Tosken  im  Süden. 

In  der  römischen  Kaiserzeit  teilte  sich  die  nördliche  Hälfte 
der  Balkanhalbinsel  in  zwei  Gebiete,  in  ein  romanisiertes  und 
ein  hellenisieries.  Die  Grenzlinie  zwischen  beiden  läßt  sich  nach 
Inschriften  und  Stadtmiinzen  ziemlich  gut  feststellen.  Sie  verlief 
von  Alessio  ostwärts  durch  die  Berge  Albaniens  nach  Mazedonien, 
wo  sie  die  Stadt  Scupi  (Skopje)  auf  der  Südseite  umzog  und 
weiter  zwischen  Naissus  (Nis)  und  dem  jetzigen  Phot  das_ 
Haemusgebiet  erreichte.  Die  römische  Besiedelung  verteilte  sich 
wieder  auf  zwei  Gebiete.  Älter  war  die  bürgerliche  Kolonisation 
in  Dalmatien,  wo  die  Reste  der  mittelalterlichen  romanischen 
Dialekte  sehr  altertümliche  Formen  bewahrten,  jünger  die  mili- 
tärische Bevölkerung  um  die  großen  Legionslager  an  der  Donau. 
wo  sich  langsam  das  Rumänische  bildete.  In  der  Mitte  zwischen 


67 


Dalmatien  und  den  Donaurömern  lag  ein  hall)lateiniselies  Gebiet, 
l>ewohnt  von  den  Illyriern  der  Berge.  Das  Albanische  ist  beute 
noch  voll  romanischer  Elemente,  allerdings  verschiedenen  Alters, 
von  den  alten  lateinischen  angefangen  bis  zu  den  venezianischen. 
Miklosich  zählt  ihrer  930,  Gustav  Meyer  1420,  angel^lich  mehr 
als  ein  Viertel  des  ganzen  Sprachschatzes.  Schuchardt  und 
Gustav  Meyer  bezeichneten  das  Albanische  als  „halbromanische 
Mischsprache".  Lateinisch  sind  die  Ausdrücke  für  die  gewöhn- 
lichsten Begriffe :  mik  amicus,  print  parentes,  vertut  Kraft  (aus 
virtutem),  mort  mors,  kjutet  Stadt  (aus  civitatem),  engust  angiistus, 
numeroii  numerare,  kenton  cantare  usw.^  Aus  der  Römerzeit 
stammt  auch  die  christliche  Terminologie  der  Albaner,  eljenso 
wie  die  der  Rumänen.  An  Dalmatien  und  Hellas  erinnert  in 
Albanien  die  große  Anzahl  von  Dörfern  mit  Heiligennamen, 
alten  Kirchennamen  aus  dem  früheren  Mittelalter,  etwas,  was 
in  Bosnien,  Serbien  und  Bulgarien  fast  ganz  fehlt.  Römische 
Kolonien  gab  es  einst  auch  im  halbgriechischen  Gebiet  südlich 
von  der  oben  erwähnten  Grenzlinie.  Eine  Großstadt  von  latei- 
nischem Typus  war  Dyi-rhachium,  viele  Jahrhunderte  lang  eine 
wichtige  Station  auf  dem  Wege  von  Rom  über  Bi-indisi  und 
Salonik  in  den  Orient.  Römer  wohnten  auch  in  Byllis  (oder 
Bullis)  in  dem  Hügelland  östlich  von  Valona. 

Große  Veränderungen  brachten  die  Stürme  der  Völker- 
wanderangen,  die  auf  der  Balkanhalbmsel  erst  im  VH.  Jahr- 
hundert n.  Chr.  zum  Abschluß  gelangten.  Die  Provinzialen  der 
Donauländer,  meist  Hirten,  zogen  sich  langsam  gegen  Süden 
zurück.  Ein  Teil  der  Romanen  gelangte  bis  nach  Thessalien  und 
Epirus.  Ebenso  wurden  ohne  Zweifel  auch  die  Reste  der  Illyrier 
südwärts  gedrängt,  in  die  früher  vorwiegend  griechischen  Pro- 
vinzen. Das  Donaugebiet  haben  im  VI.  bis  VH.  Jahi-hundert 
die  Slawen  besetzt,  im  Norden  in  großen  Massen,  im  Süden, 
wo  einzelne  slawische  Stämme  bis  nach  Griechenland  vordrangen, 
in  gerino-erer    Anziihl.    Von    den    serbokroatischen    Stämmen    an 

'  Gustav  Meyer,  „Die  lateinischen  Elemente  im  Albanesisclien", 
neu  bearbeitet  von  Meyer-Lübke,  in  Grubers  Grundriß  der  romanischen 
Philologie,  2.  Aufl.,  Straßburg,  1906,  I,  1038—1057. 

5* 


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der  adriatischen  Küste  waren  die  siidliclisteii  die  l)i(tl<litier  oder 
Diokleer  im  heutigen  Montenegro,  so  benannt  nadi  der  römischen 
Stadt  Doelea  bei  dem  jet/^igen  Podgorica,  in  dein  einstigen  Gebiet 
der  illyrisclien  Dokleaten.  Aus  Mazedonien  erreichte  eine  Strö- 
mnno-  der  slawischen  Kolonisation  die  Meeresküste  zwischen 
Durazzo  und  Valona,  heute  kenntlich  an  einer  Menge  von  Oiis- 
namen.  Auch  griiÜere  St'idte  und  Bischofsitze  führen  dort  shi- 
wische  Namen,  voran  „die  weiße  Burg".  .,Belgrado  di  Romania" 
der  Itidiener,  Bellagrada  der  Byzantiner,  das  heutige  Berat  in 
Mittelalbanien.  Auch  in  Epirus  war  die  slawische  Kolonisation, 
wie  aus  den  Ortsnamen  der  byzantinischen  Urkunden  und  der 
heutigen  Karten  zu  sehen  ist,  nicht  unbedeutend. 

Das    Zentrum    des    byzantinischen    Besitzes    an    der  Adria 
war  Dyrrhachion,  Geburtsort  des  Kaisers  Anastasiosl.  (491 — 518), 
eines    der    Vorgänger    Justinians,    doch    der    Umfang    der   Stadt 
wurde  wiederholt  verringert,  wie  an  den  Besten  der  Mauern  zu 
sehen    ist,    deren  Linien  immer  mehr  zusammengezogen  wurden. 
Die    Xordgrenze    der    Provinz,  des  byzantinischen   „Thema"   von 
Dyrrhachion.  1  )efand  sich  noch  im  X .  Jahrhundert  auf  der  Xord- 
seite    der  Stadt  Antivari.  In  diesem  nördlichen  Teil  der  Provinz 
behauptete  sich  noch  lange  die  romanische  Bevölkerung  in  zahl- 
reichen   großen    und    kleinen    Städten    dicht   nebeneinander,    in 
Scodra,    Drivasto,     Soacia    (serbisch    Svac).    Dulcigno.    Antivari 
usw.    Seit    dem    X\\    Jahrhundert    sind    diese    Bomanen    ver- 
schwunden,   meist    durch    Albanisierung,  aber  in  den  Orstnamen 
und  Flurnamen  lebt  eine  Menge  von  Erinnerungen  an  das  Römer- 
tum  noch  inuner  fort:  der  Fluß  Valbona  in  den  Bergen  östlich 
von  Skutari,  der  Fluß  Rioli  (rivulus)  zwischen  Skutari  und  Pod- 
gorica,   die    Ortschaft    Fundina    (fontana)    usw.    Seit    dem    Aus- 
bruch   des  Kampfes  um  die  Bilder  im  VIII.  Jahrhundert  haben 
die    Kaiser    von    Konstantinopel    der    früheren    Verbindung    der 
Kirche  dieses  Gebietes  mit  Rom  ein  Ende  gemacht.  Die  Bischöfe 
der    Landschaft    von    Skutari    erscheinen  in  alten  Katalogen  der 
orientalischen  Bistümer  als  untergeordnet  dem  griechischen  Metro- 
politen von  Dyrrhachion.  Infolge  der  Kämpfe  der  Diokhtier  gegen 
Byzanz    wurde    aber   im  XI.  Jahrhundert  ein  neues  kathohsclies 


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lOiv-bistiim  in  Antivuri  erriclitet,  welches  heute  noch  fort! bestellt. 
Zu  dieser  eiv.bischüfhchen  Kirche  gehörten  /^ihh-eiche  Bistümer 
in  den  Stiidten  der  Landschaft  von  Skutari  und  im  benach)>artfni 
Gebirge,  wo  der  „episcopus  Polatensis"  (in  J^ilati)  und  der 
„episcopus  xlrbanensis"  residierten.  In  Mittelalbunien  behauptete 
dagegen  die  griechische  Kirche  ihren  Einflul.'),  meist  durch  das 
autokephale  Er/,bistum  von  üchrid.  dus  erst  1707  mit  dem 
Pati'iarchat  von  Konstantinopel  vereinigt  wurde. 

Die  Albaner  des  früheren  Mittelalters  waren  auf  ein  kleines 
Gebiet  beschränkt.  Ihr  Kern  wohnte  in  dem  Viereck  zwischen 
Skutari,  Frizren,  Ochrid  und  Valona.  mit  einzelnen  Ausläufern 
weit  gegen  Norden.  Im  XIV.  Jahrhundert  werden  in  Urkunden 
„Arbanenses"  mit  albanischen  Personennamen  unter  d(m  Bauern 
l»ei  Uattaro  erwähnt,  ebenso  in  dem  jetzt  rein  serbischen  Tal 
von  Crmnica  im  Nordwesten  des  Sees  von  Skutari.  Eine  seit 
1300  erwähnte  Hirtengemeinde  bei  Stolac  in  der  Herzegowina, 
die  Burmasi  oder  Burmazovici,  hat  ihren  Namen  von  dem  mittel- 
alterlichen albanischen  Personennamen  Burmad,  „der  groLie  Mann". 
In  Montenegi-o  gibt  es  albanische  Ortsnamen  in  liandschaften, 
wo  hente  niemand  mehr  albanisch  spricht:  Singjon  (albanisch 
der  hl.  Johannes),  Goljemade  (urkundlich  schon  1444,  albanisch 
„Großmäuler",  gulae  niagnae),  Sekulare  (von  saeculum,  all)anisch 
sekul,  die  Welt)  usw.  Merkwürdig  sind  die  Sagen,  welche 
albanische  und  serbische  Stämme  von  gemeinsamen  Urvätern 
ableiten,  so  z.  B.  die  jetzt  serbischen  Vasojevici,  Piperi,  Ozrinici 
und  die  jetzt  albanischen  Krasnici  und  Hoti  von  fünf  Brüdern. 
Die  Kuci  im  Osten  von  Montenegro  sind  heute  orthodoxe  Serlien : 
Mariano  di  Bolizza  aus  Cattaro  erwähnt  sie  1014  in  seiner  Be- 
schi'eibung  des  Landes  als  „Chnzzi  Albanesi",  ,,del  rito  z-omano'.' 
In  der  Landschatf;  von  Prizren  und  Pec  (Ipek)  finden  wir  in  den 
Brieten  des  Erzbischofs  Demetrios  Chomatianos  von  (Jchrid 
(um  1280)  und  in  den  sehr  ausführlichen  serbischen  Kloster- 
urkunden, besonders  von  Decani  (1330)  und  des  ErzengeLklosters 
von    Prizren.    eine    dichte    ackerbauende    Bevtilkerung  mit  Hun- 

^  Ausgabe  von  S.  Ljnbic  in  den  „Starine"  der  Agramei*  Akademie, 
Bd.  12.  S.  182. 


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derten  von  altertümlichen  slawischen  Personennamen.  Dazwischen 
erscheinen  bei  Prixren  nm-  einzelne  Albaner,  Ljesch  (Alexios), 
Gjon  oder  Gin  (Johannes)  usw. 

Die  Alljaner  selbst  sfemden  im  Mittelalter  den  Griechen 
und  dalmatinischen  Romanen  viel  nilher,  als  den  neul)ekehrten 
Slawen.  Sie  waren  ein  altchristliches  Volk  von  mehr  städtischer 
Kultur.  Jeder  Albaner  führte  zwei  Namen.  Der  erste  war  in  der 
liegel  ein  christlicher  Vorname,  Peter,  Paul,  Johannes.  Alexius, 
Demetrius,  Mauritius,  Lazarus  u.  dgl,  selten  ein  nationaler  Name, 
wie  Burmad,  Barda  (weiß),  Progon  usw^  Der  zweite  war  meist 
der  Name  einer  Sippschaft  oder  eines  Dorfes,  wie  der  heute'noch 
wohll)ekannten  Tuzi,  Skreli,  Kastrati  usw.  Auch  die  Stämme 
Nordalbaniens  tauchen  frühzeitig  aut^  z.  B.  die  Hoti  östlich  vom 
See  von  Skutari  seit  1330,  Den  belehrendsten  Einblick  in  das 
Detail  gewiihrt  das  venezianische  Kataster  des  Gebietes  von  Sku- 
tari vom  Jahre  1416,  welches  alle  Hausbesitzer  der  Dörfer  und 
natürlich  auch  alle  Edelleute  aufz'ihlt.' 

Die  Geschichte  dieser  Länder  tritt  erst  in  den  letzten  Jahr- 
hundei-ten  des  Mittelalters  in  volles  Tageslicht.  Selbst  in  den 
Kiiegen  der  Byzantiner  mit  dem  alten  Bulgarenreich  ist  von  den 
Albanern  keine  Kede,  obwohl  Symeon  von  Bulgarien  einmal 
(mii  896)  30  Kastelle  bei  Dyrrhachion  eroberte  imd  obwohl  im 
X.  mid  XL  Jahrhundei-t  Ochiid  Residenz  der  Bulgaren  war  und 
der  letzte  Zar  Johannes  Wladislaw  (1017)  bei  einer  Belagerung 
von  Dm-azzo  den  Tod  fand.  Später  wurde  Dioklitieu  das  Zentrum 
der  Serben,  deren  König  Bodin  (um  1082 — 1100)  in  Skufciri 
residierte.  Eine  reichere  Fülle  von  Nachrichten  beginnt  in  den 
Zeiten  der  Kriege  der  Byzantiner  mit  den  Normannen  Unter- 
italiens im  XI,  und  XIL  Jahi'hundert,  deren  Gegenstimd  in  der 
Regel  der  Besitz  von  Durazzo  war.  Da  werden  die  Albaner  (l>ei 
Michael  Attaleiates  im  XI.  Jahrhundert)  zum  ersten  Male  genannt. 
Der  letzte  große  griechische  Kaiser  Manuel  Komnenos  (1143 — 
1180)  erneuerte  noch  einmal  die  Herrscliaft  von  Byzanz  sowohl 
im  ncirdlichen  Dalmatien,  mit  dem  Sitz  in  Spalato,  als  im  Süden. 

•  Bisher  nur  in  einem  Auszug  von  S,  Ljubic  in  den  „Starine"  der 
Südslaw.  Akademie,  B.  14  (1882)  herausgegeben. 


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in  Skutari.  Antivuri,  Dukigno  und  Unigel)ung.  Nucli  seinem  Tode 
Avnrde  Ijei  dem  Verfall  des  Konsümtinopler  Keiehes  dieses  Grenz- 
gebiet von  dem  serbischen  Fürsten  Stephan  Xemanja  erobert  und 
im  Frieden  mit  Kaiser  Isaak  Angelos  (1190)  beluiuptet.  Die 
serbischen  Nemanjiden  Ijesal.ien  fortan  Ökutiiri  und  Antivari,  sowie 
die  Landschaft  von  Polatum  (altserb.  Pilot)  in  den  Bergen  auf 
dem  AVege  von  Skutari  naeli  Prizren.  Die  Städte  erhielten  von 
den  serbischen  Königen  grol.ie  Privilegien,  ebenso  das  katholische 
Erzlnstum  von  Antivari.  dessen  Bistümer  eben  damals  durch  neue 
Bischofsitze  in  Balezo.  Dagno.  Sappata  usw.  vermehrt  wurden. 
Die  serbischen  Thronfolger  residierten  gewöhnlich  in  Dioklitien, 
das  nach  einem  Flusse  im  heutigen  Montenegro  immer  mehr  zu 
Zetii  umgenannt  wurde.  Die  Residenz  war  ein  Hof  bei  Skutari, 
nach  der  Zeit  des  Stejihan  Dusan  als  „coi^te  de  lo  imperador" 
bekannt.  Auch  die  Witwe  des  Serbenkönigs  hatte  oft  in  Dulcigno 
ihr  AVi twengut. 

(xroße  Vei-änderunt;en  brachte  die  Eroberung  von  Konstanti- 
nopel  durch  die  Kreuzfahrer  und  Venezianer  1204.  Das.  latei- 
nische Kaisei'tum  umfaßte  aber  nicht  alle  Provinzen  des  byzan- 
tinischen Reiches.  Ein  neuer  griechischer  Staat  entstand  im 
Westen,  das  Despotat  von  Epirus  mit  den  Residenzen  in  Arta 
und  Janina,  beherrscht  von  energischen  Männern,  die  selten  eines 
natürlichen  Todes  starben.  Der  erste  dieser  Despoten,  Michael  I., 
versuchte  (um  1215)  sogar  eine  Restauration  der  griechischen 
Herrschaft  in  Skutari,  das  aber  nach  seinem  Tode  rasch  wieder 
von  den  Serben  Ijesetzt  wurde.  Sein  Bruder  Theodor  wurde  der 
mächtigste  Herr  auf  der  Balkanhalbinsel.  Nach  der  Verti^eibmig 
der  Franken  aus  Salonich  (1223)  ließ  er  sich  zum  Kaiser  krönen, 
als  Rivale  der  griechischen  Kaiser  von  Xikaia  in  Kleinasien 
wurde  aber  (1230)  von  den"  Bulgaren  geschlagen  und  gefangen. 
Seinen  Ruhm  verkündet  noch  eine  stolze  Inschrift  auf  einem 
Turm  in  Durazzo.  Den  aus  Griechen.  Slawen  und  Albanern  be- 
stehenden Adel  des  Landes,  ebenso  wie  die  Geistlichkeit,  die 
Stadtbärger.  Bauern  und  Hirten  kennen  wir  aus  der  Korre- 
spondenz des  damaligeii  Erzbischofs  von  Ochrid,  des  berühmten 
Rechtsgelehrten    Demetrios    ('homatianos   (um  1217 — 1234),  mit 


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vielen  Details  ans  dem  gesellscbiftlichen  Leljen  dieser  Zeit.  I);i> 
erste  albanisclie  Dynastengeschlet-ht  erseheint  in  dieser  <^nelle 
in  der  Landschaft  Arl^annm  mit  der  festen  Burg  Kroja :  es  sind 
die  Äwei  Söhne  des  Progon,  Demetrius.  ein  Schwiegersohn  des 
„erstgekrönten"  serbischen  Königs  Stephan,  des  Sohnes  des 
Xemanja,  und  Gin  (Johannes).  Von  km-/,er  Dauer  Avai-  die  Herr- 
schaft des  bulgarischen  Zaren  Joliannes  AsPn  IT.  (t  1241)  und 
seines  Sohnes  Kaliman  (f  124())  in  Ochrid  und  Arbanum.  Dann 
drangen  die  Griechen  von  Xikaia  bis  /.um  Adriatischen  Meer  vor. 
unter  den  Kaisern  Johannes  Dukas  Vabitzes  und  Michael  Palaio- 
logos,  welcher  bald  auch  die  „Lateiner"  aus  Konstantinopel  ver- 
ti-ieb  (1261).  Despot  Michael  II,  sicherte  sich  durch  einen  Bund 
mit  Manfred,  dem  König  beider  Si/.ilien.  welcher  Schwiegersohn 
des  Epiroten  wurde  und  als  Mitgift  seiner  Gemahlin  Helena  die 
mchtigsten  Plätze  Mittelalbaniens  erhielt.  Dura/^zo,  Valona  und 
Berat  (1259).  Das  war  der  Anfang  der  langen  neapolitanischen 
Herrschaft  an  der  Küste  Albaniens. 

Sieben  Jahre  s})äter  fiel  Kftnig  Manfred  bei  Benevent  (126<5) 
im  Kampfe  gegen  Karl  von  Anjon.  Dieser  energische  Bruder  des 
Iranzösischen  Königs  Ludwig  IX.  des  Heiligen  verfolgte  im  Bimd 
mit  dem  vertriel)enen  lateinischen  Kaiser  Balduin  IT.  große  Pläne 
im  Orient.  Die  Besitzungen  Manfreds  in  Albanien  wurden  )uicli 
einigem  Widerstand  der  Anhrmger  des  letzten  Staufen  und  der 
Epiroten  von  den  Truppen  Karls  besetzt,  vor  allem  Korfu  und 
Durazzo  (1272),  avo  fortan  ein  Generalkapitän  des  neuen  Herr- 
schers residierte.  Da  erscheint  zum  ersten  Male  der  Xame  eines 
Königreiches  Albanien,  eines  „regnum  AUianiae".  AuUer  Durazzo. 
welches  eben  dm'ch  ein  großes  Erdbeben  gelitten  hatte,  gehörte 
dazu  an  der  Küste  Butrinto  (griechisch  Butliroton)  gegenülier 
Koi-fu,  Chimara,  Valona,  im  Innern  Bei-at  und  Kroja.  Zum  ersten 
Male  liest  man  in  den  Urliunden  die  Namen  der  albanischen 
Adelsfamilien,  die  seitdem  viel  genannt  wei-den:  die  Topia, 
Arianit,  Gropa,  Scura,  Musachi,  Matarango,  Jonima  nsw.  .Mit 
den  wankelmütigen  Albanern  des  Gebirges  wurde  oft  gekämpft: 
auch  die  Adeligen  mußten  Geisel  stellen,  welclie  in  den  Burgen 
von   Unteritalien    gehalten  wui'den.  Verl)ündet  mit  den   Kpirott^u. 


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Serben,  Bulgaren  und  mit  Venedig  rüstete  dann  Karl  I.  einen 
großen  Zug  gegen  Konstantinopel.  l)is  die  Öi/.ilianisclie  Vesper 
(1282)  und  das  Auftreten  der  mit  Bv/mva  verbündeten  Aragonier 
in  Unteritalien  auf  einmal  alle  seine  orientalischen  l^läne  um- 
stürzte. Indessen  hatten  die  TrupjK'u  Kaiser  Michaels  Berat 
(1274)  erobert,  mit  vielen  kleinen  Burgen,  bald  auch  Kroja. 
Durazzo  mit  den  llesten  des  Besitzes  der  Jvrone  von  Neapel 
war  dann  eine  Sekundogenitur  der  Anjous,  das  Gel)iet  der 
Herzoge  von  Durazzo. 

Unter  Kaiser  Andronikos  II.  (1282—1328)  reichte  das 
byzantinische  Gebiet  wie  ein  Keil  zwischen  den  Neapolitanern 
und  Serben  einerseits,  den  Epiroten  anderseits  l)is  zum  Adriati- 
schen  Meere.  Valona  war  der  wichtigste  Hafen  des  Kaisertums 
im  Westen.  In  diesen  Kämpfen  schwankten  die  al))anischen 
Adeligen  hin  und  her  zwischen  den  Franken,  Serben  und 
Griechen.  Sie  hielten  stets  zu  dem  augenblicklich  mächtigeren 
Herrn,  um  ihn  bei  der  nächsten  Gelegenheit  wieder  zu  ver- 
lassen. Die  Schwankungen  äußerten  sich  auch  auf  kirchlichem 
Gebiet.  Selbst  Durazzo  wurde  noch  einmal  von  den  Byzantinern 
besetzt,  aber  schon  bald  von  dem  serbischen  König  Stephan 
Uros  IT.  Milutin  ihnen  entrissen  (1296),  um  wieder  den  Anjous 
zuzufallen.  Seitdem  dann  die  Anjous  die  Krone  von  Ungarn 
erlangten,  wurden  sie  in  Albanien  Gegner  der  Serben,  deren 
Herrscher  sich  auch  Könige  von  Albanien  zu  sehreiben  begannen. 

Die  Gebirgsbevölkerung  war  in  diesen  Zeiten  viel  zahl- 
reicher und  stärker  als  die  in  den  endlosen  Kriegen  verfallende 
Bauernbevölkerung  der  Ebenen.  Das  führte  zu  einem  Vorstol.i 
der  Bergbewohner,  zu  einer  albanischen  Wanderung?  sreaen  Südens 
zuerst  nach  Thessalien.  Neben  den  Albanern  beteiligten  sich 
dabei  auch  die  Rumänen  (Wlaehen).  leinen  anschaulichen  Bericht 
darüber  gibt  ein  Zeitgenosse,  der  Venezianer  Mai-ino  Sanudo 
Torsello  in  einem  Briefe  von  1325.^  Die  Albaner  steigen  von 
den  Bei-gen  samt  Frauen  und  Kindern  nach  Thessalien  herab, 
verheeren  das  offene    Land    um    die    festen    Städte    und    Burgen 

'  Auch  bei  Tafel  und  TlioniaH  1,  500  (Fontes  rerum  austr., 
Bd.  12.). 


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„et  ad  presens  coiisumunt  et  destruunt  talitei-,  (juod  quasi  niliil 
remansit  penitus  extra  castra"  ;  vergeljlicli  sei  aller  Widerstand 
der  Grieelien  und  der  Katalonier.  der  damaligen  Herren  des 
Herzogtums  von  Athen.  Ein  griechischer  Dynast  Michael  Gahrielo- 
pulos  nniUte  1842  in  einem  Vertrage  der  thessalisehen  Stadt 
Phanarion  ansdrüeklich  versprechen,  daß  weder  er  noch  seine 
Erl)en  „Alhaniten"  im  Stadtgebiete  ansiedeln  werden.'  Die  großen 
Erfolge  des  jungen  Kaisers  Andronikus  HI.,  welcher  1330  ganz 
Thessalien  und  bald  auch  das  ganze  Despotat  von  Epü-us  flu- 
By/anz  l)esetzte,  stellten  diese  Bewegung  nicht  ein.  Die  al))a- 
nischen  Berghiiien  verwüsteten  damals  die  Umgelsung  der  grie- 
chischen Städte  Bei-at  und  Valona.  Der  Kaiser  unternahm  per- 
sönlich einen  Feldzug  l>is  in  die  Nähe  von  Durazzo  und  ließ 
die  unbotmäßigen  Albaner  von  seinen  Truppen,  besonders  den 
türkischen  Söldnern,  bis  auf  die  Kämme  der  Gebirge  verfolgen. 
Ihre  großen  Herden,  Schafe,  Ochsen  und  Pferde,  wurden  den 
Städten  als  Schadenersatz  zugewiesen.  Bei  den  griechischen 
Bürgern  herrschte  großer  Jubel,  al)er  die  All>aner  sannen  grol- 
lend auf  Rache. 

Als  nach  dem  Tode  des  Kaisers  Andronikos  HI.  (1341) 
das  byzantinische  Reich  durch  den  Kampf  zwischen  den  Parteien 
der  Palaiologen  und  Kantakuzenen  vollständig  untergraben  wurde, 
nützte  der  junge  serbische  König  Stephan  Dusan  die  Verhält- 
nisse energisch  für  sich  aus.  Nach  der  Eroberung  Mazedoniens 
(nur  Salonich  blieb  griechisch)  ließ  er  sich  in  Skopje  zum 
„Kaiser  (Zaren)  der  Serben  und  Griechen"  krönen  (1346).  Zuvor 
nahm  er  Albanien,  Kroja  (1343),  Berat  und  Valona  (1345).  Im 
Pestjahr  1348  besetzte  Zar  Stephan  ganz  Epirus  und  Thessahen 
bis  zu  der  Grenze  des  Herzogtums  von  Athen.  Seine  Truppen 
im  Süden  bestanden  größtenteils  aus  Albanern.  Die  griechischen 
Archonten  (Edelleute)  und  Stratioten  (Lehensoldaten)  wurden  im 
Despotat  von  ihren  Ländereien  vertrieben  und  ihre  Güter  alba- 
nischen Häuptlingen  und  Ki-iegern  übei-geben,  bis  in  die  Land- 
schaft von    Arta.    Epirus    wurde    dadurch    eiti    hall)    albanisches 

'  Miklo.sich  und  Müller,  Acta  graeca  5,  260  ;  nicht  1295,  sondern 
1342,  nach  Dr.  Bees,  „Byzant.  Zeitschrift"  21  (1912)  170. 


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Lund.  Nur  einige  Küstenstädte  wui-en  den  „Fninken"  geblieben, 
den  Anjous  Dura^zo,  Butrinto  und  Lepanto.  den  Brienne  Vonitza. 
Verwandte  des  serl)isclien  Zaren  wurden  Htattlialter  des  Landes, 
in  Berat  und  Valona  sein  Schwager,  der  Desjiot  Joliannes 
..Komnenos  Äsen",  ein  Bruder  des  bulgarischen  Zaren  Joliannes 
Alexander,  in  Epirus  sein  Hal))briider  Öymeun.  Beide  hatten 
Frauen  aus  der  alten  epirotischen  Despotenfamilie  geheiratet. 

Über  die  inneren  Verhältnisse  haben  wir  aus  diesen  Zeiten 
nicht  viele  Nachrichten.  VorheiTSchend  war  bis  zum  XlII.  Jahr- 
liundeii  der  griechische  Einfliil.».  Auch  die  Ötadtiimter  von 
I)urazzo  führten  ncjch  lange  l)yzantinische  Namen :  Prokathi- 
menos,  Kastrofilax  usw.  Die  Herrschaft  der  Anjous  führte 
zu  einer  Verbreitung  des  Lateins  und  der  römischen  Kirche  bei 
Durazzo.  Serbisch  geschrieben  sind  die  meisten  erhaltenen  Urkun- 
den der  albanischen  Edelleute  der  späteren  Zeit  1300 — 1470. 
Bei  Durazzo  berührten  sich  dann  die  drei  Urknndensprachen 
dieser  L'lnder,  griechisch,  slawisch  und  lateinisch. 

In  der  Gesellschaft  standen  im  Vordergrund  die  Adels- 
familien, oft  mit  großem  Besitz  und  starkem  Gefolge,  mitunter 
aJ)er  recht  verarmt,  kampflustig  aufgewachsen  in  Kriegen  und 
Fehden.  Von  alter  Kultur  geben  Zeugnis  die  vielen  Kirchen- 
Ijauten  des  Landes,  heute  meist  in  Ruinen,  im  byzantinischen, 
romanischen  und  gotischen  Stil,  mit  Resten  alter  Fresken.  Die 
Stiidt  Durazzo  war  im  Verfall  durch  die  Versumpfung  der 
Lagune,  die  sie  gegen  das  Festland  abschließt.  Dagegen  war 
Valona  im  Aufschwung,  An  der  Küste,  welche  noch  Hahn  als 
..verwilderte  Lombardei"  bezeichnet,  gab  es  damals  einen  blühen- 
den Ackerbau,  aber  aus  venezianischen  Berichten  wissen  wir, 
wie  die  Bauern  von  den  Adeligen  ausgebeutet  und  unterdrückt 
wurden.  Bedeutend  war  im  warmen  Küstenlande  auch  für  die 
Ausfuhr  die  Kultur  des  Ölbaumes  und  die  Seidenzucht.  Ein 
freieres  Volk  waren  die  Hirten  des  Gebirges ;  in  den  Rechts- 
verhältnissen spielt  eine  grol.ie  Rolle  die  Winterweide  an  der 
Küste,  die  heute  noch  ihre  Bedeutung  nicht  verloren  hat.  Vom 
Bergbau  gibt  es  aus  dem  Mittelalter  keine  Nachrichten,  hoch- 
stens    daß  aus  Valona  Asphalt  ausgeführt  wurde.    Dafüi-    l>lühte 


70 


im  XTII.  l)is  XV.  Jalirhundert  der  Getreidehimdel  an  allen  heute 
so  yerödeten  Flußmitndungen.  Der  bekannteste  Platz  war  das 
Henediktinerklostei-  des  heiligen  Sergius  an  der  Bojana,  der 
Hafen  von  Skutari.  Haiiptai-tikel  von  Dura/z/vO  war  Seesalz,  das 
auf  dem  Meere  weit  ausgeführt  wurde.  An  den  Flüssen  A\nii*de 
von  Venezianern,  Ragusanern,  Apuliern  und  anderen  Bauholz 
aus  dem  Innern,  besonders  Kiclienholz,  verfrachtet;  mitunter 
wurden  dort  gleich  kleinere  Schiffe  gel>aut.  Die  Ausfuhr  })e- 
schäftigte  sich  auch  mit  anderen  Waldprodukten,  den  Früchten 
und  Galläpfeln  der  Valloneneiche  ((^lercus  vallonea)  und  dem 
Gerbersumach.  l)esonders  aber  mit  den  Erzeugnissen  der  Vieh- 
zucht, mit  Vieh,  Fleisch,  Leder  und  Fellen.  Dazu  kamen  Fische, 
besonders  Aale  und  die  „scoranze"  vom  See  von  Skufciri,  sowie 
gesalzener  Fischroggen  (italienisch  Ijottarga).  Aus  Valona  wurden 
Jao'dfalken  ausy-eführt.  In  der  Einfuhr  standen  im  Vordergrund 
Wein  (aus  Dalmatien),  Metallwaren  aller  Art,  besonders  Waffeii. 
sowie  Tücher  aus  Italien,  Goldwaren,  Spezereien  usw.  Störend 
für  den  Handel  war  die  Piraterie.  Sie  wurde  nicht  nur  von  den 
Albanern  l)ei  den  Vorgebirgen  vcju  Rodoni  oder  Pali  betrieben, 
die  mit  ihren  Booten  nachts  l^leineren  Schiffen  auflauerten,  son- 
dern mitunter  mit  größeren  Fahrzeugen  auch  von  Bürgern  von 
Durazzo  und  Dulcigno.  Auch  auf  den  Landwegen  wurden  die 
Karawanen  von  Saumpferden  oft  \on  den  ,,Al))anenses"  über- 
fallen und  ausgeplündert. 

Bald  kamen  Zeiten  des  Verfalls  und  der  Verarnumg.  Xacli 
dem  Tode  des  Zaren  Stephan  Dusan  (18.')."i)  brachen  in  Ser])ien 
Pai-teikämpfe  aus.  welche  die  Auflösung  des  Reiches  in  eine 
Menofe  von  'feilfürstentümern  herbeiführten.  Dusans  Bruder. 
Symeon.  proklamierte  sich  gegen  Dusans  Sohn,  Uros,  zum 
Kaiser,  behauptete  sich  aber  nur  im  Süden,  in  Epirus  und 
Thessalien,  wo  Trikala  seine  Residenz  war.  Ein  Nachkomme  der 
letzten  epirotischen  Dynastie,  der  aus  Italien  stammenden,  aber 
ganz  gräzisierten  Orsini,  welche  urspi'ünglich  Pfalzgrafen  v(m  Ke- 
phalleuia  und  Zante  waren,  der  Despot  Nikephoros  versuchte  eine 
Erneuerung  des  väterlichen  Staates,  wurde  aber  am  Flusse  Ache- 
loos  (jetzt  Aspropotamo)  von  den  iill)anischen  Edelleuten  besiegt 


i  I 


nnd  getötet  (l:')58).  Kaiser  Synieon  üljerließ  dann  Epiras  seinem 
vScliwieg-ersohn  Hiomas.  dem  Sohn  des  serbisehen  Feldliei-i-n 
Preljnl».  der  (])is  138">)  in  Janina  residierte.  Al>er  seine  Macht 
bh'eb  liesehränkt  dnrch  die  Albaner,  deren  hervori-afendstei- 
Führer  der  Des])ot  Johannes  »Spata  in  Arta  A\ar.  imter  toi-t- 
Avährendem  Kleinkrieg.  In  Dioklitien  odei-  der  Zeta  kamen 
während  der  Kämpfe  zwischen  Symeon  und  I'ros  drei  Bi-üder 
aus  einem  kleinen  Adelsgeschlecht  empor,  die  drei  Balsici  (1360), 
Avi(^  es  scheint,  sildnimänischen  Ursprungs,  verwandt  mit  dem 
albanischen  Adel.'  Bald  beherrschten  sie  alles  Land  bis  Pri/,ren. 
Einer  dieser  Brüder,  Balisa  Balsic,  wurde  durch  Heirat  Hei-i- 
von  Valona  und  Berat.  In  der  Nachbarschaft  von  Durazzo  wai- 
damals  der  mächtigste  Mann  der  „princeps  Al])aniae"  Karl  ÜVjpia 
(1359  —  1388),  der  sich  in  einer  dreisjjrachigen,  griechischen, 
lateinischen  und  serbischen  Inschrift  im  Kloster  des  heilio-en 
Joliannes  bei  Elbassan  als  Nachkomme  „aus  dem  Blute  der 
Könige  von  Frankreich"  bezeichnet.  Er  Avar  Feind  der  BaUici, 
die  ihn  von  Norden  und  Süden  umgal)en,  und  der  Anjous.  denen 
er  Durazzo  (13()8)  entrili.  Die  Wieder))esetzungen  von  Durazzo 
durch  die  Feldherrn  der  Anjous,  mit  Hilfe  der  aus  Spaniern 
mid  Ba.sken  bestehenden  ,„navarresischen"  Söldnerkompagnie. 
waren  nicht  von  Dauer.  Nach  den  ragusanischen  Archivbüchern 
besaß  die  Stadt  zuletzt  der  Herzog  Robert  von  Artois  (1379). 
Aber  auch  Balsa  Balsic  schrieb  sich  Herzog  von  Dm-azzo  (duka 
dracki).  Zuletzt  blieb  Durazzo  dem  To])ia. 

Von  Osten  nahte  eine  große  Gefahr,  die  im  Laufe  eines 
Jalu-hunderts  den  vollständigen  Zusammenbruch  der  alten  christ- 
lichen Staaten  der  Halbinsel  herbeiführte.  Die  osmanischen  Türken 
haben  die  byzantinischen  Bürgerkriege  ebentalls  ausgenützt  und 
sich  1354  in  Galli])oli  zuerst  auf  dem  Boden  Europas  festgesetzt. 
Bald  besetzten  sie  auch  Dimotika  und  Adrianopel.  Der  serbische 
König  Yukasin  mit  seinem  Bruder  Ugljesa  wollten  sie  vertreiben, 
fanden  aber  den  Tod  in  der  großen  Schlacht  an  der  Marica. 
bei  Tsehirmen  vor  Adrianopel  (1371).  Türkische  Keiterscharen 
durchsfereitfen  nacli  diesem  Siege  alle  Landschaften  l)is  Albanien 

'  Vgl.  meine  Geschichtf  der  Serben.  1,  424. 


78 


und  Grieclienland.  Die  serbischen  Teilfiirsten  in  Mazedonien, 
voran  Yukasins  Solm  König  Marko  in  i^rile]).  mußten  türkische 
Vasallen  werden.  Balsa  Balsic  fand  den  Tod  in  einer  .Schlaclit 
gegen  die  Türken  (l:i85).  Viele  Adelige  ])oten  in  dem  Gedränge 
ihre  Territorien  Venedig  an,  nm  ein  Asyl  in  den  venezianischen 
Kolonien  zu  finden.  Die  große  Völkerschlacht  auf  dem  Amsel- 
felde (Kosovo  polje)  bei  Pristina  gegen  die  Serben  und  Bosniei- 
(1889)  begründete  die  osmanische  Herrschaft  im  Innern  der 
Halbinsel  auf  528  Jahre,  bis  zu  den  gegenwärtigen  Tagen] 
Der  Sulttm  Bajezid  T.  besetzte  überall  die  wichtigsten  Städte 
und  Burgen  für  sich,  zuerst  Skopje  (1891),  um  sich  den  Weg 
zur  Adria  \md  nach  Bosnien  zu  sichern.  Die  Okkupation  von 
Thessalien  (1894)  öffnete  den  Türken  den  Weg  in  die  kleinen 
Fürstentümer  Griechenlands.  Georg  Balsic  wurde  von  ihnen 
gefangen  und  gegen  die  Übergabe  von  Skutari  freigelassen. 
In  Skutari,  Drivasto  und  am  Hafen  des  heiligen  Sergius  an  dei- 
Bojana  saf.j  dann  zwei  Jahre  lang  (1393 — 1395)  ein  türkischer 
Statthalter  Schahin  („der  Falke"),  was  die  Venezianer  sehr 
beunruhigte.  Georg  vertrieb  zwar  die  Türken  wieder  aus  diesen 
Plätzen,  war  aber  nicht  im  stände,  sie  zu  behaupten  und  mußte 
Skutari  und  Umgel)ung  den  Venezianern  gegen  eine  Pension 
überlassen.  Skutari  blieb  dann  der  Republik  des  heiligen  Markus 
88  Jahre  (1896  —  1479). 

Dasselbe  Schicksal  erfühl-  Durazzo,  das  sich  zuletzt  ohnehin 
nur  mit  Hilfe  Venedigs  behauptete.  Der  kranke  Sohn  und  Nach- 
folger des  Karl  Topia,  der  Fürst  Georg  Topia.  übergab  die  Stadt 
der  Republik.  Durazzo  blieb  über  ein  Jahrhundert  (1392 — 1501l 
venezianisch.  Schtm  1408  Avurde  der  Umfang  der  Mauern  ver- 
kleinert, weil  die  Bürger  zm*  Verteidigung  zu  wenig  Leute  auf- 
bieten konnten.  Die  Venezianer  bemühten  sich,  die  Stadt  in  eine 
Insel  zu  verwandeln:  ihre  Ingenieure  waren  mit  Arbeitern  aus 
ganz  Albanien  Jahre  lang  beschäftigt,  um  die  Lagune  wieder 
mit  dem  Meer  zu  verbinden.  Die  Edelleute  aus  den  Familien 
Topia,  Spata.  Musachi.  Scura,  Sachat  usw.  wohnten  teils  in 
der  Stadt,  teils  auf  ihren  Landsitzen.  Coraes  Niketas  Topia 
besaß  Kroja  als  venezianischer  Vasall,  aber    nach    seinem    Tode 


79 


wurde  die  Burg  1415  sofort  von  den  Türken  besetzt.  In  Berat 
und  Valona  wurde  Erbe  des  Balsa  durch  eine  Heirat  mit  seiner 
Tochter  Rugina  wieder  ein  Serbe,  Mrkf^a,  ein  Sohn  des  aus 
Stephan  Dusans  Zeit  bekannten  Feldherrn  Zarko  (l-'i9()  bis  un- 
gefähr 1414),  Xach  seinem  Tode  wollte  seine  Witwe  Rugina 
dieses  Gebiet  den  Venezianern  verkanten,  wurde  aljer  1417  von 
den  Türken  verti-ieben.  die  in  Valona  sofort  Schilfe  zu  bauen 
begannen  und  die  Sbidt  495  Jahre  lang  in  ihrem  Besitz  l)ehielten. 

In  Epinis  regierten  wieder  Italiener,  in  Janina  ein  Floren- 
tiner Esau  de  Buondelmonti  (l-'380  bis  um  1409),  der  die  Witwe 
des  serbischen  Despoten  Thomas  geheiratet  hatte,  in  Arta  die 
Pfalzgrafen  von  Kephallenia  aus  dem  Rittergeschlecht  der  Tocco 
aus  Benevent,  früher  Vasallen  der  Anjous,  nun  Despoten.  Aber 
1430  besetzten  die  Türken  Janina,  1449  Arta.  Den  Tocco  blieben 
auf  dem  Festland  nur  einige  kleine  Burgen ;  dagegen  behaupteten 
sie  bis  Ende  des  XV.  Jahrhunderts  die  Inseln  Kephallenia  und 
Zante.  Die  Tocco  sind  die  einzige  mittelalterliche  Dynastie  der 
Balkanhalbinsel,  die  noch  fortlebt,  unter  dem  Hochadel  von 
Neapel :  die  Principi  de  Achaia  e  Montemileto,  Duca  de  Popoli. 
Conti  de  Monta^jerto  usw.' 

Das  Vordringen  der  Türken  förderte  die  Wandening  der 
Albaner  nach  Süden.  Albanische  Ansiedler  wurden  in  das  Herzog- 
tum Athen  berufen  noch  von  den  Kataloniern  (1387),  später 
von  den  Acciajuoli,  florentinischen  Kaufleuten  und  nun  Herzogen 
von  Athen,  welche  sie  auch  bei  Korinth  und  in  der  Argolis 
kolonisierten."  Andere  Albaner  zogen  in  die  byzantinischen 
Provinzen  im  Peloponnes,  nach  Arkadien  und  Lakonien,  schon 
unter  dem  Statthalter  Manuel  Kantakuzenos  (f  1380).  Später 
siedelte  Theodor  Palaiologos,  der  Brader  des  Kaisers  Manuel 
Palaiologos.  dort  an  10.000  albanische  Familien  an.  Die  Koloni- 
sation griif  bald  auf  die  von  Venedig  oder  von  venezianischen 
Familien  beheiTschten  Inseln  hinüber,  schon  1402  nach  Eulwea, 

'  Stammtafel  bei  Hopf,  Chroniques  greco-romanes.  Berlin,  1873, 
S.  531. 

-  Gregorovius,  Geschichte  der  Stadt  Athen  im  Mittelalter.  Stuttgart, 
1^89.  Bd.  11,  S.  229,  303. 


80 


Aiidros  usw.  Zur  Zeit  der  türkischen  Erül)erniig  (bis  14:(it)) 
wai'  Moreii  voll  albanischer  Kolonien,  welche  den  Osmanen  mit 
tapferem  Heldenmut  verzweifelten  Widerstand  leisteten.  Keste 
dieser  All)aner  wai-en  noch  im  XIX.  Jahrhundert  während  der 
«iM-iechischen  Freilieitskriei>'e  vorhanden,  auch  auf  den  Inseln 
Hydra  und  Spez-zia.  Ihre  Naclikommen  sprechen  den  toskischen 
I)ialekt  in  älterer  Form.' 

Der  Norden  Al))aniens  war  indessen  der  Schaui)lat7y  großer 
Kianpfe  /^wischen  Venedig  und  den  Serben.  Der  letzte  der  Balsici. 
Balsa  III.  (f  1421)  l)eniiilite  sich  18  Jahre  lang  um  die  Ver- 
treibung dei'  Venezianer  aus  dem  Gebiete  von  Ökutari.  Zuletzt 
setzte  er  seinen  Oheim  zum  Erben  ein,  den  serbischen  Despoten 
Stephan  Lazjirevic.  der  im  Bunde  mit  König  Sigismund  von 
Ungarn  die  Macht  Serbiens  erneuert  hatte.  Für  die  Venezianer 
A\ar  der  Krieg  gegen  einen  solchen  Herrn  viel  schAvieriger,  als 
üegen  einen  kleinen  Bemiursten.  Deslialb  ül^erlieUen  sie  i  i  n 
Fiieden  an  der  Boiana  1423  Antivari  und  Budua  den  Serben, 
deren  Staat  nun  abermals  von  der  Donau  bis  zum  Adriatischen 
Meere  reichte.  Al)er  als  das  serbische  Despotat  zum  ersten  Male 
von  den  Türken  erobert  wurde,  Aviu-den  die  serl)ischen  Küsten- 
städte  (1442)  wieder  von  Venedig  besetzt.  Sie  wurden  nicht 
mehr  herausgegeben,  als  es  bald  darauf  dem  Despoten  Georg 
Brankovic  glückte,  seinen  Staat  ^deder  zu  erneuern  (1444). 
Vergeblich  bemühte  sich  Georg  (bis  1452)  die  Venezianer  zu 
vertreiben.  Venedig  ^vußte,  daß  eine  neue  Erobenmg  Serbiens 
dm-ch  die  Türken  nur  eine  Frage  der  Zeit  sei ;  sie  ist  auch  schon 
1459  erfolgt,  durch  den  Fall  der  letzten  Residenz  Smederevo 
an  der  Donau. 

Während  dieser  Kriege  wurden  die  kleinen  Herren  Xord- 
albaniens  viel  genannt:  die  Dukagm.  welche  1393  Alessio  den 
Venezianern  überlassen  hatten,  die  Zaccaria  in  der  Burg  von 
Dagno  bei  Skutari.  die  Jonima  u.  a.  Aus  kleinen  Anfängen 
entstand  die  Macht  der  Kastriot,  die  einen  griechischen  Namen 
führten,  „Stadtbürger",  kastriotis  von  kasti'on.  Stadt  (aus  lat. 
castrum:  polis  war  nur  Konstantinopel  allein).  Der  erste  bekannte 

1  Vgl.  die  Werke  von  Fallmerayer,  Hopf,  Hertzberg,  Finlay  usw. 


81 


Kastriot  war  1-H68  mir  Kastellan  der  Bnrg  Kaiiinu  bei  Valona. 
Spiiter  besaU  Paul  Kastriot  blol.l  zwei  Dörfer  im  Tal  von  Matja. 
Bekannter  ist  Pauls  »Sohn  lAvan  Kastriot  (1407— 1487),  „dominus 
satis  potens  in  partibus  Albanie"  mit  einem  Heer  von  200(1 
1»  eitern.  Ehi-enbürger  von  Venedig  und  L'agusa,  aber  türkischer 
Vasall.  Sein  Gebiet  reichte  vom  Meeresufer  bei  Kap  Kodon i 
nördlich  von  Durazzo  bis  in  die  Landschaft  von  Dibra.  Von 
seinen  vier  Söhnen  Avar  Georg  (nach  1422)  als  Gei.sel  bei  den 
lürken  und  wurde  Mohanuuedaner  imter  dem  Namen  Skanderbeu' 
(türkisch  Skander  ist  Alexandei*).  In  kirchlicher  Beziehung  war 
das  Land  teils  dem  katholischen  Bistum  von  Arbanum  angehörig. 
teils  der  serlnschen  Kirche,  wie  denn  Iwan  Kastriot  das  Kloster 
Chilandar  auf  dem  Atlios.  eine  Stiftung  des  Serben  Nemanja. 
mit  Gütern  l)eschenkte.  Dabei  waren  alle  diese  albanischen 
Dynasten  dm-ch  Heiraten  verwandt  mit  den  letzten  serbischen 
Fürsten,  die  Topia.  Arianit,  Kastriot  usw.  Die  letzten  serbischen 
Despoten  in  Südungara  waren  Nachkommen  eines  Sohnes  des 
Despoten  Georg,  des  von  den  Türken  geblendeten  Stephan, 
welcher  durch  seine  Heirat  mit  Angelina.  Tochter  des  Arianit. 
Schwager  des  Skanderbeg  geworden  war.  Skanderbegs  Sohn 
Johann  hatte  wieder  Irene  zur  Frau,  eine  Tochter  des  Despoten 
Lazar  Brankovic  (f  1458),  des  Bruders  des  blinden  Stephan. 
Die  Kanzler  der  albanischen  Fürsten  schrieben  damals  nur 
serbisch.  Die  Kao'usaner  meldeten  1434  dem  Kaiser  Sigismund, 
Anch'eas  Topia  hal>e  nur  „sclavonos  cancellarios  et  scientes 
sclavicam  linguam  et  litteram''.  Beim  Empfang  lateinischer  Briefe 
müsse  er  sich  an  die  „cancellarios  Latinorum"  an  der  Küste 
wenden,  wodurch  das  Geheimnis  nicht  gewahrt  werde;  deshalb 
solle  ihm  der  Kaiser  künftig  nur  slawisch  schreiben  lassen.' 

GroUe  Aufmerksamkeit  erregte  besonders  am  Hofe  Sigis- 
numds  der  tapfere  Widerstand,  den  die  kleinen  Fürsten  Mittel- 
aU)aniens  seit  1433  mit  Erfolg  den  Türken  leisteten,  an  der 
♦Spitze  die  Arianit.  die  Musachi  und  Andreas  Topia.  Der  gelun- 
gene Zug.  den  zehn  Jahre  später  der  junge  König  Wladislaw 
von  Ungarn  und  Polen  mit  Johannes  Hunyadi  mid  dem  Despoten 

'  (.ielcich  imd  Thallöczy,  Diplomatarium  Ragus.  o88. 

6 


82 


Georg  siegreifli  über  Sofia  l»i.s  nacli  Zlatica  in  Bulgarien  unter- 
nahm, hatte  große  Folgen  (1448).  r)espot  Georg  erneuerte  nach 
diesem  FeldzAig  wieder  Serbien.  Da  entHoh  Skanderbeg  nach 
Albanien,  bemiiehtigte  sich  der  von  den  Türken  besetzten  Burg 
jKroja  und  wurde  als  Georg  Kastriot  Avieder  Christ  und  Haupt- 
feind der  Türken  (1443 — 1408).  Um  ihn  scharte  sich  ein  Bund 
albanischer  Edelleute,  von  denen  Arianit  sein  Schwiegervater 
wurde.  Die  Geschichte  dieser  ■24-jährigen  Kämpfe  kann  nur 
durch  eine  Sammluno-  der  Urkunden  auf|[*;ehellt  und  von  dem 
Einfluß  jüngerer  Legenden  befreit  werden,  besonders  der  roman- 
haften Darstellung  des  Priesters  Marinus  Barletius  aus  Skutari. 
dessen  lateinisches  Buch  bis  vor  kurzem  die  Hauptquelle  für 
die  Geschichte  Skanderbegs  bildete.  Mit  Venedig,  das  einmal 
einen  Preis  auf  seinen  Kopf  ausschrieb,  stand  Skanderbeg  an- 
fangs nicht  gut,  war  aber  später  ebenso  wie  sein  SchAviegervat*?r 
Arianit,  meist  Söldnerhauptmann  Venedigs.  Eine  große  Stütze 
fand  er  an  dem  Begränder  der  spanischen  Herrschaft  in  Neapel, 
an  König  Alfons  von  Aragonien  (f  1458).  Den  Sohn  des  Alfons, 
den  König  Ferdinand  I..  unterstützte  Skanderbeg  (1461).  als  er 
mit  den  Türken  einen  Waffenstillstand  hatte,  persönlich  mit 
3000  Albanern  gegen  die  Partei  der  Anjous  und  erhielt  dafür 
Güter  und  Renten.  In  der  ganzen  Christenheit  verbreitete  sich 
sein  Ruhm,  als  Sultan  INIurad  H.  mit  seinem  Sohne  Mohammed 
(1450)  nach  einer  mißlungenen  Belagerung  von  Kroja  ohne  Erfolg 
abziehen  mußte.  Nach  dem  Fall  von  Byzanz,  Serbien  und 
Bosnien  blieb  Albanien  der  letzte  Größere  christliche  Staat  der 
Halbinsel.  Mohammed  H.  belagerte  Kroja  noch  zweimal  persönlich 
(1466  und  1468),  ohne  es  einnehmen  zu  können.  Aber  das 
Land  Skanderbegs  war  klein,  seine  Truppen,  an  12.000  Mann 
stark,  kaum  ausreichend  zur  Defensive  und  dies  nur  mit  Unter- 
stützung des  Papstes,  der  Neapolitaner  und  Venezianer.  Dal>ei 
hatte  Skanderbeg  unter  den  albanischen  Edelleuten  auch  Gegner 
und  Rivalen.  Die  Eroberung  von  größeren  Städten  der  Nach- 
barschaft, wie  Berat  oder  Ochrid,  ist  ihm  nicht  gelungen.  Zur 
Beobachtung  des  Landes  von  der  Südseite  gründete  Mohammed  H. 
eine  Stadt,  die  heute  noch  wohlbekannt  ist,  das  jetzige  Elbassan. 


83 


damals  griecliiscli  Neokastron,  slawisch  Novigrad.  italienisch 
Terra  nuova  genannt.  Skanderbeg  starb  1468,  an  6:^  Jahre  alt, 
in  der  venezianischen  Stadt  Alessio  und  wurde  dort  in  der 
Kirche  des  heiligen  Nikolaus  begraben;  als  die  Türken  den  ()rt 
später  erobei-ten,  erbrachen  sie  sein  Grab  und  verschleppten  seine 
Gebeme  als  Talismane.  Die  Reste  des  Gebietes  des  Ökanderbeo- 
iU)ernnhmen  die  Venezianer.  Es  Avar  ein  furchtbar  verwüstetes 
Land.  Nur  zwischen  Gallipoli  und  Adrianopel  sind  so  viele 
.Städte  des  Mittelalters  verödet,  wie  in  der  Landschaft  von  Skutari. 
vor  allem  die  Bischofsitze  Sarda,  Drivasto,  Balezo,  Svac  usw., 
die  alle  seit  dem  XV.  Jahrhundert  in  Ruinen  liegen. 

Venedig  hatte  bei  der  Fortsetzung  des  Krieges  kein  Glück. 
Kroja,  verteidigt  von  Giacomo  da  Mosto,  mußte  sich  1478  er- 
geben und  hieß  seitdem  türkisch  Akhissar,  die  „weiße  Burg". 
Noch  im  XIX.  Jahrhundert  war  den  Christen  das  Betreten  der 
Burg  bei  Nacht  unter  Todesstrafe  verboten.  Die  starken  Mauern 
und  Türme  der  Festung,  die  ein  Dreieck  bildeten,  mit  mächtigen 
<  Quellen  im  Innern  und  ringsherum  durch  Felsabstürze  geschützt, 
wurden  1832  infolge  der  albanischen  Aufstände  von  den  Türken 
fast  vollständig  geschleift.  Ein  Jahr  nach  dem  Fall  von  Kroja 
mußten  die  Venezianer  1479  auch  Skutari  nach  tapferer  Ver- 
teidigung räumen.  Es  hielt  sich  noch  das  isolierte  Durazzo. 
Der  Ritter  Arnold  von  Harff  aus  Köln,  der  hier  auf  seiner 
Pilgerfahi-t  nach  Jerusalem  (1496)  durchreiste  und  auch  die 
ersten  erhaltenen  Prolien  der  „albanischen  Sprache"  sich  auf- 
zeichnete, nennt  es  eine  große,  „verstörte"  Stadt.  Es  ging  schon 
1501  der  Republik  verloren,  Antivari  und  Dulcigno  wm-den  den 
Venezianern  entrissen  erst  in  der  Zeit  der  Schlacht  bei  Lepanto 
(1571),  worauf  die  Venezianer  zwischen  Budua  bei  Cattaro  und 
Korfu  keine  Zwischenstation  mehr  besaßen. 

Skanderbegs  Tod  war  der  Beginn  einer  großen  Emigration 
der  Albaner  nach  Italien,  Voran  standen  die  Nachkommen  der 
Fürsten.  Skanderbegs  Sohn  Johann  erhielt  in  Neapel  das  Herzog- 
tum San  Pietro  in  Galatina  und  die  Markgrafschaft  Soleto,  seine 
männliche  Nachkommenschaft  starb  aber  schon  im  XVI.  Jahr- 
liundert  aus.  Länger  lebten    die    Nachkommen  von    Skanderbegs 


84 


Bfiider  StcUii.sa.  anerkannt  als  Custriota-Öeanderbeeli.  mit  dem 
Titel  eines  Marcliese  d'Atripalda.  Der  iet/ie  der  Familie,  Marchese 
Federigo  starl)  nach  den  Daten,  die  Hopf  gesammelt  hat,  1873 
als  ehemalige!-  königlich  neapolitanischer  HolVat.  In  Neapel 
lehten  auch  die  Musachi,  die  erst  mn  IGOO  ausgestorben  sind. 
Einer  von  ihnen,  der  Despot  Giovanni  Musachi  verfaßte  lolO 
italienisch  eine  Geschichte  mid  Genealogie  seines  Hauses,  ein 
merkwürdiges  Buch,  welches  von  Hopf  entdeclct  und  veröffentlicht 
Avurde.  aber  im  Detail  nicht  überall  verläßlich  istJ  Auch  die 
Arianiten  sind  in  Italien  erst  im  XVI.  Jahrhundert  erloschen : 
/AI  ihnen  gehörte  der  aus  der  Geschichte  der  von  einer  Linie  der 
byzantinischen  Palaiologen  beherrschten  Mai-kgrafs^haft  Mont- 
ferrat  bekannte  Feldherr  Constantino  Arianit  (f  1531).  Ebenso 
gal)  es  Nachkommen  der  Dukagin  in  Venedig  und  Ancona  bis 
ins  XVII.  Jahrhundert. 

Andere  ]\Iitglieder  des  Adels  zogen  es  vor,  zu  Hause  zu 
bleiben  und  Mohammedaner  zu  Averden,  so  einzelne  Arianiten. 
Musachi,  Topia  und  Dukagin,  worüber  die  Memoiren  des  Musachi 
manches  mitteilen.  Unter  dem  Volke  selbst  verlireitete  sich  der 
Glaube  Mohammeds  viel  rascher  und  leichter  als  in  Bulgarien. 
Serbien  oder  bei  den  Griechen.  Viele  Albaner,  die  den  Islam 
ano-enonnnen  hatten,  stiegen  im  osmanischen  Kaisertum  zu  hohen 
Würden  empor. 

Reste  der  albanischen  Kolonien  in  Italien  bestehen  ])is 
zum  heutigen  Tage.  Die  Einwanderung  begann  1  löO  und  schlol.» 
erst  1744  mit  Emigmnten  aus  der  Gegend  von  Ohimara.  Man 
zählte  im  Jahre  1886  in  Italien  196.768  Albaner  in  79  Ge- 
meinden, welche  Aveit  zerstreut  sind:  in  den  Abruzzen  in  der 
Nachbarschaft  von  dalmatinischen  Flüchtlingen,  in  Kalabrien 
neben  den  Resten  der  mittelalterlichen  Giiechen  und  in  Sizilien 
unter  dem  Ätna.  Sie  sprechen  den  südlichen,  toskischen  Dialekt. 
Einige  kamen  im  XVI.  Jahrhundert  aus  Griechenland,  aus  Koron 
und  anderen  Städten;  andere  Avaren  zuerst  Söldner  im  neapoli- 
tanischen   Heere   gewesen   mid    Ijlieben    im    Lande.    Bei    diesen 

'  Breve  memoria  de  li  discendenti  de  nostra  casa  Musachi,  bei 
Hopf,  Chrouiques  270—340. 


85 


All>anem  l'nteritiiliens  leiten  die  Lieder  und  Sagen  über  »Skander- 
beg  klarer  foi-t,  als  in  der_  größtenteils  /.um  Islam  l)ekehi-ten 
Heimat.^ 

Die  Verammng  und  Verwildennig  Albaniens  in  der  Türlcen- 
y.eit  kennen  wir  meist  aus  kirchlichen  Akten,  Avelche  die  Katho- 
liken des  Landes  betreffen,  zu  denen  die  Türken  viel  Mißtrauen 
hatten.  Die  katholischen  Erzbischöfe  von  Durazzo  duiften  nicht 
mehr  in  der  Stadt,  sondern  in  einem  nahen  Dorfe  residieren, 
ein  Zustand,  der  bis  in  die  neueste  Zeit  fortbestand.  Diese  Akten 
sind  gedruckt  in  den  Werken  von  Farlati  ,,Illyricum  sacrum", 
von  Theiner  „Monumenta  Slav.  merid.  II"  und  vom  kroatischen 
Historiker  Dr.  Karl  Horvat  im  „Glasnik"  des  bosnischen  Landes- 
nmseums  (Bd.  21.  19<*9).  Von  den  Reisebeiichten  ist  l)esonders 
inhaltsreich  der  des  Titularbischofs  von  Antivari  Marino  Bizzi. 
eines  Dalmatiners  aus  Arbe,  der  161Ö  Albanien  und  Altserbien 
bereiste. ' 

Die  Namen  der  Adelsgeschlechter  waren  nicht  so  leicht 
vergessen.  In  der  türkischen  Vei'waltung  hieß  eine  Provinz 
Dukadschin.  von  Alessio  bis  Fee  (Ipek) ;  eine  Landschaft  im  Ge- 
birge führt  heute  noch  diesen  Namen,  ebenso  wie  von  den  Musachi 
die  Ebene  zwischen  Durazzo  und  Valona  Musalcja  heißt.  Von 
Carlo  Tocco,  dem  letzten  christlichen  Fürsten  von  I^jj^^'^'^-  l^'*^'-'* 
die  epirotische  Provinz  in  der  alten  osmanischen  Verwaltmig 
noch  lange  Karl-Ili,  das  Land  Karls. 

In  dem  Hochsebirge  des  Nordens  war  die  türkische  Ver- 
Avaltung  meist  nur  oberflächlich,  die  dortigen  Stämme  fast  frei, 
unter  fortwährenden  Aufständen.  Bei  Bizzi  Averden  1610  zum 
ersten  Male  die  Mirediten  genannt,  Katholiken  in  der  Umgebung 
eines  mittelalterlichen  Klosters  des  heiligen  Alexander.  Die  mäch- 
tigsten Männer  im  Norden  waren  aljer  im  XVII.  Jahrhundert 
die  gleichfalls  katholischen  Klementiner,  in  den  Bei-gen  östlich 
vom  See  von  Skutari.    Hal])frei  war    auch    die    der    griechischen 


'  Max  Lauabertz:  Albanische  Muntlarteu  in  Italien  (mit  einer  Karton 
skizze),  Indogenn.  Jahrbuch,  Bd.  2.  (1915). 


-  Herauscr.  von  Racki  in  den  „Starine"  der  Südslawischen  Akiidemie. 


Bd.  20  (1888). 


86 


Kirclie  ungehörige  Landschaft  von  Chimara,  südlich  A^on  Valona. 
Diese  Bergvölker  hatten  stets  Verbindungen  mit  den  Venezianern 
nnd  den  Spaniern  in  Neapel.  Im  Norden  gewann  die  Stamm- 
verfassung  feste  Formen,  die  uns  allerdings  ei*st  in  ihrem  Zustand 
während  der  letzten  Generationen  bekannt  sind.  Der  Stamm 
betrachtet  sich  als  Nachkommenschaft  eines  Stammvaters,  mit 
einzelnen  später  angeschlossenen  Gruppen.  Er  hat  ZAvei  Volks- 
vertretungen. Ein  Senat  der  erblichen  Häupter  der  angesehensten 
Familien  ist  der  „Rat  der  Alten".  Die  Vertreter  aller  Häusei- 
umfaßt  der  „Kuvend"  (vom  lateinischen  conventus),  der  1 — 4-mal 
im  Jahr  sich  versammelt.  Den  Vorsitz  in  beiden  Versammlungen 
führt  der  in  Primogenitur  erbliche  Wojwode  oder  Bajraktar 
(Fahnenträger).  Den  letzten  Zustand  dieser  Verfassungen  be- 
schreiljen  die  l»eisewerke  von  Steinmetz  und  Nopcsa. 

In  der  F'remde  waren  die  Albaner  bekannt  als  Söldner. 
Die  Christen  dienten  unter  den  Fahnen  von  Venedig,  Neapel 
und  Osterreich.  Viele  blieben  nach  den  Kriegen  des  XVIII. 
Jahrhunderfs  im  Ausland.  So  entstand  die  Kolonie  Borgo  Erizzo, 
albanisch  Arbones,  kroatisch  Arbanasi  genannt,  vor  den  Toren 
von  Zara,  wo  das  Albanische  heute  noch  gesprochen  wird.' 
Ebenso  Avurden  um  1740  die  Kolonien  der  Klementiner  in  den 
Dörfern  Hrtkovci  und  Nikinci  in  der  Militärgrenze  bei  Mitrovica 
gegründet  (jetzt  slawisiert).  Die  starken  Scharen  der  mohamme- 
danischen „Amanten"  waren  in  den  Heeren  der  Pforte  nach 
dem  Verfall  der  Janitscharen  sehr  geschätzt  als  leichte  Infanterie. 
„Bald  in  Bender,  bald  in  Buda"  heißt  es  in  einem  alten,  von 
Hahn  in  seinen  „Albanischen  Studien"  verzeichneten  Heini- 
wehlied  dieser  Söldner.  Dieser  Kriegsdienst  beförderte  noch  mehr 
die  Ver])reitung  des  Islams.  An  der  Stelle  des  alten  Adels  bil- 
deten sich  in  Mittel-  und  Südalbanien  neue  mohammedanische 
Herrengeschlechter,  die  in  festen  Türmen  (Kula)  residiei'ten,  nnt 
groi.)em  Besitz  und  Anhang. 

Im  XVII,  Jahrhundert  besfann  eine  neue  Emiüration  der 
Albaner  ans  den  Gebirojen   o-ecren  Nordost    in    das    Zentrum  der 

'  G.  Weigand,  Der  gegische  Dialekt  von  Borgo  Erizzo  bei  Zara, 
XVn.  Jahresbericht  des  rumänisclien  Instituts   in  Leipzig,  1911.  17fi — 240. 


87 

HcJbinsel,  zulet/,t  gegen  Osten  nacli  ^lazedonion.  iSeit  der  türki- 
schen Eroberung  zog  sich  die  serbische  Bevölkerung  immer 
mehr  gegen  Xorden  zurück.  Avoniuf  1G*J0  der  große  Auszug 
nach  Ungarn  folgte.  In  der  alten  Heimat  der  iSerben  ließen  sich 
die  xllbaner  nieder,  nicht  nur  am  W  eißen  Drin  und  am  Amsel- 
felde, sondei-n  auch  Aveiter  gegen  Norden  und  Osten,  bis  Novi- 
pazar  und  Xis.  Diese  Bewegung,  der  Rückgang  der  Serben  mid 
der  Vorstoß  der  Albaner,  verstärkte  sich  seit  dem  serbischen 
Aufstand  1804  — 1815  und  besonders  seit  dem  serbisch-türki- 
schen Kriege  1876 — 1878.  Zuletzt  war  die  Flucht  der  Christen 
aus  diesem  Teil  der  Türkei  so  im  Wachsen,  daü  man  im  König- 
reich Serbien  11112  an  150.000  Flüchtlinge  als  Altserbien  zählte. 
Seit  der  zweiteii  Hälfte  des  XVIII.  Jahrhunderts  wendete  sich 
die  Expansion  der  Albaner  besonders  gegen  Osten  nach  Maze- 
donien. Im  obersten  Tal  des  Vardar  hausen  slawische  Acker- 
bauer nur  als  Bauern  auf  den  Clütern  (Tschifliks)  der  moham- 
medanischen Großgrundbesitzycr ;  das  übrige  Gebiet  ist  schon 
bewohnt  von  albanischen  Hiiien.  Die  südwestliche  Seite  des 
Sees  von  Ochrid  wurde  in  neuerer  Zeit  ganz  von  Albanern 
besetzt.  Damit  verschwand  auch  das  Christentum.  Noch  bis 
1761  wird  westlich  und  südlich  vom  See  von  Ochrid  das  dem 
Erzbischof  von  Ochrid  untergeordnete  Bistum  von  Gora  und 
Mokra  erwähnt :  heute  weiß  man  nicht  mehr,  wo  dieser  Bischof 
seine  Residenz  hatte  I  Einzelne  albanische  Dörfer  gibt  es  bei 
Kumauovo.  Kastoria  usw.  Allerdings  ist  das  albanische  Ele- 
ment im  X'^ordosten  nach  dem  Berliner  Vertrag  wieder  zuräck- 
gegangen,  durch  Auswanderang  aus  den  neuen  Bezirken  Serbiens. 
Es  ist  charakteristisch,  daß  diese  weit  ostwärts  voi^edrun- 
genen  Albaner  noch  genau  wissen,  welchem  Stamm  der  Gebirge 
Albaniens  sie  angehören :  z!  B.  die  bei  Kumanovo  sind  aus  den 
Stämmen  der  Krasnici  und  Gacani. 

Der  Voi-stoß  der  Ijewalfiieten  mohannnedanischen  Hirten 
gegen  die  unbewaffneten  christlichen  Ackerbauer  erinnert  an 
ähnliche  Erscheinungen  im  Osten  Anatoliens,  an  das  Vordringen 
der  Kurden  gegen  die  Armenier.  Er  brachte  auch  den  Verfall 
der    Länder    mit    sich.    Noch    Bizzi    schildert    1610    östlich  von 


88 


Mitrovica  die  Bergstadt  Tiejica,  in  ^velclier  der  Betrieb  der 
Silber-  und  Bleiwerke  in  den  Zeiten  des  altserbisclien  Reiches 
im  XIV.  Jahrhundert  von  Sachsen  aus  Un<>;arn  begonnen  wurde. 
Heute  sind  die  liuinen  von  Trepca  überwuchert  vom  W  ald.  in 
welchem  nur  albanische  Hirten  hausen.  Ebenso  sind  die  Silber- 
bergwerke von  Novo-Brdo  (italienisch  Novomonte),  ernst  weit 
außerhalb  der  Balkanhalbinsel  bekaimt.  in  unseren  'J'agen  ver- 
lassen und  verödet.  Pec  (Ipek),  wo  durch  mehr  als  600  Jahre 
der  Sit/y  der  serbischen  Kirche  war.  besitzt  noch  immer  das 
ehrwürdige  Kloster  mit  den  Denkmälern  aus  den  Zeiten  der 
altserbischen  Erxbischcife  und  Patriarchen,  ist  al^r  umgeljen  v(jn 
Einöden.  Dasselbe  gilt  V(m  dem  nahen  großen  Kloster  von 
Decani,  dessen  Stiftungsurkunde  (l;i30)  eine  so  wichtige  Quelle 
für  die  Kenntnis  des  altserbischen  Dorflebens  bildet  Wegen 
der  ganz  albanisierten  Umgebung  haben  die  Serben  1902  russi- 
sche Mönche  aus  dem  Athos  hinberufen,  um  mehr  Schutz  zu 
Ijesitzen.  Zu  den  Eigentümlichkeiten  des  Lebens  gehörten  die 
Razzias  der  Albaner,  plötzlich  ausgeführt,  besonders  zum  Vieh- 
raub ;  solche  planmäßige  Rauljzüge  unternahmen  noch  unlängst 
z.  B.  die  Mohammedaner  von  Lurja  in  die  christliche,  von  A11)a- 
nern  der  griechischen  Kirche  )je wohnten  Landschaft  Reka  in 
der  Dibra.  Dazu  kommt  die  albanische  Blutrache,  über  welche 
Baron  Nopcsa  so  merkwürdige  statistischen  Daten  mitteilt.'  Der 
allgemeine  Verfall  wmxle  durch  die  Machtlosigkeit  der  türkischen 
Behörden  beschleunigt.  Viele  Landschaften  sind  nach  den 
18-36 — 1840  unternonmienen  Reisen  des  Geologen  Boue'  and 
des  Botanikers  Grisebach  von  wissenschaftlichen  Reisenden  nicht 
mehr  besvicht  worden.  Das  Kloster  von  Sinai  war  Ins  zum 
letzten  Krieg  leichter  zu  erreichen  als  Pec  oder  Decani.  und 
die  Ruinen  von  Ninive  oder  ■  Persepolis  wai'en  zugänglicher  als 
die  Burg  Skanderbegs  in  Kr(jja. 

In  der  Zeit  der  napoleonischen  Kriege  standen  im  Vorder- 
grund der  Lokalgeschichte  halbunabhängige  Paschas,  ähnlich  wie 
Pasvanoglu  von  Vidin  oder  dieMachthal^er  von  Syrien  und  Ägypten. 

'  Baron  Nopcsa,  Beitrag  zur  Statistik  der  Morde  in  Nordalbanien. 
Mitteilungen  der  k.  k.  (leographisclien  Gesellschiift  bO  (l«!'?),  42^i  f. 


y 


S9 


Weltbekannt  wurde  Ali  Pasclia  \un  Janina,  32  Jakrer  lang 
ein  Dynast,  der  mehr  Geld  imd  mehr  Soldaten  Ijesaß  als  der 
Sultan.  Er  war  ein  Toske  aus  Tepeleni  im  Tal  der  Vojussa,  aus 
einem  alten  Geschlecht  der  d(H-tigen  Agas,  der  als  Söldner  imd 
Räuber  eine  stürmische  Jugend  hinter  sich  hatte.  Eine  feste 
religiöse  Überzeugung  besaß  er  nicht,  sprach  gut  gn'echisch 
mid  war  ein  Freund  der  Griechen.  Zuerst  gelangte  er  zu.  dem 
Amt  eines  Pascha  von  Trikala  in  Thessalien.  Mit  einem  o-etTdsch- 
ten  Ferman  des  Großhei-rn  wurde  er  1788  Pascha  von  Janina. 
Seitdem  begann  eine  Blüte  der  Stadt,  die  damals  an  40.000 
Einwohner  wählte.  Bald  gehöiie  ihm  auch  Arta.  Im  Jahre  1802 
wurde  er  Rumili-Valessi  oder  Begierbeg  von  Runielien,  wie  der 
Statthalter  des  größten  Teiles  der  Europäischen  Türkei  hieß, 
mit  der  Residenz  in  Monastir  (Bitolia),  aber  schon  im  nächsten 
Jahre  verlor  er  das  Amt  wegen  seiner  Verbindungen  mit  dem 
mibotmäßigen  Pasvan  von  Vidin.  Mit  großer  Gewandtheit  beu- 
tete Ali  die  wechselnden  Situationen  der  napoleonischen  Kriege 
aus,  besonders  den  Wechsel  der  Herrschaft  auf  den  Jonischen 
Inseln.  Interessant  sind  Berichte  der  ausländischen  Beobachter, 
des  englischen  (Jolonels  Leake  und  des  französischen  Arztes 
Pouqueville.  Ali  erreichte  1812  den  Gipfel  seiner  Macht.  Er 
war  damals  Herr  von  ganz  Giiechenland,  Epii-us,  Thessalien, 
des  südwestlichen  Mazedoniens  und  Mittelalbaniens  samt  Berat 
bis  zur  Südgrenze  des  Paschaliks  von  Skutari.  Sein  Gegner 
wurde  der  Reformsultan  Mahmud  II.  Zuletzt  saß  Ali  in  Janinii 
1820  eingeschlossen  und  belagert  vom  kaiserlichen  Feldherrn 
Uhurschid  Pascha.  Da  brach  die  griechische  Revolution 
aus,  aber  Uhurschid  harrte  aus  mul  setzte  die  Belagerung 
fort.  Ali  kapitulierte  im  Januar  1822,  Avurde  jedoch  auf  der 
Liselburg  von  Janina  Ijeim  Gespräch  mit  dem  Adjutanten 
Churschids  erstochen  und  sein  Kopf  nach  Konstantinopel 
gesendet. ' 

'  Boppe,  L'Albanie  ot  Napoleon  (17!»7—lÖl4),  Paris,  lUU.  luteres- 
.saut  sind  die  Bemühungen  Napoleons  um  den  Besitz  von  Valona.  Im 
Anhang  eine  Geschichte  des  albanischen  Begiments  des  französischen 
Heeres  1807  —  1814. 


90 


"  Im  Norden  All)aniens  machte  sicli  seit  Anfang  des  XVIII. 
Jalirliunderts  die  Familie  Busatli  bemerkbar,  aus  dem  Dorfe 
Busat  bei  Skutari.  Kara  Mahmud  Busatli  ero))erl:e  und  verbrannte 
178')  das  Kloster  von  Cetinje  in  Montenegro,  wiu-de  aber  179G 
von  den  Montenegrinern  l)ei  Krusi  geschlagen  und  getötet;  sein 
Kopf  wird  heute  noch  unter  den  alten  Trophäen  in  Cetinje 
verwahrt.  Mnstapha  Basatli  hielt  in  Alis  Zeit  mit  dem  Sultan 
und  wurde  erst  später  ungehorsam.  Besonders  während  des  rus- 
sischen Krieges  1821»  s[)ielte  er  eine  verdächtige  Rolle.  Sultan 
Mahmud  II.  liatte  einen  tiefen  Haß  gegen  die  allxmischen 
Häu})tlinge.  Als  sie  sich  1830  /my  Ausgleichung  der  Soldrech- 
nunjjen  beim  Großwesir  Reschid  in  Monastir  versammelten, 
erötfiieten  beim  Gang  z,um  Festmahl  die  neuen  Linienti-uppen 
plötzlich  ein  Feuer.  Es  sollen  dabei  an  400,  600  oder  700 
vornehme  Albaner  erschossen  worden  sein.  Erzählungen  und 
Klao-elieder  über  dieses  Ereignis  sind  bei  Hahn  verzeichnet, 
Mustapha  wurde  dann  1832  von  Reschid  bei  Prilep  geschlagen 
und  in  Skutari  belagert;  nach  der  Kapitulation  wurde  er  mild 
behandelt  und  als  Gouverneur  in  eine  asiatische  Provinz  gesen- 
det, wo  er  erst  1860  gestorben  ist. 

Eine  albanische  Dynastie  regiert  seit  dieser  Zeit  auf  afri- 
kanischem Boden,  die  Familie  der  erblichen  Vizekönige  von 
Ägypten.  Ihr  Gründer  Mehmed  Ali  (geboren  1769)  war  der 
Sohn  eines  All^aners  Iln-ahim  Aga,  des  Befehlshabers  der 
Straßenwachen  in  Kavala  im  östlichen  Mazedonien.  Er  begann 
seine  Laufbahn  als  Tabakhändler  und  Söldner.  Nach  Ägypten 
kam  er  1798  als  Offizier  der  albanischen  Sölchier  im  Kriege 
gegen  die  Franzosen.  Er  nützte  die  Situation  geschickt  für  sich 
aus  und  bemächtigte  sich  1805  Ägyptens  für  sich.  Den  Kern 
seiner  Truppen  in  den  vielen  Feldzügen  gegen  die  Türken. 
Araber,  Nubier  und  Neger  Ijildeten  stets  seine  albanischen 
Landsleute. 

Albanien  war  indessen  der  Schauplatz  periodischer  Revo- 
lutionen. Namyk  Pascha  wurde  1833  in  Skutari  zur  Kapitu- 
lation gezwungen ;  die  Rekrutierungen  für  die  neuorganisierte 
türkische    Armee    wai-en    die    Ursache    dieser   Bewegung.    Dann 


o 


91 


i'ohAe  dort  1835  eine  neue  Erhelnino-  o-eo-en  Hafi/.  Pascha.  Eine 

O  O     O     O 

Zeitlang  waren  die  Mirediten  im  A^fsell^vnng  unter  ihrem 
Fürsten  Bib  Doda  (1838 — 1870),  der  den  Titel  eines  türkischen 
Brigadegenerals  erhielt.  Eine  große  Bewegung  war  die  „albanische 
Liga"  nach  dem  Berliner  Vertrag,  ursprünglich  gegen  Monte- 
negro und  Serbien  gerichtet;  der  Marschall  Mehmed  Ali  (ein 
Deutscher  aus  Magdeburg)  wurde  damals  in  Djakova  (187S) 
ermordet,  bis  die  Bewegung  1S81  von  Derwisch  Pascha  nieder- 
geworfen wurde.'  Die  Einführung  des  Parlaments  in  der  Türkei 
brachte  keine  große  Veränderung;  /.ahlreiche  Mohammedaner 
AUxmiens  saßen  darin  als  Deputiei'te,  al)er  die  Bergstämme  des 
Xordens  waren  gar  nicht  vertreten,  weil  sie  keine  Grundsteuer 
zahlten.  Noch  frisch  sind  in  unserem  Gedächtnis  die  letzten 
Aufstände  der  Albaner  o-eo-en  die  Pforte  (l*.>Oi»— 1911)  und  die 
Ereignisse  des  letzten  Balkankrieges,  ^vo  die  Serl^en  nach  der 
Erobenmg  Altserbiens  und  Mazedoniens  Durazzo  besetzten, 
bis  die  Großmächte  auf  der  Londoner  Konferenz  die  Eirichtung 
eines  autonomen  Albaniens  dekretierten,  dessen  provisorisches 
Zentrum  Valona  wurde. 

Eine  Literatur  entstand  bei  den  Albanern  erst  seit  dem 
XVII.  Jahrhundert  durch  die  Bemühungen  der  katholischen 
Geistlichkeit.  Noch  der  Ritter  von  Harff  (1496)  notierte  sich, 
daß  die  Albaner  keine  eigene  Schrift  haben ;  die  Versuche,  eine 
solche  Schrift  zu  erfinden,  gehören  erst  in  das  XIX.  Jahrhundert. 
Der  älteste  und  umfangreichste  Teil  der  Literatur  ist  in  latei- 
nischer Schrift  gedruckt ;  es  sind  die  Bücher  der  Propaganda  zu 
Born  und  die  Werke  der  Albaner  L^nteritaliens,  welche  in  der 
zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  auch  einige  hervorragende 
Talente  aufzuweisen  hatten,  besonders  den  epischen  Dichter  Giro- 
Limo  de  Rada  aus  Kalabrien  (geboren  1815)  und  den  Philologen 
Demetrio  Camarda."  Viel  jünger  war  die  Verwendung  der  grieclu- 
schen  Schrift  im  Süden ;  eine  Übersetzung  des  Neuen  Testaments, 
gedruckt  1827  in  Korfu.  folkloristische  Texte,  die  von  deutschen 

'  Vgl.  Jorga,  Geschichte  des  Usmanischen  Reiches,  Bd.  5,  589  f. 
-  Professor    Alberto    Stratico,    ^Liuuale    di    letteratura    albanese, 
Milano,  1896  (MaiiuaU  Hoepli  lu-o.  212--213). 


92 


Reisenden  (Xylander  1835,  Keinliokl)  nacli  der  Befreiung  Grieclien- 
lands  im  Königreicli  gesammelt  wm*den,  /.uletzt  in  Epirus  von 
Hahn.  Da/.u  konnnen  Drucke  von  Emigranten,  wie  die  „Albanike 
Melissa"  (all)anische  Biene)  des  Mitkos  aus  Korytza  in  Alexan- 
drien  1878  (folkkn-istisch).  Ein  hervorragender  Arbeiter  war  der 
Lehrer  Konstiintin  Kristoforidis,  welcher  (18()7  f.)  den  mittel-, 
allmnischen  Dialekt  von  Elbassan  zur  Schriftsprache  erhellen 
wollte  ;  er  übersetzte  das  Neue  Testament  für  die  englische  Bibel- 
gesellschaft und  verfaßte  nelien  Schulbüchern  eine  griechisch 
geschriebene  Grammatik  und  ein  Lexikon  (Athen,  1904)  nu't 
griechischen  Lettern  gedruckt.  Das  wenigste  wurde  in  zyrillischer 
Schrift  gedruckt;  es  sind  fast  nur  Konversationsbücher  zum 
Gebrauch  der  Serben  und  Bulgaren.  Ebenso  wie  in  Bosnien  wurde 
auch  in  Albanien  die  arabische  .Schrift  für  die  einheimische 
Sprache  nur  wenig  verwendet,  ol^wohl  die  mohammedanischen 
Albaner  talentvolle  Dichter  aufzuweisen  haben,  wie  Sami  Bey 
Fraseri  und  seinen  Bruder  Naum.  In  letzter  Zeit  erklärten  sich 
Albaner  aller  drei  Konfessionen  für  die  lateinische  Schrift,  stießen 
aber  auf  den  Widerstand  der  Pforte,  welche  sich  für  die  arabische 
Schrift  einsetzte.  Seit  1883  machten  sich  albanische  Zeitungen 
bemerkbar,  allerdings  außerhalb  des  Landes  gedi-uckt,  in  Konstanti- 
nopel, Sofia,  Belgrad,  Bukarest,  in  Kom,  Neapel,  Palermo,  Brüssel, 
London,  in  Kairo  und  sogar  in  Boston  in  Amerika.  Auch  die 
Literatur  vei-mehrie  sich  rasch,  jedoch  auch  die  Bücher  wurden 
höchstens  in  Skutari,  wo  der  Verein  „Baskimi"  1908  ein  Wörter- 
buch herausgab,  mitunter  in  Monastir  und  Salonich  gedruckt, 
alles  übrige  in  Konstantinopel  und  Bukarest,  wo  sich  albanische 
literarische  Gesellschaften  bildeten,  in  Sarajevo,  Wien,  Paris  usw. 
Charakteristisch  ist,  daß  in  Boston  von  Fan  Noiit  eine 
Übersetzung  der  griechischen  Kirchenbücher  für  die  Allmner 
gedi-uckt  wurde,  mit  Approbation  der  russischen  Synode,  el)ens(> 
wie  in  unseren  Tagen  durch  Bemühungen  der  russischen  Mis- 
sionäre eine  Übersetzung  der  heiligen  Bücher  ins  Japanische  zu- 
stande kam. 

Es  gibt  zwei  Bibliograi>hien  mit  der  Literatur  über  Albanien 
und  in  albanischer  Sprache.  Das  eine  ist  ein  hinterlassenes  Werk 


93 


des  französisclien  Hellenisten  Emile  Legraiid  (t  1904),  fort- 
geführt von  Henri  Guys,  mit  724  Nmnmern  ])is  zum  Jahre  1900.' 
Viel  vollständiger  ist  eine  albanische  Bi])liographie.  mit  einigen 
Mitarbeitern  z,usammengestellt  von  Dr.  Geoi'u'  Pekme//i.  welche 
auch  die  Artikel  der  Zeitschriften  bis  1909  umfal.lt." 

Der  neue  albanische  Süiat  steht  noch  wie  ein  Rätsel  vor 
uns.  Ivivalitäten  zwischen  den  Konfessionen  scheinen  nicht  zu 
bestehen,  aber  nicht  unbedeutend  ist  der  soziale  Gegensatz 
zwischen  den  meist  christlichen  Clans  des  Nordens  und  den 
mohammedanischen  Großgrundbesitzern  in  Mittel-  und  Südall)a- 
nien.  Die  Mohammedaner  sind  jedenfalls  in  Majorität.  Die  alte 
Blutrache,  die  finanziellen  Verhältnisse  in  einem  Land,  in  welchen 
man  an  das  Steuerzahlen  nicht  gewöhnt  war,  sowie  der  Mano-el 
an  modernen  Verbindungswegen  werden  noch  manche  Verlegen- 
heiten bereiten.  Anderseits  werden  alle  guten  Eio-enschaften  dei-. 
Albaner  ungehindert  zur  Entfaltuno-  o-elano-en  k(»nnen. 

'  Bibliographie  albaualse.  Description  rai.sonuee  des  ouvrages  publies 
en  albanais  ou  relatifs  ä  TAlbauie  du  quiuzieme  siecle  a  Tannee  l'JÜU. 
Par  Emile  Legrand.  Oeuvre  posthume,  completee  et  publiee  par  Henri 
Guys.  Paris-Athen  1912,  8",  VllI,  228  S. 

-  Albanesische  Bibliographie,  zusammengestellt  von  Ingenieur  F. 
Manek,  Dr.  G.  Pekmezi,  Oblt.  A.  Stotz.  Wien  1909,  8°,  147  S. 


94 


Skutari  und  sein  Gebiet  im  Mittelalter/ 

Von  Dl',  Ivoi)st(tntiu  'liveceh» 

Einer  der  gröliten  Seen  der  Balkanlmlbinsel  ist  der  See 
von  Skutari.  Die  Körner  nannten  ihn  Jarns  LcJjefdls"  oder 
„ixdxs  Lcibeatis,"  nacli  dem  illyrischen  Stamm  der  Labeaten. 
Im  Buche  des  Presbyter  Diocieas  heißt  er  Bcdta,  ebenso  wie 
zu  Ende  des  Mittelalters  auch  die  kleinen  sumpfigen  Küsten- 
seen bei  Duleigno,  Duraxzo  und  Valona  genannt  wurden.  Ge- 
lehrte Männer  unter  den  alten  Serben  nannten  ihn  den  „See 
von  DioUitien"  (Dioklitijsko  jezero) ;  ein  Mitarbeiter  des  Bozidar 
Vukovic  aus  Podgorica  in  dessen  Druckerei  in  Venedig  war 
1520  der  Hieromonach  Pachomije  „von  den  Inseln  des  Sees 
von  Dioklitien"  (Novakovic  im  Glasnik  45,  S.  135).  Der  See 
ist  42  Kilometer  lansf,  14  Kilometer  breit  und  imgetahr  362 
Quadratkilometer  groß.  Das  Westufer  ist  steil  und  felsig,  mit 
Inseln,  auf  welchen  sich  Ruinen  alter  Klöster  und  Bm'gen  be- 
finden. Das  Ostufer  ist  flach  und  voll  Sümpte.  In  der  Mitte 
reicht  eine  1 — 2  Kilometer  breite  Bucht  12  Kilometer  tief  in 
das  östliche  Ufer  hinein ;  ihr  äußerer  Teil  heißt  der  See  der 
Kastrati  (albanisch  Ljekeni  Kastrati),  der  innere  Teil  der  See  der 
Hoti  (Ljekeni  Hotit),  nach  zwei  albanischen  Stämmen  der 
Nachbarschaft.  Das  Niveau  des  Sees  liegt  kaum  6  Meter  über 
dem  Meeressjiiegel ;    deshalb    ist   das    Klima    seiner  Ufergebiete 

'  Diese  Abhandlung,  eine  Partie  der  Vorlesungen  des  Verfassers 
über  die  historische  Geographie  der  Balkanländer  an  der  Wiener  Uni- 
versität, ist  serbisch  im  Glasnik  der  serbischen  geographischen  Gesell- 
schaft, ILI.  Jahrgang,  Heft  3—4  (Belgrad,  1914)  S.  149—171  erschienen. 
Die  vorliegende  Bearbeitung  stammt  vom  Verfasser  selbst. 


95 


elienso  warm,  wie  das  der  nahen  Meeresküste,  nn't  Südfrüchten 
aller  Art,  Oliven  usw.  Die  miichtigsten  ZiiHüsse  kommen  von 
der  Nordseite :  der  Flui.»  Jfoj-aca,  mit  den  Nebenflüssen  Zet<(, 
liiOnlra  und  Cljeviija  (im  XIV.  Jahrhundert  Cjemva  in  den 
Chiysobullen  der  Klöster  von  Banjska  und  Decani,  albanisch  Cem), 
weiter  gegen  Westen  die  starke  Gniojcvird  Jiijchi  und  die  kleine 
Crmnica.  Von  Osten  kommt  der  Flui.)  Rioli,  „fiume  clamado 
Rivola"  142<)  (Ljubic  9,  15),  mit  einem  alten  lateinischen  Namen 
(rivulus).  Der  See  von  Skutari  ist  seicht,  nach  Cvijic  2 — 7  Meter 
tief,  nur  an  einigen  der  tielsten  Stellen  in  der  Nähe  der  West- 
küste 44  Meter.  Von  großer  Bedeutung  war  stets  der  Fisch- 
fang, besonders  des  Fisches,  der  ser})isch  vldjcvd  (Alburnus  sco- 
ranza),  italienisch  scorcmza  genannt  wird,  in  den  lateinischen  Ur- 
kunden des  Mittelalters  saracha.  Das  Niveau  des  Sees  hat  sich  oit 
geändert.  Sobald  sich  der  Drin  den  Weg  zur  Bojana  durchbrach, 
staute  sieh  der  Abfluß  aus  dem  See,  und  der  Seespiegel  begann 
sich  zu  heben;  man  sagt,  daß  er  jetzt  seit  mehr  als  40  Jahren 
steigt,  gerade  seit  dem  sich  die  Verbindung  zwischen  den  ge- 
nannten großen  Flüssen  wieder  geöffnet  hat.  In  den  Zeiten,  als 
die  Bojana  keine  Verbindung  mit  dem  Drin  hatte,  senkte  sich 
das  Niveau  des  Sees. 

Die  gebirgige  Westküste  hatte  in  der  Vergangenheit  eine 
geringere  Bedeutung.  Es  gab  hier  zwei  Zupen  (Gaue).  Die  eine 
Avai-  Crmnica,  bei  Presbyter  Diocleas  Cermenira  genannt,  in 
den  Urkunden  des  XIV.  und  XV.  Jahrhunderts  Cronica  (wohl 
von  altslawisch  crmur.u  rot).  Der  größte  Teil  der  Dörfer  von  Crm- 
nica war  in  den  Zeiten  der  Nemanjiden  und  der  Balsici  Besitz 
des  Klosters  des  heiligen  Nikolaus  auf  der  Insel  Vranjina.  Süd- 
lich von  Crmnica  lag  die  Zupa  Krajina  (albanisch  Kraja),  einst 
Grenzbezirk  der  Serben  gegen  die  Griechen,  solange  diese  Sku- 
tari "besaßen;  man  liest  den  Namen  schon  bei  Diocleas  (Craini) 
und  in  den  Urkunden.  Ein  serbischer  Fürst,  der  heilige  Wladimir 
hatte  seinen  Hof  (curia)  in  Krajina  bei  einer  Marienkirche,  in 
welcher  er  auch  begraben  wurde,  als  ihn  der  letzte  Zar  von 
Ochrid  Johann  Wladislaw  auf  der  Insel  des  Sees  von  Prespa 
ermorden  ließ  (mn  lOlti).  Aus  dieser  Kirche  haben  seine  Gebeine, 


96 


soviel  sich  vermuten  JälU.  die  Trui)]»en  des  Despoten  vom  Epiras 
Michael  I.  wenjgenommen,  als  sie  (um  1215)  die  Stadt  Skntari 
auf  kur/,e  Zeit  den  Serben  entrissen,  worauf  sie  den  Heiligen 
nach  Dura///)  ühertnigen:  seit  dem  XIV.  Jahrhundei-t  ruht  sein 
Leih  im  Klc)ster  des  lieiligen  Johannes  Wladimir  hei  Elbassan 
(vgl.  Xovakovic.  Die  ersten  Grundlagen  der  slawischen  Literatur 
hei  den  Fklkanslawen  [serh.],  Belgrad,  1893,  182  f.).  Das  alte 
Kloster  von  Krajina  wird  noch  in  den  Zeiten  der  Balsici  als 
die  „Mutter  Gottes  von  Krajina"  erwähnt,  die  „Precista  Kra- 
jinska"  (Ducic  in  Glasnik  27,  190).  Nach  Jastrehov  und  llovin- 
skij  liegen  seine  Ruinen  3  V-j  Stunden  von  Skutari  am  Fuße  des 
Bero-es  "Parahos,  in  einer  iet/i  nur  von  mohammedanischen 
Albanern  bewohnten  Landschaft.  Ippen  fand  hier  im  Dorfe 
Ostros  die  Ruine  einer  grolöen  Kirche,  mit  einen  viereckigen 
Turm  über  den  Tor  (Wiss.  Mitteilungen  aus  Bosnien  8,  137  f. 
mit  Abb.).  Unterhalb  Ostros  liegt  das  halbverödete  Dorf  Stitar 
am  Ufer  des  Sees.  Zwischen  Stitar  und  Skutari  befindet  sich 
am  See  das  Dorf  Skja  mit  einer  kleiner  Kirche,  in  welcher 
noch  undeutliche  Spuren  der  Wandmalerei  zu  bemerken  sind 
(Bild  bei  Ippen  in  Glasnik  [bosn.]  1900,  517  und  Wiss.  Mittei- 
lungen 10,  27). 

Auf  den  Inseln  gab  es  fünf  kleine  Klöster,  über  welche 
der  verstorbene  Archimandrit  Hilarion  Ruvarac  in  der  Zeitschrift 
„Prosvjeta"  von  Cetinje  1894  (Jahrgang  II)  alle  Nachrichten 
zusanmiengestellt  hat.  Das  größte  war  das  Kloster  des  heiligen 
Nikolaus  auf  der  Insel  Vranjina,  gegenüber  der  Mündung  der 
Moraca.  auf  welcher  sich  zwei  felsige  Hügel  330  Meter  hoch 
erheben,  mit  einer  gewaltigen  Rundsicht  auf  den  See  und  seine 
Umgebunor.  Reich  wurde  es  beschenkt  sowohl  von  den  Ne- 
manjici,  als  von  den  Balsici,  zuletzt  von  Skanderbeg  Crnojevic. 
dem  Sandschak  der  Crna  Gora  1527.  Eine  Zeit  lang  war  es  ver- 
bunden mit  dem  serbischen  Kloster  der  heiligen  Michael  und 
Gabriel  in  Jerusalem,  dem  es  der  Zar  Stephan  Dusan  zugeteilt 
hatte.  \'erödet  ist  es  erst  in  der  neueren  Zeit,  als  die  Türken 
(nach  1843)  auf  dieser  Insel  ein  mit  Artillerie  ausgerüstetes  Fort 
georen  die  Monteneorriner  erbauten;  erneuert  wurde  es  wieder  1886. 


97 


Auf  der  iiulien  Insel  K(t)ii  (auch  (hlr/iidd  (ioni  genannt 
befand  sich  ein  Kloster  der  Mutter  Gottes;  in  seinen  Mauern 
befindet  sich  das  Grab  iles  Ljes  Gjurasevic  (CrnojeAac).  eines 
Feldherrn  des  Despoteji  »Stephan,  mit  Inschrift.  Weiter  liegt 
HtwcevH  (roricd.  einst  mit  einem  aus  alten  Handschriften  be- 
kannten Kloster,  das  jet/.t  ganx  verödet  ist;  hier  wurde  Bozidar 
^  ukovic  begi'aben.  der  ser')isehe  Kirchenbücher  in  Venedi<r 
druckte  (f  1540,  vgl.  die  Godisnjica,  Jahrbuch  des  Fondes  N. 
Cupic  9,  205).  Auf  der  Insel  Jieska  (rorifd  gab  es  zwei  Kirchen, 
des  heiligen  Georg  und  der  Mutter  Gottes;  in  den  Iiuinen  der 
letzteren  befindet  sieh  das  Grab  der  Helena,  Tochter  des  serbi- 
schen Fürsten  Lazar.  welche  Frau  zuerst  des  Georg  Straci- 
mirovic  Balsic  und  später  des  bosnischen  Großwoiwoden  Sandalj 
■war  (t  1442).  mit  Inschrift.  Auf  der  Insel  Moraai/k  befand 
sich  ein  kleines  Kloster  der  Mutter  Gottes,  welches  1417 
der  letzte  der  Balsici.  liilsa  (III.)  Gjurgjenc  beschenkt  hat. 

Mehr  Bedeutung  hatte  das  meist  niedrige  Ostufer  des  Sees 
von  Skutari,  denn  diese  Landschaften  durchzog  die  große  Straße 
aus  Skutari  ül^er  Xiksici  in  das  Tal  der  Narenta,  Avohlbekannt 
seit  den  Zeiten  der  Kömer.  In  der  fruchtbaren  Ebene  an  dem 
mittleren  Laufe  der  Moraca,  an  dem  Zusammenfluß  dieses  Flusses 
mit  der  Zeta.  5  Kilometer  nördlich  von  der  heutigen  Stadt 
Podgorica,  stehen  die  Ruinen  von  Dodea,  der  größten  römischen 
Stadt  dieser  Gebiete.  Ursprünglich  befand  sich  hier  die  Burg 
des  illyrischen  Stammes  der  Docleafes  oder  Dodeatae,  welche 
die  heutigen  Berge  von  Montenegro  bewohnten ;  unlängst  fand 
man  lateinische  Inschriften  der  Häuptlinge  der  Docleaten  im 
Dorfe  Vilusi  bei  Grahovo  in  den  Ruinen  des  römischen  Kastells 
Salthua  (N.  Vulic  im  Vjesnik  der  archaeol.  Gesellschaft  von 
Agram  N.  S.  8,  1905,  172).  Städtische  Organisation  als  römi- 
sches „Municipium"  erhielt  Doclea  von  Kaiser  Vespasian  oder 
von  seinen  Söhnen.  Es  gibt  zwei  Werke  über  diese  Ruinen,  in 
welchen  neben  heidnischen  Tempeln  aus  Ruinen  altchristlicher 
Kirchen  stehen.  r)as  eine  ist  verfaßt  von  den  Engländern  Munro, 
Anderson,  Milne  und  Haverfield:  The  Roman  Town  of  Doclea 
in  Montenegro,    Archaeologia  vol.    55,    Westminster,  1896.  Das 


98 


zweite  ist  eine  Arbeit  des  italienischen  Archäologen  Piem 
Sticotti  aus  Triest,  im  Verein  mit  zwei  Dalmatineni.  mit  Pro- 
fessor Luka  Jelic  und  den  Architekten  Ivekoviö :  Die  römische 
Stadt  Doclea  in  Montenegro,  mit  1  Tafel  und  148  Abbildungen 
in  Texte,  Wien,  1913,  in  den  Publikationen  der  archäologischen 
Sektion  der  Balkankommission  der  Kaiserlichen  Akademie. 
Band  VT.  Die  Stadt  verödete  in  den  stürmischen  Zeiten  des  VII. 
Jahrhunderts,  aber  ihr  Name  ist  nie  in  Vergessenheit  geraten.  Es 
scheint  sich  hier  eine  kleine  Ansiedlung  behauptet  zu  haben; 
als  Sitz  des  Bischofs  Aio-Kküa%  wird  sie  unter  dem  griechischen 
Metropoliten  von  Durazzo  erwähnt,  als  berühmte  Stadt  Jio/Küa 
in  der  Geschichte  des  Kaisers  Manuel  Komnenos  von  Kinnamos. 
Unter  dem  Einfluß  der  Sagen  über  Kaiser  Diokletian  wurde  der 
Name  Doclea  in  Dioklia  geändert.  Noch  Bozidar  Vukovic 
schreibt  1520  von  sich  selbst,  er  sei  gebürtig  aus  Podgoriea, 
„nahe  bei  der  Dioklitia  genannten  Stadt,  welche  einst  der 
Kaiser  Diokletian  in  seinem  Namen  erbaut  hatte".  Die  Monte- 
negriner nennen  die  Ruinen  heute  noch  Unke.  Dtilda  und  erzählen 
verschiedene  Geschichten  vom  „Zar  Dukljan".  Nach  dieser  Stadt 
wurde  im  Mittelalter  das  ganze  umliegende  Land  Biodia, 
AioxXda,  serljisch  Dioklija  oder  DiokliUja  genannt,  das  Land 
des  serbischen  Stammes  der  „Dioklitianer"  in  den  Werken  des 
Kaisers  Konstantin  Poryhyrogennetos  und  des  Feldherrn  Ke- 
kaumenos.  Noch  ein  mohammedanischer  Nachkomme  der  letzten 
Dynastie  der  Berge  von  Montenegro.  Skanderbeg  Cmojevic 
schrieb  sich  um  1523  „Sandschak  der  Cma  Gora  und  Herr  des 
ganzen  Landes  von  Dioklitija"  (vsoj  dioklitijanskoj  zemlji  gospo- 
(hn).  Aber  schon  seit  dem  XII.  Jahrhundert  wurde  dieser  Name  all- 
mählich verdrängt  durch  den  der  Zeta  (lateinisch  Zenta,  Genta),  nach 
dem  Flusse  Zeta.  Die  Obere  Zeta  lag  in  den  Bergen  von  Njegusi 
oberhalb  Cattaro  bis  zur  Ostseite  des  Sees  von  Skutari,  die 
Untere  Zeta  im  Küstenlande  von  dem  Gebiet  des  Stammes  der 
Pastrovici  bei  Budua  bis  zum  Kloster  des  heiligen  Sergius  an 
der  Bojana. 

Alter    als    Doclea   ist    die    Burg    Medun    im    Gebiete    des 
Stammes  der    Kuci.  Das    ist    die    Burg  Meteon  oder  2[e(hon  im 


Ö9 


Lande  des  Stammes  der  Labeaten,  in  welcher  nach  den  Belichten 
des  Polybios  imd  Livius  der  römische  Legat  Perperna  im  Jahre 
168  V.  Chr.  die  Frau  des  illyrischen  Königs  (nrnthins,  die 
Königin  Etleva  mit  ihren  Söhnen  Scerdilaedus  und  Plenratns 
gefangen  nahm.  In  den  Zeiten  des  serbischen  Despoten  Georg 
Brankovic  wird  sie  als  Jledonum  oder  Modon  erwähnt :  nach 
einer  venezianischen  Beschreibung  war  es  nur  ein  Turm  (una 
torre)  mit  einer  kleinen  Burg,  in  Avelcher  es  kaum  Platz  gab 
für  den  Kastellan  mit  einigen  Wächtern  (Ljubic  10,  151).  Xoch 
1456  befehligte  in  Mednn  Milos,  ein  Woiwode  des  Despoten, 
aber  schon  bald  saßen  hier  die  Türken.  Darauf  wollte  Stephau 
Crnojevic  von  Montenegro  den  Türken  diesen  „Schlüssel  beider 
Zetas"  entreissen,  gelegen  „am  Anfang  der  oberen  Zeta",  erhielt 
von  den  Venezianern  1463  zu  diesem  Zw^ecke  sogar  eine  Kanone, 
aber  seine  Mühe  war  vergebens  (Medonum  oppidum  in  capite 
superioris  Xente  situm,  ambarum  Xentariim  clavem,  Ljubic 
10,  266).  Mariano  Bolizza,  ein  Patiizier  von  Cattaro,  schreibt 
1614,  Medun  sei  ein  sehr  unzugänglicher,  aber  fast  zerstörter 
Platz  (piazza  mal  guardata  e  quasi  desti-utta)  mit  200  Ein- 
wohnern und  einem  türkischen  Aga  oder  Dizdar  als  Befehls- 
haber (Ausgabe  von  Ljubic,  Starine  12,  182).  Es  ist  bekannt, 
was  für  eine  Bedeutung  dieser  Oi-t  noch  in  der  neueren  Ge- 
scliichte  von  Montenegro  hatte.  Jedenfalls  ist  Medun  eine  der 
nicht  vielen  Burgen  von  Europa,  deren  Geschichte  mehr  als 
zwanzig  Jahrhunderte  weit  zurückreicht. 

Der  Nachfolger  von  Doclea  wurde  Bibnica,  im  XII.  Jahr- 
hundert der  Geburtsort  des  serbischen  Großzupans  Nemanja. 
Heute  heißt  Ribnica  der  Fluß,  welcher  durch  die  Stadt  Podgo- 
rica  fließt  und  es  ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln,  daß  der  Ort 
Ribnica  mit  dem  heutigen  Podgoriea  identisch  ist.  Der  Name 
von  Podgoriea  erscheint  zum  erstenmal  in  dem  ältesten  Nota- 
rialbuch des  Gerichtsarchivs  von  Cattaro,  in  Avelchem  um 
1330  Lederhändler  und  Schuster  von  dort  erwähnt  werden. 
Er  steht  in  Verbindung  mit  den  Namen  der  Zupen  dieser  Zeit: 
auf  der  Ostseite  des  Sees  war  die  Grorska  hipa  („Berggau") 
des  Presbyter  Diocleas  und  der  Urkunde    von  Zica  (um  1220j, 


100 


später  die  Lumlscltaft  Vo(hjora  („Unterberg")  der  Prizrener 
Urkunde  des  Zaren  Steplian  (um  1348)  und  des  venezianischen 
Katasters  von  Skiitari  von  1416.  Noch  1448  residierte  in  Pod- 
gorica  ein  Woiwode  des  Despoten  Georg,  der  serbische  Edel- 
mann Altoman,  l^ahl  kam  der  Ort  unter  die  Herrschaft  Vene- 
digs, aber  schon  nach  wenigen  Jahren  finden  wir  hier  die 
Türken,  welche  ihn  bis  1877  behaupteten. 

Eine  alte  Ansiedelung  ist  Tnzi  gegenüber  Podgorica,  der 
„Katun'-  (Hiitengemeinde)  eines  Stammeshäuptlings  Ljes  Tuz  in 
den  Chrysobull  des  Klosters  Decani  1330,  das  große  Dorf  Tuzi 
im  venezianischen  Kataster  1416  mit  150  Häusern,  welches 
damals  500  Bewaffnete,  teils  Reiter,  teils  Fußgänger  aufzu- 
stellen hatte  (Makusev,  Über  die  Slawen  in  Albanien  [russ.], 
AVarschau,  1871,  127).  Eine  Ruine  am  Rand  des  Gebirges  heißt 
Samohor.  Weiterhin  gegen  Süden  wohnen  albanische  Ge- 
schlechter: die  Hoti,  genannt  seit  1330,  in  XV.  .Jahrhundert 
ein  starker  Stamm,  der  nach  Bolizza  (1614)  212  Häuser  und 
600  Bewaffnete  zählte,  die  schon  1416  erwähnten  SkreU,  bei 
Bolizza  30  Häuser,  und  die  gleichfalls  1416  genannten  Kastrat i. 
bei  Bolizza  50  Häuser  stark. 

Drei  Stunden  von  Skutari  liegt  nahe  am  Fluße  Rioli  der 
Hügel  Maja  Balezit  mit  großer  Aussicht.  Oben  stehen  die 
Ruinen  von  JJcdeso.  Nach  der  Beschreibung  von  Jasti-ebov  ist 
der  Umfang  um  die  Hälfte  kleiner,  als  die  Burg  von  Skutari : 
die  Reste,  unter  welchen  eine  große  und  eine  kleine  Kirche  zu 
erkennen  ist,  sind  mit  Gebüsch  überwachsen  (Glasnik  48,  382). 
Nach  Ippen  hat  der  Gipfel  des  Hügels  einen  Umfang  von 
1000  Schritten;  zwischen  dem  Buschwerk  sieht  man  Reste  der 
Stadtmauer  und  einer  Kirche,  aber  die  Ruinen  sind  armseliger 
als  die  von  Svac,  Sarda  oder  Drivasto  (Glasnik  [bos.],  1900,  512 
und  Wiss.  Mitt.  10,  6—9  mit  Abb.).  Hier  stand  die  kleine 
Stadt  Bale^,  Balezo  (oder  Bale^o),  Baliegio,  Ballesio,  Bale^io  des 
XIV.  und  XV.  Jahrhunderts,  mit  einem  Bischof  (Balaoensis 
episcopus),  untergeordnet  dem  Erzbischof  von  Antivari.  Aber 
schon  1350  klagte  der  Bischof^  er  habe  keine  Einkünlte,  weil 
sein  Bistum    voll  Schismatiker  sei  (Theiner,  Mon.  Slav.  1.  236). 


lul 


In  den  Archivbücliern  von  Rugnsa  werden  Hand  werker  aus 
dieser  Stadt  erwälint,  Holzarbeiter  (marangoni)  und  Schnhmaclier 
(cerdoni).  Nach  den  Kataster  von  141()  zählte  die  „citä  da 
Balezo"  damals  nur  25  Häuser  (Starine  14,  ."W).  Bald  darauf 
ist  sie  ganz  verödet.  Iwan  ( i-nojevic,  der  Fürst  von  Montenegro, 
meldete  1474  den  Venezianern,  daß  die  Türken  Balezo  neu 
befestigen  wollen  (Glasnik  15,  173),  Barletius  erwähnt  den 
Ort  als  Ruine,  12  römische  Meilen  von  Skutari,  5  von  Drivasto 
entfernt. 

In  der  Umgebung  von  Balezo  liegt  das  mohammedanische 
Dorf  Koplik,  Cupeinich  des  Presbyter  Diocleas,  Kupelnik  unter 
den  Besitzungen  des  von  Zar  Stephan  Dusan  um  1348  gegrün- 
deten Erzengelklosters  von  Prizren,  Copenico  des  venezianischen 
Katasters  von  141H.  Nach  diesem  Kataster  wohnten  hier  noch 
damals  zahlreiche  Geistliche  der  serbischen  Kirche:  Jura  des 
Protopope,  Pop  Andrea,  Pop  Nikasin,  Pop  Miliza,  Po])  Stanko, 
Pop  Bogdan,  Pop  Radoslav  Tribov,  Pop  Radovan.  Die  Ein- 
wohner selbst  hatten  meist  serbische  Namen :  Iwan  Sudija  (der 
Richter)  oder  Sadic.  Pribac  Budimir,  Iwan  ßudimir,  Bogdan 
Naljesko,  Novak  Milic,  Ratko  Viahinja,  Bratoslav  Kovac  (der 
Schmied),  Ostoja,  Novak  Tribov,  Bogdan  Bogsic,  Andrea  Kraguj 
(der  Sperber),  Ratko  Bogoje,  Dimitr  Bogic,  Dabiziv  Siroko  u.  a. 
Oberhaupt  des  Dorfes  (villa)  war  Thomas,  Schreiber  der  Kanzlei 
von  Skutari  für  die  slawische  Korrespondenz  (scrivan  de  la  corte 
in  schiavo,  Starine   14,  34). 

Skutari  liegt  in  einer  nur  18  Meter  über  dem  Meere 
gelegenen  J]bene.  in  Avelcher  sich  ein  isolierter  Burgfels  von 
elliptischer  Form  135  Meter  hoch  erhebt,  mit  gewaltiger  Aus- 
sicht auf  den  See  und  die  ganze  Umgebung,  besonders  auf  die 
hohen  Gebirge  von  Montenegro  und  Albanien.  Nur  das  Meer 
bleibt  durch  einen  niedrigen  Höhenzug  verdeckt.  Auf  diesem 
Hügel  gab  es  seit  den  ältesten  Zeiten  immer  eine  Festung. 

Bei  Skutari  tiießt  die  Bojana  aus  dem  See  heraus.  Weiter 
i^eoren  Osten  hat  sich  den  Ausgant;  durch  die  Berge  Albaniens 
einer  der  größten  Flüsse  der  Balkanhalbinsel  gebahnt  der  Drihni 
der    Hellenen.    Driixt    (Gen.-onis)    oder  Drhi'nifi.    der    Ivömcr.    iui 


102 


^Mittelalter  lateinisch-  IJi'inns  oder  mit  dem  romanischen  Artikel 
Ludriu,  Lodrino,  Oldrino,  Uldrinum  genannt,  albanisch  Drin, 
serbisch  in  Mittelalter,  wie  noch  jetzt  Drim.  Die  Wm-zel  ist 
der  (iran.  derena,  darna  Spalte,  Talschlucht,  griech.  SecQio,  slaw. 
derem,  drati),  wie  im  Namen  der  Drina  zwischen  Bosnien  und 
Serbien ;  daC)  beide  Namen  dieselbe  Bedeutung  haben,  darauf 
hat  schon  Tomaschek  aufmerksam  gemacht.  Dieser  Fluß  fühi-t 
die  Gewässer  eines  großen  Gebietes  ins  Adriatische  Meer;  der 
»Schwarze  Drin  kommt  aus  dem  See  von  Ochrid,  der  Weiße 
Drin  aus  den  hohen  Bergen  bei  Pec  (türkisch  Ipek).  Die  Mi\udung 
befindet  sich  bei  der  Stadt  Alessio,  aber  neben  dieser  Mündung 
liat  sich  der  Drin  oft  durch  einen  Nebenarm  eine  VerbindunLf 
zur  Bqjana  eröffnet,  gerade  bei  Skutari.  So  war  es  bereits  in 
der  Römerzeit.  Livius  schreibt,  die  Stadt  Seodra  sei  Yon  zwei 
Flüssen  eingeschlossen,  von  Osten  durch  die  Clausala  (Drinassi 
oder  Kjiri),  vom  Westen  durch  die  Burhanna  (Bojana) ;  diese 
beiden  Flüsse  vereinigen  sich  und  fallen  in  den  Oriimdus  ßiwwn 
(so  in  den  Handschriften,  verdorben  aus  Drinius),  welcher  „ex 
monte  Scardo"  (der  Sar-Planina)  kommt  und  ins  Adriatische 
Meer  fließt.  Klarer  sagt  Plinius,  Seodra  liege  18  römische  Meilen 
vom  Meere  am  Flusse  Dirino.  Diese  Verbindung  beider  Flüsse 
bestand  auch  im  XIII — XV.  Jahi'hundert,  wo  die  Bojana  oft 
„flumen  Drini"  heißt.  Sankt  Nikola  an  der  Mündung  der  Bojana 
„San  Nicolo  de  Drino"  oder  „de  Oldi-ino"  (in  den  Archiv- 
büchern von  Ragusa),  Sankt  Sergius  an  der  Bojana  „portus  Sancti 
Sergii  de  Drino"  1282  oder  „de  Oldrino"  1349,  „Sanctus  Sergius 
Lodrini"  1391.  Aber  schon  der  venezianische  Geograph  Domenico 
Negri  schreibt  am  Ende  des  XV.  Jahrhunderts,  der  Drin  habe 
seinen  Lauf  geändert  und  man  sehe  bei  Skutari  selbst  ein  ver- 
schüttetes altes  Flußbett  (piistino  mutato  cursu,  qiiod  manifeste 
apparet,  sub  ipso  namque  oppido  ad  montis  radices  alveus  repletus 
cernitur  et  magni  jjontis  fundamenta,  p.  10-")).  Dieses  alte  Bett 
ist  eingetragen  auch  auf  der  Karte  des  Venezianers  Coronelli 
1688.  Ein  anonymer  venezianischer  Reisender  schreibt  1557, 
die  Ufer  der  Bojana  seien  grün,  weil  der  Fluß  nie  zu  steigen 
pHege  (le  rijie  del  fiume,    non  solendo  egli  crescere,    sono  verdi, 


103 


Starine  10,  251).  Ami  Boue  koniLinierte  nur,  dal'»  die  Gewässer 
der  Bojana  und  der  Drin  einst  vereinigt  waren:  „la  plaine  de 
Scutari,  qui,  en  son  niveau  bas,  servait  ])robalilement  une  fois  ä 
re'unir  les  eaux  du  Drin  a  Celles  du  lac  et  de  la  Bojana" 
(Becueil  d'itine'raires  1,  334).  Zuletzt  hat  sich  der  Drin  im 
Winter  von  1858  und  1859  neuerdings  einen  Ausweg  gegen 
Nordwesten  diu'chbrochen ;  die  schwachen  dort  errichteten  Dämme 
wurden  zerstört  und  zwei  Winter  verwüstete  der  Fluß  die 
ganze  Ebene  von  Skutari  durch  furchtbare  Überschwemmungen, 
bis  er  sieh  im  dritten  Winter  ein  neues  Bett  durchgrub.  Die 
Einwohner  behaupten,  daß  durch  dieses  neue  Bett  '/'s  des  Was- 
sers abfließen,  nur  '  .;  durch  den  alten  Drin  gegen  Alessio  (Hahn. 
Keise  durch  die  Gebiete  des  Drin  und  Vardar  im  Jahre  18()3. 
8.  A.  aus  den  Denkschrilten  der  Kaiserlichen  Akademie,  phil.-hist. 
Klasse  Bd.  Mk  8.  34,  30). 

Ökutari  hat  seinen  Namen  seit  mehr  als  zwei  Jahrtau- 
senden nicht  geändert.  Die  Eömer  nannten  die  Stadt  Scodra, 
el^enso  die  Griechen,  höchstens  daß  die  Byzantiner  den  Namen 
mitunter  im  Plural  setzen  (ly.öÖQai).  Presbyter  Diocleas  schreibt 
Scodaris,  in  Adjektiv  Scodi'inensis.  Seit  1287  liest  man  che 
Form  Scutaruia  (Adj.  Scutarensis).  Die  altserbische  Form  war 
Skbdor,  mit  zwei  Halblauten;  man  hört  sie  mitunter  noch  in 
Montenegro.  Die  neue  Form  Skadur  liest  man  seit  dem  Ende 
des  XIV.  Jahi-hunderts.  Italienisch  nennt  man  die  Stadt  Scntarl. 
al])anisch  Sliodrn  oder  Skodrcij  türldsch  Skendevic  oder  Isleu- 
dcrir.   Hahn    deutet  den  Namen  vom    albanischen    kodra,  Hügel. 

Die  Könige  der  alten  Illvrier  hatten  ihre  Residenz  in  Skutari. 
Es  gibt  auch  Münzen  mit  der  Aufschrift  IxoSquvmv  und  dem 
Bild  eines  Helms.  Die  älteste  Beschreibung  aus  dem  Jahre  168 
V.  Chr.  ist  erhalten  bei  Livius,  in  der  Geschichte  des  Krieges 
gegen  den  illyrischen  König  Genthius  (XLIV,  cap.  31).  Scodra 
war  die  am  l>esteu  Ijefestigte  (arx  nmnitissima)  und  schwer  zu- 
gängliche (difficilis  aditu)  Burg  des  Stammes  der  Labeaten,  in 
einer  von  Natur  aus  festen  Lage  (munitum  situ  naturali  oppidum). 
umgeben  von  Mauern,  mit  Türmen  über  den  Toren  (portaramque 
tun-es).  Als  der  römische  Prätor  Lucius  Anicius    vor    der   Burg 


104 


erschien,  unternahm  König  Genthius  (es  gibt  von  ihm  auch 
Münzen  mit  griechischer  Anfschrilt)  einen  Ausfall,  wurde  aber 
zurückgeschlagen  und  nmßte  sich  in  die  Burg  zurückziehen. 
Er  verhandelte  wegen  eines  Waffenstillstandes  und  entfloh  in- 
dessen in  einem  Schiff*  auf  den  See ;  als  er  aber  sali,  dal.»  ihm 
die  Flucht  abgeschnitten  sei,  ergab  er  sich  dem  römischen 
Feldherrn,  der  den  letzten  König  der  Illyrier  nacli  l^(»m  weg- 
tührte.  Scodra  wurde  eine  römische  Stadt,  einer  der  Hauptorte 
im  Süden  der  Provinz  Dalmatia,  wo  Kaiser  Dioeletian  später 
eine  neue  Provinz  Praevalis  errichtete.  Frühzeitig  verbreitete 
sich  hier  das  Christentum  und  seit  den  IV.  Jahrhundert  werden 
Bischöfe  der  Stadt  genannt :  die  (reschichte  dieses  Bistums 
reicht  ohne  Unterbrechung  von  dei-  Römerzeit  bis  zum  heutigen 
Tage.  Als  das  Römische  Reich  in  ein  weströmisches  und  ost- 
römisclies  zerfiel,  blieb  Scodra  mit  ganz  Praevalis  bei  Ostrom, 
unter  Konstantinopel.  In  der  Zeit,  als  die  Einwanderung  der 
Slawen  im  VII.  Jahrhundert  alle  Verhältnisse  in  diesen  Ländern 
veränderte,  behaupteten  die  Byzantiner  Skutari  mit  Drivasto, 
Alessio,  Dulcigno  und  Antivari,  als  einen  Teil  des  „Thema" 
(der  Provinz)  von  Dyrrhachion  (Durazzo).  Obwohl  die  Bürger 
dieser  Städte  meist  Nachkommen  der  alten  Römer  waren,  linden 
wir  ihre  Bischöfe  in  älteren  Kataloj'en  untertje ordnet  dem  irrie- 
chischen  Metropoliten  von  Durazzo.  Im  XI.  Jahrhundert  nahmen 
Skutari  die  Serben,  Avelche  damals  die  lateinische  Kirche  reifen 
die  Griechen  unterstützten,  und  so  wiu-den  die  Bischöfe  dieser 
Städte  dem  neuen  lateinischen  Erzbischof  von  Antivari  unter- 
geordnet. Als  1096  die  Kreuzfahrer  ans  Südfrankreich  hier 
durchzogen,  fanden  sie  in  Skutari  den  serbischen  Köiu'g  Bodin, 
der  die  Anführer  der  Proven9alen  freundschaftlich  begrül.'»te. 
Die  byzantinische  Herrschaft  über  dieses  Küstengebiet  erneuerten 
die  Kaiser  aus  der  Familie  der  Koumenen,  besonders  Kaiser 
Manuel.  Bei  dem  Niedergang  des  Konstantinopler  Kaisertums, 
nach  Manuels  Tod  (1180),  eroberte  Skutari  mit  aller  benach- 
barten Städten  der  serbische  GroÜzupan  Stejjhan  Nemanja. 
Den  letzten  Versuch  die  griechische  Herrschaft  in  dieser  Land- 
schaft zu   erneuern,  unternahm  um  1215    der    erste    Despot  vou 


105 


Epirus  Michael  I.  Er  entriß  Skutari  dem  »Solme  Nemanjas,  dem 
Großzupan  Stephan  (dem  späteren  König,  dem  „Erstgekrönten"), 
aber  nach  dem  plötzlichen  Tod  des  Epiroten  wurde  die  Stadt 
rasch  wieder  von  den  Serben  besetzt  und  verblieb  in  ihi-em 
Besitz  das  XIII.  und  XIV.  Jahrhundert  hindurch. 

Die  Burg  von  Skutari  heißt  schon  bei  Steplian  dem  Erst- 
gekrönten (von  1215)  in  der  Biogra[»hie  des  Nemanja  Mosuf. 
In  der  Form  Jlosapha  kennt  diesen  Namen  auch  Marinus  Bar- 
letius  (um  148')),  ebenso  wie  er  noch  bei  einigen  Schriltstellei-n 
des  XIX.  Jahrhunderts  erwähnt  wird.  Es  gehört  zu  den  merk- 
Avürdigen,  aber  nicht  seltenen  Ubertragimgen  von  Ortsnamen 
unter  den  Einfluß  von  Legenden.  Es  ist  die  Stadt  L'nsfifa,  von 
welcher  in  der  Legende  der  heiligen  Sergius  mid  Bacchus, 
römischer  Soldaten  zu  lesen  ist,  heute  verlassen,  aber  mit  ihren 
Mauern  und  Gebäuden  vorti-efflich  erhalten  im  Osten  Syriens,  in 
den  Wüsten  am  Eufrat,  nicht  weit  von  dem  alten  Palmyra. 
LTnterhalb  Skutari  gab  es  an  der  Bojana  ein  berühmtes  Kloster 
dieses  heiligen  Paares  und  das  Volk  übei-trug  die  Heimat  diesai* 
syrischen  Märtyrer  in  die  nächste  L^mgebung  (Hilarion  Ruvarac 
in  Glasnik  40,  39—41  und  meine  Abhandlung,  Das  christliche 
Element  in  der  topographischen  Nomenklatur  der  Balkanländer, 
Sitzungsberichte  der  Kaiserlichen  Akademie,  Band  136,  Seite 
48—54). 

Unter  den  Nemanjiden  war  die  Zeta  mit  Skutari  oft  das 
Land  des  serbischen  Thronfolgers.  Bei  dem  Verfall  des  serbischen 
Reiches  herrschte  hier  seit  uugefähr  1:*()0  die  Familie  der 
Balsici.  Zuletzt  nahmen  (he  Türken  1392  den  Georg  Stracimi- 
rovic  Balsic  gefangen  und  ließen  ihn  nicht  eher  frei,  bis  er 
ihnen  Skutari  übergab.'  Darauf  befehligte  iu  Skutari  und  Sankt 
Sergius    1393 — 1395    der    türkische    Feldherr    Schahin.    Georg 

'  Georgius  Stracimir  und  ein  „consaiiguineus"  desselben,  „retenti'' 
von  Bajazid,  mußten  „Duleignum  et  Scutari  ac  alia  loca  sua"  den  Türken 
abtreten  „pro  liberatione  et  relaxatione  eorum".  Beratungen  der  Regie- 
rung in  Venedig  darüber  am  7.  Oktober  139ä  bei  Ljubir  i,  29-5—296. 
Diese  Gefangemiabme  Georgs  wird  von  Gojjcevie,  Gescliichte  von  Moiiti>- 
negro  und  Albanien,  (Gotlia,  19U)  4.19 — 100,  mit  Unrecht  liezweifelt. 


106 


vertrieb  zwar  nach  zwei  Jahren  wieder  die  Türken,  sah  sich 
aber  gezwungen  im  Apiil  1396  Skutari,  Drivasto,  Dagno  und 
Sankt  Sergius  an  Venedig  abzutreten.'  Die  Venezianer  besaßen 
Skutari  durch  83  Jahre,  I-'IOG — 1479.  Ihr  Vertreter  war  hier 
ein  „capitaneus  et  comes"  der  Republik.  Vergeblich  bemühten 
sich  die  Serben  um  die  VViedereroberung  der  Stadt.  Skutari 
wurde  von  ihnen  zweimal  belagert;  zuerst  Ende  1421  vom 
Despoten  Stei)han  Lazarevic,  dann  1422  wieder  vom  Despoten 
und  nach  ihm  von  seinem  Feldherrn  Mazarak,  bis  Niccolö  Cappello, 
der  mit  der  venezianischen  Flotte  bei  Sankt  Sergius  stand,  die 
Serben  durch  einen  energischen  Angriff  in  einer  Dezerabernacht 
gegen  Dagno  vertrieb  (Jorga,  Kotes  et  extraits  1,  329  Ann,  4). 

Nach  dem  Untergang  der  christlichen  Staaten  von  Serbien, 
Bosnien  und  Albanien,  drangen  die  Türken  von  neuem  in  diese 
Gegend  vor.  Unter  Sultan  Mohammed  II.  belagerte  Skutari  der 
Beglerbeg  von  Rumelien  Suliman  1474,  aber  die  Stadt  wurde 
von  Antonio  Loredano  mit  2500  Soldaten  tapfer  verteidigt,  mit 
Hilfe  venezianischer  Schiffie  auf  der  Bojana  und  dem  See,  unter- 
stützt auch  von  den  Cniojevici  von  Montenegro  und  von  den 
Albanern  der  Berge.  Die  zweite  Belagerung  1478,  die  der  Priester 
Marinus  Barletius  in  einer  kleinen  lateinischen  Schrift  schildert, 
leitete  Sultan  Mohammed  IL  ijersönlich.  Die  Venezianer  ver- 
teidigten die  Stadt  mit  Heldenmut,  mußten  sie  aber  im  Frieden 
1479  räumen.  Von  den  1600  Soldaten  waren  zuletzt  nur  450 
übrig  geblieben.  Die  Bürger  unter  ihrem  Führer  Florio  Jonima 
übersiedelten  nach  Venedig,  ßavenna  mid  Treviso.  Seitdem  blieb 
Skutari  434  Jahre  unter  türkischer  Herrschaft,  bis  1913. 

Der  Mittelpunkt  des  alten  Skutari  w^ar  die  Burg  (castrum), 
zugänglich  nur  von  einer  Seite.  Nach  der  Beschreibung  von 
Ippen  ist  sie  umgeben  von  einer  Doppelmauer;  in  den  Befesti- 
gungen sind  die  Sjiuren  der    venezianischen   Architektur  überall 


'  Die  Urkunde,  durch  welche  „inagnificus  dominus  Georgius  Stra- 
cimerii"  „civitatem  suam  Scutari  cum  castro",  „locum  Drivasti  et  certa 
alia  loca  sua"  den  Venezianern  abtrat,  datiert  in  A'enedig,  14.  April  1396, 
ist  abgedruclvt  bei  Ljubic  4,  305— .j69  (im  Titel  ist  1395  ein  Druckfehler; 
im  Text  ist  zu  lesen  „millesimo  trecentesimo  nonagesimo  sexto^j. 


10^ 


zu  bemerken.  Die  alten  Bauten  -winTlen  im  XIX.  Jahrliundert 
durch  einige  Pulverexplosionen  stark  zerstört.'  Der  Eingang 
führt  durch  drei  Tore,  ein  jedes  in  einem  eigenen  Turm  l)efindlich, 
worauf  im  Innern  drei  Höfe  folgen.  Im  mittleren  Hofe  steht  eine 
Moschee  mit  Resten  gotischer  Kreuzgewölbe  und  Skulpturen 
(Glasnik  [bos.]  1!»02,  181  und  Wissenschaftliche  Mitteilungen  10, 
47  f.).  Das  ist  wohl  die  einstige  Kathedrale  des  heiligen  Stephan 
(ecclesia  cathedralis  Sancti  Stephani  de  Scutaro),  die  1346  dm'ch 
einige  Wunder  berühmt  geworden  war  (Tlieiner,  Mon.  Slav.  1, 
219).  Zar  Steplian  Dusan  schenkte  dem  Erzengelkloster  von 
Prizren  in  Skutari  „den  Mühlgraben  (jaz)  des  heiligen  Ste{)han" 
(Glasnik  15,  288),  den  er  während  seines  Konfliktes  mit  den 
Lateinern  dem  katholischen  Bistum  entzogen  hatte.  Die  Türken 
richteten  die  alte  Domkirche  zu  einer  Moschee  ein,  aber  noch 
lt)85  stand  darin  eine  verdorbene  alte  Orgel  als  Trophäe  (organo 
disfatto,  Theiner  ib.  2,  218).  In  der  Burg  befand  sich  ein 
PaUist,  in  Avelchem  die  serbischen  und  später  die  venezianischen 
Amter  ihren  Sitz  hatten,  sowie  die  Kerker. 

Genannt  wird  noch  eine  Kirche  des  heiligen  Nikolaus 
„in  der  berühmten  Stadt  Skadar",  in  welcher  sich  die  Königin 
Helena,  die  Witwe  des  Königs  Stephan  Uro«  I.,  eine  Französin, 
vom  Mönche  Hiob  als  Nonne  einkleiden  ließ  (Erzbischof  Daniel, 
Ausgabe  von  Daniele  84),  in  Kataster  1416  „San  Nicolo 
apresso  la  porta".  Andere  katholische  Khclien  von  Skutari 
Avaren :  Santa  Maria  gegenüber  der  Bm-g,  die  Kirche  der  Fran- 
ziskaner (1395),  die  Kirche  des  heiligen  Elias  im  Kloster  der 
Dominikaner  (1444),  San  Aponale,  ügni  Santi  (serbisch  „Sveti 
Yraci"  genannt,  die  heiligen  Arzte,  nämlich  Kosmas  und  Damian), 
und  zwei  Kirchen,  die  1416  in  Ruinen  lagen:  Sankt  Theodor 
und  Santa  Croce.  Die  Serben  hatten  in  Skutari  ein  Kloster  des 
heiligen  Petrus,  untergeordnet  dem  Metropoliten  der  Zeta,  den  der 

'  Ein  Wali  von  Skutari,  der  von  Blitzableitern  gehört  hatte,  ließ 
einen  solchen  1874  auf  das  Pulvermagazin  aufsetzen,  aber  nur  die  Stange 
mit  der  vergoldeten  Spitze,  ohne  die  Ableitungsstangen.  Als  das  nächste 
(.iewitter  kam,  flog  die  Pulverkammer  in  die  Luft!  Gopcevic,  Das  Fürsten- 
tum Albanien  (^Berlin,  1014)  275. 


108 


„patriarcliii  Sclavonie"  einsetzt  ( 1404, 1426,  Ljubic  5,  43  und  9, 16 ). 
In  der  Vorstadt  Suh-Sciiktrl  wolinten  die  ragusanisclien  Kaiifleute 
bei  einer  Kirche  des  heiligen  Blasius  (extra  Sciituri  ad  Sanctum 
HUisiuMi  1433,  S.  Blasius  prope  civitatem  Scutari  1444).  Die  Häuser 
in  der  Stadt  waren  1416  sowohl  aus  Stein  als  aus  Holz  erbaut, 
mit  Däehern  mitunter  nur  von  Holzschindeln  oder  Sti'oh. 

Der  Hof  der  ser)jischen  Könige  und  später  Zaren  befand 
sich  außerhalb  der  Stadt  am  Flusse  Drimac,  den  Negri  Drynax 
nennt,  andere  Venezianer  Drinase,  am  jetzigen  Drinassi  oder 
Kjiri.  Das  war  die  Residenz  des  jungen  Königs  Stephan  Dusan. 
als  er  1331  mit  seinem  Vater  Stephan  Uros  III.  Krieg  fühi-te. 
Nach  der  Erzählung  in  der  Biographiensammlung  des  Erzbischofs 
i^aniel  (Ausgabe  von  Danicic,  S.  209)  verheerte  der  Vater  die 
Weinberge,  die  Obstgärten  und  die  Felder,  „und  befahl  auch 
den  Hof  seines  Sohnes  unterhalb  Skadar  am  Ufer  des  Drima  • 
mit  vielen  wunderbaren  Palästen  bis  zu  den  Grundfesten  zu 
zerstören".  Noch  1416  erwähnt  das  venezianische  Kataster  ,.la 
Corte  de  lo  imperador"  bei  Skutari.  Jasti-ebov  meinte,  ein  Best 
dieser  Gebäude  sei  der  Hof  der  albanischen  Dynastie  der  Busatli 
in  Kosmac  z^vischen  Basat  und  Dagno  gewesen,  zerstört  1881 
durch  eine  Überschwemmung  des  Drin :  in  zwei  Sälen  sah  man 
nämlich  unter  dem  türkischen  Verputz  noch  Beste  alter  Kirchen- 
malerei mit  Bildern  aus  der  Heiligen  Schrift  (Spomenik  41. 
49 — 50).  Aber  nach  den  Worten  Daniels  ist  Dusans  Hof  näher 
bei  Skutari  zu  suchen,  am  Flusse  Drimac  selbst. 

Der  katholische  Bischof  von  Skutari  Avar  seit  dem  XI.  Jahr- 
hundert dem  Erzbischof  von  Antivari  nntergeordnet.  Für  die 
serbischen  Könige  haben  die  Bischöfe  oft  Gesandtschaitsreisen 
unternommen;  so  wurde  1321  der  Bischof  Peter  von  Uros  II. 
nach  Kagusa  gesendet.  Auf  dem  bischöflichen  Siegel  ist  die 
Mutter  Gottes  mit  dem  Jesuskind  abgebildet  (Spomenik  11,  24). 
Das  politische  Oberhaupt  war  der  Comes  der  Stadt;  1347  wird 
der  Comes  Petrus  Chranimiri  erwähnt.  Die  Gemeinde  hie  1.1 
„commune  et  universitas  Scutari"  (13."')6);  an  der  Spitze  stan- 
den die  Richter  und  Ratsherren,  ..judices  et  consiliarii  civitatis 
Scutari"   (1401).  Aus  der  Stadtkanzlei  ha])en  sich  nur  lateinische 


109 


l'rkunden  erhalten;  1330  wird  ,.Clemens  filins  Gini,  nutarius 
Cijnimunis  Scutari"  genannt.  Ein  Schreiber  für  serbische  Urkun- 
den, zugleich  auch  Dolmetsch,  ist  nur  unter  der  venezianischen 
Herrschalt  bekannt.  In  Ökutari  wiu'den  auch  Münzen  mit  latei- 
nischer Aufschrift  geprägt.  König  Konstantin.  Sohn  des  Königs 
Stephan  Uro.s  IJ.  Milutin,  welcher  bald  im  Kampfe  gegen  seinen 
Halbbruder  Stephan  Uro«  III.  (1322)  den  Tod  fand,  ])rägte 
Silbermünzen  in  5  Typen:  „S.  Stefanus  Scutari",  auf  der  Kück- 
seite  der  König  auf  dem  Thron  mit  der  Umschrift  „dominus 
rex  Constantinus".  Die  Stadtmünzeu  aus  Bronze  haben  einerseits 
das  Bild  des  heiligen  Stephan,  andererseits  den  Heiland  mit 
der  Aufschrift  „civitas  Scutarensis".  Georg  Stracimirovic  prägte 
hier  auch  Silbermünzen,  mit  seinem  Bild  und  dem  des  heiligen 
Stephan,  und  20  Typen  kupferner  „Follari".  Die  Kupfer- 
münzen der  venezianischen  Zeit  haben  auf  einer  Seite  den 
heiligen  Stephan,  auf  der  anderen  den  heiligen  Markus  (Dr.  K. 
Stockert,  Die  Münzen  der  Städte  Nordalbaniens,  Xumismatische 
Zeitschrift  43,  1910,  H7— 128). 

In  Drivasto,  Dulcigno  und  Antivari  gab  es  unter  den 
Bürgern  zahlreiche  Reste  der  alten  Römer  oder  Romanen,  die 
an  den  Familiennamen  zu  erkennen  sind.  Aljer  in  Skutari  sind 
die  Namen  im  XIV.  Jahrhundert  meist  alljanisch.  In  den  Archiv- 
büchern  von  Ragusa  und  Cattaro  werden  genannt:  1330  Petre 
de  Bercia,  Andrea  Span,  Duchesa,  Moisa  Travalo,  1331  Guin 
nepos  Petri  Ghranimiri,  1352  Progon  Tuodori  de  Scutaro,  1370 
Vita  filius  Duche,  1395  Tole  de  Paraviso  n.  a.  Es  gab  auch 
einen  Stadtadel:  1417  Ser  Marinu.s,  filius  comitis  vStefani  de 
Scutaro  u.  a.  Im  XV.  Jahrhundert  wohnten  in  der  Stadt  zahl- 
reiche Edelleute,  welche  wegen  der  vielen  Kiüege  nicht  mehr 
in  ihren  Höfen  auf  den  Dörfern  residieren  wollten ;  es  waren 
l)esonders  die  „Proniare",  welche  mit  ihren  Leuten  Krieg.sdienste 
zu  Pferde  leisteten,  wie  früher  unter  den  Serben,  so  auch  miter 
den  Venezianern.  Lebhaft  war  der  Handel,  besonders  auf  dem 
Wege  nach  Prizren  und  Novo  Brdo.  Aus  dem  Innern  brachte  man 
Ije.souders  Wachs  und  Silber,  in  das  Innere  Tücher,  Seesalz,  aus 
dem  See  von  Skutari  eingesalzene  Fische.  Sperren  zum  Fischfang 


110 


und  Mühlen  schlössen  die  Bujcina  bei  der  Stadt  selbst  ab;  die 
Venezianer  wollten  diese  Hindernisse  1422  entfernen,  damit  die 
Seeschiffe  bis  Skutari  selbst  konnnen  könnten. 

Für  die  Kenntnis  der  Umgebung  ist  die  Haujitcjuelle  das 
.,catasticum",  1416  geschrieben  von  dem  venezianischen  Notar 
Peti-ns  de  Sancto  Odorigo  de  Parma,  ein  großer  Codex  (172 
Blätter)  der  Sankt-Markiis-Bibliothek  in  Venedig.  Dieses  Kataster 
nennt  in  den  einzelnen  Oi-ten  alle  Einwohner,  mit  dem  Aus- 
maß ihrer  Steuerpflieht.  Benützt  wurde  es  von  Makusev  in 
seinem  Werke  „Über  die  Slawen  in  Albanien"  [russ.]  (Warschau. 
1871).  Ljubic  hat  in  der  „Starine"  der  Südslawischen  Akademie 
Bd.  14  nur  einen  Auszug  veröffentlicht.  Eine  vollständige  Aus- 
gabe nahm  kurz  vor  seinem  Tode  Miklosich  in  Angriff,  ist  aber 
leider  nicht  dazu  gelangt  die  Arbeit  zu  vollenden  und  in  Druck 
zu  geben.  Die  Regierung  von  Venedig  hat  schon  nach  fünf 
Jahren  (1421)  befohlen  ein  „catasticum  novum"  für  Skutari, 
Drivasto  und  Dulcigno  zusammenzustellen,  aber  von  diesem 
zweiten  Kataster  hat  sich  nichts  erhalten.  Das  Temtorium  von 
Skutari  reichte  damals  von  der  Meeresküste  zwischen  den  Mün- 
dungen der  Bojana  und  dem  Drin  bis  zum  Dorfe  Tuzi  bei 
Podgorica.  eingeteilt  in  zwei  Distrikte,  „sotto  Scutari"  unrl 
„sopra  Scutari".  Dörfer  gab  es  114  (38  in  oberen,  76  im  unte- 
ren Distrikt)  mit  1287  Häusern.  Ihre  Namen  bestehen  größten- 
teils heute  noch,  bei  der  Stadt  selbst  z.  B.  Lubani  (jetzt  Jubani), 
Vulcatani  (jetzt  Vukatani),  Sj)atari  (jetzt  ebenso),  Cusmaci  (jetzt 
Kosmac).  Verschwunden  ist  das  Dorf  Uli] ari  (die  „Bienenzüchter") 
„oberhalb  Skutari",  in  welchem  Konstantin,  der  Sohn  des  Georg 
Balsic  und  der  Theodora,  einer  Schwester  des  Despoten  Dragas 
(Spomenik  11,  15),  1395  den  Ragusanern  eine  Urkunde  aus- 
stellte (Miklosich,  Monumenta.  p.  228).  Von  den  Städten  haben 
sich  jederzeit  behaujjtet  die  größeren  Gemeinden  Skutari,  Alessio 
und  Dulcigno,  alle  drei  noch  vor  der  Römerzeit  gegründet. 
Daneben  ist  es  merkwürdig,  wie  viele  kleine  Städte  seit  dem 
XV.  Jahrhundert  verödet  sind,  vor  allem  die  sechs  Bischofsitze 
Balezo,  Drivasto,  Sarda,  Dagno,  Sapa  und  Svac.  Diese  Erschei- 
nung wiederholt  sich  an  zwei  Stellen  der  Halbinsel :  in  Thrazien 


IJl 


zwischen  Gallipoli  und  Adrianopel,  als  Folge  der  türkischen 
Eroberimgszüge  nach  dem  l'be)-gang  der  Osmanen  nach  Europa 
(1354)  und  in  Albanien  in  der  Umgebung  von  Durazzo  und 
Skutari,  als  Folge  der  gi'olien  Türkenki-iege  des  XV.  Jahr- 
hunderts   gegen    die  Venezianer  und  gegen  8kanderbeg. 

Die  Hauptf'estung  der  Nachl^arschaft  lag  10  Kilometer 
östlich  von  Skutari  im  Tal  des  Flusses  Kjiri,  schon  im  Innern 
der  Berge  Albaniens :  IJrmlsto,  lateinisch  Drhastvm,  altserbisch 
Ih'iood  bei  König  Stephan  dem  Erstgekrönten  und  bei  Thomas 
Archidiaconus  von  Spalato,  Dncmisto  auf  der  Karte  des  Fra 
Mauro  aus  dem  XV.  Jahrhundert  in  Venedig.  Die  Burg  stammt 
vielleicht  schon  aus  der  illyrischen  oder  römischen  Zeit.  Alba- 
nisch heilit  sie  jetzt  Dr'istt.  Die  Ruinen  beschreiben  Gopcevio, 
Oberalbanien  und  seine  Liga  (Leipzig,  1881)  152  f.,  Ippen  im 
Glasnik  [bos.]  1900,  520-631  und  Wissenschaftliche  Mitteilungen 
10,  9 — 16  (mit  Bildern  und  Plänen)  und  A.  Degrand,  Souvenirs 
de  la  Haute  Albanie,  Paris,  1901,  88  f.  Der  Ort  liegt  auf 
einem  ungelahr  150  Meter  hohen  Hügel,  der  von  Norden  und 
Westen  durch  das  tiefe  Tal  des  Kjiri,  vom  Süden  durch  die 
Schlucht  des  Baches  Proni  Dristit  begrenzt  ist,  so  daß  der 
Zutritt  nur  von  der  Ostseite  offen  bleibt.  In  der  Mitte  der 
Höhe  liegt  das  Dorf  Di-isti  mit  einer  Moschee  und  die  Reste 
der  alten  Stadt  mit  zwei  Toren.  Ungefähr  60 — 80  Meter  höher 
steht  auf  dem  Gipfel  die  alte  Burg  Kaluja  DriUif.  umgeben 
von  Mauern  in  Gestalt  eines  unregelmäßigen  Polygons,  mit  den 
Resten  von  Türmen.  Zwischen  Stadt  und  Burg  steht  die  Ruine 
einer  kleinen  Kapelle  mit  drei  runden  Altären.  Bei  einem  Tore 
liegt  ein  Wappenstein  mit  drei  Sternen.  Von  den  Ruinen  eröflPnet 
sich  eine  große  Aussicht  auf  Skutari  und  den  See.  Barletius 
lobt  das  gute  Wasser  und  die  gute  Luft  von  Drivasto. 

In  den  älteren  Katalogen  der  griechischen  Bischöfe  A\ird 
6  ylQißdaTOv  unter  den  Metropoliten  von  Durazzo  genannt:  im 
XI — X  V^.  Jahrhundert  war  er  aber  dem  katholischen  Erzbischof 
von  Antivari  untergeordnet.  Lange  gehörte  Drivasto  den  Bvzan- 
tinern,  bis  es  Xemanja  zugleich  mit  Skutari  eroberte.  L^nter 
der    serbischen    Herrschaft    blieb    die    Stadt    eine    privilegierte 


112 


Gemeinde  mit  gewählten  Beamten  und  lokalen  Gesetzen ;  den 
König  vertrat  ein  Come.s  (1251).  Als  die  Tataren  1242  aus 
Ungarn  durch  Dalmatien  zogen,  um  ü])er  Serbien  und  Bulgarien 
nach  Rußland  zurückzukehren,  wurden,  wie  der  Zeitgenosse 
Archidiakon  Thomas  von  Spalato  erzählt,  die  Städte  Svac  und 
Drivasto  von  ihnen  ausgeplündert  und  die  Einwohner  nieder- 
gehauen. Mit  Skutari  war  Drivasto  189o — l^O.")  im  Besitz  der 
Türken,  kam  aber  1396  unter  die  HeiTSchaft  von  Venedisr. 
Die  Repuljlik  bestätigte  die  .,antiqua  statuta'",  regulierte  die 
Grenzen  zwischen  den  Gebieten  von  Drivasto  und  Skutari  und 
sicherte  den  Verkauf  des  lokalen  Weines  durch  Verbot  fremder 
Weine  (Ljubic  4,  408  und  •">,  7).  Befehlshaber  im  „eomitatus 
Drivasti"  war  ein  venezianischer  Podestä  (potestas).  Um  die 
Wiedereroberung  der  Stadt  bemühte  sich  Balsa  III.  Während 
einer  langen  Belagerung  brachte  er  1418  die  Besatzung  durch 
Hunger  und  Durst  so  lierab,  daß  dem  Befehlshaber  Correr  nur 
40  Mann  blieben.  An  einem  sehr  regnerischen  Septembertag 
erstürmte  Balsa  die  Burg,  ohne  Verlust  für  seine  Leute,  und 
nalim  den  Podestä  mit  Frau  und  Soldaten  gefangen  (Jorga, 
Notes  et  extraits  1,  294  A.).  Schon  1421  besetzten  Drivasto 
die  Truppen  des  Despoten,  was  den  Venezianern  sehr  schwer 
fiel,  „quia  sine  Drivasto  civitas  Scutari  parum  valef'  (Ljubic 
8.  118).  Die  serbischen  Despoten  besaßen  Drivasto  bis  1442. 
Ein  ausführlicher  Grenzvertrag  zwischen  Venedig  und  Serbien 
ist  im  November  1426  in  Drivasto  niedergeschrieben  worden. 
Dann  besaßen  Drivasto  die  Venezianer  zum  zweiten  Male"  durch 
3t)  Jahre  1442 — 1478,  nachdeiu  sie  die  Stadtprivilegien  neuer- 
dings bestätigt  hatten  (Ljubic  9,  1-57 — 159). 

Klar  wird  Stadt  und  Burg  von  einander  geschieden 
(castrum  et  civitas).  Die  Kathedi-ale  w'ar  eine  Kirche  des  heiligen 
Georg.  Erwähnt  wird  noch  eine  Marienkirche.  Sitz  des  Dom- 
kapitels (capitulum  ecclesiae  S.  Mariae  de  Drivasto  1352)  und 
eine  Kirche  des  heiligen  Franziskus.  Beim  Bischof  gab  es  eine 
Menge  von  Klerikern,  Domherren,  einen  Erzpriester  und  viele 
Priester,  aber  wegen  der  geringen  Einkünfte  dienten  viele  in 
Kagusa,  in  der  Stadt  und  Umgebung;    ein    Geistlicher  Andreas 


113 


aus  Drivasto  Mar  l.  i>.  IM  17  Xotai-  der  Insel  Lagosta.  Xicht 
näher  bekannt  sind  die  Einrichtungen  der  Gemeinde  (commu- 
nitiis),  deren  lateinische  Akten  ein  Notar,  wieder  ein  Geist- 
licher, abfaßte.  In  der  Umo-ebunp;  oab  es  trenui;  Wein  und  Ol. 
aber  che  Xot  war  im  Wachsen  infolge  der  ununterbrochenen 
Xriege.  Die  Bürger  betrachteten  sich  noch  im  X^^  Jahr- 
hundert, wie  Barletius  schreibt,  mit  Stolz,  als  Nachkommen  der 
Römer  (Romanorum  colonos  se  apiiellantes).  In  der  Tat  findet 
man  unter  den  Familiennamen  des  XIV.  und  XV.  Jahrhunderts 
viele  rein  romanische :  Palombo  oder  Colomba,  de  Leporibus, 
Barbabiancha,  Summa,  l'ello ;  daneben  gibt  es  allerdings  auch 
albanische,  wie  Bariloth,  Precalo,  Scapuder  (1M68  f.,  die  erste 
Spur  des  Volksnamens  der  Skipetaren),  serbische,  wie  Berivoj  oder 
griechische,  wie  Calageorgii  und  Spauo  (nirav^xi  der  Bartlose). 
Die  Yornehmste  Adelsfamilie  waren  die  »S)>rn?  oder  Sjxow,  serbisch 
Spanat'icl.  Eine  Linie  Avar  im  XV.  Jahrhmidert  in  venezianischen 
Diensten.'  Eine  andere  gehörte  zu  den  Anhängern  der  Serben. 
Oft  erwähnt  wird  ans  ihr  in  den  ragusanischen  Archivbüchern 
l'eter  Span,  ein  katholischer  Albanier,  1430 — 1456  (f  vor  1458). 
Er  hatte  drei  Söhne:  Bozidar  (f  vor  1474),  Alexius  filius  Petri 
Spani  oder  Lje.s  Spanovic,  1454  Woiwode  des  Despoten  Georg 
in  der  Bergstadt  Novo  Brdo  (leljte  noch  1474),  und  HiToje  (lebte 
noch  1478).  Nach  1474  erscheint  noch  Bozidars  Sohn,  Peter,  mit 
seiner  Mutter  Gojsava  und  seiner  Frau  Ljubosava."  Die  Venezianer 

'  Urkuudliclie  Daten  bei  Hoi^f,  Geschichte  Griechenlands  im  Mittel- 
alter, Ersch-Gruhers  Enzyklopädie,  Bd.  86,  S.  97. 

-  Diese  Spani  der  ragusanischen  Xachrichten  fehlen  in  der  Stamm- 
tafel der  „famille  des  Spans,  grands  feudataires  de  Drivasto"  bei  Hopf, 
Chroniques  greco-romanes  (Berlin,  1873),  S.  535.  Der  dort  erwähnte 
Alessio  Magnifico  (1442 — 1490)  ist  der  Sohn  eines  Michael  und  hat  sieben 
Brüder  mit  ganz  anderen  Namen  (Andreas,  Petrus,  Paulus  usw.)  Die 
Fortsetzung  der  „Acta  et  diplomata  res  Albaniae  mediae  aetatis 
illustrantia"  wird  wohl  in  diese  verworrenen  genealogischen  Fragen  Licht 
bringen.  Vielleicht  wird  sich  auch  der  Ursprung  der  fabelhaften  Angeli, 
Grafen  oder  Herzoge  von  Drivasto  aufhellen,  deren  Stammtafel  (1465  f.) 
aucli  Prof.  D.  Gaspare  .Jakova-Merturi,  Genealogie  dei  principi  Albanesi, 
(Roma  1904),  S.  7   mitteilt. 

8 


114 


nannten  im  X\'I.  Jahrhundert  die  Berge  hinter  Drivasto  nörd- 
lich vom  Drin  „monti  delli  Spani"  nnd  die  Berge  südlieh  vom 
Drin  „monti  delli  Ducagini"  (Starine  12,  196).  Die  Stadt 
Drivasto  prägte  auch  sehr  primitive  Kupfermünzen :  man  sieht 
darauf  eine  Stadt  mit  Türmen  und  einem  Tor.  auf  welchem 
eine  Lilie  abgebildet  ist;  die  Aufschrift  „civitas  Drivasti"  ist 
ganz  undeutlich  (Stockert,  Wiener  Numismatische  Zeitschrift 
Bd.  43,  1910,  S.  117). 

Die  Flurnamen  der  Umgebimg  sind  teilweise  romanisch : 
Fmidina  (fontana),  Cruce  (crux)  1402.  Unter  dem  Berge  Maranai 
(im  XV.  Jahrhundert  Marinaa  oder  Marinay)  lag  das  Bene- 
diktinerkloster des  heiligen  Johannes,  vom  Papst  1856  zugeteilt 
dem  Bischof  von  Balezo  (Theiner,  Mon.  Slav.  1,  236);  später 
gehörte  es  zum  Gebiet  von  Drivasto,  gelegen  in  der  Landschaft 
Stole  (Ljubic  9,  158)  oder  Strilalio,  und  der  Abt  sollte  stets 
ein  Drivastiner  sein  (semper  in  futurum  abbas  sit  Drivastinus). 
Die  Ruinen,  ein  hoher  viereckiger  Turm  mit  Resten  der  Kirche 
und  des  Klosters,  liegen  auf  dem  Felde  Stoj  nördlich  von  Skutari. 
bei  dem  Dorfe  Rasi.  Im  XIX.  Jahrhundert  gab  es  um  diese 
Kirchenruine  des  heiligen  Johannes  von  Rasi  große  Sti-eitigkeiten 
zwischen  den  Katholiken  und  den  orthodoxen  Auswanderern 
aus  Montenegro  (Ippen,  Wiss.  Mitt.  8,  141  — 143  mit  Abbildmig. 
Degrand  81). 

Während  der  letzten  Belagerimg  von  Skutari  eroberten 
die  Türken  1478  Drivasto  und  brachten  300  o-efangene  Dri- 
vastiner  ins  Lager.  Sultan  Mohammed  II.  ließ  sie  alle  vor  den 
Mauern  von  Skutari  enthaupten,  um  die  Venezianer  einzu- 
schüchtern und  zur  Kapitulation  zu  bewegen. 

Auf  dem  Weg  nach  Prizren  kommt  man  aus  Skutari 
über  die  Ebene  in  2'/2  Stunden  zum  Drin,  der  hier  aus  dem 
Gebirge  heraustritt.  Am  linken,  südlichen  Ufer  erhebt  sich  ein 
glockenförmiger  Hügel  mit  den  Resten  einer  alten  Burg,  welche 
die  Albaner  Dajino  nennen.  Unter  dem  Hügel  liegt  ein 
kleines  Dorf  Vau  Dejns,  „Fiurt  (vadum)  von  Dajino".  Dort  steht 
eine  Marienkirche,  heute  die  Pfarrkirche  des  Dorfes  Laci,  ein 
fester  Bau  mit  hoher  A\'ölbimg    und    leider    stark  beschädigten 


lli 


Fresken;  die  jüngeren  sind  über  die  älteren  gemalt  und  ihre 
luscliriften  sind  teils  lateinisch,  teils  griechisch  (Hahn,  Reise 
•lurch  die  Gebiete  des  Drin  usw.  36,  328 ;  Ippen  in  den  Wi.ss. 
Mitt.  7,  240  f.  mit  Abb.).  Hier  war  die  alte  Überfuhr  über 
den  Drin  mit  primitiven  großen  Kähnen,  welche  noch  Boue 
beschreibt  („pare^o"  und  „ladia"  der  ragusanischen  Berichte 
1377)  und  hier  vereinigen  sich  die  Wege  aus  Skutari  und 
Alessio,  mit  Fortsetzung  ostwärts  nach  Prizren. 

Die  Burg  ist  wohlbekannt  aus  den  Denkmälern  des  XIV 
und  XV.  Jahrhunderts,  lateinisch  Dagmtin  (mercatum  Dani,  de 
Dano,  de  Dagno),  italienisch  Dwjno.  serbisch  ])anj.  König- 
Stephan  Uros  in.  stellte  hier  1326  den  Ragusanern  ein  Handels- 
privilegium  ans  (na  Dani).  Zar  Stephan  Dusan  schenkte  um 
1348  die  Kirche,  die  heute  miter  der  Burg  steht,  seiner  Stiftung, 
dem  Erzengelkloster  bei  Prizren :  „die  Kirche  in  Danj  die 
heilige  Mutter  Gottes  mit  Leuten  und  Grundstücken  und  mit 
dem  Dorf  Prapratnica  und  dem  Dorf  Loncari"  (ürk.  im  Glasnik 
15,  304).  Unter  seinem  Sohn,  dem  Zaren  Uros  erscheint  in 
Dagno  1361  ein  lateinischer  Bischof,  untergeordnet  den  Erz- 
bischof von  Antivari;  bei  Farlati  reicht  die  Serie  dieser  Bischöfe, 
die  später  nur  den  Titel  hatten  und  nicht  mehr  hier  residierten, 
bis  1520.  Unter  den  Balsici  wird  das  hiesige  Zollamt  oft 
genannt  (carina  na  Dani,  Danju).  Georg  Sti-acimirovic  trat  1396 
den  Venezianern  mit  Skutari  auch  Dagno  ab,  aber  vor  der 
Übergabe  bemächtigte  sich  des  Platzes  der  Edelmann  Coya 
Zaccaria,  der  sich  „dominus  Sabatensis  et  Dagnensis"  schrieb 
und  die  Burg  behauptete.  Um  1431  gab  es  hier  eine  Zeitlang 
einen  türkischen  Statthalter  (Kefalija).  Endlich  übergab  1444 
tlie  Frau  Bolja  oder  Boja,  Goyas  Tochter,  den  Venezianern  die 
mit  sieben  „Bombarden"  befestigte  Burg  Dagno  (Ljubic  9,  443), 
die  Burg  Sati  und  andere  Orte.  Darauf  entriß  wieder  Skan- 
derbeg  1447  Dagno  den  Venezianern,  gab  es  aber  1448  wieder 
zurück;  1456  nahmen  es  die  Dukagin,  aber  1458  stellte  es 
Leka  Dukagin  mit  seinen  Brüdern  wieder  den  venezianischen 
Behörden  zurück.  Inz"s\aschen  klagte  die  Frau  Boja  1456,  der 
Papst   habe    „capellam    Sancte    Marie    subtus    Dagnum"    einem 

8* 


116 


lateinischen  GeistÜL-hen  übergeben  (Ljul)ic  10,  91);  die  liepublik 
antwortete,  sie  könne  päpstliche  Bullen  nicht  autheben,  die 
Edelfrau  möge  bei  dem  Papste  selbst  Klage  führen.  Die  Um- 
i^ebunj?  von  Dagno  war  damals  gut  bebaut,  voll  Dörfer  und 
alter  vmd  neuer  Weinberge. 

Weiter  östlich  steht  beim  Dorfe  Mazreku,  am  rechten 
Ufer  des  Drin  schon  in  den  Engen,  die  der  Fluß  durcheilt, 
eine  27  Schritt  lange  Kirche  mit  Turm,  der  Überrest  eines 
alten  Klosters;  eine  Inschrift  nennt  den  „rex  Vros"  und  den 
„abas''  des  Klosters,  „cum  universo  suo  clero."  Den  Bau  be- 
schreiben Jastrebov  (Glasnik  48,  381)  lind  Ippen  (Wiss.  Mitt. 
8,  131  f.),  der  ihn  die  Kirche  des  heiligen  Nikolaus  von 
8ati  nennt. 

Gegenüber  stehen  2  Stunden  von  Skutari  am  linken  Ufer 
des  Drin  auf  einer  felsigen,  von  drei  Seiten  vom  Fluß  umge- 
benen Halbinsel  die  Ruinen  einer  Stadt  mit  Burg ;  man  erkennt 
noch  die  Beste  der  viereckigen  Türme  auf  der  Stadtmauer,  das 
Tor  der  Burg  und  Trümmer  von  Kirchen,  alles  von  roher 
Arbeit  ohne  Ornamente.  Das  war  die  bischöfliche  Stadt  Sarda, 
im  Erzbistum  von  Aiitivari  (Degrand  110  f.,  Ippen  in  den 
AViss.  Mitt.  8,  134  f.  mit  Abb.).  Die  episcopi  Scüxlenses  oder 
Sardanenses  werden  1190 — 1460  erwähnt;  die  „ecclesia  Sarda- 
nensis"  galt  aber  1290  als  „inter  nationes  perversas  posita" 
(Theiner.  Mon.  Slav.  1,  109).  Manchmal  führen  sie  den  Bischofs- 
titel auch  von  „Polatum  minus,"  einer  Landschaft  im  nahen 
Gebirge,  aber  später  wurde  ihr  Bistum  vereinigt  mit  dem  von 
Sapata.  Unter  den  von  Nemanja  eroberten  Burgen  nennt  sein 
Solin,  der  König  Stephan  der  Erstgekrönte,  zwischen  Dagnn 
mid  Drivasto  „Sardonikij"  ;  ohne  Zweifel  ist  zu  lesen  „grad 
Sardon(s)kij"  (Adj.  von  Sarda).  Die  Ruinen  heißen'  jetzt  !Snrd(i 
oder  iSur.m. 

Es  erübrigt  noch  etwas  über  den  Weg  von  Skutari  zum 
Meere  zu  bemerken,    zur   Mündung    der    Bojana  und  des  Drin. 

Am  rechten  Ufer  der  Bojana  liegt  zunächst  unter  dem 
Berge  Tarabos  (572  Meter)  das  Dorf  Obllha.  Hier  lag  die  Burg 
OUujiins,  in  welcher  nach  der  Erzählung  des  Presbyter  Dioeleas 


IV, 


Zar  Samuel  von  Oclirid  den  serbischen  Fürsten  W^ladimir  be- 
lagert und  gelangen  genommen  hat.  „01)lich  partium  Sehutari" 
liest  man  in  den  Archivbücliern  von  Kagusa  1398.  Im  XV. 
Jahrhundert  verlangte  Gojcin  Crnojevic  von  Venedig  den  Ort 
Oblieh,  welcher  seine  Vorfahren  von  den  Herrn  der  Zeta  (per 
i  segnori  de  Zenta)  erhalten  haben  (1444,  1452  Ljidnc  9,  202, 
43.")),  Weiter  abwärts  folgt  das  Dorf  Tninsl,  einst  Trunsi  oder 
Trompsi  auf  der  „insula  Saneti  Sergii",  welches  1423  den 
Venezianern  treu  blieb. 

Der  Hauptort  an  der  Bojana  war  das  BenedikUnerldostfr 
(ler  heiligen  Sergius  vnd  Baeehiis  am  linken,  südlichen  Ufer, 
18  Meilen  von  der  Mündung,  6  Meilen  (IV2  stunden)  von  Skutari. 
Wir  wissen  nicht,  wann  und  von  wem  es  gegründet  wurde. 
Die  Verehrung  dieser  syrischen  Heiligen  hat  im  VI.  Jahr- 
hundert ihren  Höhepunkt  erreicht  unter  Kaiser  Justinian, 
welcher  diesen  Märtyrern  auch  eine  große  Kirche  in  Konstanti- 
nopel weihte.  Presbyter  Diocleas  berichtet,  in  der  Abtei  des 
heiligen  Sergius  seien  die  Gräber  der  dioklitischen  Könige  des 
XI.  und  XII.  Jahrhunderts  gewesen,  des  Michael,  Bodin  und 
ihrer  Nachfolger.  Erhalten  sind  die  lateinischen  Inschriften 
über  die  Erneuerung  der  Kirche  durch  die  Kfhiigin  Helena 
und  ihre  Sölme,  die  Könige  Stephan  (Dragutin)  und  Stephan 
Uros  11.  (Milutin)  1290  und  1293;  die  besten  Reproduktionen 
dieser  Denkmäler  sind  bei  Ippen,  Wiss.  Mitt.  7,  232.  Neben 
dem  Kloster  war  der  Hafenplatz  für  die  Handelsschiffe,  ein 
Zollamt  und  die  Salzmagazine.  Deshalb  ist  vom  Saurfiis  Sergins, 
Sau  Ser.d  oder  dem  potins  Saneti  Sergii  de  Drino  (Oldrino), 
serbisch  Sveti  Srg)  in  den  mittelalterlichen  Denkmälern  ])esonders 
von  Ragusa  so  viel  die  Rede.  Erwähnt  wird  auch  ein  Jahr- 
markt (panagjur)  beim  heiligen  Sergius  1377.  Die  Einfuhr 
brachte  Tücher,  Wein  aus  Dalmatien  und  Italien,  Seesalz  usw., 
die  Ausfuhr  Holz,  Wachs,  Blei  und  Silber  aus  Serbien,  Fische 
aus  Skutari  usw.  Beamte  der  Serbenkönige  waren  z.  B.  ein 
Vertreter  der  Königin  Helena,  „baiulus  domine  regine  ad  por- 
tum  Saneti  Sergii"  12S0  und  der  „castellanus  Saneti  Sergii"' 
Bogdasa   1335.  Ans  den  hiesigen  Salzniederlagen  l>ezogen  iiadi 


118 


den  Cliiysobnllen  der  serbischen  Könige  und  Zaren  ein  jähr- 
liches Geschenk  in  Salz,  die  Klöster  von  Vranjina,  Banjska  und 
Prizren.  Während  der  Kämpfe  der  Türken  mit  Georg  Straci- 
mirovie  befehligte  in  Skutari  und  Sankt  Sergius  1393 — 13U5 
Schahin,  „capitaneus  Turcorum".  Georg  vei-ti-ieb  die  Türken, 
übersrab  aber  schon  1396  auch  diesen  Platz  den  Venezianern. 
Der  Hafen  in  der  Bojana  bei  Sankt  Sergius  hatte  eine  große 
Bedeutung  in  den  Kriegen  des  Republik  des  heiligen  Markus 
mit  Balsa  IIJ.  und  den  serbischen  Despoten.  Hier  standen  die 
venezianischen  Galeeren  zum  Schutz  von  Skutari,  worauf  1423 
beim  Kloster  eine  provisorische  Befestiginig,  ein  hölzernes 
Palisadenwerk  angelegt  wurde  (bastita  a  latere  S.  Sergii).  Im 
Juli  1423  erschien  hier  Georg  Brankovic,  der  XefFe  des 
Despoten  Stephan,  mit  8000  Reitern,  aber  schon  im  August 
wurde  im  Lager  vor  dieser  „bastita"  ein  Frieden  zwischen 
Venedig  und  Serbien  geschlossen  (Cedomilj  Mijatovic,  Despot 
Gjuragj  Brankovic  [serb.],  Belgrad,  1880,  1,  40).  Die  Venezianer 
behielten  darin  Skutari,  Alessio,  Dulcigno  und  Sankt  Sergius,  die 
Serben  Drivasto,  Antivari  imd  Budua.  Zuletzt  Avar  Sankt  Sergius 
ein  wichtiger  Stützpunkt  für  die  Venezianer,  als  die  Türken 
Skutari  zu  bestürmen  begannen. 

Der  Handel  blühte  bei  Sankt  Sergius  auch  in  der  Tüi'ken- 
zeit,  denn  hier  kamen  die  Schiffe  und  Karawanen  zusammen. 
Noch  1685  stand  neben  der  Kirche  ein  hoher  und  schöner 
Glockenturm  mit  Aussicht  über  die  ganze  Ebene  (bellissimo 
campanile,  Theiner,  Mon.  Slav.  2,  218).  Heute  ist  die  Kirche 
des  heiligen  Sergius  eine  öde  Ruine,  ein  großer  di'eischitfiger 
Bau  mit  drei  Altären,  mit  Mauern  aus  wechselnden  Lagen  von 
Stein  und  Ziegeln,  Resten  eines  Mosaikbodens  und  Spm-en  alter 
Fresken  in  zwei  Scliichten  über  einander.  Das  Dach  fehlt  mid 
Bäume  wachsen  im  Innern  der  Kirche.  Auf  einer  Seite  sind 
die  Mauern  von  der  Bojana  stark  unterwühlt.  In  der  Nähe 
liegt  das  kleine  Dorf  Sire  oder  Sin/i.  Beschreibungen  gibt  es 
eine  von  Jastrebov  im  Glasnik  Bd.  48,  eine  ausführlichere  mit 
Bildern  und  Plan  von  Ippen  in  der  Wiss.  Mitt.  (1900)  231  f. 
imd  bei  Degrand  93  f. 


119 


Die  Landscliaft  nürcUieh  von  der  Bojaiia  heißt  sclioii  im 
XIV.  und  XV.  Jahrhundert  Zabojana,  „hinter  der  Bojana". 
Heute  ist  der  wichtigste  Fhißhafen  Oljotl  am  rechten  Ufer, 
rielleieht  die  ISrala  des  XV.  Jahrhunderts  (locus  Scale  1423, 
Scala  oder  Stretto.  Ljubic  8,  242,  250).  Das  Dorf  Samrisi  am 
linken  Ufer,  einst  Sar/iarisK  war  ein  altes  Gut  der  Gjarasevici 
oder  Crnojevici.  aber  die  Venezianer  Avollten  es  ihnen  nicht 
zurückgeben,  sondern  schenkten  es  ihren  treuen  Anliängern, 
den  albanischen  Edelleuten  aus  der  Familie  des  Pamalioti 
(Ljubic  9,  202.  485).  Weiter  steht  am  rechten  Ufer  das  Dorf 
(j-mvca.  bewohnt  von  christlichen  Albanern,  Gariza  des  Pres- 
byter Diocleas,  Santa  Maria  de  Gmir  de  Ludrino  in  den  ragu- 
säuischen  Kanzleilnichern  1387;  damals  wurde  hier  Holz  zum 
Export  auf  die  Schiffe  geladen.  Zunächst  folgte  Sanctas  Petrus 
de  flmnine  TJrini  (1278)  und  die  ecdesia  Sandi  TheodoH  In 
/lumlne  Drini  (1282,  1374);  hier  gab  es  eine  Überfuhr  über 
die  Bojana  (San  Todoro,  passo  di  Boiana,  Ljubic  10,  11),  ebenso 
wie  bei  dem  folgenden  Dorüe  Helle ni  (Bellani),  dem  heutigen 
Belen  oder  Belaj  am  linken  Ufer. 

Von  rechts  mündet  in  die  Bojana  der  Fluß  Megjureö,  an 
20  Kilometer  lang,  ein  Abfluß  des  Sees  von  Sas,  welcher  eine 
halbe  Stunde  von  der  Bojana  entfernt  liegt.  Dieser  See  ist  nur 
ein  erweitertes  Flußbett,  nach  Rovinskij  mitunter  500  Meter 
lang,  nach  großen  Regengüssen  auch  fast  4  Kilometer.  Der 
obere  Teil  ist  smnpfig  und  ungesund.  Das  rechte  Ufer  des 
Sees  ist  bewaldet,  das  linke  kahl  und  steinig,  mit  den  Ruinen 
einer  alten  Stadt.  Hier  lag  Soar,  lateinisch  Siiacia  oder  Soaeia, 
italienisch  Suaro  oder  Soaro,  Sitz  eines  der  Bischöfe  des  Erz- 
bistums  von  Antivari,  des  „episcopus  Suacensis,  Soacensis,  Soa- 
cinensis",  nach  Farlati  erwähnt  von  10G7  bis  1530.  ^eit  den 
Zeiten  des  Nemanja  gehörte  Svac  den  Serben,  wurde,  wie 
erwähnt.  1242  von  den  Tataren  verwüstet,  dami  wieder  erneuert, 
begann  aber  noch  vor  1400  zu  verfallen.  Über  die  Bürger  imd 
die  Gemeindeverwaltung  weiß  man  .sehr  wenig.  Es  gibt  Bronze- 
münzen der  Stadt:  auf  einer  Seite  ist  abgebildet  der  heilige 
Johannes    des  Täufer,    auf   der    anderen    eine   zwei  Stock  hohe 


120 


Loggia  mit  AV'ölbungeii  und  dariilter  ein  Turm  mit  der  Inst-hrift 
„Sovaei  civitas"  (Stoekert  1.  c.  119).  Die  Stadtmauern  waren 
1406  in  so  schlechtem  Zustand,  daß  der  Bischof  als  Gesandter 
der  Gemeinde  in  Venedig  um  Erlaubnis  bat  „fortificare  et  murare 
locum  illum"  (Ljubic  5,  77),  da  die  Türken  schon  in  der  Um- 
tjebunuc  plündern.  Die  Ragusaner  geben  1418  dem  Bischof 
Ziegel,  um  das  Dach  <ler  Kirche  zu  decken.  Jm  XVI.  Jahr- 
hundert  war  die  Btadt  verlassen  und  leer.  Giustiniani  schreibt 
1553,  in  der  „antichissima  citta  detta  Suazzi"  seien  die  Mauern 
mid  Türme  noch  ganz,  der  Stadtgraben  vor  den  Mauern  noch 
leer  und  im  Innern  gebe  es  Ruinen  von  360  (I)  Kirchen  und 
Kapellen  (Ljubic,  Commissiones  et  relationes  venetae  2.  231). 
Auch  in  unseren  Tagen  behaupten  die  Bauern  der  Umgebung, 
in  der  Stadt  seien  überliaupt  nur  Kirchen  gewesen.  Sie  nennen 
die  Ruinen  Kisat  (Kisa  albanisch  Kirche)  oder  Sas.  "wie  auch  ein 
armseliges  mohammedanisches  Dorf  in  der  Xähe  heißt.  Es 
stehen  noch  die  Stadtmauern  mit  zwei  Toren :  außerdem  sieht 
man  Reste  einiger  Kirchen,  darunter  die  Ruinen  emer  großen 
Kirche  mit  Altar  im  Turm  und  einer  Kirche  mit  Resten  der 
Malerei  und  dem  Grab  eines  1262  gestorbenen  Bischofs  Markus 
(Ippen,  Wiss.  Mitt.  7,  235  f.,  neue  Abbildungen  im  Glasnik 
[bes.]  1902,  552  f.  und  Wiss.  Mitt.  10,  42  f.). 

Weiter  liegen  Dörfer,  die  schon  im  Kataster  1416  genannt 
sind:  Penetari  (jetzt  Pentari),  Precali  (jetzt  ebenso),  Luarisi 
(jetzt  Luarsi),  Reci  (jetzt  Reci),  An  der  Mündmig  der  Bojana 
lag  links  das  Dorf  Folani  oder  Fiildui  (jetzt  Pulaj),  rechts  ein 
altes  Benediktinerkloster  des  Bistums  von  Dulcigno,  ,Sa)i  Nicolo 
(Ir  BonuKi  oder  Sun  Nicolo  de  Drino  (Oldrino),  auch  „abadia 
di  San  Nicola  de  la  foza  (lateinisch  fauces  Kehle,  Mündung) 
de  la  Boiana"  (Ljubic  9,  10).  Seinen  Xamen  führt  noch  das 
albanische  Dorf  Sinkol,  italienisch  San  Nicolo.  Einst,  allerdings 
noch  vor  dem  Mittelalter,  befand  sich  die  Mündung  der  Bojana 
weiter  gegen  Norden,  näher  gegen  Dulcigno,  dort  wo  jetzt 
der  See  von  Zogaj  liegt,  in  einer  warmen  und  fruchtbaren 
Landschaft,  voll  Wald,  Getreide  und  Obst. 

Die  ^lündungen  der  Bojana  und  der  Driu  liegen  ungefähr 


121 


20  Kilometer  von  einander.  Das  Gebiet  zwischen  ihnen,  mit 
Hügeln  bis  551  Meter  Höhe,  war  im  Mittelalter  dicht  bewohnt, 
gegenwärtig  ist  es  aber  sehr  öde.  Am  Meere  liegt  der  heutige 
Seehafen  von  Skutari,  die  Oi-tsehaft  San  (xiovanni  di  Medna, 
schon  1336  erwähnt  als  portus  Meditr,  1414  in  ragusanischen 
Aufzeichnungen  „Miedua,  portus  Alesii",  147<)  Jfrdova  auf  der 
Karte  des  Italieners  Benincasa.  Der  Hafen  ist  identisch  mit 
dem  „tutissimus  portus"  Nyiiiphuemn  des  Altertums,  nach  Julius 
Caesar  (de  hello  civili)  3  römische  Meilen  (4V2  Kilometer)  von 
Lissum.  Skanderbeg  verlangte  1449  von  Venedig  die  Orte  Medoa 
und  ViUpolje  (jetzt  auf  den  Karten  Velijjoja)  und  die  Republik 
hat  sie  ihm  überlassen,  damit  er  seine  Herden  auf  venezianischem 
Gebiet  weiden  lassen  könne  (Ljubic  9,  312).  Das  Kataster  von 
141(3  nennt  hier  viele  Dörfer:  Barbarossi  (jetzt  Barbalusi)  am 
rechten  Ufer  des  Drin,  Chacharichi  (jetzt  Kakariki),  Baiadrini 
(jetzt  Baldrin),  Renisse  in  la  Medoa  (jetzt  Berg  Mali  Renzit 
551  Meter,  nordwestlich  von  Medua)  u.  a. 

Der  Drin,  auch  „flumen  Lesii"  (Alexii)  genannt,  hatte 
im  Mittelalter  eine  bei  weitem  geringere  Bedeutung  als  die 
Bojana.  Keine  Nachricht  meldet,  daß  Handelsschiffe  vom  Meer 
aus  so  w^eit  den  Fluß  aufwärts  gelangt  seien,  wie  auf  der 
Bojana.  Die  Landschaft  bei  Dagno  hieß  JUxjiunaniu,  mit  den 
in  den  Urkunden  genannten  Dclrfern  La  Virda  (jetzt  Vjerda), 
Lissani  (jetzt  Lisna),  Dodice  (jetzt  Dodej),  Medoia  (jetzt  Mjetti) 
um  1460  (Ljubic  10,  138,  295).  Weiter  folgt  am  linken  Ufer 
die  schon  im  XV.  Jahrhundert  erwähnte  Landschaft  Zadrhjia, 
„hinter  dem  Drin".  „Man  nannte  sie  damals  auch  das  „Feld 
von  Sati",  ,.pian  (kl.  S(Ui''  (1459,  Ljubic  10,  138)  mit  der 
Burg  Sati  (castrum  Satti,  Satum,  Sat,  castello  di  Sati)  unter 
dem  „monte  de  Satti".  Die  Burgen  von  Dagno,  Sati,  Sapata 
und  die  Landschaften  Rogamania  und  Zadrima  gehörten  damals 
dem  Geschlechte  der  Zaccaria,  später  den  Dakagin.  Es  gibt 
hier  noch  ein  Dorf  Xden  Sat  oder  Xensat,  „unterhalb  Sat" 
(Hahn,  Reise  usw.  328).  Der  Hauptort  war  aber  Sapa  oder 
Süpdta,  Sitz  des  zum  Erzbistum  Antivari  gehörigen  „episcopus 
Sappatensis".    Im   Jahre    1291    erneuerten    die    Einwohner  die 


122 


verödete  „Sava  civitas"  und  wünschten  sicli  einen  Bischof.  wa,s 
ihnen  der  Papst  nach  Fürsprache  des  Erzbischol's  von  Antivari 
und  der  Königin  Helena  bewilligte  (Theiner,  Mon.  Slav.  1,  111). 
Die  Dörfer  der  Gegend  sind  wohlbekannt  aus  den  Verträgen 
zwischen  Venedig  und  Dukagin :  Aimelli  (heute  Hajmeli),  Sca- 
ramani  (Öaromani  bei  Nensati),  Fontanella  (ein  romanischer 
Name)  u.  a.  Im  Jahre  1452  wird  genennt  ein  Dorf  Gladri  und 
der  „fiume  del  Jadro",  der  heutige  Fluß  Gjadri.  Schon  Zar 
Stei)han  Dusan  hat  dem  Erzengelkloster  von  Prizren  eine 
Kirche  der  Mutter  Gottes  und  einen  einge  fr  lichten  Wald  „an  der 
Gladra"  jjfeschenkt,  dazu  noch  das  Dorf  Zeravino,  welches  im 
XV.  Jahrhundert  als  eine  „Pronia"  (Lehen)  der  Familie  Zaccaria 
erscheint  (Glasnik  15,  304,  310.  Stariue  14,  55).  Das  Bistum 
von  >Sapata  wurde  nach  1490  mit  dem  von  Sarda  vereinigt 
und  besteht  noch  heute.  Nach  einer  Beschreibung  von  1.685 
sah  man  damals  nur  geringe  Reste  der  Mauern  von  Sapa  unter 
dem  Berge  des  heiligen  Erzengels  (vestigi  delle  sole  muraglie 
della  cittä  di  Sappa  alla  costa  del  monte  detto  S.  Augelo, 
Theiner,  Mon.  Slav.  2,  219).  Es  ist  der  heutige  Berg  des  heiligen 
Michael  mit  einer  Kirchenraine ;  am  Fuße  des  Berges  zeigt  man 
die  Stelle,  wo  einst  Sapa  stand.  Eine  halbe  Stunde  weiter  steht 
die  jetzige  Residenz  des  Bischofs  von  Sapata,  welchem  die 
Katholiken  von  Zadrima  und  Dukagin,  mehi-  als  2000  Häuser 
stark,  untergeordnet  sind  (Hahn,  Reise  usw.  328). 

Näher  bei  Alessio  lag  der  Ort  Siiffcula  (Zufada),  wo  Salz 
und  Holz  umgeladen  wm-den,  8  Meilen  von  Alessio  nach  einer 
venezianischen  Nachricht  von  1393,  Sufaduj  in  der  Urkimde 
des  Fürsten  Iwan  Kastriot  an  die  Ragusaner  1420 ;  von  Sufadaj 
zogen  damals  die  Kaufleute  durch  Iwans  Land  in  das  Land 
„des  Herrn  Despoten"  nach  Prizren  (Archiv  für  slaw.  Phil. 
21.  95).  Die  drei  Brüder  Balsic  datierten  1368  einen  Brief  an 
die  Ragusaner  „unterhalb  des  S'iroki  JJrod  (der  breiten  Furt) 
in  Ljes"  (Miklosich,  Mon.  177).  Dieser  Ort  war  vielleicht  iden- 
tisch mit  Sufadsij,  denn  aus  den  Salzmagazinen  von  Siroki 
Brod  bezogen  die  Klöster  von  Banjska  und  Prizren  jährliche 
Geschenke  in  Salz. 


123 


Sechs  Stunden  unterliulb  Dagno  liegt  an  der  Südseite  der 
Mündung  des  Drin  die  bei  den  Albanern  und  Serben  Ljes 
genannte  Stadt,  Lissos  der  alten  Hellenen,  Lissnm  der  Römer, 
Elissos  der  Byzantiner  (in  den  Bischofskatalogen,  bei  Konstantin 
Porphvrogennetos  und  Anna  Komnena),  lateinisch  in  XIII — XV. 
Jahrhundert  Lcssinm  (Lexium,  Lessum),  im  XV.  Jahrhundert 
Alexium  oder  Alessium,  italienisch  Messio.  Auf  einem  200  Meter 
hohen  Felshügel  steht  eine  uralte  viereekicfe  Bursf,  zuo-iino-lich 
nur  von  der  Ostseite :  unter  ihr  liegt  am  Fluß  die  Stadt.  Nach 
Diodor  gründete  um  385  v.  Chr.  Dionysos  der  Altere,  der 
„Tyrann"  von  Syrakus,  in  Lissos  eine  griechische  Kolonie.  Ihre 
aus  den  Berichten  des  Polybios  bekannte  Burg  hieß  AJü'olissos. 
Hahn  verzeichnet  alte  Fundamente  der  Burojmauern  aus  gewal- 
tigen  Steinblöcken,  in  der  Ai't  der  „kyklopischen"  Mauern  von 
Hellas.  Es  gibt  auch  Münzen  der  „Lissioten"  mit  griechischen 
Aufschriften.  Später  herrschten  hier  die  Tllvrier.  Unter  den 
Römern  war  Lissum  die  südlichste  Stadt  der  Provinz  Dalmatia, 
Ausgangspunkt  von  großen  Sh-aßen  nach  Salonae,  Xaissus 
(Xis)  und  Dyn-hachion.  Während  der  Nonnannenkriege  lobt 
Anna  Komnena  die  feste  Lage  der  unzugänglichen  Burg,  von 
wo  aus  die  Byzantiner  während  des  Krieges  gegen  Boemund 
Dyrrhachion  zur  See  mit  Leljensmitteln  und  Waffen  versorgten. 
In  der  Zeit  des  Xemanja  wird  die  Stadt  nicht  genannt,  erscheint 
aber  bald  im  Besitze  der  Serben.  Der  früher  dem  griecliischen 
Metropoliten  von  Dyrrhachion  untergeordnete  Bischof  gehörte 
später  zur  lateinischen  Kirche  (episcopus  Lessiensis  seit  1371). 
In  Handelsakten  wird  Alessio  merkwürdii^er  Weise  sehr  selten 
genannt.  Öfters  residierten  hier  die  Balsici.  Den  Venezianern 
übergaben  die  Stadt  1393  zwei  Brüder  aus  der  Familie  Dukagin, 
Progon  und  Tanussius.  Damals  galt  Alessio  als  das  „rechte 
Auge  von  Durazzo"  (dexter  oculus  Durachii,  Ljubic  _4.  305). 
Als  146  S  Skanderbeg  oder  mit  seinem  christlichen  Xamen 
Georg  Kastriot  starb,  wurde  er  in  Alessio  in  der  Kirche  des 
heiligen  Xikolaus  begraben.  Als  die  Türken  1478  Alessio  ein- 
nahmen, erbrachen  sie  das  Grab  und  verschleppten  die  Gebeine 
des    berühmten   Führers    der    Albaner    nach    allen    Richtungen 


124 


als  Talismane.  Bei  Farlati  wurden  hier  5  Kirchen  genannt: 
Sankt  Nikolaus  (vielleicht  in  der  Burg),  verwandelt  in  einer 
Moschee,  Sankt  Georg  (in  Ruinen),  Sankt  Sebastian,  Sancta 
Maria  a  Nivibus  (das  türkische  Zeughaus),  Sancta  Maria  ab 
Angeli  salutatione,  dann  außerhalb  der  Stadt  Sancta  Margarita 
und  Sancta  Maria,  die  Franziskanerkirche ;  jetzt  wohnen  die 
Franziskaner  jenseits  des  Flusses  im  Kloster  des  heiligen  Anto- 
nius, Der  katholische  Bischof  von  Alessio,  dem  auch  die  Mirditen 
untergeordnet  sind,  hatte  in  der  Türkenzeit  seine  Residenz 
außerhalb  der  Stadt  im  Dorfe  Kalmeti.  Im  Innern  der  Burg 
stehen  die  Ruinen  des  Schlosses  der  einstigen  Beys  von  Alessio 
(Ippen  im  Glasnik  [bos.]  1902,  182  und  Wiss.  Mitt.  10,  52  f.  mit 
Abb.).  Das  Meer  vor  der  Mündung  des  Drin  und  der  Bojana 
hieß  bei  den  Venezianern  noch  in  der  Xeuzeit  „il  golfo  dello 
Drino". 


125 


Zwei  Urkunden  aus  Nordalbanien. 

Mitfieteüt  von  Dr.Ludtv^ig  v.  Thallöczy  um]  I>r.  Konstantin  Jirecek, 

Im  Folgenden  werden  zwei  bisher  unbekannte  Urkimden 
aus  Xordalbanien  veröffentliclit.  ein  slawisch  verfaßter  Geleits- 
brief des  Fürsten  Iwan  Kastriota.  des  Georg  Kastriota  oder 
Skauderbeg  Vater,  an  die  Ragusaner  vom  Jahre  1420,  mitgeteilt 
von  Professor  Jirecek  aus  dem  Archiv  von  liagusa,  und  ein 
Privilegium  des  Königs  Alfons  V.  (I.)  von  Aj-agonien  und 
Neapel  (141t) — 1458)  an  die  Stadt  Kroja  aus  Skanderbegs 
Zeit  vom  Jahre  1457,  mit  der  höchst  wichtigen  Bestätigung  alter 
byzantinischer  und  serbischer  Privilegien  dieses  Hauptortes  der 
Berge  des  nördlichen  Albaniens,  crefunden  im  Archiv  von  Bar- 
celona  von  Archivdirektor  Dr.  Ludwig  v.  Thallo'czy. 

Diese  Urkunden  betrett'en  eben  die  Landschaften,  in  denen 
der  Name  Albaniens  seit  der  altillvrischen  Zeit  heimisch  ist, 
und  aus  denen  sich  dieser  Name  seit  der  zweiten  Hälfte  des 
Mittelalters  weit  über  die  ganze  Umgebung  verbreitet  hat.  Der 
iUvi'is'che  Stamm  \4XßavMV  mit  der  Stadt  ythßav6n:o}.Lq  wird  in 
der  römischen  Kaiserzeit  genannt  bei  Ptolemaios,  in  den  Bergen 
des  westlichen,  bis  zum  Adriatischen  Meere  reichenden  Teiles 
der  Provinz  Macedonia,  nahe  an  der  Südgrenze  der  benachbarten 
Provinz  Dalmatia,  die  südwärts  auch  Scodra  und  Lissus  umfaßte, 
also  gerade  in  dem  Gebirgsland  bei  Kroja.  Hahn  suchte  dieses 
Albanopolis  in  den  Skm*tese  genannten  Ruinen  bei  dem  Dorf 
Funt  Grä^e  (wohl  fundus  und  slaw.  grad6c»>  castellum)  am 
Westfuß  des  Berges  von  Kroja,  mit  oblongen  Stadtmauern  aus 
Quadern,  Resten  eines  großen,  runden  Turmes  usw.  (Hahn, 
Alb.  Studien   I,    120  — 121 ;    desselben  Reise    durch  die  Gebiete 


126 


des  Drin  und  Vardar,  Denkschrift  der  Kaiserlichen  Akademie  der 
Wiss.  Bd  16.  S.-A.,  S.  13—14).  Im  byzantinischen  Mittelalter, 
als  diese  Gegend  zur  Provinz  (d-iuu)  von  Dji-rhachion  gehörte, 
iribt  es  eine  lange  Zeit  ohne  genauere  Daten  über  das  Detail 
der  Frovinzialgeographie  der  adriatischen  Küste.  Seit  dem 
XI.  Jahrhundert  erscheint  aber  der  antike  Stammname  der 
Albaner  als  Bezeichnung  der  Nachkommen  der  alten  Illyrier, 
die  sich  in  diesem  Gebirgsland  behauptet  haben  und  als  Name 
des  Berglandes  in  dem  Viereck  zwischen  Skutarl,  DyiThachion, 
Ochi'id  und  Frizren.  Zuerst  erwähnt  Michael  Attaleiates  bei  der 
Geschichte  der  von  Dyrrhachion  ausgehenden  Pronunci amentos 
des  Maniakes  (1042)  und  Vasilakes  (1078)  die"  'A'kßavoi  oder 
^AofiavlTui  (ed.  Bonn,  p.  9,  18,  297).  Anna  Komnena  kennt  in 
der  Gescliichte  ihres  Vaters,  des  Kaisers  Alexios  Komnenos 
(1081 — 1118),  die  Landschaft  'AQfiavov  auf  dem  Wege  von 
Dyn-hacliion  nach  Debra,  mit  Pässen,  Steilpfaden  und  Burgen 
nnd  die  Völkerschaft  der  ÜQßdvMV  oder  'AQ[iaviTm>.  Georgios 
Akropolites  im  XIII.  Jahrhiindei-t,  der  als  byzantinischer  Statt- 
halter diese  Gegenden  aus  eigener  Anschauung  kannte,  nennt 
die  Landschaft  '!/l'K[iarov  mit  der  Burg  von  Kroja  (ed.  Bonn., 
p.  98)  nnd  das  Volk  der  'AK^iavlrai,  die  später  bei  Kantaku- 
zenos  u.  a.  als  iM'Aiiavol  geschrieben  werden.  In  lateinisch  ver- 
faßten, besonders  kirclilichen  Quellen,  liest  man  den  Namen 
als  Arhanum,  den  Volksnamen  als  Arbanenses  (z.  B.  in  der  Urk. 
1210  bei  Tafel  und  Thomas  2,  122),  Albanenses,  daraus  italie- 
nisch (in  den  Büchern  von  Ragusa  1320  f.)  Albanese,  At^anese. 
Slawisch  nannte  man  das  Volk  ^pküahach  (  k  3£<\\^.>,  apüahack«»  in 
der  Urk.  Asens  II.  an  die  Ragusaner,  sema  .  .  .  apkanack«  in 
Asens  11.  Inschrift  in  der  Kirche  der  40  Märtyrer  in  Trnovo).. 
Der  Name  Arbanasi  ist  in  den  älteren  dalmatinischen  Dich- 
tungen, sowie  in  den  Volksliedern  bei  Bogisic  und  Vuk  zu 
lesen,  heute  aber  hört  man  ihn  nur  im  Süden,  besonders  in 
Rasusa  und  Montenegro,  wo  Arbanas  einen  katholischen  Alba- 
nier  bedeutet.  In  Bulgarien  und  Serbien  ist  er  durch  eine 
neuere  Form  verdrängt,  durch  Anmiif,  -in,  aus  dem  türkischen 
Namen,    der   Avieder   aus    dem    neugriechischen  Ao;iavLTt;q.  ab- 


12- 


|]feleitet  ist.  Die  Landschaft  von  'i4o-iitvoi'  ('/-^Aji-),  Arbanuin  liiel.» 
slawisch  im  Mittehilter  liabonb  (Adj.  rabbiiosli).  Dieser  Name 
ist  ganz  regeh-echt  aus  Arbammi,  'JlQßuvov  gcbihlet,  mit  ^"er- 
meidung  des  fremden  vokalischen  Anlautes,  in  derselben  Art 
wie  Arsia  slawisch  Easa  und  Albona  slawiscli  Labin  in  Istrien, 
Arba  slawisch  Rab  unter  den  Inseln  Dalmatiens,  Almus  slawisch 
Lom  in  Bulgarien  u.  a.  Über  die  Bedeutung  und  die  Schick- 
sale des  Namens,  der  aus  dem  XII — XV.  Jahrhundert  gut 
belegt  ist,  hat  Archimandrit  Hilarion  Kuvarac  iui  Archiv  für  slaw. 
Philologie   Bd.   17,  S.  -jÖT  bereits  ausführlich  gesprochen. 

Daß  Kroja  das  Zentrum  dieses  mittelalterlichen  Arbanum 
war,  unterliegt  keinem  Zweifel,  nach  der  Angabe  der  Situation 
bei  xVnna  Komnena,  nach  dem  Zeugnis  des  Akropolites  und 
nach  dem  Titel  des  Türken  Balabanbeg.  der  1415  als  „Suba!<a 
von  Kroja  und  Kab^n*"  titaliei't  wird  (cökaiua  KpSHtKH  n  iiaüamckh, 
beherrscht  Kp8n  h  ApsAHALUKi^  3£.v\ak),  Pucic  I,  p.  132).  Die  Identität 
des  Gebietes  und  des  Bistums  von  Arbanum  mit  dem  von 
Kroja  ist  unlängst  nachgewiesen  worden  in  den  ti'etflichen  Be- 
merkungen zu  den  Biiefen  des  Erzbischofs  Demetrios  Choma- 
tianos,  die  Marin  S.  Drinov  in  „Vizantijskij  Vremennik"  (Bd.  I. 
S.  332—340)  veröffentlicht  hat.'  Im  XII— XIH.  Jahrhundert 
gehörten  zu  Ai-banum  auch  die  Landschaften  von  Polatum. 
slawisch  Pilot  (ein  Bischof  llouiÖMV  schon  877,  in  den  älteren 
Notit.  episc.  genannt    unter   dem  griechischen  Metropoliten  von 

'  Die  Notitia  episcopatuum  bei  Parthey  (Hieroclis  S3^uecdemiis  et 
Notitlae  graecae  episcojjatunm,  Berlin,  186G),  p.  124 — 12-5,  220,  jedenfalls 
vor  dem  XL  Jahrhundert  verfaßt,  zählt  unter  dem  Metropoliten  von 
Dyrrhachion  15  Bischöfe  auf:  6  ^[t<fuvt,u)i(Jjv  (bei  Valona),  6  Xovfußiitg 
(zwischen  Durazzo  und  den  Bergen  auf  der  Westseite  des  oberen  Tales  des 
Mat),  ü  Ktjoüif,  6  V^Ätuaor  (Lissus,  jetzt  Alessio),  o  JioxKtiug  (im  römischen 
Doclea  oder  dessen  Gebiet),  ö  2:xoöuüJi'  (Scodra),  6  Aoißdaior,  ö  llo'hditütv, 
b  LKu^niiQui  (r,\AKUHH4A  in  der  Visio  Danielis,  vgl.  Jirecek,  Das 
christl.  Element  in  der  top.  Nom.  92  ;  bei  Valona),  6  AÜAotftiug  (Valona), 
ö  AvAtvi8(x)f  (nicht  Lychnidos,  sondern  Olcinium,  Dulcigno,  altserbisch 
JkUHHb.),  6  ^Avu^tuoiwz  (Antivari,  wo  seit  dem  XL  Jahrhundert  ein 
katholisches  Erzbistum  bestand),  o  'J^eufixov  (vielleicht  in  der  jetzigen 
Landschaft   Oermiuika   bei    Elbassan,    '^'Hpb.wKUHKK  '),  6  y/orÄ/fotoTfÖAfo», 


s 


128 

Dvn-hacliion,  hefand  sioh  aber  seit  dem  XI.  Jahrhundert  unter 
dem  lateinischen  Erz,l>ischof  von  Antivari),  das  (vgl.  Novakovic, 
Godisnjica  J,  208—212)  viel  gröüer  war,  als  das  heutige 
Pulati,  indem  es  das  gesammte  Bergland  längs  der  Straße  von 
Skutari  nach  Prizren  umfaßte:  cotk  flpKR&nAcu  IIhaoil  Urk.  de* 
Nemanja  an  das  Kloster  Chilandar  =  cotk  [^akua  IIhaota  u'ra  in 
der  Biographie  Nemanjas  von  seinem  Sohn,  dem  heiligen  Sava 
(ed,  Safai'ik  p.  1).  Der  mächtige  albanische  Fürst  Karl  Topia, 
der  in  der  dreispi-achigen  Inschiiit  des  Sankt-Johannes-Klosters  bei 
Elbassan  vom  Jahre  1381  avßsvT)!g  ndöijq  x^nnQ  I4hßnvnv.  prin- 
cej^s  in  Albania  und  rotnoAHHu  pAKkNistKii  (vgl.  Ruvarac  1.  c.) 
genamit  wird,  beherrschte  auch  die  Landschaft  des  jetzigen 
Elbassan.  wie  denn  die  Familie  der  Topia  nach  neapolitanischen 
Urkunden  schon  1338  das  ganze  Gebiet  vom  Flusse  Mat  bis 
zum  Fluß  Skump  besessen  hat  (so  genannt  nach  der  antiken 
Stadt  Scampa :  der  Fluß  hieß  Genusus  im  Altertum,  Vrego  im 
Mittelalter,  Scombino  des  Musachi,  fiume  Scumbino  im  XVI. 
Jahrhundert):  „comitatus  a  Maet  usque  Scampinum",  cith-t  bei 
Makusev,  HcTopTiMecKJH  pa.sbicKaHifl  o  C.iaBfiHaxT)  et.  A.idniiiii 
S.  44  (gedruckt  Amaet).  Der  Vokal  in  Maet  ist  hier  als  lang 
wiedergegeben,  wie  in  „flumen  nomine  Mahat"  in  dem  Vertrag 
des  Serbenkönigs  Uro.s  II.  Milutin  mit  Karl  von  Valois  130S, 
Glasnik  Bd.  27  (1870),  S.  324,  sonst  aber  als  kiu-z,  me  >]  MnT)] 
bei  Akropolites  ed.  Bomi.,  149,  na  /Math  in  serb,  Urk.  (vgl.  Da- 

(walirscheinlich  Belgrad,  jetzt  Berat),  "  ronSntinv  (fpAAMU-.  das  antike 
Byllis  östlich  von  Valona,  Ruinen  bei  dem  Dorf  Gradica).  Arbanum  fehlt 
hier ;  es  gehörte  unter  den  Bischof  von  Konnf.  Nach  Farlati-Coleti, 
Illyricum  sacruui  VII  (Venetiis  1817),  191  f,  411  f.  erscheinen  die 
Bischöfe  von  Arbanum  unter  der  lateinischen  Kirche  von  Antivari  erst  seit 
dem  XII.  Jahrhundert,  ja  im  XIII.  .Jahrhundert  (p.  192  A)  soll  es  im 
Sprengel  des  episcopus  Albanensis  sogar  zwei  Bischöfe  neben  einander 
gegeben  haben,  einen  lateinischen  und  einen  griechischen,  was  jedenfalls 
ein  Mißverständnis  i.st  (vgl.  Drinov  im  Viz.  Vrem.  I,  333—385).  Eigene 
Bischöfe  von  Kroja  neben  denen  von  Arbanum  kennt  Farlati  erst  seit 
1286  und  bemerkt,  daß  nach  der  Eroberung  von  Kroja  durch  die  Türken 
die  Titel  des  episcopus  Crojensis  und  Albanensis  wieder  zu  einem  ver- 
einigt wiu'den  (p.  193  B). 


129 


iiici«'.  itjecnik).  Es  gehörten  also  zu  Arbauum  alle  Gebiete  von 
den  „Albanischen  AIi)en"  zwischen  den  Flüssen  Lim  und 
Drim  angetaneren  bis  vm  den  Bergen  südlich  von  Elbassan. 

Allmählich  wuchs  der  Xame  Albaniens  aus  diesem  ens^eren 
(jebiete  hinaus.  Die  Ostküste  des  Adriatischen  Meeres  wurde 
lange  in  Sclauonia  (Kroatien.  Dalmatien,  serbisches  Reich)  imd 
Eomania  eingeteilt.  Zu  Komania,  was  die  alte  den  Arabern, 
Italienern.  Slawen  und  anderen  geläufige  Beneimung  des  ganzen 
oströmischen  Kaisertums  war,  werden  in  ragusanischen  Urkimden 
noch  1280  Durazzo.  1301  Valona  (damals  wirklich  noch  im 
byzantinischen  Besitz)  gezählt.  Später  zieht  sich  der  Name 
Romaniens  nach  Griechenland  zurück  und  der  Name  Albaniens 
breitet  sich  auch  an  der  Küste  aus.  Das  Temtorium  der  Anjous 
von  Neapel  in  der  Umgebung  von  Durazzo  (1272  f.)  hieß 
amtlich  stets  „regnum  Albaniae".  Seit  dem  Ende  des  XIV.  Jahr- 
hundert rückt  der  Name  Albaniens  nordwärts ;  in  ragusanischen 
Akten  erscheint  138()  „S.  Sergius  de  Albania"  an  der  Bojana- 
Mündung,  ebenso  1429  Antivari,  1430  sogar  Lustica  bei  Cattaro. 
1443  Podgorica  usw.  als  in  Albanien  liegend.  Eine  Beschreibmig 
von  ungefähr  l.")70  (Starine.  Band  12.  S.  193)  nennt  Albanien 
das  Land  von  Dulcigno  bis  Yaloua  und  zu  den  Bergen  von 
Chimara.  Es  ist  bekannt,  daß  auch  die  Landschaft  von  Cattaro 
als  venezianisches,  unter  Napoleon  I.  als  französisches,  vor  1848 
als  östeireichisches  Albanien  bezeichnet  wurde.  Heute  ist  der 
Name  Albaniens  ein  mehr  ethnographischer  Begriff  von  sehr 
bedeutendem,  aber  unsicherem,  besonders  im  Binnenland  und 
im  Süden  ganz  unl)estimmten  Umfang. 

Ki'oja  (türkisch  Akhissar,  „die  weiße  Burg")  liegt  in  den 
Bergen  zwischen  den  Flüssen  Mat  und  Ismi  (Isamo,  Yssamo. 
Dyssamum  der  Ragusaner  des  XIV — XV.  Jahrhundert),  nach 
der  österreichischen  mihtärischen  Karte  604  Meter  hoch,  im 
Osten  und  Südosten  jedoch  von  höheren  Gipfeln  dominiert.  Die 
Position  auf  einem  steilen,  meist  senkrecht  abstürzenden  Felsen, 
der  nur  gegen  Westen  sanfter  abfällt,  mit  mächtigen  Quellen 
innerhalb  der  Befestiorungen  galt  noch  im  XVI.  und  XVII. 
Julirhundert    als    fast    uneinnehnd)ar.    als    „piazza    fortissima    et 

9 


130 


inespu^abile "  inieh  den  Worten  des  Edelmanns  B<3lizza  von 
Cattaro  (Süirine  12.  189).  Der  Venezianer  Giiistiniani  schildert 
1553  die  hohe  Lage,  „nel  mezzo  una  fontana  fresthissima.  eh'e 
cosa  maravighosa",  und  die  gewaltige  Aussicht:  man  sehe 
die  Berge  von  Cattaro  und  Antivari.  das  Gebiet  von  Skutari, 
Dulcigno,  Alessio,  Durazzo,  Tirana,  l*etrella,  den  Berg  Tomor 
bei  Berat  und  im  Westen  ein  Aveites  Stück  des  Adriatischen 
Meeres  (Ljubic,  Commissiones  et  relationes  venetae,  Band  2,  280). 
Eine  alte  Beschreibmig  aus  dem  XVI.  Jahrhundei-t  (Starine  12. 
197)  sagt,  Kroja  liege  „sotto  un  alto  monte,  ma  so])ya  un 
diruppo  di  sasso  vivo",  befestigt  mit  alten  Mauern,  versorgt  mit 
„fontane  vive"  :  inmitten  der  citta  sei  eine  „cavema",  darin  eine 
Zisterne  mit  Quell wasser,  das  dann  unter  der  Stadt  herausfließt 
und  Mühlen  treiben  könnte ;  die  Lage  sei  schön,  mit  guter  Luft 
und  Reichtum  an  Holz,  Öl,  Getreide.  Fleisch  aus  der  Umgebung. 
Aus  dem  XIX.  Jahrhundert  gibt  es  Beschreibungen  bei  dem 
Prager  Arzt  Josef  Müller  (Albanien,  Rumelien  usav.  Seite  72) 
und  bei  Konsul  Hahn  (Albanesische  Studien  1.  87).  Die  starken, 
schwärzlichen  Ringmauern  mit  Rundtürmen  wurden  1832  nach 
der  Niederwerfung  des  Aufstandes  des  Mahurad  Busatli  von 
Skutari  geschleift.  Früher  soll  den  Christen  der  Zutritt  nur  bei 
Tacf  mit  mohammedanischen  Führern  gestattet  gCAvesen  sein : 
bei  Nacht  durften  sie  Kroja  unter  Todesstrafe  nicht  betreten. 
Eine  enge  lange  Bazarstraße,  an  der  starke  Quellen  entspringen 
führt  auf  die  Burg,  auf  Avelcher  sich  nach  Hahn  80  arme 
mohammedanische  Häuser  mit  einigen  Moscheen  und  einem 
Uhrturm  befinden;  um  die  Burg  herum  Hegen  unten  in  Baum- 
gruppen an  700  Häuser.' 

Der  Name  stammt  von  den  Quellen:  albanisch  krüa  Quelle. 
Die  Byzantiner  schrieben  Kooai  ün  Plural  (Not.  episc.  Demetrios 
(Jhom,,  Akropohtes,  Phües) ;  der  Einwohner  hieß  Kgnmjg  (Croite 
in  der  Urkunde  des  Königs  Alfons).  Die  slawische  Form  lautet 
Kpoyn  (Pucic  1,  132;  Miletic,  Kronstädter  Urkimden  Nr.  84.  99 

'  Die  neueste  Beschreibung  von  Kroja  von  Ippen  ist  im  bosnischen 
Glasnik  1902,  S.  190  f.  und  in  den  Wiss.  Mitteilungen  aus  Bosnien,  Band 
10  (1907),  S.  59-65  mit  12  Abbildungen  erschienen. 


lol 


im  Sbornik  des  balgariselien    ^linisteriums,    Band    Vi,    Seite    82 
lind  90).  lateinisch  Oroya,  Cruya,  aueli    Oppidnm    Croarum.    J)ie 
ei*ste  Erwähnung  findet  man  in  Ivirchlichen  Akten,   Der  Bischof 
o    Kooior    unter    dem    Metropoh'ten    von    Dyrrhacliion    ielilt    in 
keiner  der  älteren   Notitiae    der   griechischen    Bistümer    und  er- 
scheint noch  zu  Anfang  des  XIII.   Jahrhunderts   in    der    Korre- 
spondenz des  Erzbischofs    Demetrios    Chomatianos    von    Ochrid. 
Die    Privilegien    der   byzantinischen    Kaiser,    von    denen    in    der 
Bestätigung    des    Königs    Alfons    die    Rede    ist,     beginnen    juit 
Manuel    Komnenos    (1147 — 1180),    der    während    seiner    vielen 
Feldzüge  auch  in  Albanien  verweilte.    Wie    dies  von    Drinov  in 
der  erwähnten  Abhandlung  ausgeführt  wird,    war    in    Kroja    der 
Sitz  der  albanischen  Dynasten  von  Arbanum  schon  im  XII — XIII. 
Jahrhundei-t.   In  der  Geschichte  der  Kriege  des  Kaisers  Joannes 
Diikas  Vatatzes  mit  dem    Despoten    Michael  II,  von    Epirus  er- 
wähnt Akropolites   „ro  iv  tu)    l'iXjßuvoj    cpoovQiov    rag    Konac" 
(ed,  Bonn.  p.  98).    Unter  den  Stadtprivilegien  gab  es  Urkunden 
dieses  Kaisers,  der  vom  lateinischen  Übersetzer  als  Joannes  Dux 
bezeichnet  wird,    ausgestellt   wohl    nach    der   Erwerbung    dieser 
Gebiete    durch    den    Frieden    von    Larissa    1 252,    ebenso    seines 
Sohnes,  des  Kaisers  Theodoros  Laskaris  II.  (1254 — 1258),  unter 
dessen  Regierung  der  Despot  Michael  11.  die  Id'kßctvlTctt.    gegen 
die  Grriechen  von  Nikäa  aufwiei^elte  und  den  Gegner  aus  diesem 
<?rebieten    für    einige    Zeit   verdrängte.    Diese    Kämpfe    zwischen 
den    Griechen   von    Arta    und  Nikäa    brachten  die    Franken    als 
Bundesgenossen  des  Despoten  ins  Land.   Kroja  war  (nach  Hopf) 
1272 — 1278   okkupiert    von    den    Truppen    des    Königs    Karl  I. 
von  Anjou ;  dies  war  der  Hr»hepunkt  der  neapolitanischen  Herr- 
schaft in  Albanien.  Nach  der  großen  Niederlage  der  Neapolitaner 
bei  Berat  wurde  Kroja  um  das  Jahr  1280  wieder  von  den  Byzan- 
tinern okkupiert,  wie  es    auch    Manuel    Philes    in  seinem  unge- 
fähr 1305  verfaßten  Lobgedicht  an  den  Feldherm  Michael  Glavas 
Tarchaniotes    ausdrücklich    nennt    (Vers    289 :     /s.'po<:L'     Tf.    /.cd 
Kdvvivci  y.al  ra  y.vy.Xo&sv).  Aus   dieser  Zeit  stammte  wohl  das 
Stadtprivilegium  von  Kaiser  Michael  Palaiologos   (f  12^2).  Neu 
bestätigt  wurde  es  durch    die  in  lateinischer    Übersetzung    ganz 

9* 


132 


erhaltene  Lrkunde  seines  Sohnes,  des  Kaisers  Andronikos  11. 
(12X2— 18281.  datiert  vom  Oktober  der  11.  Indiktion.  also  falls 
sie  bald  nach  deui  Kegierungsantritt  ausgestellt  wurde,  vom 
Jahre  1288— 1281»  (<i7!i7  =  1.  September  1288  bis  31.  Augu.st 
1289):  das  zweite  Jalir  des  Indiktionszyklus  kehrt  dann  unter 
der  langen  Regierung  dieses  Kaisers  allerdings  noch  zwemial 
1303-1304  und  1318  —  1319  wieder.  Androuikos  111.  (1328  — 
1341)  war  dann  der  letzte  griechische  Kaiser,  welcher  die  alba- 
nischen Landschaften  beherrscht  und,  wie  dies  bei  Kantakuzenos 
Tind  Xikephoros  Gregoras  ausführlich  geschildert  Avird,  auf  seinen 
Feldzügen  auch  persönlich  besucht  hat. 

Die  Nachfolger  der  Byzantiner  wurden  die  Serben.  Stephan 
Dusan  bestätigte  noch  als  König  die  Pri\ilegien  von  Kroja  im 
Juni  des  Jahres  6851  (die  Übersetzung  hat  das  irrige  Datum 
7851).  Indiktion  XI,  also  im  Juni  1343.  Das  Datum  ist  für  die 
Chronologie  der  Zeit  von  Bedeutmig,  Stephan  von  Serbien  war 
nach  Andronikos'  111.  Tod  verbündet  mit  dem  Gegenkaiser 
Joannes  Kantakuzenos,  der  sich  1342  nach  Serbien  geflüchtet 
hatte;  die  Bundesgenossen  entzweiten  sich  aber  l-)43  schon  im 
Sommer,  da  alle  Vorteile  den  Serben  zufielen,  die  eine  Stadt 
jNLizedoniens  nach  der  anderen  für  sich  besetzten.  Wir  sehen 
aus  unserer  Urkunde,  daß  Stephan  zur  selben  Zeit  auch  in 
Xordalbanien  die  griechischen  Burgen  okkupierte.  Bald  folgte 
die  serbische  Okkupation  Mittelalbaniens.  Nach  dem  Epilog  des 
Psalters  des  Branko  Mladenovic  (beschrieben  von  Miklosich. 
Starine  4.  2!*)  nahm  im  Jahre  ()854  =  1.  September  1345  bis 
31.  August  1346  „gospochn  kralj  Stefan'"  Kastoria  (slawisch 
Kostur).  Belgrad  (Berat)  und  die  Burg  Kanina.  diese  jedenfalls 
samt  dem  benachbarten  ^'alona.  in  welchem  August  1347 
Zollpächter  aus  Ragusa  seit  zwei  Jahren,  also  seit  ungefähr  Juli 
1345  saßen  (Urkunde  im  Spomenik.  Band  11,  S.  29).  Der 
Serbenkönig  unterstützte  dabei  überall  die  Albaner  gegen  die 
Griechen.  Seit  dem  Ende  des  Xlll.  Jahrhunderts  ist  nämlich 
unter  den  Einwohnern  der  Gebirge  Albaniens  eine  Expansiv- 
bewegun«;  zum  Ausbruch  gekommen.  Die  Niederungen  waren  in- 
folge    der    Arielen  Kämpfe    zwischen   den  vier  Landesherren,  den 


b33 


by/-antinischen  Kaisern,  den  Despoten  von  E])irus.  den  Aiijous 
von  Neapel  und  den  Serben,  verödet  und  entvölkert.  Die  Hirten- 
bevölkeruni'  der  Grebiri'e  hatte  dai^eujen  einen  Iberschul.)  an 
Mannschaft  und  drängte  sich  zuerst  t^eti^en  die  Stadtgebiete, 
später  aber  nach  Nordgriechenland,  vor  allem  nach  Thessalien. 
Der  Edelmann  Michael  Gabrielopnlos  versprach  l'}4'2  den  Ar- 
chonten  von  Phanarion  bei  Trikala  in  Thessalien,  dal.)  weder  er, 
noch  seine  Erben  Albanier  im  Stadtgebiete  ansiedeln  werden 
(iii]  TTOoaor/.ioi»  iJ'AßaviTag,  Acta  graeca  5,  260).'  Anschaulich 
schildert  das  Herabsteigen  der  x4.1banenses  aus  den  Bergen  in 
die  durch  Anarchie  und  durch  die  Feldi^üge  der  Katalonier 
verwüstete  Ebene  von  Thessalien  ein  Brief  des  Marino  Sanudo 
von  1:^25  (bei  Tafel  und  Thomas,  Urkunden  1.  50»)).  Ebenso 
Ijedrängten  D530  f.  albanische  Hirten  und  Nomaden  die  Stadt- 
gebiete von  Belgrad  (Berat),  Kanina,  Valona  usw.,  was  den 
Kaiser  Andronikos  III.  bewog,  persönlich  eine  Expedition  gegen 
diese  Bergstänmie  zu  unternehmen  und  sie  emptindlich  zu  züch- 
tigen. Infolgedessen  standen  Griechen  und  Albaner  einander 
feindlich  gegenüber,  ein  Umstand,  der  den  Serben  ihre  Opera- 
tionen sehr  erleichtei-te.  Als  Zar  Stephan  l^US  Epirus  und 
Thessahen  okkupierte,  setzten  sich  die  Häuptlinge  der  albanischen 
Truppen  selbst  im  Süden  des  bis  dahin  griechischen  Epiroten- 
landes  fest,  auf  den  Ländereien  der  griechischen  Archonten  und 
Proniaren.  Die  Trupjjen  des  serbischen  Feldherni  Preljub,  welcher 
bis  zu  der  damals  venezianischen  Burg  Pteleon  aut  der  West- 
seite des  Ausganges  des  Golfes  von  Volo,  gegenüber  Negroponte, 
vordrang,  werden  von  den  Venezianern  135')  als  „Albanenses" 
bezeichnet  (Ljubic,  Listine  8,  160).  Das  in  der  Urkunde  des 
Königs  Alfons  erhaltene  Privilegium  des  Stephan  Dusan  an 
Kroja  zeigt,  wie  der  serbische  HeiTscher  die  albanischen  Edel- 
leute  sofort  durch  Schenkunj^surkunden  zu  o-ewinnen  verstand. 
Bei  dem  Zerfall  des  serbischen  Reiches  erseheint  Kroja 
im  Besitz  des  Karl  Topia,  des  mächtigsten  der  albanischen 
Dynasten  nach  1360.  Ln  Jahre  l.")92  residierte  in  der  Hiirg  seine 

'  Im  .Jahre   134-2  liiü-ht   1-J'.,t:)i  ii:uh  Dr.  Nikos  Bees.  P.yz.  Z.-itschrirt 
•21  (1912),  170. 


13-1 


Tüclik'r  Helena  und  ihr  <iatte,  der  veiiez,i;uii.sche  l'atri/.ier  Marco 
Barbarigo,  ein  „rel>ellis"  seiner  Heimatsgemeinde,  die  damals 
Diirazzo  okkujjiert  hatte.  Barbarigo  wurde  1394  sogar  türkischer 
Vasall,  gelangte  aber  schlieUlieh  als  (iefangener  nach  Venedig. 
>Sein  Xachfolger  war  ein  ZAveiter  Gemahl  dieser  Helena  Toi)ia. 
Konstantin,  Sohn  des  Georg  Balsic  und  der  Theodora  (als 
Xonne  Xenia),  über  welchen  wir  in  der  Vorrede  zu  Spomenilc 
Bd.  Jl.  S.  l'i  f.  ausführlich  gesprochen  haben.  Dieser  Kon- 
stantin, dem  auch  die  Landschaft  Scuria  zwischen  Durazzo  und 
Tirana  gehörte,  wurde  1402  von  den  Venezianern  in  Durazzo. 
Avir  wissen  niclit  warum,  hingerichtet.  Im  Jahre  1403  erscheint 
Kroja  im  Besitz  des  Grafen  Xiketa  Topia,  der  verpflichtet 
wurde,  die  Fahne  des  heiligen  Markus  zu  hissen  und  alljährlich 
am  Sankt-Michaels-Tage  zwei  Falken  (austures)  dem  veneziani- 
schen Bailo  von  Durazzo  zu  Uefern  (Ljubic,  Listine  Bd.  5. 
S.  10  u.  43).  Xach  Niketas  Tod  regierte  1415  in  Kroja 
ein  türkischer  Statthalter,  Balabanbeg,  Subasa  von  Kroja  und 
„liaban",  Aviihrend  die  nächste  Nachbarschaft  von  Iwan  Kastriota 
beherrscht  Avurde. 

Bekannt  und  berühmt  in  ganz  Europa  wurde  der  Name 
von.  Kroja  in  der  Zeit  des  Georg  Kastriota  oder  Skanderbeg 
(1444 — 1468).  Dreimal  zogen  die  türkischen  Sultane,  zuvor 
Murad  II..  später  sein  Sohn  Mohammed  II.,  vergeblich  aus  zur 
Eroberung  dieser  albanischen  Felsenburg.  Nach  Skanderbegs 
Tod  erhielt  Ki'oja  eine  venezianische  Besatzung,  diese  mußte 
aber  1478  nacli  tapferer  Verteidigung  kapitulieren,  wobei 
Mohammed  IL  persönlich  die  Schlüssel  der  Burg  übernahm. 
Seitdem  blieb  Kroja  als  „Akhissar"  ein  wichtiger  WafPenplatz 
der  Türken  im  Westen  und  zwar  war  es  nach  dem  Zeugnis 
des  Hadzi-Kalfa  (Rumili  und  Bosna)  und  der  venezianischen 
Beschreibung  in  den  Starine  12,  199  untergeordnet  dem  Sand- 
schakbeg  von  Ochrid  im  Binnenlande. 

Skanderl)eg  hatte  1453  dem  König  Alfons  gehuldigt.  Aus 
dieser  Zeit  stannnt  d-'e  Bestätigung  der  Privilegien  der  „uni- 
versitas  (=  comninnitas)  oppicU  Croarum"  von  König  Alfons, 
gegeben    am    19.    Ajiril    1457    in    Xeai)el.  Von  Skanderbeg  ist 


135 


darin  kein  Woj-t  zu  lesen:  «fenaiiiit  werden  nnv  der  Bischof, 
der  Klerus,  die  „connnnnitus''  und  die  „liomines"  der  Stadt. 
Jni  Texte  werden  zwei  Privilegien  mitgeteilt,  verliehen  „ab 
auti(tuis  imperatoribus"  und  angeblich  beide  aus  dem  Griechi- 
schen übersetzt,  Yon  Kaiser  Andronikos  (IL)  und  von  König 
Stephan  von  Serbien,  der  merkwürdigerweise  als  „orales 
(/.ouliig)  Bugarorum"  bezeichnet  wird.  An  der  Spitze  der 
Gemeinde  erscheinen  Kleriker  und  Adelige.  Die  Burgbewohner 
besitzen  Weingärten,  Getreidefelder,  ()liven2)flanzungen.  Fischerei- 
rechte, haben  untertane  Bauern  (colonos  sive  agricolas),  aber 
ihr  Hauptbesitz  sind  zahli-eiche  „hiberna",  Winterweidepliitze 
(slawisch  zimi.ste,  zimoviste,  vgl.  Daniele,  Rjecnik),  deren  19  mit 
Namen  aufgezählt  werden.  Die  Karten  der  Landschaft  haben 
noch  so  wenig  Detail,  dal.5  eine  Bestimmung  der  Lage  dieser 
Grtschalten  derzeit  nicht  möglich  ist;  als  Parallele  zu  Vher.-a 
ist  zu  erwähnen  Fjerza,  Firza,  ein  l'farrdorf  im  Durchbruch 
des  Drin  (Hahn.  Reise  211),  zu  Crradcso  ein  Dorf  jyipkK0A'K3iN  in 
einer  Urkunde  aus  der  Zeit  des  Despoten  Stephan  Lazarevic 
(Glasnik  Bd.  24,  S.  274).  An  den  Toren  von  Kroja  waren  die 
„Kroiten''  frei  von  jeder  Abgabe  von  Holz  und  jeder  anderen 
,.angaria".  sowohl  beim  Eingang  als  beim  Ausgang.  Ebenso 
war  ihr  Verkehr  mit  der  Sfeult  Dyrrhachion  vollständig  zollfi-ei, 
AVdhl  noch  ein  Überrest  aus  den  Zeiten,  bevor  dieser  mittel- 
alterliche Haupthafen  Albaniens  in  den  Besitz  der  Neapolitaner, 
später  der  Venezianer  gelangt  ist.  Den  Provinzialstatthaltern, 
Steuerbeamten.  soAvie  den  Kapitänen,  Kastellanen  und  Wächtern 
der  Burg  selbst  wird  in  den  Urkunden  strenge  aufgefaragen, 
die  Rechte  der  Ki'oiten  zu  schützen. 

Was  die  mächtigen  Geschlechter  des  Landes  anbelangt, 
tindet  man  die  ersten  Nachrichten  ül^er  dieselben  in  der  Korre- 
spondenz des  Erzbischofs  Demetrios  Chomatianos.  Als  erster 
Dynast  Nordalbaniens  erscheint  im  XIL  Jahrhundert  ein  Alba- 
nier  l'nii/fni.  mit  einem  wohlliekannten  nationalen  Namen  (Ilporoiih 
in  der  Urkunde  von  Decani,  Progano  oft  in  venezianischen  Akten), 
der  vom  Herausgeber ,  der  Korrespondenz  wegen  der  Ähnlich- 
keit mit  griechischen  rro^yorog  Vorfahr  mil.'tversttmden  und  mit 


136 


kleinem  Anfangsljuchstaljen  gedruckt  wimle  (ctg/oiroq  tov 
\'lXßdvov  rivt}  TOV  llo(r/()i>ov  ed.  l'itra.  i-ol.  1.).  Des  Prcigon 
Söhne  waren  die  Archonten  (riit  und  Dcnhetrios.  Denietrios  ist 
aus  den  päpstlichen  Urkunden  1208 — 1209  bekannt  als  Arha- 
nensis  princeps,  judex  Albanoruni,  ein  (Gegner  der  damals  in 
Dm-azzo  herrschenden  Venezianer  (Lju])ie  1.  27).  Seine  Frau 
Komnena  war  eine  Tochter  des  Grol.'>zupans  (s))äter  erstgekriinten 
Königs)  Stephan  von  Serbien  und  der  Eudokia.  Tochter  iles 
Kaisers  Alexios  III.  Später  erscheint  in  dieser  Landschait.  wie 
dies  Drinov  dargelegt  hat.  eine  Art  Nachfolge  nur  in  weiblicher 
Linie.  Nach  dem  Tod  des  Demetrios  herrschte  in  Arbanum 
unter  dem  epirotischen  Despoten  (später  Kaiser)  Theodor  der 
Sevastos  Gregorios  Kamonas,  der  die  Witwe  des  Demetrios 
geheiratet  hatte,  was  ganz  unkanonist-h  war,  da  des  Kamunäs 
erste  Frau  eine  Tochter  des  Gin,  des  Bruders  desselben  Deme- 
trios gewesen  war.  Im  Jahre  1258  wird  als  Landesherr  von 
Albanon  genannt  ein  (xoU'ni  (rov'Aduoc).  dessen  Frau  nach 
AkrojDolites  (ed.  Bonn.  p.  98)  eine  Verwandte  der  Kaiserin 
Irene  war,  nach  Drinovs  Erläuterung  eine  Tochter  der  serbi- 
schen Komnena. 

Im  XIV.  Jahrhmidert  waren  das  herrschende  Adelsge- 
schlecht dieses  Berglandes  die  Tojiia  (Thobia.  Theopia).  Erst 
später  werden  hier  die  Kdstriota  erwähnt.  Bei  Spandugino  und 
Musachi  sind  Sagen  von  einem  serbischen  Ursprung  derselbtii 
zu  lesen,  doch  der  Xame  ist  ohne  Zweifel  griechisch,  KaoroKoT);^ 
von  einem  Ortsnamen  Kaöroloi'.  Griechische  Elemente  in  den 
Namen  des  Adels  von  Albanien  sind  bei  der  vielliundertjährigen 
Herrschaft  der  Byzantiner  nichts  außergewöhnliches.  Auch  der 
Name  der  Arianiten  liat  byzantinische  Vorbilder  (darübin*  aus- 
fülirlich  Hahn,  Reise  durch  die  Gebiete  des  Drin  und  Vardar 
S.  298);  ebenso  erinnern  die  Span  von  Drivasto  an  griechisch 
o-rc(v6q,  die  Scura  )jei  Durazzo  an  den  Personennamen  2yovoo^. 

Die  erste  Spur  der  Familie  der  Kastriota  erscheint  am 
Hofe  der  slawischen  Dynasten  von  Valona.  die  1350 — 1417 
erwähnt  werden  (vgl.  Jirecek  im  SponiPiiik  der  königlirhen 
serbischen  Akademie  Bd.  11,  S.  11  f.).  J)i  Val(jna  residierte  zuerst 


187 


(1350 — 1363)  der  Schwager  des  Zaren  Stepluin  Diisan.  der  Despot 
Johannes  Komnenos  Äsen,  ein  Bruder  des  l)algai'isthen  Zaren 
Johannes  Alexander  und  der  serbischen  Zarin  Helena.  Stephan 
Diisans  Gattin,  dann  sein  Verwandter  oder  gar  Sohn  Alexander 
(1366 — 1368).  In  dem  Eid,  den  Alexander.  .,g()spudin  Kanine 
i  Avlonu",  den  Ivagusanern  als  ihr  Ehrcnhiirger  (brat  od  ko- 
mana  dubrovackoga)  leistete,  erscheinen  unter  den  Zeugen  voran : 
„npoAAMK  KoijTKOAA  II  /lliiKAEftiiiK  (wolil  ein  Kroate,  nacli  der  Namens- 
form:   ein    Süddalmatiner,    Serbe,    Albaner,  hiesse    Nikola    oder 

Niksa)    HE(}iAAHIA    KAÜAOtlCKII,     KpAHHAO    II    K£<l>AII,\tA    KAIIIIH£KII     KACTpIKOTu", 

Der  älteste  Kastriota  war  also  nur  Beamter.  Burghauptmann 
anf  Kanina  bei  Valona ;  die  lUiinen  dieser  Hur*;  in  drei  Etatjen 
(die  höchste  379  Meter  über  dem  Meer)  stehen  heute  noch 
südöstlich  von  Valona  (Hahn,  Alb.  Studien  1,  72).  Xach  dem 
Texte  gehört  Branilo  vielleicht  zum  Xameu  Kastriot.  wie  es  Hopf 
verstanden  hat.  Später  erscheinen  die  Kastriota  in  NordaDjanien. 
Am  klarsten  schildert  die  Anfänge  der  Linie  der  Despot  Musachi 
(1510):  „Sappiate,  com"  lavo  del  Signor  Seanderbeg  se  chiamo 
Signor  Paulo  Castrioto,  e  non  hebbe  piii  de  due  casah,  nominati 
Signa  (nach  Hahn  Dorf  Ober-  und  ünter-Sinja  iu  der  Matja)  e 
Gardi-ipostesi "  (Hopf,  Chroniques  gi-eco-romanes  inedites  p.  301). 
Pauls  Sohn  Giovanni  Castrioto  „se  feee  Signor  de  IIa  Mafia"' 
(ib.  p.  298,  301).  Dessen  Sohn  Skanderbeg  ..dopcj  che  recuperö 
la  Mafia,  stato  paterno,  s'  insignori  della  cittä  de  Croia,  eh'  il 
padi-e  non  Thebbe''  (p.  299):  ,,lu  Signore  ivm  solum  della 
Mafia,  ma  si  fe  Signore  de  Croia,  de  Dibra.  de  Birina  (Brinje 
in  der  Matja)  cioe  de  Kandisia.  Tomorista  e  Misia  e  lo  paese 
de  Guonimi  (wohl  der  Familie  Jonima.  vgl.  Ruvarac  im  Archiv 
17  S.  5(M)  insino  alla  Marina"  (p.  298—299).  Bei  Hopf.  Hahn 
und  Maknsev  ist  die  Genealogie  verwirrt  dadurch,  daß  Kon- 
stantin von  Kroja.  wie  oben  bemerkt  (vgl.  Spomenik  11.  S.  15) 
ein  Balsic.  in  die  Famihe  der  Kastriota  einbezogen  wurde,  als 
ein  Bruder  des  Iwan  Kastriota,  bei  Hahn  (Beise  durch  die 
Gebiete  des  Drin  und  Vardar  S.  304)  sogar  identiH ziert  mit 
Paul  und  als  Skanderbegs  Großvater  aufgeläßt. 

Iwan  Kastriota,  Iiuimis  Cd.sh'ioti  der  Zeitjrenosseii.  ist   ;ius 


las 


dem  1  rkuiidenmiiterial  dieser  Zeit  ^nit  bekannt.  Schon  1407 
wird  er  iils  ..dominus  satis  potens  in  partibus  Albanie'"  genannt. 
Er  hatte  sich  den  Venezianern,  die  damals  Dm'azzo,  Alessio 
und  Skutari  besassen.  unterworfen  (se  subiecit  fidelitati  nostri 
dominii).  Am  8.  April  1407  beschloß  der  Senat  von  Venedig 
Fürsprache  zu  führen  beim  Papst  infolge  eines  Schreibens 
die.ses  albanischen  Fürsten.  Der  Bischof  von  Alessio  wollte 
„occujjare  duodecim  de  ecclesiis  episcopatus  Albanie  et  illas 
nititnr  semovere  ab  ipso  episcopatii  Albanie  et  unire  atcpie 
reducere  sub  episcopatn  suo"  ;IwanKastriota  protestierte  dagegen, 
da  diese  Kirchen  angeblich  schon  seit  800  Jahren  (iam  sunt 
octinojenti  anni)  dem  Bischof  von  Albania  orehörten  und  da 
diese  Trennung  zur  Folge  haben  würde  einen  „maximus  tumultus 
et  dissensio  inter  ecclesias  interque  nobiles  et  omnes  alios  de 
contracta  illa"  (gtmz  bei  Ljubic  5,  94 — 95).  Das  Schreiben  ist 
für  die  Geschichte  des  Bistums  von  Arbanum  Yon  großer 
Wichtigkeit;  der  „episcopatus  Albanie",  welcher  zu  Anfang  des 
XV.  Jahrhunderts  seine  Besitzrechte  bis  ins  VJI.  Jahrhundert, 
in  die  Zeiten  des  Kaisers  Mauricius  oder  Bhokas  zurückdatierte, 
ist  nichts  anderes  als  das  frühere  Bisthum  Kqüiov  der  griechi- 
schen <^iellen.  allerdings  nunmehr  im  ]3esitz  der  Katholiken 
befindlich.  Seit  21.  März  1418  war  Iwan  Bürger  von  Iiagusa, 
nach  Beschlul.)  des  Consilium  Bogatorum  „de  acceptando  domi- 
num luanum  Castriot  in  einem  et  vicinum  nostrum,  cum  Omni- 
bus priuilegiis  et  immunitatibus,  cum  quibns  accijjiuntur  alii  ciues 
facti  jjer  gratiam"  (Libri  Reformationum  1412 — 1414  im  Archiv 
von  Ragusa). 

Bald  darauf  mußte  sich  Iwan  dei-  türkischen  Oberhoheit 
fügen;  141  (i  wird  er  genannt  als  türkischer  Vasall,  neben  J^alsa 
Stracimirovic,  Koja.  Bitri  Jonima  und  dem  türkischen  „cajii- 
taneus  castri  Croye"  (Ljubic  7,  218).  Schon  1410  klagte  sein 
Gesandter  in  Venedig,  „ipsum  esse  astrictum  a  Turchis  et 
habeie  proprium  natum  in  obsidem  a]tud  eos  et  quotidie  infe- 
stari.  ut  ipsos  Turclnjs  permittat  per  passus  et  loca  sua  descen- 
dere  ad  territoria  et  loca  nostre  dominationi  subiecta"  (Ljubic 
6,  51).  AViUii-end  der  vielen  Kämpfe  gegen  Balsa  bemühten,  sich 


139 


die  Venezianer  eifrig  den  Iwan  jiIs  IJundesgenossen  zu  gewin- 
]ien ;  das  erste  Angebot  des  Iwan  1411  lautete,  er  wolle  „ec^uos 
treeentos  Turcliorom  et  equos  duo  millo  de  suis  et  pliires,  si 
plures  erunt  necessarii"  stellen  gegen  Balsa  und  gegen  jeden 
anderen  Uegner  der  Venezianer  in  Albanien,  für  eine  jährliche 
Provisi(»n  von  Tausend  Dukaten  (Ljubic  (i.  175).  Die  großen 
Reiterscharen,  die  Iwan  auf  seinem  Gebiete  aufstellen  konnte, 
S])rechen  für  eine  bedeutende  Ausdehnung  seines  Territoriums. 
Die  Verhandlungen  wurden  öfters  von  Neuem  angeknüpft.  Als 
aber  nach  dem  Tode  des  Balsa  1421  Desjiot  Stephan  Lazarevic 
von  Serbien  im  Gebiet  von  Skutari  einrückte,  um  als  Erbe  der 
Balsici  die  Venezianer  zu  bekämj)fen,  setzte  sich  Iwan  mit  den 
Serben  ins  Einvernehmen  und  sendete  seinen  Sohn  zum  Despoten, 
ohne  jedoch  mit  Venedig  abzubrechen.  Ein  venezianischer  Ge- 
sandter. Andreas  Marcello,  reiste  insgeheim  über  Alessio  als 
Kaufmann  verkleidet  mit  Geschenken,  um  Iwan  wieder  für 
Venedig  zu  gewimien :  aus  seiner  Instruktion  vom  28.  Januar 
1423  ist  zu  sehen,  dafi  Iwiin  damals  von  den  Venezianern 
„illum  honorem,  quem  habuit  comes  Nicheta"  (Niketa  Topia) 
beanspruchte.  Der  venezianische  Gesandte  sollte  ihn  auf  die 
Gefahren  auimerksam  machen,  die  ihm  und  anderen  „domini" 
der  Landschaft  drohen,  „si  dictus  dominus  despotus  dominaretur 
in  partibus  illis"  ;  wenn  Iwans  Trup[)en  wirklich  im  Lager  des 
Des^ioten  vor  Skutari  sein  sollten,  möge  er  sie  zurückberufeii 
(Ljubic  8,  211 — 214).  Doch  kam  es  noch  in  demselben  Jahre 
zum  Frieden  zwischen  Serbien  und  Venedig  (vgl.  Stanojevic, 
Archiv  18,  466). 

Im  Mai  1426  bat  Iwan  die  Kagusaner  um  einen  Arzt 
und  der  Senat  ließ  den  Stadtarzt  Magister  Thomas  fragen,  „si 
contentus  est  ire  ad  Castriotum"  (Cons.  Rog.  25.  Mai  1426). 
In  dieser  Zeit,  1424 — 1425.  ließen  die  Venezianer  den  Ivanus 
Castrioti  ersuchen,  daß  er  „destrui  faciat  omnes  salinas,  quas 
heri  facit",  Salzsiedereien  am  Meere  irgendwo  bei  Alessio.  Die 
„eapitula"  seiner  Gesandtschaften  nach  Venedig  1428—1433 
.sind  leider  nur  aus  den  kurzen  Angaben  der  Register  bekannt, 
da  die  Senatsbücher  selbst  für  1422 — 1440  sich  nicht  erhalten 


140 


haben.  \  ul.  Ljii))ic  S.  1S4.  wo  aber  eine  bei  Hopf  (Ersch- 
Gnibers  Knxvklopädie  Hi\.  S().  S.  lOl)  zitierte  wichtige  Stelle 
fehlt:  im  Juli  142S  bat  Iwan  durch  seinen  Gesandten,  den 
Priester  Demetrius.  man  möge  ihn  nicht  verantwoi-tlieh  machen, 
wenn  sein  Sohn  Georg  (Skanderbeg).  de)-  zum  Islam  über- 
getreten war,  venezianisches  Gebiet  verheeren  sollte.  Am  18.  Januar 
1430  beschloß»  der  große  Rat  von  IJagusa,  dem  Iwan  ein 
Geschenk  in  Tüchern  im  Werte  von  löO  Perper  zu  machen, 
ebenso  seinem  Gesandten  Xicola  Summa  eines  .,in  pannis"  für 
•")0   Perper. 

In  demselben  Jahr  (1430)  erlebte  Iwan  böse  Tage.  Am 
29.  März  d.  J.  hatten  die  Türken  den  Venezianern  Thessaloiiich 
entrissen.  Xach  dem  Fall  dieser  wichtigen  Stadt  zog  ein  türki- 
sches  Heer  nach  Epirus  und  nahm  die  Stadt  Janina  (vgl.  die 
Urkunde  in  Acta  graeca  8.  2^^2):  der  Despot  Carlo  II.  Tocco  ^vin-de 
auf  den  Süden  des  Despotats  mit  Aiia  besch]-änkt.  Ein  zweites 
türkisches  Heer  unter  dem  Feldherrn  Isak.  dem  Statthalter  von 
Skopje,  bi-ach  in  Albanien  ein.  Das  (Gebiet  des  Iwan  Kastriota 
wnrde  erobert,  vier  seiner  Burgen  geschleift,  in  zwei  Burcfen 
türkische  Besatzungen  gelegt.  Doch  verständigte  sich  Iwan  mit 
den  Türken  mid  erhielt  sein  Land  zurück,  bis  iiuf  ein  kleines 
(jrebiet,  welches  der  Statthalterei  des  Isak  untergeordnet  blieb. 
Über  diese  Ereignisse  liieten  die  von  Ljubic  veröffentlichten 
venezianischen  Urkunden  keine  Nachricht:  dafür  hat  sich  man- 
ches Detail  in  der  bisher  ungedruckten  Korrespondenz  der 
Kagusaner  erhalten.  Am  18.  Mai  1430  schrieb  der  Senat  von 
Ragusa  seinem  Gesandten  bei  dem  Ijosnischen  Großwoiwoden 
Sandalj,  Benedetto  Mar.  de  Gondola:  „De  nouelle  abiamo  questo. 
(Jome  auanti  fo  scritto.  lo  Turcho  obtegnj  Salonicho  et  obteg- 
nudo  che  Taue,  parte  delle  sue  gente  mando  nella  Morea  e 
parte  contra  le  tenute  e  paexe  de  luan  ('astrioto.  lec[ual  ad 
esso  luan  leuorno  quati-o  forteze.  zoe  castelle.  che  gitorno  per 
terra,  et  segondo  se  diceua.  esso  Iiian  cerchaua  sego  achordo. 
Que  de  piii  sia  seguito,  perche  nostre  barche  non  son  venute 
questi  di  de  la.  non  sapiamo  dir".  Am  28.  Mai  meldeten  sie 
dem    Gondola:     .. I)e    nouelle    altro    non    abiamo.    ne   ma  che  li 


141 


Turclii.  de  li  qmili  })er  altre  vi  scriuessimo.  anno  aiiuto  tutta 
la  contrada  de  luan  Casti-ioto  e  anno  gitado  per  terra  tutte  le 
forteze.  exceptu  duo.  1<^  (jual  per  se  anno  fornito  e  .  .  .  Et 
parte  della  contrada  e  datta  a  Turclii  e  j)ai-to  n'e  lassada  al 
dicto  Inan.  Lo  imperador  se  ritroua  sotto  la  Janina  e  guerexa 
quelle  contrade.  che  forno  del  dispotli  Exau  e  del  dispoth  del 
Arüt".  Am  o.  Juni  schrieben  die  Ragusaner  ihrem  Gesandten 
am  Hofe  des  Königs  von  Bosnien,  an  Nicolo  Micli.  de  Resti. 
ebenfalls  Xeuigkeiten  aus  Albanien:  „Di  noue  di  qua  se  dice. 
el  Turcho  auer  tolto  tute  le  fortex-e  a  luan  Castiioti  e  quelle 
auer  ruinate.  excetto  due.  le  quäl  a  jiosto  in  man  e  guardia 
di  Turchi.  e  la  eonti-ata  auer  renduta  a  luan.  saluo  alguna 
particella.  data  a  Tsach.  e  la  hoste  mazor  parte  a  licentiado. 
excetto  una  particula.  chi  e  rimasta  a  guerizar  el  despoto  de 
la  Janina,  e  lo  imperador  e  andato  in  Andrinopoli  con  la  sua 
Corte''.  Der  türkische  Feldherr  Ijrach  in  Begleitung  eines  Sohnes 
des  serbischen  Desjjoten  selbst  in  das  venezianische  Gebiet  von 
Skutari  ein  und  in  die  Landschaft  des  Gojcin  Crnojevic.  Darüber 
wm-de  am  80.  Juni  dem  Gondola  geschrieben:  „De  nouelle 
abiamo.  che  \  sach  col  hol  del  signor  despoth  son  venutj  in 
Zenta  et  anno  arobado  e  predado  la  contrada  de  Goizin  e  de 
la  Signoria  de  A'enexia  fin  sotto  St-utarj".  (Alles  in  den  Let- 
tere  e  commissioni  di  Levante.  Band  1427 — 14o<),  im  Archiv 
von  Ragusa.)  Als  am  13.  September  1430  Piero  de  Luchari  und 
Zorzi  de  Goze  zu  Sultan  Murad  II.  gesendet  wurden,  wurde 
ihnen  aufgetragen,  in  Pristina  alle  dortigen  Ragusaner  zu  ver- 
sammeln imd  mit  einem  Vertreter  derselben  zum  Woiwoden 
I>ak  zu  reisen,  imi  den  ragusanischen  Kaufleuten  freien  Durch- 
zug ,.per  la  ro)ifrit<l(('f'a  de  Inati  Casfriofi  ad  Alexio  e  per  ogni 
altra  via  a  nui  dextra''  zu  erwirken  (ib.).  Am  9.  Oktober  schneben 
die  Gesandten  aus  Skopje.  Isak  dürfe  ohne  Erlaubnis  des  ..Im- 
perador turcho"  nichts  tun.  Avorauf  die  Gesandtschaft  alle 
gewünschten  Handelsrechte  am  Hofe  des  Großherm  sell)st 
erwirkte.  Die  Türken  hatten  damals  auch  das  Gebiet  des  Tanus 
Didvagin  okkupiei-t.  Im  Jahre  1431  saß  ein  türkischer  Kefalija 
auf  der  Burg  Danj  bei  Skutari.  Mit  diesem   „i-hiephali  al  Dagno" 


142 


hatten  über  den  Schutz  der  Kaufleute  zu  sprechen  nach  ihrer 
Instruktion  vom  2.  Dezember  d.  J.  Matteo  de  Crosi  und  Marino  Jun. 
de  Zorzi  auf  einer  neuen  Gesandtschaftsreise  zur  Pfoii-j  (Lett. 
e  Comm.  1430 — 1435).  Jedoch  hatte  Iwan  Kastriota  inzwischen 
wieder  einen  Einfluf.»  auf  diese  Angelegenheiten  gewonnen,  denn 
am  19.  Januar  1431  bevolhnüchtigte  das  Consilium  Rogatoruni 
von  Kagusa  den  Rektor  mit  dem  kleinen  Rat  „respondere 
litteris  comitis  Si-utari,  dohaneriorum  dohane  Dagni  et  luan 
Castriot,  prout  eis  melius  uidebitur,  scriptis  pro  dohana  Dagni 
et  via  mercatorum  nostrorum"  (Liber  Rogatoruni  1427 — 1432).^ 

Am  28.  Mai  1438  wurde  dem  Iwan  Kastriota  ein  Privi- 
legium von  Venedig  ausgestellt  (zitiert  1445,  Ljubic  9,  214). 
Am  10.  Juli  1439  faßte  der  Senat  von  Ragusa  den  Beschlul», 
auch  den  Söhnen  Iwans  das  Bürgerrecht  zu  verleihen:  „Prima 
pars  est  de  conhrmando  filiis  luani  Castrioth  (f.  I.  C.  über  der 
Zeile)  cartam  ciuilitatis  (durchstrichen :  (ieorgio  Castrioth),  prout 
et  quemadmodum  facta  fuit  luano  Castrioth,  patri  suo.  Per 
omnes".  Den  Tod  Iwans  verlegt  Hopf  (Ersch-Grubers  Enzvkl. 
Si^,  123;  genealog.  Tafeln  bei  den  Chroniques  533)  ungefähr 
in  das  Jahr  1443.-  Seine  Freundschaft  für  Venedig  wurde  von 
den  Venezianern  seinem  Sohn  Georg  (Skanderbeg),  mit  dem  die 
Republik  des  heiligen  Markus  manche  Mißverst'indnisse  hatte, 
energisch  zu  Gedächtnis  geführt:  „antiqua  et  maxima  amicitia. 
habita  cum  domino  luanne,  patre  suo,  et  quantas  comoditates 
sibi  fecimus"   (144S,  Ljubic,  9,  270). 

Daß  die  unten  abgedruckte  Urkunde  des  Iwan  Kasti'iota 
slawisch,  oder  genauer  gesagt  serbisch  geschrieben  ist,  bildet  in 
Albanien  keine  Ausnahme.  Bekannt  sind  slaAvische  Urkunden 
der  Herren  von  Valona,  der  Dukagin,  des  Georg  Kastriota, 
geschi-ieben  von  seinem  „djak"  oder  „kanziljer"  Ninac  Vuko- 
salic,  ja  ein  Sehreiben  der  Ragusaner  an  Kaiser  Sigismund  von 

•  Einige  dieser  Urkunden  sind  von  Jorga,  Notes  et  extraits,  Bd.  2 
(Paris,  1899),  272  f.  im  Auszug  mitgeteilt. 

-  Nach  zwei  serbischen  handschriftlichen  Notizen  soll  Iwan  Kastriot 
im  Mai  1437  (6945)  gestorben  sein.  Ljubomir  Stojanovic,  Stari  srpski 
zapisi  i  natpisi,  M.  1  (Belgrad,  1902),  Nr.  270,  271. 


143 


1484  (vgl.  An-hiv   17.  -^O^^   und   lU.  tiU(i)  sagt  ausdrik-Jdich.  dal.i 
die    albanischen     Fürsten     nur    „selavonos    cancellarios"    haben. 
In  der  Urkunde    erscheint  hvan    als   „gospodin"    (dominus)    und 
seine  Söhne  (sinovi.  djeca)  als  seine  Mitregenten.  Von  den  Hof- 
beamten   wird    ein    „celnik"    Peter    genannt,     ebenso    Avie     b<'i 
Georg    Kastriota    ein    „celnik"   Ivajan  erscheint.    Der    Durchzug 
der  Kaufleute  durch  das  Land  des  Iwan  war  von  Bedeutung  als' 
sicherer    Weg    nach    Serbien    in    der    Zeit,    wo    die    Häfen  von 
Cattaro,    Antivari,    Dulcigno    und    dii^  Mündung    der  Bojana  für 
den    Handel  gespen-t    waren    durch    die   Kriege  der  Venezianer 
gegen  Balsa  und  später  gegen  die  Serben.  Damals  (1422),  noch 
vor  dem  Frieden  mit  Serbien,  schrieben  die  Venezianer  „domino 
Johanni  Castrioti  circa  Kaguseos,  transeinites    j)er    viam    Scutari 
et  territorium  C'roye"   (Ljubic  8.  188).  Als  Eingangspforte  seines 
Landes    Avird    in    der    ürkimde    der  Landungsplatz  von   Siifadaj 
oder  Siifaildja    bei    Alessio    genannt,    Safat,    S/iff'fula,  Znfada  in 
lateinischen,  venezianischen  oder  ragusanischen  Urkunden  dieser 
Zeit.  Die  Lage    erhellt  aus  einem    venezianischen  Akt  vom  2(5. 
September    1393.    Bald  nach  der  Übernahme  von  Alessio  durch 
die  Venezianer   meldete    der    Kastellan,    daß   ..aliqui    circauicini 
conantur  reducere  mercata  salis,  que    erant    solita  fieri  in  Alexo 
(sie),  ad  quendam  locum,  vocatum  Stiffada^  longinquum  per  octo 
milliaria,  ([uod  est  causa  destruendi  dictum  nostrum  locum  Alexi", 
worauf  der    Senat  den    venezianischen    LTntertanen  verbot   ..hoc 
mercatum"    zu    besuchen   (Misti    vol.  42,  f.  DiO:    bei  Ljubic  4, 
819  nur   im   Auszug,  voUständiger    bei  Makusev,  HcTopirqecKi,T 
pasMcKaiiiH  0  C.iaB.HHax'B  b^  A.i6aHiH  S.  188).  Am  8.  Mai  140:*) 
bat  ein  Gesandter  des  allxmischen  Edelmanns  Diniitrius  Gionima, 
daß    ein     „suus    mercator    possit    vendere    salem    ad    mercatum 
Semphnmlai/'    miten :  in  loco    Seiaphade),  mit  einem  Ertrag  von 
200  Dnkaten  jährlich,  was  ihm  jedoch    verweigert  Avurde  (Misti 
vol.    46    i.  80).    Der    Weg    durch    Iwfins    Gebiet    führte    weiter 
landeinwäi-ts    längs    der  jetzigen    Straße    (Skutari-Dagno-Puka- 
Prizren)  nach  Prizren.    in    das  Land  des  (ieorg  VukoAnc  (Bran- 
kovic)  und  des  Despoten  Stephan    Lazarevic.    Fnbekannt  ist  die 
Lage  von  Rmhn't.  avo  ein  türkisi-her  Zöllner  residierte.  JIrcan'Jfi 


111 


(merceria).  y>/v//r.;  (Waarc)  sind  bekannte  Ausdrücke:  dunkel  l)leibt 
iiihiil,  Gen.  Plur..  (von  l'/ußo'/.ov  oder  imballarey).  Jeder  Schaden 
auf  dem  Boden  Iwans  \\ird  von  ilun  ersetzt.  Der  Einüüirzoll  ist 
festgesetzt  auf  eine  Pferdelast  (tovar,  lateinisch  salma)Tuch  (svita) 
'2  Dukaten,  in  luiduii  V2  Dukaten,  auf  .sonstige  ,.mrc'arije"  1  Per- 
per.  in  Kadun  <»  Dinari.  der  Ausfuhrzoll  aus  iSerbien  zum  Meer 
auf  1  Perper.  in  Kaduii  (i  Dinar.  Was  die  Münzwerte  anbelangt, 
.so  war  im  XI Y.  Jahrhundert  1  dueatus  auri  =  2  yperpyri  (der 
yperpyrus  war  ja  in  dieser  Zeit  nur  eine  Kechenmünze)  =  24 
gro.ssi.  im  XV.  .falirhundert  1  dueatus  auri  =  8  yperpyri  =  80 
gro.s.si  de  IJagusio.  Aus  ]  libra  argenti  wurden  in  der  Münze 
von  Kagusa  \'-\^'-\  20,  1422  aber  22  yperpyri  Scheidemünze 
geprägt.  Der  slawische  (l?i/(ir  (denarius)  entspricht  dem  f/rossus 
(denarius  grossus).  Die  lokalen  Kurse  Avaren  aber  sehr  ver- 
schieden; auf  dem  Zollamt  von  Dagno  rechnete  man  14-)3  1  du- 
eatus sogar  mit  4  yperpyri  (Schreiben  der  Iiagusaner  an  den 
venezianischen  ('omes  von  Skntari  oO.  Januar  1430,  Lettere  e 
(-'omni,  di  Levante  1480 — 1435). 

ZA\ei  andere  slawische  Urkunden  des  Iwan  Kasti-iota  .sind 
bisher  nur  aus  einer  Bemerkung  bei  Grigorovic  bekannt.  Grigo- 
rovic  fOnepKT,  iiyTcnrecTuiii  no  EBpoiieflCKOii  Typniii.  2.  A.. 
Moskau.  1877.  S.  47)  notierte  1844  im  Archiv  des  Klosters 
Chilandar  auf  dem  Athos :  Xr.  39  ohne  Jahr,  über  den  Verkauf 
des  TtvQyoQ  des  heiligen  Georg  dem  Joun  Kastnot  und  seinen 
Sühnen  Jlrpos,  Kortstmitiii  mid  Georcj.  auf  Pergament  mit  Kursiv- 
.schrift  und  Wachssiegel:  Nr.  40.  6930  =  1422  (eigentlich 
I.September  1421  bis  31.  August  1422).  Iiran  Kastriot  mit  seinen 
Söhnen  iSta)il.S((.'  Jlcpos,  Koustantln  und  (rcoiy  schenkt  dem 
Kloster  (Jhilandar  die  Dürfer  Radostu.se  und  Trebiste,  Pergament. 
Kursiva.' 

Daß  Iwan  Kastriota  ein  Kloster  der  orientalischen  Kirche 
mit  Schenkungen  ausstattete,  ist  bei  dem  Schwanken  der  alba- 
nischen Dynasten  zwischen  l^eiden  Kirchen  nichts  Außer- 
gewöhnhehes.  Karl   Topia    wird  in  einem  Kodex  der  serbischen 

'  Die  zweite  Urkunde  des  Kastriot,  datiert  1426,  ist  jetzt  gedruckt 
bei  Novakovic,  Zakonski  .spomenici  (Belgrad.  1912),  S.  467 — 468.   ' 


145 


Übersetzung  des  Georgios  Humartolos  mit  den  für  Fürsten  des 
orientHÜselien  Bekenntnisses  üblichen  Formeln  genannt  (Ruvarac, 
Archi^  17,  5(3))).  In  einem  von  Ljiibomir  Stojanovic  beschrie- 
benen Pomenik  (Spomenik  8,  177)  werden  albanische  Edel- 
leute.  ein  Aranit  und  die  Familien  der  zwei  „celnik"  Kajan 
(bei  (ieorg  Kastnota)  und  Dmitr  genannt.  Übrigens  hatten  die 
serbischen  Klöster  im  XIV.  Jahrhundert  auch  Grmidbesitz  in 
Xordalbanien.  Das  Kloster  ('hilandar  besal.»  in  i*ilot  (Polatum) 
die  Dörfer  Kalogeni  und  Muriki  oder  Muliki  (1348  ISafarik, 
Fumatkj  2.  A.,  S.  101,  Mon.  serb.  p.  111  als  Gmovaukh  für 
c  (u)  yllovAHKH,  1;?54  /HovAHKE  FlorJuskij,  üaMüTHiiKH,  8.  49).  Das 
Erzengelkloster  vcni  Prizren,  eine  Ötiltung  Stephan  Dusans, 
besä  1.1  eine  von  kathohschen  Albanern  bewohnte  Dorfgruppe 
v\'estlich  vom  Zusammenflul.i  der  beiden  Drim,  mit  Siklja, 
Krujmada  (albanisch  die  „große  Quelle"),  Krsti  und  Sakato  in 
„(iornji  Pilot"  (vgl.  Novakovic,  Godisnjica  1,  209),  ferner  die 
Muttergotteskirche  von  Danj  (capella  S.  Mariae  subtus  Dagnum 
14ÖH,  Ljubic  10,  91:  über  deren  Ruinen  Hahn,  Heise  41,  328) 
mit  den  Dörfern  Prapratnit-a  imd  Loncari,  endlich  eine  zweite 
Muttergotteskirche  am  Flusse  I'aaaim  (fiume  del  Jadro  1459, 
Ljubic  10,  139,  jetzt  Fl.  Gjadri)  und  das  Dorf  Zeravina  (Zaravina 
1444,  Starine  14,  55 — 56)  mit  Grundstücken  in  der  Umgebung 
von  Alessio  (Urkunde  im  Glasnik  Bd.  15,  S.  286,  304,  310). 

Ein  Urkundenbuch  für  die  Geschichte  Albaniens  mit  einer 
vollständigen,  gut  edierten  Sammlung  aller  auf  dieses  Land 
bezüglichen  Urkunden  aus  Venedig,  Kom,  Neapel,  Ragusa  usw. 
würde  die  innere  und  äußere  Geschichte  dieses  Landes  in  den 
letzten  Jahrhunderten  des  Mittelalters  trefflich  beleuchten.  Von 
entscheidender  ^^'ichtigkeit  wäre  ein  solcher  Codex  diplomaticus 
Albaniae  für  die  Geschichte  des  Georg  Kastriota  oder  Skan- 
derbeg,  die  erst  durcli  eine  Urkundensammlung  einen  festen 
historischen  Boden  j^ewinnen  und  sich  des  romanhaften  Beiwerks 


entledioren  wird. 


'  Dieser  1899    ausgesprocliene    "Wunsch    ist  1913    durcli  die  Aub- 

gal'e  des  ersten    Bandes    der    „A.cta  et  diplomata  res  Albaniae  mediae 
aetatis  illustrantia'"  erfüllt  worden. 

10 


146 

I.  1420.  25.  Februar.  Geleit;<brief  des  Herrn  Iwau  (Kastrioti) 
und  seiner  Söhne  für  die  Kaufleute  von  Kixgusa  auf  dem  Wege 
durch  sein  Land  von  iSufadaja  (bei  Alessio)  nach  Prizren.  nebst 
Bestimmungen  über  die    Zölle. 

i:    fi-fepA    A\or&  r(otno)ji,{\\)väi  lUfriA  ii  A\o(ii)\k    ctniOKb,    kcakomS 

T|1b,rOKH8  KAAA^lVArO  rpAA^A)  ASKPOKMHKA,  KOH  8t\'0Klg  AOKH  Ö  MO» 
3€.WAK)    I    S    lIl8<t>&AA»    "AH   TKO    8r\0Klg    s    A\0K)    3EA\AK)   TpurOKATM     HAH     TKO 

St\OKig  a\hh8th  .wou'miv  3emaoa\u  !^  ;-jE,v\Aio  I  TioprigKS  hau  r(omo)- 
a(h)na  A"noTA.  H  TAKO  HMU   tA\u   titipö    A^AU,    coA    HKA"    Aong    S    A\010 

3fA\AK)  A  Illö<t)AAAK),  AKO  A\Ö  |  KS^AE  KOfA  NT£(t)a  HAH  3A0KrA  ANOlPMk 
3£A\A0Mb.  AO  npH3P£NA,  A^  rA  r(0tll0)A0l)Hl^  ÜKAHb  ti  A\orA  A"^",*  nAA- 
Kf&rWK.  A  HA  U'KH  |  3ÄKOIIU  ll,(  A  )ph[nCKH  ?]  SlfOKOpHAU  CANU  C  npHtATEA" 
IgAMi  MOMMU  A  KAlllHiWU  KpATO.VNU  ÜETpCANK  A\HA\0  KCi^  A\OK)  3EMAIC,  |  AA 
£  IgA'IA  u(ap)hHA  ha  TOKApb.  tKHTE  A^A  Ai^f^A'riA)  A  HA  .WKpNApHIO 
CO-T-OKApA  n£pnE(p)K  A  8  TÖptKOH  3E.V\AH  i^  pAAi^"»0  |  0-T-OKApA  1EHT£ 
nOAU.  A^I^ATA  A  a'A  AVpUNApHE  LUEtTU  AHHApLj  A  HA  KpAKIgNHE  tOHETK  A\H.V\0 
KCf?  MOK)  I  3EA\AI0  A*>  IlIS<t)AAAr&  a>A  KOCKA  H  OA  HHSfiAb  (slc)  H  WX 
HH£  npATEa^H  HEpHEpS,  A  8  pAA^MIB  TfipNHHi?  lUECTIi  AHH^pU.  |  A  KC£A\8 
T0A\8   M(H)A(o)nHHKU    ÜETpU    NEAHHKU. 

ÜHtAHA    HA    .    /A.    H    .N  H    K.   A^tTO,    m( 'k  )t(E  )h,A    <t)EpKApA    .KE.    A(l^)m^' 

Das  aufgedrückte  Siegel  bedeckt  mit  einem  viereckigen 
Papierblättehen :  darauf  kenntlich  in  einem  Kreis  ein  links  gewen- 
deter Kopf  (Abdruck  einer  antiken  Gemme  ■?!.'  Auf  der  Rückseite 
eine  Notiz:  leter(a)  de  di^  Juan  chastroi  .  .  .  .  |  sauo  chonduto 
ali  merch(adanti). 

Das  Original  auf  Papier.  29  Zentimeter  breit.  16-8  hoch. 
Die  Kursivschrilt,  mit  schwai-zer  Tinte  geschrieben.  autVeclit 
stehend.  Die  Striche  von  a,  p,  <p,  a  (Vorderstrich),  a\  (Mittelstiich) 
weit  abwärts  gezogen,  der  Obei-teil  von  «  dagegen  weit  aufwärts, 
Die  über  die  Zeile  gesetzten  Buchstaben  sind  m  unserem  Abdruck 


in  die  Zeile  gezogen:  «',  a\ocou,  a\ou,  3emaoin,  kaiuhu,  a'iapu,  cchek. 

Abgekürzt  ist  rnu,  pha,   ebenso  die  Formen    r  pA,   aka  a^*^^:  ^'"ii 
Schluß  AHb..    In  n£pn£pK  sind   beide  p  (im    ersten    Falle    nur   dcis 

'  Auch  Georg  Kastriota  benützte  als  Siegel  ^eme  antike  Gemme, 
auf  welcher  eiiae  nackte  Leda  mit  dem  Schwan  dargestellt  war.  Zwei 
Urkunden  von  1459,  Miklosich,  Mon.  serb.  481—483  (Beschreibung  der 
Siegel  in  handschriftlichen  Notizen  des  Dr.  Johann  Safarik,  im  Nachlaß 
von  P.  J.  Safarik  im  Prager  Museum.) 


147 


erste  sichtbar)  über  die  Zeile  geset/i.  Die  Stelle  3AK011K  upn, 
worauf  ein  Locli  folgt,  lesen  wnr  als  nApimtKn,  ebenso  igAH* 
ii(Locli)nHA  als  ii,ApHHA.  Das  Wort  ,\\pKNApHr&  (merzaria)  ist  an 
erster    Stelle    a\kp-,    an    zweiter    .wpu-   gesclirieben,    beides   ohne 

Abbreviatur.  Das  abgekürzte  Mxtd  lesen  wir  als  ntsta.  Zeichen 
über  der  Zeile  sind  bemerkbar  nur  bei  f^txoKig.  Die  Zitterbuch- 
staben im  Dat  nn  sind  mit  einer  Titla  (~)  überdacht.  Das  ganze 
Äußere  erinnert  an  die  Originalurkunden  der  Balsiei. 

IL  Neapel,  1-1.57,  19.  April.  König  Altbns  V(I).  von  Ara- 
gouien  und  Neapel  bestätigt  die  von  Kaiser  Audroniko.s  IL.  und 
König  Stephan  Dusan  erteilten  Privilegien  der  Stadt  Kroja.  mit 
Erwähnung  älterer  Urkunden  der  Kaiser  Manuel  Koniuenos.  Joannes 
Dukas   Vatatzes,  Tlieodoros    Laskaris  II.  und    Michael    Palaiologos. 

Pro  universitate  oppidi  Croarum. 

Nos  Alfonsus  etc.  consuevimus  pro  nosti'o  more  nedum  iis, 
qni  sua  sponte  libentique  animo  nostro  sub  imperio  se  posuere, 
sed  et  iis  etiam,  quos  arduis  horrendisque  bellis  domitos  no.stra 
virtute  subiugavimus  et  antiquas  gratias  ac  piivilegia  confirmare 
ef  nostris  etiam  nobis  (novis  y)  eos  donare.  Et  quoniam  ad 
nosti-am  raaiestatem  a  clero,  comunitate  et  hominibus  oppidi 
Croaiiim  oratores  advenere  nos  piis  vocibns  miserandoqne  humi- 
htatis  deprecantes,  ut  eis,  c^uum  nostri  sul^diti  sint  et  nosti'o 
imperio,  ut  ante  dictum  est,  non  inviti,  sed  libentes  ferventique 
animo  dediti,  piivilegia  quedam  libertates  ab  antiquis  imperato- 
ribus  ei,sdem  sucesive  refirmatis  eisdem  confirmare  et  de  novo 
concedere  dignaremur.  Quorum  quidem  tenores  piivilegiorum  e 
greco  in  latinum  conversi  tales  habentur. 

Quoniam  reverendus  episcopus  Croensis  et  venerabilis  elerus 
eiusdem  sancte  ecclesie  et  nobiles  oppidi  eia.sdem  Croarum  retu- 
lerunt  ad  nos  de  omnibus  jiu-ibus  et  privilegiis  predicti  oppidi 
tam  intra  quam  extra  habitis,  videlicet  de  vineis,  tenis,  po.s.sesio- 
nibus,  olivetis,  piscinis,  hibernis,  ceteris  omnibus  juribus,  que 
ad  hoc  usque  tempus  habent  ac  possident,  atcpie  in  primis  de 
hiberno  vocato  Selmazo  cum  eins  vinario,  de  hibemo  Contelo, 
de  hibenio  Bezo,  de  hibenio  Casferato.  de  hiberno  Pallaso,  de 
hibemo  Santa  Euphomia  cum  eins  teiTis,   de  hiberno  Zale  cum 

lu* 


14.^ 


eius  tenis  et  fönte,  de  hiberno  Pheiitopleto    cum  eius  terris,  de 
liiberno  Bellice  cum  eius    terris.    de  hiberno    Santo    Blasio    cum 
eius  ten-is,  de  hiberno  Hereno  cum  eius  tenis,  de  hiberno  Metro 
(■um  eius  terris.  de  hiberno  Hostniti  cum  eius  terris,  de  hiberno 
Colli  cum    eius   terris,  de  hiberno    Pherza    cum    eius    terris,    de 
hiberno  Beroa  cum  eius  terris,  de    hiberno    Montemagno    Cromi 
cum  eius  terris  usque  ad  propinquum  Nobalum  et  Cudinum,  de 
hiberno    Calamascuti    cum    eius    terris    et    rineis    et    olivetis,    de 
liiberno  Cercoleso  cum  eius  ten'is  acque  arboribus    fructileris  et 
non  fructiferis,  que  omnia  jura  possident  ab  antiquo  et  maiormn 
suorum    patrimonio    habent    et    privilegiis     mandatisque    felicis 
memorie     imperatoris     Manuelis    ]\lagni    Comini    et    superiorum 
atque  etiam  felicis  memorie  Lascarii,  avi  nostii    et  patris    nostii 
et   nosti-is :   hac    de    causa    robore    et   facultate    presentis    huius 
privilegii  nostri  concedimus  et  laigimiu-  omnibus  predicti  oppidi 
Croarmn    tam    superioribus,    quam    inferioribus.    ut    hec    omnia 
possideant  libere  et  sine  ulk  molestia  et  pertm-batione    fruantui- 
iis    per    omnia    tempora,     quemadmodum    in    suis    priTilegüs    ac 
reliquis  juribus  continetur.    Et  non    prefecto,   non  capitano,  non 
castellano    penitus    liceat    exigere    ab    iis    aliquid    vel    pene    Tel 
angarie  vel  colecturi  vel  vectigalis,  hoc  est  gabeile,  vel  alicuius 
solutionis,  sed  onmino  liberos  et  inmunes  apud  onmes  serrentur 
et  habeantur,    Preterea  volunms,  ut  nullam  ipsam  gabellam    ex- 
solvere  debeant,  ubicumque  reperiantur,  sive  Durachii  sive  alibi. 
sed  sint  onmino  liberi  et  inmunes,    quemadmodum  in  suis  privi- 
legiis continetiu-    et  presens    hoc    nostrum    Privilegium    precipit. 
Similiter   volumus    etiam,    ut  in  poi-tis    eiusdem   predicti    oppidi 
nihil  ab  his  ipsis  hominibus  exigatur,  vel  lignorum  vel    alicuius 
angarie,   sed    ea    quoque    in    parte    sint    et    hal>eantur    liberi    et 
inmunes  ab  onmi   vectigali  et  quavis  alia  solutione,  sive  ingredi 
sive  esredi  velint.  Nee  ab  officialibus  de  facto   debeant    retineri, 
sed  quecumque  culpa  eorum  et  causa  sit,  facto  judicio    et    exa- 
mine  puniantm-.    Presentia    igitur    huius    privilegii    nostri    nemo 
audeat  injmüam   aut    molestiam    aut    impedünentum    hiis    infeiTe 
in  hiis  onmibus,  que  presens  hoc  nostrum    Privilegium   declarat 
et  eontinet.  Nam  securitatis,  inmunitatis  tuteleque  gratia  nosti-um 


Ii9 


hoc  Privilegium  concessiun  iis  datniuque  est  mense  juiii<x  iiulic- 
tionis  XI,  anno  ab  initio  niundi  septies  (sie)  millesimo  octingen- 
tesimo  qninenagesimo  primo. 

Stephaniis  fidelis  in  ( 'hristo  crales  Hngarornm. 

Qnoniam  eonstat  habitatores  oppidi  Croarnm  habere  jura 
antiqua  et  super  hiis  jnribus  privilegia  t'elicis  memorie  iinpera- 
toris  Joanis  Ducis  et  Teodori  Laseari  eins  filii  aeque  etiam 
Privilegium  et  mandatum  serenissimi  imperatoris  nostri  patris, 
ut  suis  bonis  tam  intra  (juam  extra  predietum  oppidum  habitis 
vel  habendis  fruantur  libere  et  sine  ullo  impedimento,  sine  nlla 
molestia  sua  possideant  omnia  et  ti'actent,  supplieant  vero,  ut 
super  his  ipsis  etiam  a  nobis  Privilegium  consequantur,  nos 
supplicationem  et  petitionem  eorum  probanies  presens  hoc 
Privilegium  iis  eoneedimus  et  largimur,  quo  privilegio  jubemus, 
mandamus  acque  precipimus,  ut  qüemadmodum  in  antiquis 
eorum  juribus  et  in  privilegiis  super  his  jurilnis  habitis  pre- 
dictonim  im])eratorum  Joanis  Ducis  et  eins  filii  Theodori  Laseari 
et  nostri  patris  continetur,  sie  sua  possideant  omnia.  sive  intra 
sive  extra  predietum  oppidum  habeantur,  verbi  gratia  domos, 
vineas,  segetes,  plana,  hiberna  et  eorum  colonos  sive  agricolas, 
item  oliveta,  pisccina  et  omne,  quiequid  ex  antiquo  in  hoc 
us(pie  tempus  possideant,  hec  omnia  habeant  rata  et  firma  sine 
ulla  molestia,  sine  ullo  detrimento  aut  impedimento,  et  fruantur 
iis  Omnibus  libere  et  tranquille,  nee  in  hiis  ipsis  possidendis 
potiendisque  aliquid  vi  aut  iniuria  a  vicinis  vel  baronibus  vel 
quibusvis  aliis  infestentm*.  Volmnus  enim,  ut  non  prefecto  eius 
provincie.  non  publico  procuratori.  non  eapitano  predicti  oppidi, 
non  enstodibus,  non  castellano  loci  eiusdem.  non  alicui  penitus 
liceat  capere  quiequid  ex  rebus  aut  possesionibus  eorum  j)re- 
dictis  vel  aliquid  iis  infeiTe  iniurie  aut  molestie  et  impedimenti, 
sed  omnes  servare  debeant  eos  liberos  et  omni  perturbatione, 
omni  iniestatione  inmunes  circa  snas  jjredictas  possesiones  et 
possesionum  colonos  aut  agricolas.  Kobore  enim  et  facultute 
presentis  huius  nosti'i  privilegii  servari  omnino  debent  etiam 
imposterum  omne  tempus  habitatoribus  predicti  oi)pidi  Croarum 
iumunitas    acqiie     securitas    atque    onniis     publice    infestatioiu's 


150 


exactionisque  libertiis  circa  predictas  eorum  possesiones.  quam 
ex  aiitiquü  in  liuc  nsqiie  tempus  assequebantur,  iuxta  argumenta 
privilegiorum  et  mandatorum,  que  iis  esse  coucessa  ab  impera- 
toribus  diximus.  Et  quoniam  idem  Croite  retulerunt  ad  nos 
preterea  sese  preter  inmunitatem  et  libertatem,  qua  fruuntui-  ex 
privilegiis  et  mandatis,  liberos  acque  inmimes  servatos  semper 
fuisse  etiam  a  vectigalibus,  lioc  est  gabellis  Duracliii  oppidi 
pro  mercibus,  qnas  ipsi  vel  poi-tarent  ad  id  oppidum  vel  inde 
expoiiarent  et- pro  ea  ii)sa  inmunitate  et  übertäte  vectigalium 
Privilegium  quoque  nostiaim  obtinuerunt,  itemque  suplicarunt, 
Vit  etiam  ab  ea  predicta  solutione  vectigalium  sint  imposterum 
quoque  liberi,  inmunes  et  omni  molestia,  omni  impedimento 
absoluti,  nos  hanc  etiam  eorum  suplicatiouem  petitionemque 
probantes  jubemus  et  preeipimus  liomines  eosdem  Croitas  ser- 
vari  liaberique  etiam  imposterimi  omiie  tempus  liberos  et  inmu- 
nes a  solutione  veetigalis,  id  est  gabelle  Duracliii  oppidi  prij 
mercibus,  quas  ipsi  vel  portent  in  illud  oj^pidum  vel  inde  expor- 
tent,  quemadmodum  in  eo,  quod  iis  concessimus,  privilegio  con- 
tinetur,  ita  ut  ad  nullam  solutionem  vocari  traliique  debeant, 
nikil  ab  iis  exigi  aut  peti  pro  eorum  quibusvis  mercibus  liceat. 
Xam  libertatum  munitarum  securitatis,  tutele  tranquillitatisque 
gratia  presens  hoc  nostrum  Privilegium  sigillo  pendenti  aureo 
iis  predictis  liabitatoribus  oppidi  Croarum  concessimus  largitique 
sumus  niense  octobris,  indictionis  IL 

Andronicus  fidelis  in  Christo  Imperator  Paleologus. 

His  itaque  attentis  et  nostro  animo  repetitis  episcopo, 
clero  et  communitati  et  hominibus  Croarum  oppidi  antedicti 
tenore  presentis  nostri  j)rivilegii  concedimus  et  quam  liberaliter 
assentimus  volumusque  et  jubemus,  quod  ex  nunc  in  antea 
teneant,  habeant  et  assequantur  libere  et  sine  conti-adictione 
aliqua  omnia  et  singula  privilegia,  gratias,  libertates  et  inmuni- 
tates  et  exemjjtiones,  que  in  preinsertis  privilegiis  continentur, 
quas  et  unam  quamque  ipsarum  eisdem  ejMscopo.  clerc», 
comunitati  et  hominibus  dicti  oppidi  Croarum  confirmamus  et 
de  novo  utique  concedimus,  mandantes  propterea  quibuscumque 
in    partibus    Albanie    nostre    viceregibus,    gubernatoribus,    comi- 


151 


Siirii*  et  alüs  officialibus  nostris,  preseiitibus  et  futuris,  et  pre- 
sertiiii  prefeeto,  capitcino,  eastelluno  et  custodibns  dicti  oppidi 
Croarum  ipsas(?)  huiiismodi  uostram  coiifii*mati(niem,  novam 
eoneessionem  et  gratiam  ac  omnia  et  singnla  in  preinsertis 
privilegiis  contenta  episcopo,  clero,  comunitati  et  hominiljus 
oppidi  Croarum  antedieti  teneant  lirmiter  et  observeiit  tenerique 
et  observari  faciant  eumulatim,  et  in  diminutis  ncjn  contralaeiant 
ratione  aliqua  sive  causa.  In  qnoruni  testimonium  presen.s  Privi- 
legium exemptionis  fieri  jussimus  nostre,  bulla  am-ea  pendente 
munitnm.  Datum  in  Castello  Xovo  civitatis  nosti-e  Neapolis  die 
XVJIII  aprilis.  anno  a  nativitate  Domini  MCCCCLVII.  regni 
huius  Sicilie  citi'a  Farum  anno  vigesimo  tertio.  aliorum  verum 
i'eirnorum  nosti'orum  XXXXII. 

Rex  Alfoiisus.  Yo  he  leido  la  presente  e  plaze  ine,  que  asi  se  faza. 

Dominum  Rex  mandavit  mihi  Arnaldo  Fonolleda. 

(Archivio  geueral  de  la   Corona  de  Aragon,    Barcelona,    R.    2623, 

f.   11-— 11!»  v). 


152 


Die  Lage  und  Vergangenheit    der    Stadt   Diirazzo 

in  Albanien/ 

Van  Dr.  Konstantin,  Jireceh, 

Das  albanisclie  Küstenland  von  der  Mündung  des  Dr'n 
bei  der  alten  Stadt  Alessio  bis  in  die  Gegend  von  Yalona  ist 
eine  breite,  niedrige  Ebene,  mit  wenigen  trockenen  Stellen  c>der 
Anhöhen.  Im  Winter  soll  sich  das  ganze  Land  von  Skutari  bis 
Valona  in  einen  Sumpf  verwandeln,  Li  fräberen  Zeiten  waren 
die  Hafenplätze  und  Mittelpunkte  dieses  Landes  teils  die  Vor- 
gebirge, teils  die  Mündungen  der  großen  Flüsse.  Die  alten 
Hellenen  von  Korkyra  (Korfu)  haben  hier  zwei  Kolonien  gegrün- 
det, deren  Silbennünzen  beute  noch  im  granzen  Xorden  der 
Halbinsel,  sogar  auch  nördlich  von  der  Donau  gefunden  werden. 
Eine  dieser  Ansiedlungen  war  Durazzo,  welches  immer  eine 
wichtige  Seestadt  dieser  Gebiete  geblieben  ist.  Die  zweite  etwas 
jüngere  Kolonie,  weiter  gegen  Süden  gelegen,  war  Apollonia 
„am  Jonischeu  Golf",  erbaut  etwas  weiter  vom  Meeresufer  zwi- 
schen den  Mündungen  des  Semeni,  welcher  im  Altertum  Apsos. 
im  Mittelalter  Devol  hieß  (heute  ist  Devol  nur  der  Oberlauf), 
und  der  Vojussa,  des  alten  Aous.  Apollonia  war  emige  Jahr- 
hunderte hindm'ch  eine  große  und  reiche  Stadt,  ist  aber  später 
infolge    der  ungesmiden    Lage    zwischen    Flüssen    und    Sümpfen 

'  Diese  Abhandlung:,  ein  Teil  der  Vorlesungen  des  Verfassers  über 
die  Geographie  der  Balkanhalbinsel  iiu  Mittelalter  au  der  Univer>ität  zii 
Wien,  ist  serbisch  im  Glasnik  der  serbischen  geographischen  Gesell- 
schaft in  Belgrad  11,  2.  Heft  (If^HS),  S.  182-191  erschienen.  Die  Über- 
setzung wurde  vom  Verfasser  selbst  besorgt  und  mit  einigen  neuen 
Details  vermehrt  für  die  „Ungarische  Rundschau"   1914,  S.  387 — 399. 


153 


yerödet:  die  letzte  Erwühiiung  ist  aus  dem  VI.  Jalirliundert 
n.  Chr.,  aus  der  Zeit  des  Kaisers  Justinian.  Übrii^  geblieben 
ist  auf  einer  Anhöhe  das  griechische  Kloster  ,,  l^anagia  tis 
Apollonias"  mit  dem  von  Wlaclien  (Aromunen)  bewohnten  Dorf 
Pojani  (vgl,  Weigand.  Die  Ai-omunen  I,  84  und  l^atsch.  Das 
Sandschak  Berat  in  Albanien,  Wien,  1904,  in  den  Publikationen 
der  Balkankommission  der  Kaiserlichen  Akademie).  Der  Erbe 
von  Apollonia  Avurde  die  weiter  südlich  gelegene  Stadt  Aulon 
(aulon  griech.  Tal,  Graben,  Kanal),  erwähnt  schon  im  IL  Jahr- 
hmidei-t  n.  Chr.  bei  Ptolemaios,  das  heutige  Valona  mit  der 
Burg^  Kanina. 

Zehn  Kilometer  südlich  von  der  Mündung  des  Drin  befin- 
det sich  die  Mündung  des  Mat.  mit  einem  Bregmati  genannten 
Dorf.  Die  Ragusaner  erwarteten  1823,  daß  der  serbische  König 
Stephan  Uros  III.  (der  Stilter  des  Klosters  Decani)  nach  Dul- 
cigno  oder   „a  la  Mate"   kommen    werde    (Monumentu  liagusina 

1,  71').  Georg  und  sein  Bruder  Balsa  datieren  1375  einen  Brief 
an    die  Ragusaner  .,na  breg   Mati",    am    Ufer   des    Mat    (Pucic 

2,  27).  Von  diesen  Flüssen  Albaniens  wurde  Bauholz,  vor 
allem  Eichenholz,  aus  den  Küstenwäldern  ausgeführt,  von  denen 
es  heute  nur  kleine  Überi-este  gibt,  ferner  Seide.  Ol,  Fleisch 
und  Leder.  Fische,  besonders  Aale,  sowie  gesalzener  Fisch- 
roggen (bottarga).  zumeist  aber  Geti-eide.  Eingeführt  wurde  aus 
den  Ländern  jenseits  des  Meeres  Wein  aus  Dalmatien.  Tücher 
aus  Italien,  Waffen  und  Eisenwaren  aller  Art.  Zucker,  Pfeifer, 
Goldwaren,  Spiegel  usw. 

Weiter  südlich  mündet  ins  Meer  der  Ismi,  welcher  von 
der  Stadt  Tirana  kommt,  im  XIV.  und  XV.  Jahrhundert  bekannt 
als  Isamo.  Dyssamum.  mit  einem  kleinen  Marktplatz.  Avelcher 
zu  Anfang  des  XIV.  Jahrhunderts  auf  dem  Gebiet  des  Königs 
Stephan  Uros  II.  Milutin  gelegen  war.  An  der  ^Nlündimg  Avurden 
damals  auch  Schiffe  gebaut. 

Nach  dieser  Flußmündmig  folgt  das  Vorgebirge  Kodoni 
(121  Meter),  das  AVesteude  einer  200—300  Meter  hohen  Hügel- 
kette. Im  Mittelalter  hiel.»  Rodoni  die  ganze  Landschaft  um  das 
Voi-gebirge    herum,  zwischen  den  Flüssen  Ismi  imd  Arzen.  Auf 


l.jl 


dem  Kap  selbst  <^ab  es  kleine  Kirchen  und  Klöster,  Schon  1-524 
wird  im  Gebiet  der  Familie  Topia  ..Sancta  Anastasia  uUi 
Rodoni"  genaimt,  noch  im  XVII.  Jahrhundert  bekannt.  Daneben 
lag  das  Kloster  „Sancta  Maria  de  Kodono",  mit  einem  katho- 
lischen Abt,  Avie  es  scheint  des  Dominikanerordens;  die  Kirche 
war  schön  und  reich  eingerichtet,  mit  einem  Garten.  Auf  der 
Südseite  des  Vorgebirges  befand  sich  eine  Kirche  des  heiligen 
Peter.  Skanderbeg  (Georg  Kastriot)  erbaute  auf  dem  Kap  eine  Burg, 
deren  Ruinen  noch  sichtbar  sind.  Die  Ragusaner  gaben  ihm 
1455  den  Rat  das  „opx)idum  ad  Redonos'"  nicht  zu  bauen,  aber 
er  korrespondierte  noch  1467  mit  den  Venezianern  über  die 
„instauratio  loci  Ehodonorum"  (Ljubic,  Listine  10.  399).  Jetzt 
steht  auf  der  Nordseite  des  Franziskanerkloster  des  heiligen 
Antonius,  albanisch  Snanoj  genannt,  nach  dem  Erdbeben  des  Jahres 
1852  neu  erbaut;  die  alte  Kirche  daneben  ist  eine  Ruine  im 
rcmianischen  Stil,  mit  Fresken  und  griechischen  Inschriften 
(beschrieben  von  Ippen  im  Glasnik  des  bosnischen  Landes- 
museums 1901,  577).  Auf  dem  Vorgebirge  steht  gegenwärtig 
ein  Leuchtturm.  Im  XIV — XVI.  Jahrhundert  standen  die  „Redo- 
nesi"  im  üblen  Ruf,  weil  sie  in  ihren  leichten  Booten  gern  in 
der  Nacht  kleine  Handelsschiife  überfielen,  Avelche  hier  vorüber- 
segelten. 

In  der  fruchtbaren,  fünf  Stunden  langen  Ebene  Sjak  zwi- 
schen den  Vorijebircren  Rodoni  und  Pali  befindet  sich  die  Mün- 
dunof  des  großen  Flusses  Arzen,  des  Charzanes  der  Anna 
Koimiena,  in  den  (Quellen  des  XVI  —XVII.  Jahrhunderts  Argenta, 
Arzenta  genannt. 

Das  Territorium  der  Stadt  Durazzo  ist  ein  Höhenzug,  von 
Nord  nach  Süd  an  10  Kilometer  lang,  dessen  Gipfel  sich  bis 
184  Meter  über  den  Meeresspiegel  erheben.  Diese  Hügelkette  war 
ursprünglich  ohne  Zweifel  eine  Insel  des  Meeres,  noch  im  Alter- 
tum eine  Halbinsel.  Jetzt  ist  sie  vom  Festland  getrennt  durch  eine 
große  Lagune,  einen  sumpfigen  Salzsee,  der  im  Norden  und 
Süden  gegen  das  Meer  durch  Sauddünen  abgeschlossen  ist.  Das 
Nordende  dieser  alten  Insel  bildet  das  Vorgebirge  Pali  (39  Meter 
hoch),  schon  bei  Anna  Komnena  im  XII.  Jahrhundert  als  -Palia 


155 


oder  Palus  erwiihnt  (IfnlfJa,  lln/.ovc),  in  den  ragusunischen 
Denkmälern  des  XI\'.  Jahrhunderts  als  „purtus  Pali",  „ad 
•Palos".  Am  Südende  liegt  am  Meer  die  Stadt  Dnra/.zo,  Epi- 
damnos  und  Dyrrliacliion  •  der  alten  Hellenen,  Dyrrliachium  der 
Römer,  im  Mittelalter  lateinisch  Duraehiura,  Duracium ;  albanisch 
■lautet  der  Name  Dürres  (der  Einwohner  Durresäk),  italienisch 
'Durazzo,  in  altfranzösischen  Denkmälern  Duras.  Der  Umfang 
der  Stadt  hat  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  oft  geändert : 
ebenso  hat  auch  die  Linie  der  Meeresküste  durch  die  großen 
Erdbeben  ohne  Zweifel  starke  Veränderungen  erlitten,  durch 
Senkungen  des  Bodens. 

Die  Altertümer  theser  Landschaft  haben  eingehend  unter- 
sucht die  Franzosen  in  der  Zeit  Napoleons  III.,  welche  sich 
auf  Wunsch  des  Kaisers  mit  der  Geschichte  des  Julius  Caesar 
beschäftigten,  besonders  Leon  Heuzey.  Es  gibt  darüber  zwei 
Werke :  Mission  archeologique  des  Macedoine  par  Heuzey  et 
Daumet,  Paris,  1876  (mit  Plan  und  Bild  von  Durazzo) :  Leon 
Heuzey,  Les  Operations  militaires  de  Jules  (  esar,  etudiees  sur 
le  terrain  par  la  mission  de  Macedoine,  ouvi-age  accompagne 
des  cartes  et  des  vues  d'apres  nature,  Paris,  1886  (mit  Um- 
gebuugskarte  und  Ansicht  der  Stadt). 

Durazzo  haben  Hellenen  des  dorischen  Stammes  von  der 
Insel  Korkyra,  dem  heutigen  Korfu,  um  625  v.  Chr.  gegründet 
an  der  Küste,  wo  damals  der  illyrische  Stamm  der  Taulantier 
wohnte.  Die  Kolonie  hieß  Epidamnos.  Herrschend  war  in  der 
Gemeinde  eine  kaufmännische  Aristokratie,  mit  alljährlich  neu 
gewählten  Beamten;  stärker  an  Zahl  war  das  Volk,  der  „Demos", 
welcher  später  den  städtischen  Adel  wegen  seiner  politischen 
Beeilte  eifrig  bekämpfte.  Die  Stadt  hatte  eine  „Akropolis",  eine 
Bm-g  auf  der  Anhöhe  (98  Meter  IkjcIi)  westlich  vom  heutigen 
Dm-azzo.  Im  Innern  der  Stadt  gab  es,  wie  Polybios  berichtet, 
starke  Quellen  guten  TrinkAvassers ;  zu  ihnen  gehörte  vielleicht 
die  heutige  Fontana  Civrile  im  Westen  außerhalb  der  jetzigen 
Stadt.  Thukydides  sagt,  die  große  und  wohlliewohnte  Stadt  sei 
auf  einem  Isthmus  erbaut :  Strabo.  ein  Zeitgenosse  des  Kaisers 
Augustus,  schreibt,  sie  liege    auf   einer    Halbinsel  (■/fonmnjCin^). 


156 


Die  Kiiiiipl'»'  /-wischen  dem  Süidtadel  uml  dr-m  N'olk  waren  eine 
der  Ursachen  des  großen  ..Peloponnesisohen  Krieges"  (431 — 4U-1: 
T.  Chr.),  als  die  damaligen  großen  Parteien  in  Hellas  diese 
lokalen  Faiieien  zu  unterstützen  begannen.  Der  alte  Name  Epi- 
damnos  begann  zu  schwinden  und  man  nannte  die  Stadt  mehr 
Dyrrhaehion.  Heuzey  meint.  Epidamnos  sei  m'spränglieh  die 
Akropolis  auf  der  Höhe  gewesen,  DyiThaohion  die  untere -Handels- 
stiidt  im  Hafen.  Das  beste  Zeugnis  über  den  großen  Handel 
und  die  Blüte  der  Gemeinde  in  dieser  Zeit  geben  die  8ilber- 
münzen  der  Stadt,  welche  in  Albanien,  Dalmatien,  Bosnien, 
Serbien  und  Bulgarien,  ja  sogar  auch  in  Kroatien.  Ungarn  und 
Siebenbürgen  gefunden  Averden.  Im  IH.  Jahrhundert  v.  Chr. 
beunruliigten  diese  hellenische  Kolonie  die  Illyrier  der  K()niein 
Teubi,  aus  dem  illyrischen  Königreich,  welches  seine  Mittel- 
punkte in  Skutari,  Risano  und  Medun  hatte.  Einmal  kamen  die 
Illyrier.  wie  Polybios  erzählt,  mit  ihren  Schiften  in  den  Hafen, 
imter  dem  Vorvvand,  ^^'asser  und  Lebensmittel  zu  holen,  und 
gingen    aufs    Land    mit    Krügen,    in    denen    sie    ihre    Schwerter 


verborgen  hatten :  unversehens  hieben  sie  die  Wächter  des 
Stadttores  nieder  und  besetzten  die  Mauern,  wurden  aber  von 
den  tapferen  Dyrrhachinern  wieder  vertrieben.  Seit  229  v.  Chr. 
sfcmd  die  Stadt  unter  dem  Schutz  von  Kom  und  hielj  nur  noch 
DyiThachium :  der  Name  Epidamnus  erinnerte  die  Römer  gar 
zu  sehr  an  ..damnum",  Schaden  oder  Verlust.  Von  hier  aus 
führte  die  ,,via  Egnatia".  eine  große  römische  Heersti'aße,  nach 
Salonik  und  in  den  fernen  Osten.  Der  Dichter  Lucanus  sagt, 
ein  unbedeutender  Hügel  sei  Ursache,  warum  die  Stadt  nicht 
eine  Insel  sei  (exiguo  debet,  quod  non  est  insula.  colli):  l>ei 
Stm-m  springe  das  Meer  auf  die  Häuser  und  Tempel  der  Stadt 
und  Meeresschaum  liedecke  die  Dächer.  Ein  zweiter  Dichter, 
Catullus.  nennt  die  Stadt  die  „Schenke  des  Adriatischen  Meeres" 
(Durrachium  Adriae  taberna);  l)ei  der  großen  Anzahl  der  Reisen- 
den hat  man  die  Venus  hier  viel  verehrt. 

Dyrrhachiinu  wurde  berühmt  im  Kriege  zwischen  Caesar 
und  Pompeius  im  Jahre  48  v.  Chr.  Pompeius  Avar  im  Besitz 
der  Stadt.    Caesar  )>ela(jerte  ihn.  mußte  aber  abziehen,  wodurch 


157 


der  Kriegsschauplatz  nach  Thessalien  ül)ertragen  wurde  HJaesar. 
de  hello  civili  III.  caii.  -^2 — 71).  Nach  lieendiu-imi;  der  Bürüfer- 
kriege  siedelt*^  der  erste  Kaiser  Augustus  eine  römische  Kolonie 
iu  Dyrrhachium  an.  Seit  dieser  Zeit  heginnen  die  lateinischen 
luschi-itten  des  Ortes,  die  }»is  /um  \1.  Jahrhundert  n.  (_'hr. 
reichen.  Uher  die  Größe  des  alten  Dyrrhachium  gehen  das 
klarste  Zeugnis  die  Keste  der  Stadtmauern,  welche  drei  Linien 
liilden.  Die  älteste  Mauer  lag  weit  im  Xorden.  Die  zweite  mittel- 
alterliche Mauer  ist  heute  ]>ezeichnet  durch  den  Turm  des  epi- 
rotischen  Despoten  Theodor  aus  dem  A'III.  Jahrhundert.  Die 
dritt«  Mauer  aus  der  neapolitanischen  und  venezianischen  Zeit, 
später  nochmals  von  den  Türken  verkürzt,  lunschließt  die  heu- 
tige kleine  Stadt,  die  niu-  600  Meter  lang  und  250  Meter  breit 
ist.  In  der  römischen  Zeit  besalj  Dyrrhachium  eine  große  Wasser- 
leitimg, gegründet  vom  Kaiser  Hadrian  und  erneuert  vom  Kaiser 
Alexander  Severus:  ^'ihius  Seijuester  schreibt,  das  Wasser  sei 
v(.»m  Flusse  Ululeus  hergeleitet  Avorden.  den  Heuzey  für  den 
heutigen  Arzen  hält.  Im  I.  bis  III.  Jahrhundert  n.  Chr. 
gehört«  Dyrrhachium  zm-  Provinz  Macedonia.  deren  Hauptstiidt 
Thessalonich  war.  Nach  der  Provinzeinteiluug  des  Kaisers 
Diocletian  wurde  Dyrrhachium  die  Hauptstadt  der  neuen  Küsten- 
provinz Epirus  nova.  zu  welcher  im  Binnenlande  auch  Lych- 
nidus  (Ochrid)  gehörte.  Frühzeitig  fand  das  ('lii-istentum  Ein- 
gang; es  werden  auch  Bischöfe  der  Stadt  envähnt.  voran 
der  heilige  Astius,  ein  Märtyrer  der  Zeit  Kaixser  Trajans. 
Eine  große  Katiistrophe  war  das  Erdbeben  im  Jahi-e  345 
n.  Chr.,  welches  auch  in  Rom  und  in  Kampanien  bei 
Neapel  stark  empfunden  wm-de.  Eine  gleichzeitige  Beschi-eibung 
des  Römischen  Reiches  behauptet.  Dvrrhacliium  sei  von  Gott 
Avegen  der  Schlechtigkeit  der  Emwohner  bestralt.  zerstört  und 
in  die  Tiefe  versenkt  worden  (in  profimdum,  deo  irascente,  sub- 
mersa  non  compamit,  Geographi  graeci  minores  IL  p.  513). 

Nach  der  Teilung  des  römischen  Kaisertums  in  das  west- 
römische und  oströmische  Reich  l)ekam  Durazzo  die  Stürme 
der  Völkerwanderungen  zu  verkosten.  Unter  Kaiser  Zeno  gefiel 
die     hiesige    Landschaft     sehr     den     Ustgoten.      deren     König 


158 


Thecxlorich  478  Dnrazzo  besetzte,  aber  nur  für  eine  kurze  Zeit. 
Die  Ostüoten  zoy;en  bald  nach  Italien  al).  In  diesen  Jahren 
wurde  ein  Dyrrhachiner  Kaiser  in  Konstantinopel.  Es  war 
Anastasius  1.  (491 — 518).  der  Nachfolger  des  Kaisei-s  Zen<t. 
Nach  Berichten,  welche  Suidas  in  seinem  Wöi-terbuch  erhalten 
hat,  ließ  er  in  seiner  Heimat  viele  Bauten  ausführen,  besonders 
ein  Hippodrom,  und  überdies  seine  Geburtsstadt  durch  eine  drei- 
fache Mauer  befestigen.  Vielleicht  stammt  aus  dieser  Zeit  eine 
Mauer  7  Kilometer  nördlich  von  Dnrazzo  auf  dem  Wege  zum  Kap 
Pali,  1  Meter  stark,  aus  schönen  byzantinischen  Ziegeln  ei-baut, 
mit  einem  Tor,  bekannt  als  Porta.  Diese  Quermauer  hatte  ohne 
Zweifel  das  kultivierte  und  bewohnte  Stadtgebiet  zu  schützen. 
Unter  dem  Nachfolger  des  Anastasius,  unter  Justinus  I.,  litt 
Dyrrhachium  abermals  durch  ein  Erdbeben,  ebenso  wie  Korinth, 
und  der  Kaiser  mußte  die  Stadt  mit  großen  Kosten  erneuern. 
Diese  Bauten  setzte  dann  der  berühmte  Kaiser  Justinian  I.  fort. 
Im  VII — XII.  Jahrhundert  war  Durazzo  die  Hauptfestung 
der  Byzantiner  am  Adriatischen  Meere,  denn  es  lag  auf  dem 
Wege  nach  Italien.  Die  Bevölkerung  der  Provinz  oder  des 
„Thema"  von  „Dyrrhachion''  hatte  sich  nicht  wenig  verändert 
durch  die  Ausbreitung  der  Slawen  auf  der  Halbinsel:  aber  die 
Majorität  war  in  diesen  Landschaften  stets  albanisch  (illyi-isch), 
mit  gi-iechischen  Städten  im  Süden,  romanischen  im  Norden, 
wo  Skutari,  Dulcigno  und  Antivari  noch  auf  dem  Boden  dieses 
Thema  lagen.  Die  Lagune  östlich  von  der  Stadt  hieß  im  XV. 
Jahrhundert  Balta,  ebenso  wie  der  See  von  Skutari  und  die 
kleinen  Seen  bei  Dulcigno.  Die  Stadt  Dyrrhachion  war  in  der 
byzantinischen  Periode  viel  kleiner  als  in  der  Römerzeit.  Das 
offene  Feld  nördlich  von  der  damaligen  Stadtmauer  war  voll 
Reste  alter  Häuser;  in  diesen  Ruinen  befand  sich  nach  den 
Berichten  der  Anna  Komnena  und  des  Wilhelm  von  Apulien 
in  Hütten  das  Lager  der  Normannen,  als  sie  1081  Dyrrhachion 
belagerten.  Anna  Komnena  unterscheidet  eine  Akropolis  und 
eine  Unterstadt.  Die  Stadtmauern  Avaren  so  breit,  daß  oben  auf 
ihnen  vier  Reiter  nebeneinander  reiten  konnten.  Auf  der  Mauer 
standen    viereckige    Türme,    11    Fuß    hoch.    Auf   einem    Hügel 


159 


befand  sieh  in  der  ]\lauer  selljst  das  „Praitorion"  (praetüiiuni), 
der  Sitx  des  by/^antinisclien  Statthalters  oder  Dux :  nach  Heuzey 
war  es  das  heute  sichtbare  Gemäuer  bei  dem  Dorfe  Stani 
nördlich  von  Durazzo,  oberhalb  des  sogenannten  Exobazari,  des 
„äußeren  Basars".  Über  dem  nördlichen  Haujjttor  stand  eine  alte 
eherne  Keiterstatue ;  erwähnt  wird  sie  bei  Anna  Konmena  und 
gesehen  hat  sie  noch  1486  der  italienische  ßeisende  Cyriacus 
von  Ancona.  Dem  griechischen  Metropoliten  in  Dyrrhachion 
waren  in  der  älteren  Zeit,  wie  es  scheint  im  VIJI — X.  Jahr- 
hundert, 15  Bischöfe  untergeoidnet,  von  Antivari  imd  8kutari 
bis  Valona,  aber  seit  dem  XL  Jahrhundert  waren  davon  nur 
4  geblieben,  denn  der  Norden  hatte  sich  wieder  der  römischen 
Kirche  angeschlossen.  In  der  Stadt  wohnten  nach  Anna  viele 
italienische  Kaufleute,  besonders  Vene/ianer  und  Amalfitaner; 
in  päpstlichen  Urkunden  wird  noch  18ö2  der  Archidiakon  der 
Marienkirche   „Maltitanorum"   in  Durazzo  erwähnt. 

Auf  die  historischen  Schicksale  der  Stadt  hatte  Eintiiil.) 
im  IX.  Jahrhundert  die  Ansiedlung  der  Araber  an  der  italieni- 
schen Küste  in  Bari  und  Tarent,  I)is  sie  von  den  Griechen  nach 
einem  dreißigjährigen  Kampfe  wieder  vertrieben  wurden.  Später 
wai*  hier  der  Schauplatz  der  Kriege  zwischen  dem  Kaisertum 
von  Konstantinopel  und  den  Zaren  von  Ochrid.  Zar  Samuel, 
welcher  Schwiegersohn  des  hiesigen  Bürgermeisters  oder  „Pro- 
teuon"  Johannes  Chryselios  geworden  war,  besetzte  Durazzo 
(nach  989)  und  ernannte  zu  seinem  Statthalter  den  Armenier 
Asot,  den  Gatten  seiner  Tochter  (aus  einer  früheren  Ehe)  Miro- 
slava. Diese  Details,  über  Agathe,  Samuels  Frau  und  Tochter 
des  Chry.selios,  und  über  Miroslava,  die  Tochter  dieses  Zaren, 
hat  man  aus  einer  Handschnft  der  Chronik  des  Johannes  Sky- 
litzes  erfahren,  welche  Dr.  B.  Proldc  zuerst  genau  beschrieben 
hat.  Aber  die  Byzantiner  gewannen  den  Chryselios  und  Asot 
wieder  für  sich  und  besetzten  mit  ihrer  Flotte  Durazzo  (nach 
der  Chronik  des  Lupus  Protospatharius  1005).  Endlich  fiel  der 
letzte  Zar  von  Ochrid  Johannes  Wladislaw  1017  bei  der  Belage- 
rung von  Durazzo,  im  Kam])fe  mit  dem  byzantinischen  Statt- 
halter Xiketas  Pegonites. 


160 


Als  das  grie<:hische  Kaisei-tmn  wieder  zu  verfallen  )>egaiin, 
lial^n  sicli  in  Durazzo  öfters  Feldlierren  oder  Statthalter  zu 
Kaisern  jiroklaniiert.  inn  von  liier  den  Marsch  gegen  Konstanti- 
nopel anzutreten:  der  berühmte  Feldherr  Maniakes  1043,  Xike- 
phoros  Jirvennios  1077,  der  Paphlagonier  Basilakios.  Später 
kämpften  bei  Durazzo  die  Normannen  als  neue  Herren  Unter- 
italiens mit  den  Byzantinern  und  deren  Verbündeten,  den  Vene- 
zianern. Der  Herzog  Kol^eii;  Guiskard  erschien  1081  vor  Durazzo, 
hol>  die  Belagerung  auch  nicht  auf,  als  der  venezianische  Doge 
Domenico  Silvio  die  normannische  Flotte  bei  dem  Kap  Pali 
besiegte,  und  erfocht  in  der  Ebene  östlich  von  der  Stadt  bald 
einen  Sieg  über  das  heranrückende  Entsatzheer,  unter  der  per- 
sönlichen Führung  des  Kaisers  Alexios  Komnenos  (18.  Oktol^er 
1081).  Der  Albanier  Komiskoi-tis  und  die  Venezianer  vei"tei- 
digten  dann  die  Mauern,  bis  die  Stadt  durch  den  Verrat  eines 
venezianischen  Adeligen  fiel  (14.  Februar  1082).  Aber  nach 
Roberts  Tod  wurden  die  Byzantiner  wieder  Herren  von  Dm'azzo. 
Die  hiesigen  Statthalter  waren  dann  meist  Verwandte  des  Kai- 
sers Alexios :  Johannes  Dukas,  .Johannes  Komnenos,  die  mit  den 
Serljen,  dem  König  Bodin  und  dem  Großzupau  Vlkan  kämpften, 
zuletzt  ein  Alexios,  Neffe  des  Kaisers.  Dieser  Alexios  hat  Durazzo 
(1107—1108)  im  zweiten  Xormannenki-ieg  mit  Erfolg  gegen 
die  Angriffe  Boemmids,  des  Sohnes  Roberts,  verteidigt,  der  die 
Mauern  mit  Kriegsmaschinen,  bew^eglichen  Tüi-men  und  unter- 
irdischen Gängen  zu  nehmen  suchte. 

Als  die  Kreuzfahi'er  und  Venezianer  Konstantinopel  ero- 
Ixirten  (1204),  kam  Durazzo  nach  einer  kurzen  Belagerung  in 
den  Besitz  Venedigs  (1205),  doch  diesmal  nur  auf  km*ze  Zeit. 
Später  herrschten  hier  die  griechischen  Despoten  von  Epirus, 
welche  ihre  Residenzen  in  Ai-ta  und  Janina  hatten.  Auf  einem 
viereckigen  Tiu-m  außerhalb  der  jetzigen  Stadt  liest  man  noch 
eine  stolze  Inschrift  in  griechischen  Versen  vom  Jahi-e  122.5, 
mit  gToßem  Lob  des  Despoten  Theodoros  Dukas  Komnenos, 
der  später  Kaiser  und  Schwiegervater  des  serbischen  Königs 
Stephan  Radoslaw  wurde  (Faksimile  bei  Hahn,  Alban.  Studien 
].    118,   122).    Die    damaligen  Bürger    von    Durazzo   kennen  wir 


161 


aus  einigen  lateinischen  luid  griechischen  Urkunden.  Ihre  Namen 
sind  meist  gTieehisch.  wem'ger  hiteinisch,  wie  Kyr  Pascalis  Sarippi, 
Martin  Basabaha,  Xieolaus  Gadelet<».  David  Lakkiotes,  Georgios 
Paganos  Akturios  (Notar  125t::!),  Demetrios  Kavasilas,  Theodoros 
Rhigopiüos  nsw. :  es  gibt  auch  einige  slawische,  wie  1243  Kir 
Cumano  de  Succotemo  (suhi  trn,  trockener  Dorn)  und  die  Familie 
Vrana  (siehe  Miklosich  et  Älttller,  Acta  gTaeca  •"),  239  und  die 
ragnsanischen  Urkunden  bei  Smiciklas,  Codex  dijjl.,  besonders 
al)er  die  Acta  et  dijilomata  res  Albaniae  mechae  aetatis  illii- 
strantia  von  L.  v.  Thalloczy,  Konstantin  Jirecek  uiid  Dr.  Emil 
T.  .Safflay,  Bd.  1,  Wien,  1913,  S.  42  if.). 

Der  Despot  jMichael  IT.  suchte  gegen  die  Griechen  von 
Nikaia,  welche  ilu*e  Macht  auf  der  Halbinsel  energisch  verbrei- 
teten, Hilfe  bei  den  Franken.  König  Manfred  von  Neapel,  der 
letzte  der  Stauten,  heiratete  Michaels  Tochter  Helena  und  erhielt 
als  Mitgift  Durazzo.  Valona  und  Berat  (12")8).  Als  Manft-ed  im 
Kampfe  gegen  Karl  I.  von  Anjou,  den  Bruder  des  französi- 
schen Königs  Ludwigs  IX.  des  Heiligen  (126(i)  den  Tod  fand, 
]3esetzten  die  Epiroten  Durazzo  wieder  für  sich,  aber  schon  1272 
mul.)te  sich  die  Stadt  dem  König  Karl  ergeben,  der  die  Insel 
Korfu  und  die  Städte  Kroja,  Berat  und  Valona  besetzt  hatte. 
Karl  schi'ieb  sich  dann  auch  König  von  Albanien,  HeiT  des 
..regnum  Albaniae".  Sein  Generalkajjitän  residierte  in  Durazzo, 
wi>  (he  Franzosen  auch  einen  katholischen  Erzbischof  eingesetzt 
hatten.  Gleich  anfangs  litt  Durazzo  sehr  stark  dmx-h  ein  Erd- 
beben im  März  1273,  worüber  es  Berichte  in  den  neapolitani- 
schen Urkunden  und  bei  dem  griechischen  Historiker  Pachy- 
meres  gibt.  Schon  einige  Tage  zuvor  hörte  man  in  der  Nacht 
eine  Art  Donnergetöse.  Der  Erdstoß  erfolgte  zur  Nachtzeit.  Die 
Häuser  in  den  engen  Gassen  stürzten  ein  und  verschütteten  die. 
Bürger:  zugleich  ti-at  auch  das  Meer  aus  seinen  Ufern.  Nur  die 
Akropolis  blieb  unversehrt.  Viele  Bürger  flohen  in  die  Berge 
und  nach  Berat.  Am  ersten  Tage  sammelten  sich  Albaner  aus 
der  Umgebung,  gTu])en  viele  verschüttete  Unglückliche  aus,  plün- 
derten aber  auch,  wo  sie  nur  konnten.  Bald  erschien  der  General- 
kapitän Anselm    de    (.'hau    mit    starken  Truppen,    erneuerte    die 

11 


162 


Stadt  und  bevölkerte  sie  wieder.  Einige  Flüchtlinge  wagten  e,s 
erst  1284  in  die  Stadt  znrückziikelu'en.  Xacli  den  neapolitani- 
schen Urkunden,  die  Hopf  in  seiner  Geschichte  Griechenlands 
zitiert,  baute  man  dann  alle  Jalu-e  bis  1284;  Mauern  und  Türme: 
wie  die  „turris  magisti-a'\  der  Turm  mit  der  Zisterne  imd  der 
Turm  mit  der  Kapelle,  wurden  erhöht,  die  Tore  mit  Eisen  be- 
schlagen. Die  Stadtgemeinde  (imiversitas  civium  terre  Durachii) 
erhielt  ^\^ederholt  königliche  Privilegien.  Xeben  dem  Kapitän 
stand  ein  Kastellan,  Befehlshaber  der  Söldnei-truppen,  unter 
denen  es  auch  Araljer  (Sarazenen)  aas  Unteritalien  gab.  Die 
Stadtbeamten  hatten  griechische  Namen:  Kasti-oi)hvlax,  Pro- 
kathemenos  (Präsident),  Protonthinus,  Thesaurarius,  neben  den 
Richtern  (judices).  Die  Personennamen  in  den  Urkunden  zeigen, 
daß  es  unter  den  Bürgern  Griechen,  Italiener,  Albaner  und 
einige  Slawen  gab,  z.  B.  Basilius  Bonaeose,  Conradus  Istrigo, 
Peti'us  Romano  (judex  1302),  Dimitrius  de  Berge  (judex  1338), 
Sgorus  Prone,  Nicheta  Mataran,  Angelus  quondam  coniiti  Angeli» 
frater  Demetrius  Bochachii  (Dominikaner  1374),  Alexius  de 
Ricardo  Mayaj,  Bladius  Bassarada  miles  (1379),  Theodorus  Yla- 
rion,  Johannes  Formica,  Proculus  Sachat  (1388)  und  Andreas 
Sachat  (1397),  der  Priester  Andreas  Scamandra,  Zacharias  quon- 
dam Zacharie  Schura  (1405);  slawische  Namen  sind:  Johannes 
Slugubica  1344,  Andreas  de  Miroslavo  1355  u.  a.  Erwähnt 
wird  auch  eine  jüdische  Kolonie.  Hauptgegenstand  der  Ausfuhr 
war  das  Salz  von  Durazzo  in  drei  Arten,  weiß,  schwarz  und 
braun ;  man  exportierte  es  bis  zur  Bojana  und  Narenta.  Im 
Handel  machte  Valona  den  Bewohnern  von  Durazzo  eine  starke 
Konkurrenz.  Es  gab  hier  auch  Steinmetze  imd  Baumeister.  Magister 
Andi'eas  Alexi  de  Durachio  hat  1448  — 1477  Kirchen  und  Altäre 
in  Arbe,  Trau  (die  Taufkapelle  des  Doms)  und  Spalato  gebaut : 
die  Nachrichten  über  ihn  hat  Kukuljevic  in  seinem  Lexikon 
der  südslawischen  Künstler  gesammelt.  Daneben  A\'ui-de  über  die 
Piraterie  der  Dvi'rhachiner,  besonders  in  der  Umgebunj^  des 
Vorgebirges  Pali,  öfters  Klage  geführt. 

Die  Anjous    von    Neapel    begannen    bald    in    Albanien    au 
Boden    zu    verlieren.    Kroja,    Berat    und  Valona  wurde  von    den 


163 


Feldherrn  des  Kaisers  von  Kunstantiuopel  erobert,  die  eiuuiul 
auch  Durazzo  selbst  besetzten.  A])er  sch(jn  129»)  nahm  es  ihnen 
der  ser])ische  König  Stephan  Uro«  I].  Miltitin  we^'  (Stsuine  30, 
340).  Bald  darauf  linden  wir  in  der  Stadt  abermals  neapolitani- 
sche Statthalter.  Das  Territorium  von  Durazzo  war  klein.  Mit 
den  albanischen  Edelleuten  aus  den  Familien  Topia,  Musachi, 
Sgura,  Matarango  u.  a.  hatten  die  neapolitanischen  Kapitäne  oft 
Schwierigkeiten.  Die  Anjous  überließen  diese  Länder  bald  einer 
vSekundogenitur  ihrer.  Dynastie,  von  welcher  viele  den  Titel  eines 
Herzogs  von  Durazzo  (dux  Durachii)  fühi'ten  und  sich  in  der 
Stadt  durch  einen  Kapitän  vei'ti'eten  liel.^en.  Der  Lomes  Tanu- 
sius  Topia,  Herr  des  Landes  zwischen  den  Flüssen  Mat  und 
Skumbi,  war  1329 — 1338  der  mächtigste  Dynast  in  der  Nachbar- 
schaft. Als  der  serbische  Zar  Stephan  Dusan  nach  1343  Ki-qja, 
Berat,  Valona  und  die  ganze  Umgebung  besetzte  und  als  die 
Anjous  in  Neapel  untereinander  kämpften,  wollte  sich  Durazzo 
1350  den  Venezianern  unterwerfen,  aber  die  Republik  nahm 
dieses  Anerbieten  damals  nicht  an.  Später  besetzte  Durazzo  13G8 
der  albanische  Fürst  Karl  Topia,  verlor  es  aber  noch  einige 
Male,  als  1372  Ludwig,  der  Herzog  von  Durazzo,  persönlich 
hierher  kam  und  als  1379  Robert  d'Ai'tois,  Gemahl  der  Herzogin 
Johanna  von  Durazzo,  die  Stadt  mit  spanischen  Söldnern  aus 
Navarra  Ijesetzte.'  Mit  Tojjia  kämpfte  auch  der  serbische  Dynast 
Balsa  Balsic,  damals  Herr  von  Valona  und  Berat,  der  sich  1385 
in  einer  Urkunde  „von  Gottes  Gnaden  Herzog  von  Durazzo" 
(duka  dracki)  schrieb.  Aber  schon  erschienen  in  der  Umgebung 
die  Reiterscharen  der  Türken.  Karl  Topia  bot  aus  Furcht  vor 
den  Türken  1386  Durazzo  wieder  den  Venezianern  an.  Sein 
schAverkranker    Sohn    und   Nachfolger  Georg  Topia,    Gatte  einer 

'  Zur  Liuie  von  Durazzo  geliörte  auch  Karl,  unter  König  Ludwig  I. 
1369—1370  Dux  von  Kroatien,  seit  1381  mit  Ludwigs  Unterstützung 
König  von  Neapel,  endlich  bis  zu  seinem  tragischen  Ende  König  von 
Ungarn  (1385—1386),  der  letzte  aus  dem  Hause  Anjou.  Ludwig  L  nahm 
damals  die  Oberhoheit  über  Durazzo  für  sich  in  Ansj^iruch.  Vgl.  Dr. 
M.  V.  Suttlay,  Ung.-alban.  Beziehungen  im  Mittelalter,  „Pester  Lloyd", 
2!t.  Januar  1013. 

11* 


161 


Schwester  des  serbischen  Fürsten  Vuk  Brunkovic,  nahm  ym  seinem 
Schutz,  venezianische  Iruppen  in  einen  Turm  auf  und  ül>erliel'' 
die  Stadt  noch  vor  seinem  Tode  ganz  der  liepuUik  des  heili- 
gen Markus  (August  1392). 

Die  Venezianer  besaßen  Durazzo  lOS  Jahre,  von  1392  bis 
1501.  Sie  liestätigten  die  alten  Stadtprivilegien  und  zahlten 
Pensionen  an  die  albanischen  Edelleute,  Avelche  fortan  mehr 
in  der  Stadt,  als  in  der  Umgeljung  zu  wohnen  begannen.  Nel>en 
großen  Herren  gab  es  unter  diesem  Adel  auch  Arme,  die  allen 
ihren  Besitz  verloren  hatten.  Der  venezianische  Statthalter  hieß 
„baiulus  et  capitaneus"  und  wurde  stets  nach  zwei  Jahren  von 
seinem  Nachfolger  abgelöst.  Der  Hauptwimsch  der  Einwohner 
war,  die  Venezianer  mögen  Durazzo  in  eine  Insel  verwandeln 
(quod  terra  ponatur  in  insula,  Ljubic  4,  291),  durch  Gräben 
(fossae)  und  Kanäle  (cavae).  Mau  arbeitete  daran  noch  145."'>. 
Am  nördlichen  und  südlichen  Ende  der  Lagune  wurde  gegraben. 


um  die  „Balta"  mit  dem  Meere  so  zu  vereinigen,  daß  das  Meer- 
wasser bei  der  Flut  in  die  Lagune  hinein-  und  bei  der  Ebbe 
wieder  hinausfließen  könnte:  „fiant  tales  cavationes  de  marina 
ad  Baltam,  quod  crescentibus  aquis  maritimis  intrent  dictam 
Baltam  et  descendentibus  exeant  ad  mare,  tam  a  parte  superiori. 
quam  inferiori  dicte  Balte"  (Ljubic,  Listine  10,  50,  81).  Die 
Irrabungen  leitete  ein  venezianischer  „ingeniarius".  Die  Arbeiter 
(operarii)  sammelte  man  in  Diu'azzo,  Skutari,  Drivasto,  Alessio 
und  in  anderen  Orten.  Andere  sendeten  die  albanischen  Fürsten, 
Skanderbeg.  Arianit,  Topia ;  Topia  allein  versprach  5000  Mann 
zu  diesem  Unternehmen.  Man  hoffte  dadurch  auch  die  Luft  ver- 
l^essern  zu  können  (resanatio  aeris).  Heute  noch  erzählen  die 
Sagen  der  Einwohner,  daß  damals  Galeeren  in  die  Lagune 
liineinsegeln  konnten,  wie  denn  auch  die  Spuren  der  alten  Ein- 
fahrten noch  sichtljar  sind.  In  Durazzo  gab  es  damals  zwei 
Festungen,  die  obere  oder  Hauptbm*g  (castrum  principale,  cas- 
tello  di  sopra).  auch  Burg  des  ^^heiligen  Elias  genannt  (castellum 
Sancti  Elie),  mit  einer  kleinen  Kirche  und  der  Wohnung  für 
den  Kast/ellan  mid  26  Armbrustschützen  (ballistarii),  und  die 
äul.)ere  Burg    (castel  de  fora).    Den  weiten  Umfang    der   Mauern 


165 


haben  die  Venezianer  1403  verkleinert,  weil  sie  unter  den  Ein- 
wohnern nicht  genug  Leute  zAini  Wachtdienst  auf  den  Mauern 
vorfanden  (reduci  in  minorem  circuitum,  Ljiibic  5,  10).  Die  Bür- 
ger behielten  ihre  alte  Verwaltung  mit  einem  Stadtrat  (con- 
silium  universitatis  civitatis  Durachii)  und  jährlich  gewählten 
Beamten,  welche  in  der  Loggia  ihren  Sitz  hatten.  Es  wird  auch 
ein  Statut  der  Stadt  erwähnt,  eingeteilt  in  35  Ka[)itel,  dessen 
Original  1898  im  Franziskanerkloster  verwahrt  wurde.  Kirchen 
gab  es  sowohl  lateinische,  als  griechische.  Der  Handel  war  nicht 
unbedeutend ;  ans  Serbien  kamen  Karawanen  mit  Blei  und 
anderen  Waren.  Als  aber  nach  dem  Tode  Skanderbegs  (1468) 
die  Türken  die  ganze  Umgebung  sich  unterwarfen,  ])egann  der 
Verfall  von  Durazzo.  Der  junge  deutsche  Ritter  Arnold  von 
Harft'  aus  dem  Herzogtum  von  Jülich  am  Niederrhein,  welcher 
hier  1496  nach  Palästina  dm-chreiste,  erwähnt  „Duratzo"  als 
eine  grol.le  „verstörte"  (zerstörte)  Stadt  in  Albanien,  ,.jetzund 
imtei-worfen  den  Venetianern",  und  gibt  dabei  in  seinem  Tage- 
buch ein  hier  notiertes  kleines  Glossar  der  „albanischen  Sprache", 
die  älteste  Sprachprobe,  die  -wir  l^esitzen  (Die  Pilgerfahrt  des 
Ritters  Arnold  von  Hartf,  herausgegeben  von  Dr.  E.  v.  Groote, 
Köln,  1860,  S.  65).  Die  Zahl  der  Einwohner  veiiingerte  sich 
durch  die  „schlechte  Luft"  (malignitk  del  aiere),  die  Malaria, 
welche  sich  durch  die  Ausdünstungen  der  wieder  versumpfttm 
Lagune  verbreitete.  Bald  begannen  auch  die  Mauern  sogar  der 
oberen  Burg  zu  zerfallen.  Über  diese  verzweifelte  Lage  führte 
während  eines  neuen  Türkenkrieges  bittere  Klage  die  Gemeinde 
in  einem  Schreiben  an  den  Dogen  von  Venedig  vom  19.  Sep- 
tember 1500,  noch  mehi-  der  letzte  Bailo  Vinciguerra  <v>nerini 
in  einem  Bericht  vom  25.  Februar  1501  (beides  bei  Sanudo, 
gedruckt  in  „iVrkiv"  des  Kukuljevic  5,  139  und  »>.  20;>).  Schon 
am  17.  August  1501  zogen  die  Türken  in  Durazzo  ein.  nach- 
dem sich  die  Venezianer  kaum  auf  ihre  Schilfe  Üüchten  konnten. 
Die  Türken  haben  Durazzo  1502  sofort  verkleinert,  indem 
sie  im  Innern  der  Stadt  eine  starke  neue  Mauer  aufzuführen 
begannen.  Sie  ist  zusanunengelegt,  wie  man  noch  sieht,  aus  den 
Steinen    der    alten  Ruinen,  aus  Marmorfragmenten,  alten  Skulp- 


166 


tureii.  römischen.  ])y/aiitiniselien  und  venezianischen  Ins(  hriften. 
( rrabsteinen  mit  Wappen  usw.  (Sanudo  im  „Arkiv"  (>,  217;  Ab- 
Ijildungen  hei  Heu7.ey).  Die  „porta  grande"  in  einem  viereckigen 
Turm  sieht  mit  diesen  Altertümern  wie  ein  Museum  aus.  In 
der  Türkenzeit  Avar  Durazzo  eine  kleine  Stadt  mit  kaum  200 
Häusern,  von  festen  Mauern  umgeben,  mit  einem  engen  und 
seichten  Graben,  aber  mit  ungesundem,  salzigen  Wasser,  weil 
die  Hau])tfpielle  einen  Büchsenschuß  außerhalb  der  Umwallung 
geblieben  war.  Der  Hafen  ist  eine  offene  Reede,  auf  der  West- 
seite von  felsigen  Untiefen  (secea)  umgeben ;  in  stürmischen 
Zeiten  finden  die  Schiffe  einen  besseren  Schutz  bei  dem  Vor- 
gebirge von  Pali  oder  Rodoni,  als  in  Durazzo.  Die  Kirchen 
Avurden  von  den  Türken  in  Moscheen  verwandelt.  Der  katholi- 
sche Erzbischof  durfte  nicht  mehr  in  der  Stadt  wohnen,  sondern 
in  einem  Dorf  der  Umgelmng,  früher  in  Kurbino.  jetzt  in 
Delbinist. 

Der  Umfang  des  städtischen  Ten'itoriums  im  Mittel- 
alter ist  nicht  bekannt;  es  gab  darin  Weideplätze,  Weinberge, 
Getreidefelder,  Obstgärten,  Salinen  und  Mülilen  (1393,  Ljubic 
4,  310),  sowie  zahlreiche  Kirchen.  Bei  der  Kirche  des  heiligen 
Nikolaus  l)efand  sich  1081  das  Lager  des  Kaisers  Alexios  Kom- 
ncnos.  Die  Kirche  des  heiligen  Michael  war  damals  der  Mittel- 
])unkt  der  großen  Schlacht  zwischen  den  Byzantinern  und  Nor- 
mannen, welche  eben  in  dieser  Kirche  die  kaiserliche  Garde 
der  Warangen  umzingelten,  die  aus  skandinavischen  Söldnern 
bestand  ;  nach  Heuzey  stand  sie  östlich  von  Durazzo  im  heutigen 
Dorfe  Semicholj  (St.  Michael).  Am  Meere  lag  die  Kirche  oder 
das  Kloster  des  heiligen  Theodor.  Julius  Caesar  hatte  sein  Lager 
südlich  von  Durazzo  am  Meeresuler ;  dje  Stelle  hieß  im  Alter- 
tum und  Mittelalter  Petra,  italienisch  heute  noch  Pietra  bianca, 
der  Aveiße  Felsen.  Das  Zentrum  der  fruchtbaren  Ebene  ist  jetzt 
das  Städtchen  Tirana,  erwähnt  schon  bei  Barletius  in  der 
Geschichte  Skanderbegs.  Das  heutige  Peti'eila  mit  einer  alten 
Burg  am  Fluß  Arzen  wird  schon  bei  Anna  Komnena,  der 
Tochter  des  Kaisers  Alexios  Komnenos,  als  Petrula  genannt. 
Im  Mittelalter  hiel'i  die  Landschaft  zwischen  Durazzo  und  Tirana 


167 


Scuria.  nach  einer  Adelsfamilie  Sonra  oder  Zgiira.  Hahn  schreibt, 
daß  die  Gegend  um  das  St'idtchen  Nderenje  noch  in  unseren 
Zeiten  die  Große  und  Kleine  Manskni-ia  genannt  wurde,  heim 
Volk  auch  Manese.  Eine  xweite.  im  Mittelalter  olt  erwähnte 
Landschaft  war  Chunavia.  in  welcher  einst  aueli  ein  griechi- 
scher Bischof  residierte  (o  Xovva[iiaq),  nach  Aki'opolites  zwi- 
schen Durazz-o  und  dem  Flusse  Mat.  Eine  altserbische  Schrift, 
herausgegeben  von  Safarik  in  seinen  „Slawischen  Altertümern", 
vergleicht  die  Völker  mit  Tieren;  unter  anderen  ist  der  „Arba- 
nasin"  (Albanese)  ein  Biber,  der  „Chunav"  ein  Hase.  Später  gab 
es  hier  einen  lateinischen  „episcopus  Canoviensis"  in  den 
Jahren  1310 — 1')29.  mit  einer  Kirche  des  heiligen  Demetrius 
( Farlati  7.  408).  Ein  anderer  griechischer  Bischof  der  Meti'opoHe 
von  Durazzo  residierte  in  Stephaniakoi  ( 2Ti.(fartay.m'),  doch 
läßt  sich  die  Lage  des  Ortes  nicht  mit  Sicherheit  bestimmen. 
In  der  neapolitanischen  und  venezianischen  Periode  war  sein 
Nachfolger  ein  lateinischer  „episcopus  Stephanensis",  doch  sein 
Sitz  war  meist  vereint  mit  zwei  anderen  Bistümern,  dem  im 
heutigen  Städtchen  Pressia  (Presja)  zwischen  Tirana  und  dem 
Fluß  -Ismi  und  dem  in  der  Landschalt  Benda,  der  heutigen 
mohammedanischen  Gegend  Bena  östlich  von  Tirana  (episcopus 
Bendensis  et  Priscensis  1404,  Stephanensis  et  Bendensis  1363 
und  1418). 


WS 


Valona   im    Mittelalter/ 

Von  Dr.  Kon.stanffn  'Jh-fcele. 

An  der  Küste  siidlicli  von  Daraxzo  lia1:)en  eme  liistorisclie 
Bedeutung  die  Flußmündungen  und  die  Vorgebirge.  Die  Stadt 
Kavaja,  welche  1 V2  Stunden  vom  Meeresufer  am  Flusse  Lesnika- 
liegt,  wird  erst  im  XVI.  Jahrhundert  erwähnt  als  „]x)rgo 
Cavagiia",  zur  Hälfte  von  Griechen  bewohnt  (Starine  12.  2<)2). 
Das  Vorgebirge  Laghi,  der  letzte  Ausläufer  einer  bis  225  Meter 
hohen  Hügelkette,  war  im  XIV.  und  XV.  Jahrhundert  bekannt 
als  Hafenplatz,  das  „rapid  de  Lnr]i/(/\  Im  Jahre  1446  wollten 
dort  drei  ragasanische  Schiffe,  welche  die  Braut  des  serbischen 
Despotensohnes  Lazar  Helena,  Tochter  des  Despoten  Thomas 
Palaiologos  aus  Glarenza  in  Mbrea  aljzuholen  hatten,  Trinkwasser 
holen,  aber  die  „Albanenses"  verhinderten  sie  daran  mit  Lanzen 
und  Pfeilen,  Aveil  ihnen  diese  Rao-usaner  zwei  Ochsen  weu"- 
genommen  haben  (Lettere  e  Commissioni  144G,  Archiv  von 
Ragusa).  Der  Ort  gehörte  damals  zum  Gebiete  des  Geschlechtes 
der  „Arniti"   (Arianites). 

V  y 

Weiter  südlicli  folgt  die  Mündung  des  S/.iniihi  oder  Shmn^). 
eines  großen  Flusses,  dessen  < Quellen  in  den  Bergen  zwischen 
Eibassan  und  Ochrid  liegen.  Im  Altertum  hiel.)  der  Fluß  ^T^J?^^s/^s^ 
In  den  letzten  Jahrhunderten  des  Mittelalters  Avar  er  bekannt 
unter  dem  Namen  Vrcffo,  der  noch  auf  den  Karten  des  Ortelius 
(t  1598)  und  Mercatcn-  (1584)  vorkommt.  In  einer  Frlamde 
von  1210  liest  man  „Humen,  (|ui  dicitur  Vrccns.  ([uod  est  est  de 
ducatu  Durachii"   (Taiel  und  Thomas  2.    121):    mitunter    schrieb 

'  Aus  meinen  Yorlosnngen    über    die    mittelalterliche    Geographie 
der  r)alkanhalbinsel. 


169 


man  ihn  mit  dem  Artikel  Ltirrc(/o  oder  Ijiirco.  Daneben  trifft 
man  aber  auch  den  jetzigen  Namen,  Aveleher  von  der  antiken  Stadt 
ücampae  im  Gebiet  von  Elbassan  stammt,  die  seit  Justinian.s 
Zeit  nicht  mehr  erwähnt  wird.  Das  Gebiet  des  Comes  Tannsius 
Topia  (1338)  reichte  „a  Maet  (FlulJ  Mat)  nsque  ScfüHpinunt'' , 
Scombino  des  Despoten  Miisachi,  der  wasserarme  „finme  Scum- 
bino"  einer  venezianischen  Beschreibung  von  1570  (Starine  12, 
195).  Die  Mündung  hieß  bei  den  Ragusanern  im  XIV.  und  XV. 
Jahrhundert  Vreijum,  Vrle(/xin,  JJrctjo,  Brieyo,  Brieclmm.  Landes- 
herrn waren  die  Matarango,  nach  1371  die  Musachi.  Kautleute 
aus  Venedig,  Ivagiisa,  Diücigno  usw.  betrieben  dort  Ausfuhr  von 
Holz  und  Getreide  (Hirse) ;  eingeführt  wurde  Wein  und'  Salz. 
Der  Handelsphitz  ist  vielleicht  identisch  mit  dem  heutigen 
BaUova,  V2  Stunde  oberhalb  der  Mündung.  Es  ist  eine  kleine 
viereckige  Burg  mit  Rundtürmen  an  den  Ecken,  viereckigen 
Türmen  in  der  Älitte  jeder  Seite  und  einem  Tor  auf  der  West- 
seite. Johann  Georg  von  Hahn  fand  hi  dieser  Burg  14  Häuser 
mohammedanischer  Gegen,  die  letzten  Gegen  in  Süden  an  der 
Grenze  gegen  das  Sjjrachgebiet  der  Tosken. 

fJs  folgt  die  mit  dem  Meer  verbimdene  Lagune  von 
Karavastd  mit  einem  gleichnamigen  Dorf.  Dmxh  Hügel  getrennt 
ist  der  abHußlose  See  Terbnf,  mit  sumpfigen,  von  Schilf  be- 
wachsenen Ufern,  reich  an  Fischen  und  den  noch  im  XIX. 
Jahrhimdert  gesuchten  Blutegeln,  in  der  Türkenzeit  Besitz  eines 
Tekke  des  Sinan  Pascha  in  Skopje  (Halm,  Albanesische  Studien 
1,  78).  Der  Name  ist  gTiechisch:  y.agaijvoraaig  Standplatz  der 
Schilfe ;  ein  Dorf  Karavostasi  gibt  es  in  Morea  an  der  Küste 
von  Elis,  gegenüber  von  Mesolongi.  Schon  1297  erwähnt  eine 
Klage  vor  dem  Gericht  von  Ragusa  „humines  Matarangi  de 
Caravcistüssi ,  qui  sunt  su))  dominio  domini  imperatoris",  des 
byzantinischen  Kaisers  (Acta  et  diplomafci  res  Albaniae  medii 
aevi  illustrimtia  1   p.   150  nro  528). 

Unmittelbar  darauf  folgt  die  Aveit  vorspringende  Mündung 
des  Soimtl  oder  Senuml,  der  im  Oljerlauf  Jtrnd  heil.H.  Die 
Quellen  dieses  Flusses  beßnden  sich  ferne  im  Binnenland,  südlich 
vom  See  von   Prespa.    westh'cli    von    Kastoria,    auf   den-    Ostseite 


170 


der  zentralen  Kette  des  Grummos.  Sein  Aviclitigster  Xel>enHiil:* 
ist  der  iinf  dem  M^esbibhang  des  Grammos  entspringende  Osinii, 
ancli  Ljinii,/  Beratit  oder  Bcmthu)  genannt,  bei  der  alten  Stadt 
Berat,  dem  BellagTada  des  Mittelalters,  die  in  slawischen  Quellen 
stets  Belgrad,  italienisch  auch  Belgrado  di  Romania  heißt.  Es 
ist  der  ^l.soj?  (Aoojr)  der  Anna  Komnena,  der  Äsuues  ('AoLWV)}q) 
des  Pachymeres.  Ein  zweiter  Nebenfluß,  gleichfalls  von  der 
linken  Seite,  ist  weiter  aufwärts  die  Tomoricd,  welche  in  der 
gewaltigen  Berggrupi)e  des  zweigipfligen  Tomor  (2413  Meter) 
ihren  Ursprung  hat. 

Der  Semeni  ist  der  Apsos  des  Altertums.  Im  Mittelalter 
hiel»  der  ganze  Fluß  von  der  Quelle  bis  zur  Mündung  Dtcol 
oder  DjdtHtl.  Der  Name  stammt  von  einer  altillvrischen  Stadt 
JDcholia  (Jt)fioKLa),  die  Ptolemaios  nennt,  aber  im  Mittelalter 
deutete  man  ihn  als'  Fluß  des  Teufels:  Ttorccf-wg  ^/cu^iöAewg 
der  Anna  Komnena,  lliiiii.cn  Diuholi  und  sogar  (bei  Fulcherius 
Carnotensis)  jlitmcn  Daemonis  im  Zeitalter  der  Kreuzzüge.  Man 
nannte  ihn  auch  den  Fluß  von  Pirt/o.  In  den  Denkmälern  des 
XIV.  Jahrhunderts,  besonders  in  Ragusa,  heißt  die  Mündung 
JJieocdo  oder  iJievaU  (auch  Yevalum),  bekannt  wegen  der  damals 
blühenden  Ausfubr  von  Getreide;  Tuch  und  Wein  waren  die 
Hauptgegenstände  der  Einfuhr.  Als  Herreu  des  Gebietes  werden 
]297 — 1374  genannt  die  Matarango,  später  die  Musachi. 

Anna  Komnena  erwähnt  in  der  Geschichte  des  Normannen- 
krieges unter  ihrem  Vater  Kaiser  Alexios  I.  ein  sonst  unbe- 
kanntes Städtchen  ]\fi/loi/,  am  Fluß  von  Diabolis.  Später  erscheint 
au  der  Mündung  ein  Tiu-m  (:TV(jyoc;J,  „tums  de  Dievali"  1389, 
sonst  meist  fttrr/.<:  Pinji,  Fin/o  oder  slawisch  Pir(((j  (Adj.  pirzanski) 
genannt,  mit  einem  Zollamt.  Als  1380  die  Fürstin  Komnena 
von  Valona  gegen  Nicola  Musachi  Krieg  führte,  wurde  Nicola 
orefanijen,  aber  seine  Leute  wollten  den  Tunn  nicht  eher  über- 
geben,  als  bis  er  wieder  freigelassen  werde.  Beide  Parteien 
ti-aten  dann  den  Turm  (tunis  distans  a  marina  super  quadam 
tiumaria)  provisorisch  dem  venezianischen  Bailo  von  Korru  ab, 
der  ihn  nach  der  Freilassung  des  Nicola  1390  der  Komnena 
übergab,    aber'  als    Lehen    von  A'enedig,   mit    der  Verpflichtung 


171 


alljälirlich  drei  Matrosen  znr  Flotte  in  Kort'u  '/a\  stellen  (Misti 
vol.  41,  f.  100  V.,  Archiv  von  Venedig).  Pirgo  wurde  1417 
türkiscli.  Es  erscheint  auch  auf  der  Karte  des  Benincasa  (147()), 
ebenso  wie  die  obenerwähnte  venezianische  Beschreibung  von 
1570  den  „fiume,  che  si  dice  il  Pirgo"  erwähnt.  JlvQyoq. 
Tio/.iq  TiOTS  TiaQaita'haooia  kennt  noch  der  Metropolit  Meletios 
(t  1"14),  der  aus  Janina  gebürtig  war.  Ob  es  heute  irgend- 
welche Überi'este  dieses  Turmes  gibt,  ist  mir  nicht  bekannt. 

Die  benachbarte  große  Küstenebene  heißt  Mtisalvia  oder 
nach  toskischer  Aussprache  3li'fse]cie ;  die  Große  Musakia  liegt 
nördlich  vom  Semeni  bis  ziun  8kiun1)i,  die  Kleine  Musakia 
südlich  davon.  Das  ist  die  „illyrische  Ebene"  (tö  ^ L'K'Kvqixov 
rttöiorj  zwischen  Valona  und  Durazzo  bei  Anna  Komnena  und 
die  von  Nikephoros  Gregoras  in  der  Geschichte  der  Zeit  um 
1280  erwähnte  zur  Pferdezucht  geeignete  Ebene  von  Valona 
(t('.  Ti-)V  AvKöJvoi  iTTrD'fKaTa).  Beschreibungen  dieses  Flachlandes 
gibt  es  bei  Hahn,  Albanesische  Studien  (Wien,  1858),  1,  7-3,  bei 
Weigand,  Die  Aromunen  (Leipzig.  1895),  1,  82  f.,  bei  Patsch. 
Der  Sandschak  Berat  in  Albanien  (Wien,  1904),  184,  aber  die 
anschaulichste  Schilderung  ))ietet  ein  allxinischer  Edelmann, 
M.  Ekrem  Bei  Vlora  in  seinen  lesenswerten  Tagebuchbiättern 
,.Aus  Berat  und  vom  Tomor"  (Sarajevo.  1911)  in  der  Sammlung 
von  Dr.  Karl  Patsch,  Zur  Kunde  der  Balkanhalbinsel,  Heft  18. 
Xach  Hahn  ist  es  eine  Art  „verwilderter  Lombardei".  Das 
Flußbett  des  Semeni  mit  seinem  schmutzigen,  trüben  Wasser 
ist  an  6  Meter  tief  in  den  weichen  Ton  des  Bodens  einge- 
graben. Die  Luft  ist  dunstig  mit  dichtem,  mehrere  Meter  hohen 
Morgennebel,  der  einen  starken  Tau  hinterläßt.  Das  Land  ist 
wenig  bebaut,  mit  Gütern  (CiHiks)  des  Sultan  imd  zahlreichem 
Beys  und  Agas,  sowie  mit  mohammedanischen  und  griechischen 
geistlichen  Gut.  Die  Bauern,  Kolonen  der  Großgrundbesitzer, 
wohnen  in  Hütten  aus  Flechtwerk  mit  Stroh-  und  Schilfdach, 
umgeben  von  Mais,  der  über  Mannshöhe  emporragt.  Überall  sieht 
man  Büttel,  bedeckt  von  einer  Schlammkruste.  Bei  den  Häusern 
ranken  die  Weinreben  hoch  auf  die  Ulmen  hinauf.  ]\Iais.  Weizen. 
Gerste    und    Hafer    Averden    ausgeführt    nach  Dalmatien.  Epirus 


172 


und  Kori'u.  Die  zuhlreiehen  Zigeuner  dieser  Ebene  waren  in  der 
Türkenzeit  „Sklaven  des  Sultan".  Die  vielen  Winterlager  der 
aroraunisclien  und  mazedonischen  Wände rhiiien  si)id  im  Sommer 
öde  imd  verlassen.  Es  gibt  große  Herden  von  Pferden,  die 
meist  naeli  Italien  ausgetühii  werden,  von  Rindern.  Schafen  und 
Ziegen.  Hauptort  von  Klein-Musakia  ist  das  Städtchen  Fieri, 
bewohnt  von  Aromunen  aus  Moschopolis. 

Schon  1417  berichten  die  Ragusaner,  wie  die  Türken 
^(ul  vimu  de  M/isarhia^^  g^gen  Valona  zogen.  Der  zweite,  wie 
es  scheint,  ältere  Name  der  Ebene  war  Saonc.  Barletius  (um  148<J) 
nennt  die  „pldniries  Sauru"  nahe  bei  Berat  als  Ort  der  Schlacht, 
wo  Ralsa  Balsic  (1385)  von  den  Türken  geschlagen  und  getötet 
Avurde.  Die  venezianische  „R^lazione  delFAlbania"  von  1570 
erwähnt  zwischen  Berat  und  Valona  die  „spatiose  pianure  della 
Savru,  la  quäle  in  altro  nome  si  dice  J\LisarJdu"  (Stariue  12,  197). 
Dieser  zweite  Name  stammt  von  der  Adelsfamilie  Musachi 
(Musac,  Musacus),  welche  12S0  — 1600  eines  der  berühmtesten 
Geschlechter  Albaniens  war.  Nach  der  Zeit  Skauderbegs  flüchtete 
.sie  sieh  nach  Neapel  (Stammtafel  bei  Hopf,  Chroniques  582). 
Die  Memoiren  des  Despoten  Giovanni  Musachi  (1510)  nennen 
die  Stadt  Belgrado  (Berat)  als  den  Hauptort  (capo)  der 
„Musachia",  welche  sich  erstreckt  „insino  al  hinne  de  Viossa  al 
loco  nominato  le  due  pietre"  (Ausgabe  bei  Hopf  ib.  2(S0). 

Im  Altertum  war  Mittelpunkt  dieses  Gebietes  ÄpoUotiia 
„im  Jonischen  Golf",  558  v.  (Jhr.  gegründet  von  dorischen 
Hellenen  aus  Korkyra  (Korfu),  10  Stadien  vom  Flußhafen  im 
Aoos,  60  Stadien  (nach  Strabo)  oder  nach  Plinius  nur  4  römisdie 
Meilen  vom  Meere.  Die  Ruinen  sind  jetzt  in  gerader  Linie  8  Kilo- 
meter vom  Meeresiifer  entfernt.  Über  die  Geschichte  der  Kolonie 
vgl.  Hirschfeld  in  Pauly-Wissowas  Realenzyklopädie  des  klassischen 
Altertums  (unter  Apollonia),  über  die  Ruinen  Dr.  Karl  Patsch, 
Der  Sandschak  Berat  in  Albanien,  A\'ien,  1904  (Schiiften  der 
Balkankommission  der  Kaiserl.  Akademie,  antiquar.  Abteilung, 
Bd.  111).  In  dem  l^esitz  der  obersten  Amter  waren,  wie  Aristoteles 
in  seiner  Politik  Ijerichtet,  die  Nachkommen  der  Gränder  als  eine 
Art  Oligarchie.   Mit    den    illyrischen    Taiilantiern    der    Nachbar- 


17:3 


Schaft  ^^ab  es  oit  Krieg.  Ein  Zeugnis  des  blühenden  Handels 
sind  die  Silbennünzen  von  Apollonia,  welche  ebenso  wie  die 
von  Dyrrhachion  im  ganzen  13innenlande  bis  zur  Donau  gefunden 
werden,  mitunter  auch  jenseits  der  Donau.  Herodut  erwähnt 
hier  eine  heilige  Schafherde  des  Öonneng(jttes  Helios,  welche 
bei  Tage  am  Ufer  des  nahen  Flusses  weidete,  bei  Nacht  in  einer 
Höhle  bewacht  wva'de,  und  zwar  je  ein  Jahr  von  einem  der 
vornehmsten  und  reichsten  Sfcidtbürger.  Mit  den  Römern,  denen 
sich  Apollonia  229  v.  Chr.  freiwillig  untergeordnet  hatte,  war 
diese  griechische  Gemeinde  jederzeit  in  Freundschaft.  Nach  Caesar 
(de  hello  ci\nli  III,  12)  war  die  Burg  (arx)  schlecht  mit  Wasser 
versorgt.  Cicero  nennt  Apollonia  „magna  urbs  et  gravis",  Stralio 
eine  \on  guten  Gesetzen  verwaltete  Stadt  (nöXig  evvo^iojTciTtj). 
Zahlreiche  Schüler  sammelten  sich  bei  den  l)erühmten  Lehrern. 
Octa\ianus  (Augustris)  studierte  hier,  bis  ihn  Caesars  Ermordung 
auf  den  Schauplatz  des  erneuerten  Bürgerkrieges  a])])erief.  Er 
l)lieb  auch  als  Kaiser  Apollonia  stets  gewogen. 

Berühmt  war  in  der  Umgebung  eine  brennende  Erdpech- 
quelle, eine  Stätte  des  Kultes  des  Fan  und  der  Nymphen.  Aus 
dem  heiligen  Hain  hörte  man  die  Klänge  des  Flötenspieles  bis 
m  die  5(>00  Schritte  entfernte  Stadt.  Auf  den  Münzen  von 
Apollonia  sind  die  das  Feuer  umtanzenden  Nymphen  al)gebildet. 
Nach  jeder  Änderung  des  brennenden  Asphaltes  machte  man 
Frophezeiungen.  Nach  Fatsch  sind  diese  Erdpechgruljen  jetzt 
versiegt;  die  nächsten  liegen  M — 4  Stunden  weit  entfernt. 
Bischöfe  von  Apollonia  werden  nur  im  V.  Jahrhmidert  erwähnt ; 
in  den  griechischen  Bischofskatalogen  des  Mittelalters  fehlt 
diese  Stadt.  Apollonia  wird  nämlich  unter  Kaiser  Justinian  in 
dem  Städtekatalog  des  Hierokles  zum  letzten  Male  genannt. 
r)ie  alte  hellenische  Kolonie  ist  bald  darauf  verödet,  durch  die 
Ungunst  der  Zeiten  und  durch  die  wachsende  Versumpi'ung  der 
Umgebung,  in  ähnlicher  Art,  wie  Narona  an  der  Narentamündung 
in  derselben  Zeit  verlassen  wurde. 

Der  Name  der  Stadt  blieb  l)ei  den  liumen  alle  Jahr- 
hunderte hindurch  unvergessen  :  La  Folina  in  einer  ragusa- 
nischen    Aufzeichnung    F297  (Acta    Albaniae   1  p.  157),  Poli)i(i 


174 


der  mitteliilteiiichen  Seekarten,  bei  dem  anonymen  Venezianer 
1570  zwischen  I'irgo  (Devol)  und  Vojussa  ein  „paludo"  oder 
„lago,  dal  qiiale  nasce  il  fiume  delia  ApuUona",  ein  SchJupl'winkel 
der  Piraten;  Polknui  kennt  auch  Mariano  l^lizza  aus  Cattaro 
(J614),  Fidliuu  der  Metropolit  Meletios  von  Athen  in  seiner 
neugriechischen  Geographie  (Venedig,  1728). 

Die  Kuinen  sind  beschrieben  bei  Pouquevillc,  Leake,  Lord 
Holland,  Heuzey,  Dimitsas,  Weigand  und  Patsch.'  Der  Mittel- 
punkt ist  ein  85  Meter  hoher  Hügel,  wohl  die  Burg  (arx)  des 
Caesar,  nach  Heuzey  die  Stelle  des  Tempels  des  Apollo.  Auf 
der  waldigen  Höhe  steht  jetzt  ein  griechisches  Muttergottes- 
kloster, die  IluvayUi  rrj^:  ^yJrro'/Moi'iag.  Xach  der  Beschrei- 
bung in  dem  Buche  des  Metropoliten  Anthimos  über  Berat 
befindet  sich  unter  den  Fresken  der  Kirche  ein  Bild  des 
Kaisers  Andronikos  H.  (1282 — 1328)  mit  seiner  ganzen  Familie, 
welcher  das  Kloster  erneuert  hatte  (^ri'Toiwg  iaTooiyJi  :Tfor/nf<rp>i 
tFjq  iFoüQ  utiTOorrnXeojc  BeXeyouriioi',  Korfu,  1868,  S.  7<;)).  Am 
Fuße  des  Klosterberges  liegt  das  kleine  aromunische  Dorf 
Pojanl.  Überall  sieht  man  Mauerzüge,  behauene  Steine  und 
Mosaiken ;  ganze  Häuser  sind  aus  antikem  Baumaterial  auf- 
gebaut und  das  Kloster  selbst  ist  wie  ein  Museum,  mit  Statuen, 
Skulpturen  und  Inschriftsteinen.  Xach  Anthimos  zeigt  man  in 
der  Umgebung  Reste  einer  „kaiserlichen  Straße"  (alb.  uda  mbret); 
es  ist  die  „via  Egnatia".  welche  sowohl  von  Durazzo,  als  von 
Apollonia  ausging  und  sich  weiter  landeinwärts  vereinigte,  um 
über  Lychnidus  (Ochrid)  Thessalonike  zu  erreichen. 

Südwärts  folgt  die  Mündung  der  Vojassa  (oder  Vjossa), 
eines  großen  Flusses,  dessen  Quellgebiet  im  Pindus  bei  Medzovo 
liegt.  Das  ist  der  antike  Aoos  (lat.  Aous),  im  Mittelalter  mit 
konsonantischen  Anlaut  Bocoua  in  einer  Urkunde  des  Kaisers 
BasiliosH.  1019(Byz.  Zeitschr.  "2,  42),  Hoovöa  der  Anna  Komnena, 
Bo(ooi]c  ])Q\  Kinnamos,  Viossa  bei  Musachi.  Das  Mündungsgebiet 
hieß  im  Mittelalter  Spinariza  (vgl.  Acta  Albaniae  Bd.  1,  llegister 

'  Des  Metropoliten  Authiuios  Alexudis  (nuu  von  Amasia  in  Kleiu- 
asien),  Süvtouoq  \aiooixri  Ttfotyoncpii  rtjc  'j4nokXo)i>inc,  noXfOK  ndXa^  nme 
Tijg  Ni(i:  'Hntioov,  Kon.-^tantinopel,  18!>6.  ist  m\v  leider  niclit  zugänglich. 


175 


unter  diesem  Xamen).  Xach  einer  venezianischen  Urkimde  1205 
gehörte  „Sfinarsa"  zu  Durazzo.  König  ^lanl'red  sclirielj  sich 
1258  Herr  von  Dyrrhachion,  Belgrad  (Berat),  Aulon  und  der 
^rp}ivnnlTc)V  XAffMv,  also  der  Hügel  von  Sfenarita  (Miklosich 
und  Müller,  Acta  graeca  8,  240).  Ein  byzantinischer  Öevastos 
Stiin  war  1277  — 1284  „capitanens"  von  Berat  und  Spinariza. 
Ragusanische  Aufzeichnungen  von  1297  und  1298  erwähnen 
Fahrten  von  Durazzo  nach  Spinariza  bei  La  Polina:  sie  nennen 
die  „fo^a  Spinarira"  (l'auces,  Mündung),  wo  Getreidehandel 
betrieben  wurde,  Sitz  eines  venezianischen  und  ragusanischen 
Konsuls  (Acta  Albaniae  1,  109,  157).  In  venezianischen  Akten 
erscheinen  1319  nebeneinander  Leute  aus  Valona  und  aus 
Spirnaza  oder  Sfinariza  (Diplomatarium  veneto-levantinuni  1, 
138,  149,  102).  Auf  der  Karte  des  Andreas  Benincasa  aus 
Ancona  147()  liest  man  entlang  der  Küste  die  Namen  in  dieser 
Reihenfolge:  Dura9o,  Cavo  Lachi,  Pirgo,  Levalli  (Devol), 
Spinar(,'a,  Cavo  de  Caurioni,  Lavelona,  Porto  Raguxio,  die 
Insel  Saxino,  Val  de  Lorso  (jetzt  Bucht  Orso  südlich  vom 
C'ap  Linguetta),  Cimarra.  Auch  die  Karten  des  Ortelius  und 
Mercator  im  XVI.  Jahrhundert  haben  den  Namen  Spinarsa 
bei  Polina. 

Das  Vorgebirge  Cam  de  Cavrioiii  bei  Benincasa  und  Mer- 
cator ist  schon  bei  Anna  Komnena  als  Kavalion  (ä'/CTtj  tov 
KnßaXmvoc)  erwähnt,  nahe  bei  der  Vojussa.  Der  Metropolit 
Meletios  sehreibt,  der  antike  Flui.)  Apsos  (richtig  der  Aoos) 
heiße  Kavntnrt.  Es  ist  vielleicht  der  Vorsprung  der  Küste  bei 
dem  Dorfe  Grüka  (alb.  EngpaU,  Schlucht),  wo  südlich  von  der 
jetzigen  Mündung  der  Vojussa  ein  toter  Ann  dieses  Flusses 
endigt.  Der  Senat  von  Ragusa  schrieb  1474  nach  Venedig, 
daß  die  Türken  für  ihre  Flotte  einen  Kanal  von  der  Vojussa 
nach  Valona  graben  Avollen  (Lettere  e  Commissioni,  Archiv 
von  llagusa). 

Es  folgt  die  runde,  mit  dem  Meer  verbundene  hschi'eiche 
Lagune  von  Arta  oder  Xarta,  mit  zwei  Inseln.  Die  eine,  jetzt 
unbewohnt,  heißt  Korakonhi  (die  Rabeninsel):  dä^  xvf&viQ  Zoeniec 
ist  bekannt  dm*ch  ein  griechisches  Kloster,  beschrieben  bei  Patsch. 


170 


Diese  Lagune  lieil-lt  hei  den  Ragusaiiern  1335  Jj<dt<i  de  .li((Ho)iu 
(Acta  Albaniae  1,  p.  236). 

Z-\\-i.s('hen  der  Lagune  und  dem  Meer  liegt  das  Dorf  J'laka 
mit  bedeutenden  Ruinen  und  Resten  von  Hafenmauern:  nach 
Patseli  stand  hier  das  antike  Aulo}).  der  Vorgänger  von  Valona. 
La  Placa  haben  schon  die  Karten  des  Ortelius  und  Mercator. 
Auch  der  Venezianer  von  1570  tennt  Placa  vor  dem  Anfang 
des  Golfes  von  Valona  (Starine  12,  195,  wo  Plava  gedruckt  ist). 

Zmiächst  folgen  die  Salinen  von  Valona,  eine  halbe  Stunde 
vom  Landungsplatz  der  Stadt,  bei  dem  Dorf  ^hia  oder  Xcoia, 
welches  von  Griechen  bewohnt  ist  und  zwei  Kirchen  hat.  Nach 
den  Berichten  l^ei  Hahn  ( Albanesische  Studien  1 ,  71)  gab  es  hier 
in  der  Türkenzeit  150  Salzfelder,  veiieilt  unter  die  150  Häuser 
von  Arta.  welche  gegen  Befreiung  von  Steuern  zur  Arbeit  in 
den  Salinen  verpflichtet  waren.  Das  Salz  verdmistete  im  Sommer 
in  48  Stunden  und  Avurde  in  Rmidhauten  10  Fuß  hoch  gelagert; 
aiisgefühi*t  "SATirde  es  damals  meist  nach  Skutari.  In  neuerer  Zeit 
ist  der  Betrieb  sehr  verfallen. 

Die  „Scala"  von  Valona  zählt  nur  einige  armselige  Gebäude 
mit  einem  verfallenen  achteckigen  tüi-kischen  Kastell.  Die  Stadt 
Vfi/onu  mit  ihren  ungefahi-  800  Häusern  liegt  eine  halbe  Stunde 
östlich,  malerisch  zerstreut  zwischen  Gärten  und  umgeben  von 
ausgedehnten  Olivenwaldimgen.  Wegen  des  Sumpffiebers  ist  sie 
besonders  in  den  heißen  Monaten  sehr  ungesund.  Im  Südosten 
überragt  die  ganze  Landschaft  die  große  Burg  von  Kau  i na, 
379  Meter  über  dem  Meere,  heute  in  Ruinen.  Die  Mauern  haben 
durch  Erdbeben  sehr  gelitten:  von  größeren  Gebäuden  ist  nur 
noch  ein  türkischer  Uhrturm  ül^rig.  Xach  der  Beschreibung  von 
Hahn  hatte  die  Burg  drei  Abteilungen  in  Etagen.  Die  prachtvolle 
Aussieht  reicht  bis  Durazzo  und  bis  zu  den  Gipfeln  des  Tomor. 
L  nter  der  Burg  liegt  das  mohammedanische  Dorf  Kanina. 

Die  antike  Stadt  Anlon,  zuerst  bei  Ptolemaios  genannt, 
lag  wie  gesagt,  weiter  nördlich  bei  Plaka.  Im  V.  und  VI.  Jahr- 
hundert gab  es  hier  einen  Bischof,  der  später  dem  Metropoliten 
von  Djrrhachion  untergeordnet  war  (6  AvkojvHaq).  Der  Name 
ist    giiechisch :    av'/Mr    Tal,    Schlucht,    Graben.    Kanal.    Es  gab 


177 


-eine  /.weite  Stadt  Aulon  in  der  Clialkidike  und  eine  Landschaft 
Aulon  in  Messenien.  Die  Übertragung  von  Plaka  an  die  jetzige 
Stelle  geschali  avoLI  zu  Anfang  des  Mittelalters.  Auch  die 
Byzantiner  schreiben  n  Ao}mv\  die  spätere  Form  Avlona  ist 
em  Akkusativ  fdq  Avlüva).  Die  hiteinischen  und  italienischen 
<inellen  haben  die  Form  Amlona,  Aoelona,  Lrwalona,  Lavellona, 
die  altserl)Lschen  Urkunden  Avlona  oder  Vuolona.  Albanisch 
heilöt  die  Stadt  bei  den  Gegen  Vljona,  bei  den  Tosken  Vljom. 
Kanina  wird  erst  seit  1018  erwähnt.  Die  Bevölkerung  der 
Landschaft  hatte  sich  seit  dem  VIL  Jahrhundert  stark  geändert 
dm'ch  die  Einwanderung  der  Slawen,  welche  aber  ihre  Nationalität 
nicht  l)ehaupten  konnten :  die  Dörfer  von  Valona  fühi-en  zum 
Teil  slawische  Namen,  sind  aber  von  Tosken  bewohnt :  Cerkovna, 
Gorica,  Novoselo,  Babica,  Lepenica,  Vodica,  Zelenica  usw. 

Valona  wird  oft  erwähnt  während  der  zwei  Kriege  des 
Kaisers  Alexios  I.  Komnenos  (1081—1118)  gegen  die  Normannen, 
gegen  Robert  Guiskard  und  Boemund.  Nach  1205  gehörte  das 
Gebiet  zum  neuen  griechischen  Despotat  von  Epirus  oder  von 
Ai'tii.  König  Manfred  von  Neapel  und  Sizilien  war  1258 — 1266 
ilurch  seine  Heirat  mit  der  Tochter  des  Despoten  Michael  11. 
Herr  von  Dm-azzo.  Valona  und  Berat.  Dann  wurde  Mittelalbanien 
erobert  von  dem  neuen  Herrn  von  Neapel,  Karl  I.  von  Anjou. 
Der  Kastellan  von  Valona.  Jacques  de  Baligny  (Jacobus  de 
!Balsinian(j)  schloß  sich  dem  neuen  König  an,  als  ihm  dieser 
,,castrum  Canine,  Caninam  et  Avellonam"  samt  zahlreichen 
„Archontien'"  (archondias)  und  Dörfern  der  Umgebung  für  seine 
Lebenszeit  bestätigt  hatte.  Erst  1274  tauschte  er  dieses  Gebiet 
für  einige  Lehen  bei  Bari  und  in  der  Basilicata  ein  (Acta 
Albaniae  1  p.  93).  Nach  ihm  werden  in  Valona  noch  sieben 
Kastellane  der  Anjous  bis  1284  erwähnt.  Damals  gab  es  in  der 
Stadt  auch  einen  katholischen  Bischof  mit  dem  Titel  „Avello- 
nensis  et  Glavinicensis",  doch  sind  die  Namen  der  Bischöfe  erst 
seit  1286  bekannt,  wo  sie  in  Rom  verweilten.  Lidessen  hat 
Kaiser  Michael  Palaiologos  den  Besitz  der  Anjous  in  Albanien 
sehr  verkleinert,  besonders  nach  der  Eroberung  von  Berat  1274 
und  dem  Sieyf  vor  dieser  Stadt  1281.  Die  Territorien  von  Berat, 

12 


178 


Spinarica  und  Valona  bliel^en  dem  Kaisertum  von  Konstantinupel^ 
dessen  Grenzen  hier  wie  ein  Keil  /^wischen  den  Serben  nnd 
Neapolitanern  einerseits,  den  Epiroten  andererseits  bis  zur  adiäa- 
tischen  Küste  vorgesclioben  waren.  Unter  Andrcjnikos  11.  werden 
in  diesem  Gebiet  zahlreiche  byzantinische  Beamte  genamit.  Der 
oberste  Statthalter  residierte  in  Berat.  In  Valona  gab  es  einen 
Kephalia  (Kapitän),  einen  Prokathemenos  (Präsidenten),  einen 
Protontinus  usw.  Eine  Wiedereroberung  ist  den  xlnjous  nicht 
gelungen,  obwohl  Philipp  von  Tarent,  der  auch  als  lateinischer 
Titiüarkaiser  paradiei-te,  1328  den  Raymund  de  Termes  nicht 
nm-  zum  Generalvikar  von  Korfu,  sondern  auch  zum  „comes 
Bellogradi  et  Avalone"    ernannt   hatte    (Acta    Albaniae  1,  217). 

Nach  dem  Tode  des  Kaisers  Andronikos  III.  (1341).  der 
schon  die  Annexion  des  Despotates  von  Epirus  durchgeführt 
hatte,  ermöglichten  die  byzantinischen  Bürgerkriege  eine  groläe 
Offensive  der  Serben  gegen  Süden.  Valona  wurde  Avahrscheinlich 
im  Juli  1345  besetzt.  Der  Epilog  des  Psalters  des  Branko 
Mladenovic  verzeichnet  1345 — 1346  die  Einnahme  von  Belgrad 
(Berat)  und  Kanina  (Starine  4,  2M).  Im  Augast  1347  bestätigte 
Zar  Stephan  Dusan,  daß  di'ei  Ragusaner,  Xikola  Lukarevic 
(Luccari),  Marin  Drzic  (Dersa)  und  Domagna  Goljebic  (Golliebo), 
welche  das  Zollamt  von  Valona  seit  zwei  Jahren  gepachtet 
hatten,  alles  bezahlt  haben  (Spomenik  11,  29). 

Zu  seinem  »Statthalter  ernannte  Zar  Stephan  bald  darauf 
den  Despoten  Johannes  „Konmenos  Äsen",  der  ungefähr  1350 — 
1363  Berat,  Valona  und  Kanina  verwaltete.  Xach  der  Chronik 
der  Mönche  Proklos  und  Komnenos  von  Janina  war  er  ein 
Bruder  des  bulgarischen  Zaren  Johannes  Alexander  und  der 
serbischen  Zariza  Helena.  Dieser  Schwager  des  serbischen  Zaren 
heiratete  die  Witwe  des  letzten  Despoten  von  Epirus,  die 
Despina  Anna  mid  trat  als  Erbe  der  fi-üheren  griechischen 
Hen-scher  auf.  In  zwei  slawischen  Briefen  an  die  Ragusaner 
unterschrieb  er  sich  sogar  griechisch,  als  6  öeo.ruttig  Kuui'iji'u^ 
(Spomenik  11,  30).  Im  Jahre  1353  vnirde  „magnificus  vir 
dominus  Johannes  Comminos  et  Assanis.  Fiomanie  despotus" 
von    den  Venezianern    zum    Ehrenbürger    ernannt,    nachdem    er 


179 


selbst  durch  seine  Gresandten  darum  gebeten  hatte  (ib.  11.  11). 
Dieser  Despot  wird  1363  zuletzt  genannt;  wahi'scheinlich  ist 
er  an  der  Pest  dieses  Jahres  gestorben. 

Sein  Nachfolger  war  Alexander,  „Herr  (gospodin)  von 
Kanina  und  Avlona",  nur  1366 — 1368  urkundlich  erwähnt.  Im 
Jahre  1368  ersuchte  er  die  Ragusaner  durch  seinen  Edelmann 
Dimö  um  ihre  Bürgerschaft,  um  „ein  Bruder  der  Ragusaner 
Kommmie"  zu  sein,  erhielt  eine  Urkunde  darüber  uiul  leistete  den 
Bürgereid  vor  dem  Gesandten  der  Ragusaner  Nikola  Kabuzic 
(Caboga).  Als  Zeugen  dieses  Eides  zählt  die  von  Alexanders 
Logofefc  (Kanzler)  Gj urica  geschriebene  slawische  Urkunde  15 
Adelige  von  Valona  auf,  den  Namen  nach  Slawen,  Albaner 
und  Griechen.  Es  ist  darunter  ein  Woiwode  Prodan,  ein  Kefalija 
jNIikleus  von  Valona,  ein  Kefalija  Branilo  Kasti*iot  von  Kanina, 
der  erste  aus  dieser  berühmten  Familie,  der  in  den  Urkunden 
vorkommt,  ferner  ein  Hofverwalter,  ein  Richter  usw.  (Miklosich, 
Mon.  178).  Alexander  war  ohne  Zweifel  ein  Verwandter  des 
Despoten  Johannes,  vielleicht  sein  Sohn. 

In  den  Jahren  1372 — 1385  war  Herr  von  Valona  und 
Berat  Balsa  Balsic,  einer  der  drei  Brüder  Balsici,  nach  Orbini 
ohne  großen  Verstand,  aber  persönlich  tapfer.  Zuletzt  schrieb 
er  sich  auch  Herzog  von  Durazzo  (duka  dracki,  Miklosich, 
Mon.  202 ;  öov^  JvQgaxlov).  Seinen  Besitz  in  Albanien  hatte 
er  durch  seine  Frau  Komnena  erhalten,  eine  Tochter  des  Despoten 
Johannes  von  Berat  imd  Valona.  Orbini,  der  über  diese  Familien 
verläßliche  Daten  vor  sich  hatte,  erwähnt  sie  ausdrücklich  als 
„la  figUuola  del  despoto  di  Belgrado".  Der  Despot  Giovaimi 
Musachi  nennt  sie  in  seinen  Memoiren  unrichtig  Comita  imd 
sagt,  um  die  Rechte  seiner  Familie  auf  dieses  Gebiet  zu  be- 
weisen, sie  sei  eine  Tochter  des  Andreas  Musachi  gewesen, 
was  auch  Hopf  in  seine  Stammtafeln  aufgenommen  hat  (Hopf, 
Chronicjues  281 — 282,  532).  Balsa  verweilte  zeit^veilig  auch  in 
der  Heimat,  wo  er  seine  Urkunden  z.  B.  in  Alessio  und  im 
Kloster  Ratac  bei  Antivari  datierte.  Er  fiel  am  18.  September 
1385  in  einer  Schlacht  gegen  die  Türken  in  der  Küstenebene 
nördlich  von  Valona :  Lampros  hat  zwei  griechische  handschi'ift- 

12* 


180 


liclie  Xotizen  über  dieses    Ereignis  im  „Neos    Hellenomnemon" 
7  (1910),  145  veröffentlicht. 

i^alsas  Witwe  Komnena  Avollte  aus  Furcht  vor  den*  Tüi-ken 
schon  1386  ihr  Land  den  Venezianern  ahti-eten,  konnte  es  aber 
behaupten,  worauf  sie  (1389 — 1390)  Vasall  Venedigs  für  die 
Insel  Saseno  und  für  den  Turm  von  Pirgo  wurde  (Ljubic,  Li- 
stine 4,  226,  263.  266). 

Der  letzte  christliche  Fürst  von  Valona  war  dann  Mrksa 
Zarkovic,  welcher  1391  die  Tochter  der  Komnena,  Namens 
Rugina  (in  den  Urkunden  nur  so  geschrieben)  geheiratet  hatte. 
I)ie  Korrespondenz  der  Venezianer  mit  ihm  ist  bei  Ljubic,  teil- 
weise bei  Jorga  gedruckt,  die  der  Ragusaner  bei  Pucic  und  in 
meiner  Sammlung  im  Spomenik  der  serbischen  Akademie  Bd.  1 1 
(1892),  Die  etwas  verworrene  Genealogie  des  Mannes  habe  ich 
in  der  Einleitung  zu  dieser  Sammlung  eingehend  erörtei-t.  Sein 
Vater  war  der  serbische  Edelmann  Zarko  Mrk.sic,  1356 — 1357 
in  der  Zeta  erwähnt,  „Sarcus,  baro  domini  regis  Raxie'"  der 
Venezianer,  Zdoxog  des  Ohalkondyles.  Seine  Mutter  war  Theodora 
(später  als  Nonne  Xenia),  eine  Schwester  des  Konstantin  Deja- 
novic,  des  mächtigen  Teilfürsten  im  nordöstlichen  Mazedonien 
(t  1394).  In  zweiter  Ehe  heiratete  sie  den  Georg  Balsic  (f  1378), 
den  Bruder  des  Balsa  Balsic ;  von  ihm  hatte  sie  einen  Sohn, 
Konstantin  Balsic,  der  in  Nordalbanien  eine  Rolle  spielte,  aber 
von  den  Venezianern  1402  in  Durazzo  hingerichtet  wurde,  und 
eine  Tochter  Eudokia,  die  dritte  Gattin  des  damaligen  Despoten 
von  Janina,  des  Florentiners  Esau  (oder  Izau)  de  Buondelmonti.' 
Die  Heirat  des  Mrksa  war  dem  byzantinischen  Kirchenrecht 
ganz  und  gar  nicht  entsprechend.  Der  Mann  war  Stiefsohn  des 
Georg  Balsic,  seine  Frau  war  eine  Tochter  des  Balsa  Balsic ; 
demnach  waren  der  Stiefvater  des  Mannes  und  der  Vater  der 
Frau  leibliche  Brüder.  Mrksa  sendete  erst  1394  den  Mönch 
Athanasios  als  seinen  Gesandten  zum  Patriarchen  von  Konstanti- 
nopel, um  ihm  die  Frage    zu  unterbreiten,    mit    der   Darlegung, 

'  Eine  Studie  von  mii-  über  die  Witwe  des  Despoten  Esau  und 
ihre  Söhne  wird  demnächst  in  der  „Byzantis",  der  Zeitschrift  der 
byzantologischen  Gesellschaft  von  Athen  erscheinen. 


181 


daß  seine  Ehe  nur  wegen  der  den  Christen  dieses  Landes  von 
den  Türken  drohenden  Gefahr  rasch  geschlossen  und  vom 
Erzbischof  von  Ochrid  eingesegnet  wurde.  Fürsprache  beim 
Patriarchen  leisteten  auch  Kaiser  Manuel  Palaiohjgos  und  die 
Kaiserin  Helena,  eine  Tochter  des  Konstantin  Dejanovid  und  daher 
eine  Nichte  der  Mutter  des  Mrksa,  der  deshalb  auch  als  Vetter 
(8^dSeX(pog)  des  Kaiserpaares  bezeichnet  wird.  Der  Patriarch 
antwortete,  er  könne  die  Ehe  weder  aufheben,  noch  bestätigen 
und  riet  dem  Kvg  MijQ^/;  und  seiner  Frau  nur  zum  frommen 
und  gotteslurchtigen  Leben  (Miklosich  und  Müller,  Acta  graeca 
2,  230). 

Bei  den  großen  Eroberungen  des  Sultan  Bajazid  L  wurde 
die  Lage  immer  bedenklicher.  Komnena  schätzte  ihre  Einkünfte 
(außer  Berat)  auf  9000  venezianische  Dukaten  und  war  1395 
bereit  vier  Plätze  ihres  Landes  um  eine  Pension  von  7000 
Dukaten  den  Venezianern  abzutreten.  Ihr  Gesandter,  „quidam 
episcopus  Albanie",  nannte  dabei  in  ihrem  Xamen  „loca  sua, 
que  sunt  quatuor,  scilicet  Avalona,  Canina,  Cimera  (Chimara) 
et  turris  Pirgi"  (Misti  vol.  43,  f.  89,  Archiv  von  Venedig).  Nach 
dem  Tode  der  Komnena  (139(5)  trat  ihr  Schwiegersohn  „domi- 
nus Merxa"  {Mug'^ag  der  Chalkondyles)  die  Regierung  an  und 
wiederholte  das  Anbot  an  Venedig  noch  mehrere  Male,  Ijis  der 
Sieg  Timurs  über  Bajazid  bei  Angora  (1402)  wieder  Erleichte- 
rimg  brachte.  Mrksa  besaß  „Avalonam,  Caninam,  Cimeram, 
Belgradum  et  turrim  Pirgi"  und  schätzte  1396  die  Einkünfte 
aller  fünf  Orte  ebenfalls  auf  9000  Dukaten  jährlich  (Misti 
vol.  43,  f.  150  V.).  Die  Venezianer  antworteten  stets  nur  mit 
schönen  Woi-ten  und  leeren  Ausflüchten,  mit  Rücksicht  auf  die 
großen  Kosten  einer  Besetzung  dieses  Landes  und  die  geringe 
Brauchbarkeit  des  Hafens  von  Valona.  Der  Fürst,  der  sich  nur 
„HeiT"  (gospodin,  zvq,  dominus)  nannte,  residierte  auf  der  Burg 
Kanina,  wo  auch  seine  Briefe  datiert  sind  (u  kvdi  Kaninskoj). 
Er  war  Bürger  von  Venedig  und  von  Ragusa.  Die  Pächter 
seiner  Zollämter  von  Valona  imd  Pirgo  waren  meist  Ra^usaner. 
Die  Kanzlei  mit  Jani  dem  Protonotjir  und  dem  Schreiber 
Diinitar  war  wohl  mehr  slawisch  und  griechisch,  als  lateiniscii. 


182 

Als  Edelleute  des  Hofes  werden  genannt :  David.  Miralija,  Georg 
Kuvedatic,  der  AUmnier  Kosta  Barda  (der  „weiße")  und  Janja 
•lanjetic.  später  bei  der  Kugina  allein  Nikola  Corka.  In  den 
Amtsbücliern  von  Ragusa  erscheint  Mrksa  7Ailet/i  1412;  nach 
Hopf  starb  er  1414.  Seine  Witwe  Kugina  bot  1415—1416  ihr 
Land  wieder  gegen  eine  Entschädigung  von  10.000  Dukaten 
den  Venezianern  an ;  sie  reservierte  sich  bloß  Pirgo  mit  zwei 
benachl^arten  Dörfern,  die  1000  Dukaten  jährlicher  Einkünfte 
brachten  (Yorga,  Notes  et  extraits  1,  257).  Aber  schon  im  Juni 
1417  Ijrach  ein  türldsehes  Heer  in  ihr  Gebiet  ein  und  eroberte 
Berat.  Kanina  und  Valona :  Rugina  mußte  Zuflucht  auf  Korfu 
suchen  (Brief  der  Kagusaner  an  König  Sigismund  vom  26.  August 
1417.  Spomenik  11,  15;  Jorga,  Notes  2,  160).  Der  türkische 
Feldherr  Hamzabeg  wurde  Befehlshaber  von  Valona  und  die 
Türken,  w^elche  zuerst  einen  Hafen  an  der  Küste  des  Adria- 
tischen  Meeres  in  ihren  Besitz  bekamen,  begannen  dort  bald 
Schilfe  zu  bauen.  Vergeblich  bemühten  sich  die  Venezianer  1418 
den  Sultan  Mohammed  I.  zu  bew^egen  Valona  mit  den  übrigen 
Plätzen  der  vertriebenen  Rugina  zm-ückzugeben,  da  sie  Bürgerin 
von  Venedig  sei.  Rugina  ließ  ihre  Schatzkammer  bei  den  Ragu- 
sanern  deponieren  (Pucic  2,  73)  und  kam  einmal  (1421)  per- 
sönlich nach  Ragusa,  aber  seit  1422  liest  man  nichts  mehr  von 
ihr.  In  Valona  gab  es  indessen  auch  unter  den  Türken  christ- 
liche Zollpächter;  der  Handel  war  nicht  minder  lebhaft  als 
zuvor.  Als  König  Wladislaw  von  Polen  und  Ungani  1444  die 
Offensive  gegen  die  Türken  ergriff,  wünschten  die  Ragusaner 
bei  der  erwarteten  Teilung  der  Beute  Valona  und  Kanina  zu 
erhalten,  doch  es  folgte  nur  die  Katastrophe  von  Varna  (Gelcich 
und  Thallöczy,  Diplomatarium  relationum  reipublicae  Ragusanae 
cum  regno  Hungariae  457,  459;  Jorga,  Notes  2,  403). 

Die  Ausfuhr  von  Valona  beschäftigte  sich  damals  besonders 
mit  Geti-eide  und  Salz,  daneben  auch  mit  Seide,  Hammelfellen. 
Fischen,  Fischroggen  (bottarga)  und  Jagdfalken.  Bei  der  Einftihr 
werden  Tücher  und  Eisenwaren  (Pflugscharen  usw.)  genannt. 

Die  Einwohner  waren  im  XIV.  Jahrhundert  meist  Griechen, 
neben  Albanern    und  Slawen:  Vasilius  filius  quondam  Michaelis 


18ä 


Sinoffi  1H26,  Arminiia  loöO,  Micali  Politi  und  Costa  Sinat  1354, 
r)yniitrius  spadarins  frater  Armiraye  1304,  Micha  de  Lareti  1890, 
Janis  Pepano  und  Manuel  Lurricha  1391,  Miraj^lia  Lavetich 
140s,  Dimiti-ius  Spata  und  Georgius  Puliti  filius  comiti  Leo  de 
Avallona  1414,  Nicolaus  Kibiza  (ribica  serbokroatisch  ein  kleiner 
Pisch),  Grecus  de  Avelona  1429  usw.  Es  gab  auch  Juden: 
Ebreus  Chainus,  habitator  Valone  1414,  Frainus  Judeus  de 
Avalona  1425.  Wie  der  Metropolit  Anthimos  verzeichnet,  sind 
die  letzten  Juden  von  Valona  im  XVIII.  Jahrhundeii  nach 
Korfu.  Kastoria  und  Monastir  ausgewandert. 

In  kirchlicher  15eziehung  gehörte  Valona  bis  ins  XVIII. 
Jahrhundert  zum  autokephalen  Erzbistum  von  Ochrid.  Hahn 
erwähnt  bei  der  Stadt  die  Reste  von  (>  — 7  Kirchen  oder  Klöstern. 
Nach  Anthimos  haben  die  griechischen  Christen  der  Stadt  eine 
Kirche  des  heiligen  Blasios.  Es  gab  einen  Bischof  von  Valona 
und  Kanina  noch  um  1600.  Sein  Bistum  wurde  später  mit  der 
Metropolie  von  Berat  vereinigt  und  so  blieb  es  bis  zum  heutigen 
Tage  (vgl.  Geizer.  Das  Patriarchat  von  Achrida,  Leipzig,  1902, 
S.  20.  30.  31,  33). 

Vor  Valona  liegt  die  Insel  ^V^sr(/o  mit  Höhen  bis  331  Meter, 
im  Altertum  Sdson  genannt,  auch  von  Caesar  erwähnt,  jetzt 
mit  einem  Leuchtturm,  im  Sommer  von  Hirten  belebt.  Einst 
galt  sie  als  ein  Schlupfwinkel  von  Piraten.  Wie  erwähnt,  gehöi-te 
die  Insel  seit  1389  als  Lehen  zur  venezianischen  Verwaltung  von 
Korfu.  Im  Mittelalter  wird  sie  in  Reisebeschreibungen  nebenbei 
erwähnt  (vgl.  Spyridiun  Lampros,  H  rrjanq  ^daiov  im  \toc 
'E}.h}vnim']iic>v  11,  1914,  57 — 93). 

Der  Golf  von  Valona  ist  eine  treffliche  große  Hafenbucht, 
nmrahmt  \o\\  felsigen  Bergen,  aber  bei  ungünstigem  Winde 
■werden  Segelschiffe  oft  lange  festgehalten.  Von  Westen  ist  er 
cremen  das  offene  Meer  "abgeschlossen  durch  eine  Kette  kahler, 
steiler,  nur  in  der  Höhe  l^ewaldeter  Felsberge,  mit  Gipfeln  bis 
839  Meter.  Diese  gebirgige  Halbinsel  endigt  mit  dem  Cap  Llufiuetfa 
oder  gi-iechisch  (t/oss((.  Das  ist  das  Arrorcranniinn  i>romontor'unt) 
der  Römer,  das  Ende  der  CcnniKÜ  oder  Ärroreraxnü  mordes. 
Anna   Komnena    erzählt,  wie  der  nonnannische    Herzog    Robert 


Schiffe  ta;»t  --.        _.  Mit  vn    Worten 

»iie  KaL-i^^rs:  ..    wi** 

men«i  «la.1  Me*»r    U'-i     ~ 

.Se«»!;aruf  di*»   I; 

^fcar'^TT.   auf  das   Vfri^^'k   } 

?!•  .'*r  Qtirrna 

aehellt  wniden.  Eine  lUi' 

•^ätfep  a^rf  ♦^'»r  W*»st8^iti»    <1< 

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Epirus  T*»tu3. 

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(t  177».  ein  reicher  Mäzenat 

des  Kaisers  Hadrian.  ai      - 

bang  mit  i*Ian  und  A^- 

Die  Leute    •--   ^^—  ^    - 

der  Bibel  -.       . 

Urkunde  119y    Ij.nivincia   Jerkhu 

1  p.  S*?).    IHe   .Ajxhinit"  -       -     ■] 


er   antiken 


••in   f 


^  '     UV.l-  L     -'l 


vLa»    i>u«:ii    Tun    i~.' 
Ort  onter  dem   Eini 
K       nena  and  in  vitr 
\  'A    Albani' 
-r^heint  wn 


ISO 


in  der  Zeit  der  Aiijous  in  einer  Urkunde  1:274  (ib.  1  p.  93). 
Heilte  ist  alles  verödet,  aber  die  ijanze  Umijelnmij  ist  voll 
antiker  und  mittelalterliilier  Keste.  Obwohl  die  Landschaft  jetzt 
vorwiegend  von  Mohammedanern  bewohnt  ist.  haben  sich  zahl- 
reiche christliche  Kircliennamen  erhalten :  iSen  Onutri,  iSenkol 
(S.  Nikolaus).  Öen  Gergi,  Öen  Jan,  Sen  Dre  (S.  Andreas),  wie 
auf  der  Karte  bei  Patsch  zu  sehen  ist.  Der  Islam  hat  sich  noch 
in  der  letzten  Generation  unter  den  Kesten  der  t'hristtni  weiter 
verbreitet. 

Südlich  von  den  Ruinen  von  Oricum  liegt  eine  grol.>e 
burchenruine  mit  hoher  Kuppel  und  Kesten  von  Fresken,  grie- 
chisch genannt  die  Kirche  der  „Leben  bringenden  Quelle" 
(Zoodochu  Pigis).  albanisch  Kisa  Marmiroit  (die  Marmorkirche). 
Dr.  Patsch  meint,  dies  sei  das  mittelalterliche  (Tlavinim,  eigent- 
lich Qlücbnica  (slawisch  glava  Kopf),  wie  der  Name  in  der  Visio 
Danielis  und  dem  von  Balascev  herausgegebenen  Officium  des 
heiligen  Klemens  zu  lesen  ist.  Zuerst  erscheint  dieser  Ort  mn 
900  in  der  Biographie  des  Bischots  Klemens  von  Ochrid.  eines 
Schülers  der  ShiAvenapostel.  In  den  älteren  Verzeichnissen  der 
Bischölsitze  der  Metropolie  von  Dyrrhachion  aus  dem  A  111 — X. 
Jahrhundert  wird  ein  Bischof  von  Glavinica  genannt,  neben 
dem  von  Auloneia  oder  Valona  (l'ai-tliey,  Notitiae  episcopatuum 
S.  125,  221):  dabei  wird  Glavinicii  erklärt  als  Akrokeraunia, 
o  rKct^iiLTCic^  ijoL  Ir/.oo/.^Quvvi-üi^,  wus  gerade  in  die  Berge 
südwestlich  vom  Golf  von  Valona  führt.  In  den  Urkimden  des 
Kaisers  BasiHos  II.  (um  1020)  für  das  Erzbistum  von  Ochrid 
rinden  wir  das  Bistum  von  Glavinica  unter  Ochrid  und  zwar 
iiehörte  zu  seinem  Gebiet  auch  Kanina :  A^ilona  wird  nicJit 
erwähnt  (Byz.  Zeitschrift  2,  42).  In  den  zwei  von  Geizer 
gefundenen  Verzeichnissen  der  Bistümer  der  Kirche  von  Ochrid 
aus  dem  XL  Jahrhundei-t  sind  die  Bischofsitze  von  Glavinica 
und  Kanina  bereits  von  einander  getrennt  (ib.  1,  257).  Oft  wird 
Glavinica  in  der  Geschichte  der  Normannenkriege  bei  Anna 
Komnena  genannt,  doch  ohne  nähere  Details  über  die  Ijage. 
Die  Urkunden  1204  —  1210  nennen  ein  ..  Charta larat"  (Bezirk 
eines   Chartulars)    von   Glavinica,    in    der    Provinz   von  Dnrazzo 


186 


(Tafel  und  Thomas  ].  472).  Dieser  Landbezirk  hatte  120")  nur 
3 — 4  Dörfer  (easalia).  untergeordnet  „snb  Dirrachio",  neben 
Spinarica  und  Valona  (ib.  1,  570.  vgl.  Acta  Albaniae  1,  42 
uro  130).  Zuletzt  erwähnt  Erxbischof  Demetrios  Chomatianos  von 
Ochrid  (um  1230)  in  Glavinica  ein  Kloster  des  heiligen  Demetrios. 
Es  ist  bemerkenswert,  daß  in  der  Zeit  der  Anjous  die  katho- 
lischen Bischöfe  von  Valona  den  Titel  führen  „Avellonensis  et 
Glavinicen.sis".  Ein  Jahrhundert  siiäter  erscheint  Glavinica  1376 
und  1438  im  Titel  des  griechischen  Bischofs  von  Berat  (Acta 
Albaniae  1  p.  80,  nro  281).  Alle  Nachrichten  weisen,  wie  schon 
Tafel  richtig  bemerkt  hat.  ziemlich  klar  in  die  Landschaft  süd- 
lich von  Valona  und  Kanina,  zu  den  Aki-okeraunischen  Bergen 
und  zum  Golf  von  Valona.  und  machen  die  Vennutunij  des 
Dr.  Patsch  sehr  wahrscheinlich. 

In  den  Bergen  östlich  von  Valona  gab  es  im  Altertum 
zwei  größere  Stadtgemeinden.  In  dem  Gebiet  des  illvrischen 
Stanunes  der  BiilUortes,  Avelche  im  III.  und  II.  Jahrhundert  v, 
Chr.  auch  eigene  Bronzemünzen  prägten,  gründeten  die  Römer 
die  Colonia  Bi/Uis.  Ihre  auch  von  Patsch  beschriebenen  Ruinen 
liegen  in  der  Luftlinie  luu-  ungefähr  22  Kilometer  östlich  von 
Valona.  in  Wirklichkeit  7  schwiericfe  We(;stunden  weit,  bei 
dem  Dorfe  Hekalj  in  der  Landschaft  3Ialahistra  auf  dem  Rücken 
(xradista  (546  Meter),  der  steil  zur  Vojussa  abf.illt.  Von  den 
hochgelegenen  Ruinen  eröfftiet  sich  eine  großartige  Rundsicht; 
man  sieht  die  Berge  des  Tomor,  im  Westen  die  Adria  mit  der 
Insel  Saseno.  Die  Stadtmauer  steht  stellenweise  noch  8  Meter 
hoch,  mit  einem  Torturm.  Es  gibt  aurh  Reste  von  Vororten 
mit  einer  Wasserleitung.  Eine  große  lateinische  Inschrift  im 
Kalkfels  unter  der  Stadtmauer  berichtet  über  römische  Straßen- 
und  Brückenbauten  in  der  Zeit  um  165  n.  Chr.  Im  V.  Jahr- 
hundert werden  Bischöfe  von  Bullis  oder  Byllis  erwähnt,  aber 
im  VI.  Jahrhundert  An'rd  die  Stadt  zuletzt  bei  Hierokles  genannt. 
Im  Mittelalter  gal)  es  hier  eine  Ortschaft  G-raditzioti  (slawisch 
grad,  gi-adec  Burg),  Sitz  des  Bischof  n  rorthiTuinn,  eines  der 
15  Bischrife.  die  ursprünglich  dem  Metropoliten  von  Dvrrhachion 
untergeordnet  waren. 


187 


Südöstlk'h  von  Valoiiti  lag  AiiKoäta,  30  römische  Meilen 
von  ApoUonia  an  der  Straße  in  das  epirotische  Hadrianopolis 
(bei  Argyrokastro).  Das  Gebiet  der  „Aniantini"  reichte  im 
AVesten  bis  -/my  Meeresküste.  Deshalb  suchte  man  in  neuerer 
Zeit  den  Ort  näher  am  Golf,  aber  Patsch  fand  die  Ruinen  in 
Pljoca,  auch  etwa  22  Kilometer  (in  der  Luftlinie)  südöstlich 
von  Valona,  in  der  Berglandschalt  (615  Meter)  /.wischen  der 
Vojussa  und  deren  Zufluß  (von  linker  Seite)  Susica.  Es  stehen 
dort  noch  Stadtmauern  aus  Quadern  über  3  Meter  hoch,  Reste 
eines  Tores,  Trümmer  von  zwei  großen  Bauwerken,  Skulpturen 
(auch  Kapitale  mit  Kreuz),  (Jrabreliets,  Statuen  usw.  Eine 
doppelsprachige  griechisch-lateinische  Inschrift  berichtet  über 
die  Errichtung  eines  Geti-eidespeichers  um  200  n.  Chr.  Um 
344  wird  hier  ein  Bischof  erwähnt.  Noch  Kaiser  Justinian  ließ 
die  Mauern  von  Amantia  erneuern,  aber  nach  den  Erwähnungen 
bei  Prokopios  und  Hierokles  wird  die  Stadt  nicht  mehr  genannt 
und  düiite  schon  bald  nachher  verlassen  worden  sein.  Das 
Mittelalter  kennt  Amantia  nicht  mehr. 


188 


Die  Kirchenzustände   im  vortürkischen  Albanien. 
Die  orthodoxe  Durchbruehszone   im  katholischen 

Damme.  ^ 

Von  Dr.  Milan  i\  ^nfflay. 

(I.  Spuren  des  Heidentums.  Alhavien  ein  aUchristUcJies  Land.  Genesis  der 
Diözesen:  Primäre  (bis  GO:JJ,  sehaidüre  {Ins  1200),  tertiäre  (dis  1370) 
Schicfite.  Die  Metropölitanhirclie  von  Durazzo  'und  die  antokephale  Kirche 
von  Oclirid.  Huama  und  Antiluiri  im  Kampfe  zwisrlien  Papsttum  und 
Byzanz.  Verfall  der  2[etropolitamieiv(dt  von  Durazzo.  Heraushildunfj  der 
Hletropolita^tf/ewalt  Äntibaris  üher  Xordulhaiiien.  Der  Orthodoxismus  des 
Südens  und  der  Triumph  des  Katholizismus  im  XIV.  Jahrhundert,  Die 
Periode  der  Diözesenkontraktion  und  der  Verselviebuny  der  Biscliofsresidenzen 
im  X.V.  und  X.VI.  Jahrhundert.  Ein  Epilog  des  Kampfes  zwischen  Okzident 
und  Orient :  Die  exotische  Ersclieinung  des  „arclviepiscopus  Crainensis"  im 
XV.  Jahrhundert.  —  II.  Die  ortliodoxe  Durchbruehszone.  Die  ,,monasteria 
Sclavorum'\  die  serhischen  Bistümer  an,  der  Küste  und  die  Besitzumjen  der 
großen  serbischen  Klöster.  Albanien  eine  katholische  Insel  mit  orthodoxem 
Riff  von  Durazzo.  Das  Schwanken  der  alhanischen  Dgnasien.  Die  Position 
der  katholischen  Biscltöfe.  Parteikämpfe.  Xatiomdität  der  Bischöfe,  ihre 
Besitzungen  und  allmähiige  Verarmung.  Domkapitel.  Pfarrkirc-Iien  und  Stadt- 
kirchen. Lage  des  kleinen  Klerus.  Ül)erprod>(ktimi  der  Kleriker  in  Xord- 
albanien.  Geistliche  Orden,  Wallfahrtsorte,  lOöster  der  Benediktiner,  Domini- 
kaner und  Franziskaner.) 

Wie  ethniscli,  politisch  und  kulturell,  ist  Albanien  auch 
vom  kirchlichen  Standpunkte  aus  ein  ausgeprägtes  Grenzgebiet, 
dessen  Profilzeichnung  liier  umso  eigentümlicher  ausfällt,  als 
schon  von  allen  Anfangen  an  die  Gesamtbildung  des  geistlichen 
Unterbaues  der  politischen  Dauerrichtung  fast  direkte  entgegen- 
lief, später  aber  die  byzantinische  Doppelkruste  der  kaiserlichen 
und  der  Patriarchalgewalt,  die  Albanien  im  vielen    ähnlich  wie 

« 
'  Dies  ist  das  IX.  Kapitel  einer  Geschichte  Albaniens,  woran  der 
Verfasser    arbeitet.  —  Über    den    historischen  Begriff  Albaniens  s.  vor- 
läufig   die    Einleitung    zu    den  ^Acta  et  diploniiita  res  Albaniae  mediaf 
aetatis  illustrantia"  Ed.  I.  (Wien,  1913)  von  dcmsolben  Verfasser.  , 


189 


Unteritalien  nach  und  nach  zu  bedecken  begann,  vom  AVesten 
her  teils  durch  Waffengewalt,  teils  durch  verschiedenartige 
Emanationen  der  römischen  Kurie  fortwährend  aufgerissen  wurde. 
Unter  dem  primären  Einflüsse  des  Westens  und  durch  ständigen 
Kontakt  mit  Rom  bildete  sich  aus  dem  romanischen  Elemente 
vom  Quarnero  bis  nach  Durazzo  ein  hochkatholischer  lebendiger 
Damm,  dessen  äußerst  lebensf;lhige  Zellen  bei  günstiger  Kon- 
stellation das  heterogene  kroatische,  beziehungsweise  albanische 
Material  tief  in  das  Binnenland  zu  verarbeiten,  und  im  XIV. 
und  XV.  Jahrhundert  selbst  ganz  Süddalmatien  mit  albanischen 
Klerikern  zu  versehen  vermochten,  ein  Damm,  der  unter  schwer- 
sten Verhältnissen  Jahrhunderte  lang  den  Anstürmen  des  Ortho- 
doxismus trotzte,  und  nur  einen,  wenn  auch  äußerst  starken 
serbischen  Riß  in  der  Richtung  Prizren — Cattaro  (heutiges  Monte- 
negro) und  eine  griechische  Überflutung  von  langer  Dauer  in 
Durazzo  erlitt.  Die  Geschichte  der  dicht  gesäten  katholischen 
Bistümer  entlang  der  Durchbruchszone,  das  Wirken  der  Bischöfe 
der  alten  Bistümer  von  Scodra,  Sarda,  Dulcigno,  Drivast,  das 
Entstehen,  Lavieren  und  die  diplomatische  Vermittlungsrolle 
des  am  stärksten  exponierten  Erzbistums  von  Antibari,  die  Ent- 
stehmig  des  exotischen  Erzbistums  von  Krajina,  die  latenten 
Kräfte  des  Westens  in  Durazzo,  die  ein  lateinisches  Archidia- 
konat  neben  dem  griechischen  Metropoliten  ständig  erhielten, 
und  im  XlIJ.  Jahrhundert  zu  der  parallelen  Existenz  eines 
katholischen  imd  eines  orthodoxen  Erzbischofs  führten,  die  Er- 
richtung eines  Bistümergürtels  im  albanischen  Binnenlaude 
ülier  Sappa,  Baleco,  Dagno,  Chunavia,  Seampa-Tzernik-Vrego 
bis  nach  Prizren  und  Ochrid,  wodurch  in  der  zweiten  Hälfte  des 
XIV.  Jahrhmideris,  am  Vorabend  der  türkischen  Invasion  eine 
Glanzperiode  des  Katholizismus  erzielt  wurde,  dies  sind  die 
fixen  Punkte,  auf  die  wir  unser  Hauptaugenmerk  zu  richten 
haben,  denn  sie  liefern  einen  wichtigen  Beitrag  zur  mittelalter- 
lichen AVeltgeschichte. 

Doch  der  tausendjährige  Kampf  zwischen  Papsttimi  mid 
Byzanz  nahm  auf  dem  albanischen  Boden  fast  nie  allzu  schroffe 
Eormen    au.    Die    starke    Mischuntj    der    Bevölkerung    in    den 


190 


Städten,  die  Bilinguität  der  Durazxiner,'  die  katzenartige  Gewandt- 
heit der  städtischen  romanischen  Katholiken  im  Dienste  der 
orthodoxen  Dynasten,  die  antibyzantinische  weltliche  Politik 
der  serbischen  Könige,  endlich  das  dem  religiösen  Grefühl  Aveit- 
aus  überlegene,  überaus  starke  Stammesgefühl "  des  gewölm- 
lichen,  und  der  rücksichtslose  Egoismus  des  adeligen  Albanesen 
ließen  den  eventuell  vorhandenen  religiösen  Eifer  nie  zum  Fana- 
tismus werden.  Vom  religiösen  Fanatismus,  der  dem  heutigen 
Albaner  infolge  der  alten  Koranlehre  und  der  modernen 
katholischen  Propaganda  ^  vielleicht  auch  wirklich  innewohnen 
mag,*  ist  im  Mittelalter  kaum  welche  Spur  zu  finden.  Im 
Gegenteil,  es  bedurfte  oft  dh-ekter  päpstlichen  Injektionen,  um 
die  katholischen  Albaner  aus  ihrer  Flauheit,  ja  Apathie  zu 
dem  Orthodoxismus  aufzurütteln,  dessen  Schwere  sie  nie  recht 
fühlten,  dessen  Gegensätze  sie  nie  tief  empfanden.  Erst  die  in 
das  Leben  des  albanischen  Adels  tief  eingreifende  Türkengefahr 
machte  aus  den  Albanern  vorübergehend  ein  bewußtes  Boll- 
werk des  Katholizismus  dem  Islam  gegenüber  '  und  ließ  sie 
auf  die  längste  Dauer  hin  jeden  Gegensatz  zu  ihren  orthodoxen 
Waffenbrüdern  vergessen.  Aber  schon  Skenderbeg  war  eine 
Zeit  lang  Mohammedaner  und  nach  seinem  Tode  traten  sogleich 
viele  Mitglieder  des  Adels  zum  Islam  über.  Auch  unter  dem 
Volke  verbreitete  sich  der  Glaube  Mohammeds  viel  rascher  und 
leichter  als  in  Bulgarien,  Serbien,  oder  bei  den  Griechen. 


Die  Ausbreitung  des  Christentums  in  Illyi'ikum  gehört  in 
die  Geschichte    der    ersten  Jahrhundei-te  dieses  Glaubens.*^    Die 

1  AAlb.  (=  Acta  Albaniae)  1,  nro  235. 

2  Cf.  Gravier,  L'Albanie  et  ses  limites  (Extrait  de  la  Revue  de 
Paris,  1913)  8  f. 

3  Cf.  Woods,  La  Turquie  et  ses  voisins  (Paris)  91 — 93. 

*  Chlumecky,  Österreisch-Ungarn  und  rtalien  (Leipzig  u.  Wien. 
1907)  109. 

-  Theiner,  M.  Slav.  1,  367  f.  (1434.) 

"  Harnack,  Die  Mission  u.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den 
ersten  drei  Jahrhunderten,  2  Aufl.  (1906)  2,  74,  197,  202. 


191 


Spuren  des  illyrischen  Heidentums  erblassen  sehr  früh,  von 
beiden  Kirchen  mit  christlichen  Motiven  ersetzt,  oder  aber  ver- 
schmelzen mit  denjenigen  des  slawischen  Heidentums/  Heid- 
nische Überlebsel  sind  in  den  Quellen  des  Mittelalters  kaum 
anzutreffen  und  auch  die,  in  der  ziemlich  reichen  albanischen 
Folklore  enthaltenen  heidnischen  Fossile  könnten  mu-  durcli 
eine  sehr  eingehende  vergleichende  Methode  für  spezifisch 
albanisch  erklärt  werden,  denn  es  steht  außer  Zweifel,  dal.) 
die  Albaner  in  Bezug  auf  ihren  Volksglauben  seitens  der 
jüngeren  slawischen  Heiden  einem  anhaltenden  und  mehrfachen 
Einfluß  ausgesetzt  waren.  Zu  den  gemeinsamen  Elementen  des 
einstigen  Heidentums  der  Balkanländer  gehört  bei  den  Alba- 
nern das  Einmauern  von  Tieropfern  in  die  Fundamente  großer 
Bauten.-  Die  Sage,  daß  man  zu  dem  Zwecke  früher  Menschen 
geopfert  habe,  scheint  nach  Hahn  in  ganz  Albanien  bekannt 
zu  sein,  ähnlich  der  Sage  der  Serben  über  die  Erbauung 
Skadars,^  derjenigen  der  Bulgaren  über  die  Burg  Lydza-Hissar 
bei  Philippopel,  bei  den  Neugriechen  über  die  Brücke  von 
Arta,  bei  den  Rumänen  über  die  Kirche  Curtea  de  Arges.'' 
Genuin  albanisch  scheint  auch  der  Kultus  der  Dihnonen  zu 
sem,  obgleich  fast  für  ein  jedes  Detail  des  albanischen  Volks- 
o-laubens  ein  Pendant  bei  den  Montenegrinern  und  auch  Ser- 
ben  zu  finden  ist.  Die  Wittore  des  Hauses,  der  glückbringende 
Hausgeist,  der  als  kleine  dicke  Schlange  mit  bunter  Haut 
gedacht  wird,  in  der  Hausmauer  wohnt  und  seinen  Schlupf- 
winkel  nur    selten   verläßt,^    ist   genau    dasselbe,    was   bei  den 

1  Makusev,  U  Slavjauah  v  Albanie,  Vavsavskija  univers.  izvestija, 
1671.  Heft  3,  128  f. 

2  Halin,  Albauesisclie  Studien  1,  160;  Siebertz,  AHjanieii  und  die 
Albaneser  (Wien,  1910)  209. 

»  Das  serbische  Lied  deutscli  bei  Talvj,  Volkslieder  der  Serben, 
metriscli  übersetzt  und  histonscli  eingeleitet  (Halle,  1825). 

*  Dietriech,  Die  Volksdichtung  der  Balkanländer  in  ihren  gemein- 
samen Elementen,  Zeitschrift  d.  Vereines  für  Volkskunde  in  Berlin,  1902. 

°  Hahn  o.  e.  1,  162.  Interessant  ist  es,  daß  in  Elbassan  das  Wort 
Wittore  schon  einen  übertragenen  Sinn  hat ;  man  bezeichnet  mit  diesem 
Namen  eine  Frau,  welche  viele  Kinder  besitzt,  mithin  eine  glückliche  Frau. 


192 


Montenegrinern  und  Serhen  die  Haussehlano-e  (kucna  zmija)  sjdb- 
ziell,  im  erweiterten  Sinne  aber  der  Sjen  (wörtlich. :  Schatten), 
der  Schutzgeist  eines  Hauses,  Sees,  Berges  und  der  Wälder  ist. 
Ahnlich  Avie  die  Montenegriner  den  Sjen  des  Berges  Koin  auf 
der  Insel  Odrinska  Gorica  im  See  von  Skutari,  fürchten  die 
Albaner  der  an  Nadelholz  reichen  Landschaft  Lurja  den  Wald- 
geist, und  wao'en  nicht  einmal  die  trockenen  Aste  vom  Boden 
aufzuheben.''  In  der  Stiftuugsurkunde  des  Erzengelklosters  von 
Prizren  (1348)  heißt  eine  Quelle  bei  Siklja  und  Kruimada 
(„große  Quelle")  in  Oberj)ilot  „Quelle  des  hl.  Georg"  (vi-elo 
SV.  Gjurgja) ;  der  Heiligennanie  verdeckt  hier  gewiß  einen 
heidnischen,  albanischen  Schutzgeist.  Die  igniti  serpentes,  Feuer- 
scblangen,  welche  nach  der  in  der  ersten  Hälfte  des  XI.  Jabr- 
hunderts  entstandenen  Legende  des  hl.  Wladimir  auf  dem 
Berge  Oblicli  (Obliquus)  westlich  von  Scodra  hausten  und  in- 
folge der  Gebete  des  frommen  Serbenfürsten  unschädlich  wur- 
den,' waren  von  Albanern  und  Slawen  gewiß  gleich  gefürchtet, 
wie  heute  noch  der  materielle  UbeiTest  dieser  Legende  „das 
Kreuz  von  Krajina"  von  ihnen  geehrt  wird.^  Das  Scblachten 
eines  Widders  bei  einem  Neubau,  eines  Bocks  bei  der  Eröffnung 
einer  neuen  Quelle  im  heutigen  Montenegro  *  ist  gewiß  den 
Albanern  entlehnt  und  kann  auf  den  Kultus  des  illyrischen 
Gottes  Bindus  im  Gebiet  der  Japoden  zurückgeführt  werden ;  •' 
dagegen  ist  der  Glaube  der  heutigen  Albaner  an  den  Wur- 
wolak,  wie  auch  bei  den  Rumänen  (vircolac)  und  Neugriechen 
(SovQy.öXaxvg)  slawischen  '^  Ursprungs  (vukodlak). 

Die  Christianisierung   Illvrikums    ging  zweifellos  aus  zwei 

'  Rovinskij,  Sbornik  ru?s.  akad.  69  (1901),  502  ;  Steinmetz,  Von 
Adria  zum  Schwarzen  Drin  (Sarajevo,  1908),  49  ;  Jirecek,  G.  der  Ser- 
ben l,  153. 

-  Kronika  popa  Dukljanina  (ed.  Crucic)  p.  41 ;  Jirecek,  G.  der 
Serben  1,  167. 

^  S.  unten. 

*  Rovinskij  a.  o.  5oö.  Halm  o.  c.  1,  160. 

^  Patsch,  Wiss.  Mitteü.  aus  Bosnien  6  (1899),  155.  Jirecek, 
o.-  c.  1,  168. 

^  Die  Literatur  darüber  bei  Jh'ecek  1,  164. 


193 


"Zentren,  /.ugieich  Hauptorten  der  Provinzen  Dalmatien  und 
Epirus  und  Ausgangspunkten  der  Heerstraßen,  aus  Salona  und 
Dyrrhacliion  aus.  Als  iiriiii/iir  Bischofssitze  (bis  602),  deren 
Bischöfe  vom  HI — V.  Jahrhundert  öfters  genannt  werden,-  sind 
in  Albanien  außer  Dyrrhachion  noch  Doclea,  Sarda,  Scodra, 
Lissus,  Seanipa,  Amantia,  Appolonia,  Byllis,  Aulona  und  wahr- 
scheinlich auch  Ulcinium  zu  betrachten.  Die  Metropolitangewalt 
folgte  im  ersten  Jahrtausend  genau  den  politischen  Verschie- 
bungen. Vor  der  Zweiteilung  der  großen  Provinz  Dalmatien  am 
Ende  des  JH.  Jaln-hunderts  in  Dalmatia  Salonitana  und  Prae- 
valis  reichte  die  Kirchenorganisation  von  Salona  bis  unter  Lis- 
sus, also  gerade  bis  an  die  Hauptgrenze  zwischen  Latein  und 
Griechisch,'  Reminiszenzen  darauf  nehmen  eine  konki-ete  Form 
noch  am  Ende  des  XII.  Jahrhunderts  in  den  Briefen  eines 
Prälaten  von  Antibari "  und  im  XHI.  Jahrhundert  in  der 
Historia  ecclesiae  Salonitanae  des  Archidiakon  von  Spalato  an. 
Die  Errichtung  der  Provinz  Praevalis  mit  den  Städten  Doclea, 
Scodra  und  Lissus,  sowie  die  intensivere  Organisation  der  Kirche 
seit  den  Zeiten  Konstantins  überhaupt  hatten  zur  Folge,  daß 
zwischen  Salona  und  Dyrrhachium  für  kurze  Zeit  in  Scodra 
eine  di-itte  Metropolis  entstand."  Dieser  Umstand  ermöglichte, 
daß  die  definitive  Zweiteilung  des  Rthnischen  Reiches  (395)  auf 
diesem  Boden  gar  keine  Erschütterung  der  Diözesangewalt  nach 
sich  ZOO-,  denn  die  Grenze  der  beiden  Reiche  scheint  auch  die 
Grenze  zwischen  Dalmatien  und  Praevalis  in  sich  aufgenommen 
zu  haben.'  Politisch  unter  Byzanz,  verblieben  die  Provmzen 
Praevalis  und  Epirus  Nova  (Albanien)  auch  weiterhin  dh-ekt, 
bzw.    indirekt    durch   den   päpstlischen  Vikar  von   Thessalonik," 

•  Cons,  La  Dalmatie    romaine  184  ;  Jirecek,    Romanen,   1,  13,  33. 

-  AAlb.  1,  nro  100  (=  Acta  et  diplomata  res  Albaniae  mediae 
aetatis  illustrantia). 

•■'  Cons,  La  Dalmatie  251,  290;  Faiiati,  ül.  sacrum  7,  1. 

■*  Güldenpenning,  Geschichte  des  oströmischeu  Reiches  unter 
dem  Kaiser  Arcadius  und  Theodosius  (1885)  2,  3;  Jirecek,  Romanen  1,  17. 

6  Literatur  darüber  in  AAlb.  1,  nro  2,  5,  7  ;  dazu  noch  Duchesne, 
Esrlises  separees  (1905)  229—^279;  für  die  Zeit  Kaiser  Zenos  (484)  s. 
Barth,  Kaiser  Zeno  (1894)  10«. 

18 


194 

von  Rom  abliängig  und  daran  änderte  gar  nichts  der  Lnistand^ 
dalD  im  Jahre  535  die  Bistümer  von  Praevalis  der  Kirche  von 
Justiniana  Prima  untergeordnet  Avnrden  und  noch  unter  Gregor  1. 
in  dieser  Abhängigkeit  sich  befanden.'  An  allen  wichtigeren 
Angelegenheiten  der  römischen  Ku-che  nehmen  die  Bischöfe  des 
späteren  Albaniens  einen  regen  Anteil,  in  Praevalis  (549)  wird 
gleich  wie  in  Dalmatien  ein  pä])stliches  „pati-imonimn''  erwähnt,- 
und  wenn  auch  schon  jetzt  bei  den  Prälaten  von  DyiThachion 
ein  starker  Hang  für  den  Orient  zu  konstatieren  ist,^  so  kann 
man  zu  gleicher  Zeit  (519)  auch  die  avitische  Begeisterung  der 
Romanen  der  Städte  für  die  Kirche  Roms  auf  unzweideutige 
Weise  feststellen/  Erst  um  das  Jahr  732  wurde  vom  Kaiser 
Leo  dem  Isaurier  Neu-Epirus,  Praevalis,  wie  auch  Unteritalien 
der  römischen  Kirche  entzogen  und  dem  Patiiarchat  von  Kon- 
stantinopel untergeordnet/  Damit  entstund  für  die  Kirche. Al- 
baniens eine  neue  Periode,  die  auch  durch  innere  tiefeingrei- 
fende Ereignisse  vorbereitet  wurde. 

Unter  dem  Drucke  der  Völkerwanderungen  und  auch  der 
Naturkräfte  schwinden  im  VI.  und  VIT.  Jahrhundert  mehrere 
Diözesansitze,  neue  befestigte  Städte  werden  unter  Justinian 
en-ichtet,  die  zu  selber  Zeit  oder  nicht  viel  später  ihre  Bischöfe 

1  AAlb.  1,  uro  32,  38.  Besonders  eingehend  darüber  Culilev, 
Istorija  na  blgarskata  crkva  1  (Sofija  1911),  15  tf.  Literatur  vollständig 
bei  Stanojevic,  Borba  za  neodvisnost  katolicke  crkve  u  Srbiji  (Belgrad,^ 
1912)  16  N.  2. 

2  AAlb.  1,  34.  Über  die  Verhältnisse  der  Patrimonien  der  römi- 
schen Kirche  zur  Zeit  (Iregors  des  Großen  s.  Grisart,  Zeitschritt  für 
kath.  Theologie  1  (1877),  18. 

■■'  AAlb.  1,  -20,  30,  85. 

*  Das  Referat  der  päpstlichen  Legate  aus  Scampa  :  tantam  devo- 
tionem,  tantas  deo  gratias,  tantas  lacrymas,  taiita  fe-audia  difficile  in 
alio  populo  vidimus.  AAlb.  1,  29. 

=  Hergenröther,  Photius  1,  237 ;  Norden,  Papsttum  und  Byzanz 
(Berlin,  1903)  244 ;  Pargoire,  L'eglise  byzantine  (1905)  526 ;  Vailhe. 
Annexion  de  rillj'ricum  au  patriarchat  oecoumenique,  Echos  d'Orient 
14  (1911),  29-36;  Stanojevid  a.  a.  0.  17  N.  1.  Vgl.  Pfeilschifter,  Die 
Balkanfrage  in  der  Kirchengeschichte  (Freiburg,   1913)  19  f. 


195 


erhielten :  slawische  Heiden  zwiing'en  sich  in  das  einstige  Gebiet 
der  illpüschen  Diokleaten  und  in  die  warmen  Gegenden  der 
Meeresküste  zwischen  Durazzo  und  Valona  ein/  Beeinliiißt  von 
der  zähen  Beharrungskraft  der  kirchlichen  Institutionen  bringen 
diese  Komponenten  auf  dem  albanischen  Boden  noch  im  hciheren 
Grade  als  in  Dalmatien •  eine  sekmidäre  Schichte  (bis  1250)  von 
teils  neuen,  teils  metamorphosierten  Bistümern  hervor.  Im  V]. 
Jahi'hundert  entstand  das  Bistum  von  Stephaniaka,  dessen  Sitz 
wir  nicht  genau  bestimmen  können;-  etwas  später  das  von 
Kroja,  bis  in  das  XIII.  Jahrhundert  identisch  mit  Arbanuni, 
dessen  Sitz  romanische  Grundbevölkerung  besessen  zu  haben 
scheint;^  dann  die  Bistümer  der  romanischen  Neusiedelungen 
Antibari,  Drivasto  ^  und  wahrscheinlich  auch  Suacium  (Svac). 
Die  römischen  Städte  Doclea,  Sarda,  Scampa,  Apollonia,  Amantia. 
Byllis  gingen  teils  durch  Feindeseinbrüche,  teils  durch  allmäh- 
liche Versumpfung  zugrunde,  aber  ihre  Bistümer  verschwinden 
nicht,  sondern  gingen  nur  in  eine  Metamorphose  ein.  Eine  Zeit- 
lansf  residierte  vielleicht  der  Bischof  von  Doclea  bei  den  Ruinen 
dieser  Stadt,'  im  XL  Jahrhundert  steht  es  schon  außer  Zweifel, 
daß  sein  Erbe  der  Bischof  von  Antibari  angeti-eten  hat,  ähnlich 
wie  die  Prälaten  von  Spalato  oder  Ragusa  dasjenige  von  Salona 
bzw.  von  Epidaurum.  Der  Bischof  von  Sarda  verwandelte  sich 
in  den  Bischof  der  sehr  ausgedehnten,  bis  an  die  albanischen 
Alpen    sich    erstreckenden    byzantinischen    Landschaft    Polatum 

1  Jirecek,  Albanien  in  der  Vergangenheit,  Österr.  Monatsschrift 
für  den  Orient,  1914,  3. 

-  AAlb.  1,  nro.  57.  Der  Sitz  diese«  Bistunis  ist  vielleicht  später 
bei  der  Kirche  Sen  Li,  anderthalb  Stunden  von  Ismi  entfernt,  zu  suchen. 
Die  Ruinen  dieser  mittelalterlichen  Kirche  (einst  vielleicht  das  Kloster 
s.  Petri  de  Lingrarica,  s.  AAlb.  1,  135  cf.  93  N.  3)  stehen  heute  voll- 
ständig isoliert,  doch  die  Größe  derselben,  sowie  auch  die  hohe  Ehre, 
die  denselben  seitens  der  Katholiken  und  auch  Mohammedaner  noch 
heute  erwiesen  wird  (Ippen,  Bos.  Glasnik  11,  [1901],  582),  zeugen  von 
der  einstigen  Wichtigkeit. 

3  AAlb.  1,  48  cf.  93  N.  9. 

*  Vgl.  AAlb.  1,  23  N.  3. 

^  Jirecek,  G.  der  Serben  1,  172  N.  1.  AAlb.  1,  46. 

13* 


19Ö 


(h  lUit.ütfiov^  serbisch  Pilot),  die  geograpliisch  und  später  auch 
kirchlich  in  zwei  Teile  zerfiel.'  Das  Bistum  Ton  Scampa  lebte 
in  dem  Bistum  von  Tzernik  -  und  weiter  in  demjenigen  ron 
Yrego  (episcojDus  Vregensis)  fort.  Byllis  wurde  zum  slawischen 
Gradac  (b  roctöir^iov)  dessen  Bischof  im  XL  Jahrhundert  sei- 
nen Sitz  schon  in  der  festen  „weißen  Burg",  in  dem  ständig 
orthodoxen  Belgi-ad  (heute  Berat)  hatte  und  einmal  auch 
6  TJovXx^Qiorröleio^  genannt  wird.  Der  Bischof  von  GlavLnica 
(Glavinica)  —  der  Ortsname  steht  zweifellos  mit  der  frühen 
slawischen  Kolonisation  im  Zusammenhange  —  scheint  den 
Sprengel  der  emstigen  Amantia  zu  beherrschen.^  Niu*  die  Diö- 
zese von  Apollonia  (mittelalterlich  La  Polina)  fand  keine  Fort- 
setzung im  Mittelalter,  darum  lebt  aber  noch  heute  der  Name 
dieser  Stadt  in  dem  griechischen  Kloster  „Panagia  tis  Appol- 
lonias"  bei  dem  von  Ai'omunen  bewohnten  Dorfe  Pojani.*  Dun- 
kel ist  die  zweifellos  in  die  zweite  Periode  gehörige  Entstehung 
des  Bistums  von  Chimavien,  einer  Landschaft  zwischen  Durazzo 
und  den  Bergen  auf  der  Westseite  des  oberen  Tales  des  Mat-, 
auch  die  Residenz  dieses  Bischofs  mit  eigenem  Domkapitel 
(1320)  ist  gänzlich  unbekannt.* 

Zmn  Thema  von  Dyi-rhachion  zusammengeschweißt,  ^wlitisch 
und  kkchlich  unter  Konstantinopel,  bekamen  die  einstigen  Pro- 
vinzen Praevalis  und  Epirus  Nova  auch  einen  gemeinsamen 
Meti'opoliten  in  dem  Prälaten  von  Dm-azzo,  der  bis  in  das 
X.  Jahrhundert  über  14  städtische  bzw.  solche  Sprengel  verfügte, 
die  ihi'en  Namen  von  Landschaften  fühiien,  mid  zwar  in  Nor- 
den über  Antibari,  Doklea,  Seodi'a,  Drivastum,  Polatum,  Ulehiium, 
Alessium,  zu  denen  wahrscheinlich    schon   jetzt  Suacium  (Svac) 

'  AAlb.  1,  41  cf.  113. 

^  AAlb.  1,  58. 

'  AAlb.  1,  1  und  58. 

*  AAlb.  1,  1  528  ;  im  I.  1471  ein  Ort  „Ponagia"  erwähnt  (Übel, 
Hier.  cath.  2.  156);  Patsch,  Sand^chak  Berat  (Balkankomissiou  III.),  22; 
Weigand,  Aromuuen  1,  86.  Die  Diözese  verschmolz  wahrscheinlich  mit 
derjenigen  von  Aulona. 

*  AAlb.  1.  199  X.  3  Vgl.  140  X.  4,  665. 


197 


'/AI  reclmen  ist,'  im  Osten  über  Stephaniaka.  Kroja,  Ghunavia, 
Tz;emik,  im  Süden  über  Grradi.c,  Piücheriopolis,  BelgTad,  Anloira 
und  Glavniea. 

Die  Grenzen  der  einzelnen  Sprengel  sind  auch  später 
kaum  genau  zu  bestimmen,  aber  die  Ausbreitungsbnidenz  Avar, 
wie  es  scheint,  vom  allen  Anfange  lier  von  den  Zentren  aus 
dem  albanischen  Medium  folgend  gegen  Osten  und  Süden,  nicht 
a}3er  gegen  Norden  gerichtet.  Der  kirchliche  Charakter  der 
stark  gräzisiei-ten  südliehen  Diözesen  Aviu-de  in  dieser  Periode 
durch  und  dm-ch  orthodox;  die  Bischöfe  von  Belgrad  und 
Glavniea  kehren  nie  mehr  zur  römischen  Kirche  zurück.  Aber 
auch  die  diözesane  Mittelzone  mit  Dyrrhachion,  Kroja  und 
Stephaniaka  bekam  einen  starken  orthodoxen  Überzug,'  der 
erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIII.  Jahrhunderts  durch  politi- 
sche Macht  völlig  weggerissen  Averden  konnte.  Die  nördlichen 
romanisch-albanischen  Provinzen  dagegen  blieben  auch  in  dieser 
Zeit  latent  katholisch  und  fielen,  gleichgültig  ob  unter  Ragusa 
oder  Antivari,  vom  orthodoxen  Dyrrhachium  sofort  ab,  als  der 
Papst  rief.  An  der  Grenze  zweier  Welten  hatte  das  lateinisch- 
griechische Durazzo  orthodoxe  und  katholische  Feinde  zugleich, 
die  im  XIII.  Jahrhundert  auf  diesem  Gebiete  sich  schon  direkt 
gegenüberstanden. 

Im  Osten  gi-enzte  die  Archidiözese  von  Dyrrhachium  an  das 


o^o^ 


■  In  dem  Bistümerverzeichnis  des  Erzbistum.«  von  Durazzo  (ed. 
Parthey  124  ;  cf.  AAlb.  1,  S.  IV.),  welches  nach  der  übereinstimmenden 
Meinung  aller  Forscher  (die  Literatur  s.  bei  Stanojevic,  Borba  za  neod- 
visnost  17  N.  3)  vor  dem  XI.  Jahrhundert  niedergeschrieben  wurde, 
werden  15  Suftragane  dieses  Erzbischofs  aufgezählt,  separat  der  von 
Doklea,  von  Antibari,  Pulcheriopolis  und  Gradac.  Svac  wird  hier  nicht 
erwähnt,  erscheint  aber  in  den  lateinischen  Notitiae  des  XI.  Jahrhun- 
derts (AAIb.  1,  60,  77,  84,  93).  Die  Vorlagen  dieser  griechischen  Notitia 
sind  aber,  wie  dies  die  Erwähnung  von  Doklea  und  von  (iradac  zeigt, 
welch  letzterer  Oi-t  im  Jahre  1019  (.\.\lb.  1,  58)  schon  zur  Diözese  Bel- 
grad gehört,  bedeutend  älter  und  gehen  gewiß  in  die  Zeit  des  bulgari- 
gchen  Kaisers  Peter  (927—961)  zmück,  als  der  erste  Zusammenstoß 
zwischen  dem  Metropoliten  von  Durazzo  und  d»>m  autokephalen  Erz- 
bistum von  Ochrid  erfolgte. 

■'  AAlb.  1,  57. 


198 


niäclitige  aiitokc'])liale  Erzbistnni  von  Oclirid,  ein  Bollwerk  des 
Griechentunis,  dessen  geistige  Ausstrahlungen,  dem  usurpierten 
Erbe  von  Justiniana  Prima  und  der  Lohen  Urbanität  und  per- 
sönlichen Autorit-it  einzelner  seiner  Prälaten  entsteigend,  die 
Massen  der  orthodoxen  Bulgaren  und  Serben,  sozusagen,  in 
einem    mao-netischen    Banne    hielten    und    aus    den    Suü'raoranen 

o  o 

erstklassige  Kämpfer  für  den  Orthodoxisnms  schufen.  Die  ortho- 
doxen Bischöfe  von  Prizren  (5  llgtodoiavui')  und  Debra,  zweier 
iStädte.  die  wii-  zu  Albanien  zählen,  scheinen  im  XI.  und  XII. 
Jahrhundert  hochgelehrte  Griechen  gewesen  zu  sein,  Vorläufer 
jener  griechischen  Kirchenfürsten,  die  im  XIII.  Jahrhundert 
den  ungleichen  Kampf  gegen  die  Lateiner  aufnahmen,'  Unter 
Theophylakt  Yon  Ochrid,  an  der  Wende  des  XL  Jahrhunderts 
erscheinen  solche  Bischöfe  auch  in  Glavnica  mid  in  Belgrad, 
also  in  einstigen  Suif'rao;anbistümern  von  Dvrrhachium."  Unter 
der  Bulgarenherrschaft  gelang  es  nämlich  schon  im  X.  Jahr- 
hundert dem  dQ/ienlaxoTiog  tzuöiiq  BovA/agiag,  wie  sich  damals 
der  Erzbischof  von  Ochrid  zu  nennen  anfing,  die  Grenzen 
semes  Sprengeis  auf  Kosten  des  Erzbischofs  von  Durazzo  zu 
erweitern.  Die  südlichen  albanischen  Provinzen  Scampa-Tzernik, 
Glavnica,  Belgrad,  wohl  auch  Aulona  ^  kamen  damals  unter 
die  Obergewalt  von  Ochrid.  Die  damals  gezogenen  Grenzen 
wurden  im  Jahre  1020  auch  vom  byzantinischen  Kaiser  Basi- 
lios  IL  bestätigt,  trotz  des  Protestes  seitens  des  Meti-o^joliten 
von  Durazzo,  dem  es  eigens  befohlen  wurde,  er  „habe  sich 
um  seine  Sachen  zu  kümmern  und  nicht  die  Bistümer  von 
Ochrid  angehen".*  Ein  grober  Vei-w^eis  seitens  des  Kaisers, 
der  zugleich  auch  zeigt,  daß  der  Erzbischof  von  Durazzo,  dessen 
lateinische  Bevölkerung,    analog    der    griechischen   Bevölkerung 

'  AAlb.  1,  71.  11.  78;  Jirecek,  Ü.  der  Serben  1,  229  X.  2. 

2  AAlb.  1,  60  u.  74. 

•'  Damals  vielleicht,  wie  auch  die  Burg  Kaniiiu  (AAlb.  1,  58)  wohl 
im  Bistum  von  (jlavnica  eiubegritt'en.  In  der  zweiten  Hälfte  de«  XIII. 
Jahrhunderts  (1286),  als  in  Aulona  vorübergehend  ein  katholisches 
Bistum  erstand,  trägt  der  Bischof  von  Aulona  aucli  den  Titel  eines 
Bischofs  von  (41avnica  (AAlb.  1,  500). 

*  AAlb.   1.  .-,0.   IvMuov,  Spisiinije  big.  akad.   1  (Sofija.  1911),  9^:^. 


199 


Ton  Kalabrien  und  Otranto,  mit  einem,  vom  katholischen  Bischof 
abhängigen  griechischen  Protopapas  an  der  Spitze,*  hier  unter 
einem  katholischen,  zeitweise  gewiß  vom  orthodoxen  Metro- 
politen abhängigen  Archidiakonus  (archidiaconus  Latinorum 
Durachii  1208,  archidiaconatus  latine  ecclesie  Duracensis  1318) 
lebte.'-  nicht  immer  als  strammer  Orthodox  galt. 

Zwei  Jahre  später  (1022)  verlor  Djrrhachion  auch  for- 
mell /.wei  nördliche  Provinzen  Antibari  und  Ulcinium,^  die 
faktisch  gewil.i  niemals  allzustark  an  ihrer  Metropole  hingen. 
Diesmal  kam  der  Angriff  von  katholischer  Seite,  Es  war  Papst 
Benedikt  VllL,  ein  ausgeprägter  Grriechenfeind,^  der  die  beiden 
erwähnten  Provinzen  dem  Erzbischof  von  Ragusa-Epidaurum 
zuteilte. 

Dieses  Ereignis,  sowie  auch  das  spiitere  Aufsteigen  des 
kirchlichen  Prestiges  von  Antibari,  Avar  ein  Resultat  von  haupt- 
sächlich zwei  parallel  wirkenden  Ki-äften.  Einerseits  war  hier 
das  lokale  Drängen  der  Bischöfe  von  Rfigusa  und  Antibari, 
zweier  Städte  an  der  Grenze  der  Achidiözesen  von  Spalato  und 
Durazzo.  die  infolge  sehr  günstiger  Lage  ihrer  Residenzen  in 
steter  Fühlung  mit  Rom,  nach  erzbischöflichen  Pallium  und 
nach  Erweiterung  ihrer  Diözesen  im  ronumischen  Medium  der 
albanischen  Städte  strebten ;  anderseits  die  weltgeschichtliche 
Tendenz  der  römischen  Päpste,  im  Kample  für  die  Universal- 
maclit  Bvzanz  gegenüljer  überall  das  Lateinertum  zu  stärken. 
Die  Stärke  der  retardierenden  byzantinischen  Komponente  war 
hier  im  Norden  von  allen  Anfängen  her  minimal,  da  selbst  das 
dem  Orthodoxismus  nahe  stehende  Slawentum  von  Dioklien 
politisch  immer  antibvzantinisch  war.  Hier  in  der  Archidiözese 
von  Durazzo,  an .  dieser  dreifachen  Grenze  des  Romanen-,  Grie- 
chen-   und    Slawentums    machte    im    XL  Jahrhundert,  nachdem 

'  Leiiovmant,  La  grande  Grece  (Paris,  1884)  1,  862  n.  3,  285 ; 
Eodota,  Del  rito  .i>tpco  in  Italia  2,  423. 

■'  AAlb.  1.  l-2<;,   183,  im. 

■•'  AAlb.  L  Git. 

■•  Heinemann.  Ge.-ichichte  der  Normannen  1,  31.  Nonlcn,  l'apstum 
und  Bvzanz  17  tf. 


200 


die  akiidemisclien  Bestrebungen  der  vorangehenden  drei  Jahr- 
hunderte '  in  dieser  Beziehung  gar  nichts  trachteten,  das  Papst- 
tum den  ersten  praktischen  Versuch,  mit  dem  gTiechischen. 
Unteritalien  zugleich  auch  lUyricum  vviederzuerobern. 

Was  für  Schritte  gegen  diesen  Akt  des  Papstes  seitens 
des  Erzbischofs  von  Durazzo  unternommen  wurden,  ist  nicht 
Ijekannt,  daß  er  aber,  wie  auch  seine  Vorgänger  sich  an  Kon- 
stantinopel anlehnte,  dies  ist  aus  Öynodalakten  von  1026 — 1054 
klar  herauszulesen,'  Einen  umso  größeren  sichtbaren  Resens 
erzeugte  die  Bulle  Benedikts  VIU,  bei  dem  küstenländischen 
hohen  Klerus,  Einerseits  erhob  sich  dagegen  der  Erzbischof 
von  Spalato,  dessen  bisheriger  h^utfragan,  der  Bischof  von 
Ragusa,  der  sich  schon  früher  als  Erzbischof  gerieiie,^  jetzt 
tatsächlich  zum  Erzbischof  erhoben  wurde.  Anderseits  wehrte- 
sich  dagegen  der  Bischof  von  Antibari,  der  selbst  auf  dem 
besten  Wege  war,  die  nördlichen  Provinzen  des  Durazzoer 
Sprengeis  sich  zu  unterordnen.  Der  doppelte  Kampf  der  Diö- 
zesen und  Krrchenfürsten,  der  sich  nun  vor  der  römischen 
Kurie  entspann  und  über  zwei  Jahrhunderte  dauerte,  endete  in 
Bezug  auf  den  Ragusaner  Prälaten  mit  einem  Siege  auf  der 
einen  und  mit  einer  Niederlage  auf  der  anderen  Seite.  Dem 
Metropoliten  von  Sjialato — Salona  gegenüber  wußte  Ragusa  sick 
als  Erzbistum  zu  behaupten,  verlor  aber  nach  zweimaligem 
Scheinerfolge  alle  albanischen  Diözesen  an  den  selbst  zum 
Erzbischof  erhobenen  Prälaten  von  Antibari, 

Im  XL  Jahrhundert  stand  der  Kampf  zwischen  Ragusa 
und  Spalato  im  Vordergrunde,  Denselben  sollte  im  Jahre  1<»7S 
Papst  Gregor  VII,  entscheiden/  ob  aber  und  Avie  die  Entschei- 
dung ausfiel  ist  nicht  bekannt.  Tatsache  ist  nur,  dal.j  um 
Anfange    des    XII.    Jahrhunderts    das    Erzbistum    von    Ragusa 

'  Für  das  Ylll.  Jalirhuink'rt  Hiirtiuaiiii,  tieschichto  Itiilieiif^  \L 
2,  299  u.  323;  für  das  JX.  Jahrhinidert  AAlb.  1,  51:  für  .las  X.  Jahr- 
hundert Liutprand  Ml. 

-  AAll).  1,  lil  f. 

3  AAll).  1,  6U. 

*  AAUj.  1,  06. 


2(11 


allgemein  anerkannt  ^  und  dessen  rechtliche  Basis  niemals  später 
in  Zweifel  gezogen  wurde.  Es  seheint  Papst  ürban  ü.  gewesen 
zu  sein,  der  in  dieser  Angelegenheit  endgültig  entschied  und 
der  von  den  Normannen  auf  die  Wichtigkeit  der  adriatischen 
Ostküste  aufmerksam  gemacht  auch  das  Bistum  von  Cattaro, 
welches  noch  im  X.  Jahrhundert  samt  Ragusa  unter  Spalato 
gehörte,  im  Jahre  1089  dem  Erzbischof  von  Bari  in  Italien 
unterstellte  und  dadurch  Unteritalien  mit  Illyrikum  kirchlich 
verband.-  Aber  genau  zur  selben  Zeit  zeigen  sich  in  Xord- 
albanien  die  ersten  greifbaren  Umrisse  einer  neuen  Metropolitan- 
geAvalt  des  Erzbistums  von  x4.ntibari.  Den  Serbenfürsten  von 
Dioklea  konnte  es  nicht  gleichgültig  sein,  dal.)  die  kirchliche 
Gewalt  m  ihren  Ländern  von  Erzbischöfen  ausgeübt  wurde, 
deren  Residenzen  aulierhalb  der  Machtsphäre  dieser  Fürsten 
standen.  Sie  waren  sowohl  gegen  Dyrrhachium  ,Avie  auch  gegen 
Spaiato  und  Ragusa  und  unterstützten  naturgemäß  die  der- 
jenigen der  lateinischen  Bischöfe  im  byzantinischen  Apulien  ^ 
ähnliche  autonome  Tendenz  der  Bischöfe  von  Antibari,  die 
nach  dem  Vorbilde  Salona — Spalato,  Epidaurum — Ragusa  sich  eine 
Rechtsgrundlage  Doclea — Antibari  konstruierten.  Zwar  war  Doclea, 
wie  auch  Epidaurum  nie  eine  Metropole,  aber  der  Nimbus 
dieser  verschwundenen  römischen  Stadt,  von  der  auch  die  Land- 
schaft den  Namen  erhielt,  war  bei  der  romanischen  und  auch 
slawischen  Bewölkerung  so  ungeheuer,*  dal.)  er  das  Prestige 
des  Bischofs  von  Antibari  wahrscheinlich  selbst  in  Rom  zu 
heben  im  Stande  war.  Auf  Bitten  des  Serbenfürsten  von  Dioklien, 
Bodin  unterordnete  im  Jahre  1089  der  Gegenpapst  Urbans  II. 
Klemens  III.  dem  imtiginären  Erzbischof  von  Doclea  („Petro 
Dioclensis  sedis  arehiepiscopo")  und  faktischen  Bischof  von 
Antibari  die  nördlichen  albanischen  Provinzen  Antibari,  Ulcin, 
Svac,  Scodra,  Drivasto,  Polato ;  auch  Cattaro  wird  hier  genannt 

'  AAlb.  1,  77. 
-  AAlb.  1,  60,  68. 

■'  Gay,  L'Italie   merklioiiale    (Paris.    190i)    :{tj7,    54.^  :    Jirecek,    (.". 
der  Serben  1,  27. 

■*  AAlb.  1,    lt;i  uikI  ))esoiHlers  .Stanojevic,  Borba  2i>  X.   1. 


202 


nebst  „eeclesia  Serbieiisis.  Bosnensis,  Tribuniensis",'  Diese  Bulle 
bildet  den  Ausg;ingspankt  einer  neuen  Phase  in  der  Kirchen- 
gescliiclite  Albaniens,  in  der  einerseits  Dyrrhacliiuni  völlig 
zurückgedrängt,  anderseits  aber  die  Frage  der  Metropolitan- 
o-ewalt  von  Raofusa  bzAV.  von  Antibari  für  alle  Diözesen  Nord- 
albaniens  aufgeworfen  wurde;  zwei  Umstände,  von  denen  für 
die  römische  Kurie  der  erstere  eine  universelle,  der  letztere 
aber  nur  eine  lokale  Bedeutung  haben  konnte.  Spalato  als 
einstige  Metropole  von  Ragusa  sj)ielt  in  dieser  Phase  nur  noch 
einmal  eine  nebensächliche  Rolle. 

Die  Riigusaner  Erzbischöfe  ließen  nämlich  nach  diesem 
ersten  Abfalle  Antibaris  nicht  locker;  die  Bulle  eines  Gegen- 
pajjstes  siiornte  sie  im  Gegenteil  zu  nur  noch  größeren  Anstren- 
gungen an.  Am  Anfange  des  XII.  Jahrhunderts  unterbreitete 
der  Ragusaner  Erzbischof  Dominik  in  Rom  eine  Notitia  seiner 
Diözesen,  die  sich  fast  vollständig  mit  derjenigen,  die  uns  in 
der  Bulle  des  Pajjstes  Klemens  III.  erhalten  ist,  deckt.-  Dieselbe 
wurde  in  griechischer  Sprache  vorgelegt,  wahrscheinlich  aus 
kluo;er  Berechnuno-,  um  das  Interesse  der  nur  oberflächlich 
informierten  Kurie  für  diese  angeblich  griechisch  angehauchte 
Erzdiözese  zu  steigern."  Als  konvertierte  Pioniere  des  Latinis- 
nnis  und  Katholizismus  am  orthodoxen  Balkan  traten  die  Erz- 
bischöfe von  Ragusa  in  Rom  auf  und  es  gelang  ihnen  fast  bei 
einem  jeden  Papst  des  XII.  Jahrhunderts  eine  frische  Bestäti- 
gung ihrer  Metrojjolitangewalt  über  nordalbanische  Diözesen  zu 
erreichen.*  Kalixt  IT.  (1120)  forderte  die  Bischöfe  von  Budva, 
Cattaro.  Antibari,  Ülcm,  Scodra,  Drivast  und  Polato  direkte 
auf!,  das  Primat  von  Ragusa  anzuerkennen.  Unter  Anastasius  IV. 
(1153)  wurden    die    renitenten  Bischöfe  von  Drivast    und  Ulcin 

'  AAlb.  1,  68  und  Jirecek,  (t.  der  Serben  1,  218. 

-  Merkwürdiger  Weise  ist  in  derselben  die  Diözese  Suac  ausge- 
lassen, die  im  XI.  Jahrhundert  in  der  Antibarenser  Notitia  (AAlb.  1,  68), 
im  X[[.  Jahrhundert  (1166)  in  einer  Catarenser  Privaturkunde  genannt 
wird  (AAlb.  1,  9oj.  Die  Ragusaner  Bullen  erwähnen  dieselbe  erst  seit 
1188  (AAlb.  1,  104). 

■■»  AAlb.   ].  77. 

*  AAlb.  1,  84.  .^7,  95,  103,  104. 


203 


tibgesetxt.'  Die  Metropulitangewalt  von  luigaSH  erreichte  unter 
dem  Erzbischof  Tribunus  (1158—1187)  um  das  Jahr  1167  ihren 
Höhepunkt.  Der  Prähit  von  Antibari  Avird  einfach  „Bischof" 
genannt  und  mit  dem  Bischof  von  Uk-in  wegen  Jnobedienz 
vom  ]>äpstlichen  Bannstrahl  getroffen.-  Auf  Wunsch  des  Tri- 
bunus besuchten  päpstliche  Gesandte  Nordalbanien  und  im  Jahre 
1167  gelang  es,  den  im  ständigen  Verkehre  mit  den  Abten  großer 
Benediktinerklöster  von  Nordalbanien  und  Öüddahnatien  stehen- 
den -^  Bischof  von  Arbanum  (Ki-qja)  im  Zentrum  Albaniens  zu  be- 
wegen, „den  griechischen  Ritus,  der  in  vielen  von  den  Gewohn- 
heiten der  römischen  Kirche  abweicht",  zu  verlassen:  er  wurde 
Tribunus  unterstellt ;  seine  Konsekration  scheint  der  Pai)st  sich 
selbst  vorbehalten  zu  haben. ^  Von  den  vier  Suffraganen  (Lisus, 
Stefaniaka,  lü-qja,  Chunavia),  die  in  der  ersten  Hälfte  des  XÜ. 
JahrhundertsN  dem  Erzbischof  von  Dui'azzo  noch  unterstanden,'^ 
fiel  wiederum  einer  ab.  Für  einen  Auo-enblick  schien  es  sogar, 
dal.)  der  eifrige  Erzbischof  von  Ragusa  als  Vorkämpfer  Roms 
in  Dyrrhachion  selbst  den  Kampf  gegen  diese  orthodoxe  Hoch- 
burg aufnehmen  würde,  deren  Erzbischöfe  eingefleischte  gelehrte 
Griechen  waren,  an  allen  wichtigen  kirchlichen  Angelegenheiten 
in  Ko  stantinopel  einen  regen  Anteil  nahmen  und  die  Syno- 
dalakten in  monokondyliscliem  Duktns  untersckrieben ;  "^  denn 
Tribunus  wurde  im  Jahre  1168  vom  Papst  Alexander  III.  als 
Gesandter  doiihin  geschickt  und  „den  Äbten  und  anderen 
Lateinern  sowohl  Klerikern  als  Laien"  anempfohlen.^  Aber  sehr 
bald  trat  eine  Wendung  und  zwar  zu  Gunsten  Antibaris  ein. 
Gegen  die  ragusanische  Expansion  trat  in  den  siebziger 
Jaln-en  des  XII.  Jahrhunderts  mit  voller  Wucht  Gregor  der 
Prälat  von  Antibari  auf  seiner  Herkunft  nach  ein  Patrizier  aus 

'  AA1>..  L  83.  8S. 

^  AAU).  1.  06. 

^'  AAlb.  1.  93. 

*  AAlb.  1,  20U  X.   !. 
5  AAlb.  1,  «4. 

«  AAlb.  1.  85.  86.  9U.  92. 

•  AAlb.  1,  y^. 


204 


Zara.  Er  verbündete  sick  mit  dem  Erzbischof  von  Bari,  der  im 
Jahre  1172  Cattaro  wiederum  unter  seine  Gewalt  bekam/  trat 
in  enge  Beziehungen  zu  dem  Erzbischof  von  Spahito,  der  den 
Erfolgen  seines  einstigen  Suffragans,  des  Erzbischofs  von  Ragusa, 
mit  schiefen  Augen  zusah,  und  in  Michael,  dem  Füi'sten  von 
Dioklien  fand  die  Kirche  von  Antiljari  wieder  einen  mächtigen 
Füi-sprecher  ihrer  autonomen  Tendenzen  beim  Papste.  Aber 
aul.)erdem  griff  Gregor  noch  zur  Herstellung  von  zwei  päpst- 
lichen Bullen,-  von  denen  die  eine  —  gewiß  nicht  zufällig  dem 
Papst  Alexander  III.,  der  die  Verhältnisse  des  Erzbistums  von 
Bari  endgültig  regelte,"  zugeschrieben  —  das  Erbe  von  Doklea 
und  die  mündliche  Tradition  *  eines  hundertjährigen  Bestehens 
der  Metropolitankirche  von  Antibari,  die  zweite  aber  dem  Papst 
"Kalixt  n.  zugeschrieben,  die  Kontinuität  dieses  Erzbistums  be- 
Aveisen    sollte.  Wahrscheinlich    während    seines   Aufenthaltes    in 

'  Cod.  dipl.  Barese  1,  99  cf.  1,  99  cf.  115,  128;  Jirecek,  Roiua- 
iien  1,  47. 

■'  AAlb.  1,  (;3,  81. 

2  Gay,  L'Italie  meridionale  545  tf.  ;  Jirecek,  G.  der  Serben. 
1,  '217. 

*  Über  die  dreifache  Tradition  (Antibari,  Ragusa,  Spalato)  des 
Entstehens  des  Erzbistums  von  Antibari  s.  besonders  den  Exkurs  bei 
Stanojevic,  Borba  za  neodvisnost  36—41.  Meine  Darstellung  dieses  Ent- 
stehens weicht  von  derjenigen  der  bisherigen  zahlreichen  Forscher 
(Taber,  Markovic,  Gruber,  Stanojevic,  Jirecek)  hauptsächlich  deswegen 
total  ab,  weil  einerseits  ich  die  obigen  zwei  Bullen  für  falsch,  die  Bulle 
des  Papstes  Benedikt  VIII.  (AAlb.  1,  60),  sowie  auch  die  meisten  fol- 
genden ragusanischen  Bullen  aber  für  echt  halte,  a.nderseits  aber  die 
Gesamtentwickelung  des  Thomas  und  der  Metropole  von  Dyi-rhachion 
unter  dem  Prisma  des  Kampfes  zwischen  Papsttum  und  Byzanz  vor  den 
Augen  habe.  In  Bezugs  auf  die  geschichtlichen  Details  des  XI— XII.  und 
besonders  des  XIII.  Jahrhunderts,  die  mit  der  Kirchengeschichte  Nord- 
albaniens im  Zusammenhange  stehen,  ist  in  der  ersten  Reihe  die  gelehrte 
und  gediegene  Monographie  von  Stanojevic  (Borba  za  neodvisnost)  zu 
berücksichtigen,  daneben  auch  die  von  einem  anderen  Standpunkte 
ausgearbeitete  fleißige  Arbeit  von  Gruber,  Vjestnik  zem.  arkiva  14  (Zagreb, 
1912),  1—43  u.  121—178.  Die  Arbeiten  von  Faber  und  Markovic,  öfters 
zitiert  in  AAlli.  siml  infolge  erwähnter  Leistungen  fast  übei-flüssig 
geworden. 


205 


Zara  (1177)  wurde  Papst  Alexander  III.  vom  Si)alatiner  Erz- 
biscliof  Raynerins  einseitig  zu  Gunsten  der  Aspirationen  Gregors 
von  Antibari,  so  wie  aueli  über  das  Primat  von  Salona,  dem 
sich  Gregor  beugen  sollte,  informiert.  Vom  Fürsten  Michael 
unterstützt  mid  nachher  auch  j)ersönlich  mit  echten  und  fal- 
schen Dokumenten  versehen  in  Rom  erscheinend,  scheint  Gregor 
das  erzbischöfliche  Pallium  von  demselben  Papst  gefordert  zu 
haben,  dessen  Gesandte  vor  zirka  zehn  Jahren  den  „Bischof 
von  Antibari"  wegen  Ungehorsam  exkommmiizierten. '  Ob  Gregor 
das  Pallium  auch  wirklich  erhielt,  ist  nicht  bekannt;  Tatsache 
ist  aber,  daß  es  dem  Erzbischof  von  Ragusa,  zweifellos  mit 
Unterstützung  des  Normaimenkönigs  Wilhelm,  unter  dessen 
Oberhoheit  damals  (IISG)  Ragusa  sich  befand,"  sehr  bald  gelang 
die  nominelle  Obergewalt  über  die  Diözesen  Nordalbaniens  zu 
behaupten  ^  und  in  einigen  Städten  wie  z.  B.  in  Ulcin  dieselbe 
auch  faktisch  auszuüben.^  Als  aber  Gregor  als  Parteigänger  des 
Füi'sten  Michael  vor  dem  Serbenfürsten  Xemanja  aus  Antibari 
fliehen  mußte  (1189),'  versuchte  Tribunus'  Naclifolger,  Erzbischof 
Bernard  I.  (1189 — 1201)  sogar  einen  entscheidenden  Schlag 
gegen  Antibari  zu  führen.  Durch  normannische  Konnexionen  bei 
der  Kurie  gut  angeschrieben,  mit  den  neuen  Herrn  von  Dioklien 
(Duklja),  dem  Großzupan  Nemanja  imd  seinen  Brüdern  auf 
gutem  Fuß,  versehen  mit  echten  und  einigen  gefVdschten  Doku- 
menten,  die  den  unlängst  vorgebrachten  falschen  Bullen  von 
Antibari  gegenüber  das  hohe  Alter  (Jahr  743)  des  ragusani- 
schen  Erzbistums,''  die  Rechtskontinuität  der  Meti-opolitangewalt 

'  AAlb.  1,  99 — 101.  In  Bezug  auf  die  sonstige  großzügige  Kirclien- 
jjolitik  des  Erzbischofs  von  Spalato  Raynerius  (f  1180)  s.  Sufflay,  Hrvatskii. 
i  zadnja  pregnuda  istocne  imperije  (Zagreb,  1901)  57  f: 

-  Jirecek,  Bedeutung  von  Ragusa  50 ;  Lenel,  Zur  Entstehung  der 
Vorherrschaft  Venedigs  33. 

3  AAlb.  1,  103  f. 

*  AAlb.  1,  105,  110. 

"  AAlb.  1,  106.  Gregor  begab  sich  über  Ragusa  nach  seiner 
Heimatsstadt  Zara,  wo  er  1195  starb  (AAlb.  1,  109,  111;  Jirecek,  (r. 
der  Serben  1,  266). 

6  AAlb.  1.  50. 


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•207 


verloren  hatte  und  Antibari  sich  zn  einer  Hochwart  an  der 
slawischen  Durchbnichszone  gegen  die  vom  hl.  Sava  organi- 
sierte autokephale  orthodoxe  Khche  von  Serbien  besser  eignete 
als  RagiLsa,  bekamen  die  Anstrengungen  der  ragusanischen  Erz- 
bischöfe vom  universellen  Standpunkte  djer  Kurie  betrachtet  ein 
gänzlich  lokales  Kolorit  gerade  zu  einer  Zeit,  als  die  Intensität 
dieser  Anstrengungen  vom  lokalen  Standpunkte  aus  ihi-en  Höhe- 
punkt erreichte.  Aber  auch  die  theoretisch  starke  Rechtsgrund- 
lage der  ragusanischen  Metropolitangewalt  ^  war  von  den  fak- 
tischen Verhältnissen  schon  stark  untergraben,  denn  außer  dem 
Bischof  von  Ulcin,  der  infolge  der  Rivalität  seiner  Stadt  mit 
Antibari  und  seines  weltlichen  Herrn  Georg  mit  dem  serbischen 
Königshause  ragusanische  Kirchenpolitik  trieb,"  hielt  kein  Suffra- 
gan  Nordalbaniens  mehi*  zu  Ragusa;  ja  der  Haß  gegen  Ragusa 
drohte  .  hier  an  dieser  Grenze  der  Kirchen  in  den  Hai.)  gegen 
das  Papsttum  sich  zu  verwandeln,^  und  dies  um  so  leichter,  als 
die  serbische  Dynastie  diesen  damals  schon  öffentlich  zu  schiu-en 
begann,*  Der  Kurie  konnte  es  hauptsächlich  nm-  daran  gelegen 
sein,  an  der  vSpitze  der  stark  exponierten  Earche  von  Antibari 
durchaus  verläßliche  Männer  zu  haben  mid  der  berühmte 
Minoritenmönch    und  Weltreisende    Johannes  de  Piano   Cai-jjini.^ 

'  Sehe  das  Verzeichnis  der  Bullen,  tlie  der  Erzbischof  von  Ragusa, 
im  Jahre  1251  zum  Prozeß  nach  Perugia  trug  (AAlb.  1,  208). 

•'  AAlb.  1,  176. 

^  Als  1247  der  Abgesandte  des  Erzbischofs  von  Ragusa  in  einer 
Detailfrage  der  Metropolitangewalt  vor  der  Versammlung  der  Antiba- 
renser  seine  Appellation  an  den  Papst  ankündigte,  „quidam  laici  dice- 
bant :  quid  est  papa,  dominus  noster  rex  Urossius  est  nobis  papa" 
(AAlb.  1,  185). 

*  AAlb.  1,  228. 

s  Die  Literatur  über  ihn  findet  man  bei  Stanojevic,  Borba  126 
X.  1.,  die  ich  hier  wiederhole :  Liverani,  Giovanni  de  Piano  Carpini 
(1874);  Lorenz,  Deutsche  Ueschichtsquellen  3.  Aufl.  (1887)  2,  166;  Pot- 
thast 2.  Aufl.  1,  663  ;  Bouillet,  Dictionaire  universel  (1901 1  345  ;  Übel, 
Die  Bischöfe  etc.  aus  dem  Minoritenorden,  Rom.  Quartalschrift  (1890) 
4,  207  ;  Batinic,  Djelovanje  Franjevaca  u  Bosni  1,  32.  Dazu  noch  Xotes 
sur  le  Voyage  de  fr.  Jean  de  Plan-Carpin  (1245—124},  Etudes  francis- 
calnes  1912,  cf.  Revue  des  questions  historiqueS  93  (1913),  649. 


208 


der  im  Jahre  124'S,  als  der  Proxeü  mit  Ragusa  schon  hohe 
Wogen  schhig,  von  seinem  Freunde  Papst  Innozenz  IV.  zum 
Erzbischof  von  Antibari  ernannt  wurde,  erseheint  auf  dem  albani- 
schen Boden  als  erster  Yorläuler  eines  Systems,'  welches  bald 
nachher  nirgends  mit  größerer  Konsequenz  als  in  Albanien 
diu'chgeführt  Miirde.  Seitens  der  Kurie  wurde  Antibari,  ^vie 
später  ganz  Albanien  gegen  den  Orthodoxismus,  als  Operations- 
basis des  Westens  gegen  das  Slawentum  erkannt,  und  Johannes 
de  Piano  Carpini.  der  mit  sehr  friedlichen  iVbsichten  seinen  Weg 
nach  seiner  Residenz  über  Ragusa  nahm  (am  12.  Jänner  1249),- 
wurde  bald  zum  entschlossensten  Vorkämpfer  der  Metropolitan- 
rechte seines  Erzbistums."*  Unter  solchen  Umständen  mußten 
die  Riesenanstrengungeu  des  Erzbischofs  von  Ragusa  bei  der 
Prozeßfühi'ung  in  Perugia  *  auch  dann  zu  nichte  werden,  wenn 
er  seine  Rechte  sonnenklar  hätte  beweisen  können.  Der  Prozeß, 
in  Neapel  mir  anstandshalber  fortgesetzt,    wurde  auch  im  Jahre 

1255  seitens  der  Ragusaner  endgültig  abgebrochen.' 

In  aller  Stille  wurde  Ragusa  auch  formell  vom  albani- 
schen Boden  gänzlich  zurückgedrängt.  Der  Titel  des  Erzbischofs 
von  Antibari    „  archiepiscopus  Sclavinensis",  der  schon    im  Jahi-e 

1256  auftaucht "  und  im  XV.  Jahi-hundert  zum  Titel  eines 
Primas  Serbiens  führte,'  zeigt  klar  die  Aufgabe,  die  diesem 
Exponenten  Roms  gleich  wie  auch  dem  Bischof  von  Cattaro " 
zu  teil  wurde :    die  Aufrechterhaltung  der  römischen  Suprematie 

'  V<^1.  Rodeuberg,  Innozenz  IV.  und  das  Königreich  Sizilien 
12 1.5— 1254  (1892)  120  if.  ;  Aldinger,  Die  Neubesetzung  der  deutschen 
Bistümer  unter  Innozenz  IV.  (1910)  48,  161. 

2  AAlb.  1,  191. 

s  AAlb.  1,  211  ;  Stanojevid,  Borba  181-140. 

"  AAlb.  1,  211. 

6  AAlb.  1,  286. 

«  AAlb.  1,  237. 

^  Farlati  7,  96.    Die  falsche  Antibarenser  Bulle   von  1067    (AAlb. 

I,  63)  wurde  1420  vom  Papst  Martin  V.  bestätigt  (Farlati  7,  85). 

8  Im  Jalire  1346  führt  auch  dieser  Bischof  den  Titel  „episcopus 
Sclavoniensis"    (Theiner,   M.   Hungariae  1,  701  =  Smiciklas,    Cod.    dipl 

II,  246  und  Theiner,'  M.  Slavorum  1,  216  =  Smiöiklas  11,  266;  s.  auch 
Jirecek,  Staat  1,  56). 


209 


über  den  katholischen  Bistümern  un  der  shiwischen  Durch- 
hriichszone  und  avo  möglich  im  guten  Einvernehmen  mit  den 
serbischen  Dynasten  über  den  in  Serbien  zersjjrengten  Orten 
katholischer  Konfession.'  In  Nordalbanien  nimmt  die  Kiu^ie  eine 
Det'ensivstellung  ein,  während  sie  zu  gleicher  Zeit  von  politi- 
schen Verhältnissen  begünstigt  in  Mittelalbanien  zur  Offensive 
übergeht,  um  die  mit  dem  Falle  des  Ostreiches  (1204)  ge- 
schmiedete und  an  dieser  »Stelle  von  den  Eph'oten  bald  zerris- 
sene Kette  der  katholischen  Bistümer  längst  der  adriatischen 
und  ionischen  Küste  wdeder  zusammenzuschweißen.  Für  die  Ent- 
stehungsgeschichte der  albanischen  Diözesen  beginnt  damit  die 
tertiäre  Formationsperiode  (bis  zirka  1370),  in  welcher  neben 
den  neu  errichteten  alle  orthodoxen  »Sprengel  katholisiert  Avurden. 
Es  ist  dies  eine  Periode  der  starken  Differenzierung,  der  nach 
einer  km*zen  Ruhepause  infolge  der  Türkenherrschaft  und  der 
dadurch  verursachten  allgemeinen  Verarmung  eine  Periode  der 
starken  Kontraktion  der  Bistümer  und  der  Verschiebung  der 
Bischofsresidenzen  folgte,  deren  Formationen  bis  in  die  jüngste 
Zeit  an  dauerten. 

Nach  dem  Zusammenbruch  des  byzantinischen  Reiches 
(1204)  trachtete  die  Kurie  in  allen  von  Lateinern  besetzten 
Ländern  orthodoxe  Bistümer  in  katholische  zu  verwandeln.  Nach 
fünf  Jakrhunderten  konnte  (1208)  das  noch  immer  übei-^aegend 
lateinische,  und  somit  keinen  Widerstand  leistende  -  Domkapitel 
von  Dm-azzo,  das  bisher  orthodoxe  Häupter  aiis  der  Konstan- 
tinopolitaner  Synode  bezog,  ^  Avieder  nach  dem  römischen  Ritus 
zur  Elektion  eines  Erzbischots  schreiten;  ein  Beweis,  daß  der 
bisherige  gi-iechische  Erzbischof  sich  entweder  durch  Flucht  oder 
durch  Verzicht  dem  zu  leistenden  Gehorsamseid  *  entzog.  Ein 
Mitglied    des    Trevisaner    Domkapitels    wm-de     zum    Erzbischof 

'  AAlb.  1,  489,  552 ;  Jirecek,  Das  Konkordat  Serbiens,  N.  Fr. 
Presse  1914,  26.  Juni  S.  5. 

-  Beispiele  von  Weigerung  griechischer  Geistlicher,  dem  Papst 
den  Gehorsamseid  zu  leisten,  findet  man  bei  Norden,  Papsttum  202  N.  2. 

3  AAlb.  1,  102. 

*  Norden,  Papsttum  und  Byzanz  190. 

14 


210 


gewäklt  und  vom  lateiiiisclien  Patriurclien  von  Koustantinopel 
konsekriert,  da  Diu'azzo  mit  22  andern  Erzbistümern  dem  lateini- 
schen Patriarchat  unterstellt  wurde.'  Aber  starke  Gegner  fand 
Manfred  in  den  Venezianern,  die  sofort  mit  der  Praxis  began- 
nen,  wo  nur  möglich  venezianische  Bürger  zu  Bischöfen  zu 
machen.  Erst  nachdem  er  dem  Dogen  feierlich  den  Eid  der 
Treue  leistete  und  sich  verpflichtete  das  abhängige  Verhältnis 
der  Stadt  zu  den  neuen  Herrn,  wie  einst  zu  Byzanz,  durch 
jährlich  fünfmalige  Lobgesänge  in  der  Kathedrale  kundzugeben, 
-wurde  er  (1210)  als  Erzbischof  installiert.  Er  starb-  bald  nach- 
her (1211),  und  dem  Wunsche  Venedigs  gemäß  wm'de  vom 
Papste  (damals  war  der  Patriarchenstuhl  leer)  nach  Dm-azzo 
ein  geborener  Venezianer,  der  Propst  von  Konstantinopel,  als 
Erzbischof  geschickt.  Bald  aber  Avurde  dieser  m  Venedig  lebend.^ 
zmn  ersten  Titularei-zbischof  von  Dm-azzo,  denn  diese  Stadt 
wurde  im  Jahre  1213  vom  Despoten  Michael  IL  emgenommen 
und  erhielt  sofort  einen  gelehrten  Griechen  zum  Ku-chenhaupt.  ^ 
Zur  Zeit  des  katholischen  Literregnums  in  Dyrrhachium, 
wurden  seitens  des  Kapitels  und  der  Benediktineräbte  dieser 
Stadt  und  ihrer  Umgebung  mit  Erfolg  Versuche  gemacht,  da§ 
Zentrum  Albaniens  mit  seiner  einheimischen  Dvnastie'^  und  dem 
Bischof  von  Kroja-Ai'banum  für  die  katholische  Sache  zu  gewin- 
nen.*^ Dies  war  um  so  leichter,  als  Ki'oja  in  kirchlicher  Beziehung 
eine  Miniatur  von  Durazzo  gewesen  zu  sein  scheint  und  hier 
auch  der  lateinische  Klerus  unter  Führung  eines  vom  ortho- 
doxen  Bischof  abhängigen    Archipresbyter    sich    befand.'    Aber 

'  Siehe  das  Provinziale  Romanum,  herausgegeben  tou  Timgl,  Die 
päpstliclien  Kanzleiordnungen  (Innsbruck,  1894)  28.  Vgl.  Rattinger,  Der 
Patriarchat-  und  Metropolitansprengel  von  Kpel  Hist.  Zeitsch.  Görres- 
Gesellschaft  1,  21. 

2  Über  ihn  s.  AAlb.  1,  135—139,  141—143. 

3  AAlb.  1,  143  u.  154. 

*  AAlb.  1,  158  vgl.  155. 
6  AAlb.   1,  150. 
6  AAlb.  1,  133,  138. 

''  Unter  den  Bischöfen  der  Antibarenser  Synode  vom  Jahre  1199 
unterschrieben  :  „Dominicus  archipresbiter  Arbanensis"  (AAlb.   1,  120). 


211 


parallel  mit  DyiTliacliium  Iconini't  aueli  Kroja  nach  dem 
Umscliwimg  der  politischen  Dinge  unter  den  magnetischen 
Einfluß  des  berühmtesten  Erzbischofs  von  Oehrid  Demetrios 
Chomatianos  (1217 — 1234),  eines  der  hartnäckigsten  Gegner 
Roms,^  unter  dessen  Metropolitangewalt  sich  die  einstigen  süd- 
lichen Sufltragankirchen  von  Duraxzo  ununterbrochen  befanden. - 
Um  das  Jahr  1250  wurde  vom  Norden  her  noch  ein  Versuch 
iremacht,  das  Zentrum  Albaniens  dem  Orthodoxismus  zu  ent- 
reißen.  Diesmal  war  es  der  Antibarenser  Erzbischof  Johannes 
de  Piano  Carpini,  welcher  den  Papst  auf  den  Bischof  von 
Arbanum  (Ki'oja)  und  auf  die  zahlreichen  lateinischen  Geist- 
lichen in  dieser  Provinz,  sowie  auch  in  Polatum  und  Chunavien 
aufmerksam  machte.^  All  dies  waren  verhältnismäßig  nm- 
unbedeutende  Vorläufer  der  di-itten  Formationsperiode,  die  eigent- 
lich erst  durch  die  anjouvinische  Okkupation  von  Durazzo. 
Kroja  und  Valona  (1272)  sich  zu  entfalten  begann. 

Es  war  besonders  der  lateinische  Klerus  von  Durazzo,  der  sich 
damals  für  die  freiwillige  Unterwerfung  der  Ötadt  unter  Karl  T. 
einsetzte,  ähnlich  wie  später  für  die  Unterwerfung  unter  Venedig. 
Die  Erlasse  des  Anjouviner  Königs  nennen  zwei  solche  Geist- 
liche bei  dem  Namen.  Es  sind  dies  der  albanische  Abt  Nikolaus 
(abbas  Nicolaus  de  Albania)  und  der  Durazziner  Kleriker 
Johannes,  der  mit  dem  ersten  anjouvinischen  Erzbischof  von 
Durazzo  (1272  —  1275)  identisch  zu  sein  scheint,*  Der  griechische 
Meti-opolit  von  Durazzo  Nicetas  durfte,  wie  es  scheint,  ähnlicli 
wie  später  der  MetropoKt  von  Korfu,'  auch  fernerhin  in  der 
Stadt  weilen,  denn  nach  Pachymeres  wurde  er  ein  Opfer  des 
öToßen  Erdbebens  vom  Jahre  1273.''  Von  nun  an  bis  in  che  Mitte 

o 

1  Norden,  Papsttum  u.  Byzanz  20o  N.  1. 

2  AAlb.  1,  152  vgl.  70. 
«AAlb.  1,  199  f. 

*  AAlb.  1,  263,  272  vgl.  283,  292. 

ß  Denselben  ließ  Philipp  von  Tarent  erst  1317  entfernen  (Hopf  1, 
417  N.  1).  Schon  um  1310  kennen  wir  einen  katholischen  Erzbischof 
von  Korfu  (Eubel,  Hier,  catholica  1,  217). 

«  AAlb.  1,  305  N.  5;  Bei  Lampros,  Ning  'Knrivniiviumv  1  (1904) 
240  findet  man  das  Epitaph  eines  Erzbischofs  Nicetas  von  Durazzo. 

14* 


212 


des  XIV.  Jalirhundei-ts.  als  "der  byzantinische  Einfluß  auf  Neu- 
Epirus  erlischt,  kann  man  eine  doppelte  Reihe  von  katholischen 
und  orthodoxen  Erzbischöfen  von  Durazzo  zugleich  verzeich- 
nen, von  denen,  je  nach  den  politischen  Verhältnissen  die  Mit- 
cflieder,  der  einen  oder  der  andern  Reihe  als  Titularerzbischöfe 
bei  der  Kurie  oder  bei  der  Synode  leben.'  Die  Reihe  der 
katholischen  Erzbischöfe  findet  ihre  Fortsetzung  bis  in  die 
iüngste  Zeit. 

Nicht  viel  später  « als  Durazzo,  bekam  auch  die  Stadt 
Aulona  ihren  katholischen  Bischof,  der  auch  den  Titel  „Ghi- 
vinicensis"  führte.-  Neben  dem  Kampfe  gegen  die  autokephale 
serbische  und  Imlgarische  Kirche  war  auch  dieser  Umstand 
o-ewiß  ein  Motiv,  daß  Kaiser  Michael  Palaiolog  der  Kirche  von 
Ochrid,  einer  bis  in  die  Zeiten  Skenderbegs  ständigen  Gegnerin 
der  katholischen  Kirche,^  ihre  alten  von  Basilios  IL  verliehenen 
Privilegien  bestätigte  (1272).  Aber  auch  in  den  Bistümerver- 
zeichnissen von  Ochrid  aus  dem  XIII.  und  XIV.  Jahrhundert 
erscheinen  die  Bischöfe  von  Aulona  und  Kanina,*  wie  auch  die 
tatsächliche  Metropolitangewalt  von  Ochrid  über  Aulona  am 
Ende  des  XIV.  Jahrhundert  aus  einem  (1394)  Briefe  des 
Patriarchen  von  Konstantinopel  zu  ersehen  ist,  wo  dieser  über 
die  Ehe  des  Mrksa  Zarkovic,  Herrn  von  Valona,  entscheidet,' 
Im  XV.  Jahrhmidert  trug  den  Titel  eines  Bischofs  von  Glavnica 
der  Bischof  von  Belgi-ad  (Berat),  dessen  Orthodoxismus  durch 
einen   katholischen    Konkun-enten    niemals    gestört    wurde    und 

'  AAlb.  1,  Index  p.  267.  Ähnliche  Zustände  besonders  für  die 
Archidiözese  von  Patras  charakteristisch  (Hopf  1,  451  N.  57,  490  N. 
230,  2;  2  N.  38.  Jorga,  Notes  1,  165,  511  und  2,  298).  Der  griechische 
Bischof  von  Corona  mußte  „per  certum  ordinem  antiquum"  (1436)  5  bin 
6  Meüen  weit  von  der  Stadt  wohnen  (Jorga,  Notes  3,  10). 

■'  AAlb.  1,  500,  502,  505. 

^  Ochrid  steht  damals  in  Verbindung  mit  Albanesen,  Jirecek,  Byz. 
Zeitschrift  13  (1904),  200. 

*  Hieher  scheint  am  Anfange  des  XHI.  Jahrhunderts  (vgl.  AAll). 
1,  151)  seinen  Sitz  der  Bischof  von  Glavnica  für  eine  Zeit  übertragen 
zu  haben. 

s  Miklosich-Müller,  Acta  Graeca  2,  230. 


218 


dessen   Kirche    sicli,    wie    aucli    seine    Metropole    Oehrid,    luich 
unter  der  Türkenlierrschaft  behauptete/ 

Mit  Durazzo  wurde  auch  die  Stadt  Kroja  und  zwar  end- 
gültig für  die  Katholiken  gewonnen,  obgleich  auch  dieselbe 
für  die  Anjouviner  sehr  bald  verloren  ging.  Der  Bischof  von 
Kroja  trat,  wie  wir  sahen,  unter  dem  Namen  „e])iscopus  Arba- 
nensis"  auch  bisher  wiederholt  in  engere  Beziehungen  zmn 
Römischen  Stuhle ;  jetzt  scheint  der  doppelte  (griechische  und 
lateinische)  Name  dieses  Bistums  Verwirrungen  und  Schwierig- 
keiten verursacht  zu  haben,'  denen  die  Anjous  dadurch  aus- 
zuweichen gedachten,  daß  sie  beim  Papste  im  Jahre  1279  die 
Ki-eation  eines  speziellen  städtischen  Bischofs  von  Kroja^  erwirk- 
ten, wodurch  Kroja  auch  mit  dem  Hauptkennzeichen  des  roma- 
nischen städtischen  Wesens  versehen  wurde.  Daneben  verblieb 
der  katholische  Bischof  von  Arbanum*  und  schlug  seine  Resi- 
denz wahrscheinhch  in  irgend  einem  Kloster  dieser  Landschaft 
auf. '  Zwar  wurde  Romanus,  der  erste  speziell  kroitische  Bischof, 

»  AAlb.  1,  281.  Cf.  Novakovid,  Prvi  osnovi  64  ff. 

-'  AAlb.  1,  48. 

'  AAlb.  1,  400. 

*  AAlb.  1,  525,  536.  AAlb.  1,  301  (1273,  12.  Mai)  ist  aus  dem 
Bande  zu  streichen,  da  sich  die  Akte  nicht  auf  den  Bischof  von  Arba- 
num,  sondern  auf  die  Ernennung  des  Minoritengenerals  Bonaventura  (über 
ihn  s.  Norden,  Papsttum  523)  zum  Kardinalbischof  von  Albano  bezieht ! 

5  Im  XVII.  Jahrhundert  residiert  der  Bischof  der  vereinten  Diöze- 
sen Kroja  und  Arbanum  „non  longe  ab  Croia  in  pago  Corbini,  ubi 
templum  est  s.  Venerandae  e  solido  lapide  conservatum"  (Farlati  7,  205 ; 
AAlb.  1,  48).  Im  XV.  Jahrhundert  war  dies  eine  Benediktinerabtei  (Theiner, 
M.  Slav.  1,  425).  Vielleicht  identisch  mit  der  heutigen  Kirche  der 
hl.  Maria  (Se  Mri)  im  Bezirke  Kroja,  die  nach  den  heute  von  dichtem 
Zypressenhaine  umgebenen,  ganz  vereinsamten  und  weit  von  jeder 
Kommunikationsader  gelegenen  Ruinen  (beschrieben  bei  Ippen,  Bos. 
Glasnik  12  (1900),  519  und  bei  Patsch,  Zur  Kunde  der  Balkanhalbinsel 
5,  69)  zu  urteilen,  eine  der  schönsten  und  größten,  im  romanischen  Stile 
gebauten  mittelalterlichen  Kirchen  Albaniens  war.  Wie  Ippen  erzählt,  sind 
die  dortigen  Katholiken  der  Meinung,  daß  dies  die  Kathedrale  des  einstigen 
Bischofs  von  Kroja  (rectius  Arbanum  !)  war.  —  Die  Erwähnung  eines  „archi- 
presbiter  ecclesie  S.  Alexandri  in  Basilikano  Arbanensis  diocesis"  im  Jahre 
1426  (Jorga,  Notes  2,  25  N.  5)  weist  auch  auf  einen  Bischofssitz  hin. 


21-1 


Ijalcl  A"on  (Ifii  By/Aiutiuern  vertrieben  und  lebte  (1286 — 1295) 
als  Pensionist  der  Anjous  zusammen  mit  dem  ebenfalls  ver- 
triebenen Bischof  von  Aulona  bei  der  Kurie  in  Rem  und 
Anagnia, '  aber  das  Papsttum  faßte  im  Mittel-  und  Nordalbanien 
einen  so  festen  Fuß,  daß  es  aucb  ohne  politische  Unterstützung 
seine  eigenen  Wege  gehen  konnte.  Die  Erzbischöfe  von  Anti- 
bari  und  die  Bischöfe  von  Kroja  spielten  in  der  ersten  Hälfte 
des  XIV.  Jahi-hunderts  sowohl  bei  den  Unionsversuchen  mit  den 
Serbenkönigen,-  als  auch  zur  Zeit  der  offenen  Feindseligkeiten 
zwischen  den  beiden  Kirchen  und  bei  den  Kreuzzugsprojekten 
eine  große  Rolle.  Marinus  Zare,  ein  Antibarenser  aus  vornehmer 
Patin  zierfamilie,  früher  Holkleriker  der  serbischen  Königin  Helena, 
einer  geborenen  Französin,  stand  auch  bei  König  Uros  II.  in 
hoher  Gunst. ^  Als  Erzbischof  von  Antibari  (1301 — 1807)  war 
er  der  geeignete  Mann  die  schwebenden  Fragen  der  Katholiken 
in  den  orthodoxen  Sprengein  der  Serben  zu  ordnen.^  Im  Jahi-e 
1819  schüi-t  Andreas,  Bischof  von  Kroja  gegen  „den  verruchten 
serbischen  Schismatiker"  König  Uros  IT.  im  Auftrage  des  Heiligen 
Stuhles*  einen  Aufstand  des  gesamten  albanischen  Elementes 
von  Dioklia  bis  Musachia,  dessen  Nachwirken  noch  in  den 
dreißiger  Jahi'en  desselben  Jahrhunderts  zu  fühlen  ist.'  Fast  zu 
selber  Zeit  (1824 — 1841)  saß  auf  dem  erzbischöflichen  Stuhl  von 
Antibari  ein  fanatischer  Feind  aller  Schismatiker,  der  südfranzö- 
sische Dominikaner  Guillelmus  Adae,  eüi  Eclaheur  des  Westens, 
der  in  Avignon  Aveilend  (1829 — 1837)  füi*  den  französischen 
König  sein  Werk  (1382)  „Directorium  ad  passagium  faciendum" 
scluieb.''  Der  erste  katholische  Bischof  von  Chunavien,  der  zu 
selber  Zeit  (1810 — 1818)  als  Suffragan  von  Dm'azzo  auftaucht, 
war  ein    Gascogner.'    Damals    war    das    Augenmerk    der    Päpste 

•  AAlb.  1,  500,  522,  525. 

■■^  Jh-ecek,  G.  der  Serben  1,  334  f.,  359  f.,  408. 

'  AAlb.  1,  514,  547,  581. 

^  AAlb.  1,  552. 

^  AAlb.  1,  t)48  f.,  759,  805. 

'■•  AAlb.  1,  699.  760.  Vgl.  Jirecek,  Staat  2,  55  N.  6. 

^  AAlb.  1,  6:!;;. 


21i 


selbst  auf  die  Beset/Aing  der  l'furreii  im  Inneren  Albaniens 
gericbtet. '  Queer  durch  Alljunien  dringt  unaufhaltsam  der  Katho- 
lisierungsprozelj  bis  vor  Oclirid  und  zweifellos  auf  Vorschlag 
niehi*erer  albanischer  Kirchenfürsten  wurde -1320  ein  Dominikaner 
zum  Erzbischof  dieser  griechischen  Hochburg  ernannt.-  Vorläufig 
gewiß  Titularerzbischof,  von  der  Kurie  ähnlich  wie  auch  andere 
albanische  Bisch  öle  ziemlich  reich  mit  Geld  unterstützt,  scheint 
er  um  lo46,  als  der  Serbenkönig  und  bald  nachher  Kaiser 
Dusan  die  Metropoliten  des  konstantinopolitaner  Patriarchats 
tiberall  vertrieb,  sogar  auch  tatsächlicher  Erzbischof  von  Ochrid 
geworden  zu  sein,  denn  nach  meiner  Ansicht  ist  er  identisch 
mit  jenem  Erzbischof  Nikolaus,  welcher  an  der  Ki'önung  Dusans 
(1347)  teilnahm.^  Unter  Klemens  VI.  (1342—1352)  begann* 
eine  intensive  Tätigkeit  der  Minoriten  und  Dominikaner  in  Alba- 
nien, die  unter  Innozenz  VI.  und  ürban  V.  fortgesetzt  wurde. 
An  die  Spitze  der  Diözesen  kamen  lauter  Reguläre.  Große 
Aufmerksamkeit  wurde  der  von  den  Schismatikern  schwer  bedräng- 
ten'' albanischen  Linie  an  der  slawischen  Durch bruchszone  im 
Norden  gewidmet.  Schon  im  Jahre  1291  wurde  hier  „in  Alba- 
nien neben  den  Slawen"  (in  Albanie  partibus  iuxta  Sclavos)  die 
verödete  Sttidt  „Sava"  von  Nachkommen  alter  katholischer 
Bürger  und  neuen  Einwanderern  renoviert  und  bekam  unter 
Mitwirkung  der  katholischen  Serbenkfhiigin  Helene  und  des 
Eranziskaner-  und  Dominikanerordens  von  Kagusa  einen  eigenen 
Bischof,  den  „episeopus  Sappatensis",  dessen  Diözese  Anfangs 
des  XA".  Jahrhunderts  mit  derjenigen  von  Sarda  (=  Polatensis 
jMinor)    vereint    wurde."    Die    Reihe    der    Bischöfe    von    Sarda 

1  AAlb.  1,  637  f. 

2  Eubel,  Hier.  cath.  1,  69;  AAlb.  1,  663  f.;  Schäfer,  Liber  expeu- 
5armn  Johannis  XXII.,  S.  674. 

■•  Jirecek,  G.  der  Serben  1,  387;  Staat  1,  53. 

*  Gay,  Le  pape  Clement  YI  et  les  affaires    d'Orient  (Paris,  1904). 

^  Im  Jahre  1356  wird  die  Kirche  von  Balezo  und  das  St.  Johannes- 
Kloster  von  Strilaleo  bei  Drivast  als  „ab  scismaticis  destiiK-tum"  erwähnt 
(Tlieiner,  M.  Slav.  1,  236). 

"  AAlb.  1,  515  :  Jirecek,  Staat  1,  60. 


216 


(Polatum),  seit  1291  iinterbroehen.  taucht  unter  dem  Xanieit 
„Sardensis,  Scordiensis,  Scordinensis,  Scodriensis.  Polatensis  Minor" ' 
mit  derjenigen  der  Bischöfe  „Polatensis  Major''  in  der  Zeit 
Urbans  V.  wieder  auf.'  Die  sehr  alte  geographische  Zweitei- 
lung der  Provinz  Polatum  (Pilot)  in  Ober-  und  Unterj)ilot~^ 
zeitigte  nämlich  in  der  ersten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts 
auch  eine  Zweiteilung  des  Bistums  von  Polatum  (Sarda):  der 
Bischof  von  Unterpilot  (Polaten.sis  Minor)  behielt  den  Sitz 
in  Sarda,  während  der  neue  Bischof  von  Oberpilot  (Polatensis 
Major),  allem  Anscheine  nach,  nach  der  Ai't  der  orthodoxen 
serbischen  Bischöfe  und  auch  der  katholischen  Prälaten  von 
Arbanum  und  Stephaniaka  in  dem  Benediktinerkloster  St.  Paulus 
de  Polato*  seinen  Sitz  nahm.  Um  diese  Zeit  meldet  sich 
auch  wiedermii  der  Bischof  von  Alessio.  Suffragan  von  Durazzo, 
und  neben  der  fortlaufenden  Reihe  der  Bischöfe  von  Suacium, 
Scodra,  Ulcinium,  Dnvastum  beginnt  die  Serie  der  Bischöfe 
von  Balezo  (vor  1347),  ^  eines  Städtchens  neben  Skutari.  und 
diejenige  der  Bischöfe  von  Dagno  (Danj,  Dagnum),  (vor  1361), 
einer  Burg  in  den  Bergen  ober  Skutari,  Sufh'aganen  von 
Antibari.  Auch  der  östliche  Endpunkt  der  albanischen  Linie 
im  Norden,  die  Stadt  Prizren,  ein  bisher  orthodoxer  Sprengel 
mit  einzelnen  katholischen  Pfarren,"  der  einst  zum  Erzbistum 
von  Ochrid,  später  aber  unter  den  serbischen  Patriarchen 
von  Pec  gehörte,  bekam  zur  Zeit  der  guten  Verhältnisse 
zwischen  den  Balsas  und  Rom  vorübergehend  einen  tatsäch- 
lichen   katholischen     Bischof    (um     1372),    wie    einst    ej)hemer 

'  Der  Name  „Scordiensis,  Scodriensis"  ist  meiner  Ansicht  nach 
durch  Unwissenheit  des  päpstlichen  Schreibers  (Farlati  7,  263  f..  369  f.) 
aus  Sardensis  entstanden,  wobei  auch  der  alte  Name  von  Skutari  Scodra 
mitgespielt  haben  dürfte.  Dementsprechend  sind  Emendationen  Ijei 
Eubel,  Hier.  cath.  1,  462  n.  2,  240  durchzuführen. 

2  Eubel  1,  4.56. 

■»  AAlb.  1,  99. 

■*  Siehe  unten. 

»  Höffer,  Zeitschrift  für  kath.  Theologie  19  (1895),  361  und  20, 
164  und  21,  362,  vgl.  AAlb.  1,  653  N.  1. 

«  AAlb.  1,  74.  vgl.  4><9. 


21' 


unter  Papst  Innozenz  III. '  In  der  Archidiözese  von  Durazzo 
erseheint  jetzt  (vor  1363)  neben  dem  schon  früher  katholischen 
Bischof  von  Chnnavien  auch  der  liatholische  Saltrasan  von 
Stephaniaka  und  an  die  Stelle  eines  Bischofs  von  Tzernik,' nach 
meiner  Ansicht  einer  byzantinisch-slawischen  Fortsetzung  der 
primären  Diözese  Scampa,  tritt  vor  13(33  der  katholische  „episco- 
pus  Vregensis"'  (Vergensis,  Verganensis), '  im  XV.  Jahrhundert 
bis  1451,  wo  er  verschwindet,  wiederum  unter  dem  Namen 
Cernicensis*  bekannt,  endlich  im  Jahre  1507  noch  einmal'  mit 
seinem  Urtitel  „Scampiims"  erwähnt:  ein  in  der  Weltgeschichte 
vielleicht  einziger  Fall  fünffacher    Metamorphose,    der    einerseits 

'  1204  „Abraham  humilis  episcopus  Prisdriaui"  (Tlieiner,  M.  Slav. 
1,  29).  Die  späteren  Bischöfe,  die  Eubel  (Hier.  cath.  1,  430)  bis  1363 
anführt,  sind  nicht  sicher  (Pissinensis,  Pristinensis)  als  solche  festzustellen. 
Im  Jahre  1375  (12.  Juni)  werden  in  den  ragusanischeu  Notariatsbüchern 
Bücher  erwähnt,  „quos  dimisit  frater  Johannes  episcopus  Prisrenensis" 
(a.  a.  0.  „Presensis").  Jirecek  (Staat  1,  68  N.  4)  stellt  die  These  auf, 
daß  darunter  vielleicht  ein  Bischof  zu  verstehen  sei,  „der  im  jetzigen 
Presja  zwischen  Ismi  und  Tirana  residierte".  Dies  kann  ich  nicht  akzep- 
tieren, da  ich  für  die  Errichtung  eines  neuen  Sprengeis  bei  Presja  keinen 
sichtbaren  Grund  finden  kann  und  Presja,  wenn  es  damals  überhaupt 
existierte,  ganz  gut  unter  den  Sprengel  von  Durazzo  oder  aber  unter 
denjenigen  von  Kroja-Arbanum  gehören  dürfte.  Zu  bemerken  ist  noch, 
daß  im  Jahre  1363  nach  dem  Tode  eines  gewissen  Johann  zum  Bischof 
von  Prizren  „confirmatus  est  Robertus  er.  s.  Aug.,  iam  praefectus  a, 
patriarcha  Cpolitano"  Eubel  1,  430).  Roberts  Nachfolger  scheint  der 
obige  Johannes  (11.)  gewesen  zu  sein.  Unter  Georg  Balsa  kam  Prizren' 
im  Jahre  1372  (Jirecek,  Casopis  ceskeho  musea  60  [1886]  267  X.  111  ; 
G.  der  Serben  1,  442;  Gelcich,  La  Zedda  ed  i  Balsidi  86). 

-  Ein  orthodoxer  äo/isniax07tog  (?)  iXcofixov,  wie  es  scheint, 
noch  um  1270  nachweisbar  bei  Lambros,  Aiog  ^J^XkfifiprjUbir  1  (1904) 
240.  Er  wird  hier  mit  einem  Niketas,  Erzbischof  von  Durazzo  (f  1273) 
genannt. 

3  So  genannt  nach  dem  Flusse  Vrego,  welcher  im  Mittelalter  auch 
Scampinus,  heute  Skumbi  heißt. 

■*  Bei  Eubel,  Hier.  cath.  2,  140  fälschlich  Ceruicensis  genannt. 
Parallele  orthodoxe  Bischöfe,  dem  Metropoliten  von  Ochrid  unterstellt, 
erscheinen  in  den  griechischen  Notitiae  unter  dem  Nameu  o  'lanuifiug 
xftl  3ioi'5a»'ftoc  (später  =  ^JHfindanyiov.  Elbassan),  s.  AAlb.  1,  281. 

■■'  Ripoll,  Bullarium  Praedicatorum  4,584;  Farlati,  LH.  sacrum  7,  434. 


21S 


von  der  Intensität  des  Znsamnienstof.les  der  kämpfenden  Ejrclien. 
anderseits  aber  von  dem  Beharrungsvermögen  der  kirchlichen 
Institutionen  ein  beredtes  Zeugnis  ablegt. 

In  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jaln-hunderts  hat  die 
katholische  Diözesenverfassung  in  Albanien  ihi'en  Höhepunkt 
en-eicht  mit  den  Bistümern  von  Ulcin,  Scodra  (=  Skutari), 
Suac,  Sarda  (=  Scordiensis,  Polatensis  Minor),  Sappa  (::=  Sava), 
Dagno,  Balezo,  Drivast,  Polato  (Polatensis  Major),  Prizren, 
Arbannm  unter  dem  Metropoliten  von  Antibari  und  mit  Alessio 
(Lissanensis),  Stephaniaka  (Bendensis),  Ki-oja,  Chunavia,  Wrego 
(=  Cernicensis,  Scampinus),  Aulona  unter  dem  Erzbisehof  von 
Durazzo.  Gegen  den  Orthodoxismus  kämpfend  hat  Rom  aus  dem 
Kern  des  mittelalterlichen  Albanien,  wo  nicht  nur  auf  der  Ober- 
fläche durch  Errichtung  von  Bistümern,  sondern  auch  dm'ch 
tiefeingreifende  Kleinarbeit  des  Benediktiner-,  Dominikaner-  und 
Franziskanerordeus  gearbeitet  wurde,  eigentlich  ein  katholisches 
Bollwerk  gegen  den  Islam  geschaffen.  Als  der  Andrang  der 
l'ürken  im  XV.  Jahrhundert  konstant  wurde,  verschwinden  an 
der  Peripherie  AU^aniens  zuerst  jene  Diözesen,  die  vom  Ortho- 
doxismus nocli  inuner  stark  dm-chsetzt  waren.  Die  ileihe  der 
Bischöfe  von  Aulona  hört  noch'  unter  Mrksa  Zarkovic,  einem 
orthodoxen  serbischen  Duodezfürsten,  im  Jahre  1399  auf;  Cerni- 
censis verschwindet  im  Jahre  14.51,  Chunaviensis  im  Jahre 
1.329.  Kroja  scheint  nach  dem  Falle  (1415)  dem  Erzbischof  von 
.Ochrid    unterstellt  worden  zu  sein.'  Im  Norden,    an   der   ortho- 

'  Im  Jahre  1425  „Croensis  ecclesia  oliin  sub  urchiepiscopatu  Djr- 
Qhachino",  Faiiati  7,  415  ;  vgl.  Jirecek,  Byz.  Zeitschrift  13,  200  f.  —  In 
den  Provinzialbüchern  der  Kurie  und  natürlich  a'ich  in  den  Regesten 
und  Obligationsbüchern  erscheint  in  der  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts 
(s.  Eubel  1,  224  und  2.  Aufl.  1,  216)  ein  episcopus  „Croacensis,  Croya- 
censis",  dem  Erzbischof  von  Spalato  unterstellt,  von  Eubel  (2,  156)  noch 
im  XV.  Jahrhundert  (1476)  separat  geführt  und  von  Wadding  noch  im 
Jahre  1524  zu  Spalato  gerechnet.  Meiner  Ansicht  nach  ist  dieser  Bischof 
in  den  meisten  Fällen  mit  dem  Bischof  von  Kroja  identisch,  denn  erstens 
Avivd  der  Name  Crojacensis,  Crojatensis,  sogar  Crajonensis  in  den  Jahren 
1498—1524  ausdrücklich  für  einen  Bischof  „in  finibus  Turcarum  et 
Venetorum    iu    Epiro"    angewendet    (Farlati    7,  431),    weiter    aber  'geht 


219 


doxen  slawisclien  Durcliljruchszoiie,  wo  die  albanischen  Kirchen 
schon  um  die  Mitte  des  XIV.  Jahrhunderts  von  den  Schisma- 
tikern viel  zu  leiden  hatten,  wo  der  Bischof  von  Scodi'a  schon 
im  Jahre  1^3 7 8  als  Vikar  von  Bacs  in  Ungarn  weilt,'  der 
Bischof  von  Alessio  1385  die  Pfarre  von  Treviso  leitet,'-  der 
Bischof  von  Suac  sich  im  Jahre  1884  in  Ragusa  ständig  nieder- 
läßt,^  wo  albanische  Fürsten  (Zachariae,  Joninias)  erst  1414  die 
„secta  slava  et  schismatica"  verlassen  und  katholisch  werden,"^ 
über  auch  den  heranstürmenden  Türken  dienen,'  entsteht  unter 
dem  tüi-kischen  Drucke  sofort  ein  Wanken  der  katholischen 
Positionen.  Wie  der  Bischof  von  Kroja,  nach  dem  ersten  Falle 
der  Stadt  (1415).  muUte  auch  der  Bischof  von  Dagno  nach  der 
vorübergehenden  Einnahme  dieser  Burg  durch  die  Tüi'ken  im 
Jahre  1431  mit  dem  Domkapitel  seine  Residenz  verlassen.  Das 
Kapitel    lielj    sich    in    dem  nahe   gelegenen    Benediktinerkloster 

diese  Identität  aucli  aus  einem  speziellen  Falle  (Bischof  Gualterius  1400 
„episcopus  Croensis",  1425  „episcopus  Croacensis",  Eubel  1,  224)  heiTor. 
In  der  Archidiözese  von  Spalato  existierte  niemals  eine  Diözese,  von 
deren  Namen  man  das  Attribut  Croacensis  ableiten  könnte,  wohl  aber 
wird  in  den  Akten  und  von  Schriftstellern  des  XI — XIII.  Jahrhundei^ts 
ein  episcopus  Croatensis,  ein  kroatischer  Bischof  genannt,  identisch  mit 
demjenigen  von  Nona  (Nonensis),  einem  (bis  1154)  tatsächlichen  Suffra- 
gan  von  Spalato  (Eacki,  Documenta).  Dieses  Attribut  des  Bischofs  von 
Nona  (Croatensis)  scheint  unter  der  Einwirkung  des  faktischen  Croa- 
censis (über  die  Verwechselung  des  t  und  c  in  den  Akten  s.  Albe,  Eevue 
des  questions  historiques  188  [1913]  490  N.  1)  im  XIV.  Jahrhundert, 
als  die  Kurie  viele  Bistümer,  die  nur  in  der  Tradition  lebten,  zum  fak- 
tischen Leben  zu  rufen  versuchte,  zu  einem  eigenen  Titularbischof  der 
Archidiözese  von  Spalato  geführt  zu  haben. 

'  Orig.  (1373,  4.  Juni)  im  Nationalmuseum  von  Budapest, 

2  Farlati  7,  387,  wo  das  Jahr  1395  in  1385  zu  emendieren  ist,  da 
dieser  Bischof  Gregorius  zweifellos  derselbe  ist,  der  im  Jahre  1373 
(nicht  1393,  wie  es  bei  Eubel  1.  Aufl.  1,  322)  zum  episcopus  Lisiensis 
ernannt  wurde  (Eubel  2.  Aufl.  1,  309). 

■^  Div.  Cancelarie  im  Archiv  von  Eagusa. 

*  Theiner,  M.  Slav.  1,  348. 

"  Im  Jahre  1401  Jorga,  Extraits  et  Notes  1,  103 ;  Scapolo, 
Ateneo  Veneto  8  (1908),  251  X.  2 ;  Makusev,  Istoriceskija  i-azyskanija 
67  N.  5. 


220 


St.  Sophia  nieder.'  Wegen  minimalem  Einkommen  des  Erzbischofs 
von  Antibari  wurde  demselben  im  Jiilire  1467  die  Diözese  Suac. 
deren  Residenz  schon  im  Anfange  des  XV.  Jahrhunderts  fast 
in  Trümmern  lag  imd  deren  Bischöfe  meistens  in  Italien 
lebten,-  im  Jahre  1474  aber  auch  Drivasto  zur  Verwaltung 
übergeben,"  wobei  die  Anordnung  der  Kurie  seitens  der  welt- 
lichen Macht  auf  einen  starken  Widerstand  stieß.*  Die  unter 
den  orthodoxen  Serben  versj)rengten  und  dem  Erzbisehof  von 
Antibari  unterstehenden  katholischen  Gemeinden  verloren  bald 
jede  Fühlung  mit  ihrem  Kirchenfürsten.  Im  Jahre  1457  gibt 
der  Papst  dem  Pfarrer  von  Novobrdo  bischöfliche  Befugnis  in 
Bezug  auf  die  Beichte,  „da  in  dem  von  den  Türken  okkupierten 
Kassien  Bischöfe  oder  anderen  Prälaten  sich  nicht  trauen  zu 
verweilen".'  Als  man  im  Jahi-e  1520  nach  einer  mekr  als 
di-eißigjährigen  (1477 — 1520)  Vakanz  wiederum  zur  Besetzung 
des  Bistums  von  Drivasto  schritt,  konnten  die  Zeugen  sich  nicht 
mekr  auf  den  Namen  des  letzten  Bischofs  zu  erinnern."  Der 
Mire(Utenbischof  von  Alessio  wohnte  seit  1478  im  Dorfe  Kalmeti 
und  nach  dem  Falle  von  Skutari  (1479)  wird  diese  Diözese 
ausdrücklich  „titularis  ecclesia  in  partibus  infideliuni"  (1492) 
genannt ;"  der  Bischof  des  nahen  Balezo  verschwindet  um  diese 
Zeit  (1478)  endgültig."  Nach   1501    muß    auch    der   Erzbischof 

1  Im  Jahre  1431  sitzt  iu  Dagno  ein  türkischer  Kefalija  (Jirecek, 
Arch.  für  slavische  Philologie  19,  92);  im  Jahre  1434  wird  ein  „cano- 
nicus  ecclesie  s.  Sophie  de  s.  Sophia  Dannensis  diocesis  ei-wähut  (Theiner, 
M.  Slav.,  1,  367  ;  Jorga,  Notes  2,  322).  Im  Jahre  1433  ist  der  Bischof 
von  Dagno  zugleich  SufFraganbischof  von  Kameniec  in  Podolien  (Eubel, 
2,  158).° 

-'  Farlati  7,  299. 

3  Theiner,  M.  Slav.  1,  499. 

*  Dagegen  sträubte  sich  nämlich  die  Republik  Venedig  und  1476, 
28.  Juni  beschließt  der  Senat  die  Einkünfte  des  Erzbischofs  von  Anti- 
bari zu  sequestrieren,  solange  derselbe  auf  das  Bistum  von  Drivasto 
nicht  Verzicht  geleistet  (Senato  Mar.  10,  fol.  «3  im  Venez.  Archiv). 

°  Theiner,  M.  Huugariae  2,  292. 

6  Farlati  7,  319. 

7  Ebd.  7,  319. 
«  Ebd.  7.  209. 


221 


von  Duruzzo  uus  der  Stadt    auszielicii.    wohnt    in    Iioni    und  ist 
im  Jalire    1535    „gar    nicht    verpHiehtet    bei    seiner    Kirche    zu 
residieren"  ;  später  residierte  er  in  Delbiniste,    einem    Dorfe  im 
Mattale,  das  noch  heute    als    eine    Sommerresidenz    giUJ    Nach 
1570  wohnte  der  Metropolit  von  Antibari  in  Budva.'-  Im  Süden, 
wo  der  Katholizismus  nie  festen  Ful-i  fassen  konnte,  und  im  Norden, 
wo  sich  die  beiden  alten  Kirchen    bis  in  die  Türkenzeit    hinein 
befehdeten,  am  östlichen    Rande  der  Durchbruchszone    unterlag 
das  albanische  Element  dem  Islam,  aber  gleich  der  orthodoxen 
slawischen  Masse  in  der  Durchbruchszone  (Montenegro),  wider- 
stand es  demselben    ziemlich    zähe    in    seinem    Kern    trotz   des 
Übei-trittes    der    meisten    nicht    ausgewanderten    Adeligen^  zum 
Islam.    Im    Jahre    1518    befahl    die    Kurie    den    Bischöfen    von 
Alessio,  Sappa  (Sarda.   Polatensis    Minor),    Seodra,    Polato,    Dri- 
vasto,  Kroja,  sie  mögen  ihre  Residenzen  beziehen,  „da  in  diesen 
Gecrenden  sehr  viele  christliche  Klei^ker  und    Laien  sich  befin- 
den.*  Die  erstgenannten  vier  Diözesen   erhielten    sich    im    alba- 
nischen   Medium    (Mirediten,    Hotten.    Klimentiner)     bis    in    die 
jüngste  Zeit  neben  den  beiden  Metropoliten   von    Antibari    und 
Durazzo.  für  Avelch    letzteren  im  Jahre   1798  -wiederum  einmal, 
wie  einst  am  Ende    des    XII.    Jahrhunderts    behauptet    wm-de,'' 
er   habe    keine     Suflfraganbischöfe.    Alle    andern    Bistümer   ver- 
schwinden   unter  der  Türkenherrschaft    entweder    plötzlich    wie 
z.  B.  Balezo  oder  Ulcin  mit  dem  Falle  der  Stadt  (1478,  1571), 
oder  aber  allmählig,  indem  sie  noch  eine  Phase  der  Kontraktion 
mit  andern  Bistümern  durchmachen  wie  Kroja,  Sarda,  Drivast  etc. 
An  dieser  Stelle  soll  als  Übergang  zum  zweiten  Abschnitt 
auch  emer  exotischen  kirchlichen  Kreation  des  XY.  Jahrhunderts 
an  der  orthodoxen  Durchbruchszone  Erwähnung    getan    werden, 

1  N.  Fr.  Presse  1910,  27.  April. 

3  Farlati  7,  106. 

^  Schon  vor  1428  trat  Georg  Skenderbeg  zeitweise  zum  Lslam  über 
(Jirecek,  Arch.  slaw.  Phüol.  19,  90). 

*  Farlati  7,  247,  2(35,  280. 

5  Seitens  des  damaligen  Erzbischofs  von  Antibari,  der  damals 
Alessio,  die  einzige  SufFragankirche  von  Durazzo,  an  sich  reißen  wollte 
(Farlati  7,  394). 


222 


die  schon  manchem  illteren  kirchlichen  Geschichtsschreiber  Adel 
Kopfzerl>rechen  verursachte  und  in  der  neueren  Zeit  selbst  der 
Kurie  vollkommen  rätselhaft  erschien.  Es  ist  dies  der  „archi- 
ei^iscojDus  Crainensis  (Craynensis)".  ein  Metropolit,  der  in  den 
Akten  zwischen  1452 — 1495,  also  zur  Zeit  des  türkischen 
Hochdruckes  erwähnt  wird,  dessen  Entstehen  aktenmäßicp  auch 
heute  noch  völlig  dunkel  ist,  dessen  Residenz  man  in  Krain, 
in  der  Makarska,  in  Albanien  suchte,  von  dessen  Kompetenz 
]nan  nur  soviel  wußte,  dali  er  keine  Suffragane  besaß  '  und 
daß  die  Series  der  Metropoliten  aus  ganzen  sechs  Männern 
bestand,  von  denen  zweien,  einem  Albaner  und  einem  Ki'oaten. 
ein  Platz  in  der  Weltgeschichte  gebührt. 

An  der  Westseite  des  Sees  von  Skutari,  8V2  Stunden 
Fußweg  von  Scodra  entfernt,  in  der  Landschaft  Krajina  mit 
vorwiegend  albanischer  Bevölkenmg,-  am  Fuße  des  Berges 
Katrkol  stand  gewiß  schon  seit  dem  X.  Jahrhundert  eine  durch 
das  ganze  Mittelalter  mit  wunderbarem  Nimbus  umwobene 
Marienkirche  und  später  Kalugjerenkloster,  die  „Precista  Kra- 
jin.ska".^  Einst  neben  der  Residenz  (cm-ia)  eines  dioklitischen 
Serbenfürsten  gelegen,  der  unter  dem  Namen  des  hl.  Wladimir 
(t  um  1016)  in  den  griechischen  Offizien  sogar  als  Patron  von 
D}Trhachion  gefeiert,  aber  auch  von  den  Romanen  und  Alba- 
nern der  (Städte  als  solcher  akzeptiert  *  wurde,  kam  diese 
Kirche    für    eine    Zeitlang  ''    in     Besitz     seiner    Reliquien,    um 

'  Färlati  7,  437  f.  ;  Eubel  2,  155. 

-  „Kiuinski  Arbanasi"  um  1330  (AAlb.  1,  G79).  Wenn  dieses 
Diplom  eventuell  auch  gefälscht  ist,  so  ist  seine  Entstehung  gewiß  in 
das  XrV.  Jahrhundert  zu  versetzen,  vgl.  AMb.  1,  166  und  Miklosich, 
M.  Serbica  p.  133  (1348). 

•■'  So  genannt  in  den  slawischen  Urkunden  des  Balsa  III.,  heraus^', 
von  Ducic,  Glasnik  srp.  27,  190  (U13)  und  47  (1879)  vgl.  Rovinskij, 
Zumal  min.  prosvescenija  229  (1883  Sept.)  63. 

*  Im  Jahre  1405  und  1426  wird  am  Territorium  von  Dulcigno 
ein  Oi-t  S.  Vladimir  genannt  (Ljubid,  Listine  5,  84  und  9,  15  vgl. 
Makusev,  Ist.  razyskanija  5). 

"  Bis  um  das  Jahr  1215,  als  die  Epiroten  den  Heiligen  in  ihre 
Seestadt  wegführten.  Heute  liegen  die  Gebeine  des  hl.  Johannes  Wladimir 


223 


welche  sieh  uocli  an  der  Wende  des  XII.  und  XIII.  Jahr- 
hunderts, am  Festtage  des  hl.  Whidiniir  (22.  Mai)  eine  Menge 
Volkes  zu  versannneln  ptiegte.  Die  infolge  ihrer  poetischen 
Behandlung  durch  Kacic  (f  1G70)  auch  heute  noch  bei  allen 
Südslawen  gut  bekannte  Heiligenlegende  über  Wladimir  und 
seine  Gattin  Kosara, '  in  ihrer  ältesten  bei  Presbyter  Diocleas  - 
erhaltenen  Fassung  hie  und  da  noch  mit  albanisch-slawischen 
heidnischen  Motiven  dui-chsetzt,  umgab  mit  warhaftem  Glorien- 
schein die  kleine,  damals  schon  orthodoxe  Kirche  samt  Kloster 
von  Krajina,  die  noch  am  Ende  des  XVII.  Jahrhunderts  bestand,^ 
heute  aber  eine  von  Efeu  umrankte  Ruine  bildet  in  einer  von 
mohammedanischen  Albanern  bewohnten  Landschaft  an  der 
einstigen  türkisch-montenegrinischen  Grenze.*  Von  der  ganzen 
Pracht  der  einstigen  berühmten  Wallfahrtskirche  blieb  nichts 
übrig  als  Wladimirs  Kreuz,  „das  Kreuz  von  Krajina"  (Krajinski 
krst),  welches  seit  der  Bekehrung  der  Ki-ajma  zum  Islam  im 
Dort'e  Velji  Mikulici  im  Gebiete  der  Mrkojevici  zwischen  Diil- 
cigno  und  Antibari  verwahrt  wird.  „Am  Pfingsttage  pilgern 
alljährig  sowohl  Mohammedaner,  als  griechische  and  lateinische 
Christen  mit  diesem  Ki-euze  auf  den  Berg  Rumija  (l-'iOö  Meter) 
frühzeitig  im  Morgendunkel,  damit  die  aufsteigende  Sonne  den 
Zug  auf  dem  Gipfel  erreicht,  von  welchem  sich  eine  gewaltige 
Rundsicht  über  den  See  von  Skutari,  die  Gebirge  von  Monte- 
negro und  Xordalbanien  und  das  Küstenland  zwischen  Cattaro 
und  Dm'azzo  eröfthet."^ 

in  dem  Kloster  des  hl.  Johannes  (Siu  Gjon  bei  Elbassau);  Novakoviö, 
Prvi  osnovi  knjizevnosti,  (Belgrad,  1893),  228  ff.  ;  Jirecek,  G.  der  Serben 
1,  207  und  Staat  1,  .50). 

1  Arch.  für  slaw.  Phil.  13  (1891)  632. 

-  Cmcic,  Ki-onika  popa  Dukljanina  (Kraljevica  lö74)  S.  41. 

^  Siehe  die  Beschreibung  des  damaligen  Erabischofs  von  Antibari 
bei  Farlati  7,  141  und  437. 

*  Ruinen,  beschrieben  von  Jastrebov,  Glasnik  srp.  48  (1880) 
367  f.  401  und  Spomenik  srp.  akad.  41  (1901)  154  f.  Vgl.  Jirecek,  G. 
der  Serben  1,  207  und  Glasnik  srp.  geograf.  drustva  1914,  150. 

°  Jhecek,  G.  der  Serben  1,  207  f.  nach  Jasrebov-Isevid,  Godisnjica 
Nikole  Cupica  24  (1905)  235  f. 


•221 


Es  \\nv  /Aveifellos  derselbe  Xiiiibtis.  der  lieute  nocli  im 
Kreuise  von  Krajina  kondensiert  eine  Erscheinung  ohne  ihres- 
o-leiehen  eiV/ielt  und  den  schwerwieo-enden  Unterschied  dreier 
Kelio'ionen  für  einen  Augenblick  zu  verwischen  vermag,  welcher 
in  Verbindung  mit  den  damals  (1439)  sehr  ernst  gemeinten 
Unionsverhandlungen  das  Erzbistum  von  Krajina  schuf.  In  einer 
Zeit,  als  seitens  der  Kurie  gegen  renitente  Schismatiker,  die 
sich  hier  wie  auch  in  Griechenland '  öfters  mit  den  Türken 
gegen  die  Lateiner  verbündeten,'  fast  mit  gleicher  Wucht  ge- 
kämpft wurde,  wie  gegen  die  Türken  selbst,  ist  es  nur  natürlich, 
wenn  Rom  alles  auflsieten  wollte,  um  in  den  Besitz  eines  so  starken 
Machtfaktors  zu  kommen,  wie  die  Precista  Krajinska  gerade 
Anfangs  des  XV.  Jahrhunderts  für  die  Volksseele  in  der  Durch- 
bruchszone war:  und  dies  nmsomehr,  als  durch  die  damit 
erzweckte  Katholisierung  des  maritimen  orthodoxen  Slawentums 
(Montenegro)  der  dalmatinisch-kroatische  und  der  albanische 
katholische  Damm  in  einander  gegriffen  hätten !  Wer  Rom  auf 
diesen  Machtfairtor  aufmei'ksam  gemacht  und  wie  die  Pourparlers 
gefühi-t,  ist  nicht  bekannt.  Es  war  dies  jedenfalls  ein  ausgezeich- 
neter Kenner  der  dortigen  Verhältnisse :  ich  denke  an  Paulus, 
den  dritten  ErzbLschof  von  Krajina,  der  noch  als  Pfarrer  von 
Treviso  über  die  Republik  Venedig,  dann  aber  als  Bischof  von 
Drivast  in  dieser  Hinsicht  auf  Rom  auch  direkt  einwirken  konnte. 
Dabei  ist  aber  auch  die  Mitwirkung  des  bertihmten  Dominikaner- 
kardinals Johann  Stojkovic  aus  Ragusa  (f  1443)  als  fast  sicher 
anzunehmen.^ 

Tatsache  ist,  daß  vor  144(5  *  ein  gewisser  Theodosius,  wahr- 

'  Siehe  den  Verrat  des  griecliischen  Erzbischofs  von  Athen 
Makarios  im  Juhre  1395  bei  Hopf  2,  60  N.  G3. 

-  Im  Jalire  1462  gestattet  der  Papst  dem  Kommendatar  der  großen 
Benediktinerabtei  Rtac  (Rotezo)  bei  Antibari,  er  könne  die  Beute,  die 
er  „den  Türken  und  den  slawischen  Schismatikern"  genommen,  behalten 
(Theiner,  M.  Slav.  1,  463). 

•'  Über  ihn  s.  Jorga,  Notes  2,  1  X.  1  ;  Beer,  Serta  Harteliana 
(Wien,  lö96),  270  ff. 

■*  Der  „archiepiscopus  Sclavonensis  de  Craina"  wird  das  erstemal 
1446,  12.  August  in  venezianischen  Akten    genannt  (Senato    Mar.  2,  fol. 


225 


selieinlich  Igumen  des  Klosters  yoii  Krajina,  zum  Erzbischof 
erlioben  wurde.  Der  Umstand,  dal.'t  dieses  berühmte  Kloster  einen 
Erzbisehot'  bekam,  konnte  in  dieser  Gegend  gar  nicht  aut'tlillig 
wirken :  befanden  sieh  ja  dtjch  fast  alle  Residenzen  der  serbi- 
schen orthodoxen  Bischöfe  (je})iskup.  biskui^)  in  Klöstern,  wie 
auc-h  die  des  Erzbischofs  von  Zica  selbst.'  Bald  wurde  aber 
Theodosius.  zweifellos,  weil  für  Katholiken  unverlälUich.  seiner 
Würde  enthoben.  An  seine  Stelle  kam  (14.')8)  Sabbas.  Bischof 
Ton  Thermopjlae.  Schon  der  Name  dieses  Prälaten  —  Sabbas. 
Sreti  Sava  hieß  auch  der  Gründer  der  serbischen  autokephalen 
Kirche  —  zeugt  von  der  großen  Umsicht,  mit  der  diesmal  die 
Kurie  hier  verfuhr.  Als  dritter  Erzbischof  von  Krajina  erscheint 
im  Jahre  1454  ein  Mann  von  ausgezeichnetem  Talent  und 
riesiger  Ambition,  zweifellos  ein  Nordalbaner  aus  dem  vor- 
nehmen   Geschlechte    der    Dusmani    in    Polato.-  Im  Jahre  1440 

l'Hj,  weil  er  angeblich  einige  Besitzungen  der  Kirche  „s.  Maria  de 
Goiiza"  an  der  Bojana  (1387  in  ragusanit-chen  Dokumenten  „s.  Maria 
de  Goriz  de  Ludrino",  Jirecek,  Das  christliche  Element  19)  mit  Gewalt 
entrissen  hat.  Der  Senat  ordnet  dem  Kapitän  von  Skutari  an,  die 
Angelegenheit  zu  untersuchen.  —  Unter  den  „Metropolite  Craine'^  bei 
Ljubic.  LLstine  9,  194  (1444)  scheinen  noch  die  oi-thodoxen  Bischöfe  von 
Zeta  gemeint  zu  sein. 

■  Jirecek  Staat  1.  47. 

-  „Cognomento  Dussius"  sagt  Farlati  7,  240.  Dieser  Beiname  ist 
meiner  Ansicht  nach  kontrahiert  oder  verdorben  aus  Dusmanus.  deni 
Xamen  des  Ahnen  der  Hemi  von  UnterpUot  im  XV.  Jahrhundert  (Ljubic. 
Listine  5.  44  vgl.  10  und  Jorga,  Extraits  1,  139  und  Hopf  2.  97  X.  42). 
So  wird  auch  bei  Farlati  (7,  270)  ein  BLschof  von  Polato  (1427—1440) 
Dussus  genannt,  der  bei  Eul>el  1,  424  ausdrücklich  Dusmanus  heißt.  Was 
die  alten  Biographen  Skenderbegs  über  die  Herkunft  Pauls  aus  der  I>ri- 
va.stiner  Familie  Angeli  (vgl.  AAlb.  1.  468)  erzählen,  ist  zwar  nicht 
.  kontrollierbar,  aber  gewiß  falsch,  denn  mau  kann  mit  Bestimmtheit 
annehmen,  daß  hier  eine  Verwechslung  dieses  Paulus  mit  seinem  Zeit- 
genossen Paulus,  Erzbi-schof  von  Durazzo  (14H0 — 1469j  und  intimem 
Freund  Skenderbegs,  vorliegt.  Am  2U.  Dezember  147ö  erteilt  der  Senat 
von  Venedig  „an  Petras  Angelo  aus  Drivasto  (Pecro  Angelo  de  Drivastol. 
einen  Brader  des  vei-storbenen  Erzbischofs  von  Dui-azzo,  der  im  Dienste 
iler  Komune  starb'",  für  seine  ausgezeichneten  Dienste  eine  monatliche 
Pension    von    6    Dukaten    iSenato    Mar.  11,  fol.  5  v.).    Demnach    führte 

15 


226 


nocli  Pfarrer  der  Augustinerkirche  von  Treviso  unter  Venedig, 
wurde  Paul  zum  Bisehof  von  Svac,'  dann  1440  zum  Bischof 
von  Drivasto  ernannt.  Als  solcher  weilt  er  im  Jahre  1452,  alsO' 
«cerade  zur  Zeit  der  Dethronisation  des  ersten  Erzbischofs  von 
Ki'ajina,  in  Rom  und  wird  im  Juli  dieses  Jahres  vom  Papst 
als  Legat  zur  Schlichtung  der  Feindschaft  zwischen  Skenderbeg^ 
und  der  Familie  Dukagin  nach  Albanien  ausgesandt.-  Zwei 
Jahre  später  wurde  er  Erzbischof  von  Krajina,  behielt  aber 
daneben  die  Administration  der  Drivastiner  Diözese.  Im  Jahre 
1456  erwirkte  er  bei  Papst  Kalixt  HJ..  in  dessen  hoher  Gnade 
er  stand,  die  Exemption  der  Drivastiner  Diözese  von  der  Gewalt 
des  Erzbischofs  von  Antibari  und  ihre  dhekte  Unterordnung 
dem  Päi)stlichen  Stuhle,  was  ihm  zweifellos  die  Feindschalt  des 
damaligen  Erzbischofs  von  Antibari  zuzog,  der  m  dem  ambitiö- 
sen Erzbisehof  von  Ki-ajina  einen  gefährlichen  Rivalen  erblicken 
mußte.  Eine  Flut  von  Denunziationen  wurde  gegen  Paul 
nach  Rom  geschickt ;  er  gebe  dem  griechischen  Glauben  den 
Vorzug,  er  predige,  daß  der  Römische  Stuhl  selbst  die  Griechen 
und  Russen  beschütze,  er  exkommuniziere  Katholiken,  endlich 
er  lasse  vor  sich  ein  Ki-euz  tragen  und  brüste  sich  im  Besitze 
päpstlicher  Gewalt  zu  sein  (preterea  crucem  erectam  ante  se 
deferi  facit  et  se  j)apali  potestate  fungi  asserens).^  Durch  den 
Tod  des  Erzbischofs  Paul  (vor  Oktober  1457)  wurde  der  Lauf 
der  vom  Papste  im  Juni  1457  gegen  ihn    angeordneten    Ünter- 


Erzbischof  Paul  tatsächlicli  den  Familiemiamen  Angelus,  da  er  aber, 
bevor  er  zum  Erzbischof  Avurde,  Archidiakou  von  üurazzo  war  (Eubel 
2,  164),  so  ist  es  anzunehmen,  daß  er  ein  geljorencr  Durazziner  war, 
daß  also  nicht  er  aus  Drivasto,  sondern  sein  Bruder  Peter  aus  Durazzo 
nach  Drivasto  kam,  um  doi-ten  zum  Ahnherrn  der  Familie  Angeli  zu 
werden,  die  sich  im  XVI.  Jahrhundert  schon  den  Herzogstitel  (ducibus 
Drivasti)  aneignete  (AAlb.  1,  468). 

'  Als  solcher  machte  er  sich  für  die  Rückeroberung  Drivastos  und 
einiger  Orte  in  Zeta  äußei-st  verdienstlich  und  erhält  1443  (11.  April) 
vom  venezianischen  Rat  als  Ersatz  für  den  erlittenen  Schaden  S  Dukaten 
monatlich  (Senuto  Mar.   1  fol.  166V 

2  FarlatI  7,  241. 

3  Theiner,  M.  Slav.  1,  424  ;  Farlati  7,  242. 


227 


suchung  für  immer  unterbrochen.  Aber  trotzdem  ist  es  gur  nicht 
schwer  die  oben  angelühiien  Ankhigen  gegen  den  Erzbischof 
auf  ihr  wahres  Mal.)  zurückzufühi*en.  Im  orthodoxen  Medium 
postiert  und  auch  gegen  Türken  ankämpfend  konnte  er  seine 
Mission  nm*  so  erfolgreich  durchführen,  wenn  er  gegen  den 
orthodoxen  Glauben  nicht  allzuschroff  auftrat.  Die  Verfolgung 
jener  slawischen  Priester,  die  sich  in  den  Landschaften  von 
Cattaro  bis  Alessio  den  Beschlüssen  des  Florentiner  Konzils 
nicht  fügen  Avollten,  übernahm  ja  sowieso  und  wie  es  scheint 
ziemlich  gründlich  die  Kepublik  Venedig.'  Als  Bischof  von 
Drivast  von  seinem  Metropoliten  miabhängig  gemacht,  wollte 
er  als  Erzbischof  von  Ki-ajina,  um  seine  Autorität  zu  steigern, 
dem  Erzliischof  von  Antibari  ebenbürtig  erschemen  und  vielleicht 
auch  das  eben  jetzt  im  Entstehen  begriffene  Primat  von  Serbien - 
an  sich  reißen.  Dies,  so  Avie  das  Imitieren  des  uralten  Brauches 
des  Erzbischofs  von  Antibari.  das  Ki-euz  vor  sich  tragen  zu 
lassen,^  war  sein  Krimen! 

Nach  zwanzig  Jahren  Sedisvakanz  liel.j  wiederum  ein  Erz- 
bisehof von  Ki-ajina,  und  diesmal  ganz  Europa,  von  sich  sprechen. 
Als  Vertrauter  des  römischen  Kaisers  führte  Erzbischof  Andi-eas, 
ein  Ki-oate  aus  dem  hochadeligen  Geschlechte  der  Jamometici, 
im  Jahre  1480  wichtige  Verhandlungen  mit  Papst  Sixtus  JV. 
Genial,  em  unwiederstehlicher  Redner  und  Agitator,  hochmütig 
und  abenteuerlich  kühn,  im  mehrfachen  offenen  Kampfe  gegen 
den  Papst,  machte  dieser  Domüiikaner  den  Xamen  seines  Erz- 
bistums berühmt,  sich  aber  unglücklich.  Seine  Agitation  füi"  die 
Forfsetzmio^  des  ano-eblich  unterbrochenen  Konzils  von  Basel 
sichert  ihm  einen  vohrnehmen  Platz  in  der  Reihe  der  Revolu- 
tionäre der  römischen  Kirche.  Amoviert  starb  er  (um  1483)  im 

'  Siehe  den  Protest  des  Fürsten  von  Zeta  Stephan  Crnojeviö  voiu 
Jahre  1453  bei  Ljubic  10,  22  vgl.  9,  4-33  f.  und  auch  Documenta, 
spectantia  historiain  orth.  dioeceseos  Dalmatiae  et  Istriae  1  (Jaderae 
1899)  1  ff.  —  Doch  protestierten  die  Zetaner  im  Jahre  14")t)  auch  gegen 
den  „arcivescoTO  latin  in  Craina"  (Ljubic  10,  68). 

-  Im  Jahre  1475  nennt  sich  Stej)han,  Erzbischof  von  Antibari 
„totiusque  Servie  primas"  Farlati  7,  96). 

■■'  AAlb.  1,  63,  68. 

15* 


228 


Keiker  i^u  Basel.'  Bald  nach  ihm  erlosch  gänzlich  das  durcli 
die  Türkenherrschaft  (1480)  schon  titulär  gewordene  Er/.bistuni 
nm  Krajina. 

n. 

Die  orthodoxe. Durchbruchszone  im  einstigen  Dioklien  und 
i'oniorje  (Maritima,  heute  Montenegro),  worin  dem  Erzbischof 
von  Ki-ajina  im  XY.  Jahrhundert  eine  Nivellierungsrolle  zufiel, 
ist.  wie  wir  schon  aus  der  Genesis  der  Diöze.sen  sahen,  eine 
Sekundärerscheinung  dem  Katholizisnms  gegenüber.  Dem  ur- 
sj)rünglichen  Metropoliten  von  Ragusa,  bzw.  dem  Usurpator-Erz- 
bischof von  Antiban  unterstanden  außer  den  albanischen  Städten 
auch  die  Landschaften  Tribunia  (Travunia,  Tribinja,  Trebinje) 
zwischen  Ragusa  und  Cattaro,  Zahlumien  (Zahlmije)  bis  zur 
Xarenta.  dessen  Bischof  in  Stagno  (Ston.  ^rayvör,  2Ta^v6i\ 
Stamnum)  auf  der  heutigen  Halbinsel  Sabbioncello  residierte, 
ferner  die  „Serbiensis  ecclesia"  im  Lande  der  eigentlichen  Serben, 
hii  XIII.  Jahrhundert  identifiziert  mit  derjenigen  von  Bosnien.' 
Die  Namen  der  serbischen  Fürsten  des  IX.  Jahrhunderts  sind 
eher  lateinischer  als  griechischer  Art ;  in  der  kirchlichen  Termi- 
nologie der  Serben  sind  auch  lateinische  Spuren  zu  finden  nnd 
in  einer  kleinen  Kirchenruine  im  Limtale  fand  man  Fragmente 
einer  lateinischen  Inschrift  aus  dem  IX — X.  Jahrhundert."  Alle 
Füi'sten  von  Dioklien  waren  dem  Papst  ergeben.  Fürst  Bodin 
emj)fing  (109G)  die  durch  Scodra  ziehenden  französischen  Kreuz- 
fahrer auf  das  herzlichste.   Die  Grabeskirche  dieser  Fürsten  war 

1  Über  ihn  sehr  eingeheud  J.  Schlecht,  Andrea  Zamometic  und 
der  Basler  Konzilsversuch  vom  Jahre  1482.,  1  (Paderborn,  1903)  8  ff.  u. 
Nachträge  152  ff.  (Quellen  und  Forschungen,  Görres-Gesellschaft  Bd.  8V 
Die  Frage  der  kroatischen  Herkunft  Andreas"  löste  der  Agramer  Antiquar 
M.  Breyer  (Pastor,  Gr.  der  Päpste,  3.  Aufl.  2,  580  K.  1),  der  sein  lite- 
rarisches Wissen  in  dieser  Hinsicht  auch  mir  bereitwillig  zur  Verfügung 
stellte.  Über  das  uradelige  kroatische  Geschlecht  s.  Klaiö,  Rad  Jugosl. 
akad.  130  [1897],  6.s. 

2  AAlb.  1,  211,  214;  Jirecek.  G.  der  Serben  1,  117  f.  21^  f. 

'  Patsch,  Wis.s.  Mitteil,  aus  Bosnien  4.  (189Ö)  295;  Jirecek,  ^.  a. 
<>.  174  f. 


22  y 


die  alte  Benediktinerabtei  des  hl.  8ergiiis  und  Bacrhus  an  der 
Bojana.'  Um  das  Jahr  1113  gab  es  in  Ribnica  (heute  Podgu- 
rica),  fünf  Kilometer  von  den  Ruinen  der  römischen  Doklea  nur 
lateinische  Priester,  und  so  kam  es,  daß  der  Gründer  des  serbi- 
schen Reiches  Großzupan  Nemanja  die  lateinische  Taiife  erhielt." 
Die  Unterschiede  zwischen  der  östlichen  und  westlichen  Kirchs 
waren  in  diesen  Liindern  selbst  noch  im  XII.  Jahrhundert  nicht 
klar  zum  Bewußtsein  gekonnnen,  aber  der  Ditferenzierungsgerni 
war  entlang  der  ganzen  adriatischen  Küste  schon  an  der  Wende 
des  IX.  Jahrhundert  in  der  slawischen  Liturgie  '  vorhanden.  In 
einer  Cattaroer  Originalurkunde  vom  Jahre  116()  wird  das  Wort 
„abbas"  im  Texte  zweimal  von  derselben  Hand  mit  „archiman- 
drita"  überschiieben.*  In  einer  sehr  interessanten,  im  Jahre 
1199  in  Antibari  abgehaltenen  Synode  w\u-den  Beschlüsse  gegen 
die  Priesterehe  und  gegen  das  Tragen  des  Bartes  gefaßt.'  In 
der  echten  i);ipstlichen  Bulle  vom  Jahre  1089  werden  dem 
katholischen  Erzbischof  von  Antibari  „onmia  monasteria  tam 
Dalmatinorum  (Latinorum),  (piam  Graecorum  atque  Sclavorum", 
die  sieh  damals  wohl  hauptsächlich  durch  die  Sprache  ihrer 
liturgischen  Bücher  von  einander  unterschieden,  unterordnet.'' 
^lan  sieht  klar  die  Poren,  durch  die  der  orthodoxe  Durchsicke- 
rungsprozeß  im  katholischen  Damme  sofort  begann,  als  die 
Serben  ihre  orthodoxe  Nationalkirche  erhielten  (1219)  und  auch 
ilire  politische  Macht  besser  konzentrierten." 

Einer  der  acht  Bischöfe,  die  mit  dem  ersten  „Erzbischof 
aller  serbischen  und  der  Küstenländer"  der  orthodoxen  Kirche 
dienten,  der  Bischof  von  Zeta.  nahm  seinen  Sitz  in  einem 
Kloster  am  Meere  in  einer  Bucht  auf  der  Südseite  des  Golfes 
von    Cattaro.    im    Mittelalter    von    den    romanischen    Städtlern 

'  AAlb.  1,  &>>,  76. 

-  Ju-ecek,  G.  der  Serben  1,  257. 

•''  Darüber  Jh-ecek,  a.  a.  0.  1,  174—179. 

*  AAlb.  1,  93. 

5  AAll).  1.  120:  Jirecek  a.  a.  O.  1.  229. 

"  AAlb.  1,  68  vgl.  63.  Jirerek  1.  179. 

'•  .Tireeek,  .Staat  1,    lö  f. 


230 


„^^.  Michiiol  in  culfo  Catari"  genannt,  mit  scheiner,  ans  roten 
und  weii.len  Steinen  erbauten  Episkojialkii-elie  des  hl.  Michael.' 
Bis  fast  vor  die  Tore  einer  romanischen  Stadt  mit  katholischem 
Bischof  reichte  die  „Metochia"  des  hl.  Michael,-  aber  die  vor 
ihi'  liegenden  kleinen  Inseln  (St.  Gabriel  =  Stradiotti)  gehörten 
auch  weiterhin  zum  Sprengel  von  Cattaro.^  Schon  am  Anfange 
des  XIII.  Jahrhunderts  mußte  der  lateinische  Bischof  von  Zach- 
lumien  sich  aus  seiner  Residenz  (Stagno)  zm-tickziehen  und  lebte 
in  der  Abtei  von  Lacroma  (Lokrum),  später  übersiedelte  er  auf 
die  Insel  Curzola.*  Seine  Residenz  okkuj)ierte  ein  orthodoxer 
Bischof,  dessen  mit  vielen  Gütern  beschenktes  Bistum  aber 
infolge  vieler  Kj-iege  bald  verödete  und  der  sich  ins  Binnen- 
land  (endgültig  mn  1318),  in  das  Peter-Pauls-Kloster  am  Lim 
zurückziehen  mußte.'  Nach  1334  verblieb  in  dem  von  den 
Ragusanern  wiedereroberten  Stagno,  einer  ausdrücklichen  Be- 
stimmung Stephan  Dusans  entsprechend,  nur  ein  gewöhnlicher 
serbischer  Geistlicher,  um  in  den  dortigen  Kirchen  zu  „singen"." 
Zwischen  1254 — 1260  wurde  Salvius  (Slavius),  Bischof  von 
Trebinje,  früher  Abt  von  Lacroma,  durch  die  Schismatiker  seines 
Bistums  beraubt  (per  scismaticos  episcopatu  Tribuniensi  ac  bonis 
suis  Omnibus  spoliatus),  lebte  in  Ragusa  als  Administrator  seines 
früheren  Klosters,  darin  von  der  ragusanischen  Gemeinde  gestört. 
Im  Jahre  1265  befiehlt  der  Papst  dem  Erzbischof  von  Antibari, 
er  möge  in  dieser  Angelegenheit  eine  Untersuchung  einleiten.' 
Nach  dem  kleinen  Benediktinerkloster  S.  Maria  Annunciata  von 
Mercana,   auf   einem    Inselchen    vor    den    Ruinen    von    Epidaur, 

'  Die  Ruinen  beschrieben  von  Crnogorcevic  in  Starinar  lU  (1898) 
(1—73  mit  15  Tafeln  ;  Jirecek,  Staat  1,  50  N.  2. 

^  Über  die  hundertjährigen  Fehden  der  Bürger  von  Cattaro  mit 
den  Leuten  von  Lustica  s.  Gelcich,  Memorie  storiche  de  Bocche  di 
Cattaro  (Zara,  1880)  18  ff.  und  La  Zedda  56  ff. 

■'  Theiner,  M.  SLiv.  1,  215  (1346);  vgl.  Jirecek,  G.  der  Serben 
1,    209. 

■*  .Jirecek,  Staat  1,  58. 

•"'  Ebd.  1,  47  f. 
■    "  Ebd.  1,  58  und  Festschrift  für  Jagic  (1908)  530. 

'  AAlb.  1.  252. 


231 


tla^  der  Bischof  yöu  l'rebinje  im  XIY.  Jahrhundert  zum  Sitz 
-erhielt,  hieß  derselbe  auch  „episcopus  Mercaue"  und  war  in 
der  Eeo-el  Vikar  des  Erzbischofs  von  Ragusa.' 

Im  Osteck  Nordalbaniens  stand  die  orthodoxe  Stadt  Prizren 
mit  einer  katholischen  Pfarre '  anfangs  des  X]y.  Jahrhunderts 
unter,  orthodoxer  geistlicher  Herrschaft.  Der  von  Uros  HI. 
reich  dotierte  und  in  hoher  Gnade  o-ehaltene  Bischof  Arsenius 
(lo3l  —  l'-VS'6)  hatte  auch  die  Burg  von  Prizren  (Goruji  grad, 
Visegrad,  heute  Stara  Kalaja,  Kyz  Kalaja)  mit  der  Burgkirche 
St.  Nikolaus  als  Hort  für  die  l)ischöfliche  Schatzkammer  in 
seiner  Gewalt,  er  hatte  auch  die  Burgwache  aus  seinen  Bauern 
zu  stellen.'  Die  geistliche  Herrschaft  verblieb  in  dieser  Stadt 
auch  unter  Dusan,  nur  daß  die  Burg  dem  daneben  von  Dusan 
(1348)  erbauten  Kloster  der  Erzengel  Michael  und  Gabriel 
(da  jest  mestohranilnica  crkovnaja  mesto  pirga)  übergeben  wm'de ; 
dafür  erhielt  das  Bistum  als  Entschädigung  drei  Dörfer.* 

Zu  dieser  Zeit  war  natürlich  das  ganze  ;dbanische  Eck 
um  Prizren  schon  orthodox.  Die  undiegenden  Dörfer  und  Weiler 
(Slamodraze,  Neprobista,  Momusa,  die  beiden  Hotca)  befanden 
sieh,  schon  seit  dem  Ende  des  Xll.  Jahrhunderts  im  Besitze 
des    berühmten     Klosters     Chilandar     am     Athosberge. '    Unter 

1  Jh-ecek,  Staat  1,  .57  f. 

^  Theiner.  M.  Huiig.  1,  701  (134G)  vgl.  M.  Sliiv.   1,  215. 

■■'  Die  Urkunde  in  Glasnik  srp.  49  (1881),  260-266  nacli  meiner 
Ansicht  (AAlb.  1,  749)  aus  dem  Jahre  1331,  vgl.  AAlb.  1,  764. 

■*  Das  Diplom  für  dieses  Kloster  herausgegeben  von  Safarik,  Glas- 
nik srp.  1.5  I,1S62),  209  ;  Sreckovic,  Sinan-pasa  (Belgrad,  1865)  7  —  67  ; 
Novakovic.  Zakouski  spomenici  683 — 705.  Über  das  Jahr  Jirecek,  Spo- 
menik  srp.  X[,  18  und  Radonic,  Ljetopis  Matice  srp.  180,  74.  Über  die 
obige  Stelle  Sreckovic,  Istorija  srp.  naroda  2,  558  N.  '2  und  Jirecek, 
Staat  1,  48.  Vgl.  Jirecek,  Handelsstraßen  07  f.  und  Jastrebov,  Spomenik 
41  (1904).  45.  —  An  sehr  exponierter  Stelle  gelegen  ging  das  Kloster 
gewiß  schon  im  XV.  Jahrhundert  zugrunde.  Im  Jahre  1372,  als  um 
den  Besitz  dieser  Stadt  zwei  Teilfürsten  stritten  und  Georg  Balsa  die 
Burg  gegen  Zupan  Nikola  Altomanovic  verteidigte,  flüchteten  die  ragu- 
sanischen  Bürge i-  von  Prizren  in  dieses  burgartige  Kloster  (Jirecek, 
Casopis  ceskeho  musea  60,  267  und  (ieschichte  der  Serben  1,  142  N.  2). 

•■'  AAlb.  1,  113  vgl.  .545. 


232 


Stephan  Dragutin  (127() — 1281)  erhielt  dieser  ^jtilt  nuth  die 
Kirche  des  hl.  Demetrius  in  Pri/ren, '  unter  Stephan  Dnsan 
die  Dörfer  (1334)  Dobrnsta  mit  der  Kirche  des  lil.  Nikolaus, 
Zuri,  A'rbnica,  Vojevici  und  einen  Anteil  am  Zoll  von  Spas 
lind  Prizren.'-  Nach  dem  Tode  Dusans  erholien  die  Mönche  von 
Chilandar  Ansprüche  und  fabrizierten  auch  die  entsprechenden 
Hechtstitel '  auf  Steuereinhebnngen  in  Sankt  Sergiiis  an  der  Bojaiia 
lind  an  der  „Breiten  Fuhr'  (Siroki  Brod)  bei  Alessio,  ^  so  wie 
auch  auf  andere  Besitzungen  in  der  Landschaft  um  Prizren,  die 
Toll  mit  Metochien  (furd/ioi'  =^  Klostergut,  metohija  sy.  Spasa. 
metohija  Hotca)  unter  Oberverwaltung  von  Mönchen  „Ikonomen"*  ' 
endhch  diesen  Namen  auch  par  excellence  behielt.'  Audi  in 
Unterpilot  am  rechten  Ufer  des  Flülk-hens  Rioli  hatte  das 
Kloster  Chilandar  im  XIV.  Jahrhundert  Besitzungen  (Murici, 
Kalogeni,  Kamenice).  die  an  diejenigen  des  serbischen  Klosters 
Decani  grenzten. "  Dieses  äußerst  reiche,"  im  Jahre  1330  am 
waldigen  Au.sgange  einer  Schlucht  am  Weißen  Drim  gegrün- 
dete, noch  heute  bewohnte  Kloster  hatte  nämlich  auch  hier 
zwischen  Cijevna  (Zem)  und  Kioli  viele  Güter:  aus  einem  Dorfe 
(Nikita)  in  Polato  mußten  zwei  Bauern  dem  Kloster  jährlich 
zusammen     0000    Seidenkokons    liefern."    Das    schon    erwähnte 

'  Stojanovic,  Spomenik  srp.  3,  11  ;  Novakovic,  Zak.  spomenici  387. 

•^  AAlb.  1,  777  ;  Safarik,  Pamatky  2.  Xnü.  Listiny  99  -104  =  Nuv;i- 
kovic,  a.  a.  0.  418  (1347). 

■■'  Die  Urk.  bei  Floiünskij.  Athonskije  akty  ti3  0'>  =  Novakovic 
718  ist  evident  falsch,  aber  gewiß  noch  im  XIY.  Jahrliiuulert  iiacli  den 
echten  Urkk.  (aus  dem  Jahre  13-5.5)  bei  Florinskij  73  :=  Novakovic  133 
fabi-iziert. 

■*  Zuerst  erwähnt  in  der  L'rkk.  von  Banjska  (ed.  .Tagic  33)  vsrl, 
Jirecek,  Staat  2,  72  N.  3.  Die  Lage  geht  klar  hervor  aus  Miklosich. 
M.  Serb.  177  (1368).  Vgl.  .Tastrebov.  Spomenik  41,  199. 

^  Im  1342  der  Mönch  Foan  „ikonom"  von  Hoca  (Miklosich.  M.  S.  1 16t. 

«AAlb.   1,  166  N.  1  ;  .lirecek,  Staat  2,  37. 

•  AAlb.  1.  545,  798. 

*  Nach  der  Rechnung  Novakovid'  (Selo  216  if.  vgl.  .lirecek,  Staat 
2,  37)  besaß  dieses  Kloster  4U  Dörfer  und  VV^eiler.  darin  2166  Häuser, 
9  Katune  mit  266  Häusern   oder  Faniilicn   der  Wlaclicii. 

»  AAlb.   1,  746. 


•233 


Erzengelkloster  von  Prizren  besaü  unter  seinen  »iO  Dörfern 
und  Weilern  neben  17  albanischen  und  wlachischen  Katunen 
im  Nordeck  von  Prizren  auch  eine  von  katholischen  All)aneni 
bewohnte  Dorfgruppe  westlich  vom  Zusamnientlul,)  der  beiden 
Drim  im  Oberpilot  (»Siklja,  Krujmada,  Krsti.  Sakato,  wo  die 
katholischen  Geistlichen  dem  Kloster  eine  l^teuer  in  Wein  zu 
entrichten  hatten,  in  Unterpilot  aber  das  große  Dorf  Kupelnik 
(Cupeluich,  Copenico,  Koplik)  mit  vorwiegend  slawischer  Bevöl- 
kerung, an  dessen  Gemarkunuren  die  Grenzen  der  Güter  dreier 
orthodoxer  Klöster  (Chilandar,  Decani,  Prizren)  zusammenliefen, 
noch  im  Jahre  1416  voll  mit  orthodoxen  Popen.'  Diesem  Kloster 
unterstand  ferner  die  ursprünglich  gewiß  katholische  Muttergottes- 
kirche von  Dagno,  deren  Überreste  lateinische  und  griechische 
Inschriften  aufweisen  (heute  Pfarrkirche  des  Dorfes  Laci)  und 
die  zur  Zeit  des  Erzbistums  von  Krajina  über  direkten  Auftrag 
des  Papstes  (145(3)  einen  katholischen  <Teistlichen  erhielt,-  dane- 
ben die  Dörfer  Papratnica  und  Loncari  besteuert  mit  je  einem 
„tovar"  Butter,  ferner  eine  andere,  schon  von  früheren  serbi- 
schen Königen  mit  Donationen  (rizovulja)  versehene  Marien- 
kirche am  Flusse  (xladra  (Gjadri)  und  das  Dorf  Zeravina  mit 
Grundstücken  in  der  Umjjebunj?  von  Alessio."  Das  heute  in 
Trümmern  liegende  und  im  Jahre  l'M't  von  der  serbischen 
Dynastie  gegründete  St.  Stephanskloster  von  Banjska  zwischen 
Kas  und  dem  Amselfelde  hatte  unter  anderem  auch  9  Dörfer 
samt  den  Weilern  in  Zeta ;  *  demselben  wurde  auch  das  ganze 
Gebiet  von  Kogozno  zwischen  Kas  und  Panjska  unteroi'dnet,  wo 
sich   zwischen  1303 — 1347  auch  eine  katholische  Kirche  befand. " 

'  Ljubic,  Starine  14,  34  :  .lireeek.  Glasiiik  srp.  geogr.  drustva 
1914,  154. 

-  „Capeila  s.  Marie  subtus  Dagnum"  (Ljubic,  Listine  10,  91), 
beschrieben  von  Hahn.  Reise  Drin  Wardar  41.  328  und  Ippen,  Wiss. 
Mitt.  aus  Bosnien   7.  240. 

'  Siehe  oben  S.  32  ^^  Ü.  Vgl.  .lireOek.  Arch.  shiw.  IM.il.  19,  94 
und  Staat  1,  51  u.  2,  37. 

*  Novakovic.    Monastir    Banjska  in  <ilas  sr)».  ak.  32  (1892)  1     3.1. 

*  Stiftnngsurknnde  hgb.  von  .lagic  S.  b  und  in  Sjtomenik  4.  3. 
Vgl.  AAlb.   1.  4S9. 


234 


I)ie  Besitzungen  des  St.  Xikolausklosters  auf  der  Insel  Yraujina 
im  See  von  Skutari,  welches  nach  der  Tradition  des  XIV.  Jahr- 
hunderts von  dem  ersten  Bischoi'  von  Zeta  (um  das  Jahr  1232) 
gegründet  wurde,  erstreckten  sich  längs  dem  nordwestlichen 
Ifer  des  Sees  in  der  alten  ZTijia  Crmnica  mit  gemischter,  alba- 
nischer und  slawischer  Bev()lkertmg,  von  Trnovo  bis  (Todinje 
imd  gren/ien  an  die  Uüter  der  katholischen  Abtei  von  Rtac 
(Rotezo)  und  an  diejenigen  der  Antibarenser  Patiüzierfamilie 
Zare ;  ^  den  Dienst  der  Pierdehirte  in  dieser  wegen  Pferdezucht 
seit  jeher  l)erühmten  (Jegend  versahen  albanische  Familien. 
Einige  Schenkungsurkunden  dieses  Klosters  sind  stark  interpoliert 
teils  den  Rechtsansprüchen  gemäß,  die  von  den  Mönchen  im 
Laufe  der  Zeit  besonders  auf  das  unmittel])ar  am  See  gelegene 
Dorf  Stitar  -  erhoben  wurden,  teils  aber  deswegen,  weil  das 
Kloster  im  Jahre  1848  dem  vom  Kfinig  Uros  IL  gegründeten, 
bis  heute  ei-haltenen  und  seit  1857  der  russischen  Mission 
gehörenden  Erzengelkloster  von  Jerusalem  '  unterordnet  wurde.* 
Am  Anfange  des  XV.  Jahrhunderts  erhielt  das  Kloster  von 
Vranjina,  welches  durch  den  See  geschützt  erst  nach  1843  ver- 
ödete, aber  188ti  wieder  erneuert  wurde,  auch  ein  Gut  im  Tale 
von  Cevna  (Zem)  neben  der  nach  Pec  (Ipek)  führenden  „Straße 
von  Zenta".'  Um  diese  Zeit  haben  Avir  auch  Kenntnis  von  anderen 
orthodoxen  Inselklöstei'n  im  See  von  Skutari,  die  alle  in  den 
Dynastenfamilien  von  Zeta,  Bosnien  und  bei  den  serbischen 
Despoten  ihre  Gönner  fanden.  Es  sind  dies  Kom  (Odrinska  gorica) 
mit  Muttergotteskirche,  (jrab.stätte  des  Les  Gjurasevic  (Cronjevic) 

'  AAlb.  1,  166,  172,  511,  581,  079. 

2  AAlb.  1,  511,  679. 

^  Über  dieses  Kloster  (Leonid)  Ctenija  bist,  dnistva  Moskva,  18t37, 
42-60  und  Ducic,  Godisnjica  X.  Cupica  9  (LSST)  235-242. 

•»  Miklosich,  M.  Serb.  133  f. 

5  Die  Urk.  des  Georg  IL  Balsiö  nach  lueiuer  Ansicht  zwischen 
1402,  1.  Sept.  und  1403,  15.  April  (6911)  wahrscheinlich  in  Dulcigno 
herausgegeben  (vgl.  Gelcich,  La  Zedda  220)  ed.  von  Jastrebov,  Glasnik 
i<rp.  7  (1879)  230  vgl.  Ducic,  ebd.  27  (1870)  191  Nr.  10  =  Knjizevni 
Radovi  1,  150.  Jedenfalls  ist  das  bei  Xovakovic  (Zak.  Si^om.  581)  auf- 
gestellte Jahr  IJUl  iiiirichtig. 


235 


mv\  des  Despoten  Stephan :  Sturceva  j^orica.  Grabstätte  des 
Bo/idar  Vukovic  (f  l-'")40).  der  sicli  durch  Druckleitung  von 
Kirchenbücheni  für  die  orthodoxe  Kirche  äußerst  verdienstlich 
machte :  '  Beska  trorica  mit  xwei  Kirchen,  in  der  Muttert;ottes- 
kirche  das  Grab  Helenas,  der  Witwe  Georg  II.  Balsic",  nachher 
Gattin  des  Großwoiwoden  Sandalj  Hranic  (t  1442);  Moracnik 
mit  Marienkirche,  im  Jahre  1417  vom  letzten  Balsa  (III.)  be- 
schenkt," der  auch  des  schon  oben  besprochenen  berühmten 
Marienklosters  in  der  Krajina  mit  reichen  Schenkungen  ))edachte. 
AVie  wir  dies  in  Be/.ug  auf  Albanien,  besonders  in  Kupelnik 
sahen,  erscheinen  auf  den  Klostergütern  überall  zahh-eiche 
orientalische  Po^Den,  auf  den  Gütern  v(«n  Decani  in  der  Ebene 
z.  B.  gab  es  in  je  20  Häusern  einen  Popen.'  Auch  tiefer  südlich 
an  der  Bojana  gab  es  damals  orthodoxe  Popen  und  in  der 
venezianischen  Zeit  gelang  es  einem  gewissen  „Popen  Ginaco" 
vorübergehend  (1444)  zuerst  in  den  Besitz  der  Kirche  Ö.  Maria 
an  der  Fuhrt  San  Lorenzo,  dann  aber  für  längere  Zeit  (144-"')  —  M^O) 
sogar  in  den  Besitz  der  Benediktinerabtei  St.  Nikolaus  an  der 
Mündung  der  Bojana  zu  kommen.*  Jetzt  tauchen  sogar  in  den 
romanischen    Städten  des  Küstengebietes  orthodoxe  Klöster  auf: 

'  Über  ihn  s.  Gocliöujica  X.  Cupica  9,  205. 

-  Eingehend  über  diese  Klöster  Ruvarac,  Prosvjeta  2  (Cetinje, 
1894)  421-25,  475—79,  530—40,  645—57. 

•■'  Novakovic,  Selo  101  und  248  ;  Jirecek.  Staat  1,  -iv. 

*  „Ecclesia  s.  Marie  de  Lorenzo"  bei  Ljubic  9,  193  (1441) ;  „San 
Lorenzo,  dove  e  uno  dei  passi  principali"  (an  der  Bojana),  heißt  es  im 
Bericht  des  venezianischen  Generalkapitäns  an  den  Dogen  vom  16.  Juni 
1474  (Orig.  im  venez.  Archiv).  —  Da  sich  der  „Pope  Ginaco"  bei  der 
Okkupation  Albaniens  Verdienste  erworben,  erhielt  er  vom  Kapitän  von 
Skutari  zur  Belohnung  die  „ecclesia  s.  Jsicolai  de  Foxa",  was  1445.  6. 
September  auch  der  Senat  bestätigte  (Senato  Mar.  2,  fol.  102  v.).  Aber 
endlich  kam  es  der  Republik  zu  Ohren,  daß  diese  „ecclesia"  eigentlich 
eine  große  Benediktinerabtei,  der  ..Pope  Ginaco"  aber  ein  ..slawischer 
Priester"  sei  (vgl.  oben  S.  29)  und  am  IG.  Oktober  1450  wird  die 
Amovierung  des  Popen  und  die  Restituierug  der  Abtei  an  den  früheren 
Abt  angeordnet  (Senato  Mar.  J  fol.  12 1.  Aber  erst  1452  (30.  April) 
erging  der  Befehl  an  den  Statthalter  von  Dulciguo  den  Abt  Katalis 
in  den  Besitz  der  Abtei  einzuführen  (Senato  Mar.    1  fol.  51V 


236 


In  Dulci*rn<)  unter  dem  Kastell  diis  Kloster  des  iil.  Erzengels 
^Michael,  in  Skutari  das  Petniskloster.  beide,  wie  es  scheint. 
Zwillinge,  von  (ieorg  II.  Balsic  (f  140.i)  gestiftet,'  durch  den 
Bisch(;f  von  Zeta  indirekt  dem  slawonischen  Patriarchen  unter- 
stellt, mit  einem  Igumen  an  der  rfpitxe.- 

Daniit  war  der  üurchbruch  des  großen  adriutiselien  katholi- 
schen Dannnes  vollendet,  knapp  vor  der  Invasion  der  Tüi-keii, 
und  aus  dem  orthodoxen  Teile  der  einst  mit  Albanien  historisch 
und  ethnisch  eng  verschlungenen  Zeta  entsteht  unter  CnKjjevici 
bald  ein  rein  slawisches  Montenegro.  Der  albanische  Damm  wurde 
seit  dem  XIV.  Jahrhundert  eigentlich  zu  einer  katholischen  Insel. 
Die  Durchbruchszone  ausgehend  von  der  Boku  Kotorska  (Bocche 
di  Cattaro).  wo  sich  die  pravoslave  Kirche  bis  auf  heutigen  Tag 
erhielt,^'  über  den  See  von  Skut;a-i  und  entlang  des  Drim  fand 
im  hydrogra])hischen  Trichter  von  Ljuma  den  Anschluß  an  das 
orthodoxe  Massiv  der  Balkanhalbinsel,  dessen  bekannte  Voi-posten 
Albanien  gegenüber  im  Osten  das  Bistum  Debra.  das  dem  Mutter- 
trotteskloster von  Ochrid  gehörende  (DU.'))  Dorf  Struga^  an  dem 
Ausfluß  des  Sees  und  die  Nikolauskirche  auf  einer  Insel,  dann 
Ochi-id  selbst  mit  seinem  fal^lhafteu  Nimbus,  das  berühmte 
und  altertümliche,  am  Ufer  des  Sees  gelegene  Naumkloster.  ..ein 
Ort  wie  geschatfen  zum  Träumen  und  künstlerischen  (xenuß".' 
das  bis  1761  l^estehende  Bistum  v(m  Mokra  westlich  vom  See 
von  Ochrid,  im  Süden  aber  das  orthodoxe  Bistum  Belgrad  mit 
dem,  von  allen  griechischen  Des^joten  des  XII— XV.  Jahrhunderts 
hochgeehrten  Muttergotteskloster,'  dius  von  Karl  Thojjia  (1:5^1 ) 
•  Im  .lahve  1401  werden  Zinsbauern  des  Petrusklosters  (hominibiis 
servientibus  eeolesie  s.  Petri  de  Scutaro)  erwähnt,  denen  die  Balsici 
„antiquitns    iiuiuii    i»isceriani"    an   der  Bojana  >ichenkten  (Ljubic.  Listine 

5,  42). 

^  Ljubit-.   Listine    5.    43    11404)    t<l    (14o0)    und  0.   10  (1426).  ^  gl. 

Jirecek,  Staat  1,  50. 

•■»  Stratimirovic,  Pravoslavna  crk^a  u  Boci  Kotorskoj,  Godisnjica 
N.  Cupica  17.  192-238. 

■*  Novakovic.  Zak.  sponienici  673. 

■■■  Teuipcrle.v.  .\lbaiiisclies  Tagebuch.  Pester  Lloyd  1911,  lU  Jänner 
"  1S97.   Nr.   10  und   1.".. 

'■  .\lexudes,    h(iiili}.nyng  loii  /finnyinicfoir,  Jf'/.iioy  l>i07  Nr.  1"  und  1-"). 


237 


renovierte  Öt.  .lohaiineskloster  (^in-^ijoii)  l)ei  Elbussan.  eiidlieh 
Aulona  mit  den  kleinen  serbisclien  Dynasten  und  vorherrschend 
griechischer  Bevölkerung  und  das  bis  auf  heute  erhaltene  Kloster 
Zvernec  am  Xaj)  Linguetta  '  bildeten."  AIxm-  im  albanischen 
katholischen  Medium  selbst  erhielt  sich  in  Duraxxo  bis  in  die 
venezyianische  Herrschaft  hinein  ein  orthodoxer  l\itt'.  Den  griechi- 
schen Erzbischof  der  Stadt,  der  um  die  Mitte  des  XU'.  Jahr- 
hunderts verschwindet,  überlebten  hier  in  voller  Organisation 
andere  Würdenträger  der  moi-genländischen  hierarchischen 
Pentad(! /'« j'ap'J'wffr//?,  drayuoanig:  rrooTOcfc'ÜTii^:,  ttqiuixi'ioio^  tlov 
ärccyi'cjOTCöi',  oonuoto^,  y.aorQii'Otog  etc.) "  verheiratete  Welt- 
geistliche (Popen.  TTaTTäc),  orientalische  Klöster  und  Kirchen  in 
\md  außer  der  Stadt,  wie  es  scheint  bis  in  die  Diözese  von 
Arbanum  (Kroja)  hineinreichend.^  Ein  solches  Kloster  war  in 
Durazzo  gewiß  dasjenige  des  hl.  Theodorus  (ot  äyioi  ('hoSojQoi) 
am  Meere  gelegen.'  In  Drac  und  V'alona  gab  es  auch  eine 
stündige.  nicht  besonders  zahlreiche,  aber  gewiß  alte  jüdische 
Kolonie.' 

In  einzelnen  Streifen  drang  aber  die  griechische  Schrift  und 
auch  griechisch-orthodoxe  kirchliche  Institutionen  aus  Durazzo 
und   aus    dem    orthodoxen    Süden    auch    tiefer    in    das    Zentrum 

'  Baldacci,  Mitt.  der  geogr.  Gesellschaft  ^^'iell,  39  (1896)  793 ; 
Anthimos.  JJtoiynncpfj  uo/nLou  xödixog  in  'A'xxA.  dXriditn  1902,  492 ; 
Patsch,  Saudschak  Berat.  Balkaukoiuiuission  3  (1904)  66. 

-  Zur  Zeit  des  Demetrios  Chomatianos  (1219)  wird  in  Glavuica 
ein  griechisches  Kloster  des  hl.  Demetrios  genannt  (AAlb.  1,  152). 

■■'  AAlb.  1.  181,  246  und  Jelnnr  2  (1885)  475  vgl.  Cluguet,  Les 
Offices  et  les  dignites  dans  l'eglise  grecque,  Revue  del  Orient  chretien 
4  (1899),  126  ff. 

■*  tui  .Jahre  139:5  „nionasteria  et  ecclesie  grece  et  latine  tani  de 
archiepiscopatu  quam  de  episcopatu"  (Ljubid,  Listine  4,  BIO). 

"  In  Athen  ebenfalls  ol  diyioi.  (vtobiaqo^  rwi'  'A^fifoif  in  UhukoI) t,xii 
12  (1912).  4  vgl.  Byz.  21  (1913).  638.  -  AAlb.  1.  24G  (1258). 

*^  Für  Durazzo  s.  Makusev.  Ist.  razyskanija  145  N.  3  und 
Jorga,  Notes  1.  Hl.  Für  Valona  wird  der  ü.  Baiid  der  AAll). 
etliche  Belege  bringen.  Außerdem  s.  Jorga,  Notes  2,  1(51  X.  7  (1411), 
232  (1^26). 


238 


Albaniens  ein.  so  dal.»  wir  unter  dem  Katholiken  Georg  Kastriota 
(Skenderbeg),  der  aacli  zeitweise  Mohammedaner  war  und  dessen 
Vorfahren  vom  reinen  Griechentum  bis  zum  albanischen 
Katholizismus  eine  slamsch-orthodoxe  Retorte  j^assierten,  die 
eigentümliche  Erscheinung  sehen,  daß  sein  Gesandte  am  Hofe 
des  Königs  von  Aragonien,  Stephan  Bischof  von  Kroja.  im 
Jahre  1451  einen  mächtigen  lateinisch  verfal.»ten  Vertrag  in 
griechischen  Lettern  unterschreibt,'  einige  Dezennien  früher  aber 
(1417)  der  Abt  des  großen  Benediktinerklostei's  St.  Alexander 
in  der  Matja  in  Venedig  ..protosyncellus"'  (7iQijOToavyye7J},oc)  sich 
nennt,'-  —  Erscheinungen,  die  auf  eine  höchst  kuriose  Milderung 
der  Hauptgegensätze  der  beiden  Kirchen  gerade  im  albanischen 
Kern  um  Kroja  und  am  Vorabende  der  türkischen  Okkupation 
hinweisen. 

Bei  einer  solchen  Position  ist  es  somit  wirklich  kein  Wunder, 
wenn  das  urkatholische  albanische  Element  in  vortürkischer  Zeit 
in  Bezug  auf  den  Glauben  zweimal  starken  Schwankungen  aus- 
gesetzt Avurde.  An  der  Peripherie,  in  Dibra.  Berat,  Aulona 
absorbierte  der  griechische  Oi-thodoxismus  das  albanische  Element 
gewiß  auf  ähnliche  Weise,  wie  dies  für  Ochrid  bekannt  ist. 
Ein  albanischer  Edelmann  Progon  Sguros  Avird  hier  (129ö) 
als  Bauherr  der  Klemenskirche  erwähnt ;  er  renovierte  auch  die 
Marienkirche  von  Ochrid.^  Ein  Mitglied  der  Dynastenfamilie 
Gropa,  die  ui-sprünglich  (1273)  in  den  Bergen  zA\äschen  Orosi 
und  Dibra  gewiß  katholisch  war,  ist  als  letzter  christlicher  Herr 
von  Ochrid  vor  der  Türkenherrschaft  natürlich  schon  griechisiert 

'  Der  Vertrag  hgb.  von  Cerone,  Archivio  storico  Xapolitano  28 
(1903),  17;-j.  Bischof  Stephan  von  Kroja  bei  Eubel,  Hier.  cath.  2,  15t> 
nicht  genannt,  aber  chronologisch  bleibt  füi'  ihn  Phxtz  genug.  I>er 
damalige  Begleiter  des  Bischofs  war  „frater  Nicolaus  ordinis  Predica- 
torum",  „maestre  Nicola  de  Beignzi  del  orde  de  Sent  Domingo"  (Corone 
ebl.  179  vgl.  .Jorga,  Notes  2,  48). 

-  „prothosignor  (!)  S.  Alexaudri  Maioris  de  Albania"  (Jorga,  Notes, 
1,  270). 

■^  Inschriften  in  Izvestija  arkeol.  instituta  v  Kpolje  4  (1899)  90  ; 
Ivanov,  Blgarski  sponienici  iz  Makedonije  iSofija.  1908)  212 ;  Jirecek, 
Byz.  13  (1904)  19ö. 


239 


und  orthodox.'  Im  Kern  Albaniens  erreichte  der  griechische 
Eintiul5  seinen  Höhepunkt  nacli  dem  ersten  Falle  Konstantinopels 
unter  den  Epiroten;  die  von  Demetrios  Chomatianos  (1216) 
approbierte  Scheidung  der  Ehe  des  Griechen  Gregorios  Kanioniis 
mit  der  Tochter  des  Häuptlings  von  Arbanum  Gin  und  seine 
Heirat  mit  der  Witwe  des  Bruders  dieses  Häuptlings.-  sowie 
die  Ehe  des  Häuptlings  Golem  (um  12ö0)  sind  Beweise  prakti- 
scher Errungenschaften  des  Oiibodoxisnuis.  Doch  die  katholischen 
Zitadellen  der  Benediktinerklöster,  von  denen  unten  die  Kede 
sein  wird,  hielten  hier  festen  Stand  und  der  römischen  Propa- 
ganda unter  den  Anjouvinern  gelang  es  bald  den  eventuell  ent- 
fremdeten albanischen  Adel  für  sich  zu  gewinnen,  so  daß  1819, 
im  Jahre  des  Aufstandes  gegen  die  Serben,  in  den  päpstlichen 
Bullen  alle  Mitglieder  des  albanischen  Hochadels  von  Valona 
bis  Ulcinj-Dagno  (Musachi,  Matarango,  Arianiti,  Blinisti,  Jonima) 
als  „dilecti  Ulii"  und  „viri  catholici"  tituliert  werden.  Nur  ein 
gewisser  „Kadoslaus  comes  Albanie"  wird  einfach  „edler  Herr" 
(nobilis  vir)  genannt,  was  gewiß  auch  ein  Zeichen  ist,  daß  dieser 
Slawe  dem  griechischen  Ritus  der  Durchbruchszone  ober  der 
Bojana  angehörte.'^ 

Hier  in  der  Durchbruchszone  stieg  der  kirchliche  serbische 
Einfluß  parallel  mit  dem  politischen,  verblieb  aber  eine  Macht 
auch  nach  dem  Untergange  der  serbischen  Xemanjiden  und  ver- 
m-sachte  ein  zweites  konfessionelles  Schwanken,  das  sich  nach 
mid  nach  über  ganz  Albanien  fortpflanzte.  Die  Balsici  fühlten 
sich  ebenso  Erben  des  Dusanreiches  wie  die  Lazarevici  und 
Brankovici ;  ^  sie  sind  im  Grunde  ebenso  orthodox    wie    ihr    aus 

1  AAlb.  L  3u0. 

2  AAlb.  1.  140—150. 
■■'  XAlh.  1,  650. 

*  Siehe  die  Briefe  tles  Georg  II.  Balsic.  des  Lazar  und  Yuk  Braukovic 
vom  Jalire  1385,  worin  diese  den  Metropoliten  von  .Jerusalem,  der  das  vom 
Kaiser  Dusan  diesem  Kloster  geschenkte  Tribut  von  Stagno  zu  beheben 
hatte,  der  Gemeinde  von  Ragusa  anempfehlen  (Pucic,  Spomenici  2,  30  ; 
.Tirecek.  Arch.  slaw.  Phil.  17,  2t31  und  Spornik  .Jagica  533).  In  der 
Bestätigung  der  Ragusaner  Privilegien  durch  Georg  JI.  Balsi(;  vom  Jahre 
1386  heißt  es,  daß  „alles  so  verbleiben  soll,  wio  in  der  Zeit  Kaiser 
Stephans"  (Miklosich,  M.  S.  203). 


240 


/eta  stiiiinnender  Verwandte  und  Ilen-  \on  Vulona  Mrk.su 
Ziirkovic  (l:i94).  katholisch  nur  zeitweise  (1869.  1391)  aus 
()])[«jitunität  im  Kampfe  gegen  ihre  Rivalen  Thopias.'  Diese,  wie 
aiu-h  die  Dukagini  zwischen  Alessio  und  Fandi,  die  Dusmani  in 
Untei'pilot.  die  Spans  in  Scodra  und  Drivasto,  die  Herrn  von 
Perlat.  die  Musachi  und  Arianiti  um  Belgrad  in  Toniorica  und 
Musaehia  verblieben  katholisch  bis  in  die  Türkenherrsehaft,  wo 
sie  entweder  nach  Italien  auswanderten,"  oder  aber  mohamme- 
danisch wurden.  Georg  Thopia  wird  (1392)  von  den  Venezianern 
ausdrücklich  als  „princeps  catholicus"  bezeichnet  und  wenn  er 
auch  vom  Papst  Bonifaz  IX.  (1891)  „iniquitatis  filius"  genannt 
wird,  .so  geschieht  dies  nur  deswegen,  weil  Georg  zum  Gegen- 
papst Klemens  VII.  hielt.  ^  Die  Familie  Kastriota  in  ihrer  ersten 
Linie  (1867)  am  Hofe  Alexanders,  des  Herrn  von  Valona  und 
Kannina,  gewiß  noch  orthodox,  wurde  im  Kern  Albaniens  um 
Ki-oja  schon  in  der  zweiten  Linie  mehr  katholisch  und  Iwan 
Kastriota  taucht  das  erstemal  in  den  Dokumenten  (1407)  als 
Beschützer  des  Bistums  von  Arbanum  auf.*  Aber  einerseits  die 
direkten  und  indirekten  Blutsbande,  die  alle  diese  Familien  mit 
den  orthodoxen  albanischen,  serbischen  und  griechischen  Dynasten- 
iiunilien  wie  Balsici,  Lazarevici,  Brankovici,  Crnojevici  (Djura.se- 
vici),  Zarkovici,  Cropas,  Palaiologen,  ja  .sogar  mit  den  Kaisern 
von  Byzanz  ver):)anden,  anderseits  die  byzantinischen  Würden 
(se bastos.  proto.sebastos  etc.),  auf  welche  noch  die  nach  Italien 
au.sgewanderten  späten  Nachkommen  der  ein.stigen  Träger  so 
stolz  waren,  ferner  der  gemeinsame  Feind,  der  ihnen  allen  in 
den  Türken  erstand,  endlich  der  Umstand,  daß  nach  der  Serben- 
herrschaft auch  katholische  alljanische  Fürsten  in  ihrem  diplo- 
mati-schen  Verkehr  sich  der  mit  dem  orthodoxen  Gottesdienst 
.so  eng  verbundenen    slaAvischen    Sprache  und  vSchiift  bedienten." 

'  Theiner,  M.  Slav.  1,  261  (1369)  inul  M.  Hinig.  2,  165  (1391). 
Vgl.  Gelcich,  La  Zedda  1G3. 

2  Vgl.  Miller,  Balkan  exiles  in  Rome,  Rom,  1912.  (Vortrag,  gehalten 
in  Rom  am  7.  März  1911.) 

">  Theiner,  M.  Huug.  2.  iri.5. 

*  Ljubic,  Listine  5,  94  ;  Jirecek,  Arch.  slaw.  Phil.  21,  8b. 

5  Ruvarac,  Arch.  slaw.  Phil.  17,  568  ;  Jirecek  ebd.  21,  92  und  26,  162. 


:ll 


im  Süden  aljer  und  nm  Dura/-/.(>  die  griecliisclie  Schrift  auch 
den  Laien  geläutig  war,'  all  dies  erwirkte,  daß  bei  dem  albani- 
schen Adel  im  XIV.  und  XA  .  Jahrhundert  von  religiöser  IntoUe- 
ranz  dem  Orthodoxismus  gegenül)er  nicht  eine  Spur  aufzufinden 
ist.  Im  Gegenteil  scheint  dieser  Adel  konfessionell  öfters  ein 
Amphibicnleben  zu  führen  und  bewegt  sich  in  Bezug  auf  den 
Glauben  in  jenem  Medium,  welches  seinen  momentanen  Interes- 
sen gerade  besser  entspricht.  Im  Jahre  1414  lobt  der  Papst  den 
Herrn  von  Sappa  und  Dagno,  Koja  Zachariä,  weil  er  die  „slawische 
und  schismatische  Sekte"  verlassen  und  katholisch  geworden. - 
iilx'r  schon  dessen  Tochter  Boja  (Bolja)  protestieii  (1456)  dage- 
gen, dal.)  der  Papst  die  Marienkapelle  unter  Dagno  an  einen 
lateinischen  Priester  verliehen  hat.  ^  So  kommt  es  auch,  daß 
Karl  Thopia  in  einem  Kodex  der  serbischen  Übersetzung  des 
Georsios  Hamartolos  mit  den  für-  Fürsten  des  orientalischen 
Bekenntnisses  üblichen  Formeln  genannt  wird.*  Die  Mönche  des 
Klosters  Chilandar  auf  dem  Athosberge  besitzen  eine  Urkunde 
aus  dem  Jahre  1421—1422  (6530),  worin  Iwan  Kastriota  mit 
seinen  vier  Söhnen  dem  Kloster  die  Dörfer  Radostina  und  Trebiste 
schenkt.'  Albanische  Edelleute,  ein  Aranit  und  zwei  Hotljeamte 
(celnik)  bei  Georg  Kastriota,  Rajan  und  Dmitr,  werden  in  einem 
serbisch-orthodoxen  Pomenik  erwähnt.''  Nach  der  Tradition  des 
XVI.    Jahrhunderts     „iührte    der    Bruder    Skenderbegs     Repos 

1  Darüber  Jirecek,  Byz.  Zeitschrift  13  (1904),  200  f.  Dazu  noch 
AAllj.  1,  240  (1256)  und  Jorga,  Notes  1,  474,  wo  ein  griechischer  Brief 
des  Iwan  Kastriota  vom  Jahi'e  1428  erwähnt  wird.  Am  16.  August  1481 
(Archiv  von  Mailand)  bemerkt  der  Sekretär  des  Herzogs  von  Kalabrien 
für  einen  Brief  des  „chier  Constantino  di  Musg;Chi  Carli"  an  den  Her- 
zog :  „la  inclusa  littera  in  greco,  In  quäle  ho  fatto  riducere  in  latino" . 
Tgl.  oben  S.  37. 

2  Theiner,  M.  Slav.  1.  348. 
'  Ljubic,  Listine  9.  91. 

*  Ruvarac,  Arch.  slaw.  Phil.  17.  566. 

°  Grigorovic,  Ocerk  putesevstvija  po  evropskoj  Tuvciji,  2.  Aufl. 
(Moskva,  1877)  47,  Nr.  40. 

8  Stojanovic,  Spomenik  srp.  akad.  3,  177 ;  Jirecek,  Arch.  slaw. 
Phil.  21.  94. 

16 


•J42 


(Repossio)    ein   heiliges    Leben,    ging    auf   den    Berg    Sinai  uml 
starb  dorten  als  Mönch ".^ 

Unter  solchen  T'mständen  war  die  Unterstützung,  die  die 
politische  Macht  der  katholischen  Kirche  in  Albanien  angedeihen 
ließ,  natürlich  keine  gegebene,  ständige  Größe ;  sie  schwankte 
beträchtlich  nach  Zeit  und  Raum  und  wai*  auch  von  okzidentalen 
Einflüssen  abhängig.  Das  persönliche  Verhältnis  der  katholischen 
Prälaten  zu  der  jeweiligen  chiüstlichen  weltlichen  Macht  (die 
Byzantiner  in  Durazzo  und  Valona  ausgenommen)  ist  im  Grol.»en 
und  Ganzen  gut  zu  nennen,  auch  nach  der  Errichtung  der  serbi- 
schen autokephalen  Kirche.  Den  Erzbischof  von  Antibari  Marinus 
Zare  kann  man  im  Jahre  1303  im  Gefolge  des  Königs  Uro.s  IL 
in  Cattaro  antreffen.'  Die  Bischöfe  von  Skutari  fungieren  öfters 
(Stephan  H.  1318,  Peter  IL  1320.  Markus  1348)  als  Bevoll- 
mächtigte der  Serbenkönige  bei  der  Steuereinhebung  von  Stägno 
in  Ragusa. "  Im  Mitelalter  war  es  auf  der  Balkanhalbinsel  allge- 
mein üblich  mit  diplomatischen  Missionen  Mitglieder  des  geist- 
lichen Standes  zu  betrauen.  Aber  während  die  Desj)oten  von 
Epirus  und  die  Bulgaren  in  Ermanglung  von  katholischen  Geist- 
lichen ^  durch  orthodoxe  Prälaten  '  und  Kalugjeren '"  mit  den 
katholischen  Mächten  des  Westens  in  Berührung  traten,  wählten 
die  serbischen  Könige  und  nach  dem  Verfalle  des  Reiches  die 
kleinen  albanischen  Dynasten  zu  diesen  Zwecken  ausschließlich 
Katholiken  "  und  fast  immer  albanische  Bischöle.  Die  Verhand- 

'  Musachi  bei  Hopf,  Chroniques  295. 

2  AAlb.  1,  547. 

3  Im  Jahre  1334  behob  diese  Steuer  Paul,  Abt  des  hl.  Sei-gius 
an  der  Bojana  (AAlb.  1,  642,  668,  782). 

*  Im  Jahre  1330 .  wird  vom  bulg.  Kaiser  nach  Xeapel  ein 
Franziskanermönch  gesandt,  Minieri,  Arch.  stör.  INapolitano  8  (1883) 
209  N.  1. 

5  Im  Jahre  1210  verhandelte  ]VIichaei  Dukas  mit  den  Venezianern 
durch  den  Bischof  von  Tzernik  (AAlb.  1,  140).  Im  Jakre  1802  sandte 
die  Despina  Anna  nach  Neapel  den  Hegiimenos  von  S.  Nicolaus  de 
Mesopotamia    (Makusev,    Ist.    razj^skanija  35  N.  1 ;    Hopf  1,  358  N.  39). 

ö  Minieri,  Arch.  stör.  Italiano  22  (1^75)  32  N.  5  (1273). 

^  Im  Jahre  1307  werden  vom  König  Uros  IL  zum  Papst  Klemens 
V.  und  zum  Karl  Valois   ein   Cattarenser    und    ein    Ragusaner  Patrizier 


243 


limgen  mit  Philipp  von  T.irent  im  Jalire  1800  führte  im  Namen 
Uro.s  n.  der  Bischof  von  Scodra  Stephan  IL'  und  wegen  der 
Union  (1347)  wird  vom  Kaiser  Dusan  nach  Rom  wiederum  ein 
Bischof  von  Scodra  gesandt.-'  Ein  Bischoi'  derselben  Earchß 
fungiert  im  Jahre  1394  in  Venedig  als  Gesandter  des  Georg 
TL  Balsic,  der  zu  gleichen  Zwecken  1402  auch  den  aus  Dul- 
citrno  tjebürtijjen  und  in  Venedig  ausgezeichnet  beschriebenen 
Erzbischof  von  Antibari  benutzt.^  Georg  Thopia  bedient  sich  des 
Dominikanerbischofs  von  Vrego  (Tzernik,  Scampa)  Johannes  de 
Golinis  (1386)  und  des  Erzbischofs  von  Durazzo  (1392),  während 
bei  dem  orthodoxen  Koja  Zachariä,  Herrn  von  Dagno  und  Sappa, 
den  Diplomaten  der  Bischof  von  Sappa  abgiebt.*  Auch  Sken- 
derbeg  benützte  außer  verschiedenen  Äbten  und  Mönchen  den 
Bischof  von  Kroja  (1451),  besonders  aber  seinen  intimen  Freund 
Paul  Angelo.  Erzbischof  von  Durazzo  (1460 — 1469)  als  Gesandte,^ 

(AAlb.  1,  58><)  gesandt,  im  Jalire  1323  vom  üros  III.  wegen  der  Heirat 
mit  Blanka  von  Neapel  derselbe  Patrizier  von  Cattaro  und  ein  gewis>;er 
Diukouus  Vite  ans  Antibari  (AAlb.  1,  687  f.). 

1  AAlb.  1,  580. 

2  Theiner,  M.  Hnng.  1,  78-1  ;  Farlati  7,  71  n.  810. 
^  .Torga,  Extraits  1,  115. 

9  Jorga,  a.  a.  0.  125  ;  Hopf  2,  100 ;  Makusev  67  N.  5. 

5  Ljubic  10,  334  (1465)  399  (1467).  Nach  dem  Tode  Skenderbegs 
(1468)  wird  Paul,  „Quie  apud  nos  diu  stetit  orator  nomine  prefati 
quondam  d.  Scanderbegi  et  est  persona  multum  prudens  et  nobis 
statuique  nostro  fidelis",  aus  Venedig  nach  Albanien  geschickt  (Ljul)i(' 
lu,  404),  wo  er  1469  starb  (s.  oben  S.  225).  Im  Staatsarchiv  von  Mailand. 
Registro  Missive  64  fol.  117  befindet  sich  ein  Brief  des  Herzogs  von 
Mailand  vom  7.  Juni  1464  „amico  nostro  precipuo  domiuo  Paulo  dei 
gratia  archiepiscopo  Durachii  benemeiito",  worin  er  ihm  eine  Sendung 
von  drei  Panzerhemden  für  Skeuderbeg  ankündigt.  —  Während  der 
Korrektur  macht  mich  Hofrat  Bojnicic  auf  die  Handschrift  „Statuta  et 
ordinatioues  ecclesiae  cathedralis  Drivastensis  in  Albania  .  .  .  per  Pauluni 
Angelum  archiepiscopum  Dji-rhachiensem  et  Ulyricae  regionis  iudicem 
publicata  Dyrrhachii  in  monasterio  s.  Theodor!  de  Elohiero  (!)  ordinis 
s.  Beuedicti"  aufmerksam,  deren  höchst  interessanter  luhalt  von  dem 
Besitzer  Antiquar  Hiersemann  in  Leipzig,  Katalog  438  (1915,  Juni), 
43  Nr.  250  kurz  angegeben  wird.  Diese  Statuten,  die  einzigen  aus 
Albanien,  sind  im  Rahmen    einer    Urkunde  des  „Paulus    Angelus  mise- 

16^ 


244 


Xur  am  Hofe  von  Valona  werden  in  Verhandlungen  mit  Venedig 
nebst  albanischen  Bischöfen  '  als  Gesandte  auch  „caloieri"  yer- 
w  endet. - 

Bis  in  die  Zeiten  Stephan  Dusans  wurden  die  Erzbischöfe 
von  Antibari,  die  Bischöfe  von  Dulcigno  und  Cattai*o  gelegent- 
lieh  ihrer  Ernennimg  durch  ein  Schreiben  „carissimo  in  Christo 
tilio  nostro  regi  Servie  illustri"  anemjjfohlen,  ganz  gleich  wie 
der  Erzbischof  von  Durazzo  dem  König  von  Sizilien.  Erst  unter 
Dusan,  dessen  Gesetzbuch  sti-enge  Bestimamngen  gegen  den 
Abfall  zur  ..lateinischen  Häresie",  gegen  die  Bekehrung  von 
Serben  durch  lateinische  Geistliche  und  gegen  gemischte  Ehen 
zwischen  ,,Halbglilubigen''  und  „Christuien"  enthält,^  konunt  es 
zu  einem  Abbruch  dieser  guten  Beziehmigen,  die  aber  wieder 
nach  dem  Verfall  des  serbischen  Reiches  aufgefrischt  Avm-den. 
Im  Jahre  1370  ernennt  Papst  Urban  V.  „infolge  von  Infor- 
mationen und  Bitten"  der  Balsici  zu  gleicher  Zeit  die  Bischöfe 
von  Arbammi,  Polatum.  Alessio,  Aulona  und  Sarda.^  und  1374 
wird  außer  den  Zupanen  von  Zeta  auch  Karl  Thopia  aufge- 
fordert, dem  neuernannten  Erzbischof  von  Antibari  auf  die  Hand 
zu  gehen. '  Eine  besonders  große  Aufmerksamkeit  widmete  später 
den  bischöflichen  Ernennungen  die  Republik  Venedig,  die  schon 
die  Übergabe  von  Durazzo  (1392)  teilweise  der  Tätigkeit  des 
arbanischen  Bischofs  Demetrius  Nesa  (1870 — 1393)  verdankte.' 
Xm-  für  politisch  best  beschriebene  Männer  setzte  sich  Venedig, 
fast  immer  vom  Erfolg  gekrönt,  bei  dem  Päpstlichen  Stuhle  ein 

i'atione  divina  archiepiscopus  Dyi-rhacliiensis  et  Illirice  regionis  iudex" 
vom  21.  November  1464  enthalten.  „Die  Vorderseite  des  letzten  Blattes 
enthält  in  einer  anderen,  aber  gleichzeitigen  Handschrift  einen  Stamm- 
baum des  Paulus  Angelus,  aus  dem  hervorgeht,  daß  seine  Vorfahren 
oomites  Dyrrhachienses  waren''. 

'  139.J  „quidam  episcopns  Albanie'"  (Ljubic,  Listine  4,  349;  Hopf 
2,  95  X.  95). 

-  Ljubic  4,  225  (1386). 

■''  Jirecek.  Staat  1,  54. 

•*  Theiner.  M.  Hung.  2,  103. 

=  Theiner,  M.  Shxv.  1.  292.  Vgl.  Gelcich,  La  Zedda  72  f.  und  06  f. 

•^  Ljubic.  Listine  4.  267. 


•2-45 


lind  beloliute  oft  politische  Dienste  mit  der  Bisi-liofsniitra.  wie 
z.  B.  im  Falle  des  Minoritenbniders  Franziskus  uiis  Skutari,  der 
im  Jahre  140:5  die  Rückerobei-ung  von  Skutari  möglicli  machte 
nnd  deswegen  1405  Yon  der  Republik  zum  Bischof  von  Drivasto 
vorgeschlagen  und  vom  Papst  auch  dazu  ernannt  wurde.'  In 
Durazz»  wurde  die  Kirchenpolitik  des  XIII.  Jahrhunderts  fort- 
gesetzt; Venedig  trachtete  hier  wie  in  Korone  und  Motone  nin- 
Venezianer  zu  Erzbischöfen  zu  machen.-  Fast  ausnahmslos  erhielt 
auch  die  Republik  ihrer  Sache  ganz  ergebene  Männer,  wenn 
diesell)en  wie  z.  B.  Paulus  Angelo  (1400—1469)  auch  keine 
geborenen  Venezianer  waren,  aber  gerade  der  vorletzte  Erzbischof 
von  Durazzo  vor  dem  Falle  der  Stadt  (1501),  Martinus  Firmani 
(1492 — 1499),  wie  mir  scheint  ein  geborener  Genoveser.  nmi;)te 
wegen  angeblicher  Aufwiegelung  des  Volkes  gegen  den  Dogen 
'und  die  Regierung  (1495)  in  Haft  genommen  werden  und  starb 
in  Dm-azzo  (0.  August  1499)  eines  gewaltsamen  Todes.' 

In  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts  entstehen 
in  Albanien  besonders  große  Komplikationen  in  Bezug  auf  die 
Besetzung  einzelner  bisehöflichen  Stühle.  Totaler  Mangel  an 
weltlicher  Zentralmacht,  lokale  Parteikämpfe,  die  schon  im  XIL 
Jahrhundert  zu  verzeichnen  sind*  und  um  1280  besonders  an 
der  Durchbruchszone  eine  beängstigende  Höhe  erreichten  mid 
auch  das  Leben  des  Bischofs  von  Drivasto  zum  Opfer  forderten, ' 

'  Ljubic  5,  C3.  Vgl.  Jorga,  Extraits  1,  1^1  ;   Gelcich  a.  u.  ü.  233. 

2  Ljtibic  4,  350,  413,  aber  schon  1399  „Leonardus  Petri  Micliaelis 
de  Venetis"  (Eubel  1,  241). 

•■'  Misti  Consiglio  dei  X.,  25  fol.  114  v..  149  14(1  v.  (1495.  5  9. 
März).  Am  30.  Dezember  1499  Befehl  an  den  Bailo  von  Dnnizzo,  die 
am  Morde  des  Erzbischofs  Martin  Firmiano  (!)  Beteiligten  an  den  Rat 
der  Zehne  anszuliefern  (Misti  Cons.  X.  28.  fol.  54).  Vgl.  Knb.-I  2.  164 
nnd  Farhiti  7,  374. 

^  So  z.  B.  der  in  der  päpstlichen  Diplomatik  berühmte'  Fall  des 
Bischofs  Dominik  von  Snac  (1199),  der  von  seinen  Gegnern  der  Mit- 
schuld an  einem  Totschlag  beschuldigt  durch  ein  gefälschtes  päpstliches 
Schreiben  sich  wieder  seines  Amtes  bemächtigte,  aber  entlarvt  nach 
Ungarn  fliehen  mußte  (AAlli.  125). 
.    ^  A.\lb.  1.   169  vjrl.  195. 


246 


<»-ewaltt:iti<re  Erzbischöfe  von  Antibari,  die  wie  z.  B.  Andreas 
Hungarus.  ein  Franziskaner  aus  Zara  (1807 — 1324),  eigenmächtig 
ihre  Öuft'ragane  absetzen  und  auch  in  den  Sprengel  des  Erzbischois 
von  Durazzo  hinübergriffen,'  falsche  Informationen  und  Unkennt- 
nis der  Knrie,  die  öfters  nicht  vakante  Stühle  als  vakant  besetzte, 
der  Eintiuü  einzelner  mächtiger  Familien,  die  selbst  vor  dem 
Papst  nicht  locker  ließen,  all  dies  erzeugte,  daß  im  XIV.  und 
XV.  Jahrhundert  in  Arbanum,  Alessio,  Dagno  und  anderswo 
Fälle  von  zwei,  ja  di-ei  parallelen  Bischöfen  vorkommen. 

In  den  siebziger  Jahren  des  XIV.  Jahrhmiderts  saß  auf  dem 
Erzbischöflichen  Stuhle  von  Antibari  (1363—1373)  der  frühere 
Pi-ior  des  Dominikanerklosters  von  llagusa,  gewiß  ein  Albaner 
und  Mönch  von  jenem  Schlag,  wie  wir  diesen  am  Anfange  des 
XV.  Jahrhunderts  in  Eagnsa  sehen,  wo  zwei  albanische  Ordens- 
brüder aus  Rache  ihr  Kloster  mit  brennenden  Pfeilen  anzuzün- 
den versuchten.-  Er  unterhielt  rege  Beziehungen  zum  nordalba- 
nischen HoL-hadel,  zu  den  Balsas  von  Zeta,  Dukagini  von  Alessio, 
zu  den  Herrn  von  Polato  und  zu  der  Familie  Summa  am  Nord- 
ufer der  Bojana,  konnte  also  in  Nordalbanien  nach  eigenem  Willen 
schalten  und  walten.  Die  päpsthchen  Ernennungen,  die  ihm  nicht 
paßten,  Heß  er  unbeachtet  und  griff  auch  in  den  Sprengel  von 
Durazzo  nach  Arbanum  und  Alessio  über.  Im  Jahre  13()8  konnte 
der  vom  Papst  ernannte  Bischof  von  Skutari  seine  Residenz  nicht 
beziehen,  denn  diese  behauptete  hartnäckig  ein  Geistlicher  aus 
Drivast,  Mitglied  der  Familie  Suumia.'  Auf  ähnliehe  Weise  be- 
hauptete sich  in  Polato  1372  gegen  den  rechtmäßigen  Bischof 
der  Geistliche  Demetrius  Komen.^  Gewiß  auf  grund  .  falscher 
Vorstellungen  bei  der  Kurie  wurde  1370  vom  Papst  Urban  V. 
zum  Bischof  von  Arbanum  „der  schwarze  Johann",  ein  Exdomini- 
kaner  inid  Freund  des  Erzbischofs  von  Antibari,  aus  der  sonst 
unbekannten  albanischen  Familie  Lourlis  oder  Lursi,  wahrschein- 

1  Siehe  den  Index  in  AMb.  1,  S.  258. 

-  Im  .liilire  1101  im  Archiv  von  Ragnsa.  (s.  den  H.  Bund  der 
AAlb.). 

■■'  EuheL  Hier,  cath.  1  (2.  Aufl.),  S.  559. 
■*  Theiner.  M.  Shiv.  L  277. 


247 


lieh  aus  Opus  am  Drim  gebürtig,  ernannt.'  Wie  aus  einer  Ver- 
ordnung Papst  Gregors  XL  aus  dem  Jahre  l'-Mii  hervorgeht,- 
wurde  dieser  Bischof  von  dem.  vom  Kapitel  erwählten  Bischof, 
einem  bei  der  Djnastenfamilie  der  Thopias  in  hoher  Gunst 
stehenden  Fi'anziskaner  Demetrius  Xesa  einfach  davongejagt. 
Dieser  später  für  die  Übergabe  Durazzos  an  die  Venezianer  äußerst 
verdienstliche  Bischof  verblieb  im  Besitze  seiner  Diözese  bis  zu 
seinem  Tode,  der  um  1898  erfolgte;  dennoch  ernannte  die  Kurie 
im  Jalu'e  1891,  als  der  von  Zeit  zu  Zeit  in  Kagusa  weilende'^ 
„schwarze  Johann"  endlich  resignierte,  zum  Bischof  von  Arba- 
num  den  Franziskaner  Johannes  aus  Triest,  der  aber,  wie  es 
scheint,  grötitenteils  in  Cattaro  ^^•eilen  mußte  (1897).  Auch  in 
der  benachbarten  Diözese  Alessio  versuchte  der  schwarze  Johann, 
begünstig-t  vom  Erzbischof  von  Antibari,  der  dafür  von  ihm  Geld 
erhielt,  sich  als  Bischof  emzunisten.  Dominik,  der  vom  Papst 
Urban  V.  (1809)  ernannte  Bischof  von  Alessio  mußte  1871  vor 
der  „potentia  laicalis",  worunter  zweifellos  die  Dukagins  zu  ver- 
stehen sind,  aus  Alessio  Hieben.^  Endlich,  nach  zahllosen  Klagen 
der  Beschädigten,  entdeckte  die  Kurie  den  wahren  Urheber  dieser 
Mißzustände.  Johaim,  der  Erzbischof  von  Antibari,  Avurde  im 
Juli  1871  seiner  Stelle  enthoben, '  1378  strafweise  nach  Kaisarije 
in  Palestina  transferiert;  die  Administration  der  Archidiözese 
wurde  dem  Drivastiner  Bischof  und  Patrizier  dieser  Stadt,  Johann 
de  Lepore  anvertraut.  Aber  auch  dies  lief  in  der  Praxis  gar  nicht 
glatt  ab ;  der  Erzbischof  von  Antibari  widersetzte  sich  dem  päpst- 
lichen Befehl,  blieb  in  Antibari  und  der  Papst  mußte  direkte 
die  Herrn  von  Zeta  und  im  Jahre  1874  wiederholt  auch  den 
Karl  Thopia  aiitfordern,  sie  mögen  dem  gemaßregelten  Metro- 
politen ihre  Unterstützung  entziehen.''  Endlich  mußte  der  skrupel- 

1  Euljel  1.  83.  Im  Jalire  1376  wird  „dou  Georgius  Nigro  de  Spaso" 
t^nviihiit  in  liagusa  (s.  nuten). 

-  Theiner,  M.  Ölav.  1,  31b;  Eiibel,  üuU.  Franciscanum  G,  Nr.  Ii53. 

•'  13b0.  22.  April  erhält  „der  Herr  Bischof  von  Arbannm"  von 
<leni  kleinen  Rat  ein  Geschenk  von  1  ['ukaten  (Reform,  im  Arch.  von  Rag.). 

*  Theiner.  M.  Sl;iv.  1,  273. 

"  Theiner,  M.  Slav.  1,  277. 

•■■  Theiner.  M.  Slav.  1.  •_'^^  und  292. 


248 


lose  Prälat  Antibari  verlassen.  Im  Jahre   1888  linden  Avir  ilm  in 
Reggio  in  Oberitalien;  er  starl)  nach  1893  in  Ragusa.' 

Trotz  solcher  rauhen  Holdatennaturen,  die  unter  albanischen 
Bischöfen  anz,utretf'en  sind,  kann  man  in  Albanien  nicht  auch  die 
leiseste  Spur  eines  Versuches  entdecken,  dal.)  ein  katholischer 
Bischof  die  Zivilherrschaft  über  die  betreffende  Stadt  angestrebt 
hätte."  Die  byzantinische,  serbische,  anjouvinische  Macht  waren 
zu  enorm,  der  spätere  Einfluß  der  kleinen  Fürsten  zu  akut,  als 
daß  in  Albanien  ein  Fall  entstanden  wäre  demjenigen  von  Patras 
ähnlich,  wo  im  XIV.  Jahrhundert  die  dortigen  katholischen  Erz- 
bischöfe förmliche  Landesherrn  gewesen,  Souveräne  der  Stadt 
und  ihres  Gebietes,  in  weltlichen  und  geistlichen  Dingen  nur  der 
Kurie  Untertan.''  Im  Gegensatz  zu  den  Stadtgemeinden  von  Ragusa, 
Budva  und  Cattaro,  die  aus  Furcht  für  ihre  Autonomie  im  XIV. 
Jahrhundert  den  Beschluß  faßten,  keinen  eigenen  Bürger  mehr 
als  Bischof  zuzulassen,^  und  vor  ihren  Prälaten  überhaupt  keine 
besondere  Ehrfurcht  bezeugten,  standen  die  Bischöfe  albanischer 
Städte  bei  ihren  Bürgern  in  hohen  Ehren  '  und  die  KapiteL 
wälilten  hier  oft  einheimische  Patrizier  zu  Bischöfen.  Im  Jahre 
1897  tritt  Venedig  beim  Papst  für  einen  gewissen  Johannes  ein, 
den  die  Stadt  Drivasto  rekommandierte  „et  est  civis  originarius 
deinde",  im  Jahre  1408  für  Progon  Pintzenago,  Bürger  und  Kano- 
nikus von  Skutari  und  gewählten  Bischof  dieser  Kommune,  1401) 

1  Farlati  7,  79  f. 

^  In  der  ersten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhiuiderts  befand  sicli  die 
Stadt  Prizren  unter  orthodoxer  geistlicher  Regierung,  aber  der  Bischof, 
ein  Mitglied  des  serbischen  Reichstages,  war  hier  eigentlich  Kefalija. 
des  Serbenkönigs :  seine  Macht  erwarb  bald  das  f^rzengelkloster.  dessen 
Tgumen  ebenfalls  am  „sbor"  teilnahm  (.Tirecek,  Staat  1.  '2?A. 

«  Hopf  1,  484  N.  53  und  2,  2. 

■*  Jirecek,  Staat  1,  56  und  62. 

"  Im  Diplom  Stephan  Dusans  für  Kroja  (1343)  wird  der  „episcopus 
Croensis"  an  der  ei'sten  Stelle  genannt  (^AAlb.  834).  Bei  der  Übergabe 
der  Städte  Durazzo  (Ir}92)  und  Antibari  (1405)  an  Venedig  werden  auch 
Stipulationen  die  Kirche  betreffend  festgestellt :  gleich  nach  der  Über- 
gabe (1403)  interveniert  die  Kommune  Drivasto  bei  der  Republik  wegen 
Besitzungen  ihres  Bischofs.  Der  Erzbiscliof  von  Durazzo.  Paul  Angelo 
war  1404   „iudex   lUvricae  regionis". 


2-19 


für  den  Patrizier  von  Dulcigno  Mutthiius  V'lade,  Aichidiakon  von 
Dulcigno  und  gewählten  Bischof  dieser  Stadt.'  Auch  in  Antibari, 
Sappa,  Alessio,  Durazzo  hndet  man  einheimische  Metropoliten 
b5ow,  Bischöfe,  früher  meist  Domherrn  derselben  Stadt;  so  in 
Antibari  den  Johannes  Zaulini  (1;J41)  und  Marinus  Zare  1303), 
in  Sappa  den  Petrus  Zachariä,  einen  Vei-wandten  von  Koja  (1402), 
in  Alessio  einen  gewissen  Dominicus  Progoni  (13()9)  zweifellos 
aus  der  Familie  Dukagin,  in  Durazzo  den  Dominikaner  Johannes 
de  Duracio  (1412),  den  Johannes  de  Monte,  früher  Archidiakon 
der  von  Amallitanern  gestifteten  Marienkirclie  von  Durazzo  (1429). 
Dem  entspricht  in  Arbanum  die  Tatsache,  daß  zwei  Abte  des 
berühmten  Benediktinerklosters  St.  Alexander  bei  Oro.-si  nach- 
einander (1402,  1412)  Bischöfe  geAvorden.  Die  Nationalität  der 
albanischen  Bischöfe  kann  man  für  die  ältere  Zeit  (bis  ins  XIII. 
Jahrhundert)  nur  selten  bestimmen,  aber  man  kann  im  Großen 
und  Ganzen  behaupten,  daß  nach  einer  Periode  gewiß  einheimi- 
scher, in  kirchlichen  Dingen  nicht  besonders  disziplinierter 
Bischöfe  seit  Innozenz  IV.  bis  Urban  V.  (1250—1370)  eine 
Periode  fremder,  meist  regulärer  Bischöfe  und  dann  bis  in  die 
Neuzeit  eine  Periode  der  Bischöfe  albanischer  Nationalität 
foljjte,  die  sich  im  XIV — XVI.  Jahrhundert  aus  dem  hohen 
Klerus  (Domherrn  und  Äbte),  zugleich  auch  Patriziern  und  Mit- 
gliedern der  herrschenden  Familien  rekrutierten.  Im  XV.  und 
XVI.  Jahrhundert  werden  Bischöfe  erwähnt  aus  der  Familie 
Summa  in  Alessio  und  Arbanum  (1426),  aus  der  Familie  Dus- 
mani  in  Polato  (Obei-pilot) :  Dukagini  hatten  Bischöfe  in  Alessio 
(1369)  und  Dagno  (1481),  Zachariä  in  Sappa  (1402),  Jonimas 
in  Alessio  (1474,  1518).  Sguri  in  Stephaniaka  und  Kroja  (1471, 
1498);  Petrus  Span,  früher  Kanonikus  von  I)rivast<j  wurde  1422 
Erzbischof  von  Antibari,  Dominik  Thopia  (1336  —  1374),  ein 
Bruder  des  Tanus  und  wahrscheinlich  Karls  Oheim,  widmete 
sich  auch  dem  geistlichen  Stande;  seine  merkv\äirdige  Laufbahn 
muß  wegen  ihrer  hochpolitischen  Wichtigkeit  in  der  Biologie 
dieser    Familie    beschrieben    werden.    Meines    Wissens  ist  in  der 

'  Ljubic,    Listme  4,  407    und  'k  '^  ini.l  U!).  lu    beiden    letzten 

Fällen  reüssierte  die  Republik. 


250 


auf  überwiegend  oi-tlioduxeiii  Boden  lebenden  Familie  Musacki 
kein  katholischer  Bischof  zu  verzeichnen,  ebenso  nicht  in  der 
auf  albanischem  Boden  verhältnismäljij?  kurze  Zeit  gedeihenden 
Dynastie  der  Kastriotas. '  Die  Tendenz  der  Kurie  auf  albanischem 
Boden  auch  albanische  Prälaten  mit  westlichem  Schliff  einzu- 
setzen, bezeugt  die  Ernennung  des  „Johannes  de  Stymai  natione 
Albanensis,  archiiJresbyter  Montis  Milonis  in  Apulia"  zum  Bischof 
von  Alessio  (1515),  dessen  Diözesangewalt  sich,  über  die  Mirediten 
erstreckte. 

Die  Kirchengüter  dieser  alten  albanischen  Bistümer  waren 
ursprünglich  gewiß  sehr  bedeutend.  Das  Erzbistum  von  Durazzo 
hatte  zur  Zeit  der  Bvzantiner  Dörfer  in  der  Xähe  der  Stadt 
(villae  Domosii),  eine  Art  Pheudum,  wofür  an  den  Landesherrn, 
den  byzantinischen  Kaiser  und  später  an  Venezianer  -  ein  Boden- 
zins im  Gold  (smanuelati)  zu  entrichten  war.  Außerdem  hatte 
es  Besitzungen  bei  Kroja  ^  und  im  Süden  des  Flußes  Vrego 
(Skumbi).^  Auch  im  Norden  besaßen  die  Bischöfe  ganze  Dörfer, 
denn  noch  1404  bittet  die  Stadt  Drivasto,  Venedio-  möge  die 
„villa  Plista,  que  fuit  de  episcopatu  Drivastensi"  und  die  vom 
Georg  IL  Balsic  an  eine  Privatperson  verschenkt  wurde,  dem 
Bischof  zurückgeben.'  Als  die  in  Buinen  liegende  Stadt  Svac 
schon  eine  einfache  Pronie  wurde  (1443),  werden  die  Güter  des 
Bischofs,  darunter  die  „villa  S.  Theodori"  noch  immer  erwähnt. 
Damals  (1445)  wird  auch  das  Dorf  S.  Andreas  de  Carpeneto 
an  den  Bischof  von  Skutari  zurückerstattet.''  Der  reichste  BLschof 
schemt  in  Albanien    derjenige    von    Dulcigno    gewesen  zu  sem.^ 

'  Ein  Abt  Petrus,  Gesandter  beim  König  Alfons,  wird  1447, 14.  Dezem- 
ber als  Blutverwandter  Skenderbegs  bezeichnet  (et  abbate  Petro  consan- 
guineo  vestro),  Reg.  Arag.  2(jöl  foL  21  (Archiv  von  Barcelona) ;  vielleicht 
identisch  mit  „Georgias  Petri  alibas"  bei  Theiner,  M.  Hung.  2,  303  (14-57.) 

2  AAlb.  1,  147. 

•■'  AAlh.  1,  135. 

"  AAlb.  1,  136  vgl.  140. 

"  Ljubic  5,  7  und  9,  158  (1412). 

6  Archiv  von  Venedig;  Senato  Mar.  1,  f'ol.  Iti9  (1413,  5.  März) 
iln<l  2.  7U  v.  11415.    15.    April ). 

'  Theiner,  M.  Slav.  1,  263  |1369). 


251 


In  jeder  biscliöflichen  tStudt  befand  sich  natürlich  ein  bischöf- 
liches Palais  (domus  episcopalis,  palatium  episcopatus)  mit  Neben- 
gebäuden, wie  solches  für  Drivasto  (1251,  1397),  Scodra  (1251), 
Dulcigno  (1258)  ausdrücklich  erwähnt  wird,  in  Alessio  aber  bis 
in  tue  Zeit  Farlatis  noch  erhalten  war.'  Aber  beim  fortwährenden 
Wechsel  der  j)olitischen  Macht,  die  öfters  auch  Träg'erin  einer 
anderen  lieligion  war,  schrumpfte  der  Ejrchenl)esitz  im  Allge- 
meinen und  insbesondere  derjenige  der  Bischofsmensas  allmählig 
/vusammen.  Während  der  anjouvinischen  Okkupation  von  Albanien 
(1272)  Avurden  die  meisten  Güter  des  Erzbistums  von  Durazzo, 
ja  selbst  Kirchenschätze  von  dem  obersten  Befehlhabenden  und 
dessen  Schatzmeister  beschlagnahmt  ähnlich  wie  in  Korfu,  wo 
im  Jahre  1299  Kapitän  Matthäus  de  Gemelli  selbst  die  hl. 
Getasse  unter  Siegel  gelegt  und  Kirchengüter  an  Laien  verteilt 
hatte.'  Der  neuangekommene  katholische  Erzbischof  wollte  natür- 
lich das  ganze  Einkonmien  des  früheren  orthodoxen  Metropoliten 
genießen,  mußte  aber  fortwährend  beim  König  Karl  I.  gegen 
die  Kapitäne  Klage  führen.  Trotz  wiederholter  Befehle  tüeses 
Königs  an  Gouverneure  Albaniens,  die  erzbischöflichen  Angele- 
genheiten zu  ordnen,^  scheinen  die  einstigen  erzbischöflichen 
Hauptbesitzungen  bei  Durazzo,  die  Gehöfte  Domine  und  Posterior, 
wahrscheinlich  identisch  mit  den  „villae  Domosii",  noch  1280 
in  den  Händen  des  Arars  verblieben  zu  sein.*  Besser  ging  in 
dieser  Beziehung  natürlich  auch  in  Nordalbanien  nicht.  Die 
weltlichen  Herrn  unterschieden  hier  gewöhnlich  persönlich  gute 
Beziehungeil  zu  den  Bischöfen  von  den  materiellen  Dingen. 
Schon  1250  mußte  Papst  Innozenz  IV.  dafür  sorgen,  damit  die 
entwendeten  Güter  der  erzbischöflichen  Mensa  von  Antibari 
zurückgegeben  werden.''  Im  Jahre  1307  waren  diese  Güter 
schon  so  stark  vergriffen,  dal.»  sich  der  Papst  an  den  König 
Uros  IL  wenden  mußte.  Damals  aljer  war  die  Periode  der  Ver- 

'  XAlh.  1,  200  f.  Ljul.ic    1.    Inö  ;  Farlati  7,  3b6. 

-  Hopf.  1,  357  f. 

•'»  AAlb.  1,  283,  292,  298,  308. 

*  AAlb.  1.  419  vgl.  405. 

s  AAll).  1,  196. 


252 


arniung  der  Bischöfe  sclion  in  ganz  Albanien  im  Zuge,  wovon 
selbst  die  oiihodoxen  Bischöfe  der  Durch])ruchszone  nicht  ver- 
schont blieben/  Im  Jahre  134B  gestatete  die  Km"ie  dem  neu- 
ernannten Bischof  von  Scodra  und  früheren  Domherrn  von  Antiliari, 
er  düife  das  Einkommen  seines  Kanonikats  so  lange  beziehen,  bis 
er  die  Besitzungen  seines  Bistums,  die  „von  gewissen  Leuten 
gehalten  werden"  (per  aliquos  detinentur),  zurückerworben  habe.' 
Die  Einkünfte  der  Kirche  von  Balezo  waren  damals  „durch  die 
Schismatiker  des  Königreichs  Rassien"  so  vermindert,  daß  der 
Bischof  nicht  wovon  zu  leljen  hatte ;  es  wurde  ihm  deswegen 
das  in  der  Drivastiner  Diözese  gelegene  Benediktinerkloster  des 
hl.  Johannes  von  Stoja  (Strilaleo)  in  Konnnende  gegeben.  Aus 
ähnlichen  Motiven  vertraute  man  im  Jahi'e  1-372  dem  Bischof 
von  Alessio  die  Sorge  für  das  Georgskloster  desselben  Ordens 
im  Golfe  von  Cattaro  an.'  Während  aber  noch  im  Jahre  1351 
die  Prälaten  der  nördlichen  Bistümer  Antibari,  Scodra,  Polato, 
Sarda  im  Verhältnis  zu  ihrem,  in  den  Zensuall)üchern  der  Kurie 
verzeichneten,  ziemlich  niedrigen  Einkommen  (Antibari  80,  Sarda 
33 V2,  Polato  33 '^2  Goldgiüden)  ganz  ansehnliche  Summen  für 
sich  und  ihren  Klerus  an  den  Kollektor  des  ijäpstlichen  Zehnten 
lieferten,  mußten  im  Jahre  1372  die  Bischöfe  von  Polato.  Scodra, 
Sarda  (Polatensis  Minor).  Suac,  Ai'banum  von  jeder  Zahlung 
befreit  werden,  „denn  sie  sind  arm  und  leben  elend"  (pauperes 
enim  sunt  et  in  miseria  vivunt).^  Nur  Johannes,  der  Bischof  von 
Drivast,  ein  persönlicher  Freund  der  Balsas,  der  13(59  eigen- 
händig das  katholische  Glaubensbekenntnis  der  Zupane  von  Zeta 
schrieb'  und  auch  sonst  seiner  Stadt  Xotariatsdienste  leistete.'' 
zahlte  damals   11  Dukaten.  Trotzdem  später  Geoi^  II.  Balsa  mit 

*  Zwischen  1318  -1321  meldet  der  Bischof  von  Chelmo  dem  König 
Uros  n.,  sein  Bistum  sei  verödet  und  er  habe  kein  Einkommen  (.Jirecek, 
Staat  L  48). 

-'  Theiner,  M.  Slav.  1.  218. 
•'  Theiner,  M.  Slav.  1.  276. 

*  Farlati  7.   197. 

'■  Theiner,  M.  Slav.  1.  201   f. 

*  Diversa  Cano.   lo71   im  Aroliiv  von  Knü-nsa. 


253 


den  Besit/yungeii  dieses  Bistums  willkürlich  disponierte,'  erhielt 
dieser  Bischof  von  Peter  Hchipnder  dSkipetar),  einem  in  Ragusa 
lel)endeii  Drivastiner  Geistlichen  für  die  Gesamteinkünfte  des 
Bistums  im  Jahre  1^02  dennoch  40  Dukaten,"  also  gerade  die 
in  den  römischen  Zensuall)üchern  verzeichnete  Summe.  Und  da 
hraeh  schon  die  Türkennot  nach  Alhanien  ein.  Marinus,  Erz- 
bischof  von  Antibari.  der  1402  als  Gesandter  Georgs  II.  in 
Venedig  weilte,  war  damals  schon  genötigt,  mit  Genehmigung 
der  Republik  auf  venezianischem  Boden  milde  Gaben  zu  sanmieln, 
„da  seine  Einkünfte  wegen  der  Türkeninvasion  gänzlich  einge- 
gangen Avaren"  (cum  introytus  sui  propter  Turchos  sint  ad  nichi- 
lüm  devoluti) ;  ^  es  war  dies  derselbe  Prälat,  der  im  Jahre  1397 
zwei  Säcke  gedörrte  Skoranzen  (sarache,  ukljeve),  eine  Spezialität 
des  Sees  von  Skutari,  nach  Rom  sandte.*  Im  Jahre  1474  war 
das  Einkonnnen  dieser  erzbisehöflichen  Mensa  so  gering,  daß  die 
Km-ie  für  die  Lebzeiten  des  Erzbischofs  Stephan,  um  ihm  das 
Leben  erträglicher  zu  machen,  das  vakante  und  wie  es  scheint 
noch  immer  einträgliche  Bistum  von  Drivast  mit  dem  Erzbistum 
vereinigte.'  Es  ist  dies  der  Beginn  der  Kontraktionsperiode  der 
Bistümer,  von  der  schon  oben  die  Rede  war. 

Die  Güter  der  Domkapitel  scheinen  auch  beträchtlich  ge- 
wesen zu  sein,  und  da  diese  Körperschaften,  nur  ans  Einheimischen 
bestehend,  in  ihrer  Mitte  immer  besondere  Fürsprecher  bei  den 
verschiedenen  Landeshemi  haben  konnten,  l^lieben  diese  Be- 
sitzungen im  Durchschnitt  länger  intakt  als  die  bischöflichen 
Güter.  Die  Kapitelangelegenheiten  kennen  wir  am  besten  in 
Antibari,  aber  auch  hier  gar  nicht  eingehend.  Die  Benefizien 
der  Domheim,  aus  ganzen  Dörfern  bestehend  (1443,  la  villa 
chiumada  Scurfi),''  waren  hier  nicht  nur  an  die  St.  Georgs- 
kathedrale (ecclesia    Maior)     gebunden,     sondern    auch    an    die 

'  Ljubic,  Listine  5,  7. 

-  Divevsa  Cauc.  1392  im  rag.  Archiv. 

■■'  Jorga,  Extraits  1.  11.5. 

*  Jirecek,  Staat  2,  27. 

■'  Theiner,  M.  Slav.  1,  499. 

'■'  Ljubic  9,  173. 


254 


St.  Peters-,  vSt.  Stephanns-,  St.  Serijiuskirche.  So  bestanden  liier 
neben  dem  Domkapitel  mit  einem  Archidiakonus,  einem 
Archipresbyter  und  einem  Primizerius  auch  „eapitiüa  ecelesiarum 
collegiatarnm",  die  ..nach  altem  Brauche"  an  allen  wichtigen 
Angelegenheiten  der  Kirche,  Ijesonders  aber  an  der  Wahl  des 
Erzbischofs  mit  dem  Domkapitel  zusammen  sich  beteiligten. 
Der  Ärchidiakon  genoß  aulier  bei  der  Kathedrale  auch  Benefizien 
der  Peters-  und  der  Stephansldrche  und  hatte  in  der  ersten  Hälfte 
des  XIV.  Jahrhunderts  insgesamt  30  Goldgnlden  Einkommen, 
wovon  12  (jrulden  auf  die  zwei  letztgenannten  Kirchen  entfielen, 
somit  fast  soviel  wie  der  Bischof  von  (Jattaro,  Sarda  oder  Polat,o. 
Andere  Domherrn  hatten  gegen  10  Clulden  Einkommen:^  außer- 
dem  veiTichteten  sie  wie  Natalis  Belucii  (1811),  Johannes  Nalle 
(1402),  Dominicas  Capseta  (1433)  öfters  den  Notariatsdienst  in 
der  Stadt. ^  Ahnlich  wie  in  Antibari  war  auch  das  Kapitel  von 
Drivasto  in  Kollegien  geteilt:  im  Jahre  1400  werden  hier  die 
„canonisi  de  sancta  Maria"  und  die  „canonisi  de  san  Zorzi' 
genannt."  Wie  es  seheint,  wohnten  sie  alle  in  einer  gemeinsamen 
Kurie  (canoniea).*  Neue  Domherrn  wurden  im  Domkapitel  durch 
Stimmenmehrheit  gewählt,  wie  dies  für  Dulcigno  ausdrücklich 
erwähnt  w^ird.  Ott  machte  sich  bei  solchen  Wahlen  der  Einfluß 
mächtiger  Patrizierfamilien  geltend,  und  unter  den  Domherrn 
nordalbanischer  Städte  finden  wir  nicht  selten  Pati-iziernamen. 
Ein  Beschluß  des  Domkapitels  von  Dulcigno  (vom  Jahre  1368  r) 
erklärt  die  eventuell  unter  dem  Drucke  städtischer  Potentaten 
(proceres)  stattgefundene  Wahl  für  nichtig.'  In  Durazzo,  welches 

1  AAlb.  1,  585,  825 ;  Theiner  1,  218. 

-  Jivecek,  Arch.  slaw.  Phil.  2(5,  213. 

•"'  Testamenta  Notaviae  im  Ragus.  Archiv. 

*  AAlb.  1,  46S. 

°  Das  Fragment  dieses  BescUusses  ed.  aus  „dem  bischöflichen 
Archiv  von  Cattaro"  Farlati,  III.  sacrmn  7,  255  unter  dem  Jahr  1398. 
Ich  supponiere  hier  einen  Schreib-,  bzw.  einen  typographischen  Fehler 
für  das  Jahr  1.368,  da  das  Wort  „proceres"  gar  nicht  in  die  Zeit  Georgs 
II.  Balsa  paßt,  sondern  vielmehr  auf  Zeiten  hinweist,  als  nach  dem 
Verfall  des  Serbenreiches  in  Dulcigno  die  Familie  Sevasto  (Junius.  und 
Pi-vos)  die  Gewalt  über  die  Stadt  an  sich  riß. 


255 


durch  eine  lange  Zeit  orthüdoxe  Er/J)iseliöte  hatte,  fiel,  wie  wir 
schon  oben  sahen,  dem  Domkapitel  und  besonders  dem  Archi- 
diakon  noch  eine  weit  wichtigere  liolle  zu  als  in  anderen  alba- 
nischen Städten.  !*^eit  uralten  Zeiten  war  derselbe  hier  zur  Zeit 
der  Schismatikerherrschaft  Vorstand  der  katholischen  (lateinischen) 
Gemeinde.  Um  die  erst  im  Jahre  1315  ^  erwähnte  katholische 
Kathedrale,  die  „ecclesia  Maior",  zweifellos  identisch  mit  der  in 
den  Jahren  137G  und  1429  erwähnten  Marienkirche  der  Amalti- 
taner,  gruppierte  sich  der  „ archidiaconatus  latine  ecclesie"  mit 
seinen  Kanonici,  die  auch  in  den  schwersten  Zeiten  den  Kontakt 
mit  dem  katholischen  albanischen  Element  einerseits,'  anderseits 
aber  zu  der  päpstlichen  Kurie  zu  unterhalten  verstanden.^  Die 
Päpste  widmeten  dieser  Institution  eine  besondere  Aufmerksamkeit 
und  der  Archidiakon  von  Durazzo  taucht  in  den  päpstlichen 
Bullen  fast  immer  auf  (1200,  1304,  1318),  wenn  die  Stadt  sich 
in  den  Händen  der  Orthodoxen  befindet.  Das  Einkommen  des 
xA_rchidiakon  war  gewiß  nicht  gering  und  um  seinen  Besitz 
wurden  noch  am  Anfange  der  venezianischen  Herrschaft  (139S) 
seitens  der  einheimischen  Albaner  und  Lateiner  sowohl  in 
Venedig  als  auch  in. Rom  erbitterte  Parteikämpfe  geführt."*  Auch 
in  Nordalbanien  spielten  die  Domherrn  öfters  eine  größere  poli- 
tische Rolle  wie  Theodor,  Archidiakon  von  Skutari  (139() — 1409), 
ein  Intimus  des  Großwoiwoden  Sandalj  von  Bosnien  '  und  der 
zuerst  (1380 — 1392)  in  Ragusa  lebende  „don  Marinus  de  Dul- 
cinio",  der  später  in  vei-trauhchen  und  gefährlichen  diplomatischen 
Angelegenheiten  dem  Georg  II.  Balsa  dienend''  das  Kanonikat 
von  Dulcigno  (1395)  sich  erwarb.^  Vor  dem  Falle  Skutars 
trachtete  die  Republik  Venedig  (1475)  dem  dortigen  Archidiakon 

'  AAlb.  1,  622  c. 

-'  AAlb.  1,  482. 

'  AAlb.  1,  G36. 

•*  Ljubiö,  Lif^tine  4,  415. 

s  Safarik,  Acta  Veneta  1,  324  ;  Ljubid  4,  578  ;  Jorga,  Extraits  2, 
72  u.  87  u.  119  :  Gelcich,  La  Zedda  189  u.  201.  Vgl.  Radoniö,  Arch.  slaw, 
Pliil.  r.'  (1897),  380,  394. 

«  Gelcich,  La  Zedda  176  u.  ISO  N.  3. 

7  Ljubic  4,  350. 


256 


Nikolaus  Malonsi  wegen  seinen  Verdiensten  nnd  großer  Autorität, 
die  er  in  jenen  Gegenden  genol.5,  das  erste  rakante  Bistum  in 
Albanien  zu  sicheim. ' 

Albanien  war  im  Mittelalter  mit  Kirclien  und  Klöstern 
übersät.  Dies  sielit  man  nicht  nur  aus  den  spärlich  theüenden 
mittelalterlicheii  Quellen,  sondern  auch  aus  den  zahlreichen  mittel- 
alterlichen Kirchenruinen,  aus  den  Dokumenten  der  neueren  Zeit, 
wie  auch  aus  der  topographischen  Nomenklatur.  Dabei  darf  man 
aber  natürlich  nicht  vergessen,  dal.»  Albanien,  wie  Griechenland 
und  Dalmatien,  au  den  altchiistlichen,  durch  die  Einwanderung; 
der  slawischen  Heiden  weniger  erschütterten  Gebieten  angehört, 
und  vom  allen  Anfange  her,  also  schon  im  IV — VI.  Jahrhundert 
einer  starken  A'erbreitung  der  Heiligenuamen  in  der  Topographie 
ausgesetzt  wm-de,-  so  daß  wir  in  späteren  Mittelalter  schon  auf 
Überbleibsel  sehr  alter  kirchlicher  Kultur  stoßen  und  sogar  in 
urkundlichen  Flurnamen  Heiligennamen  anti'eften,  wo  gewiß  schon 
eine  jede  Spwr  von  Kirchlein,  die  man  einst  an  der  Stelle  der 
Heidentempelchen  errichtete,  verwischt  w^ar.  Dies  gilt  vielleicht 
schon  für  Kirchennamen,  die  ohne  jede  nähere  Bestimmung 
(ohne  Ortsnamen)  auftauchen  yvie  z.  B..  St.  Donatus  (bei 
Aulona),^  St.  Ilia  (bei  Dulcigno),*  die  Winterquaiiiere  bei 
Kroja  St.  Euphemia,  St.  Blasio,  "  gewiß  aber  für  Flur- 
namen in  Polato,  denen  wir  in  der  umfangreichen  Stiftungs- 
Urkunde  des  Erzengelklosters  von  Prizren  (1348)  begegnen,  wie 
„die  Quelle  des  hl.  Georg"  an  der  Gemarkung  von  Siklja,  ferner 
St.  Ilias  und  St.  Salamon  bei  Sakato.  Dazu  sind  auch  die 
Ortsnamen  mit  der  slawischen  Anfangssilbe  Sut  aus  dem  roma- 
nischen Santo,  San  zu  zählen,  eine  Eigentümlichkeit  der  Küste 
von  Antibari  bis  Istrien,  die  schon  früh  in  der  slawischen 
Durchbruchszone  zu  finden  ist,  wie    Sutorman    (aus    Sut-Roman. 

'  Senato  Mar.  10,  fol.  51  v.  (1475,  25.  Juli). 

^  Jirecek,  Das  christliche  Element  in  der  Topograpliie  d^  Balkan- 
lünder,  Wiener  Sitzungsberichte  loO,  9  ff. 

'■'■  Im  Jahre  li'T?  „in  loco  qui  dicitur  S.  Domperitus",  AMb.  1,  367. 
*  Ljubic,  Listine  5,  ^\  (1405). 
°  AAlb.  1,  834  (1343). 


257 


Sant-Koinan)  ein  schon  1408  erwähnter  Palo  /.wischen  der 
Ivüstenebene  iiiid  dem  Tale  von  Crmnica  am  See  von  Skutari, 
Sutoniore  (aus  Santa-Maria),  Weiler  bei  Spizza,  Sutomorsßica, 
Flurname  bei  (iodinje  am  See  von  Skutari,  Sustjepan  im 
(Tebiete  der  Pastrovici  bei  BudvaJ  Ein  modernes  albanisches 
Pendant  zn  diesen  topographischen  Uberlebseln  altkirchlicher 
Kultur  sind  die  Ortsnamenfossilien,  die  sich  besonders  in  der 
ümo-ebuno-  von  Elbassan  und  Kroia  ti'otz  des  Glaubenswech- 
sels  der  o'eu'enwärtio:  mohammedanischen  Einwohner  erhalten 
haben,  wie  Se  Meri,  Se  Mechil,  Sen  Jerk,  Se  Nikola,- 
sowie  auch  der  von  ehemals  albanischer  Bevölkerung  zei- 
gende erratische  Sin-Gjon  (8t.  Johannes)  in  der  jetzt  von 
Serl)en  bewohnten  Kjecka  nahija  am  See  von  Skutari/  In 
Bezug  auf  das  christliehe  Element  in  der  topographischen 
Nomenldatur  bildet  das  mittelalterliche  Albanien,  wie  auch 
natürlich,  ein  ausgeprägtes  Bindeglied  zwischen  Achaia"'  und 
Ualmatien,  durchsetzt  mit  morgenländischen  und  abendländischen 
Elementen,  die  griechische,'  albanische,  slawische,  romanische' 
Retorten  passierten  und  auch  zu  äußerst  exotischen  Bildungen 
führten,  wie  in  dem,  im  Jahre  1416  erwähnten  Ortsnamen 
„Sancto  Auracio  de  sovra  Scutari"/  der  zweifellos  aus  dem  von 
Serben  im  Jahre  1348   „Sveti  Vraci",  von  Romanen  aber  (1349) 

'  Näheres  darüber  mit  der  eiasclilägigen  philologischen  Lite- 
ratur bei  Jireeek.  Das  christliche  Element,  Wiener  Sitzungsberichte. 
1.3tj,  21  ff. 

2  Hahn,  Alb.  Studien  1,  81. 

'  Jirecek,  a.  a.  0.  41. 

■*  Siehe  die  Namen  der  Lehen  dieses  Fürstentums  vom  Jahre  136  1 
bei  Hopf,  Chroniques  202.  205. 

•'■'  Im  Jahre  1-171  wird  ein  Ort  „Ponagia"  fJfnrdyia  vielleicht  La 
Polina,  einst  Apollonia,  siehe  oben  Seite  196) :  Elias  Sguri  de  Ponagia, 
ord.  Praed.,  Bischof  von  Kroja,  früher  von  Stephaniaka,  erwähnt  (Eubel. 
Hier.  cath.  2,  156). 

•^  Die  oben  (S.  235,  N.  4)  erwähnte  Kirche  s.  Maria  de  Lorenzo 
(San  Lorenzo)  bildet  in  dieser  Beziehung  einen  besonders  interes- 
santen Fall. 

^  Odorigo,  Descriptio  Scutari  bei  Makusev,  Ist.  raz.  154  und 
Ljnbic,  Starine   11.  :^>3. 

17 


258 


„Sancti    Chosma-Daniiani"  '    genannten    Orte    in    ünterpilot  ent- 
standen ist.- 

Pfarrkirclien  (parochialis  ecclesia)  werden  ansdrüeklicli 
äußei-st  selten  und  dies  nur  in  den  päpstliclien  Urkunden  ge- 
nannt. Im  Jahre  1318  ernennt  Papst  Johann  XXII.  zum  Pfarrer 
der  sehr  reichen,  fast  ein  Einkommen  zweier  kleiner  Bistümer 
(60  Goldgulden)  sichernden  Pfarre  von  Petrosa  in  Chunavien 
einen  gewissen  Johannes  Ruhens  aus  Albanien.^  Später  werden 
Pfarren  besonders  dann  genannt,  wenn  ein  Pfarrer  zum  Bischof 
wird,  wie  1431  der  „rector  parochialis  ecclesie  de  Tanaida  die- 
cesis  Stephanensis"  zum  Bischof  von  Stephaniaka,*  1457  der 
Domherr*  von  Drivasto  und  Pfarrer  der  Marienkirche  der  Alten 
Stadt  (de  Civitate  Veteri)  in  der  Drivastiner  Diözese  zum  Bischof 
von  Drivast,"  1470  der  Pfarrer  von  St.  Greorg  de  Assanis,, 
Diözese  von  Dagno,  zum  Bischof  von  Oberpilot. "^  Im  Jahre  1464 
werden  zwei  Pfarrer  des  Sprengeis  von  Durazzo  erwähnt:  „Petrus 
rector  s.  Demetrii  de  Plumsis"  und  „Ginus  rector  s.  Venere  de 
Managastis".'  Aus  der  Seltenheit  der  Erwähnrmg  darf  man  aber 
gar  nicht  folgern,  daß  die  Pfarren  nicht  dicht  besät  waren. 
Im  Gegenteil  können  nach  meiner  Meinuno-  alle  Kirchen,  deren 
Heiligenpatron  mit  einem  Oi*tsnamen  verbunden  in  der  voiiür- 
kischen  Zeit  genannt  wird,  sofern  sie  keine  Klöster  waren,  als 
PfaiTkirchen  betrachtet  werden,  wie  z.  B.  die  Hafenplätze  an 
der  Bojana:  S.  Petrus  in  flumine  Drini  (1278),  S.  Theodorus  in 
flumine  Drino  (1282),  S.  Maria  de  Gori(?  de  Ludrino  (1387). 
oder  aber  S.  Cruce  Pogi  (1405)  in  Polato.    Für  die   Dichtigkeit 

'  „Megje  Svetjm  Vraöem"  in  der  Stiftungsurkunde  des  Erzengel- 
klosters von  Prizren,  Safarik,  Glasnik  srp.  15  (18(32),  287.  —  1349,  3.  Juni 
„dompnus  Nicola  Arbanensis  de  Sancti  Chosma-Damiani"  (Div.  Caneel- 
larie  1348—1350  M.  92  im  rag.  Archiv). 

-  Jirecek,  Das  christliche  Element  20  X.  3,  vgl.  Marc.  Byz.  Zeitsch. 
17  (1908)  604  f. 

3  AAlb.  1,  637. 

*  Eubel,  Hier.  cath.  2,  266. 

ß  Farlati  7,  242. 

6  Theiner,  M.  Slaw.  1,  494. 

■^  Hs.  „Statuta  ecclesiae    Drivastensis"    zitiert    oben  S.  243.  X.  5. 


259 


der  Pfari"en  sprielit  auch  der  Umstand,  daß  im  Jahre  1407  zwi- 
schen den  Diözesen  Alessio  nnd  Arbanum  ein  zäher  Sti*eit  für 
zwölf  Grenzpfarren  entbrannte,  der  damals  „einen  großen  Auf- 
ruhr rmd  Zwietracht  unter  Adehgen"  (maximus  tmiiultus  et 
dissensio  inter  nobiles)  herbeizuführen  drohte^  und  durch  über 
zwei  Jahrhunderte  andauerte.  Erst  1638  wurde  er  endgültig 
o-eschlichtet  -  und  damals  noch  wußte  der  Bischof  von  Alessio 
gegen  30  Pfarrkirchen  aufzählen,  „etliche  vernichtete"  nicht  ge- 
rechnet, die  zu  seiner  Diözese  gehören  sollten.  Viele  darunter 
wie  diejenige  (S.  Veneranda)  von  Baldreni  (Ballerini),  St.  Nikolaus 
von  Kakarici  bei  Alessio,  oder  auch  St.  Stephanus  von  Blinisti 
reichen  tief  in  das  Mittelalter  zurück.  Heute  noch  sieht  man  in 
Baldreni,  eine  Stmide  von  Alessio  entfernt,  am  rechten  Ufer  des 
Drim  die  Ruinen  einer  Kirche  romanischen  Stils,  die,  wie  dies 
aus  einer  Inschrift  ersichthch  ist,  im  XV.  Jahrhundert  unter 
dem  Pati-ouat  der  Hen-n  von  Perlat  stand. ^  Die  Zustände  in 
Siklja  im  Jahre  1348  werfen  auch  ein  mteressautes  Licht  auf 
die  Pfarrans-elewenheiten  im  mittelalterlichen  Albanien.  In  diesem, 
am  Schwarzen  Drim  in  Oberpilot  gelegenen  Dorfe  werden  damals 
zwei  Kirchen  erwähnt  (S.  Barbara  und  hl.  Kreuz) ;  die  „latei- 
nischen Priester"  (i30j)0vi  latinbsci)  mußten  von  ihren  Weingärten, 
die  sie  als  Erbgut  (bastina)  besaßen,  jährHch  ein  Faß  Wein  an 
das  orthodoxe  Erzengelkloster  von  Prizren,  d.  h.  an  den  Besitzer 
des  Dorfes  Siklja  liefern.  Daraus  geht  ziemlich  klar  hervor,  dal.> 
in  Siklja  ein  Pfarrer  und  mehrere  einheimische  Kapellane  die 
Seelensorge  versahen,  wie  uns  die  Kapellane  von  Xovobrdo  in 
Serbien  mehrmals  ausdiälcklich  genannt  werden.^  Viele  Pfarren 
gingen  schon  im  XV.  Jahrhundert  zugrunde.  Im  Jahre  145/ 
z.  B.  wurde  die  eine  Drittelmeile  von  der  grofkn  ]\Iarienabtei 
entfernte  Pfan-kirche  des  hl.  Georg  von  Nderfandena  (Trafandi)» 
bisher  von  sekulären  Geistlichen  regiert  und  10  Gulden  jähi-liches 
Einkommen   ti-agend,    den    Mönchen    übergeben;    dieselbe  wurde 

1  Ljubic,  Listiiie  5,  94  f. ;  Jhecek,  Arch.  slaw.  Phil.  31,  89. 
■'  Farlati  7,  203. 

■■^  Ippen,  Bos.  Glasiiik  15  (1903),  182,  vgl.  14  (1902),  189. 
*  .Tirecek,  Das  christliche  Element  19. 

17* 


260 


niimlieli  von  den  Türken  niedergebrannt  und  blieb  olme  Seel- 
sorger.' Solch  reichere  Pfarren  hatten  natürlich  vollkommene 
Kirchengeräte  und  mehrere  Kirchenbücher,  \He  dies  für  die  14."t9 
schon  zerstörte  St.  Xikolauskirche  in  Xovobrdo  in  Serbien  er- 
wähnt wird.-  Die  Kirchenbücher  wurden  auch  für  Stadtkirchen 
hauptsächlich  aus  Kagusa  bezogen  (13G8  ein  MLssale  für  Dnvasto, 
1387  ttlr  Dulcigno).  später  auch  aus  Xeapel;^  auch  die  m  Ka- 
gusa lebenden  albanischen  Priester  und  Patiizier  verma^-hteu 
ihren  Domkirchen  nicht  selten  solche  Bücher.^ 

Das  Pati'onatsrecht  übten  die  Landesherren  aus,  was  beim 
fortwährenden  AN'echsel  dei*selben  große  Vennrrungen  imd  Ge- 
Wcdttätigkeiten  zufolge  hatte.  Um  Mißbrauche  zu  verliindern 
wm-de  im  Jahie  1418  in  Skutari  das  Kollationsrecht  seitens 
der  Republik  Venedig  zeitweise  auf  den  dortigen  Bischof  übei- 
tragen,  der  bei  der  Verleihung  der  Beuetizien  besonders  auf  die 
politische  Gesinnung  des  Betreffenden  zu  achten  hatte.'  Aber 
auch  Balsa  111.  machte  Versuche,  das  Patronatsrecht  über  die 
Kirchen  auf  dem  venezianischen  Boden  aufrecht  zu  erhal- 
ten. Die  Republik  antwoitete  zuerst  (141(i.  9.  Juli)  aus- 
weichend ; '  später  (1-421)  aber  erkläi-te  sie  ausdrücklich,  die 
^  erleihungen  sowohl  von  Benefizien  als  auch  von  Pronieu  duri  h 
Balsa  III.  nicht  respektieren  zu  wollen.'  Dagegen  wurde  das 
voUe     Erbpatrouat    des    Stifters     sowohl     seitens     der     kleineu 

1  Theiner.  M.  Slaw.  1.  4-25. 

2  Ebd.  1.  451. 

^  „A  abbate  Latzaro  d'Albania  graciosamente  per  coiuprai'si 
I  briviari  4  ducats"  (Cedole    de  Tesoreria  bei  Jorga,  Notes  2,  47,  X.  3). 

*  Im  Jahre  1413,  28  ^u\i  legiert  in  Ragusa  der  Slaitariuer 
Patrizier  Milo  del  Coute  „I  breviario  ala  gliesia  de  Scutari  a  S.  Stefano" 
iTest.  Notarie  1402  fol.  198  im  Ragusauer  Archiv).  —  Andere  Belege 
im  Bd.  U.  der  AAlb. 

=  Misti  del  Senate  52,  fol.  125  v.  (1418,  7.  Oktober).  —  Im  .Jahre 
1434  übt  aber  die  Republik  hier  wieder  schon  selbst  das  Patronats- 
recht aus  und  verleiht  die  Nikolauskirche  in  der  Burg,  die  bisher 
ein  Dulcignote  regierte,  an  „presbvter  Petrus  de  Seutaro"  (Misti  59, 
fol.  45). 

•      •*  Misti  51,  fol.  46.  .     • 

^  Für  Driva.sto  1421,  5.  August  (Misti  53,  fol.  176  v.). 


261 


Dynasten    wie    auch    später    seitens    der     I»e))nl)iik   vollkommen 
respektirt. ' 

Eine  !j;rol.)e  Menge  von  kleinem  Klerus  lebte  mn  die  zulil- 


'O" 


reichen  Kirchen  der  Städte  und  Umgebung.  In  Antilmri  werden 
neben  der  Domkij'che  des  hl.  Georg  mit  altei-tümlichen  serbischen 
Füi-stengräbern  und  kostbaren  Heiligenreliquien,'  lateinischen, 
zum  Teil  in  Hexametern  oder  leoninischen  Versen  abgefallten 
Grabesinschriften  der  Abte  und  Prälaten, '  und  außer  den  Kloster- 
kirchen noch  die  St.  Sergius-,  St.  Stephans-,  St.  Peterskirche,  femer 
die  Markuskirche,  außerhalb  der  Stadtmauern,  sowie  drei  Dorf- 
kirchen (ecclesie  rurales)  genannt.  Die  Marienkathedrale  von 
Dulcigno  mit  dem  wundertätigen  Madonnenbild,  von  dem  noch 
1553  erzählt  wurde,  es  sei  vom  hl.  Lukas  gemalt,^  war  be- 
sonders im  XIV.  Jahrhundert  an  der  ganzen  adriatischen  Küste 
berühmt.  Die  Kathedrale  hatte  von  der  Stadt  ein  ständiges  Ein- 
kommen in  A\  ein  (canata),  welches  unter  der  venezianischen 
Herrschaft  eine  Zeit  lang  (bis  1412)  an  den  Gehilfen  des  Statt- 
halters (cavaliere)  abgegeben  werden  mußte.'  A^ißer  derselben 
wird  ini  Jahre  1290  in  dieser  Stadt  noch  eine  Johanneskirche 
erwähnt.''  In  Skutari  war  die  in  der  Barg  gelegene  Stephans- 
kathedrale ein  berühmter  Wallfahrtsort.'  Die  daraus  gemachte 
türkische  Moschee  zeigt  Spuren  von  gothischen  Gewölben  und 
Skulpturen;  noch  im  Jahre  1(585  .stand  darin  eine  verdorbene 
alte  Orgel  (organo  disfatto)."  In  der  Burg  wird  noch  (14;M)  die 

'  Siehe  bes^oiiders  den  höchst  intcressuiiteii  Fall  der  Kirche  s. 
Maria  de  Lorenzo  bei  Ljubic  9,  194  (1444). 

-  Im  .Tahre  1399  befand  sich  eine  solche  Keliquie  in  doppelter 
Schachtel  als  Pfand  bei  einem  Ragnsaner    (Jorga,    Extraits  2.  71  N.  6). 

•'  Inschriften  ans  der  im  .Tahre  18>'l  dnrch  Pnlverexplosion  zer- 
störten Georgskirche  findet  man  hei  Markovic,  Dukljansko-barska  inetro- 
polija  180  nnd  Rovinskij,  Sbornik  rus.  86  (1909).  llö. 

*  Ljnbic,  Commissiones  et  relationes  2,  229. 

-  Misti  del  Senato  49.  128  (1412.  22.  .Tnji).  Vgl.  «las  „ins  viiii" 
in  Patra-s  (14(i8,  Jorga,  Notes  1,  165). 

8  AAlb.  1,  512. 

"  Theiner,  M.  Slaw.  1.  219  (1316). 

»  Theiner.  M.  Slaw.  2,  21x  ;   Ipi>en,  Bos.    Ulasnik   11     (1902),    181. 


262 


l^farrkirclie  St.  Nikolaus  erwülmt.'  Yor  dem  Stadttor  stand  eine 
andere  St.  Nikolauskirche  (141(i  San  Nicolo  appresso  la  jJorta), 
wo  sich.  Helene,  Witwe  Königs  Stephan  Uros  I.,  zur  Nonne 
scheren  ließ ;  aul.ierdem  werden  im  XV.  Jahrhundert  noch  die 
Kirchen  San  Aponale  und  Ogni  Santi  genannt,  sowie  zwei  im 
Jahre  1416  schon  in  Trümmern  liegenden  Kirchen  St.  Theodoms 
und  Santa  Croce,  die  gewiß  außerhalb  der  Stadtmauer  standen. 
In  der  Vorstadt  Sub-Scutaro,  dem  Viertel  der  ragusaner  Kauf- 
leute, stand  die  Kirche  des  hl.  Blasins,  Patrons  von  Ragusa 
(extra  Scutari  ad  S.  Blasium  1433,  S.  Blasius  prope  ciyitatem 
Scutari  1444),"  welche  nach  der  Tradition  des  XV.  Jahrhunderts 
unter  König  J^usan  erbaut  worden  ist,  um  diese  Zeit  aber,  wo 
sie  genannt  wird,  schon  eine  Klosterkirche,  wie  es  seheint,  der 
Minoriten  war.  Im  Juni  1452  ließ  der  venezianische  Kapitän 
von  Skutari,  als  er  sich  auf  die  Belagerung  seitens  des .  serbischen 
Despoten  vorbereitete,  die  Kirche  samt  Kloster  niedeiTeisen,  da 
dieselbe  zu  nahe  an  der  vStadtmauer  lag,  und  gebrauchte  das 
dadurch  gewonnene  Material  zur  Befestigung  der  Stadt.  Am  4. 
August  1452  beklagen  sich  die  Mönche  (monachi  conventus 
s.  Blasii  extra  muros  Scutari)  darüber  in  Venedig,  wo  man 
ihnen  vollen  Ersatz  versprach."  In  den  ragusaner  Denkmälern 
werden  vier  Kirchen  von  Drivasto  erwähnt :  die  Georgskathedi-ale, 
die  kollegierte  Kapitelkirche  der  hl.  Maria '  (1353  capitulum 
ecclesie  S.  Marie  de  Drivasto),  die  Franziskus-  (1353,  1368)^. 
und  die  Heilundskirche  (S.  Salvator    1399).    Die  Kathedrale  von 

1  Siehe  oben  S.  260,  K  5. 

-  Jirecek,  Glasnik  srp.  geogr.  drustva  1914,  158  f. 

^  Senato  Mar.  4  fol.  144  v.  Die  Mönche  behaupteten,  das  Kloster 
"wäre  nntcr  König  Dnsan  (snb  Stephane  rege  Rascie)  erbaut  worden, 
■was  ich  nur  für  die  Kirche  als  sicher  annehme,  die  gewiß  von  den 
Ragusanern  wahrscheinlich  nach  dem  Pestjahre  gegründet  wurde.  — 
Der  Chronist  Magno  (bei  Jorga,  Notes  3,  227  N.  1)  erwähnt,  daß  am 
19.  September  1448  bei  einem  zufälligen,  aber  schrecklichen  Brande 
der  Stadt  (vgl.  Ljubic  9,  28.5)  in  der  Nacht  sich  eine  Menge  Leute  in 
eine  kleine  Kirche  „che  e  sopra  il  muro"  flüchteten,  wobei  über  500 
Personen   umkamen. 

■*  .Tirecek,  (Jlasnik  sr[i.  geogr.  drustv^i  1914,  16"2. 


263 


-Dagiio  scheint  dem  lil.  Markus  gewidmet  gewesen  />u  sein.' 
.Sonst  wii-d  in  den  kleinen  Bischolsstüdten  Btile/.o  und  Dagno 
nur  je  eine  Kirche  (Kapelle)  außerhalb  der  Stadt  genannt: 
Öaneto  Alexandra  sotto  Balezo  (141<))-  und  die  „eapella  S. 
-Marie  subtus  Dagnum","  einst  dem  Eri^engelkloster  von  Prizren 
angehörend.  Die  Kirchen  der  sehr  selten  auftauchenden  &tadt 
Alessio  Averden  in  nnttelalterlichen  Dokumenten  kaum  senannt. 
Der  von  Barletius  erwähnte  und  wahrscheinlich  in  der  Burg 
gelegene  St.  Nikolausdom.  Skenderbegs  (f  1468)  Gral)stätte,  war 
ursprünglich  eine  Pfarrkirche.  Zur  Kathedrale  wurde  die  Kirche 
erst  1459  erhoben,  als  ihi-  Pfarrer  Petrus  Dongion  (Domgion) 
immittelbar  zum  Bischof  von  Alessio  wm'de.  Von  der  früheren 
Kathedrale  weiß  man  nur  soviel,  daß  sie  von  den  Türken  vor 
vielen  Jahren  vollständig  zerstört  wurde.^  Farlati  '  nennt  hier 
noch  vier  andere  Kirclien,  wovon  zwei  (S.  Maria,  S.  Margarita) 
auf  die  Stadt  Umgebung  abfallen.''  Aus  den  Trümmern  dieser 
zwei  Kirchen  sclieint  die  heutige  unansehnliche  Franziskaner- 
kirche des  hl.  Antonius  erbaut  worden  zu  sein.'  Außer  der 
Amaltitanerkirche,  von  der  schon  oben  die  llede  war,  gab  es  in 
Durazzo  und  Umo-ebuno-  natürlich  zahlreiche  Kirchen,  nur  ist 
es  meistens  nicht  leicht  zu  entscheiden,  ob  dieselben  griechisch 
oder  lateinisch  waren.  Bei  der  Kirche  des  hl.  Nikolaus  befand 
öich  1081  das  Lager  des  Kaisers  Alexius  Komnenos ;  in  der 
Kirche  des  hl.  Michael  —  nach  Heuzey  stand  dieselbe  östlich 
von  Durazzo  im  heutigen  Doi'fe  Semiholj  —  wurde  die  kaiser- 
liche Garde  der  Waranger  von  den   Normannen    umzingelt.  Die 

'  Im  Jahre  1400  testiert  der  ans  Daguo  gebürtige  Geistliche 
Petrus  Caput-Apis  seiueu  Kelch  „a  Santo  Marco  de  Dagno"  (Test.  Not. 
l:;'."J'l-1102,  fol.  174  im  rag.  Archiv). 

•^  AAlb.  1,  Ü.53  X.  1. 

•  Ljubic,  Listine  10,  91  (14.50). 

*  Enl.el,  Hier.  cath.  ■>.  90  X.  1. 
•'■  111.  sacrum  7,  385  f. 

''  Im  Jahre  1414  legiert  „Johannes  de  Trivisano  habitator  Vene- 
ciamm,  patronus  marciliane"  „ala  glesia  de  Sancta  Venera  apresso 
Alexo  ducati  Y  d'oro"  (Te,st.  Not.  14«  »2.  fol.  214). 

■  Ippen,  Bos.  Glasnik  190(j,  .322. 


264 


Venezianer  bekamen  damals  (1082)  die  St.  Andreaskirehe  in 
der  Stadt,  gewiü  eine  altkatholisclie  Kirche,  da  sie  von  den 
}-5yzantinern  als  Marinearsenal  venvendet  wurde/  Lateinische 
Geistliche  hielten  auch  die  1859  ei"wähnte  Eustatiuskirche, 
während  die  zu  gleicher  Zeit  erwähnte  Peterskirche  in  der 
Nähe  der  Burg  (oi  äyioi  lleXeyQtvot)  ein  griechisches  Kloster 
gewesen  zu  sein  seheint.  Außerhalb  der  Stadt  (extra  Durachium) 
wird  1408  eine  St.  Laarentiuskirche  erwähnt."  All  die  auf- 
gezählten Stadtkirehen  sind  aber  gewil.l  nur  ein  kleiner  Bruch- 
teil des  einstigen  Bestandes,  wie  dies  aus  dem  Falle  von  Svac 
besonders  klar  hervorgeht,  wo  uns  namentlich  nicht  eine  einzige 
Kirche  envähnt  wird,  und  wo  lieute  noch  die  Ruinen  einer 
großen,  im  Übergangsstile  gebauten  Kirche  mit  dem  Turm  ober 
der  Apsis  und  einer  anderen  kleineren  Kirche  mit  Freskospuren 
und  Inschriftenfragmenten  aus  dem  -Jahre  12(32  zu  finden  sind. ' 
Im  Jahre  1553  schreibt  der  Venezianer  Giustiniani,^  daß  .,in 
dieser  uralten  Stadt"  die  Trümmer  von  3(30  (I)  Kirchen  und 
Kapellen  sich  befinden,  und  heute  noch  erzählen  die  albanischen 
Bauern  der  Umgebung,  daß  in  dieser  Stadt  lauter  Kirchen  waren 
und  nennen  die  Kuinen  „Kisat"  (Flur,  von  kisa  =  die  Kirche). '  In 
der  Türkenzeit  oinjj'en  alle  mittelalterlichen  Kirchen  zugrunde, 
aber  auch  schon  früher  wurde  vieles  durcli  innere  Kriege  und  vom 
Zahn  der  Zeit  verwüstet.  Im  Jahre  189G,  nach  dem  blutigen  Kriege 
zwischen  Radio  Crnojevic  und  Georg  11.  ]:irdsa,  repariert  man  fast 
zu  gleicher  Zeit  die  Domkirchen  von  Antibari  und  Dulcigno  luid  die 
Abtei  von  Rtac  (Rotezo);  Ragusa  lieferte  damals  eine  Unmenge 
von  Dachziegeln,*'  wie  auch  später  zur  Reparatur  des  Stephans- 
domes von  Skutari  (1403)'  und  der  Domkirche  von  Svac  (1413).*' 

>  AAlb.  1,  (J7. 
^  Ljubic,  Listiue  5,  121. 

3  Ippen,  Wiss.  Mitt.  aus  Bosnien  7,  2:3.",.  Bos.   Glasnik    in    (1S".''.>L 
13  und  14  (1902),  552. 

*  Ljubic,  Com.  et  relationes  2,  231. 

«  Ippen,  Bos.  Glasnik  11  (1899),  17. 

6  Jorga,  Extraits  2.  59  u.  G7  ;  Gelcicli.  La  Zedda   1 '.»•_>  f. 

'  Keformationes  1402—1404  fol.  43.  Vgl.  Jorga  2,  90  N.  1;  Gelcic]i;220. 

8  Jirecek,  Glasnik  srp.  geogr.  drustva  1914.  167. 


•265 


Die  äußerst  dielit  antieley-ten  Kii-clien/.entra  mit  der  un- 
verliältjiismäßig  großen  Zahl  ron  Kirchen  und  Klöstern  übten 
eine  starke  Anziehungski-aft  auf  das  romanische  und  albanesische 
Element  des  katholischen  Nordalbaniens.  Trotzdem  die  Priester 
und  Kleriker  in  den  Städten  vom  W'achthalten  und  anderen 
persönlichen  Diensten  nicht  befreit  waren,'  in  den  Dörfern  aber 
wie  z.  B.  in  Siklja  ein  Tribut  im  Wein  an  den  Landesherrn 
zu  zahlen  hatten,  entsteht  hier  langsam  eine  Hyperproduktion 
des  kleinen  Klerus,  die  im  XTV.  Jahrhundert  l)esonders  durch 
das  Prisma  der  ragusaner  Notariatsbücher  bemerkbar  ist.  Einer- 
seits der  orthodoxe  Hochdruck  in  Nordalbanien,  der  um  die 
Mitte  des  XIV.  -1  alirhunderfs  besonders  in  Bezug  auf  katholische 
Kircheno-üter  verhiüignisvoll  ausfiel,  anderseits  aber  die  Intensität 
des  Handels  in  liagusa,  der  fast  alle  einheimischen  intelligenten 
Leute  für  sich  in  Anspruch  nahm,"  erwirkten,  daß  ßagusa  von 
albanischen  Priestern  und  Mönchen  sozusagen  überschwemmt 
wurde.  In  dem  Pestjahre  l-}49  und  in  den  zwei  nachfolgenden 
Jahren,  als  die  Frömmigkeit  der  ragusanisclien  Bevölkerung  in 
Legaten  und  Wallfahrtsgelübden  besonders  zum  Ausdruck  ge- 
langt, werden  in  den  Notariatsbüchern  24  sekuläre  albanische 
Priester  in  Kagusa  weilend  erwähnt,  von  denen  7  aus  Drivasto, 
7  aus  Dulcigno,  4  aus  S.  Paulus  de  Polato,  2  aus  Antibari 
und  je  einer  aus  Balezo,  Skutari,  vS.  Chosma-Damiani  (Sveti 
Vraci,  S.  Auracio),  Ö.  Ötephanus  de  Polato,  Spas,  S.  Sergius 
und  S.  Nicolaus  de  Oldrino  stammten.  Außerdem  werden  noch 
4  Priester  mit  dem  Attribut  „Arbanensis"  erwähnt,  wcjvon  even- 
tuell nur  zwei  mit  einem  oder  anderem  der  obig  Genannten 
identifiziert  werden  können.  Diese  Priester  übernahmen  Wall- 
fahrfen    nach    Monte    Gargano,    Bari,    (  ompostella,    Assisi    und 

'  BeschluU  des  Senats  von  Venedig  vom  Jahre  13!'7  für  Drivasto: 
faciant  custodias  et  alias  angarias  tamquam  seculares  .  .  .  sicut  fece- 
riint  hucusque  (Ljubic,  Listine  4.  409).  -  -  Ein  Gegenstück  davon  sind 
die  Zustände  auf  der  Insel  Koi-fu,  wo  unter  den  Despoten  (12461.  Anjou- 
vinern  (13.")6)  und  auch  Venedig  (1408)  die  griechische  Geistlichkeit 
von  persönlichen  Diensten  befreit,  deswegen  aber  ihre  Z:ihl  auf  33 
limitiert  wurde  (Hopf  2.  32  N.  04  und  98  N.  <;8). 

-  Jirecek.  Arch.  slaw.  Phil.  2ö.  r>Q><  f. 


2(J6 


lioin ;  in  ragusanischen  TestanientvoUstreckungen  Anid  einigemal 
ganz  einlach,  verzeichnet :  „  an  die  arbanischen  Priester  und  An- 
dere (presbjteris  Arl)anensibus  et  aliis)  für  Messelesen '^  soundso 
Tiel  gegeben.  Schon  am  Ende  des  XIII.  Jahrhundei-t  findet 
man  in  Kagusa  Kleriker  uns  Alessio.^  Später  treffen  wir  auch 
Geistliche  aus  Durazzo  an.  In  den  Jahren  1365 — 1871  lebte  am 
Hofe  des  Erzbischofs  von  Ragusa,  wie  es  scheint,  als  Keller- 
meister angestellt,  ein  „don  Johannes  de  Sua^-io"  genaimt  Recha- 
nati.  Man  trifft  liier  auch  Mitglieder  der  Drivastiner  Pati'izier- 
familien  Summa,  Palombo  (Colomba),  Lepore  mid  Span  an. 
Petrus  Schapuder  (Skipetar),  im  Jahre  1368  noch  Domherr  von 
Drivasto,  lebte  und  starb  später  (1400)  in  Ragusa  als  einfacher 
„presbyter".  Die  Kathedrale  von  Ragusa,  die  Gemeinden  von 
Breno  und  Rozat  hatten  ständig  albanische  Kapellane.  Im  Jahre 
1391  waren  von  den  di-ei  Prokuratoren  der  geistlichen  Genossen- 
schaft (fraternitas)  in  Ragusa  zwei  albanische  Priester.-  Wie  zu 
Hause  in  den  kleinen  Städten  bis  ins  XV.  Jahrhundert,  ver- 
richteten albanische  Geistliche  den  Xotariatsdienst  auch  auf  den 
Inseln  Lagosta  und  Meleda." 

In  dem  erwähnten  Pestjahre,  wo  ^ör  so  viele  albanische 
Priester  in  Ragusa  antreffen,  sind  auch  schon  alle  ragusanischen 
Klöster  von  albanischen  Mönchen  besetzt.  Der  Guardian  und 
auch  der  Kustos  des  Minoritenklosters  waren  damals  Skutariner, 
der  Prior  des  Dominikanerklosters  ein  Dulcignote.  Im  Jahi-e 
1374  besteht  der  Konvent  des  Ragusaner  Dominikanerklosters, 
einen  Tragm-iner  ausgenommen,  ausschließlieh  aus  albanischen 
Mönchen,  sowie  im  Jahre  1393  der  Klosterkonvent  von  Meleda. 

'  AAlb.  1,  658  X.  8. 

-  Farlati  6,  141.  Über  die  Genossen.schafteu  in  Ragusa  s.  Strolial, 
Rad  Jugoslav  akademije  201  (1914). 

8  Jirecek,  Arcli.  slaw.  Phil.  26,  210.  Zu  den  dort  angeführten 
albanischen  Notären  ist  auch  der  „dompnus  Georgius  de  Spassa  iuratus 
notai-ius  coniunis  Laguste"  (nach  1849,  Smiciklas,  Cod.  dipl.  11,  5.52) 
nachzutragen,  der  später  (1876,  8.  Octobris  „dompnus  Georgius  Xigro 
de  Spasso,  liabitator  Ragusii",  Div.  Canc.)  in  Ragusa  wohnt.  Im  Zeit- 
raum von  1421—1442  waren  vier  Priester  aus  Antibari  Kanzler  von 
Meledrt.  A'uletic-Vukasovid,  Spomenik  srp.  ak.  49  (1910),  1  tt'. 


267 


Im  Kloster  der  Klurissinnen  (monasteriani  puiicellaruiii)  werden 
als  Kapellane  nnd  Ortolane  albanische  Münehe  und  Priester 
angestellt.  Im  Jahre  1368  wechseln  die  Benediktinerabteien  von 
liotezo  und  Lacroma  ihre  Abte.  Das  Benediktinerkloster  von 
Peklina  im  IJagii'^aner  Distrikt  hatte  1368 — 1379  einen  Anti- 
barenser  zum  Abte,  137()  aber  nm-  einen  einzigen  gewöhnlichen 
Bruder  und  dieser  stammte  aus  Polato.'  In  Kagusa  kommen 
einzelne  albanische  Mönche  auch  in  Kontiikt  mit  der  städtischen 
Gemeinde  und  Averden  ausgewiesen ;  -  anderen  wird  die  Erlaubnis 
erteilt  nach  IJagusa  kommen  zu  dürfen  y'  ein  apostasierter  Fran- 
ziskaner aus  Dm-azzo  wird  wegen  versuchter  Brandlegung  im 
Jahre  1401  der  Tortur  unterzogen.  ISie  machen  aber  auch  Kar- 
riere: Andi'eas  de  Dm'achio,  der  1379  nach  Kagusa  kommt, 
wird  zum  Provinzial  des  Dominikanerordens  und  1387  Erzbischof 
von  iiagusa;*  ein  anderer  Dm-azziner  wml  1375  Bischof  von 
Cattaro.'  Überhaupt  treten  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahr- 
hunderts aus  Dm-azzo  gebilrtige  Mönche  entlang  der  ganzen 
adriatischen  Küste  in  avüfallender  Weise  hei"vor;  im  Jahre  1388 
sind  die  Dominikanerpröpste  von  Dulcigno,  Cattaro  und  Trau 
Durazziner.  Auch  nach  Tremiti,  einer  Insel  an  der  apulischen 
Küst«  und  Mutterkloster  der  Benediktiner  von  Lacroma,  kommen 
albanische  Mönche  (1376,  Paulus  Bussati)  und  1396  war  Alexiiis 
aus  .Skutari  Guardian  des  Franziskanerklosters  von  Zara. 

Die  Klöster  des  mittelalterlichen  Albanien  gehören  zu  dem 
Typus  der  isolierten  Hochstifte  mit  ausgedehnten  Besitzungen 
ähnlich  den  großen  Abteien  von  Ungarn  oder  Italien.  Der  byzan- 
tinische Gruppentypus,  in  Bulgarien  noch  stark  bemerkbar," 
di'ingt  natürlich  nicht  in  das  katholische  Albanien,  ist  aber 
auch  im  orthodoxen  Altserbien  infolge  des  lateinischen  geistliehen 
Unterbaues    dieses    Landes    durch    das    ganze    Mittelalter    nicht 

•  Theiner,  M.  Slaw.  1,  309. 
-  M.  Kagusiiia  -I,  17<«. 

*  Ebd.  4,  202. 

■*  Farlati  6,  141  :  Eubel,  Hier.   cath.  1,  432. 

^  Farlati  6,  403;  vgl.   ebd.    446  =  Smicikhis,  Cod.  dipl.    IL    104. 

<"  Jirecek,  Staat.  1.  49. 


268 


sichtbar.  Der  Benediktinerorden  fal-lte  in  Albanien  wie  ancli  in 
Siiddalmatien  scbon  in  den  friiliesten  Zeiten  festen  Ful;')  nnd 
drang  entbmg  der  ganzen  Küste  von  Budva  bis  Dnrazzo  schon 
früh  auch  tief  in  das  Binnenhmd  ein.  Einige  albanische  Bene- 
diktinerklöster scheinen  sogar  älter  zu  sein  als  die  Klosterkette, 
die  von  Montecassino  über  das  Marienkloster  von  Tremiti.' 
Lacronia,  Mercana  (Mrkanj),  ii])er  das  malerisch  auf  einem 
Felseneiland  mitten  in  einer  von  Nadelhölzern  umrahmten  stillen 
Ijagune  gelegene  Marienkloster  von  Meleda  (Mljet).  Ragusa,  das 
alte  Kloster  S.  Maria  in  der  uralten  ^Stadt  Budva  und  das  St. 
Salvatorkloster  von  Antibari"  bis  zu  dem  zuerst  vom  Presbyter 
Diocleas  erwähnten  „monasterium  »S.  Petri  de  (  ampo"  (jetzt 
Kuine  Petrov  manastir  bei  Cicevo)  an  der  Römerstraüe  von 
Ejjidaurum  nach  Trebinje'^  seitens  des  Benediktinerordens  gezogen 
wurde.  Die  am  linken  Ufer  der  Bojana,  18  Meilen  von  der 
Mündung  und  ()  Meilen  von  Skutari  bei  dem  heutigen  Dort'e 
Sirdz  gelegene  Abtei  der  hl.  Sergius  und  Bacchus  (Sveti  Srgj), 
deren  Bedeutung  als  Flußhafen  für  Skutari  und  als  Ausgangs- 
punkt für  Karawanenwege  nach  dem  Binnenland  im  XllI — XV. 
Jahrhundert  sehr  groß  war,  wird  autentisch  zwar  erst  11 6(5 
genannt,*  aber  für  das  äußerst  hohe,  wahrscheinlich  in  die  ersten 
Jahrhunderte  der  Greschichte  des  Benediktinerordens  reichende 
Alter  derselben  s])richt  die  Frische  der  Legende  und  der  fast 
unmittelbare  Kultus  dieses  Heiligenpaares,  deren  Spm'en  man 
selbst  im  Xll.  und  XIII.  Jahrhundert  in  diesen  Gegenden  noch 
wenig  verwischt  antreffen  kann.  Der  Kultus  der  Märtyrer  Sergms 
und  Bacchus  (römischer  Holdaten  aus  der  Zeit  des  Kaisers  Maxi- 
niinus),  desisen  Blütezeit  in  das  Ende  des  VT.  Jahrhunderts  fällt, 
verbreitete  sich  aus  der  syrischen  Stadt  Rosapha  über  Konstanti- 
nopel nach  Italien  und  Dalmatien.  Als  apperzeptiven  Moment 
können  l)ei  den  romanischen   Altbürgern    dieser    Gegenden  wohl 

'   Heineiiuuiii.    Die    Entstehun«!;    der    Städteverfassunif    in    Italien 
(Leip/.i-,',  1890),  Ü8  f. 

-'  AAlb.  1,  9:J,  -18!t. 

*  Jirecek,  Das  christliche  Element  33. 

*  AAll).   1,  ;•:;  vul.  76. 


269 


die  Traditionen  ans  der  liönierzeit  l>etrachtet  werden;  gehörten 
ja  doch.  z.  \\.  die  römischen  ]-{ürger  der  Landschaft  /wischen 
Cattaro,  IJisano  nnd  Prevhika  znr  Tribus  Sergia  an.'  Für  die 
Frische  der  St.  Sergins-  nnd  Bacchnslegende  in  diesen  Gegenden 
spricht  der  Umstand,  (hil.»  die  Barg  anf  (h'ni  Schk)l.)berge  von 
Scodra  liosapha  (Hosaf)  benannt  wnrde.'  Von  der  Intensität  des 
Heiligenkultns  zengi  aber  die  älteste  echte  Bnlle  (vom  Jahre 
108i>)  flu'  das  Erzbistnm  von  Antibari,  worin  der  Festtag  „sanc- 
torum  Sergii  et  Bachi"  nnter  den  großen  Feiertagen  genannt 
wird, '  sowie  anch  die  ziemlich  zahkeichen  alten  Kirchen  zwischen 
Kagnsa  nnd  Dnlcigno,'  die  dem  hl.  Sergins  gewidmet  waren. 
Im  XIV.  Jahrhnndert  (1877)  wird  die  Kirchmesse  („panagjnr") 
von  St.  Sergins  erwähnt.''  Beim  Presbyter  Diokleas  (nm  1200) 
wird  die  Abtei  als  Grabeskirche  der  dioklitischen  Könige  er- 
wähnt luid  nach  den  Inschrilten  wnrde  dieselbe  vom  Serbenkönig 
Uros  II.  (1818)  nnd  seiner  Matter  Helena  (1290)  erneuert." 
Gewiß  schon  damals  hatte  die  Abtei  reich  eingerichtete  Fische- 
reien an  der  Bojana,  die  erst  im  .Jahre  1415  genannt  werden. 
Da  der  Hafen  bei  St.  Sergius  anch  strategisch  sehr  wichtig  war, 
litt  das  Klo.ster  schon  in  den  Kämpfen  zwischen  Venedig  nnd 
den  serbischen  Despoten,  als  an  dessen  Seite  eine  vorwiegend  ans 

'  Jirecek.  Das  christliche  Element  -53  f. 

-  AAlb.  1,  113  (um  1215),  Barletius  3,  23.5  (um  1472).  Auch  die 
Reisenden  des  XIX.  Jahrhunderts  (Boue,  Müller,  Hahn,  Gopcevic)  kennen 
gleichfalls  alle  den  Namen  Rosapha  teils  für  die  Burg  von  Skutari,  teils 
für  den  Felsenhügel,  worauf  dieselbe  erbaut  ist  (Zitate  siehe  bei  Ruvarac. 
Glasnik  srp.  4!:»  [li^'Sll,  39  ff-  ^mcl  Jirecek,  a.  a.  0.  -50  N.  1). 

■■'  AAlb.  1,  68  vgl.  63. 

*  Zu  dem  von  Jirecek  (Das  christliche  Element  52  f.)  zusammen- 
getragenen Material  ist  nocli  „S.  Serzi  de  Satuxa"  (1405)  in  der  Um- 
gebung von  Dulcigno  zuzufügen  (Ljubic,  Listine  5,  ö4). 

^  Im  Jahre  1377  verspricht  in  Ragusa  ein  Schitfer  eine  Ladung 
„a  panaiurio  S.  Sergii  de  Zenta  proxime  venture  Ragusium"  zu  be- 
fördern (Liber  debitorum  im  rag.  Archiv),  Jirecek,  Glasnik  srp.  geogr. 
drustva  1914,  166. 

'■'  Die  P]ditionen  der  Inschriften  zitiert  in  AAlb.  1,  76  ;  Jirecek. 
i;.  der  Serben  1,  212  und  Staat  1,  56  N.  1. 

"  Misti  del  Senato  51  fol.  23  v. 


270 


Holz  bestehende  Befestigung  (1425,biistita  a  latere  S.  Sergii)  erriclitet 
wurde/  nocli  mehr  aber  im  Kampfe  zmschen  Venedig  und  den  Tür- 
ken um  Scodra.  Gänzlich  verödete  die  Abtei  mit  der  türkischen  Er- 
oberung. Noch  im  Jahre  1685  stand  neben  der  Kirche  ein  prächtiges 
Kampanile  (belissimo  campanile).-    Heute  ist  S.  Hergius  eine  öde 
Ruine ;  in  der  aus  Quader-  und  Ziegelsteinen  gebauten,  dachlosen 
dreischiffigen  Kirche  mit  Resten  von  Fresken  in  zwei  Schichten  über- 
einander und  Spuren  eines  Mozaikbodens  wachsen  heute  Bäume ;  die 
Seitenfronte  zuui  Fluß  ist  schon  durch  Unterwaschung  eingestürzt.^ 
Während  das  St.  Sergiuskloster    zur    Diözese    von    Skutari 
gehörte,''  befand  sich  die  an  der  Mündung  der  Bqjana  am  rech- 
ten Ufer  gelegene  und  erst  am  Anfange  des  XIV.  Jahi-hunderts 
erwähnte'   Benediktinerabtei    S.    Nicolaus    de  Drino    (San  Xicolo 
de  Bojana,   abbadia    di    San    Nicola    de    la    Ibza    de    la    Bqjana.^ 
heute  das  Dorf  Senkol,  San  Nicolo)   in  der  Diözese  von  Dulcigno. 
Im  Tale  von  Stoja  oder  Strilaleo,  am  Fuße  des  Berges  Maranai 
(im    XV.    Jahrhundert    Marinaa,    Marinay)    in    der    Drivastiner 
Diözese,  fünf  Meilen    Aveit   von    der  viel   jüngeren    bischöflichen 
Kirche  von  Balezo  ^  lag  das   Kloster  des  hl.  Johannes  mit  einem 
sehr  hohen,  aus  Quadersteinen  gebauten  viereckigen  Kirchenturm. 
Die  Drivastiner  betrachteten  das  Kloster  "als  zu  ihrer    Stadt  ge- 
hörend   und    nach    einer    ausdi'ücklichen    Bestimmung     des    XV. 
Jahi-hunderts  '  durfte  Abt  des  Klosters  nur    ein  Drivastiner  wer- 
den.   Im    Kampfe    gegen    Balsa   III.    standen   die   Abte    an   der 

•  Ljubid,  Listine  8,  199  u.  250  ;  Mijatovi6,  Despot  Gjuragj  Bran- 
kovid  (Belgrad,  1880)  1,  40. 

2  Theiner,  M.  Slaw.  2,  118. 

■''  Besclireibungen  bei  Jastrebov,  Glasuik  srp.  48  (1880),  366  ff., 
mit  Bildern  bei  Jppen,  Bos.  Glasnik  11  (1899),  13.  =  Wiss.  Mitt.  aus 
Bosnien  7  (1901),  231  und  8  (1902),  143  ;  Ippen,  Skutari  und  die  nord- 
albanisclie  Küstenebene  (Sarajevo,  1907)  9  ff. 

*  Theiner,  M.  Slaw.   1,  2(:)6  (1370). 
^  AAlb.  1,  613. 

«  Ljubid,  Listine  9,  In. 

■  Kohler,  Revue  de  TOrient  latin  10  (l!;to3— 1904),  54  (1346>. 
A^gl.  oben. 

8  AAlb.  1,  93  N.  2;  Theiner,  M.  Slaw.  1,  230  (1356). 
p  Ljubic,  Listine  9,  158. 


271 


Seite  Venedigs  und  litten  viel  für  die  Sache  der  Uepublik.* 
Das  Kloster  wiu-de  ancli  von  der  Venezianern  reich  beschenkt, 
nnter  anderem  erhielt  es  1445  ein  ganzes  Dorf  (villa  Veronica).- 
Als  im  Jahre  1437  der  Erzbischof  von  Koii'u  zum  Kommendatar 
des  Klosters  ernannt  wurde,  empfiehlt  der  Papst  denselben  auch 
dem  Despoten  von  Serbien.'  Von  serbischen  Königen  gewil.) 
ähnlich  beschenkt  wie  das  Sergiuskloster  oder  die  Abtei  von 
Kotezo  stand  es  durch  Jahrhunderte  im  hohen  Ansehen  auch 
bei  der  orthodoxen  Bevölkerung  der  Umgebung ;  noch  im  vorigen 
Jahrhundert  (1855 — 1869)  wurde  zwischen  Orthodoxen  und 
Katholiken  von  üasi  um  den  Besitz  der  Klosterruinen  vor  dem 
türkischen  Kajmakam  ein  zäher  Streit  geführt,  der  damit  endete, 
daß  um  die  Ruinen  ein  Zaun  gezogen  und  den  beiden  Konfes- 
sionen der  Gottesdienst  bei  denselben  verboten  wurde.^  Schon 
in  den  Schluchten  des  Drim,  aber  doch  mit  Ausblick  auf  die 
Wmdungen  des  Flusses  gegen  Süden  und  auf  die  unförmigen 
Konturen  des  Massivs  von  Zukali  gegen  Norden,  zwischen  den 
Bm'gen  Dagno  (Danj)  und  Satti  lag,  nach  den  Ruinen  zu  urteilen, 
eine  erstklassige,  uralte  Benediktinerabtei  mit  ziemlich  groi.5er 
Kirche  und  hohem  Turm,  einer  Kapelle  als  Aufbewahrungsort 
für  Reliquien  und  stattlichen  Wohngebäuden ;  die  Überreste 
führen  heute  den  Namen  des  hl.  Nikolaus  von  Sati  (Masreka)." 
Es  war  dies  zweifellos  die  Abtei  der  hl.  Sophia  von  Zeta,''  von 
serbischen    Königen,    besonders    von    Uros    II."    gleich    anderen 

'  Jorga,  Notes  1,  310  (1421). 

2  Senato  Mar.  2,  fol.  103  (1445,  18.  September). 

•■'  .Jors-a,  Notes  2,  342. 

*  Degraud,  La  haute  Albanie  81  ;  Ippeu,  Bos.  Glasuik  12  (liJiK)), 
94  =  Wiss.  Miti  aus  Bosnien  8  (1902),  141. 

.     s  Jastrebov,  Glasnik  srp.  48,  381.    Ippen,    Bos.    Glasnik  19  (19o0), 
83  =:  Wiss.  Mitt,  aus  Bosnien  8  (lOOl),  131. 

"  1402,  14.  Feber  ,,abba3  Pellegrinus  S.  Sophie  de  Genta",  (Div. 
Canc.  im  Archiv  von  Ragusa).  Nach  Farlati  (7,  275)  wurde  „Peregriuus, 
abbas  monasteri  s.  Sophiae  de  Zenta"  (bei  Eubel  nicht  erwähnt)  schon 
1386  Bischof  von  Sarda. 

^  In  einer  stark  verwischten  Inschrift  kann  man  noch  den  ser- 
bischen Königsnamen  Uros  und  den  Passus  „abbas  cum  universo  sno 
conventu"  (nicht  clero)  lesen  (Ippen  a.  a.  0.). 


272 


o'Hjl.ien    xlbteieii    mit    ;>cheiikang<'n    ausgestattet,    im    XV.    Jahr- 
1  mildert  zu  der  Diözese  von  Dag'iKj  gehörend   und  eine  Zeit  lang 


(14-il  —  14;i4),  als  in  Dagno  ein  türkischer  Kefalija  sal.),  iSitz  des 
Bischofs  und  des  Domkapitels  von  Dagno.'  Sjjäter  war  Ordinarius 
dieses  Klosters  der  Bischof  von  Sarda  (Polatensis  Minor). - 

Zwischen  Fandi  mat  und  Fandi  vogel.  ober  den  Bury-en 
der  Herrn  von  Blinisti  und  Perlataj,  in  der  späteren  Landschaft 
Dukadzin,  im  lein  albanischen  Elemente  der  Mirediten  lag  ein 
Ivatholisches  geistliches  Zentrum,  das  als  ebenbürtiges  Pendant 
dem  Öt.  Alexanderkloster  in  der  ^latja  an  die  Seite  zu  stellen  ist. 
Es  war  dies  der  ,,S.  Paulus  Polatensis",  ein  Ort,  dessen  sekuläre 
Priester  im  XIY.  und  XV.  Jahrhundert  oft,  dessen  Kloster  aber 
nur  ein  einzigesinal  (13(58)  genannt  wird^  und  doch  zweifellos 
eine  lange  Glanzperiode  haben  mul-Ue,  da  noch  heute  bei  den 
Puinen  im  Dorfe  Öen  Pal  die  Mirediten  ihre  Versammlungen 
abzuhalten  pflegen.^  Hier  ist  auch  fast  mit  Grewißheit  der  Sitz 
der  einstigen  Bischöfe  von  Oberpilot  zu  suchen.'  Südlich  davon, 
am  Zusanimentiul.!  der  beiden  P^andi.  in  der  Region  Trafandi 
_( albanisch  Xdeiiandina,  „zwischen  Fandi")  wird  in  den  päpstlichen 
Urkunden  des  XV.  Jahrhunderts  das  Benediktinerkloster  S.  Maria 
de  Trafandena  zur  Diözese  von  Arbanum  gehörend  genannt.'' 
Im  Jahre  14.")  7  bekam  dieses  Kloster  die  von  Türken  vernichtete 
nahe  St.  Georgspfarre  in  Verwaltung  und  erscheint  im  XVII. 
Jahrhundert  (S.  Maria  de  Xderfandena)  selbst  nur  noch  als 
Pfarre.'  Das  heutige  armselige  Kirchlein  an  dieser  Stelle  scheint 
aus  den  F^ragmenten  der  von  den  Türken  in  die  Luft  gesprengten 

'  Siehe  oben  Seite  219. 

2  Faiiati  7,  272.  Vgl.  Eiibel  1.  457  N.  5  (Sarcla). 

•■'  Im  Jahre  1Ö68  l^efielilt  der  Papst  dem  „abbas  monasterii  S. 
Pauli  Polatensis'",  den  Bischof  von  Skutari  in  seinen  Besitz  einzuführen 
(Eubel,  Hier.  cath.  I,  2.  Aufl.,  Seite  ö59  und  2,  256  N.  1). 

■*  Jastrebov.  Spomenik  srp.  41  (l!i04).  18(i  vg-l.  Steinmetz  bei 
Patsch,  Zur  Kunde  1,  4o. 

•'■'  Siehe  oben.   Seite  216. 

"  Theiner,  M.  Slaw.  1.  4-J5.  „Ecclesia  de  Santa  Maria  de  Elefanti" 
{i  wohl  Trafantij  bei  Musachi  (Hopf.  Chroniques  292). 

■  Farhiti  7.  205. 


273 


Klosterkirche  er1)aut  worden  zu  sein.  Tief '  in  der  Matja,  unweit 
vo)i  der  Mündung  des  Flusses  Fandi  beim  heutigen  Dorfe  Rubigo 
auf  einem  spitzigen  Hügel  lag  das  Kloster  „S.  t^alvatoris  Arba- 
nensis",  dessen  Abt  sclion  im  .lahre  ].1()()  genannt  wird.'  Im 
XA'II.  .Tahrhundert  ist  „S.  Salvator  de  llebico"  eine  einfache 
Pfarre.^  Das  heutige  von  Franziskanern  erhaltene  Kirchlein  ent- 
hält Spuren  morgen-  und  abendländischer  kirchlicher  Kultur. 
l>edeutende  alte  Fresken  mit  lateinischen  Zitaten  aus  dem  Neuen 
Testament  und  mit  Namen  der  abgebildeten  Heiligen  (darunter 
auch  des  hl.  Astius,  Bischof  und  Märtyrer  von  Durazzo)  in  der 
den  byzantinischen  Münzen  eigentümlichen  Schrift.'  Jm  Gebirge 
des  alten  Arbanum  mit  rein  albanischer  Bevölkerung  werden 
im  Mittelalter  noch  zwei  Benediktinerabteien  genannt:  S.  Alex- 
ander de  Monte  bei  Orosi  und  S.  Venera  (Veneranda)  de  (^'m-- 
bino.  Ursprünglich  gehöi-ten  gewiß  beide  zm-  arbanischen  Diözese ; 
später  nach  der  Teilung  dieser  Diözese  (um  1279)  fiel  das  letzt- 
genannte Kloster  dem  Bischof  von  Kroja  zu"  und  war  nachher 
auch  Sitz  dieses  Bischofs.  Das  erstgenannte  Kloster,  im  Gegensatz 
zu  dem  gleichnamigen  Benediktinerkloster,  an  der  Mündung  des 
Flusses  Mat''  auch  imter  dem  Namen  „Ö.  Alexander  Maior  de 
Albania"  bekannt,  war  ein  weitberühmter  Walliiihrtsort,  den 
nicht  nur  albanische  HeiTn  mit  Geschenken,  sondern  auch  kleine 
Leute,  ja  sogar  in    Ragusa  ansäßige    Italiener   mit   Legaten   be- 

1  Ippen,  Bos.  Glasuik  13  (lixil),  585. 

■'  AAlb.  L  93. 

••'  Farlati  7,  201. 

*  Ippen,  Bos.  Glasuik  11  (lb09),  23;  Steinmetz  bei  Patsch,  Zur 
Kunde  6,  -5. 

6  Theiner,  M.  Slaw.  1,  42-5  (1457)  vgl.  oben  Seite  213.  N.  5.  In 
einer  Bulle  von  1367  (ebd.  1,  255)  wird  St.  Alexander  fälschlich  zur 
„Diözese"  von  Antibari  o^erechnet. 

«  Eine  päpstliche  Bulle  vom  Jahre  1402  (Eubel^,JJier.  cath.  1,  101 
und  2.  Aufl.  1.  100)  nennt  uns  das  „monasterium  S.  Alexandri  de  Colle- 
macia  (richtiger  wohl  Colle-Matia  =  Aregu  Mati,  Winteraufenthaltsort 
der  serbischen  Könige  und  auch  der  Balsidi)  ord.  s.  Benedicti  diecesis 
I)uracensis''.  Im  Jahre  1141  wurde  der  Abt  dieses  Klosters  (Collemachiei 
Bischof  von  Alessio  (Eubel  2,  198> 

18 


274 


dachten.'  Es  sind  Spuren  da  von  eigentümlichem  Ximbus.  der 
diese  Klöster  umwob,  und  Ton  hoher  Ehrung,  die  vom  albanischen 
Elemente  den  Äbten  dieser  Klöster  entgegengebracht  wurde. 
Der  Berg,  worauf  die  St.  Alexanderkirche  steht,  vdrd  Mali 
Senjt  (heiliger  Berg)  genannt :  -  der  heutige  Abt  dieser  Kirche 
ist  direkte  dem  Päpstlichen  Stuhle  unterordnet ;  bei  Öen  Pal 
werden  noch  heute  Versammlungen  der  Mirediten  abgehalten 
und  in  dem  modernen  Streite  um  die  Klosterruinen  von  Stoja 
(Strilaleo),  wovon  oben  die  Rede  war,  ist  vielleicht  ein  starker 
Zug  von  einstio^er  fetischistischer  \'erehrung  versteckt.  Um  die 
Oberhoheit  über  diese  Abteien  fühi-fen  die  Bischöfe  von  Alessio^ 
und  von  Arbanum  einen  zweihundertjährigen  Kampf,  denn  die 
mächtigen  Abte  zogen  den  weitentfernten  Prälaten  von  Alessio 
demjenigen  vom  nahen  Arbanum  weit  vor  und  ihrem  Gebote 
gaben  die  albanischen  Stämme  auch  mit  Waffen  den  Nachdruck.* 
Es  scheint,  als  wenn  sich  im  Mittelalter  um  diese  Klöster 
hierarchische  Staatsamöben  gebildet  hätten,"  die  uns  an  das 
Reich  des  Priesters  Johannes  erinnern ;  jedenliiUs  wurden  die  in 
der  Geschichte  erst  spät  sichtbaren  albanischen  Stämme  der 
Mirediten,  Hotten  und  Klimentiner  zu  einer  Art  Senussier  des- 
Katholizismus erzogen.  Und  darin  liegt  auch  der  Hauptmoment 
für  die  Lösung  des  Rätsels,  warum  der  alljanische  Kern  trotz 
der    andauernden    orthodoxen    griechischen    und    serbischen  poli- 

'  AAlb.  1,  653  N.  1  ;  Degrand  142  f.  Jastrebov,  Glasnik  srp.  57 
(1884),  16  und  Spomenik  srp.  41,  219. 

-  Vgl.  Ippen,  Das  Gebirge  des  nordwestlichen  Albaniens,  AbliandL 
der  geogr.  Gesellschaft  Wien  7  (1908),  Nr.  1,  47  f.  AAlb.  1,  300. 

■■'  Im  Jahre  1435  wird  uns  das  „monasterium  s.  Alexandri  Lixiensis., 
erwähnt  (Eubel  2,  198 ;  vgl.  Jorga,  Notes  3,  25  N.  5),  gewiß  identisch 
mit  s.  Alexander  Maior.  Daraus  ist  zu  schließen,  daß  damals  über  dieses 
Kloster  schon  der  Bischof  von  Alessio  die  tatsächliche  Diözesange walt- 
ausübte. 

*  Noch  im  Jahre  1638  mußte  sich  der  Bischof  von  Alessio  ver- 
pflichten anf  die  Matjaner  von  Nderfandina  einzuwirken,  damit  sie  die 
Feindseligkeiten  gegen  die  Untertanen  der  Diözese  von  Arbanum  ein- 
stellen (Farlati  7,  205).  Vgl.  Musachi  bei  Hopf,  Chroniques  292. 

8  Vgl.  die  Bulle  vom  Jahre  1168  „abbatibus  et  ceteris  Latinis  tani 
clericis  quam  laicis  apud  Durachium  connnorantilnis"  (AAlb.  1,  98). 


275 


tischen  Macht  katholisch  blieb.  Der  Beneiliktinerorden  mit  seinen 
gut  gewählten,  nicht  stJidtischen  Positionen  rettete  denselben  vor 
dem  Oi-thodoxismus,  wie  später  die  Franziskaner  vor  dem  Islam. 

Isolierte  Stifte,  die  ursprünglich  wahrscheinlich  dem  Bene- 
diktinerorden angehörten,  sind  auch  auf  Cap  Rodoni  (Redoni. 
heute  Muzli)  zu  finden:  S.  Anastasia  wird  1324,  S.  Maria  1418 
das  erstemal  genannt,'  Wegen  Piraterie  hatten  hiesige  Mönche 
gleich  denen  von  Tremiti '  einen  schweren  Stand ;  ^  die  Klöster 
verödeten  im  XV.  Jahrhundert.  Unter  Skenderbeg,  der  in  der 
Nähe  eine  Burg  errichtete,  scheint  S.  Maria  im  Besitz  des 
Klarissenordens  gewesen  und  restauriert  worden  zu  sein ;  ^  das 
Kloster  lag  knapp  an  der  Küste  in  einer  kleinen  Mulde  und 
bestand  aus  Kirche,  Turm,  Friedhof,  Refektorium,  Dormitorium, 
Gärten,  Hainen  und  Wirtschaftsgebäuden.  Im  Jahre  1488  wurde 
es  den  Franziskanern  übergeben,'  war  in  der  Neuzeit  Sitz  des 
Provinzials,  dann  von  Mönchen  verlassen  und  wiederbesetzt.  Die 
noch  stehende,  dem  hl.  Antonius  (Snanoj)  gewidmete  Kirche  mit 
Tonnengewölbe  im  romanischen  Stil  gehört  zu  den  schönsten 
mittelalterlichen  Denkmälern  Albaniens ;  die  einst  ganz  bemalten 
Wände  sind  heute  leider  mit  Kalk  überzogen."  Dem  Benediktiner- 
orden gehörte  ursprünglich  vielleicht  auch  das  in  den  Bergen  bei 
Elbassan,  in  einem  der  Nebentäler  des  Skumbiflusses  liegende 
oi'thodoxe  St.  Johanneskloster  (Sin  Gjon),  berühmt  wegen  der 
dreisprachigen  Inschrift  des  albanischen  Fürsten  Karl  Thopia 
(1381),  der  auf  der  Stelle  der  alten,  durch  ein  Erdbeben  voll- 
ständig vernichteten  Kirche  eine  neue,  noch  heute  stehende 
Kirche  im  byzantinischen  Stile  erbauen  ließ.' 

Eine  eigentümliche    Stelhmg   hatte  die    große    Abtei   von 

1  AAlb.  1,  694. 

-  Gay,  Le  monastere  de  Tremiti  au  XL.  siecle,  Melauge  d'Ai-cheol. 
et  Histoire  (Rom,  1897). 

^'  AAlb.  1,  788. 

*  Fabijanid,  Povijest  Fraujevaca  1,  312;  Ippeu,  Bos.  Glasnik  (i;>) 
(1901),  578  f. 

-  Theiner,  M.  Slav.  1,  524. 
"  Ippen  a.  a.  0. 

'  Novakovic,  Prvi  osnovi  222  f.  Vgl.  oben  S.  234. 

18* 


276 

Rtac  (li()ie'/j).  Reteciuni)  im  Distrikte  von  Antibari  (heute  Punta 
Ratac  auf  (isterreichisclieni  Boden)  inne,  die  zuerst  unter  dem 
Einflnl.')  des  Erzengelkultes  auf  dem  Monte  Gargano  dem 
hl.  Michael'  am  Ende  des  XIII.  Jahrhunderts  aber  schon  der 
hl.  Maria  -  gewidmet  war.  Vom  orthodoxen  Elemente  umgeben  war 
dieselbe  ein  berühmter  Wallfahrtsort  der  Katholiken :  am  Klein- 
fi-auentag  wurde  hier  Kirchmesse  abgehalten,  an  der  die  ragusa- 
nischen  Flötenspieler  (piffari)  mit  offizieller  Genehmigung  teil- 
zunehmen pflegten.^  Von  der  Königin  Helene  (1288)  und  ihrem 
Sohn  Uros  IL  (1303)  mit  hauptsächlich  in  der  Landschaft  Spizza 
(Ctpic)  gelegenen  Dörfern  reich  beschenkt,  ^  litt  das  Kloster  in 
Bezug  auf  seine  Besitzungen  viel  von  den  Crnojevici,  die  mit 
seinen  Gütern  orthodoxe  Kirchen  (giexia  crecha)  fütterten,'  und 
Jahrhunderte  lang  (1433—1610)  von  dem  serbischen,  öfters 
auch  von  Venezianern  protegierten  Stamm"  der  Pastrovici,  be- 
sonders aber  von  der  Sippe  Medini,  die  im  XVI.  Jahrhundert 
nicht  nur  mit  Gewalt,  sondern  auch  dm-ch  Fälschung  von  Schen- 
kungsurkunden in  den  Besitz  einiger  Dörfer  um  Spie  zu  kommen 
trachtete."  Im  XV.  Jahrhundert  hatte  das  Kloster  neben  dem 
Abt  auch  einen  „viceabbas"  ^  und  Filialen  in  Praskvica  und 
Dubovica,  die  sich  später  vom    Mutterkloster    loszm'eißen   trach- 

'  Jirecek,  Staat  1,  .55  N.  7. 

■^  AAlb.  1,  510. 

■'  Gelcich,  La  Zecltla  187  N.  2  (1395).  Wegen  Türkengefahr  wurde 
das  Madounenbild  von  Rtac  vor  1443  (Ljubic,  9.  173j  in  der  Georgs- 
kathedrale von  Antibari  deponiert. 

*  AAlb.  1,  547. 

s  Ljubic  10,  113  (1457). 

«  Makusev,  Ist.  raz.   134;  Farlati  7,  92. 

"  So  ist  das  von  Makusev  (Ist.  raz  46  N.  3)  erwälinte,  aber  nicht 
('dierte  Diplom  Kaiser  Dusans  vom  Jahre  1350,  17.  Dezember  für  einen 
gewissen  Dataicus  Medin  zweifellos  ein  Falsifikat  aus  der  Wende  des 
XVI.  Jahrhunderts,  welches  mit  den  Anstrengungen  der  Sippe  Medini 
zusammenhägt,  etliche  Besitzungen  des  Klosters  Rtac  an  sich  zu  reißen. 
Vgl.  Ljubid,  Starine  10  (1878),  2  N.  1  ;  Horvat,  Bos.  Glasnik  21  (1909), 
100 ;  Farlati  7,  108  ;  Yucetid,  Srgj  5  (Ragusa,  1906),  634  f.  Jorga,  Notes 
2,  312. 

«  Theiner,  M.  Slav.  1,  348  (1421). 


277 


teten.  ^  Gleich  den  ungurisclien  Benediktinerklösterii  in  dem 
Invasionsgebiet  der  Türken  Avar  das  Kloster  schon  sehr  früh 
(vor  1410)  befestigt  (foi-taliciuni  Retecii).-  V/egen  dem  Reiclitnm 
des  Klosters  versuchten  oft  sekuläre  Geistliche  sogar  von  ortho- 
doxen Eltern,  indem  sie  in  den  Orden  traten,  Abte  zu  werden ;  ' 
aber  auch  bei  der  päpstlichen  Kurie  war  die  Abtei  von  Rtac  gut 
bekamit  und  mächtige  Leute,  wie  z.  B.  der  Kardinal  Jordan  de 
Ursinis  (1421)  rieUen  sich  im  XV.  Jahrhundert  um  ilie  Kom- 
mende derselben/  Einige  Kommendatare  wußten  auch  durchzu- 
setzen, daß  die  Abtei  für  ihre  Zeit  von  der  Jurisdiktion  des 
Erzbischots  von  Antibari  befreit  und  direkte  dem  Päpstlichen 
Stuhle  unterordnet  wm'de.'^  Zur  Zeit  Geor^?  Skenderbegs  zeichnete 
sieh  der  damalige  Konunendatar  Georg  Pellini  (1438 — 14G3) 
aus,  der  als  Freund  der  Venezianer  und  des  Skenderbeg  in  den 
Kämpfen  gegen  die  Türken  viel  opferte."  Damals  aber  kämptte 
auch  der  ganze  Benediktinerorden  in  Albanien  in  ersten  Reihen 
gegen  den  Anstm-m  der  Türken.  Nach  Barletius  stand  die 
Verteidigung  von  Svetigrad  (Sfetigrad)  in  den  Händen  eines 
Abtes  von  Matja  (S.  Alexander),  aiLS  dem  Geschleclite  der  Herni 
von  Perlat;  im  Jahre  1457  A\iu-de  Paul.  Abt  des  Klosters  S.  Maria 
de  Trafandena  vom  Papst  Kalixt  HL  in  dringenden  Angelegen- 
heiten der  Kurie  (in  nostris  arduis  negotiis)  nach  Albanien  (ad 
partes  Albanie,  Dalmatie,  Bosne,  Grecie)  geschickt "  und  wurde 
1458  zmn  Bischof  von  Kroja.**  Dies  aber  war  zugleich  auch  das 
Epilog  der  Tätigkeit  dieses  Ordens  auf  albanischem  Boden.  Denn 
seit  dem  XIV.  Jahrhundert    stand   eigentlich    derselbe  schon  im 

'  AAlb.  1,  547. 

2  Misti  clel  Senato  48  fol.  141  v.  (146  v.).  Vol.  Jorga,  Notes  1.  1^2. 

■^  Theiner.  M.  Slav.  1.  219  (1347). 

*  Ebd.  1,  358  vgl.  497.  Auch  das  Nikolauskloster  an  der  Jjojaiia 
hatte  Koinmendatare  (1533,  Farlati  7,  250). 

°  'ITieiner,  M.  Slav.  1,  497  (1473). 

'•  Ebd.  1,  463.  .Torga,  Notes  2,  353.  Nr.  1  :  L.jnV)ic  \K  252  und  10. 
109,  133,  207,  265. 

'  Theiner,  M.  Slav.  1,  126.  Er  weilte  schon  1416  in  Rom  (.Jorga, 
Notes  2,  25). 

»  Eubel  2.  156. 


278 


Niedergange.  Im  Jahre  1356  heiüt  es,'  daß  die  Johannesabtei  bei 
Drivasto  TOii  Orthodoxen  gänzlich  /erstört  sei  (ab  ipsis  schisnia- 
tieis  quasi  totaliter  dissipatuui) ;  im  Kloster  S.  Nieolans  de  Drino 
existierte  um  1346  kein  Konvent  (in  quo  conventus  minime 
existebat)  -  und  die  Mönche  bummelten  ganz  frei  herum,  ^  Der 
Verlust  aber  an  kinetischer  Ki-aft,  den  die  katholische  Kirche 
in  Albanien  dadurch  langsam  erlitt,  wm-de  durch  zwei  andere 
Orden,  durch  die  Dominikaner  und  besonders  dm-ch  die  Franzis- 
kaner nach  Möglichkeit  ersetzt. 

Schon  in  der  ersten  Hälfte  des  XIII.  Jahrhunderts,  also  bald 
nach  der  Gründung  dieser  Orden  kamen  auf  Gebot  des  Papste.s 
einzelne  Dominikaner-  imd  Franziskanermönche  aus  den  benach- 
bai-ten  Provinzen  Ungarn  und  Romanien  nach  Albanien/  mii  den 
katholischen  Glauben  hier  zu  festigen.  Auch  am  Anfange  des  XIV. 
Jahrhunderts,  als  die  orthodoxen  politischen  Mächte  (Serben  und 
Griechen)  in  Albanien  wieder  die  Oberhand  bekammen,  ist  ein 
Irischer  Zuzug  der  Dominikaner-Missionäre  nach  Albanien  be- 
merkbar.' Zwischen  1250 — 1370  entnahm  die  Kmie  fast  alle 
albanischen  Prälaten  diesen  zwei  Orden.  Es  waren  darunter 
berühmte  Mönche,  wie  der  Minorit  Johaimes  de  Piano  Carpini. 
Erabischof  von  Antibari  (1249  — 1252),  der  Dominikaner  Guillelmus 
Adae  (1324  —  1344),  der  Franziskaner  Antonius  (11.),  Ei-zbischof 
von  Diu-azzo  (1296 — 1316)  mid  andere. 

In  Ragusa  wurden  die  Dominikaner  im  Jahre  1255  akzeptiert. 
Von  hier  kamen  sie  1258  nach  Dulcigno,  wo  sie  die  Kirche  des 
hl.Mamiis  samt  Haus  und  (iarten  erhielten.''  Im  Jahre  1345  erwirkte 
der  damalige  Generalvikar  für  Dalmatien  und  Diu'azzo  (per  Dal- 
matiam  et  Durachium)  Dominik  Thopia,"  früherer  HotTüapellan 
des  Königs  von  Sizilien,  bei  der  Kmie,  daß  sich  der  Orden  auch 

1  Theiner,  M.  Slav.  1,  236. 

2  Köhler,  Revue  de  T  Orient  latin  10  (1903—1904),  54. 

•^  Im  Jahre  1349  weilt  „Paulus    monacus  S.  Nicolai  de  Drino"  in 
Raguga  und  übernimmt  eine  Pilgerfahrt  nach  Monte  Gargano  (Div.  Canc). 
*  AAlh.  1.  169,  199.  244  vgl.  479. 
•-' AAlb.  1.  .■..■')4  f. 
«  AAlb.  1.  243,  2-31. 
■  Farlati    1,  462  =  Smiciklas,  Cod.  dipl.  11,  312. 


279 


m  Skutari  (zugl(3ich  in  Cattaro  und  »Sebenico)  niederkussen  konnte,' 
Avo  im  Jahre  1444  die  Klosterkirche  S.  Elias  genannt  wird.' 
Alle  diese  Klöster  gehörten  ziu*  Dominikanerprovinz  Ungarn.  In 
iJnrazzo  liefen  sich  die  Dominikaner  1278  nieder/  bekamen 
zur  Yergröl-lerung  ihres  Klosters  vom  König  Karl  I.  Anjou  ein 
Haus  zum  Geschenk  {128M)  und  waren  infolge  reichlich  fließen- 
der Gaben  im  Jahre  1304  schon  in  der  Lage  mit  dem  Bau  einer 
großen  Kirche  zu  beginnen.'  Die  Blütezeit  dieses  Klosters,  „des 
einzio'en  im  Königreich  AUianien", '  fällt  in  das  XIV.  Jahrhundert. 
Damals  standen  die  aus  Albanern  und  Romanen  sich  koniple- 
tierenden "  Ordensbrüder  im  regen  Verkehr  mit  den  Prälaten, 
PfaiTern  und  Landesherrn  (cum  eiusdem  regni  prelatis,  baronibus 
et  ecclesiarum  rectoribus  sepius  hospitari)  ganz  Mittelalbaniens.  ^ 
Es  gelano-  ihnen  auch  Dominik,  den  schon  öfters  erwähnten 
Bruder  des  albanischen  Fürsten  Tanus  Thopia,  für  den  Orden 
z\x  gewännen,  **  der  später  als  Bischof  von  Curzola  auf  die  Macht 
meiner  Familie  und  diejenige  des  Ungarnkönigs  Ludwig  I.  Anjou 
.sich  stützend  grol-ie  politische  Pläne  schmiedete  mid  im  Jahre  1859 
längere  Zeit  in  diesem  Kloster  weilte.^  In  der  zweiten  Hälfte 
des  XIV.  Jahrhunderts  liefert  dieses  Kloster  Mönche  für  die  ganze 
nördliche  adriatische  Küste  bis  nach  Tragurium.  Gewäß  schon 
damals  war  der  Orden  auch  im  Besitze  des  fi-üher  orthodoxen 
Klosters  »r^.  Theodorus. '  °  Der  Orden  hatte  auch  Besitzungen  außer- 

'  Bremoud,  Bull.  Praed.  2,  229  =  Farlati  6,  446  =  Sraiciklas  11, 
259  uud  331. 

-  Jirecek.  Glasnik  sip.  geogr.  drustva  1914,  158  f. 

-  AAllj.  1,  6(3iJ  N.  1. 

*  AAlb.  1,  556—558.  Die  Kn-che  war  wahrscheinlicli  dem  hl.  Dorni- 
nikus  gewidmet,  vgl.  Jorga  2,  853  Nr.  L  (1437). 

-  AA11).  1.  6ß()  (1320). 

*  Siehe  die  Nameu  der  Mönche  im  Jahre  1359  hei  Sakkelioii, 
Jf'KTinv  2  (1883)  471. 

■  AAlh.  1,  mß. 
«  AAlb.  1.  8<i2. 

*  Sakkelion  a.  a.  0.  M.  Ragusina  2.  274.  Vgl.  Sufflay,  Ungari.'^ch- 
albajiisehe  Berüliruiigen  im  Mittelalter,  Pester  Lloyd  60  (1918)  29. 
Jänner  S.  2. 

•0  Hs.  zitiert  oben  S.  41  N.  9.  Tgl.  S.  37.  N.  8. 


280 


halb    der    htadt.  Zur  Zeit  der  venezitiniseheu  Herrschaft    hatteit- 
die  Dominikaner   vo)i  Durazzo    tinl.ier    der   Mautfreiheit    für    die 
Klosterahnosen  ^  noch  das  spezielle  Privileg  der  Mavitfreiheit  für 
die  Einfuhr  aus  ihi'en  Besitzungen." 

Die  nach  Albanien  vordringenden  Minoriten  Ijefanden  sich 
gleich  vom  Anfang  her  unter  dem  besonderen  Schutze  des 
Papstes.*  Im  Jahre  1288  gehörten  ihre  Missionen  in  Cattaro,  Anti- 
bari,  Dulcigno  und  Durazzo  unter  die  „custodia  Ragusina"/ 
Damals  führten  der  Dominikanerprior  und  der  Minijritenguardian 
von  Ragusa  als  Vertraute  des  Papstes  ein  bedeutendes  Wort  in 
den  wichtigsten  Kirchenangelegenheiten  Nordalbaniens.  '  Die 
erwähnten  Missionen  erweiterten  sich  bald  zu  ordentlichen 
Klöstern.  In  Scodra  und  Dulcigno  errichtete  (1288)  Helene, 
Gattin  des  Königs  Uros  L,  den  Franziskanern  je  ein  Kloster 
mit  Kirche (S.  Maria,  S.  Markus);"  in  Antibari  wird  im  Jahre  1452 
das  St.  Nikolauskloster  außerhalb  der  städtischen  Mauer  (domus 
8.  Nicolai  extra  muros  civitatis  Antibarensis  ordinis  ü-atrum 
Minorum)  genannt;^  in  Durazzo  A\n^irde  1398  das  städtische 
Originalstatut  bei  den  Franziskanern  (apud  fratres  S.  Francisci) 
bewahrt.*^  Von  Ragusa  wmxlen  die  Minoriten  Albaniens  erst 
1402  getrennt,  indem  ein  separater  Sprengel  (custodia  Duracensis) 
mit  Dm-azzo,  Skutari,  Dulcigno  und  Antibari  errichtet  wm-de.'' 
Die  größte  Tätigkeit  begann  dieser,  besonders  durch  die  aus 
seiner  Mitte  genommenen  Bischöfe  immer  mehr  erstarkende  '° 
Orden  erst  in  der   Türkenzeit  zu  entfalten.    Einzelne    Minoriten- 

>  Ljubic,  Listine  4,  .310  (130.3). 

2  Ebd.  4,  385  (1396). 

»  AAlb.  1,  244  (1258).     • 

*  AAlb.  1,  479. 

-  AAlb.  1,  513,  515  f 

«  AAlb.  1.  509. 

'  Farlati  7,  90. 

^  Ljubic,  Listiiie  4,  410. 

9  Eubel,  Bull.  Francis.  7.  Nr.  442. 

'"  In  .lahre  1370  gibt  Papst  Gregor  Xf.  dem  Franziskanerbischof 
von  Sappa  die  Erlaubnis,  sich  zwei  FranziskanerniüiichH  als  Helfer  zu 
wählen  (Farlati  7,  276). 


281 


mönche  hatten  damals  wichtige  diplomatische  Rollen  iniie  bei  den 
Verhandlungen  A-^enedigs  mit  den  Hänptlingen  der  Albaner,' 
und  übten  auch  einen  enormen  Einilul.)  auf  die  städtische  Be- 
völkerung zugunsten  Venedigs.'-  Und  als  der  Kampf  Venedigs 
gegen  die  Türken,  woran  die  Ordensbrüder  mit  Waffen  in  der 
Hand  teilnahmen  und  nicht  selten  wahre  Heldentaten  voll- 
brachten,^ schon  längst  verstunnnte,  besetzten  sie  die  verlassenen 
Pfan-en  und  auch  die  Klöster  der  Benediktiner,  harrten  als 
verborgene  Nachhut  des  Westens  in  Albanien  aus,  als  auch  das 
Interesse  Europas  für  dieses  Land  gänzlich  sank  und  die 
Türkenherrschaft  alle  sichtbaren  Überlebsel  der  chi-istlichen 
Kirche  zu  zerstören  trachtete,  und  erhielten  bei  mehreren  albani- 
schen Stämmen"'  bis  auf  den  heutigen  Tag  den  katholischen 
Glauben.  Dieser  Orden  ist  eigentlich  jenes  Bindeglied,  welches 
das  hochentwickelte  kirchliche  Leben  des  mittelalterlichen  Al- 
baniens mit  den  Aufgaben  verknüpft,  die  die  katholisclie  Kirche 
in  diesem  Lande  in  der  Zukunft  zu  lösen  hat. 

'  Im  Jahre  1401  z.  B.  schickt  die  Republik  den  Franziskaner  Nikolaus 
de  Scutaro  zu  Koja  Zacliariä  und  Diniitri  Joninma  (Jorga,  Extraits  1, 
103 ;  Scapolo,  Ateneo  Veneto  31  (1908)  3.  Heft  251  N.  2 ;  Makusev 
67  N.  5). 

-  Im  Jahre  1401  heißt  es,  daß  der  Minorit  Franz  „fuisse  causa  pre- 
cipua  rehahendi  Scutarum"  ;  er  wird  deswegen  von  der  Republik  zum 
Bischof  von  Drivasto  vorgeschlagen  (Ljubic,  Listine  5,  63). 

■'  So  z.  B.  waren  zwei  Minoritenbrüder,  Bartholomäus  aus  Venedig 
und  „Paulus  de  Emethia"  (Matja)  die  ersten,  die  bei  einem  Sturme  der 
Türken  auf  Skutari  (1475)  türkische  Fahnen  eroberten  (Senato  Mar.  10  fol. 
57  :  1475.  27.  September). 

■*  Für  den  Stamm  der  Klimeiitiner  s.  Spomenik  srp.  12.  (1005),  55. 


282 


Das  mittelalterliche  Albanien.^ 

Von  Dr.  Milun  r.  Suffluy. 

Die  serbisclien  Staatsmänner  füliren,  um  die  Aspirationen 
Serbiens  auf  Albanien,  ))esonders  aber  auf  die  Häfen  Duraxzo  und 
Alessio  IM.  begründen,  in  erster  Linie  das  historische  Moment  ins 
Treffen.  Nach  Pasic  und  Gruic  bat  Albanien  kein  Recht  auf  eine 
Autonomie,  die  albanischen  Malissoren  sind  eigentlich  Serben', 
Albanien  gehörte  einzig  und  allein  miter  Duschans  Reich,  Du- 
razzo,  Alessio.  San  Giovanni  di  Medua  waren  einst  nur  serbische 
Häfen.  Kurz  und  gut,  ganz  Europa  soll  es  \\dssen,  daß  die  Serben 
von  Albanien  nur  das  wollen,  was  sie  ausschließlich  einst  besessen. 

Es  gehört  nicht  hieher,  die  psychologischen  Gründe  der 
Vorliebe  für  die  Geschichte  bei  den  südslawischen  Politikern  zu 
ei-forschen,  noch  die  eigentümlichen  Methoden  zu  pinifen  und  zu 
kritisieren,  wie  man  bei  den  Südslawen  historische  Rechtstitel 
konstruiert.  Auch  wollen  wir  uns  nicht  in  die  Frage  einlassen, 
inwieweit  das  historische  Moment  bei  der  künftigen  Teilung  der 
europäischen  Türkei  zu  berücksichtigen  sei.  Der  Zweck  dieser 
/eilen  ist,  ein  objektives  Bild  des  mittelalterlichen  (voi-tüi-kischen) 
Albaniens  zu  entwerfen,  woraus  jedemiann  klar  sehen  Avird: 
Ei'stens  daß  die  Serben  nicht  die  einzigen  sind,  die  historische 
Rechtsansprüche  an  Albanien  erheben  können,  zweitens  daß  es 
in  der  Geschichte  Albaniens  auch  Momente  gibt,  die  man  ebenso 
gut  wie  für  eine  Annexion  auch  für  eine  Autonomie  Albaniens 
ins    Treffen    führen    kann,    drittens    endlich    daß    die    serbischen 

'  Erschienen  in  der  N.  Fr.  Presse,  1912  2i<.  November  Nr.  17.388, 
S:  26  f, 


283 


Staatsmänner  gerade  in  Bezug  auf  den  /.u  erobernden  albani- 
schen Haupthafen  (Duraz;zo)  von  einem  historischen  Rechte 
lielx^r  nicht  hätten  reden  sollen. 


Das  mittelalterliche  Albanien  wie  auch  das  heutige  bildete 
keinen  stairen  geographischen  Begriff.  Zuerst  (bis  zum  XIII.  .Jahr- 
hundert) an  ein  kleines  Gebiet  mit  der  Burg  Kroja  im  Zentrmn 
gebunden,  wuchs  der  Xame  Albaniens  allmählich  aus  diesem 
engeren  Gebiete  hinaus  bis  Valona  und  zu  den  Bergen  von 
Chiraara  gegen  Süden  und  bis  zu  Antivari,  ja  sogar  ("attaro  im 
Norden.    In    der    Geschichtswissenschaft    ist  Albanien  sozusagen 


o^ 


ein  konventioneller  Begriff  und  bedeutet  das  Bergland  in  dem 
Viereck  Antivari — Prizren — Ochrida — Valona.  Es  sind  dies  die 
Landschaften,  in  denen  die  primäre  ethnische  (illyrische,  thi'azische) 
Schichte  des  adriatischen  Küstenlandes  fast  ganz  kahl  unter  den 
sekundären  und  tertiären  griechischen,  romanischen  und  slawischen 
Neubildungen  emporragt  gleich  einem  von  Efeu  nur  schütter 
umrankten  Granitmommiente  des  gewesenen  «rrol-ien  Volkes  der 
lUyrier.  In  dem  Diagonalkreuzungspunkt  des  erwähnten  Vierecks 
war  der  Name  Albaniens  seit  den  altillyrischen  Zeiten  heimisch ; 
hier  Ovaren  nämlich  die  Sitze  des  gleichnamigen  Stammes  mit  der 
Stiidt  Albanopolis  (bei  Ptolomäus),  von  wo  aus  sich  dieser  Name 
besonders  in  der  zweiten  Hälfte  des  Mittelalters  infolge  über- 
schäumender Expansivbewegungen  der  albanischen  Berghirten 
in  ethnisch  homogenem,  aber  zersprengten  Medium  nach  und  njich 
verbreitete,  um  aus  dem  Arbanon  der  Byzantiner,  aiis  dem  Raban 
der  Serben,  aus  dem  Kegnum  All^aniae  der  Anjouviner  die  Albania 
der  Dalmatiner  und  Venezianer,  endlich  das  heutige  Albanien, 
einen  mehr  ethnographischen  Begriff  von  sehr  bedeutenden,  aber 
gegen  Süden  ziemlich  unbestimmten  Umfang  zu  bilden. 

Dieses  Gebiet  \\ar  immer  ein  Grenzland  par  excellence,  eine 
Grenze  der  Sprachen.  Religionen  und  Mächte.  Das  Produkt  der 
Ost-  und  Westkultur :  die  griechisch-lateinische.  Ijeziehungsweise 
romanisch-byzantinische  Welt  der  maritimen  Städte  kommt  hier 
in    unnn'ttelbare    Nähe    mit    der    barbarischen    Vermengung    des 


284 


uiitochtonen  ülbunisc-hen  und  des  einj^edninj'enen  slawischen 
Elements.  Nebeneinander  treö'en  wir  liier  bei  den  Häuptlingen 
der  albanischen  Fise  den  byzantinischen  Titel  protosebastos. 
sebastos,  den  lateinischen  comes  und  niiles,  den  slawischen  kaznac 
und  vojevoda.  In  der  Gegend  von  Dura/.zo  gi-enzen  die  drei  großen 
Gebiete  der  mittelalterlichen  Irkimdensprachen  aneinander:  das 
lateinische,  griechische  und  slawische,  wie  auch  heutzutage  im 
Wilajet  von  Skadar  alle  Tyj^en  der  balkanischen  Tracht:  die 
griechische,  rumänisch-bulgarische,  bosnisch-dalmatinische  und 
serbisch-montenegrinische  zu  finden  sind.  Der  Katholizismus  stand 
hier  in  fortwährendem  Kampfe  mit  dem  Orthodoxismus.  Während 
der  Metrojjolit  von  Dm-azzo  an  den  Synoden  zu  Koiistantinopel 
teilnimmt,  fungiert  sein  Öuftragan,  der  Bischof  von  Kroja.  im 
Binnenland  als  Vertrauter  des  Papstes  beim  Aufruhr  der  alba- 
nischen Fürsten  gegen  den  schismatischen  Serbenkönig  (1319). 
Die  albanischen  Dynasten  schAvanken  öfters  zwischen  den  beiden 
Kirchen,  später  zwischen  dem  Katholizismus  und  Islam, 

Fs  ist  somit  kein  Wmider,  dalö  durch  die  Apperzeptions- 
tlihigkeit  dieser  Landschaften  sowohl  für  orientalische  wie  auch 
für  okzidentalische  Pläne  das  Thema  Dyrrhachion  zur  Zeit  der 
byzantinischen  Weltmacht  zum  Mittelpimkt  der  Intrigen  und 
Unternehmungen  sowohl  gegen  den  slawischen  Nordosten  wie  auch 
gegen  Italien  gemacht  w^urde.  Aber  eben  deswegen  bildete  das 
mittelalterliche  Albanien  fast  immer  die  Operationsbasis  der  west- 
lichen Mächte  gegen  Byzanz.  Auf  dasselbe  zuerst  konzentrierten 
sich  die  Angriffe  der  Normannen  und  der  Neapolitaner.  Zur  Zeit, 
als  man  imter  dem  Papst  Johann  XXII.  in  Europa  von  einem 
Kreuzzug  nach  Palästina  träumte,  sal.)  zu  Antivari  ein  Erzbischof, 
der  Dominikaner  Guillelmus  Adae,  ein  l'jklaireur  des  Westens, 
der  seine  politischen  Beobachtungen,  in  denen  Albanien  eine  nicht 
zu  unterschätzende  Holle  spielt,  in  seinem  „Directorimn  ad  pas- 
sagimn  faciendum"'  zusammenfaüt  (1'582).  Also  mehr  als  hundert 
Jahre  vor  dem  großartigen  Kampfe  Skanderbegs  gegen  die  Türken 
hat  in  Europa  die  Idee  der  Wichtigkeit  der  Position  Albaniens 
hie  und  da  schon  blitzartig  einige  Gehirne  durchzuckt :  allgemein 
und    v(jllständig    bewußt    wurde    man   sich  dessen  durch  den  er- 


285 


wilhnten  Kampf,  an  dem  ganz.  Europa  teils  mit  spannendem 
Interesse,  teils  auch  aktiv  teilnahm.  Albanien  wurde  damals  be- 
rühmt. die.se  Berühmtheit  verdankt  es  seiner  geographischen  Lage. 
Der  Kampf  Skanderbegs  war  die  Epopöe  eines  ausgeprägten 
Grenzgebietes,  an  deren  letztem  Gesang  eben  die  Gegenwart 
arbeitet  .  .  . 

Aber  Albanien  ist  nicht  nvu-  ein  Grenzland ;  für  sich 
genommen  ist  Albanien  die  Monade  Balkans,  in  welcher  sich  der 
ganze  Balkankosmos  mit  allen  seinen  lateinischen,  griechischen, 
romanischen,  byzantinischen,  italienischen  und  slawischen  Nuancen 
widerspiegelt,  in  welcher  heute  noch  zahlreiche  Kristalle  des 
Urzustandes  glitzern,  in  A\'elcher  noch  diejenige  ethnische  Grund- 
schichte der  Balkanhalbinsel  sichtbar  ist,  deren  Beharrungsver- 
mögen den  balkanischen  Sprachen  eine  einheitliche  Physiognomie 
aufdrückte  und  auch  bei  der  Bildung  des  einheitlichen  Charakters 
der  mittelalterlichen  Balkanhalbinselkultm*  mitwirkte. 


Die  obige  Charakteristik  des  mittelalterlichen  AJbanien  trifft 
in  manchem  auch  noch  heute  zu.  und  gerade  die  Attribute  des 
Grenzlandes  und  der  Balkanmonade,  also  ethnische  und  kulturelle 
Momente,  sind  diejenigen,  welche  vom  historischen  Standpunkte 
für  die  Autonomie,  ja  für  die  Neutralisation  dieses  Landes  sprechen. 

Aber  selbst  die  politische  Geschichte  des  vortürkischen 
Albanien  enthält  einige  Erscheinungen,  die  man  getrost  als  Nukleus 
eines  autonomen.  Iseziehungs weise  selbständiijen  Gebildes  auf- 
fassen  kami.  Einerseits  ist  hier  das  byzantinische  Thema  Dyrr- 
hachion,  im  XL  Jahrhundert  von  einem  Dux  regiert,  welches 
von  den  Venezianern  (1204)  in  einen  Ducatus  Dyrrhachii,  von 
den  Anjouvinern  (um  1272)  in  ein  Regnum  Albaniae  umgewan- 
delt wurde.  Der  Kampf  Skanderbegs  rief  in  ganz  Europa  den 
Begriff'  eines  selbständigen  Albanien  hervor,  und  es  gibt  Lidizien, 
dalo  die  Idee  eines  Regnum  Albaniae  auf  albanischem  Boden 
selbst  bis  in  das  XVII.  Jahrhundert  wachgeblieben  ist.  Anderer- 
seits aber  sehen  wir  im  XIII.  Jahrhundert  in  der  Gegend  von 
Kroja    (1200    bis     1250)    ein     albanisches     Herrschergeschlecht 


286 


(Principes)  in  melii"eren  Generationen  (Progon.  (3rin.  Demetria^^. 
(lolem),  die  zwar  Ijald  unter  dem  Druck  fremder  Mächte  (viel- 
leicht aber  nur  für  unsere  Augen)  verschwinden,  um  aber  sofort 
beim  Beginn  des  Verfalles  des  Öerbenreiches  wiederum  imter 
neuen  Xamen  (Thopias,  Dakagini  etc.)  aufzutauchen. 

Wenn  man  aber  im  allgemeinen  auch  zugeben  kann,  daü 
die  Geschichte  (das  heutige)  Albanien  nie  als  ein  politisches 
Ganzes  kennt,  so  ist  es  wenigstens  ebenso  wahr,  das  die  Geschichte 
Albanien  zu  gleicher  Zeit  nur  als  zwei  oder  gar  drei  grölieren 
Ganzen  gehörend  kennt,  somit,  daß  vom  historischen  Standpunkte 
aus  keine  der  heutigen  Mächte  ein  ausschließliches  Recht  auf 
Albanien  erheben  kann. 

Die  Fluktuation  einzelner  Machtsphären  im  mittelalterlichen 
Albanien  kann  man  am  besten  beobachten,  wenn  man  die  Haupt- 
wendungen in  den  politischen  Geschicken  einzelner  albanischer 
Städte  ins  Auge  zu  fassen  sucht.  Hier  würde  es  aber  vielleicht 
zu  weit  führen,  wenn  man  diese  Wendungen  tabellenartig  dar- 
stellen würde.  Es  wird  wohl  genügen,  festzustellen,  daß  das  nörd- 
liche Albanien  mit  der  Stadt  Scodra  (Skadar)  und  deren  viel- 
besuchtem Hafen  S.  Sergius  (S.  Serzi)  an  der  Mündung  des 
Flusses  Bojana,  ferner  mit  den  Städten  Antivari  (Bar),  Dulcigno 
(Ulkin),  Svac,  Drivost  vom  XL  bis  XV.  Jahrhundert  m  allen 
möglichen  Nuancen,  und  zwar  als  regnum  Diocliae,  als  Teil- 
königreich unter  den  jungen  Königen  (reges  iuniores),  teilweise 
(Dulcigno)  auch  als  Besitz  der  Herrschersgattin,  später  unter  der 
montenegrinischen  Familie  Balsic  im  Besitze  der  Serben  stand. 
Zu  gleicher  Zeit  befand  sich  aber  der  Kern  Albaniens  um  Du- 
razzo  (die  Stadt  um  das  Jahr  1040  vorübergehend  in  den  Händen 
der  Eulgaren)  sowie  auch  der  Süden  um  Valona  zuerst  unter  den 
Byzantinern,  dann  kurze  Zeit  (1204  bis  1213)  unter  Venedig^ 
dann  unter  den  epu'otischen  Despoten,  die  diese  Städte  an  Manfred 
von  Sizilien  (1258)  als  Mitgift  übergaben,  bis  sie  (um  das  Jahr 
1272)  unter  die  neapolitanischen  Anjous  kamen.  Der  Serbenkönig 
Duschan  eroberte  zwar  das  ganze  albanische  Hinterland  mit  der 
Stadt  Kroja  (1343),  auch  den  Süden  mit  Valona  und  Janina,  aber 
Durazzo  verblieb  in  den  Händen  der  Anjouviner.  (Um  diese  Zeit 


■28-, 


erstreckte  sicli  auch,  die  nominelle  Holieit  des  ungarischen  Königs 
Ludwig  bis  zu  Durazzo.)  Im  Jahre  1368  fiel  auch  Durazzo,  aber 
nicht  in  die  Hände  der  Serben,  sondern  in  diejenigen  des  alba- 
nischen Dynasten  Karl  Thopia.  Später  erst,  und  dies  nur  für 
einen  Augenblick,  befindet  sich  Durazzo  im  Familienbesitz  der 
den  Thopias  feindlichen  Balsici,  und  Balsa  II.  führt  im  Jahre 
1385  den  Titel  eines  Herzogs  von  Durazzo,  aber  Durazzo  wm-de 
im  Jahre  1392  nicht  von  Balsici,  sondern  von  Georg  Thopia  an 
Venedig  überliefert.  Von  den  Balsici  wurden  im  Jahre  1896 
Venedig  die  Städte  Skutari  und  Drivast  angeboten,  und  die  Re- 
publik überlegte  sich  eine  Zeit,  ob  sie  mit  der  Annahme  dieser 
Städte  nicht  den  Frieden  mit  Ungarn  verletzen  werde  (si  intro- 
mittendo  dicta  loca  contrafaceremus  paci  Hungariae).  Alessio,  von 
dessen  früheren  Schicksalen  \\'ir  nicht  genau  unterrichtet  sind, 
fluktuiert  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhundei-ts 
zwischen  serbischem  und  albanischem  Besitz,  geht  aber  an 
Venedig  (ähnlich  wie  Durazzo)  nicht  aus  den  serbischen  Händen 
über,  sondern  aus  denjenigen  des  mächtigen  albanischen  Adels- 
geschlächtes  Dukagini.  Später  war  es  im  Besitze  der  Kastrioten, 
die  ihrer  Abstammung  und  ihrem  Milieu  nach  gewii)  keine  Serben 
waren.  Die  einzige  Stadt,  die  als  eine  Ai-t  direkten  Überrestes  aus 
Daschans  Zeiten  aus  den  serbischen  Händen  direkt  den  Türken 
zufällt  (1417)  ist  Valona  (Medua  wird  vor  Skanderbeg  in  den 
Quellen  kaum  genannt,  es  war  dies  im  Mittelalter  kein  starlc 
besuchter  Hafen),  und  die  einzige  Stadt,  die  den  Serben  sozusagen 
nie  gehört  hat,  ist  Dm-azzo,  derjenige  Hafen,  den  Serbien  heut- 
zutage hauptsächlich  auf  Grimd  des  historischen  Rechtes  okku- 
pieren will! 


288 


Die  Grenzen  Albaniens  im  Mittelalter/ 

Von  Dt;  Milun  v,  ^ufflay. 

Die  Bütscliafterreunion  hat  sicli  im  großen  und  ganzen 
über  die  Grenzen  des  künftigen  Albaniens  geeinigt.  Die  Stürme, 
die  von  den  Montenegrinern  und  Serben  gegen  Scodra  (Skutari) 
unternommen  werden,  die  Machinationen  und  Greueltaten  der 
Serben  in  Albanien  haben  mit  dem  Krieg  der  Balkanstaaten 
gegen  die  Türkei  schon  lange  nichts  mehr  gemein ;  sie  richten 
sieh  nicht  nur  gegen  die  Beschlüsse  der  Groiihnächte,  nicht  nm* 
gegen  das  bei  Beginn  des  Balkankrieges  von  den  Verbündeten 
selbst  betonte  ethnische  Prinzii?,  sondern  auch  gegen  das  histo- 
rische Recht  Albaniens,  also  nicht  nur  gegen  die  Zukunft,  son- 
dern auch  gegen  die  Vergangenheit  des  zu  entstehenden  Staats- 
gebildes. ^ 

Für  den  Gelehrten  ist  es  sehr  peinlich,  auch  nm-  den 
Schein  zu  erwecken,  dali  er  die  Wissenschaft  in  den  Dienst  der 
Politik  stellen  wollte,  und  er  zieht  es  gewöhnlich  vor,  die  Frucht 
seiner  Arbeit  nur  in  den  wissenschaftlichen  Zeitschriften,  even- 
tuell in  dem  Fachblatte  großer  Zeitungen,  nicht  aber  auch  in 
den  politischen  Sj^alten  der  Tagesblätter  zu  besprechen.  Aber  ein 
Werk  über  Albanien  muü  heutzutage  begreiflicherweise  eine 
Ausnahme  bilden,  und  dieses  Werk  speziell,  dessen  imumstöU- 
liche  und  hochaktuelle  Resultate  ich  hier  wiederzugeben  gedenke, 

'  Selbstanzeige  des  Wei'kes :  Acta  et  diplomata  res  Albaniae 
mediae  aetatis  illustrantia,  Collegerunt  et  digesserunt  Dr.  Ludovicus 
de  Thallöczy,  Dr.  Constantiiius  Jirecek  et  Dr.  Emilianus  de  Sufflay. 
Volumen  I  (Annos  344—1313  tabulamque  geogTaphicam  continens), 
Vindobonae  1913,  t^'pis  Adolphi  Holzhausen,  in -1".  (Erschienen  im  Pester 
Lloyd  60  [1918],  13.  April,  S.  4  f.)  ' 


289 


■soll  fuich  /.Ulli  Zerstreuen  gewisser  ziemlich  verbreiteter  Vor- 
urteile beitrugen,  besonders  abei-  die  liocli trübenden,  in  bezng  auf 
Albanien  von  historischen  Unwahi-heiten  strot/-enden  Ergüsse 
gewisser  serbischer  Staatsmännei-  und  Literaten,  die  sich  ein- 
liilden,  Westeuropa  müsse  die  Entwicklungsgeschichte  des  Balkans 
ei-st  von  ihnen  lernen,  /um  Schweigen  bringen.  Dal.)  diesem 
Werke  unmöglich  der  Vorwurf  gemficht  Averden  kann,  es  sei 
ad  hoc  geschrieben,  dafüi-  sorgt  einerseits  hinreichend  sein  eine 
vieljährige  zähe  Arbeit  erheischender,  aktenmäliig  gehaltener, 
hauptsächlich  den  neapolitanischen,  vatikanischen,  ragusanischen 
und  venezianischen  Archiven  entnommener  monumentaler  Inhalt, 
andererseits  bürgen  dafür  die  Namen  der  Autoren,  von  denen 
der  eine  (Jirecek),  Verfasser  der  Geschichte  der  Bidgaren  imd 
der  Serben,  auch  bei  den  Südslawen  und  den  Russen  als  der 
beste  Kenner  des  Balkans  gilt,  der  andere  (Thallo'czy),  der  eigent- 
liche Impiüsgeber  dieses  Werkes,  als  ausgezeichneter,  unermüd- 
licher Forscher  der  Machtsphäre  des  mittelalterlichen  ungarischen 
^^taates  am  Balkan  weit  außerhalb  der  Grenzen  seiner  ungari- 
schen Heimat  bekannt  ist. 

Die  Rekonstruktion  des  mittelalterlichen  (vortürkischen) 
Albaniens  —  und  dies  ist  der  Clou  diese  Werkes  —  muß  bei 
der  Beurteilung  dessen,  was  eigentlich  objektiv  das  Minimum  des 
künftigen  Albaniens  bilde,  beziehungsweise  wessen  Standpunkt 
in  dieser  Frage  sich  den  Postulaten  der  Objektivität  am  meisten 
nähere,  nicht  nur  mit  einer  gewissen  Schwere  in  die  Wagschale 
fallen,  sondern  auch  einen  wahrhaft  archimedischen  Standpunkt 
für  den  Desinteressierten  bilden. 

Das  Ethnos  dei-  Albanier  ist  von  hohem  Alter  und  das 
zäheste  auf  der  Balkanhalbinsel.  Din'ch  mehr  als  ein  Jahrtausend 
teilte  es  das  gleiche  Los  mit  der  jetzt  zur  vollen  Freiheit  auf- 
leimenden slawischen  und  hellenischen  Rasse.  In  der  voi-türkischen 
Zeit  bestand  Albanien  wenn  auch  nicht  als  eine  politische  Ein- 
heit von  Dauer,  so  doch  als  ein  geographisch-ethnischer  Begriff 
parallel  mit  dem  politischen  Begriff  Biügariens  und  Serbiens, 
denn  Montenegro  kann  vom  historischen  Standpmikt  aus  nur  als 
ein  ungeratenes  Kind  Albaniens  betrachtet  werden. 

19  ■ 


290 


Albanien  entstund  trotz  des  grol.'ien  Altei-s  seines  eihnischen 
Materials  gleich  Bulgarien  und  Serbien  im  Mittelalter.  Es  ist 
dies  ein  recht  mittelalterliches  Gebilde,  dessen  wissenschaitlicher 
Begriff  auf  Grund  des  gesamten,  auf  den  westlichen  Teil  der 
Balkanhalbinsel  sich  beziehenden  historischen  Materials  erst  kon- 
struiert werden  mulite.  Die  Karte  des  mittelalterlichen  Albaniens, 
die  man  dem  ersten  Bande  des  Werkes  beigefügt  findet,  ist  das 
Resultat  dieser  eine  grof.^)e  Umsicht  erfordernden  Arbeit.  Die 
Gnindzüge  der  dabei  angewendeten  wissenschaftlichen  Methode 
sind  im  Vorwort  angegeben,  woraus  zu  ersehen  ist.  dal.j  der 
"wissenschaftliche  Begriff^  beziehungsweise  die  kai-tograj^hisch  gezo- 
genen Grenzen  des  mittelalterlichen  Albaniens  eigentlich  eine 
Resultante  sind,  die  hauptsächlich  aus  einer  Hauj)t-  und  vier 
Xebenkomponenten  hervorgegangenen  ist.  Die  Hauptkomjjonente 
bildet  das  Historiat  dieses  Begriffes  im  Mittelalter,  dal.)  heil-lt 
jene  Menge  der  nicht  selten  ziemlich  ungenauen  Vorstellungen, 
die  man  bei  den  Griechen,  Serben,  Neapolitanern,  Ragusanern. 
Venezianern  des  Mittelalters  über  die  geographische  Ausdehmnig 
Albaniens  vorfinden  kann.  Die  vier  Nebenkomponenten  umfassen 
erstens  die  albanischen  Urniederlassungen,  zweitens  die  Fest- 
stellung der  Machtsphären  kleiner,  aber  rein  albanischer  Dynasten, 
drittens  die  Grenzen  einzelner  mittelalterlichen  Kirchensprengel, 
endlich  die  Bodengestaltung  selbst. 

Der  Name  des  altillyrischen  Stammes  der  Albanier  wird 
in  der  römischen  Kaiserzeit  genannt,  verschwindet  aber  dann  voll- 
ständig, lun  erst  im  XI.  Jahrhundert  in  den  byzantinischen  Quellen 
wiederum  aufzutauchen,  und  zwar  als  Bezeichnung  füi-  die  Bewoh- 
ner des  Berglandes  zwischen  Skutari,  Durazzo.  Ochrid  und 
Prizren  mit  der  Burg  Kroja  im  Zentrum.  Von  hier  aus  ver- 
breitet sich  allmählich  dieser  Name  im  homogenen  ethnischen 
Medimn.  Das  Raban  der  Serben  im  XII.  Jahrhmidert  ist 
schon  beti-ächtlich  gi'öläer  als  das  Arbanon  der  Bvzantiner  im 
XI.  Jahrhimdert ;  es  gehört  zu  demselben  das  obere  und  untei^e 
Polatum  (Pilot),  Landschaften,  die  sich  vom  Üstufer  des  Skutari- 
sees  bis  an  den  Drinbarz  erstrecken.  Zu  derselben  Zeit  aber  oder 
etwas  später  (1255)  ist  Arbanon  der  Byzantiner  schon  ein  Begriff 


291 


von  besonderer  Delinnngsfiiliiglveit  gegen  Südosten.  Auch  gegen 
Süden  greift  der  Name  Albaniens  schon  früh  durch,  denn  der 
albanische  Fürst  Karl  Thopia,  der  sich  (1381)  „Herr  von  ganz. 
Albanien"  nennt,  beherrscht  eigentlich  das  Gebiet  vom  Flusse 
Mat  bis  /Aim  Flusse  Dieval  (Semeni).  So  kommt  es,  dal.)  im 
XIV.  Jahrhundert  in  den  ragusanischen  Dokumenten  S.  Sergius 
(Sirdzi)  am  Flusse  Bojana,  im  XV.  Jahrliundert  Antivari,  das 
Kloster  Rtac  (Rotezo),  sogar  Lustica  bei  Cattaro  als  in  Albanien 
liegend  be/.eichnet  und  in  den  venezianischen  Beschreibungen 
A  Uranien  das  Land  von  Dulcigno  bis  Valona  genannt  wird. 

Es  kann  kaum  einem  Zweifel  unterliegen,  daß  der  Volks- 
stamm der  Albanier,  im  Mittelalter  wenigstens,  so  weit  in  kom- 
pakten Massen  um  das  Zentrum  von  Kroja  lebte,  wie  weit  der 
Xame  Albanien  überhaupt  reichte.  Wenn  man  das  zugibt,  dann 
kann  man  die  Grenzen  des  mittelalterlichen  Albaniens  ziemlich 
genau  präzisieren,  namentlich  wenn  man  die  Machtsphären  ein- 
zelner rein  albanischer  Adelsgeschlechter  in  Betracht  zieht,  deren 
Herrschaft  dem  ausgeprägten  Stammgefühle  der  Albanier  gemäß 
sich  nur  im  albanischen  Milieu  ständig  erhalten  konnte.  Wenn 
also  die  mittelalterlichen  Quellen  über  jeden  Zweifel  erhaben 
berichten,  dali  um  das  Zentrum  in  Kroja,  wo  im  XHI.  Jahr- 
hundert ein  rein  albanisches  Geschlecht  in  mehreren  Gene- 
rationen (Progon,  Gin,  Demetrius,  Golem)  last  unabhängig  herrseht, 
konzentrisch  im  Norden  die  Familien  Dukagin,  Suma,  Jonima, 
Dusman,  an  der  Küste  und  im  Süden  die  Matarango,  Thopia 
und  Musachi  dominieren  ;  wenn  man  klar  sieht,  daß  von  Skutari 
über  Koplik  bis  Tuzi  hinauf  die  geschlossene  Masse  der  Albanier 
reicht  imd  im  XHI.  Jahrhundert  die  Ragusaner  von  Über- 
filUen  dm-ch  Albanier  am  Flusse  Cevna  (Zem)  berichten,  wenn 
aus  den  serbischen  Urkunden  klar  hervorgeht,  daß  in  den 
Gegenden  zwischen  Valona  und  den  beiden  Drin  albanische 
Stämme  vorherrschen,  aus  den  griechischen  Quellen  aber,  dal.^ 
Debra  ethnisch  albanisch  ist;  Avenn  um  Valona  im  XHI.  Jahr- 
hundert schon  stark  gräzisierte  albanische  Adelsgeschlechter 
sitzen,  so  kann  man  getrost  behaupten,  daß  der  geographische 
Begriff  des  mittelalterlichen  Albaniens,    wie    er   sich    bis    in    das 

19* 


292 


XV.  Juhi-liuiKlert  entwickelte,  eigentlich  ein  pui-  excellence 
etlinisclier  war,  und  dal.)  es  der  antochthone  albanisch-ethnische 
Block    war,   der  die  Grenzen  dieses  Begriffes    materiell    ausfüllte. 

Der  so  entstandene  geograj)hisch-ethnische  Begriff  ist  i)hy- 
sisch  eigentlich  ein  gegen  außen  abgeschlossenes  Land,  durch 
fast  lückenlose  Xaturgreuzen  von  seinen  Nachbarländern  geschie- 
den. Dieses  Land  deckt  sich  im  großen  und  ganzen  mit  dem 
Illyricum  proprimii  der  Römer,  besonders  aber  mit  der  Epirus 
nova  der  Griechen,  mit  dem  Thema  Dv]-rhachion  und  dem 
ursprünglichen  Ducat  von  Dyrrhachiimi  der.  Venezianer.  Seine 
Grenzen  fallen  mit  denjenigen  des  Erzbistums  von  Doi-azzo 
zusammen,  das  im  X.  Jahrhundert  über  fünfzehn  Suffra- 
gane  verfügte,  und  zwar  über  die  Bistümer  von  Stefaniaka  (in 
der  Matja).  Chunavia  (am  Mat),  Krqja.  Alessio.  Dioclea  (bei 
Podgorica  am  Flusse  Moraca),  Scodra.  Drivast,  Polatum.  Glavinica 
(bei  Valona),  Valona.  Dulcigno,  Antibari,  Tzernik  (bei  Elbassan). 
Berat  und  Gradac  (bei  Valona).  Zwar  fiel  schon  im  XI.  Jahr- 
hundert Antivari  von  Durazzo  ab  und  wurde  dem  Erzbischof 
von  Ragusa  unterordnet,  aber  nach  einem  langen  Streite  mit 
diesem  Erzbischof  behielt  Antivari  als  Erzbistum  die  kirchliche 
Obergewalt  über  die  albanischen  Gebiete  Skutari,  Drivast,  Dul- 
cigno usw.  Abgesehen  vom  ethnischen  Prinzip,  liegt  hauptsäch- 
lich in  diesem  kirchlichen  Moment  die  L^rsache,  daß  wir  Antivari 
(heute  montenegrinisch)  aus  dem  geogra23hischen  Begriff  des 
mittelalterlichen  Albaniens  nicht  ausschalten  und  die  nördliche 
Küstengrenze  nicht  in  dem  ebenen  Flußbett  der  Bqjana  erblicken 
können. 

Nach  dem  Gesagten  ist  der  wissenschaftliche  geographische 
Begiiff'  des  mittelalterlichen  Albaniens  kurz  folgendermaßen  zu 
definieren:  Das  mittelalterliche  Albanien  ist  das  Viereck  Anti- 
vari— Prizren — Ochrida — Valona.  Seine  ijenaueren  Grenzen  aber 
zogen  sich  oberhalb  Antivaris  über  den  im  Mittelalter  schon 
berühmten  Paß  Sutorman,  quer  über  den  SkutarLsee  auf  den 
Fluß  Moraca  zu.  Dann  den  Fluß  Zem  (l'evna)  aufwärts  bis  zu 
dessen  Quellen,  über  Prokletije,  Mali  Kakinjo  (albanischer  Knotend 
und  die  C^uellen  von  Valbona    auf  den  Flul.l  Erenik    zu.    Unter- 


293 


halb  Djakovas  nach  dem  Weißen  Drin,  über  Pmren,  ■  Ljiima. 
den  Schwarzen  Drin,  beziehungsweise  über  die  mit  dem  Drintal 
parallel  laufende  östliche  Bergkette  bis  zmn  Ochridasee,  dann 
über  das  Westufer  des  Sees  dem  Flusse  Dieval  zu.  den  Flui.) 
Tomonca  aufwärts  nach  dem  Flusse  Osum  unterhallj  Berats,  den 
Flui.)  Osmn  aufwäiis  über  den  Zuflul.i  Proni  Sels  zur  Haupt- 
biegung des  Vojussa  und  über  dessen  Zuflul'»  Susica  unterhallj 
Yalonas  der  adriatischen  Küste  zu.  Die  Peripherie  des  Kreises 
mit  dem  Radius  Kroja— Valona  fallt  mit  diesen  Grenzen  öfters 
zusammen  und  schlieJ.lt  sie  alle  in  sich. 


Die  Botschafterreunion  der  Mächte  hat  die  Grenzen  des 
künftigen  Albaniens  festgestellt.  Der  authentische  Lauf  derselben 
ist  dem  Verfasser  dieses  Artikels  natürlich  nicht  bekannt.  Bekannt 
aber  ist  es  ihm,  daß  ein  lebenstVihiges  Albanien  geschaffen  werden 
muß  imd  auf  Grmid  dessen  kann  er  rubig  behaupten,  daß  den 
Kern  des  künftigen  mohammedanisch-katholischen  Albaniens  nur 
das  historische  Albanien  bilden  kann  zwischen  An tivari — Prizren — 
Ochrida — Valona,  woraus  Skutari  unmöglich  ausgeschieden  werden 
kann.  Albanien,  dessen  heutiges  Wesen  durch  die  Türkenherrschaft 
tief  unter  das  Mveau  seines  hochentwickelten  mittelalterlichen 
Lebens  gesunken  ist,  muß  an  den  geographischen  Begriff  an- 
knüpfen, in  dem  sich  einst  wie  in  einer  Leibnizschen  Monade 
der  ganze  mittelalterliche  Balkankosmos  widerspiegelte. 


294 


Ungarisch-albanische  Berührungen  im  Mittelalter.^ 

Von  I>r.  Milan  v.  Sufflay. 

Auf  etlinisc-h  und  völkerpsychologiscli  fremden  Substrat 
entstand  und  entwickelte  sieh  der  mittelalterliehe  ungarische 
Staat.  Fast  jedes  Blatt  der  ungarischen  Philologie,  Rechts- 
geschichte, ja  selbst  der  politischen  Greschichte  der  Arpäden7,eit 
zeugt  von  dem  enormen  Einfluß,  den  das  autochthone  slawische 
Element  auf  die  kulturelle  und  politische  Entwicklung  der 
magyarischen  Nation  ausgeübt  hatte.  Die  Arpaden  erschienen 
nicht  und  wollten  auch  nicht  als  Unterdrücker  der  Urbewohner 
Ungarns  erscheinen;  im  Gegenteil,  sie  AAoißten  besonders  die  mi 
slawischen  ethnischen  Substrat  schlummernde  ungeheure  Kraft 
7Aierst  für  die  innere  Konsolidierung  imd  dann  auch  für  die 
äußere  Politik  vollkommen  auszunützen.  Als  König  Ladislaus 
Slawonien  (heute  Kroatien)  eroberte,  setzte  er  an  die  Spitze  des 
neugegründeten  Agramer  Bistums  einen  ungarländischen  Slawen 
namens  Duh,  unter  Bela  dem  Blinden  und  Geza  führt  die 
ungarischen  Geschäfte,  deren  Schwerpunkt  auf  dem  Balkan  lag. 
der  Slawe  Belus.  Durch  kluge  politische  Ausnützung  des  autoch- 
thonen  Slawentums,  sowie  dessen  Aufnahmsfahigkeit  gegen  Süden 
wurde  gleich  nach  dem  Verfalle  der  byzantinischen  Weltmacht 
Ungarn  zum  obersten  Fonim  erhoben,  an  welches  sich  in  ihren 
Zänkereien  die  Südslawen  wendeten ;  in  diesem  Ausbeuten  der 
slawischen  Kräfte  liegt  das  Geheimnis  jenes  großartigen  imperia- 
listischen Erfolges  der  Arpaden,  den  schon  um  das  Jahr  1198 
eine  L  rkunde  Stephan  Nemanjas,  des  Gründers  des  serbischen 
Reiches,  in  unzweideutiger  Weise  zum  Ausdruck  bringt. 

'  Evschieiieu  im  Pester  Lloyd  60  (1913),  29.  Jänner,  S.  2  f. 


295 


Dui'ch  slawisi-lies  Medium  Aviikte  im  Mittelalter  der  unga- 
rische Staatsmagnet  auf  den  Jialkan  und  man  kann  es  getrost 
Ijeliaujtten.  daU  bis  in  die  neueste  Zeit  die  Balkanviilker  in  dem 
Magyarentum  keineswegs  jenen  Keil  erblicken,  der  den  Riesen- 
stamm der  Slawen  ent/,  weispalten  soll  (Falackys  Theorie),  son- 
dern im  Gegenteil,  daü  sie  in  den  Einwirkungen  der  auf  ihr 
inneres  Leben  besondere  Rüeksielit  nehmenden  ungarischen  Macht 
ausnahmslos  das  \\'()liltuende  Walten  eines  verwandten  Genius 
vermuteten. 

Die  Politik  der  Arpaden  wurde  mit  gleich  gutem  Erfolge 
auch  von  den  Anjous  f(n-tgeset/i,  nur  daß  die  Apper/,eptionsrolle 
dei'  ungarländischen  Slawen  dem  ständigen  Ausbreiten  der  unga- 
schen  Macht  gemäl.i  in  diesem  Zeitalter  schon  auf  den  autoch- 
thonen  slawonischen  iVdel  überging.  Die  Babonics  und  die  Garai 
sind  in  dieser  Periode  die  Vorposten  des  ungarischen  Imperialis- 
mus trei^enüber  den  Kroaten  und  den  Bosniern,  die  ihrerseits  untei' 
Sigismmid  auf  dem  besten  VVege  waren,  den  Serben  und  Alba- 
niern  gesenüber  Pioniere  der  ungarischen  Vorherrschaft  zu 
werden.  Das  elementare  Vordringen  der  Türken  bereitete  der 
zähen  Arbeit  ein  jähes  Ende.  Damit  wurde  auch  das  Embryo 
de);  albanischen  Politik  der  ungarischen  Könige  erstickt. 


Das  mittelalterliche  Albanien  war  kein  streng  geographi- 
scher Begriff.  Zuerst  (bis  zum  XIII.  Jahrhundert)  auf  ein 
kleines  Gebiet  mit  der  Burg  Kroja  im  Zentrum  beschränkt, 
breitete  es  sich  allmählich  bis  Valona  aus,  von  da  zu  den  Ber- 
gen von  Chimara  gegen  Süden  und  bis  Antivari  und  Cattaro 
im  Norden.  In  der  Geschichtswissenschaft  ist  Albanien  suzu- 
sagen  ein  konventioneller  Begriff  und  bedeudet  das  von  Alba- 
niern  seit  l'rzeiten  bewohnte  Bergland  in  dem  Viereck  Antivari — 
Prizren — Ochrida — Valona. 

Dieses  Territorium,  dessen  Geschichte  zu  vei-schiedenen  Zei- 
ten auch  manche  Momente  eines  politisch  selbständigen  Staates 
aufweisen  kann,  bildete  im  allgemeinen  genommen  doch  nie  ein 
politisches    Ganzes,    oft    gehörte    es    aber    zwei    oder    gar    drei 


296 


größeren  Ganzen.  Im  XIV.  Jahrhuiulert.  als  tlie  tiits-hlicbe- 
und  ständige  Macht  der  ungarischen  Könige  Ijis  Riigia  und 
(Jattaro  reichte,  befand  sich  der  Kern  Albaniens  mit  d(  Stadt 
Durazzo  in  den  Händen  der  neapolitanischen  Anjous.  L'i  diese 
Zeit  zeigen  sich  die  ersten  Fäden,  die  die  politischen  (,T«''hicke 
Ungarns  mit  denen  der  Albanier  verknüpfen.  Früh»'«  Be- 
rührungen sind  entweder  ganz  /.ufallsmäl.'»iger  oder  alx  rein 
kirchlicher  Natur.  Man  weil.»  zum  Beispiel,  dal.»  um  1177s  der 
Erzbischof  von  Spalato  gewesen  wai-,  der  dc^m  Prälate  von 
Antivari  bei  dem  Papst  Alexander  III.  die  W'rleihuu  des 
erzbischöflichen  Palliums  erwirkte,  ferner  dal.»  die  ungaschen 
Dominikaner  um  12ö0  von  dem  Papst  Innozenz  I\'.  ausgcndet 
wurden,  um  den  römischen  Kitas  in  den  Pr«»vinzeii  lilato, 
Arbania  und  Hunnavia  zu  i'estigeii :  man  weil.»  auch,  tii"'  an 
der  Wende  des  XU.  Jahrhunderts  ein  Bischof  von  Sv  \..>- 
dem  serbischen  König  nach  Ungarn   tl lichtete. 

Der  politische  Einflul.»  Ungarns  macht  sich  erst  am  Ainuge 
des  XIV.  Jahrhundei"ts  geltend,  als  die  Anjous  den  uL'ari- 
schen  Thron  bestiegen.  Um  d:ts  Jahr  ]-[)('*  Hei  nändich  Duiz/o, 
das  seit  1272  den  neapolitanischen  Anj»»us  gcht»rte.  für  »nen 
Augenblick  in  die  Hände  des  Serbenkönigs.  S<»fort  lehnten-ich 
die  Bürger  Durazzos,  scnvie  auch  fast  sämtliche  albani-luMi 
Stämme  gegen  den  neuen  Herrscher  auf.  und  im  .lalirc  '.Mi» 
betindet  sich  in  Albanien  Philip]»  von  Tarent  (despotiis  K^jmaiae 
et  dominus  Albaniae).  in  dessen  Uefolgschaft  auch  <Traf  Jojmn 
Babonies  aus  Vodica,  späterer  Banus  von  Sla\vc»nien.  war.  ])ur/.zo 
wurde  natürlich  zurückerobert  und  hauptsächlich  der  im[M)sateu 
migarischen  Macht  unter  König  Ludwig  dem  Groltm  ist  es 
zuzuschreiben,  daß  selbst  zur  Zeit  der  Machtkuiminatiim  ler 
Serben  unter  Duschan  das  Herzogtum  Durazz<j  in  den  Hätten 
der  Anjous  verblieb. 

Nach  dem  Frieden  von  Zara  (liJöS).  Ju  dt-m  Nfncdig  uf 
die  ganze  adriatische  Ostküste  Aberzieht  leistete  (a  medieite 
Quarnerii  uscpie  ad  contines  Duracii).  wui-den  die  unganscen 
Ajnous  Träger  der  neapolitanischen  Traditi(»ntMi  in  l»ezuLr  if 
Albanien.    Die  Berührungen  mit  Albanien,   die  fiülier    sozusacn 


297 


ainorpli  waren,  nehmen  jetzt  einen  ausgeprägt  politisclien  Clia- 
rakter  au.  Die  dabei  entwickelte  politische  Methode  ist  geradezu 
musterhaft  zu  nennen.  Einerseits  als  Beschützer  des  katholischen 
Elements  gegen  Schismatiker,  andererseits  aber  als  Gönner  und 
Wohltäter  des  im  Emporsteigen  begriffenen  mächtigen  albani- 
schen Adelsgeschlechts  der  Topia  tritt  Ludwig  der  Grolie  her- 
vor. Das  hochentwickelte,  über  alles  Wichtiije  ausyfezeichnet 
unterrichtete  Handelsemporium  ßagusa  diente  ihm  sozusagen  als 
Fühler;  zum  Vermittler  benützt  er  den  Bruder  Karl  Topias, 
Dominikus,  den  einstigen  Hotkaplan  der  Anjous  zu  Neapel,  den 
er  um  das  Jahr  13 08  zimi  Bischof  von  Curzola  macht,  und 
dessen  Ehi-geiz,  Erzbischof  zu  werden,  er  unterstützt,  und  den 
er  später  auch  zum  Erzbischof  von  Zara  ernennt.  Sein  Ziel  war 
die  Besetzung  Albaniens,  was  zu  erreichen  auch  sein  Feind,  die 
Republik  Venedig,  aus  Leibeskräften  sich  bemühte.  Vorläufig 
aber  wm'den  nur  Ludwigs  Bemühungen  von  Erfblsc  gekrönt. 

Im  Jahre  1373  befindet  sich  Durazzo,  das  13t>8  von  Karl 
Topia  den  Anjoas  entrissen  worden  war,  miter  tatsächlicher 
Oberhoheit  des  ungarischen  Kcinigs  (civitates  vestras  C'attari  et 
Duracii).  Karl  Topia  begnügt  sich  mit  dem  Gebiete  um  (Jroja 
und  Elbassan  und  an  den  Mündimgen  der  Flüsse  Dievali  imd 
Vrego,  und  bildet  als  Princeps  Albaniae  ein  mächtiges  Glied  in 
der  ..Liga  domini  nostri  regis  Hungariae"  (wie  sich  die  Ragu- 
siner  ausdrückten),  gegen  Venedig.  Die  R.epublik  wm-de  auch, 
wie  einst  zu  Zara,  im  Frieden  von  Turin  (1381)  gezwungen, 
auf  die  adriatische  Ostküste  bis  Durazzo  zugunsten  Ungarns 
Verzicht  zu  leisten.  Die  Republik  legte  in  bezug  ihrer  Gelüste 
auf  Albanien  solch  einen  Respekt  vor  Ungarn  zutage,  dal.)  sie 
noch  im  Jahre  139<),  als  Georg  II.  Balsa  ihr  die  Städte  Skutari 
imd  Driva.st  anbot,  gründlich  überlegte,  ob  sie  dm*ch  die  An- 
nahme dieses  Angebots  nicht  den  Frieden  mit  Ungarn  verletzen 
würde  (si  intromittendo  dicta  loca  contrafaceremus  paci  Hun- 
gariae). Und  damals  war  der  große  Anjou  schon  längst  gestorben, 
Durazzo  war  schon  vor  vier  Jahren  von  Georg  Topia  an  Venedig 
überliefert,  ganz  Albanien  von  den  Türken  bedrängt  und  die 
Fäden  der  ungarisch-albanischen  Politik  zerrissen. 


298 


X(jcli  eiiiiuiil.  und  y,\v;ir  an  dei"  Wende  des  XV,  Jahr- 
limiderts.  versucht  ein  ungarisclier  Kiinig  die  Bezieliungen  zu 
den  Albanien!  aiif/Aifrischen.  jetzt  natiii-lich  nur  nocli  zu  den 
Nordalbaniern.  denn  der  Weg  nach  Mittelalbanien  war  ihm 
dui-ch  die  Venezianer  versjjen-t.  Der  Herr  von  Nordalbanien,  der 
katholische  Albanier  Georg  IL  Balsa  wurde  im  Jahre  1397  von 
Sigismund  zum  Gouverneur  der  Inseln  Curzola,  Lesina  und  Brazza 
ernannt  und  es  wurde  ihm  auch  der  Titel  eines  Princeps  Alba- 
niae  verliehen.  Aber  die  Venezianer  waren  damals  ihren  E.ivalen 
schon  auf  der  ganzen  Ostlvüste  viel  zu  sehr  überlegen  und  die 
Aufmerksamkeit  des  ungai-ischen  Königs  nach  anderen  Dichtun- 
gen hin  schon  viel  zu  stark  in  Anspnich  genommen.  Ohne 
jede  weitere  innere  Verbindung  entwickeln  sich  im  XV.  Jahr- 
hundert luiter  dem  Drucke  derselben  türkischen  Kraft  die 
Geschicke  der  beiden  Länder,  imd  Albanien  wie  auch  Ungarn 
wurden  fast  zu  gleicher  Zeit  von  Eurojja  als  ,,  antemuralia  Chri- 
stianitatis"  gepriesen.  Der  Name  Ungarns  verschwindet  plötzlich 
aus  den  Quellen,  die  sich  auf  Albanien  beziehen,  und  es  ist  nur 
zu  begreiflich.  dal.'>  Ungarn,  das  selbst  gegen  die  Türken  kämpfte, 
für  den  grol.nirtigen  Kampf  Skanderbegs  noch  weniger  Sinn 
aufwies,  als  das  westliche  Europa,  das  größtenteils  aus  der  Ferne 
in  aller  Bequemlichkeit  den  bloßen  Zuschauer  abgab.  Als  aber 
im  Jahre  1479  Albanien  endgültig  in  die  Hände  der  Türken 
fiel,  gab  es  auch  in  Ungarn  einen  gewaltigen  Widerhall.  Im 
Archiv  der  Stadt  Brassd  zmii  Beispiel  AAerden  zwei  slawische 
Briefe,  an  zwei  Brassöer  Bürger  und  an  den  Stadtrat  gerichtet, 
aufbewahrt.  In  diesen  meldet  der  ungrowalachische  Woiwode 
als  besonders  wichtig  und  sehr  genau  den  Fall  der  albanischen 
Hochburgen  <  'roja.  Drivast,  Alessio  und  die  vollständige  Zernie- 
rung  Skutaris  —  ein  trauriger  Schlul'takkord  der  ungarLst-h- 
albanischen  Berührunj^en  im  Mittelalter. 


299 


Die  albanische  Diaspora. 

Von  iJi:  J^udii-if/  r,   ThaUöczi/. 

Die  inittelalterliclie  und  früli-neuzeitliche  Gesehiclite  der 
einzelnen  iStiititen  und  tStaatengebilde  auf  der  BalkanhalbinseP 
WiiY  lange  und  ist  teilweise  lieute  nocli  in  tiefes  Dunkel  gehüllt. 
Die  historische  Literatur  der  einzelnen  Länder  ist  allerdings  bereits 
in  der  Entwicklung  begriffen.  Bulgarien  und  Serbien  können  sich 
der  Arbeiten  Konstantin  Jireceks  rühmen.  Insbesondere  der  erste 
Band  seiner  (Teschichte  der  Serben,-  bietet  eine  wahre  Fund- 
grube der  Balkan- Wissenschaft.  Auch  die  byzantinische  Geschichts- 
literatm-  machte  —  wenigstens  extensiv  —  durch  die  Byzantinische 
Zeitschrift  (seit  189 2)  nnd  die  in  russischer  Sprache  erscheinende 
Byzantinische  Revue  (seit  1894)  bedeutende  Fortschritte.  Von  der 
nordwestlichen  Ecke  der  Balkanhalbinsel,  von  Bosnien  und  der 
Herzegowina  wollen  wir  hier  ganz  absehen.  In  bezug  auf  die 
Fortschritte  der  Geschichtskunde  dieser  Länder  verweisen  wir 
auf  den  in  Sarajevo  erscheinenden  „Glasnik"  und  auf  die  daselbst 
in  deutscher  Sprache  erscheinende  Revue,  „Wissenschaftliche  Mittei- 
lungen aus  B.  und  H.^ 

'  Man  kann  die  Bezeichnung  Balkanhalbinsel  ruhig  beibehalten. 
Es  ist  zwar  auch  die  Benennung  südosteuropäische  und  Häniushalbinsel 
gebräuchlich,  doch  während  jene  rein  geographisch  ist,  wird  die  andere 
nur  einem  engen  Kreis  von  Fachgelehrten  entsprechen.  Das  Balkangebirge 
deckt  allerdings  niu-  die  östliche  Hälfte  der  Halbinsel,  aber  die  Bezeich- 
nung ist  so  allgemein  gebräuchlich  und  auch  in  der  wissenschaftlichen 
Literatur  so  eingebürgert,  da.l  wir  keinen  Grund  seilen,  sie  nicht  auch 
zu  gebrauchen. 

-  Geschichte  der  Serben.  D.  Bd.  bis  1371,  S.  442.  Gotha,  1911. 
Sammlung  Heeren-ükert.  Zuerst  besprochen  von  Eadonic  in  Arch.  f. 
slaw.  Phil,  1911,  2.  Bd. 

•■'  Glasnik  zemaljskog  niuzeja  seit  lö94.  Wisseuschaftl.  Bericlite  aus 
B.  und  H.  XII.  Bd. 


300 


Dagegen  bietet  die  Geschichte  Albaniens  ein  noch  brach- 
liegendes Arbeitsfeld. 

Seit  den  SpeziaLirbeiten  von  Hahn^  und  Hopf-  —  abgesehen 
von  dem  in  verschiedenen  italienischen,  griechischen,  kroatischen 
und  russischen  Urkundenausgaben  /.erstreuten  MateriaP  —  hat 
auch  die  neueste  albanische  Emigrantenlitej-atur  den  Yersuch 
einer  Bearbeitvmg  der  nationalen  Geschichte  unternonniien.*  Alle 
derartigen  Veröffentlichungen  sind  jedoch  nur  Flugproben,  die,, 
von  einigen  ernsteren  Versuchen  aljgesehen.  nicht  auf  (Quellen- 
forschung beruhen.  Die  für  die  eigene  Nationalität  begeisterten 
Schriftsteller  hätten  sich  allerdings  vergebens  bemüht,  da  sich  die 
Quellen  dej-  albanischen  Geschichte  in  den  Archiven  der  Staaten 
um  das  Mittelländische  Meer  zer-streut  befinden  und  vor  allem 
eine  geographische  Umschreibung  desjenigen  Gebietes  vonnöten 
wäre,  das  die  albanische  Geschichte  mit  Recht  für  sich  bean- 
spruchen kann. 

In  diesem  Sinne  haben  \vir  seit  einigen  Jahren,  im  Verein 
mit  Konstantin  Jirecek  und  Milan  Sufflaj,  sowohl  in  bez.ug  auf 

'  G.  J.  Halm,  Albauesisclie  Studien.  .Jena,  1854. 

-  In  der  Erscli-Grubersclieu  Realeuzyklopädie  in  dem  Artikel 
„Griechenland".  Seine  Manuskripte  in  der  kgl.  Bibliothek  in  Berlhi. 

3  Makusev,  Mon.  Sl.  Mer.  I— II.  Jorga  (Notes  et  extraits  etc.)  I--IL 
Gel  eich,  die  Arbeiten  von  Th.  Ippen  in  den  Mitteilungen  der  Wiener 
geogr.  Ges.  und  in  Glasuik.  Eine  gründliche  Arbeit  von  ihm  erschien  in 
der  Zeitsclirift  „Kultur"  der  Leo-Gesellschaft  über  das  kirclüiche  Protek- 
torat in  Albanien. 

*  T'nnollunat  e  Scypniis  prei  gni  Gheghet  ci  don  vemiin  e  vet. 
Alexandria,  1008.  (Geschichte  Albaniens  mit  besonderer  Berücksichtigung 
der  Gegen,  d.  h.  der  Nordalbaner.)  Histoire  d'Albanie.  Bruxelles,  19i)l. 
Albania  e  Vogel  (Albanien  und  sein  Volk).  Calro,  1890.  Eine  Landkarte 
von  Albanien  hat  das  geogi-aphische  Institut  in  Bruxelles  herausgegeben. 
In  der  dort  französisch  und  albanisch  erscheinenden  Zeitschrift  Albania 
(Jahrg.  lÜOl)  ist  eine  interessante  Abhandlung  über  das  Klansystem  der 
Bergbewohner  erschienen.  Ein  Fehler  der  Abhandlmig  ist  die  unselbstän- 
dige Art,  in  der  sie  der  anregenden,  aber  nicht  erschöpfenden  Arbeit  von 
Conrady,  Histoire  de  clans  ecossäis,  folgt.  Diese  Studien  sind  von  dem 
Balkaninstitut  in  Sarajevo  auch  in  deutscher  Sprache  lierausgegeben 
worden. 


301 


(Ins  nördliclie  Albanien  (mit  de)-  Huupstiidt  Sknturi-Skodra/  der 
südliche  Teil  der  alten  röiniseli-dulmatinischen  Provinz.,  später 
Prävalis).  als  avieli  in  be/.ug  auf  Südalbanien  (eigentlich  der  bis 
Durazzo,  Kroja,  Janina,  Valona  reichende  Küstenstrich  nnd  Hinter- 
land) das  einschlägige  Material  erforscht  und  zusammengestellt, 
wovon  der  erste  Band  (bis  um  die  Mitte  des  XIV.  Jahrhnnderts) 
schon  erschienen  ist. 

Da  -wii-  uns  bereits  länger  mit  der  albanischen  Ge- 
schichte nnd  deren  Literatur  befassen,  ist  uns  bekannt,  in  wie 
unwissenschaftlicher  Weise  einzelne  verschiedene  Abschnitte  der 
(leschichte  der  Balkanländer  fcirmlich  präparieren.  Zu  dieser 
Fälschung  der  Geschichte  hat  vieles  auch  die  albanische  Dia- 
spora beigetragen,  nämlich  jene  verstreuten  Volksteile,  die  von 
Albanien  getrennt,  im  Laufe  der  Jahrhunderte  auf  fremdem  Boden, 
auf  ungarischem,  venezianischem  und  neapolitanischem  Gebiet  eine 
Zufluchtsstätte  gefunden  und  ihren  eigenen  Charaktei-  teilweise  bis 
heute  bewahrt  haben.  Diese  Diaspora  Avollen  wir  kurz  schildern, 
soweit  das  uns  zu  Gebote  stehende  Material  es  ermöglicht. 

Wir  beginnen  mit  den  auf  dem  Gebiet  des  alten  Grenzer- 
re*nments  von  Petervärad  angesiedelten  Klementinern.  kommen 
dann  auf  altem  venezianischen  Gebiet  auf  die  in  Dalmatien  ange- 
siedelten Albaner  zu  sprechen  und  behandeln  endlich  in  großen 
Zügen  die  italo-albanischen  Gemeinden.  Die  zahlreichen  Lücken, 
die  in  der  Geschichte  dieser  Ansiedehmgen  noch  immer  bestehen 
bleiben,  deuten  auf  die  bedeutenden  Schwierigkeiten  hin,  deren 
Lösung  die  Aufgabe  der  Bearbeiter  der  albanischen  Geschichte 
bilden   wird. 

'  Ab  Epidauro  (heute  Ragnsa  vecchia,  kroatisch :  Cavtat-civitas) 
sunt  oppida  civium  Romanorum  Rhizinium  (Risano),  Ascrivium,  ßntna 
(ßudua),  Olchhiium  (Duloigno),  quod  antea  Colehininm  dictum  est,  a  Colchis 
conditum  :  amnis  Drilo  (Drin),  superque  eum  oppidum  civium  Romanorum 
Scodra  (Skudari),  a  mari  XVIII.  M.  pasa.  Praeterea  multorum  Graeciae 
oppidorum  deficiens  memoria,  nee  nou  et  civitatum  validarum.  Eo  namque 
tractu  fuere  Labeatae,  Endiruduni,  Sassaei,  Grabaei,  proprieque  dicti 
Illyrü,  et  Taviantii  et  Pyraei.  Plinius  :  Hist.  L.  III.  C.  XXYI.  Diese  Stämme 
sLnd  die  Vorfahren  der  heutigen  Malisoren  (der  nordwestlich  von  Skutari 
ansässigen  Gebirgsbewohnerj. 


302 


T.  Albaner  in  S.vi'niieu. 

Ziehen  wir  die  Sitaationsverhältnisse  der  Völker  der  alten 
Welt  in  Betrucht,  so  llUit  sich  feststellen,  das  jeder  nationale 
Völkerblock  seine  Diaspora,  nänüich  von  der  zentralen  Masse 
abgesonderte  Völkerteile,  hat  oder  gehabt  hat.  Ahnlich  wie  bei 
geologischen  Lagerimgen  können  uir  auch  in  der  groüen  Masse 
angesiedelter  Völker  verschiedenartige  Adern  unterscheiden.  Jede 
Nation  hat  ihren  Ansiedliingskern.  von  welchem  Mittelpunkte  sich 
entweder  infolge  elementarer  Ereignisse  oder  diu'ch  sonstige  Vor- 
gänge einzelne  Völkerreste  abgesplittert  haben.  Diese  haben  sich 
entweder  im  Laufe  der  Zeiten  den  sie  imigebenden  Völkerschichten 
angej)al.)t  oder,  indem  sie  auf  ein  mehr  abgeschlossenes  Gebiet 
gerieten,  haben  sie  ihr  Eigendasein  weiter  bewahrt.  Je  mächtiger 
eine  m'sprüngliche  Grundgeschichte  ist,  umso  mehr  Lebenskraft 
vermag  sie  ihren  abgesonderten  Bi-uchstücken  zukommen  zu  lassen, 
vorausgesetzt,  daß  diese  das  Aufblühen  der  Mutterart  ihrerseits 
noch  im  vermischt  erlebt  haben.  Doch  es  kommt  auch  vor,  dal! 
der  m'sprüngliche.  infolge  unglücklicher  Verhältnisse  verkümmernde 
völkische  Mittelpunkt  durch  solche  Elemente,  die  unter  günstigen 
Umständen  in  die  Fremde  geraten  sind,  aufgefrischt  und  zu 
neuem  Leben  erweckt  worden  ist. 

Diesbezüglich    bietet    das    Völkergewoge    auf   dem  Balkan 


überzeugende  Beweise.  Aus  dem  osmanischen  Machtbereich  schied 
zuerst  das  Serbentum  aus,  bei  dessen  Ertvecken  zu  neuem  Leben 
den  ungarländischen  Stammesverwandten  eine  bedeutende  Rolle 
zugefallen  ist.  In  dem  Unal^hängigkeitskampfe  der  Neugriechen 
dagegen  hatte  die  gi-oße  hellenische  Diaspora  von  außen  her  den 
entscheidenden  Anstoß  gegeben.  Bei  der  Entstehung  des  neuen 
Bulgarien  haben  die  im  Ausland  ansässigen  gebildeten  bulga- 
rischen Elemente  bedeutend  mitgespielt.  Letzthin  haben  die  Kutzo- 
Wlachen,  nämlich  die  Walachen  im  Pindusgebiet,  ein  Lebens- 
zeichen von  sich  gegeben,  diese  hat  jedoch  bereits  das  unabhängige 
Rumänien  von  außen  mit  Kulturmitteln  versehen. 

Die  Nachkommenschaft  des  Illyrentums,  der  historisch  ältes- 
ten Volksschicht  auf  der  Balkanhalbinsel,  der  Niederschlag  mehr-- 


503 


f acher  völkischer  Destillationsprozesse,  das  Albanentum,  hat  seit 
dem  Altertum  (seit  1(J7  v.  Chr.  dauerte  hier  der  Kampf  wider  die 
Römer  bis  14  n.  Chr.)  sozusagen  keine  souveräne  Rolle  gespielt, 
sondern  bildete  entweder  eine  völkische  Zutiit  unter  den  Nachbarn 
oder  den  balkanischen  Gärstoff  in  dem  Osmanentum.  Nichtsdesto- 
weniger erhielt  sich  das  Al))anentuni  als  verschiedens])racliiges' 
Volkselement  unter  den  Nachbarvölkern  eingekeilt;  nach  deren 
Abzug  an  ihrer  Stelle  angesiedelt,  in  seiner  ursprüngHchen  Verfas- 
sung, als  ein  erratischer  Block  der  alten  Stämmeorganisation. 

Es  gibt  auf  dem  Balkan  kein  Volk,  das  neugriechische  auch 
nicht  abgerechnet,  dessen  Greschichte  man  so  genau,  sozusagen 
in  genealogischer  Ordnung,  von  dem  Altertum  her  ableiten  könnte, 
als  die  der  albanischen  Stämme. 

Wir  müßten  weit  ausholen,  —  imd  das  ist  nicht  unser 
Zweck  —  wollten  wir  die  Geschichte  des  Albanentums  von 
den  Anfängen,  wenn  auch  nur  kurz  gefaßt,  slcizzieren.  Wir  haben 
schon  einführend  auf  den  Umstand  hingewiesen,  daß  in  Ermange- 
lung des  entsprechend  geordneten  Materials  nicht  einmal  die 
Umrisse  geboten  werden  können.  Selbst  die  ungarischen  Bezie- 
hungen müssen  wir  außer  Acht  lassen.  Nur  darauf  sei  hinge- 
wiesen, daß  der  in  Turin  1381  geschlossene  Friede,  dessen  wich- 
tigstes Ergebnis  die  „freie  Hand",  nämlich  die  Zusicherung  des 
„liberum  mare"  gewesen,  für  die  migarischen  Könige-  einen  be- 
stimmten Interessenkreis  bis  Durazzo  festgestellt  hat,  insofern 
man  nach  venezianischer  Auffassung  unter  ganz  Ddlnuitien  den 
östlichen  Landstreifen  an  der  adriatischen  Küste  bis  zu  dem  ge- 
nannten   Hafen    gemeint    hat.^    Jedoch    auf   das    Inland,  auf  die 

•  Wir  unterscheiden  zwei  Dialekte  :  den  nördlichen,  den  sogenannten 
Geg-  und  den  südlichen  Toskdialekt.  Die  Gegmundart  hat  sich  unter 
slawisch-italienischen  Einflüssen  entwickelt,  während  die  Toskmundart  den 
Einfluß  der  hellenischen  Sprache  merken  läßt.  Osmanli,  die  Sprache  der 
Türken,  hat  auf  beide  Mundarten  eingewirkt. 

-  In  Törtenelmi  Tiir,  Bd.  XI :  „Deinde  commune  Veneciarum  dare 
et  solvere  debeat  dicto  domino  Regi  et  ejus  successoribus  in  Regno  et 
Corona,  et  ipsi  Corone  represeiitanti  dictum  Regnum  ..."  (S.  15). 

■'  A.  a.  0. :  „Quod  dominus  Dux  et  Commune  Veneciarum  effectua- 
liter    renunciet    de    facto    in    manibus    prefati  domini  Regia  Hungarie  et 


304 


;LU)anisc]i<'  'JVd'u  firnia.  die  in  diesen  Teilen  unabhiinfriiren  i)oli- 
tischen  Gebilden  angeh'ii-te.  erstreckte  sich  der  nngarische  Einflul^ 
nicht.  Eine  engere  Yerlnndung  konnte  nach  dem  FriedensschluLl 
schon  aus  dem  Grunde  nicht  entstehen,  weil  der  eiTungene  Erfolg 
zu  Öigismunds  Zeiten  dem  König  von  Ungarn  tatsächlich  ver- 
loren ging  und  die  Vei-suche  der  Rüekeroljerung  unter  König 
Matthias  sicli  auf  eine  ReiJie  nicht  verwirklichter  Pläne  be- 
schränken. Das  opisoderdiafte  Skanderbeg-Hunyadische  Bündnis 
kann  aber  bei  der  Beuiieilung  allgemeiner  Verhältnisse  nicht  in 
Betracht  kommen. 

Das  Albanentum  spielt  im  Mittelalter  tatsächlich  in  der 
Geschichte  Venedigs  und  des  osmanischen  Reiches  in  der  Gestalt 
bald  hierher,  bald  dorthin  gelenktei-.  lose  zusanmienhängender 
Organisationen  eine  Rolle.  Ein  Teil  davon  hält  es  mit  der  osma- 
nischen Macht,  beziehungsweise  es  schmiegt  sich  gezw^ungen  an 
sie  an.  Der  geringere  Teil  geriet  in  den  Interessenkreis  der 
neapolitanischen,  venezianischen  und  serbisch-bulgarischen  Politik. 

Diese  Lage  des  Albanentums  wurde  in  der  Folge  für  das 
Volk  bestimmend  anläßlich  der  verschiedenen  geschichtlichen 
Stauungen.  Ein  Bruchteil  wurde  sogar  zu  uns.  in  das  Gebiet  des 
Königreichs  Ungarn,  nach  Svnnien  verschlagen:  es  sind  die 
sogenannten  Klementiner. '  deren  Auftreten  mit  König  Karls  III. 

successorum  ejus  toti  Dalmacie,  nainque  dicti  sindici,  procuratores  et 
ambaxatores  domini  Duois  et  Communis  Veneciaruin  nomine  dictorum 
dominorum  Ducis  et  Communis  Veneciarnm  in  pace  presenti  renunciant 
etfectualiter  de  jui-e  et  de  facto  in  manibus  dicti  domini  Regis  reci- 
piencium  nomine  dicti  domini  Regis  et  successorum  suoruni  in  Regno 
et  Corona  toti  Dalmaciae,  a  medietate  scilicet  Quarnarii  usque  ad 
fines  Duracii  tanquam  ab  antiquo  de  jure  Regno  et  corone  Hungarie 
spectanti  et  pertinenti."  Angeführt  von  G.  M.  Wenzel,  A  turini  beke- 
kötes  1381  (Der  Friedensschluß  von  Turin  1881)  in  Törtenelmi  Tär  a.  a.  0. 
Wie  daselbst  S.  19  ausgeführt  wird,  ist  unter  „tota  Dalmatia"  die  alte 
römische  Provinz  Dalmatien  samt  Praevalis  zu  verstehen. 

'  Der  erste,  der  die  Klementiner  in  der  Literatur  erwähnte,  war 
Windisch  auf  S.  77  im  IL  Bd.  des  Ung.  Magazin  imter  der  Überschrift : 
„Von  den  Klementinern  in  Syrmien".  Es  ist  eine  sehr  oberflächliche  Arbeit 
(Gesch.  von  Dalmatien,  Kroatien  und  Slawonien),  die  sich  auf  F.  W.  Taube, 
Historische    und    geographische  Beschreibung  des  Königreichs  Sla\s^onien 


305 


uiigliU-klichem  Feldi^ug  von  17v)7— 1739  in  Verbindung  stellt,  als 
die  liabsburgiselie  Familienpolitik  instiktiv  eine  Erweiterung  des 
eigenen  Maclitbereielies  auf  dem  nordwestlichen  Teil  des  Ballvans 
erlieischte. 

Es  Aväre  nicht  am  Platze,  an  die  Niederlassung  dieser 
Völker  anknüpfend,  auf  eine  nähere  Behandlung  dieser  PoKtik 
einzugehen.  Aber  in  großen  Zügen  müssen  wir  die  vorhei'gehenden 
Geschehnisse  andeuten,  denn  gelegentlich  empfiehlt  es  sich  selbst, 
mit  Hintansetzung  einer  abgerundeten  Darstellung  eher  mehr  zu 
sagen,  als  Dinge  zu  verschweigen,  worauf  zurückzukonmien  einem 
die   „Vita  brevis"  mögHcher weise  die  Gelegenheit  verwehrt. 

A'Vollten  wir  bei  unserer  geringen  Aufgabe  weit  ausholen, 
so  müßten  A^ar  Avohl  vor  allem  die  Autfassung  der  Mehrzahl 
jener  Historiker,  die  sich  mit  Balkangeschichte  befassen,  über 
die  Türken  einer  scharfen  Kritik  unterwerfen.  Wie  oberflächlich 
und  zugleich  wie  unwahr  ist  die  Redensart,  in  die  weiland  der 
trelfliche    Langer    seine    Ausführungen    über    die    Nordalbaner 

und  des  Herzogtums  Syrraien  (Leipzi^:,  1777,  III,  123—125)  stützt.  Czörnig 
hat  historische  Ausführungen  geliefert  in  Ethnographie  der  österr.  Mon- 
archie III,  167—81.  J.  Jirecek,  Aktenmäßige  Darstellung  der  gr.  n.  u. 
Hierarchie  iu  Österreich  (Wien,  1S60),  ein  Quellenwerk,  auf  Grund  dessen 
H.  Schwicker,  Die  Geschichte  der  Serben  in  Ungarn  1883,  75—76  den 
einschlägigen  Teil  redigierte.  Auch  die  neueren  kirchlichen  Schematii^men 
bieten  brauchbares  Material.  Ein  ganz  auf  eigener  Forschung  beruhendes 
Quellenwerk  ist  die  Studie  des  verstorbenen  Leiters  des  alten  kaiserl. 
und  köiiigl.  Kriegsarchivs  J.  Langer,  Nordalbaniens  uiid  der  Herzegowina 
Unterwerfungs-Anerbieten  an  Österreich  1737  bis  1739  mit  Benutzung  der 
Materialen  des  kaiserl.  und  königl.  Geheim-  und  Kriegsarchivs  (Ai'chiv 
für  österr.  Geschichte  LXX,  211).  Er  benutzte  übrigens  weder  das  unga- 
rische Landesarchiv  noch  das  Archiv  des  Metropoliten  in  Karlovic.  Einiger- 
maßen brauchbar  ist  F.  Vanicek,  Spezialgeschichte  der  Militärgrenze, 
I.  Bd.,  476—77.  Wo  wir  keine  andere  QueUe  anfühi-en,  sind  wir  Langer 
gefolgt.  Die  Abkürzung  K.  A.  bezieht  sich  auf  das  Kriegsarchiv  in  Wien. 
Die  kroatische  und  serbische  periodische  Presse  hat  sich  gewiß  ebenfalls 
mit  der  Kolonisierung  befaßt,  doch  es  war  uns  nicht  möglich,  eine 
Zusammenstellung  dieser  Beiträge  zu  bieten.  Im  Jahrgang  1889  der  Danica 
llirska  hat  Marjanovic  km-z  den  Gegenstand  behandelt.  Unter  der  Über- 
sclirift  Shcyptai-t  en  Slavonia  ist  in  der  Albania  (Bruxelles,  1902.  2—5. 
Heft)  eine  Kompilation  erschienen. 

20 


306 


ausklingen  liißt:  ,,Die  christliclien  V(»lker  haben  diesen  (getfen 
die  Türken  gefülii-ten)  Kampf  —  lieil.'t  es  da  —  nicht  allein  nni 
ihre  Rechte,  ihre  Freiheit  und  Unal)h;ingigkeit  gekämpft,  sondern 
sie  haben  sich  auch  als  Vorkämpfer  der  (Christenheit,  der  Kultur 
und  Bildung  des  Westens  gefühlt  ^Adder  den  Islam  und  die 
Barbarei  des  Ostens".^ 

Wir  wollen  jedoch  alle  Weitschweifigkeit  vermeiden.  Es 
sei  in  aller  Kürze  nur  darauf  hingewiesen,  daß  die  christlichen 
Erhebungen  gegen  die  türkische  Macht  nicht  so  sehr  durch  die 
Hinneigung  zu  der  Zivilisation  des  Westens,  als  vielmehr  durcli 
den  Sieg  der  christlichen  Waffen  einerseits,  andererseits  dureli 
die  Unruhe  der  Türken  angeregt  worden  sind,  die  ilire  in  Ungarn 
erhttenen  Niederlagen  oft  oline  Grund  ihre  I'ntertanen  auf  dem 
Balkan  entgelten  ließen. 

Unter  dem  Eindruck  der  siegreichen  kaiserlichen  Waffen 
erfaßte  die  Bewegung  den  westlichen  Teil  der  Balkanhalbinsel. 
Bosniaken,  Raitzen  „et  alii  asseclae  eorundem".  also  Albaner. 
Grriechen  und  Zinzaren  (Pinduser  Walachen,  d.  h,  Kuzo-Wlachen) 
sandten  Anfangs  1685  an  König  Leopold  imd  seine  Feldherren 
ihre  Legaten,  um  ihre  Treue  und  Ergebenheit  zu  vermelden. 
Der  König  hat  diejenigen,  die  seine  Botmäßigkeit  anerkannten. 
—  in  einem  mit  königlich  ungarischem  Siegel  versehenen  Patent  — 
dem  dalmatinisch-kroatisch-slawonischen  Banus  Nikolaus  Grafen 
Erdödy  empfohlen  und  erklärt: 

1.  daß  er  deren  Huldigung  annimmt, 

2.  daß  er  sie  in  ihren  Rechten  und  Freiheiten  erhält. - 
Nach  den  sieghaften  Kämpfen,  die  der  Rückeroberimg  von 

Buda  (Ofen)  gefolgt  waren,  ti-at  König  Leopold  schon  offensiv  auf. 
AVovon  man  Jahrhunderte  lang  nicht  einmal  zu  träumen  gewagt 
liätte,    angesichts    des    Verfalls  der  türkischen  Heermacht  ist  es 

>  A.  a.  0.  S.  243. 

-  Ung.  Landesarchiv.  Liber  reglus  I,  XVIII,  fol.  19  [  Nr.  180.  Über 
das  Verhältnis  der  Erdödy  und  der  Türken  an  der  Grenzlinie  s.  die  von 
B.  Cerovid  mitgeteilten  Stücke  meiner  Sammlung  in  Glasnik,  Jahrg. 
1910/11.  In  gewisser  Hinsicht  kann  auch  unsere  Studie  „Älbrankovicsok'^ 
(Pseudo-Brankovicse)  in  Turul  (Jahrg.  1888)  zur  Orientierung  dienen. 


307 


bereits    die   Parole  der  imternehmungslustigeren  Feldherren :  die 
Eroberung  Konstantinopels. 

In  seinem  Auf  ruf  vom  6.  April  1690  fordert  jet/i  bereits  der 
Kaiser  und  König  selbst  die  ehristliclien  Bewohner  der  Länder,  die 
einst  zu  Ungarn  gehört  haben,'  auf,  den  gemeinsamen  Erbfeind 
mit  den  Waften  anzugreifen  und  sieh  mit  den  kaiserlichen  Streit- 
mächten zu  vereinen.-  Dafür  sagt  er  ihnen  die  Erhaltung  ihrer 
Religion  sowie  die  freie  Wahl  ihrer  Woiwoden  zu  und  verlangt  bloß 
die  vor  der  Türkenheri-schaft  gezahlten  Abgaben.  Hierauf  erfolgte 
die  erste  sogenannte  serbische  Ein\vanderung  in  das  Gebiet  der  hei- 
ligen ungarischen  Krone,  nach  Siidungam,  Slawonien  mid  Kroatien, 
unter  der  Führung  des  Patriarchen  von  Ipek,  Arsenius  Csernovics. 

Trotz  dieses  sechzehn  Jahre  währenden  Feldzugs  und  der 
siegreichen  Kämpfe  von  1716 — 1718,  in  denen  die  Rückeroberung 
des  ungarischen  Staatsgebietes  und  die  Besitznahme  von  einigen 
nordbalkanischen  Gebietsbruchstücken  gelang,-^  wm'de  die  Türken- 
macht auf  dem  Balkan  dennoch  nicht  gebrochen.  Es  waren  dort 
ihre  Wurzeln  kräftiger  und  sie  wurde  durch  die  Franzosen  und 
westlichen  Widersacher  der  Habslturger  gestützt,  das  kaiserliche 
Heer  aber  htt,  —  von  der  Asesteuropäisehen  Lage  abgesehen  — 
wenn  auch  hervon-agende  Feldhen-en  an  der  Spitze  standen, 
Mangel  an  Geld  und  Männern. 

Das  bestätigt  insbesondere  der  Türkenkrieg  von  1737 — 1739. 
an  dessen  unglücklichem  Ausgang  übrigens  die  unfähigen  Epi- 
gonen früherer  Feldherren  die  Hauptschuld  tragen. 

'  „Omnibus  populis  et  provinciis  ab  bereditario  nostro  Hungariae 
regno  dependentibus." 

„nobis  iure  subiectos  et  iure  a  memorato  nostro  Hungariae  regno 
dependentes." 

„per  universam  Albaniam,  Serviam,  Mysiam,  Bulgariam,  Silistriam, 
Illyriam,  Macedoniani,  Rasciam  coustitutos,  aliasque  provincias  a  prae- 
dicto  regno  nostro  Hungariae  dependentes."  Selbstverständlich  enthält 
diese  Fonnel  eine  bedeutende  Auxesis  und  einen  Anaclironismus. 

-  Czörnig :  Ethn.  der  österr.  Monarchie,  III,  69.  Beilage.  Angefülu-t 
bei  Langer  a.  a    0.  S.  244.  Das  Original  in  Wiener  Staatsarchiv. 

■■5  Über  die  Hoffnungen  der  Balkanvölker  s.  Feldzüge  des  Prinzen 
Eugen  XVI,  35  u.  öO  das  Auftreten  des  Joannes  Gigropulos. 

20* 


308 

Auch  1737  „rührten  sich  die  Völker  am  Balkan".  Jetzt 
\vul.)ten  sie  Bescheid,  wohin  sie  sich  gegen  die  Tiirkenherrschatt 
zu  -wenden  hatten,  und  die  Xähe  der  kaiserhchen  Besatzung  vt)n 
Belgrad  ühte  auf  die  durch  ihre  Popen  aufgewiegelte  serhische 
Bevölkerung  des  heutigen  Sandschak  Xovil^azar  eine  mächtige 
Anziehungskraft  ans.  Man  fühlte  allgemein,  dal.)  zwischen  beiden 
Gegnern  der  Krieg  bevorstand.  Damals  bot  die  Verschiedenheit 
der  Riten  noch  keine  Schwierigkeit  für  ein  gememsames  Vor- 
gehen der  christliclien  Rad.iahs  auf  dem  Balkan.  Der  griechisch 
orientalische  Serbe  vertraute  nicht  weniger,  als  die  eingestreut 
lebenden  und  benachbarten  eifrig  katholischen  albanischen  Stämme 
auf  den  die  christliche  Idee  verkörpernden  Kaiser. 

Dabei  nmß  l^emerkt  werden,  daß  sich  die  türkische  Hen-- 
schaft  eigentlich  niemals  auf  das  gesamte,  von  Albanern  be- 
wohnte Gebiet  erstreckt  hatte.  Im  Süden  hat  die  Cliiuiara,'  die 
den  größten  Teil  des  an  der  Meeresküste  gelegenen  Akrokeraunion 
umfaßte,  erst  in  dem  zweiten  Jahrzehnt  des  XIX.  Jahrhunderts 
die  Unabhängigkeit  eingebüßt,  bis  der  Pascha  Ali  Tepelendi  die 
Gegend  endgültig  unterjochte.  Das  Land  der  jVIirditen  —  süd- 
westlich von  Skutari  —  hat  seme  Unabhängigkeit  in  gewisser 
Beziehung  als  Stanmiesland  seit  dem  XVI.  Jahrhundert  bis  auf 
den  heutigen  Tag  bewahrt.-  Ebenso  unabhängig  smd  auch  die 
Bewohner  der  Berge  um  Skutari,  die  Malissoren,  geblieben.  Die 
türkische  Macht  Avar  zufrieden,  ihre  Herrschaft  in  den  frucht- 
bareren Gegenden  zu  sichern,  wo  sie  auch  die  Regierung  nach 
Vermögen  organisierte,  die  Hirtenstämme  aber  A\urden  in  ihrer 
Unabhängiofkeit  belassen.  Sie  bestanden  unverändert  Aveiter.  Sie 
bewahrten  ihre  hergebrachte  Organisation  eben  nur  deshalb,  w^eil 
sie  keinerlei  staatlicher  Ordnung  eingeghedert  wurden  und  dies 
unter  türkischer  Oberherrschaft  selbst  dann  nicht  geschehen  konnte. 

'  Die  Chimarioten  Avaren  Freizügler,  die  sonst  unter  den  Benen- 
nungen von  Hajduken,  Uskoken,  Martaloze  bekannt  sind.  Sie  standen 
auch  in  venezianischem  und  türkischem  Solde.  Bas.  Herold,  De  rebus 
turcicis  S.  R.  1/2,  639  der  Folioausg. 

■^  Sie  sollen  sich  am  Ausgang  des  XVI.  Jahrhunderts  angeblich  dem 
Hause  Savoyen  unterworfen  haben.  Wir  fanden  davon  keine  Spur. 


509 


wenn  sich  einzelne  Stämme  auch  dem  Mohammedanismns  an- 
schl()ssen.  Einzelne  ihrer  Hanptleute  ragten  wohl  als  bedeutende 
Heerführer  hervor,  jedoch  das  Volle  selbst  ist  seiner  Art  und 
seinen  Sitten  ti-eu  geblieben. 

Als  einer  der  lebensfähigsten  katholischen  Stämme  unter 
den  Nordalbanern  ist  der  Stamm  der  Klementiner  zu  nennen. 
Ihren  Überlieferungen  nach  soll  einst  in  Triepsi  (in  dem  Gebiete 
des  Bistums  Skutari)  ein  Hirfe  Namens  (,'lementhei  (Klement) 
sich  emem  reichen  Katundar  (einem  wohlhabenden  Schalsherden- 
besitzer) verdungen  und  dessen  Tochter  zur  Frau  genommen 
haben.  Da  jedoch  der  Liebesl>nnd  im  Verbotenen  begonnen  hatte, 
schickte  der  Vater  das  junge  Paar,  indem  er  ihnen  zvAanzig  Schafe 
mitgab,  nach  einer  anderen  Gegend,  nach  Bestana,  wo  man  noch 
heute  die  Ruinen  einer  Kirche  und  einiger  Häuser  sieht.  Der 
Orf  liegt  etwa  eine  Vierfelstunde  von  den  Dörfern  Selze  und 
Vukli  (an  der  heutigen  montenegrinischen  Grenze)  entfernt  und 
l)ildet  tatsäclilich  bis  auf  den  heutigen  Tag  den  ungeteilten 
Stammesbesitz  der  Klementiner. 

Dieser .  Klement  soll  sieben  Söhne  geliabt  haben,  die  Stamm- 
väter von  sieben  Geschlechtern  geworden  sind :  es  sind  die  Selze, 
Vukli,  Nikai,  Untai  und  Martinovics,  die  Bukova  in  Dukadscliin 
und  die  Lap  in  den  Bergen  von  Kossovo. 

Im  Laufe  der  Zeiten  haben  sich  che  sieben  Geschlechter 
vermehrt  und  die  älteren  Ansiedler  allmählich  aus  den  Tälern 
verdrängt.  Sie  wurden  ein  kriegerisches  Hirtenv(^Ik,  das  ins- 
besondere zu  Hungerszeiten  auch  zu  rauben  bereit  w^ar.  Es  gelang 
ihnen  mittlerweile  auch  sich  die  Gegend  zwischen  Gusinje,  Pesteri 
imd  Ipek  tril>utpliichtig  zu  machen.  So  gerieten  sie  auch  oft  mit 
der  türkischen  Stiuitsgewalt  in  Fehde  und  Avagten  hin  und  wieder 
auf  kleinere  Truppenteile  einen  verwegenen  Angritt',  wie  ihre 
Sagen  noch  heute  berichten.  Kamen  sie  ins  Gedrlhige,  so  l>oten 
-hre  natih-lichen  festen  Plätze  auf  unnahljaren  Hochebenen  ihren 
Familien  mid  Herden  stets  Rettung.  Schließlich  bezwang  sie  doch 
der  Hunger.  (Tclang  es  ihnen  aber  nicht  die  Wachposten  zu  über- 
rumpeln. S(j  stürzten  sie  grausam  auf  Nachbarsgebiete  nieder  und 
vollführten    arge    Verheerungeii.  In  den  Kämpfen,  die  sie  gegen 


310 


den  Pasclia  von  Ipek  führten,  mullten  sie  jedoch,  angeblich.  >veil 
VeiTut  dabei  eine  KoUe  spielte,  den  Kürzeren  ziehen  und  da  sie 
zerstreut  \\'urden.  erwachte  in  ihnen  die  Sehnsucht  auszuAvandern.  * 

Von  den  sich  stets  erneuernden  inneren  Kriegsunruhen 
abgesehen,  wußte  1736  der  Pati-iarch  Arsenius  Joannovich  die 
Seh.nsucht  der  Auswanderung  in  ihnen  zu  erwecken.  Seine  Aus- 
<;esandten  durchzogen  das  ^janze  altserbische  Gebiet,  indem  sie 
die  Stämme  der  nordalbanischen  Gebirgsgegend  anfeuei-teu  sich 
im  Kriegsfälle  dem  deutschen  Kaiser  anzuschließen.  Im  Auftrage 
des  Patriarchen  üljerbrachte  Basilius.  Archimandrit  von  Studenica 
am  8,  März  1737  dem  kaiserlichen  General  Marulli  die  Botschaft, 
daß  sich  fiir  den  Fall  eines  Krieges  die  ganze  Xation  (in  Alt- 
Serbien)  auf  die  Partei  des  Kaisers  stellt.  Der  Kriegsmt  in  Wien 
nahm  das  Anerbieten  freundlich  auf,  aber  man  wollte  —  wenig- 
stens vorderhand  —  die  Aktion  geheimhalten. 

Als  dann  im  Juli  1737  der  Krieg  ausbrach,  ergriffen  die 
Serben  und  Albaner  die  Waffen  und  zeigten  den  im  Monat 
August  herangerückten  kaiserlichen  Generälen  ihre  Ergebenheit  an." 
Feldobrist  Seckendorf  beauftragte  liierauf  den  Obersten  Lentulus 
gegen  Xovibazar  aufzubrechen  und  sich  mit  den  Sti-eitkräften 
der  aufstänthsehen  Serben  und  Albanern  ( Kieme ntinern)  ver- 
einigen   zu   trachten,  Lentulus  operiei-te  anfangs  mit  Erfolg  und 

1  Hahn  a.  a.  0.  S.  183—185.  Die  Rolle  der  Albaner  bzw.  der 
Klementiner  und  deren  Lage  von  1689  erhellt  aus  folgender,  von  Philipp 
Röder,  Des  Markgrafen  Ludwig  von  Baden  Feldzüge  wider  die  Türken, 
Bd.  11,  S.  196  (Karlsruhe,  1842)  veröftentlichteu  Meldung: 

Markgraf  Ludwig  an  den  Kaiser  Leopold. 

Brankovenj,  27.  XI.  1689. 

Unterbeilage  :  lu.^truktion  für  den  General  Yeterani :  .  .  .  5.  Mit 
Albania  hat  es  diese  heschatfenheit  dass  ein  theil  desselbigeu  Türkhisch, 
der  andere  aber  frey  ist,  und  von  den  Clementinern  possedirt  wird,  welche 
den  Türken  niemallen  conti-ibuirt  haben,  auch  in  solchen  gebürgen  ge- 
legen, dass  mit  gewalt  nlt  wohl  zu  zwingen,  sondern  von  den  umbüegenden 
pläzen  und  schlossern,  bevorderist  von  Scutari,  woher  sie  das  geti-aidt 
haben  müssen,  mit  güttem  leichter  zu  dominiren  seind,  dannenhero  vill- 
mehr  mit  einen  güttlichen  Vergleich  diese  leuth  zu  Ihr  K.  M.  devotion 
zu  bringen  und  darinnen  zu  Erhalten  sein  werden,  welches  alles  jedoch 
in  loco  am  besten  judiciren  ist. 

2  K.  A. 


311 


nahm  Uzice  (in  dem  lieuti^en  Serbien)  ein.  Mittlerweile  bringen 
die  vereinten  Anfständisclien,  Serben  (Uaitzen),  Albaner  (Klemen- 
tiner)  und  zum  Teil  Bosniaken.  dem  Türken  bei  Nova-Varos 
eine  Niederlage  bei.  jedoch  bei  Valjevo  erfolgt  ein  neuerlicher 
Angriff  der  Türken,  die  Aufstihidischen  werden  in  die  Flucht 
gejagt  und  Lentulus  mul.'».  um  sich  den  liückzug  otf'en  zu  halten, 
weichen.  Hierauf  flüchten  die  zerstreuten  Seharen  der  Aufstän- 
dischen auf  kaiserliches  serbisches  Gebiet,  wo  sie  gleichzeitig  mit 
dem  ebenfalls  flüchtenden  Patriarchen  von  Ipek  anlangen. 

Zweifellos  war  damit  die  aktive  Teilnahme  des  Zuzuges  von 
bosnisch-serbisch-albanischen  Gebieten  für  den  weiteren  Verlauf 
des  Krie.ores  abixetau.  Der  Wiener  Hof  hatte  eine  bei  weitem  be- 
deutendere  und  tüchtigere  Mithilfe  erwartet,  die  Aufständischen 
hinwecren  rechneten  bestinnnt  auf  einen  Sieg  des  kaiserKchen 
Heeres.  Umso  härter  mußte  sie  die  Enttäuschung  treffen,  als  sie 
ihre  Heimat  verlassen  und  ihren  ganzen  Besitz  verloren  haben. 
Die  übrigen  Rajahs  trauten  nimmer  einem  Sieg  der  kaiserlichen 
Watten  und  vei-hielten  sich  stille,  da  ihnen  die  Türken,  falls  sie 
sich  ruhig  verhallten  Avollten,  Straflosigkeit  zusicherten. 

Es  mul.»  bemerkt  werden,  daß  diese  Schar  der  Aufstän- 
dischen mit  Weibern  und  Kindern  das  Land  verlassen  hatte,  wie 
der  Zug  eigentlich  eher  einer  improvisierten  Völkerwanderung 
glich,  als  einem  richtigen  Kriegsheer.  Wohl  waren  die  Männer 
im  Kleinkrieg  gestählte  Leute,  teilweise  berittenes  Volk,  aber 
keine  ordentliche  Mannschaft,  höchstens  als  Pandure  oder  für 
Stratioten-Wachtdienst  (zum  Ausschwärmen)  brauchbar. 

Trotzdem  war  es  die  moralische  Pflicht  des  Wiener  Kriegs- 
rates in  dieser  Notlage  sich  der  heimatlos  gewordenen  Elemente 
anzunehmen.  Am  besten  erging  es  dabei  dem  Patriarchem  selbst, 
der  mit  der  Xachfolge  des  verstorbenen  Metropoliten  von  Bel- 
grad. Vinzenz  Joannovich,  schadlos  erhalten  worden  ist. 

Der  Patriarch  hielt  es  sodami  auch  für  seine  Pflicht  das 
L'nglück  seines  Volkes  nach  Kräften  zum  Besten  zu  wenden. 
Im  Einvernehmen  mit  dem  General  de  la  Cerda  de  Villa  Longa 
machte  er  dem  Hofkriegsrat  den  Vorschlag,  man  möge  die  Flücht- 
linge und  die  später  vereinzelt  sich  ihnen  anschließenden  serbi- 


312 


seilen  und  albanischen  Elemente  in  einem  Grenzrej^iment  or^^ani- 
sieren.  Der  Kriegsrat  nahm  diesen  \'orsehla,f»:  mit  der  Erklärung 
entgegen,  man  werde  beim  Friedensschluß  bemüht  sein,  die  Flücht- 
linge in  ihre  früheren  Besitzungen  wieder  einzusetzen  und  die 
für  Kriegsdienste  Untauglichen  irii  Lande  selbst  anzusiedeln. 

Doch  fand  jetzt  der  erwähnte  Greneral.  der  anfangs  in 
Anbetracht  der  hochtönenden  Versprechungen  gehofft  hatte,  der 
Patiiarch  werde  ihm  etwa  SO.OOO  disziplinierte  serbische  und 
albanische  Aufständische  zur  Verfügung  stellen,  daß  sich  bloß 
einige  hundert  ganz  undisziplinierter,  unverläßlicher,  fortAvähi*end 
desertierender  Leute  meldeten.  Er  glaubte  bereits,  „dieser  ganze 
xlulstand  in  unserem  Literesse  ist  eigentlich  Sache  der  Ein- 
bildung, von  dem  Patiiarcheu  im  Einverständnis  mit  den  Türken 
in  Szene  gesetzt,  um  Spione  in  unserem  Lager  zu  unterhalten". 
Bei  Hof  schenkte  man  wohl  dieser  Verdächtigung  keinen  Glauben, 
und  obwohl  sich  auch  die  übrigen  Feldherren  sehr  aburteilend 
über  den  militärischen  Wert  der  AufstVmdischen  geäußert  haben, 
hoffte  man  doch,  dal.)  vermöge  der  ihnen  eigenen  ..Bravoiu'"  mit 
der  Zeit  sich  ein  gutes  Soldatenmaterial  aus  ihnen  werde  lulden 
lassen. 

Die  kaiserlichen  Feldherren  kannten  damals  die  Verhältnisse 
der  Balkanvölker  wenig  imd  konnten  sie  auch  nicht  kennen : 
deshalb  hatten  sie  erwartet,  es  Averden  ihnen  in  20 — 25jährigen 
Kriegsdiensten  geprüfte  ordentliche  Truppen  zur  Hilfe  sein.  Ander- 
seits sahen  die  an  Entbehrungen  gewohnten  Balkanvölker  mit 
Staunen,  wie  v/enig  die  vielgerühmten  kaiserlichen  Truppen  den 
Strapazen  gewachsen  waren. 

Allen  Unterhandlungen  bereitete  der  Fall  von  Belgrad  ein 
Ende.  Patriarch  Joannovich  flüchtete  nach  Karlovic  und  die 
noch  übrigen  Bruclistücke  der  aufständischen  Serben  imd  AUianer 
zogen  ihm  nach,  indem  sie  jetzt  schon  ganz  vaterlandslos  ge- 
worden waren. 

Mit  diesem  Zeitpunkte  beginnen  die  Fährnisse  der  Klemen- 
tiner  und  mit  ihnen  die  der  serbischen  Emigranten  auf  dem 
damals  bereits  Slawonien  genannten,  neuerworbenen  Gebiet.  Es  sei 
nur  nebenbei  bemerkt,  dal-'i  die  Gescliichte  der  Besiedelung  dieses 


313 


seit    16U9    zurückeroberten    Gebietes    —  so  lehrreich  sie  ist  — 
noch  immer  nicht  eingehend  dargestellt  worden  ist.' 

Nach  Abzng  der  Türken  wurde  das  Land  zwisclien  der 
Donau  und  Save,  das  Grebiet  der  Komitate  Valko  imd  YeWice 
sowie  auch  SjTmien  eine  wirkliche  „Tabula  rasa".  Die  Besiede- 
lunii  wurde  nicht  systematisch  vorgenommen,  einzelne  Haulen 
kamen  und  zogen  weiter  und  die  auf  Grund  des  Kriegsrechtes 
verliehenen  Besitzungen  wechselten  von  Jahr  zu  Jahr  ihre  Eigen- 
tümer. Gewöhnlich  beeilten  sich  nämlich  die  ersten  Grundherren 
ihre  Länder  zu  veräußern.  Die  1090  eingezogeneu  balkanischen 
Massen  saugte  das  slawonische  und  südungarische  Tiefland  wie 
Öl  in  sich,  und  so  konnte  vorderhand  lange  nicht  von  einer 
richtigen  Besiedehuig  die  Rede  sein.  Unter  den  Flüchtlingen  be- 
fanden sich  auch  von  verschiedenen  Gegenden  herstammende 
Bauern,  die  nach  orientalischer  Gepflogenheit  nur  eben  so  viel 
arbeiteten,  um  ihren  L'nterhalt  zu  gew  innen,  es  waren  unter  ihnen 
Kaufleute  —  meistens  Griechen  und  Kuzo-Wlachen  —  und  einige 
wolilhal)endere  Raitzen.-  ferner  undisziplinierte,  bewaffnete  serbisch- 
albanische Horden,  die  daheim  Panduren-Dienste  geleistet  hatten 
mid  jetzt  vom  Rauben  ihr  Dasein  fristeten  und  ebenso,  wie  auch 
die  anderen  Hirtenvölker  jeder  geregelten  Arbeit  sehr  abhold 
waren.  Die  endgültige  Ansiedelung  dieser  verschiedenai-tigen 
Massen  konnte  aus  verschiedenen  Gründen  schwer  bewerkstelligt 
werden.    Von    1690  bis  1750  sickerten  nämlich  stets  neue  Ele- 

'  Es  ist  interessant,  wie  darüber  Clir.  Engel  in  seiner  Gesch.  von 
Dalmatien,  Kroatien  und  Slawonien  1798  geschrieben  hat:  „So  gibt  es 
viele  in  Ungarn,  die  in  diesen  Teilen  des  Reichs,  besonders  in  den  Con- 
tiuien,  so  nnbewaudert  sind,  wie  in  Kanicsatka  oder  Canada."  Die  Akten- 
sammlnng  von  Smiciklas  ist  wohl  wertvoll,  aber  nicht  vollständig. 

-  Die  Bezeichnung  Raitzen,  Rascianus  von  Raska  (Alt-Serbien)  dentet 
auf  die  Herkunft  und  ist  keine  despektierliche  Benennung  oder  ein  Spott- 
name. Nur  infolge  der  Greueltaten  während  der  Ansiedlung  haben  die 
ansässigen  Bauern  die  nicht  bodenständigen  Soldaten  mit  dem  Namen 
vadi-Ac  (wilder  Raitze)  belegt.  Die  Raitzen  bildeten  unter  den  Einwan- 
derern den  Grundstock  der  Bewaffneten,  das  Volk  selbst  nannte  siph  — 
bekanntlich  Serb  und  Riscanin  (Christen),  amtliche  Kreise  nannten  sich 
höchst  yelehrt  Slavo-Illvren. 


mente.  Serben,  Bosnitiken.  Herxegowiner  ferner  Walaclien.  Alba- 
ner und  Griechen  gemischt  nach.  Obwohl  der  Friede  von 
Belgrad  1739  festgestellt  hatte,  daü  die  Türken  ihre  Untertanen 
nicht  des  Landes  verweisen  werden,  dauei-te  dieses  Überwan- 
derangsheber  an  nnd  wurde  —  von  })olitisclien  Motiven  ab- 
gesehen —  durch  die  wie  heute  übliche  Agitation'  von  Aus- 
wanderungsagenten genährt,  chi-onisch  bei  den  christlichen 
Volkselementen.  E))en  deshalb  konnte  von  einem  Plan  organi- 
sierter Besiedelmig  nicht  die  Rede  sein.  Dabei  hat  noch  das 
schwerfällige  Verfahi-en  des  Kriegsrates,  der  Hofkanzlei  und  der 
ungarischen  Kammer  mitgewirkt,  ferner  die  Reibungen  der  einge- 
wanderten Völkerschaften  aus  religiösen  Gründen  und  die  Geldnot 
der  Schatzkammer  sowohl,  als  die  Armut  der  Eingewanderten. 
In  diesem  Rahmen  vollzog  sich  auch  die  Einwanderung  der 
Klementiner,  die  den  militärischen  und  bürgerlichen  Behörden 
viel  Kopfzerbrechen  verursachte. 

Der  Patriarch  fühlte  bereits  1738  die  Verpflichtung  für 
die  Besiedelung  des  Schwarmes,  dessen  Aufbruch  durch  ihn 
veranlagt  war,  tätig  zu  sein.  Die  Albaner  nomadisierten  lun 
Karlowitz  bis  an  die  Save,  wo  sie  sich  dm-ch  Zuzug  mit  Fami- 
lien auf  2000  Seelen  bezifferten.  Sie  gruben  sich  Erdhöhlen,  in 
denen  sie  ihr  kümmerliches  Dasein  Iristeten.  Seuchen  lichteten 
ihre  Reihen  und  sie  litten  Not  an  Xahrmigsmitteln,  die  immer 
orermw  waren  und  oft  orünzlich  mano-elten.  Ihre  Pferde  bekamen 
kein  Futter  imd  Graf  de  la  Gerda  gab  ihnen  weder  den  rück- 
ständigen Sold  nocli  ihren  Proviant  heraus."  Die  wenigen  An- 
siedler konnten  sie  aus  Eigenem  nicht  unterstützen,  da  sie  kaum 

'  Der  Patriarch  Ai'senius  erkundigte  sich  noch  am  18.  März  1739 
bei  dem  Befehlshaber  Grafen  Wallis,  ob  ihm  außer  den  bereits  geflüch- 
teten Elementinern  und  Serben  noch  „ex  Turcico"  Elemente  erwünscht 
seien.  Bezeichnend  ist,  daß  Nedelko,  ein  Leutnant  in  Grodska,  um  500 
Dukaten  einige  albanische  Gefangene  aus  Alt-Serbien  ausgelöst  hatte, 
weil  ilun  Wallis  versprach,  er  werde  für  die  türkischen  Gefangenen  Ent- 
schädigung erhalten.  Wallis  tauschte  jedoch  die  Leute  um  deutsche 
Oftiziere  ein  imd  Nedelko  forderte  sein  Geld  durch  den  Patriarchen  von 
Wallis.  Ai-chiv  des  Metr.  in  Karlovic  1739  :  583,  620. 

^  Metropolitanarchiv    in   Karlovic  1738  :  505  erwähnt  von  Langer. 


315 


das  Nötigste  hatten.  Es  })eganiien  also  die  Fnterliaiidliingen  der 
Behörden,  was  zu  tun  sei.  Schon  1 738  war  davon  die  Rede,  man 
werde  die  Männer  in  die  Reihe  der  Soklaten  aufnehmen,  doch 
es  schien  ch-ingender  den  vagierenden  Horden  irgendwo  Llindereien 
anzuweisen.  Der  Kriegsrat  liil.lt  ilnien  einfach  sagen,  sie  mögen 
sich  in  Slawonien  einen  Platz  aussuchen,  wo  .sie  sich  niederlassen 
wollen  und  sollen  dann  darüher  Meldung  erstatten.'  Die  Hof- 
kammer aber  erläßt  an  den  Präfekt  der  Kammer  in  Szeged  (Josef 
Markovics)  die  Weisung,  er  möge  sich  mit  dem  Patinarchen  ins 
Einvernehmen  setzen  und  Verfügungen  treifen,  daU  sie  wenig- 
stens zeitweise  in  der  (regend  von  Temes  oder  in  der  Bacska 
einen  Platz  bekommen. - 

Doch  es  entstanden  viele  Schwierigkeiten.  Unter  den  massen- 
liaften  Flüchtlingen  waren  Bewaffnete,  Arbeiter,  Serben,  Albaner. 
Diese  konnte  man  —  das  hat  auch  der  Kriegsrat  eingesehen'  — 
unmöi^lich  den  älteren,  bereits  «geordnet  lebenden  Ansiedlern 
beimengen.  Monasztei-ly,  der  Oberaufsicht  über  die  Emigration 
führende  Hauptmann,  macht  den  Kriegsrat  eigens  darauf  auf- 
merksam, man  dürfe  Serben  und  Albaner  *  nicht  verwechseln.  Die 
h^tzteren  wollten  als  Katholiken  den  Patriarchen  schon  früher 
nicht  anerkennen^  und  man  konnte  die  Uneinigkeit  voraussehen. 

Der  größere  serbische  Teil  der  Emigration  kampierte  1739 
noch  um  Sabac.  Der  bcAvatthete  Teil  bestand  aus  418  Hajduken 
(Infanteristen)  vmd  215  l^erittenen,  zusammen  aus  633  Mann. 
Major  Vuk  Isakovic  war  ilu'  Befehlshaber,  dem  fünf  Haupt- 
leute unterordnet  waren.  Diese  serbische  Nationalmiliz  Avar  nicht 
gleichförmig  gegliedert,  auch  die  Bestiindzahl  *ler  einzelnen  Ab- 
teilungen war  nicht  die  gleiche.  Unter  dem  Hauptmann  steht 
als  Offizier  der  Hadnagy  (serbisch  für  Leutnant),  sodann  der 
Harambascha    (türkische    Bezeichnung    für    Tru})penoffizier),  der 

'  Metropolitanarchiv  in  Karlovic  1739  :  57. 

2  1739,  VI :  25.  Wien,  Archiv  des  gemeinsamen  Finanzministeriums. 

3  Wien,  K.  A.  30.  Dez.  1739,  782. 

••  „Arbanas,  orbonas".  Wien,  K.  A.  1730  Okt.,  ü97. 
"  Ukt.-Nov.  173b  De  la  Gerda  :  „Los  Clemejitins  n'ont  jamais  voulu 
le  (den  Erzbiscliof)  reconnaitre."  Langer  a.  a.  0. 


310 


Bajraktar  (türkiscli  für  Fähnrich)  Waehmeister,  Korporal  und 
bei  der  Tnianterin  die  Tamboure.  Das  ist  eine  nach  deutschem 
Muster  umgestaltete  alte  ungarisch-türkische  Organisation.' 

Diese  Kompagnie  bewirbt  sich  erst  um  die  Ansiedelmig 
nach  Syrmien,  sie  wollen  aber  nirht  dem  Bauernstand  angehören, 
sondern  weiterhin  Soldaten  bleiben.  Die  Ländereien  erbitten  sie 
für  den  Unterhalt  ihrer  Familien  und  wollen  dafür  gerne  in  die 
Dienste  des  Kaisers  treten. 

Der  Befehlshaber  der  militärisch  organisierten  Albanisch- 
Klementiner  ist  Oberst  (Oberhauptmann)  Athanasius  Raskovic. 
Unter  ihm  dienen  7  Hauptleute.  ■>  Leutnants.  1  Wachmeister, 
9  Korporale  und  137  Gemeine,  /.usammen  164  Infanterie-Haj- 
duken.  Berittene  (Husaren):  2  Rittmeister,  4  Leutnants.  3  Baj- 
raktare,  3  Wachtmeister.  6  Korporale,  170  Beiter,  zAisammen  188, 
im  ganzen  355  Mann.  Li  seiner  im  Dezember  1739  an.  den 
Befehlshaber  von  Pe'tervarad,  Baron  Helfreich,  gerichteten  Ein- 
gabe erwähnt  Raskovic,  die  Albaner  hätten  sich  tapfer  chux-h 
die  türkischen  Reihen  durchgekämpft  und  die  Truppe  der  Kle- 
mentiner,  ursprünglich  1000  Mann  stark,  sei,  nachdem  sie  in 
allen  Gefechten  teilgenommen  hatte,  auf  355  Mann  zusammen- 
gesclu-umpft.  Die  Türken  hätten  die  Klementiner  vielleicht  zurück- 
tjernfen,  doch  diese  wollten  lieber  dem  Kaiser  ti-eu  bleiben  und 
kampierten  jetzt  in  den  Wäldern  Syrmiens,-  Die  Albaner  waren 
zweifellos  durch  raitzische  Offiziere  organisiert  w^orden,  denn  mit 
Ausnahme  von  Zweien  (Deda  Gjondokovic,  Fata  (.lioka)  sind  alle 
Hauptleute  Serben  und  Raskovic  selbst  war  ein  alter  Soldat,  der 
seit  der  ersten  (t690)  Einwanderung  avanciert  war.  Wir  können 
davon  absehen,  eingehend  zu  imtersuchen  inwiefern  Raskovic  die 
Verdienste  seiner  Leute  überti-ieben  hatte,  sicher  ist,  daß  sich 
auf   der    neuen    türkischen    Grenzlinie,    an    der    Save^    zwischen 

•  Übel-  die  H;ijdviken  ausführlicher  A.  Takdts  in  seiner  Geschichte 
der  iiiioarischeu  Infanterie.  Budapest.  Eine  detaillierte  Creschichte  der 
serbischen  Miliz  ist  noch  nicht  geschrieben.  Major  Isakovic  war  schein- 
bar schon  ungarischer  Adeliger;  Sein  "Wappen  ist  ein  Pelikan. 

■'  "Wien.  K.  A.  Dez.  794. 

•i  18  Fähren  Inilicn   Vin  Mann  bewacht. 


317 

ßelgmd  und  liaca    in    einer  liebererzeugenden  Siunpfgegend  der 
o-enüüsame  Balkan-Stamm  am  besten  bewährt  bat. 

Man  hat  ihre  Bitte  umso  eher  in  Betracht  gezogen,  da  sich 
der  Patriarch  am  21.  August  1740  in  Sachen  der  Albiiner  tnid 
Klementincr'  an  den  Prinzen  Karl  von  Lothringen  gewandt  hatte 
und  bereits  in  der  Xühe  der  Save  oder  der  Donau  entlang  Au- 
siedlungsplätze  für  sie  verlangte.-  Man  forderte  hierauf  das 
Verzeichnis  der  betreffenden  Kriegsleute  v(m  ihm  ein.^ 

Im  Jahre  1741  trat  eine  bedeutende  Wendung  in  den 
Geschicken  der  Albaner  ein.  Ein  Teil  von  Trenks  berüchtigten 
Panduren-Truppen  rekrutierte  sich  aus  den  Reihen  der  Klenien- 
tiner.  Sie  verpflichteten  sich  Trenk  mit  einem  besonderen  Treueid. 
Ihre  Rolle  während  des  östen-eichischen  Erbfolgekrieges  ist  be- 
kamit.  Wenn  sonst  nichts,  haben  sie  jedenfalls  überall  Entsetzen 
verursacht,  wo  sie  als  Feinde  auftauchten.  In  der  Geschichte 
Slawoniens  ist  die  Tätigkeit  der  im  Sinne  von  Art.  L.  1741  :XVin 
organisierten  Hofkommission  von  einschneidender  Bedeutung. 
Nachdem  die  Rückeinverleibung  von  Slawonien  und  Syrmien  fest- 
irelest  war,  wurde  eine  Kommission  von  Kammerräten,  bestehend 
aus  dem  Banus  von  Kroatien,  Grafen  Batthyany,  Feldmarschal- 
leutuant  Baron  von  Engelshofen,  Grafen  Patachich  und  Baron 
Ladislaus  Vajay  ausgesandt,  deren  Aufgabe  es  war,  das  tüi*  die 
]Militärgrenze  bestimmte  Gebiet  von  dem  sogenannten  bürger- 
lichen Gebiet  zu  scheiden.  Die  Kommission  entledigte  sich  dieser 
Aufgabe,  indem  sie  das  Gebiet  von  der  Mündung  der  Save  bis 
zur  Lonja-Mündung  als  Teil  der  Militärgrenze  bestimmte.  Bei  der 
Regulierung  von  Syrmien  nahm  man  besondere  Rücksicht  auf 
die  Emigranten,  indem  am  17.  Juni  1743  gemeldet  wurde,  mau 
werde  2859  serbischen  und  albanischen  Familien  Plätze  anweisen 

1  Gewiß  waren  auch  Angehörige  anderer  Stämme  unter  ihnen. 

2  Orig.  in  dem  Wiener  Staatsarchiv  lllyr-Serb.  „zu  dato  mit  kein 
Ihnen  und  der  Ihrigen  zum  Unterhakt  noetigten  Terram  begnadiget  worden 
seyen",  obwohl  sie  in  ihren  wiederholten  Eingaben  die  gräflich  Schön- 
boruschen  und  Colloredoscheu  Waldungen  in  Slawonien  bezeichnet  haben, 
wo  sie  reichlich  Platz  gefunden  hätten,  E.  A.  1739 — 42. 

•'  Wien,  K.  A.  Dez.  17-10. 


318 


müssen.  Auch  der  Patriarch  war  in  dieser  Angelegenheit  tätig. 
die  er  hei  dem  Hotkriegsrat  stets  zu  beschleunigen  suchte  und 
dabei  betonte,  dal.l  die  Serben  und  Albaner  Soldaten  bleiben 
wollen  und  auch  in  bezug  auf  die  Übernahme  dieser  oder  jener 
Besitzung  Vorschläge  machte.  Nach  langwierigen  Verzögerungen 
faßte  der  Hofkriegsrat  (am  18.  Augast  1742)  den  Beschluß,  dal.», 
wenn  man  in  Slawonien  füi*  diese  Einwanderer  keine  Ländereien 
finden  könnte,  möge  ein  Teil  sogleich  an  der  Meeresküste  ange- 
siedelt werden.'  Um  diese  Zeit  wurde  jedoch  die  lang  erwartete 
Arbeit  der  slaAvonischen  Landeskommission  beendet  und  es  konnten 
die    Ansiedelungs])lätze    auch    kartographisch    bestimmt    werden. 

Für  die  Albaner  wurde  das  unbewohnte  Land  auf  der 
damals  dem  Freiherrn  von  Pejachevich  gehörenden  Herrschaft 
Mitrovica-  als  gfeeis^netstes  befunden. 

Der  Herrschaft  gehörten  auch  die  Dörfer  HrtJcovrl  und 
Nikinci  an.  Li  beiden  waren,  wenn  auch  nicht  zahlreich,  ältere 
Ansiedler  vorhanden  :  in  Hrtkovi-i  AAaren  es  zusammen  20  Familien. 
Ihre  Armut  beweist,  daß  hier  um-  17  Pferde,  19  Ochsen,  20  Kühe, 
22  Kälber,  10  Schafe  und  Ziegen,  56  Schweine,  65  Bienenkörbe 
und  29  Joch  urbares  Ackerland  konskribiert  Mnirden.  Die  An- 
siedler waren,  nach  ikren  Namen  zu  ui-teilen,  aus  Bosnien 
emo^eAvanderte  Angehöricre  der  griechisch-orientalischen  Religion. 
Ostoja  hieß  ihr  „Knes'',  der  Oi-tsrichter  Avird  nicht  erAvähnt,  die 
übrigen  Namen :  Atanackovic,  Petrovic,  Vukovic,  VukomiroAdc, 
Vucic,  Zivkovic  klingen  entschieden  serbisch,  nur  einer,  Stanko 
Sturdzia,  scheint  walachisch  zu  sein,  Über  Nikinci  erfahren  Avir 
bloß,  daß  es  dort  6  unbewohnte  Gründe  gab,  die  Bewolmer  der 
übrigen  Gründe  werden  nicht  erwähnt.^  In  der  Herrschaft  waren 
insgesamt  88  "Ai  besiedelte  mid  124'V2i  mibeAvohnte  Gründe  vor- 
handen. Die  Hotivommission  hat  diese  imbewohnten  Gründe  für 
die  Militärgrenze  beansprucht  und  der  militärische  Fiskus  be- 
zahlte für  den  Besitz  1846  Gulden  52"'/2i  Kreuzer. 

Aber    es    wähiie    lange,    bis    der    Vorsclüag    Avirklich   zur 

'  Metropolitanarchiv  in  Karlovic.  1742:  136,  B.  8,  181. 
-'  Im  Mittelalter  Szäva-Szent-Demeter  genannt. 
'  Ung.  Laudesarch.  Urb.  et  conscr.  f.  132,  21,  2-5. 


319 


Ausfühnmg  gelangen  konnte.  Vorderliimd  wurde  die  Sache  „ein 
Gegenstand  von  Beratungen".  Die  Versucdie,  die  man  anstellte, 
nahmen  drei  Jahre  in  Anspruch.  Vorerst  wurden  einige  Soldaten- 
familien in  der  Nähe  von  Karloca-Karlovic  angesiedelt,  jedoch 
nicht  mit  gutem  Erfolg,  da  sie  mit  den  älteren  Ansiedlern  in 
Streit  gerieten.  Eine  ernstere  Ersdioinung  war  es,  als  Klemen- 
tiner  aus  Syrmien  über  die  türkische  Grenze  flüchteten,  worauf 
der  Befehl  ausgegeben  wurde,  die  Leute  besser  zu  behandeln. 
Es  ist  kein  Wunder,  wenn  die  andauernde  Unsicherheit  und  die 
leeren  Versprechungen  die  Disziplin  lockerten,  auch  die  Klage, 
sie  würden  von  ihi-en  Hauptleuten  bedrückt,  kehrt  immer  wieder.' 
Das  hatte  zur  Folge,  daß  „bis  es  Frühling  wurde  und  das  Laub 
der  Wälder  sproß,  bildeten  sich  Räuberbanden"  aus  serbischen 
und  klementinischen  Soldaten  in  Syrmien. - 

Die  slawonische  Landeskommission  sah  jetzt  ernster  darauf, 
die  Angelegenheit  zu  ordnen.  Man  verkündete  den  reuig  sich 
meldenden  Räubern  Begnadigung  und  wies  1332  neu  konskri- 
bierten  serbischen  mid  albanischen  Bauern  in  dem  Komitat 
Veröce  Gründe  an.^  Es  baten  84  Räuber  um  die  versprochene 
Begnadigung. 

Im  Jahre  1746  interessierte  sich  auch  die  Königin  Maria 
Theresia  lebhaft  für  die  Sache.  Sie  verordnete  die  Besiedelung 
und  stellte  aus  der  1081  Mann  (638  Serben.  443  Klementiner) 
zählenden  Schar  das  Militärgrenzregiment  von  Syi-mien  auf.  Zwei 
Hauptleute  des  Regiments,  Deta  mid  Fata  Giokich  sind  Albaner 
aus  der  früheren  Kompagnie.^  Die  Königin  verordnete  auch,  daß 
bei  den  Albanern  römisch-katholische,  bei  den  Serben  orthodoxe 
Offiziere  angestellt  werden  sollen. 

Die  Frage  der  Religion  spielte  damals  bereits  eine  bedeu- 

1  1745  Wien,  K.  A. 

"^  Meldung  des  Befehlshabers  von  Petervarad  Freiherren  von  Helf- 
reich, März  171G,  171. 

^  Wien,  K.  A.  Juni  1476,  167. 

*  Wien,  K.  A.  1746,  482,  507 ;  1447,  425.  Später  finden  wir  die 
Namen  der  albanischen  Offiziere  Deda  Ivanii,  Deda  Luka,  Deda  Ginnovich 
(Gyon  =  Johann). 


320 


teiido  liolle  unter  den  neuen  Elementen  tler  Militärgreu/.e,  Sie 
hatten  nümlicli  angeblich  einen  albanischen  Geistlichen.  Namens 
Summa,'  der  —  so  hieij  es  —  mit  ihnen  im  Jahre  1738  ins 
Land  trekommen  war.  Gewiß  haben  Missionäre  die  Seelsor^e  miter 
ihnen  (jreiibt.  aber  aucli  diese  wohnten  in  ärmlichen  Hütten,  wie 
ihre  notleidenden  Gläubigen.-  Während  die  benachbarten  Popen 
von  den  Serben  reichlich  versorgt  wurden,  mußten  die  armen 
Missionäre  Hunger  leiden.  Endlich  bat  Frk  Pietro  Paolo  de 
Arezzo  mit  Hinblick  daraui"  im  Namen  der  Klementiner  die 
Könio-in.  sie  mö^e  sie  mi  Temeser  Banat  und  zAvar  in  der  Nähe 
von  Siebenbürgen  ansiedeln,  doch  hatte  auch  dieses  Gesuch 
keinen  Erl'olt^.  obwohl  man.  wie  es  scheint,  m  Symiien  die  Ent- 
l'ernung  dieser  unruhigen  Elemente  nicht  ungern  gesehen  hätte. 
Inwiefern  die  Klage  der  Klementiner  berechtigt  war,  die  grie- 
chisch-orieutahsche  (orthodoxe)  Geistlichkeit  bedrücke  sie  ihres 
Glaubens  halber,  entzieht  sich  der  Beurteilimg.  Tatsächlich  haben 
1748,  mit  der  Ausnahme  von  80  ihrer  Leute,  3(>0  Klementiner 
die  Absicht  gehabt  in  ihre  alte  Heimat  zurückzuwandern,  indem 
sie  den  oberwähnten  Umstand  als  ihren  Beweggrund  angaben. 
Als  man  dann  die  Anstifter,  deren  man  bald  habhaft  wurde,  zur 
Rechenschaft  zog,  antworteten  sie,  es  sei  ihnen  mit  der  Anklage 
nicht  ernst  gewesen,  sie  hätten  nur  die  Aufmerksamkeit  des 
Hotki-iegsrates  auf  ihre  elende  Lage  lenken  AvoUen.  „Es  gereichte 
der  Mihtärgi-enze  nicht  zum  großen  Schaden  —  so  heißt  es  in 
dem  amtlichen  Bericht  —  wemi  dieses  leicht  ersetzbare  VoUv 
richtig  auswandern  würde,  aber  aus  politischen  Rücksichten  ist 
es  zu  vermeiden."^ 

Seit  1749  war  endlich  die  Sache  der  Ansiedler  endgültig 
geordnet.  Aus    der    Pejachevich'schen  Hen'schaft  IVIitrovica  wies 

'  Aügeblich  hat  er  bis  1775  1800  Gulden  (?)  von  der  slawonischen 
Kammer  bezogen  und  ist  1775  gestorben.  Näheres  über  ihn  ist  nicht 
bekannt. 

*  Am  20.  April  1750  werden  von  der  Hofkammer  250  Grulden  für 
die  fünf  Missionäre  augewiesen,  die  die  zerstreuten  Klementiner  pasto- 
riei-ten.  Wien,  Ai'chiv  des  gem.  Finanzministeriums. 

^  Wien,  K.  A.  9.  Nov.  1748,  86. 


321 


man  ihnen  222  Gründe  an  und  der  Kern  des  Albanei-tumes 
siedelte  sich,  in  Hrtkovci.  Nikinei  und  Jarak  an,  nachdem  ein 
Teil  sich  nach  O-Palunka^  in  die  Leibeigenschalt  begeben  hatte, 
da  sie  nicht  länger  beim  Militär  dienen  wollten.  Diese  haben 
sich  dann  der  katholischen  Bevölkermig  der  betreffienden  Dörfer 
assimiliert." 

Ihre  weitere  Geschichte  ist  von  ortskundlicheni  Interesse. 
Hi-tkovci  und  Xikdnci  (richtig  Nikitinci)  sind  heute  bevölkerte 
Dörfer.  Nach  der  Volkszählung  von  1900  wurden 

in  Hrtkovci   (samt  der  Puszta  Golomac)     2565 -[-38 
in  Xikinci  (samt  der  Puszta  Tiganj)  1773 -[-43 

Einwohner  gezälilt. 

Unter  diesen  gab  es  fremdsprachige,  nämlich  die  Klemen- 
tinersprache  sprechende 

in  Hrtkovci 87  Einwohner 

in  Nikinei 18  „        ^ 

Aus  der  letzten  Yolkszälilimg  von  1910  läßt  sich  nur  so- 
viel feststellen,  daß  die  Bevölkerung  von  Hrtkovci  2517  Seelen 
aufweist,  also  abgenommen  hat,  in  Nikinei  zählte  man  2005 
Seelen,^ 

Man  kann  sicher  annehmen,  daß  die  in  ihren  Formen  be- 
reits stark  kroatisierte  Klementinersprache  nur  mehr  von  wenigen 
alten  Leuten  gesprochen  wird.  Es  ist  dies  eine  natürliche  Er- 
scheinung, Avo  die  Leute  in  dem  Serbentum  eingekeilt  leben,  ihre 
Kinder  in  den  Schulen  in  der  kroatischen  Landessprache  unter- 
richtet Averden  und  der  Gottesdienst  kroatisch  ist.  In  einigen 
Jahrzehnten  wird  nur  mehr  die  Erinnerung  an  die  früher  übliche 
Sprache  übrig  bleiben.  Die  Etlmographie  wird  aus  einzelnen 
Zügen  gewisse  Eigentümhchkeiten  feststellen,  bis  sich  allmählich 
auch  die  letzte  Spm-  einer  Verschiedenheit  verloren  haben  wird. 

'  Komitat  Temes,  Bezirk  Fehertemplom  ;  es  fehlt  jede  weitere  Spur 
von  ihnen. 

-  Wien,  K.  A.  Jau.  1749,  412  und  1750  Prot. 
■  In  1883  haben  noch  70  albanisch  gesprochen. 
"*  Ich  verdanke  die  Daten  M.  Suttlay. 

21 


322 


In  ilu'en  gescliiclitliclien  Beziehungen  ist  die  173-jährige- 
Vergangenheit  dieser  Xationalitiit  nicht  uninteressant,  weil  sie 
den  Beweis  ihrer  zähen  Lehenskralt  erbringt.  Sie  ist  auch  des- 
halb  von  Interesse,  weil  sie  einen  Einblick  in  jenen  großen 
soziologischen  Prozeß  gewährt,  in  dessen  Verlauf  Südungarn 
im  XVm.  Jahrhundert  durch  die  bewaffnete  und  die  bürokra- 
tische Macht  der  Habsburger  neu  bevölkert  Avui-de. 

II.  Borgo-Erizzo  bei  Zara.' 

Südlich  von  Zara,  dem  anmutigen  Blazekovic-Park,  be- 
ziehungsweise dem  militärischen  Übungsfeld  entlang,  erstreckt 
sich  die  Vorstadt  Borgo-Erizzo.  Eigenthch  ist  es  ein  (2  Kilometer 
langes,  0'5  Kilometer  breites)  Dorf,  das  die  Landzunge  zwischen 
dem  Canale  di  Zara  und  Valle  di  Borgo  einnimmt.  Eine  Reihe 
ebenerdiger,  mit  stockhohen  abwechselnden  in  italienischer  Art 
geljauter  Häuschen  zieht  sich  dahin,  deren  äußerhches  Bild  kaum 
von  den  übrig'en  kleineren  Oiten  an  der  adriatischen  Küste 
abweicht.    Diese    Niederlassung    wird    von    aus    der  Türkei  ent- 

'  Literatur :  Prof.  Tullio  Erber,  „La  colonia  albanese  di  borgro 
Erizzo  presso  Zara"  veröifeutlicht  in  Bibliotheca  storica  della  Dalmazia. 
Ragusa,  Tipogr.  Flori  1882.  (160  Seiten.)  Ein  Quellenwerk,  aber  unvoll- 
ständig. Daf5  Staatsarchiv  in  Venedig  ist  unbenutzt  geblieben. 

Franz  Fetter,  Dalmatien  in  seinen  verschiedenen  Beziehungen» 
Gotha,  1857. 

Carram,  La  Dalmazia.  (Kurz,  auf  '22  Seiten.) 

Stjepan  Buzolic.  Zadarski  Arbanasi  i  Prabiskup  Zmajevic.  (Die 
Albanier  von  Zara  und  Erzbischof  Z.)  erschienen  in  „Narodui  Koledar" 
in  1868. 

Spiridion  Gopcevic,  PJthnographische  Studien  in  Oberalbanien. 
(Dr.  Petermanns    Mitteilungen,    (lotha,    1880.)  —  Oberflächliche    Arbeit. 

Reinlmrd  Petermann,  Führer  durch  Dalmatien.  Wien,  1809. 
Holder.  Über  die  Sprache  s.  die  Ausführungen  von  G.  Waigand  in  den 
Jahresberichten  des  Leipziger  rumänischen  und  bulgarischen  Instituts. 

Dott.  Pietro  Addobati,  Lotta  tra  soldati  tedeschi  e  villici  di  Borga 
Erizzo.  Erschienen  in  „Consigliere  e  Commissai'io  criminale"  1799.  (Das 
Manuski-ipt  befindet  sich  in  der  Paravia-Bibliothek  in  Zara.) 

Shyptaret  e  Borgo-Erizzo  :  (Die  Albanier  in  Borgo-Erizzo. i  In  der 
Zeitschrift  Albania.  Bruxelles,  19u2. 


323 


stammenden  Albanern  bewolint,  die  um  den  heimischen  Herd 
noch  immer  ihre  althergebrachte  Sprache  sprechen  und  —  wenn 
auch  verschwommen  —  ein  Andenken  ihrer  Herkunft  Ijewahi'en. 

Die  Ansiedehin<j^  dieser  Elemente  (in  Zara  und  Umgebnnt; 
werden  sie  Arbanasi  genannt,  vgl.  mit  dem  ungarischen  Namen 
Ürbonäs)  hat  sich  nicht  auf  einmal,  sondern  im  Laufe  der  zweiten 
Hälfte  des  XVIII.  Jahrhunderts  scharenweise  vollzogen. 

Die  Repubhk  Venedig  legte  als  Beherrscherin  Dalmatiens 
und  des  Küstenlandes  stets  Gewicht  darauf  den  christlichen 
Völkerschaften  unter  türkischer  Herrschaft  als  die  befreiende 
Macht  zu  erscheinen.  Von  einzelnen  Flüchtlingen  abgesehen,  nahm 
sie  auch  scharenweise  auswandernde  Elemente  freundlich  auf.  Es 
sei  noch  bemerkt,  daß  die  Umgebung  und  das  Hinterland  der  Bucht 
von  Cattaro  nach  der  poKtischen  Einteilung  der  venezianischen 
Herrschaft  die  Benennung  Albania  Veneta  führte,  so  daß  die  Ein- 
wohner  der  Provinz  im  Laufe  des  XVin.  und  XIX.  Jahrhunderts 
von  Amts  wegen  oft  Albaner  genannt  wurden  und  sich  auch 
selbst  so  namiten,  obwohl  ihre  Muttersprache  serbisch,  ihre 
Rehgion  die  griechisch-orientalische  war. 

Im  Jahre  1(555  beabsichtigte  der  albanische  Hau})tmann 
Capitano  Nicolo  Cechlina  eine  aus  fünfzig  Famihen  bestehende, 
etwa  hundert  Seelen  zählende  „albanische"  Ansiedlerschar 
nach  Istrien  zu  geleiten  und  fand  auch  einen  geeigneten  Ort 
für  seine  Leute  daselbst,  12  Meilen  von  Fontane  entfernt.  In 
seiner  Eingabe  forderte  er  von  dem  damaligen  Gubemator  von 
„Dalmatien  und  Albanien",  Antonio  Zen  folgende  Zugeständ- 
nisse :  daß  seine  Leute  der  nämlichen  Freiheiten  teilhaftig 
werden,  deren  sich  die  Zupaer  '  erfreuen,  ferner  beansprucht  er 
materielle  Hilfe,  freie  Religionsübung    für    das  griechisch-orien- 

'  Zupa  ist  ein  zu  dem  Bocclie  di  Cattaro  gehöriges  Gebiet  zwischen 
Cattaro  und  Budua,  das  aus  den  Bezirken  (Contea,  Zupa)  Lazai'evic, 
Tukovic,  S.  Sava  und  S.  Mai'ia  bestand  und  1647  unter  venezianische 
Oberherrschaft  kam.  Unter  der  Leitung  ihrer  Zupane  (Conte,  Knes)  blieben 
die  Bewohner  in  ihrer  alten  Stammesorganisation  und  die  Republik  übte 
nur  in  ivapitalst allen  die  Rechtsprechung  und  vertrat  die  Interesi^en  de^ 
Landes  den  Türken  gegenüber. 

21* 


talische  Hekenntnis,  ferner  wünschte  er,  die  Kepnblik  möge 
ihnen  eine  Kirche  bauen  und  Material  zum  Bau  ihrer  Hiiuser 
Werkzeuge  und  Gerätschaften  zum  Ackerbau  liefern,  sie  sollen 
nicht  vei-pflichtet  sein,  auf  der  See  zu  dienen,  sollen  nur  von 
ihrem  eigenen  Hauptmann  abhängen,  dieser  hingegen  unmittel- 
bar der  Regierang  selbst  Untertan  sein,  schließlich  forderte  er, 
man  möge  seine  Leute  gemeinsam  ansiedeln.  Der  Umstand,  daß 
es  Griechisch-Orientale  waren  und  die  Freiheiten  der  Zupa  be- 
anspruchten, läßt  es  wahrscheinlich  erscheinen,  daß  es  sich  hier 
eigentlich  lun  Bocchesen,  also  um  serbische  Dalmatiner  oder 
Montenegriner  gehandelt  hat.  In  dem  Dorfe  Peroi  in  Istrien,  in 
der  Nähe  von  Pola,  leben  auch  heute  sogenannte  Albaner. 
Grichisch-Orientale  in  Bocchesenti-acht,  die  aber  eigentlich 
1645  — 1647  dort  angesiedelte  montenegrinische  oder  morlakisehe 
Kolonisten  sind.^ 

Inwiefern  die  erwähnte  Kolonisation  erfolgreich  gewesen 
ist,  läßt  sich  nicht  mit  Sicherheit  feststellen.  Tatsache  ist,  daß 
die  Iiepublik  1675  dem  Gubemator  von  Dalmatien  die  Weisung 
erteilte,  er  möge  die  nach  Neapel  flüchtenden  „Albaner", 
selbst  wenn  sie  schon  in  See  gestochen  seien,  von  der  Aus- 
Avanderung  zurückhalten.'-  Ob  es  sich  hier  um  die  eigenen,  oder 
um  tüi-kische  Untertanen  gehandelt  habe,  bleilit  eine  offene  Frage. 

In  den  Jahren  1705—1707  hat  Giustino  da  Riva  Statt- 
halter (Proveditore)  von  Dalmatien  bei  seiner  amtlichen  Rund- 
fahrt mit  den  bocchesischen,  montenegrinischen  und  albani- 
schen Stämmen  eine  festere  Freundschaft  geschlossen.  Diese 
Völkerschaften  haben  sich  zu  seiner  Begrüßung  in  Cattaro  ver- 
sammelt und  sich  als  Bundesgenossen  gegen  die  Türken  an- 
geboten. 

Im  Laufe  des  Jahres  1707  entstanden  zAvischen  den  Malis- 
soren,   den    in    den    Gebirgen   nördhch   von    Skutari   ansässigen 

•  Thonra  moöt  albanisch  Tal.  Über  diese  Ansiedlung  und  über 
die  zeitweise  in  verschiedenen  Gegenden  in  Istrien  angesiedelten  Alba- 
ner 8.  Dott.  Beruado  Schiavnzzi,  Cenni  storici  suUa  etnogi-afia  delflstria 
89,.  91  und  98—99. 

-  Erber,  a.  a.  0.  S.  16. 


o25 


Stämmen,  insbesondere  den  Klementineni  und  den  türkiselien 
Behörden  Zusammenstölie,  weil  die  Pforte  die  Angriffe  der 
Gebirgshirten  wider  die  Ackei^bau  treibende  Bevölkerung  nicbt 
länger  dulden  und  die  Unabhängigkeit  dieser  Stämme  mit  Gewalt 
beschränken  wollte.'  Der  Vertreter  der  Republik  beschenkte 
—  wie  gewöhnlich  —  ihre  Häuptlinge  und  empfing  in  C'astel- 
nuovo  (Herceg-Novi)  den  Vladika  von  Montenegro,  der  damals 
nur  das  kirchliche  Oberhaupt  der  Bergl)ewoliner  der  Crnagora 
war.  Der  Pascha  von  Skutari  behandelte  die  Klementiner  nicht 
glimpflich,  indem  er  sie  von  ihren  Weideplätzen  verdrängte  und 
sie  außerdem  zwangsweise  in  anderen  Gegenden  ansiedeln  wollte. 
Das  war  die  unmittelbare  Veranlassung  ihres  Aufstandes.  Sie 
gingen  allmählich  durch  und  wußten  sich  dem  Machtbereich  des 
Paschas  zu  entziehen,  was  wieder  den  mohammedanischen  Grund- 
besitzern zum  Schaden  gereichte.  Aus  solchen  kleinen  Kämpfen 
bestand  das  Leben  der  Stämme,  die  täglich  um  ihr  Brod  streiten 
nmßten. 

Die  dalmatinische  Ansiedelung  der  Albaner  ging  doch 
nicht  aus  den  Unruhen  der  Klementiner  hervor.  Da  sich  die 
türkische  Macht  den  nördhch  von  Skutiiri  wohnenden  Gebirgs- 
stämmen  gegenüber  ohnmächtig  erwiesen  hatte,  ließ  sie  die  im 
Tiefland  ansässigen  christlichen  Albaner  ihre  Kache  fühlen 
und,  wie  es  auch  sonst  die  Gei)flogenheit.  der  türirischen  Paschas 
war,  die  über  Mißerfolge  aufgebracht  waren,  beschränkte  sie  in 
der  Ausübung  ihrer  Religion,  ja  hindei-te  sie  sogar  in  der  Be- 
bauung ihrer  Felder.  Südlich  von  Skutari,  in  der  Nähe  der 
Mirditen  (eines  verbündeten  Stammes,  der  ein  Gebiet  von 
1410  Quadratmeilen  bewohnte),  versammelten  sich  1723  die  in 
den  Tälern  der  Gegend  von  Presja  und  Sjak  ansässigen,  mit 
Malissoren  verwandten,  bedrängten  Bauern.  Ihr  kirchliches  Ober- 
haupt war  früher  Vincentius  Zmajevie,  Bischof  von  Antivari 
(damals    Erzbischof   von    Zara),'-  der    ihre    Klagen  anhörte  und 

'  Über  die  Klementiner  s.  \.  Abschnitt. 

-  Geboren  1670  in  Penisto  in  dem  Bocche  di  Cattaro,  wurde  er 
1701  Bischof  von  ^Vntivari  (bis  171.3)  und  war  von  171.3  bis  1710  Krz- 
bischof  von  Zara. 


326 


ihre  ÜbL'i-siedelun*i;  auf  (lalinatinisclies  Gebiet  mit  großem  Eifer 
fV)r<lei-te.  obwohl  es.  auch  einige  Familien  griechisch-orientalischer 
Konfession  unter  ihnen  gab. 

Die  venezianische  Provinz  Dalmatien  fühlte  den  infolge 
der  langen  Türkenkriege  eingetretenen  Blutverlust  nicht  minder, 
als  die  Länder  der  Habsburger.  Die  Kämpfe  an  der  Grenzlinie 
haben  die  bodenständige  Bevölkerung  besonders  schwer  in  Älit- 
leidenschaft  gezogen,  da  die  zahlreichen  türkischen  Räuberhorden 
die  Wurzeln  ihrer  ökonomischen  Existenz  mitunter  ganz  ver- 
nichtet hatten.  \\'enn  auch  die  Friedensschlüsse  von  Karlovic 
und  Passarovic  die  Aufnahme  von  Flüchtlingen  verbaten,  nahm 
die  Republik  doch  jeden,  der  sich  meldete,  mit  Freuden  auf. 

Im  Laufe  der  Jahre  1723  — 1726  regierte  in  Dalmatien  Conte 
Xicolo  Erizzo  (11.).  Als  er  von  Zmajevic  erfuhr,  die  christlichen 
Albaner  meldeten  sich  zur  Aufnahme,  tat  er  sein  möglichstes, 
um  ihnen  brauchljare  Ländereien  anweisen  zu  köimen.  In  der 
Stadt  Zara  selbst  brauchte  man  damals  sowohl  arbeitsame  wie 
auch  mit  den  Waffen  geübte  Hände.  Es  war  das  Geheinmis  der 
Kolonisationspolitik  der  Republik,  daß  sie,  wo  es  anging,  be- 
soldete Arbeiter  anzusiedeln  versuchte.  Der  Statthalter  nahm 
also  die  147  Köpfe  zählenden  18  albanischen  Familien  mit. 
Freuden  auf  und  veranlaßte  P.  Giovanni  Grisogono  (Patrizier 
von  Zara),  daß  dieser  .in  Anbeti'acht  gewisser  Zusagen  seinen 
neben  Zara  gelegenen  Besitz  von  160  Campo  (ein  Campo  nach 
paduanischem  Maß  betrug  1016  AViener  Quadratklafter)  zu 
Ansiedelungszwecken  überließ.  Hieher  wurde  die  Schar  der 
Eingewanderten  nach  vorhergehenden  pünktlichen  Ausmessungen 
angesiedelt,  und  die  Kolonie  Borgo-Erizzo  benannt. 

Die  Provinzialregierung  ließ  den  Leuten  sofort  Behausun- 
gen (bestehend  aus  einem  Hauptgebäude  samt  Stall  und  Scheune) 
aufbauen  und  sicherte  ihnen,  von  dem  Zehnten  abgesehen,  Steuer- 
freiheit zu.  Seit  15.  Augast  1726  gewannen  sie  auch  einen 
gemssen  Yon-ang  indem  sie  einem  selbstgewählten  Capitano 
(Knes)  unterordnet  wurden,  der  die  Interessen  seiner  Landsleute 
dem  Statthalter  gegenüber  vei-ti-at.  Dieser  ernannte  auch  die 
Gemeindevorsteher  (Giudici).  Das  Capitanat  ging  jedoch  im  Jahre 


327 


1759  ein  '  und  die  Kolonisten  wurden  dem  Colonello  del  con- 
iado  di  Zara  untergeordnet. 

Außer  in  der  Kolonie  von  Borgo-Erix/.o  wurden  auch 
etlielie  Familien  aus  den  ersten  Einwanderern  in  dem  etwa 
12  Kilometer  entfernten  Zemonico  -  ansfesiedelt  und  zwar  unter 
denselben  Bedingungen,  die  jenen  bei  Zaru    eingeräumt  wurden. 

1727  wanderten  sieben  Familien  mit  71  Mitgliedern  ein, 
im  Jahre  1733  wieder  28  Familien  mit  löO  Mitgliedern.  1737 
zwang  nämlifh  Omer.  Pascha  von  Antivari  diu'ch  seine  Harte 
die  dortigen  ( 'bristen  zur  Flucht.  Emo,  der  Vorsteher  von  Cattaro 
mahra  sie  gerne  auf.  Aber  nicht  nur  in  Antivari,  auch  unter 
Achmed  in  Skutari  und  nachdem  dieser  abgesetzt  wurde,  unter 
Kurd  Pascha  hatten  die  Albaner  Bedrückungen  zu  erleiden. 
Kurd  Pascha  wollte  wegen  der  Flucht  der  Albaner  bei  der 
Pforte  Protest  erhel-»en,  aber  die  Haltung  des  venezianischen 
(Teschätfsträgers  verhinderte  die  Ausführung  dieses  Schrittes. 

Außer  den  löO  Flüchtlingen  kamen  später  noch  49  über 
Castelnuovo  nach  Zara.  avo  sie  einerseits  der  Statthalter  Grimani, 
andererseits  Bischof  Zmajevic  freundlich  aufgenommen  haben. 
Anfangs  bestand  der  Plan  sie  militärisch  zu  organisieren,  aber 
die  Flüchtlinsce  wollten  nichts  davon  wissen.  Endlich  hat  man 
in  1 73ö  auch  für  sie  in  Bori'o-Erizzo  und  Zemonico  Platz 
geschaffen.  Es  ist  zu  bemerken,  daß  ihnen  die  Regierung  die 
Übersiedelung  von  dem  einen  nach  dem  anderen  Oi-te  streng- 
stens untersagte.  ' 

Die  Zahl  der  Kolonisten  kann  infolge  der  Ungenauigkeit 
der  Verzeichnisse  nicht  sicher  festgestellt  werden.  Im  Laufe  der 
Jalu-e  sind  riele  Familien  ausgestorben,  einige  ausgezogen.  Die 
in  Zemonico  angesiedelten  Familien  haben  sich  mit  dem  kroati- 
schen Element  vermengt  und  man  findet  heute  auch  nicht  die 
Spur  der  albanischen  Sprache  mehr,  selbst  unter  ihren  Familien- 
namen   finden    sich  kaum  mehr  albanische  Anklänge  (Poletta  ?). 

Borcjo-Erizzo    liingeofen    hat   seineu  albanischen  Charakter 

'  Der  erste  Hauptmann  war  Lnca  di  Andrea  (Andreicit'i. 
-  Über    die  Lage  in  Zemonico  s.  P.  Pisani,  Le.s   posses^sions  Yeni- 
tiennes  de  la  Dalmatie  du  XVI.  au  XYIII.  friede.  Paris.  1890. 


328 


bewahrt,  weil  Erz,biscliof  Zmaje\'ic.  indem  er  die  Ehedispens  im 
dritten  Verwandtschattscrrad  envirkt  hatte,  es  ernKicjlichte.  dalJ 
die  Stammverwandten  unter  einander  heiraten  konnten.  Auljer- 
dem  erhielten  sie  auch  albanisch  sprechende  Seelsorger.  1727 
wurde  ihnen  eine  Kirche  gebaut  —  sie  ist  seither  neu  erbaut 
worden  — ,  1737  wurde  auch  ein  Pfarrhaus  errichtet. 

Borgo-Erizzo,  wo  man  1756:  409,  1853:  900,  1880:  2000 
Seelen  gezählt  hat,  ist  heute  eine  von  3194  Seelen  bewohnte 
Ortschaft  und  Pfarrei  (die  Einwohnerzahl  ist  seit  dem  31.  De- 
zember 1900  um  606  gestiegen).  Aber  es  sind  nicht  sämthche 
Einwohner  von  albanischer  Abstammung,  denn  neuerdings  sind 
einige  Insulanerfnmilien  (aus  Kuklica)  und  andere  Elemente  aus 
der  Stadt  in  die  Ortschaft  eingezogen.  Xach  den  Angaben  des 
dalmatinischen  Ortsverzeichnisses  von  1908  wohnen  in  Borgo- 
Erizzo  : 

In  384  Häusern  :  Ihrer  Nationalität  nach : 

Römische  Katholiken     .  2Ö7?>  Kroaten ■J41-"> 

Griechisch-Orientalen     .       13  Italiener 117 

Andersgläubige    ....        2  Deutsche 18 

Andere 23 

Die  kroatische  Nationalität  bezeichnet  hier  blos  die  Um- 
gangssprache und  die  politische  Stellimg,  da  die  österreichische 
Statistik  bekanntlich  die  Muttersprache  nicht  eigens  nibri  ziert. 
Politisch  sind  die  meisten  Albaner  von  Borgo-Erizzo  kroatisch. 
aber  ihre  Muttersprache  ist  die  albanische. 

Was  ihre  Familiennamen  angeht,  lesen  wir  in  dem  Ver- 
zeichnis von  1726  folgende:  Gesgenovich  (3),  Marghiecevich  (lOV 
Matesich  (1),  Cielencovich  (1),  Lucich  (1),  ferner  Petar  Yucca 
Gianova,  Pere  di  Marco  und  Luca  Prend.  Im  Jahre  1733; 
Viagdan,  Preuto  Stani,  Kneunichi,  Nichin,  Luco,  Prendi,  Tamar- 
tinovich,  Muzia,  Popovich,  Marusich,  Pavlov,  Vucin,  Nica-Dol)rez. 
Gioea-Giuchin,  Gioea  Gionon,  Lecca,  Sperz,  Marco\T  Toma,  Covaz, 
Tanovich,  Dioba,  Giuri,  Pertu.  Das  Grundbuch  von  1756  weist 
folgende  Namen  auf  (die  kursiv  gedruckten  sind,  auch  heute 
noch  üblich):  Benjela,  Bitri,  Chiurrorich,  Caliiiffirh,  Covacich, 
Covacevich,    Duca   detto    Cioba,    Diicd,    Giuca,    Jinr'i,  Gelenro';lrli. 


3-29 


Kraste,  Marsija,  Marsani,  Xica,  Nicagi.  l'etani,  l'hirich.  l'ezzi  ISm- 
peljn,  Sestani,  Smini,  Jochich,  Viwa.  (Fnkic),  Vf.adarpii,  Znnrov/ch. 

Die  Namen  sind  (in  italienisclier  Sehreibart)  üljervviegend 
kroatisch,  zum  Teil  sind  sie  aber  von  den  die  Matrikel  führen- 
den Geistlichen  so  geschrieben  worden,  da  die  Albaner,  wie 
auch  die  rumänischen  Hirten,  keine  Familiennamen  gehabt  haben. 

Daß  aber  die  Kolonisten  entweder  von  rein  albanischer 
Abstammimg  oder  aus  zum  Teil  alljanisch  gewordenen  Ele- 
menten hervorgegangen  sind,  dafür  bieten  aul.»er  der  Sprache 
die  bis  in  die  neueste  Zeit  übliche  Blutrache,  verschiedene 
Hochzeitsbräuche  und  ihr  jähes  Temperament  Beweise.  Der 
Typns  hat  wenig  Beweiskraft,  denn  es  ist  sehr  schwer,  unter 
den  verschiedenen  balkanischen  Volkselementen  den  Kassentypus 
zu  bestimmen. 

Auffallend  i.st  es,  daß  die  Kolonisten  ausschheßlich  Acker- 
bau treiben  und  kerne  Seefahrer  sind.  Maritime  Begriffe  fehlen 
auch  in  ihrer  Sprache,  und  es  ist  charakteristisch,  daß  sie  die 
ihnen  von  der  Republik  verliehene  Fischereigerechtsame  um 
billiges  Geld  veräußert  haben.  Es  ist  also  wahrscheinlich,  daß 
der  Hafen  von  Antivari  der  Ausgangspunkt  ihrer  Wanderschaft 
orewesen  ist  und  sie  von  dem  albanischen  Inlande  aus  dahin 
gezogen  sind. 

Die  Tracht  der  Albaner  von  Borgo-Erizzo  unterscheidet 
sich  nicht  von  der  ihrer  dalmatinischen  Xachbarn.  Der  alba- 
nische Jüngling  imd  das  Mädchen  haben  einen  gewinnenden 
otfenen  Blick,  aber  die  Frauen  verblühen  rasch  infolge  der 
schweren  Arbeit.  Es  ist  ein  fleißiges,  ausdauenades  Volk,  das  den 
kleinsten  Flecken  fruchtbarer  Erde  in  dem  felsigen  Gelände 
bebaut.  Dabei  sind  sie  stets  fröliKch.  Alt  und  Jung  singt,  aber 
von  althergebrachten  Liedern  haben  sich  nur  wenige  erhalten. 
Sie  halten  den  Freundschaftsbund  (Pobratimstvo,  an  Bruders 
Sfcitt  annehmen)  sehr  in  Ehren  und  ihr  Familienleben  ist  tadel- 
los. Das  Volk  ist  auch  ein  bildungsHihiges  Element. '  die  Knaben 

'  In  Borgo-Erizzo  gibt  es  eine  kroatische  und  eine  italienische 
Volksschule,  ein  Fröbel-Institut,  und  auch  das  mit  einem  Konvikt  ver- 
bundene Lehrei'seminar  befindet  sich  hier. 


83M 


■werden  in  Schulen  unterriclitet.  iln-e  Handwerker  sind  geschickt, 
besonders  als  Baupoliere  gesucht  und  sie  sind  auch  rührige 
Geschäftsleute.  In  Zara  sind  die  Fleischer  imd  die  Weinhiindler 
fast  ausschließlich  xllbaner.  Nebenbei  sei  erwähnt,  daß  die 
Strolikörbe  der  Maraschino-Flaschen  aus  Zara  aus  dem  Geflecht 
albanischer  Mädchen  hergestellt  werden. 

Im  ganzen  genommen  bietet  sich  da  das  Bild  einer  blühenden 
albanischen  Gemeinde,  die  Zweifelsohne  eine  Zukunft  hat. 

III.  Die  Ital(>- Albaner.^ 

In  dem  westlich  bis  an  die  Adria  dahinziehenden  Gebirge 
der  mazedonischen  Provinz  des  römischen  Reiches  erwähnen  die 
Quellen  die  Stadt  Albanopolis,  die  von  dem  Stamme  yf/.(iai'0}v 
der  Ilhrengruppe  den  Xamen  erhalten  hat.  Ungetähr  in  der 
Gebirgsgegend  von  Kroja  war  dieser  einst  bedeutende  Ort  gelegen. 
Die  Gegend  gehörte  in  byzantinischen  Zeiten  zur  Provinz 
(Thema)  von  Durazzo.  Seit  dem  XI.  Jahrhundert  wurden  mit 
der  alten  Stammesbenennung  diejenigen  Albaner  bezeichnet, 
die  in  dieser  Gebirgsgegend  ihren  alten  nationalen  Charakter 
bewahi't  haben.  Geographisch  nannte  man  das  Viereck  zwischen 
Skutari,  Durazzo,  Ochrid  und  Prizren  Albanien.  Die  griechischen 
< Quellen  nennen  das  Land  '/Jl3avov  mit  der  Hauptstadt  Kroja 
und  die  Nation  '/Infjarlrai.  In  den  latemischen  kirchlichen 
Quellen  werden  sie  unter  den  Benennungen  Arbanenses,  Alba- 
nenses  erwähnt.  Die  Nation  wird  italienisch  Arbanese,  Albanese, 
bei  den  Serben  Arbanas  und  demnach  bei  den  Ungarn  Orbonas 

'  Hahn  a.  a.  0.  —  Thallöczy-Jirecek,  Zwei  Urkunden  aus  Nord- 
albanieii,  mit  einer  Einleituntf  des  letzteren.  S.  oben  S.  125  if.  — 
Francesco  Tajani,  Le  istovie  albanesi.  Salerno,  1887.  —  Bozza.  II  olture 
ovvero  brevi.  notizie  di  Barile  e  de  sue  colonie  Albanesi,  Rionero,  1892  ? 
S.  172.  —  Smilari,  Gli  Albani  in  Italia.  Napoli.  S.  79.  -  Rada  Sulla 
vennta  di  Albanesi  in  Italia.  Rivi.sta  Calabrese.  Catanzai'o.  1898.  — 
Riggio,  Falconara  Albanese.  Rivista  Calabrese  a.  1893.  —  C.  Padiglione, 
Di  Giorgio  Castriota  Scanderbech  e  de  suoi  discendenti.  Napoli.  1879.  — 
M.  Resetar,  Die  serbokroatischen  Kolonien  Südituliens,  Wien,  1911. 
Pnlilikation  der  Balkan-Kommission  der  Wiener  Akrideuiie. 


331 


gpiiKmit.  Die  Türken  hüben  aus  dem  neugriechisclieii  '//Q'JaviTtjg: 
den  Xamen  Arnaut-in  gebildet.  Die  Gegend  von  Arbanon  Avurde 
im  Mittelalter  slawiseli  Rab  genannt.  (Siehe  darüber  die  Aus- 
fülirungen  vun  Ilarion  Ruvarae  in  dem  Archiv  für  slawische 
Geschichte,  XVII.  Bd.  507 ;  vgl.  auch  Jireöek  a.  a.  0.) 

Tatsächlich  war  im  Mittelalter  Kroja  der  Mittelpunkt  von 
Arbanum,  wo  auch  ein  römisch-katholisches  Bistum  liestand. 
Zu  dieser  ProAinz  u;ehörten  die  alljanischen  Schneege]>ir<re  und 
die  südlich  von  Elbassan  gelegenen  Gebirge  zwischen  der  Lim 
und  Drim. 

Der  Name  der  Provinz  wurde  aber  allmählich  auf  größere 
Gebiete  übertrao^en.  Die  Ostküste  der  Adria  nannte  man  hmge 
Sclavonia  (worunter  Dalmatien,  Kroatien  und  Serbien  verstanden 
Avm'den),  und  bekanntlich  wurde  das  ganze  oströmische  Reich 
Rumänien  genannt.  Später  wurde  die  Benennung  Rumänien  auf 
Griechenland  angewendet.  Avährend  die  Benennung  Albanien  bis 
an  die  Meeresküste  galt.  Der  Besitz  der  Anjous  von  Neapel  bei 
Dm-azzo  wird  amthch  immer  regnum  Albaniae  genannt.  Seit  dem 
Ausgang  des  XIV.  Jahrhunderts  verbreitet  sich  die  Benennung 
Albanien  auch  nördlich,  bereits  gehörte  Podgorica  (in  dem 
heuti^J^en  Montenegro  o-ele^en)  dahin.  Während  des  XVI.  Jahr- 
hunderts  Avurde  die  Gegend  zAvischen  Dulcigno  und  Valona 
Allianien  genannt.  Wir  Avürden  uns  wiederholen.  Avenn  Avir 
erwähnen,  daß  das  heutige  Süddalmatien,  nämlich  die  Bucht 
von  Cattaro,  erst  venezianisches,  später,  unter  Napoleon,  franzö- 
sisches und  vor  1848  österreichisches  Albanien  genannt  Avurde. 
Die  heutige  Benennung  Albanien  ist  eher  ein  ethnographischer 
BegriiF,  der  geographisch  und  ethnographisch  kaum  pünktlich 
umschrieben  av erden  kann. 

In  dem  mittelalterlichen  Arbanum  spielte  Kroja  (alba- 
nisch Krua.  das  heißt  Quelle)  die  Hauptrolle.  Der  Ort.  der  tat- 
sächlich mächtige  Quellen  aufweist.  l)esteht  heute  aus  einer 
einzigen  langen  Straße,  um  die  Burg  grui)pieren  sich  kaum 
l'Mjo  Häuser.  Hier  residierten  im  XTT.  bis  XIII.  Jahrhundert 
die  albanischen  Dynasten.  1272 — 128<>  belagerte  Karl  I.  von 
Anjou  die  Stadt  mit   neapolitanischen    Streitkräften,    docli    1280 


332 


eroberten  sie  schon  die  Byzantiner.  Deren  Herrschaft  ^vurde 
nnraittelbar  von  jener  der  Serben  aV^gelöst.  Im  Jahre  1343 
bestätigt  Zar  Dusan  die  Freiheiten  von  Kroja.  Seit  dem  Ausgang 
des  Xni.  Jahrhunderts  setzte  in  den  albanischen  Bergen  eine 
starke  expansive  Bewegung  ein.  Infolge  der  Verheerungen,  die 
durch  die  Kriege  der  byzantinischen  Kaiser,  der  Despoten  von 
Epirus,  der  Anjous  von  Neapel  und  der  Serben  verursacht  wor- 
den sind,  wurden  die  am  Fuße  der  Berge  gelegenen  blühenden 
Ortschalten  vernichtet.  An  deren  Stätte  drängte  der  Uberflul.l 
der  Gebirgshirtenvölker  nach  den  Tälern  und  in  die  Städte  und 
verbreitete  sich  allmählich  über  die  nördlichen  Gegenden 
Griechenlands  und  Thessaliens.  Ihr  Vordringen  verursachte 
lleibungen  mit  der  seßhaften  griechischen  Bevölkerung.  Im  Ver- 
laufe dieser  Kämpfe  haben  die  Serben  die  Albaner  unterstützt 
und  haben  ihre  Ausbreitung  gefördert. 

Nach  dem  Fall  des  serbischen  lieiches  nahm  der  Dynaste 
Karl  Topia  Kroja  in  Besitz.  1403  stand  die  Stadt  unter  vene- 
zianischer Oberherrschaft,  1415  ist  sie  bereits  der  Sitz  des  tür- 
kischen Statthalters  Balaban  Beg.  In  der  Nachbarschaft  von  Eä-oja 
herrschte  Iwan  Kastriota,  der  Vater  des  berühmten  Skanderbeg 
(Georg  Kastriota).  Die  erfolglosen  Kämpfe  Mohammeds  II.  sind 
bekannt,  der  das  Felsennest  vergebens  zu  bezwingen  suchte,  das 
nach  dem  Tode  Skanderbegs  unter  venezianische  Oberhoheit  geriet. 
Im  Jahre  1478  wird  die  Stadt  nach  heftigem  Widerstand  von 
den  Türken  eingenommen,  und  der  Sultan  übernahm  persönlich 
die  Schlüssel  der  Stadt.  Seitdem  wurde  sie  Ak-Hissar  genannt 
und  Avar  eine  wichtio^e  Grenzfestung  der  Türken. 

Die  von  Albanern  bewohnte  Gegend  kam  Avährend  der 
kurz  erwähnten  Kämpfe  des  Mittelalters  in  natürliche  Verbindung 
in  südwestlicher  Richtung  mit  der  neapolitanischen  Dynastie  der 
Anjou.'  Solange  Venedig  Tessaloniki  (Saloniki)  besetzt  hielt,  war 
selbstverständlich  der  venezianische  Einfluß  ausschlaggebend. 
Nachdem    aber    die    Türken    am  2!>.  März  1430  Saloniki  einge- 

'  In  den  Regesten  der  Anjou  aus  dem  neapolitanischen  Staats- 
avehiv tiiiden  sich  bereits  im  XHI.  Jahrhnnilcrt  interessante  Hinweise  über 
das  Verhältnis  der  Albaner  zu  Neapel. 


333 


noramen,  Epirus  zerstört  und  Jaiiina  erobert  hatten,  wurde  der 
dortige  Despot,  Karl  II..  Tocco  nach.  Arta  zurückgedrängt.  Ein 
zweites  Türkenheer  drang  unter  Issak  Beg  nach  Albanien, 
eroberte  das  Gebiet  des  Iwan  Kastriota  und  versah  zwei  Festungen 
mit  türkischer  Besatzung.  Bekanntlich  hat  Iwan  Kasti'iota  mit 
den  Türken  ein  Abkommen  getroffen,  wobei  sein  Sohn  als  Geisel 
in  die  Gewalt  der  Türken  geriet. 

Als  die  Türken  später  sowohl  das  nördliche,  als  auch  das 
südliche  albanische  Gebiet  zu  bedrängen  anfingen,  schickte  De- 
metrius  Paleiolog,  Herrscher  von  Rumänien  und  Morea,  an  Altbnso 
von  Ai-agonien  nach  Xeapel  eine  Gesandtschaft  mit  dem  Aner- 
bieten, dem  König  6000  Berittene  und  eine  entsprechende  Zalil 
von  Fußvolk  zur  Verfügung  stellen  zu  woUen  mit  der  Bedingung, 
daß,  wenn  es  gelänge,  die  Türken  zu  verdrängen,  der  Kaiser- 
thi'on  von  Konstantinopel  ihm  gebühren  soUte. 

Viel  bedeutsamer  war  die  Gesandtschaft  des  Georg  Kastriota, 
der  1451  Stephan,  Bischof  von  Kroja,  nach  Neapel  sandte  und 
dem  König  sein  Land  unumwunden  als  Lehen  antragen  ließ. 
Alfonso  nahm  das  Anerbieten  an  und  setzte  Skanderbeg  als  seinen 
Hauptmann  ein.  dem  damals,  wie  neapolitanische  (Quellen  be- 
haupten, nicht  weniger  als  12.000  Mann  zm-  Verfügung  standen.^ 

Das  alles  bildet  bloß  den  äußeren  Rahmen  der  Geschehnisse. 
Viel  wichtiger  erscheint,  daß  jene  soziale  Ordnung,  die  auf  dem 
von  Albanern  bewohnten  Gebiet  teils  durch  natürliche  Ver- 
mehrung, teils  infolge  der  Albanisierung  von  griechischen,  serbi- 
schen und  bulgarischen  Enklaven  ihren  Anfang  genommen  hatte 
und  das  Volk  teils  dem  Ackerbau,  teils  dem  städtischen  Leben 
anpaßte,  infolge  der  Eroberung  dm*ch  die  Türken  sich  auflöste. 
Aus  den  räuberischen  Hirten,  die  fi-üher  im  Solde  des  byzan- 
tinischen Heeres  gedient  hatten,  sind  allmählich  im  Solde  alba- 
nischer Herren  dienende  nationale  Truppen  geworden,  wie  bei 
den  Katalannen  und  Xormannen.  Unter  fester  Mannszucht,  für 
guten  Sold  dienten  sie  jedem  Herrn,  am  liebsten  freilich,  wo  es 
gegen    die    Türken    galt.    Die    ackerbauende  Bevölkerung  ergriff 

'  Alfonso  V.  de  Aragon  en  Italia.  Von  Jose  Amettler  y  Vinyas. 
IL  Band. 


334 


jedoch  die  Fliiclit.  denn  Türken  und  albanische  Soldti-uppen  hatten 
sie  zwischen  zwei  Feuer  genommen.  ^lit  Serbo-Kroaten  aus  Dal- 
matien  und  mit  Bulgaren  gemischt  finden  ^vir  bereits  im  dritten 
oder  vierten  Jahrzehnt  des  XV.  Jahrhunderts  von  Ankona  bis 
Kalabrien  albanische  Flüchtlinge,  die  von  den  itahenischen  Städte- 
gemeinden gewöhnlich  in  ihren  Grenzgebieten  angesiedelt,  be- 
ziehungsweise unter  ortspolizeiliche  Aufsicht  gestellt  wurden. 

Von  dieser  Emigi-ation  ist  die  Rolle  jener  albanischen  Hilfs- 
truppen ganz  verschieden,  die  unter  der  Führung  von  Demetiius 
(Reres)  Paleiolog  (r*)  König  Alfonso  gegen  Johann  von  Anjou 
beigestanden  sind.  Im  Jahre  1443  nach  der  Erobernng  Kalabriens 
soll  dieser  Demeti-ius  angeblich  Statthalter  der  Provinz  Reggio 
geworden  und  ein  Teil  seiner  Truppen  soll  zum  Schutze  des 
Königs  m  Sizilien  geblieben  sein,  während  zahlreiche  Albaner 
in  der  Provinz  Catanzaro  sich  zersti'eut  und  dort  die  Oi-tschaften 
Andali,  Amato,  Arietta,  (Jaraffa,  Casalnuovo.  Yena.  Zangarone, 
Pallasforio.  S.  Xicolö  dell'Alto.  Carfizzi  und  Cizzerie  gegründet 
haben  sollen.  Unter  diesen  sind  heute  nur  mehr  Caraff'a,  Vena, 
Zangarone,  Pallagorio,  S.  Nicolo  und  Carfizzi  albanisch,  in  den 
übrigen  ist  jede  Spur  von  ihnen  verschwimden.  Diese  bewaffnete 
Ansiedelung  aus  Jlorea  hat  sich  aus  Südalbanern,  die  sich 
selbst  Tosken  nennen,  gebildet.  Wir  können  es  uns  nicht  anders 
denken,  als  daß  diesen  Bewaffneten  auch  ihre  Famihen  gefolgt 
.sind.  Ein  Teil  dieser  Einwanderer  zerstreute  sich  nachweisbar  in 
den  Städten,  wo  ihre  Führer  Adelige  wurden  und  alle  bald  mit 
der  italienischen  Bevölkerung  verschmolzen  sind. 

Die  zweite  große  bewaffnete  und  bald  darauf  friedliche 
Besetzung  vollzog  sich  unter  Skanderbeg.  AufWimsch  des  Papstes 
Pius  n.  rief  nämlich  der  Sohn  König  Alfonsos,  Ferdinand  II. 
gegen  den  mächtigen  Condottiere  Giacomo  Picinino  den  Skau- 
derbeg  nach  Italien  und  ernannte  ihn  gleichzeitig  zum  Statt- 
halter Apuliens,  indem  er  ihn  mit  den  Gebieten  von  Monte  San 
Angelo  und  S.  Giovanni  Rotondo  belehnte.  Mit  Skanderbeg  zogen 
zweifellos  auch  Xordalbaner.  „Gegen"  ins  Land,  ihre  Zahl  kann 
aber  wohl  nur  schwer  bestinmit  werden.  Die  Übersiedelung  nach 
Itahen  blieb  von  diesem  Zeitpunkte  bis  zum  Tode  Skanderbegs, 


335 


man  kann  sagen  bis  zum  Tall  von  Skutari  (1479),  eine  ständige 
Erscheinung.  Die  Auswanderer  kamen  scharenweise ;  fanden  sie 
Plätze,  so  blieben  sie,  wenn  nicht,  zogen  sie  wieder  ab.  So 
gründeten  sie  in  den  Jahren  1467 — 1471  die  Oi-tsohalten  S. 
Elena.  S.  Croce,  Colle  delFLam'O  (in  der  Provinz  Campobasso), 
S.  Demeti'io,  Corone,  Macchia,  S.  Oosmo,  Vaecarizzo,  S.  Giorgio 
und  Spezzano  (in  der  Provinz  C'osenza),  S.  Elena,  S.  Croce  und 
Colle  dell'Lauro  sind  heute  nicht  mehr  albanisch,  weil  die  Albaner 
von  dort  1540  vertrieben  wurden  und  erst  1583  in  Ururi  eine 
bleibende  Stätte  fanden.  AUmählich  verbreiteten  sie  sich  dann  mit 
den  ebenfalls  eingewanderten  Griechen  vermischt  über  die 
Gegend  von  Oti-anto,  die  Capitanata. 

Im  Laufe  der  Jahre  1476 — -1478  haben  sich  albanische 
Grujipen  auch  in  Kalabrien  niedergelassen,  imd  zwar  in  den 
Ortschaften :  Lungro.  Firmo,  Acquaformosa,  Casti'oreggio.  Cerzeto. 
S.  Giacomo,  CavaUerizzo,  Civitä,  Falconara,  Frascineto  samt  Per- 
cile,  S.  Basilio,  S.  Benedetto,  Marri.  S.  (Jaterina,  S.  Lorenzo. 
S.  Martino,  S.  Sofia  d'Epiro,  Serra  di  Leo,  Cer"säcati,  Farneta. 
Mongrassano,  Platici,  Rota  Greca  und  an  verschiedenen  anderen 
Plätzen.  Die  letzteren  sowie  auch  S.  Lorenzo,  Serr^  di  Leo, 
Cervicati,  Farneta  und  Mongrassano  sind  bereits  ganz  itahenisch. 

Um  dieselbe  Zeit  (1477 — 1478)  sind  auch  aus  Skutari  Leute 
eingewandert  und  haben  sieh  an  vielen  Orten  zerstreut,  Ijesonders 
auch  in  Rionero  und  Barile  niedergelassen,  wähi-end  sie  Ginestra 
und  Maschite  neu  gegründet  haben.  Unter  diesen  ist  nm'  mehr 
Rionero  albanisch.  Diese  Skutarioten  waren  übrigens  minder- 
wertige Elemente,  denn  die  Venezianer  ließen  sie  vor  der  Be- 
lagermig  von  Skutari  als  unbrauchbar  aus  der  Stadt  entfernen. 
Die  Truppen,  die  die  Belagerung  überlebt  hatten,  retteten  sich 
nach  Venedig. 

Dieser  überwiegend  aus  nordalbanischen  Elementen,  aus 
Gegen  bestehenden  Einwanderung  folgte  eine  Emigration  von 
Tosiceu  (Südalbaneni)  und  zwar  gewöhnlich  über  Griechenland. 
In  ihren  Liedern  nennen  sie  stellenweise  noch  jetzt  Morea  als 
ihre  ursprüngHche  Heimat. 

Von   den    Verfolgungen    des    Sulüm  Hajazet  11.  flüchteten 


836 


]  3  südalbanische,  vornehme  Familien  üljer  Alessi(j  nach  Sizilien. 
Köni«^  Ferdinand  empfahl  sie  —  an^^ehlich  waren  es  Verwandte 
des  Skand«}rbe<^  —  dem  Vizeköni«^  von  Si/vüien.  Eine  dieser 
Familien  (Adriano)  gründete  den  Ort  Palaxxo  Adriano  in  der 
Provin//  Palermo  iin  .Jahre   1481. 

Von  Albanern  gegründete  (Jrtschaften  in  Si/.ilien  sind: 
Plana  di  Greci,  Bronto,  Meyy/xjjuso,  S,  Angelo  und  S.  Michele 
und  viel  später  S.  Cri.stina  Gela  (1G91),  Von  diesen  sind  gegen- 
wärtig nur  Piana  und  S.  Cristina  Gela  albanisch,  während  in 
Pala/.7.o  nur  '» — '»  albanisch  sprechende  Familien  wohnen.  In 
Me/.ÄOjtiso  hat  sich  /Ann  Teil  der  griechische  Ritus  erhalten  imd 
in  der  Bevölkerung  lebt  noch  das  Andenken  ihrer  gi'iecliisch- 
albanischen  Herkunft. 

Als  die  Türken  die  Walachei  eroberten,  flüchteten  ver- 
schiedene albanische  Familien  (so  die  Masci)  nach  Italien.  Auch 
im  Jahre  1490  wandten  sich  einige  Familien  unter  der  Führung 
voll  Alessio  Comite,  eines  vornehmen  Fanarioten  aus  Konstanti- 
nopel dalu'n.  15'i4  erlolgte  eine  neuerliche  Einwanderung  aus 
dem  südlichen  Teil  des  Peloponnesus  (Morea).  Die  Einwohner 
der  StäcRe  Koron,  Modon  imd  Patras  kamen  auf  Schiffen  Karls  V. 
nach  Italien.  Diese  /zerstreuten  sich  bald  in  den  italo-albanischen 
Ansiedelungen,  avo  ihnen  eine  geachtete  Stellung  eingeräumt 
wurde. 

Im  Jahre  1G75  kamen  ebenfalls  aus  Süd-Morea  (aus  Mania 
in  Lakonien)  die  Manioten  nach  Italien  und  ließen  sich  in  Barile 
und  anderen  Ortschalten  nieder.  Nach  ihren  Strohhütten  (Paglia) 
wurden  sie  „Pagliari"  genannt,  ihre  schwarzen  Hemden  (Camicia) 
gaben  zu  der  Benennung  „Uamiciotti"  AnlaU.  AVahrscheinlich 
waren  diese  die  von  Tajani  und  anderen  Schriftsteller  erwähnten, 
iliren  Angaben  nach  1080  eingewanderten  „schwarzen  Albanesen". 
die  in  den  Ortschaften  Ururi,  (Jhieuti,  Portocannone,  (.'ampomarino, 
Montecillone  und  Casalvecchio  angesiedelt  wurden. 

In  1744  erfolgte  die  letzte,  aber  nicht  mehr  bedeutende 
albanische  Einwanderung:  es  haben  sich  etwa  10,  aus  dem  Dorfe 
Pichermi  (Chimara)  stammende  Faraihen  in  Villa  Badesa  nieder- 
gelassen. 


837 


Die  Albaner  kamen  liäuti«;  niit  anderen  Kassen,  meistens 
mit  Grriechen  vermischt  nach  Itiilien  und  haben  sich  hier  neuer- 
lich vermengt,  so  daU  sich  ein  eigener  Albtmei-tvpns  entwickelt 
liat,  in  dem  l'harakteristika  der  TosLot  vorherrschend  sind. 

Was  die  Art  der  Niederlassungen  anbelangt,  so  haben  tlie 
Alltaner.  unter  denen  es  auch  iüilienisdie  Elemente  gegeben 
hat.  nur  ausn;üimsweise  neue  Ortschatten  gegründet  und  in  der 
Kegel  von  den  Einwohnern  verlassene  Plätze  okkupiert,  oder  sie 
lieUen  sich  in  der  Nähe  alter  Ortschalten  nieder.  War  die  italie- 
nische Einwohnei-schatt  der  betreti'enden  Orte  den  Ansiedlern 
numerisch  überlegen,  so  haben  chese  sieh  rasch  itulienisiert  oder 
^ie  wurden  von  jenen  vertiiebeu.  im  eni^egengesetzen  Falle  ging 
4;lie  italienische  Minorität  in  den  neuen  Volkselemeuten  aul". 

Was  die  Zahl  der  m  lüilien  angesiedelten  Albaner  beti-itft, 
besitzen  wir  datiir  keine  pimktlichen  statistischen  Angaben.  Die 
folgende,  von  Ti-ajani  zusammengestellte  Ubei-sicht  bietet  im 
großen  mid  ganzen  ein  Bild  der  Verhältnisse,  wie  sie  seit  1881 
und   18! '4  waren. 

Die  Übersicht  der  italo-albani sehen  Getneinden : 


Prorins  CawpofHisso : 

<Jampumai"iuo römisch-katholisch 

Portocannoue 

Uriu'i 

Montecilfone 


» 


V 


Eiuw 

ohnerzahl 

1881 

1894 

1.49-2 

1.684 

2.021 

2.137 

3.540 

3.824 

2.734 

3.100 

9.787  10.74.^ 


Fivntiz  Fwiffiu  : 

Chieuti römisch-katholisch       1.6(54  2.780 

Casalvecchio „  2.442  2.410 

S.  Paolo „  2.591  3.932 

6.697  9.122 

Prori))-  AcelUtiO  : 

Oreci römisch-katholisch       3.156  o.572 

22 


338 


Provinz  Potenzn : 

Barile      römisch-katholisch 

Ginestra „ 

Maschite „ 

S.  Gonstantino griechisch-katholisch 

S.  Paolo „ 

Provinz  Cosenza : 

Acquaformosa römisch-katholisch 

Castroreggio griechisch-katholisch 

Cerzeto    (mit  S.  Giacomo  u.  Cavallerizzo)    röm.-kath. 

Givitä römisch-katholisch 

Falconara ,, 

Firmo gi-ieohiseh-katholisch 

Fi-ascineto  (mit  Percile)  ....  „ 

LungTO    „ 

Platici „ 

S.  Basile „ 

S.  Benedetto  (mit  Marri)    ...  ,, 

S.  Catarina  oder  Pizilia  ....       römisch-katholisch 

S.  Gosmo  oder  Strigari   ....  griecliisch-katholisch 


n 


S.  Demetrio  (mit  Macchia)    .    . 
S.  Giorgio  oder  Mousati     •    .    . 

S.  Martino  di  Finita römisch-katholisch 

S.  Sofia  d'Epiro griechisch-katholisch 

Spezzano römisch-katholisch 

Vaccarizzo griechisch-katholisch 

34.357  44.393 

Provinz  Catanzaro : 

Pallagorio römisch-katholisch       1.139  1.412 

S.  Nicolo  dell'Alto  (mit  Garfizi)  „  1.554  3.622 

Caraffa „  1.251  1.478 


Einwohnerzahl 

18»1 

1S94 

3.884 

4.407 

1.404  (?) 

1.4i;i4 

3.522 

3.245 

1..561 

1.446 

1.083 

836 

11.4.54 

11.338 

1.733 

1.5«V2 

1.104 

1.478 

ö77 

2.613 

2.326 

2.849 

1  ..501 

2.323 

1.^75 

1.971 

1.931 

2.526 

5.155 

4.000- 

1.821 

2.022 

1.835 

2.023 

1.279 

2.537 

920 

823 

727 

823 

2.556 

5.125 

1.308 

1.311 

944 

2.357 

.   1.441 

2.040 

1   3.570 

3.572 

i   1.454 

1.505 

5! 


Vena „  1.000  l.Ouu 


» 


Zangarone      ,,                       1.000  1.000 

5.944  8.512 
Provinz  Ptdermn  : 

Plana  di  Greci  (mit  S.  Gristina)    gi'iechisch-katholisch       8.847  8.470 

Gontessa  Enteilina römisch-katholisch       3.266  2.646 

12.113  11.116 


Gesamtzahl    83.508  98.798 


3S9 


Insgesamt  sind  es  also  3()  Ortschaften  und  3  Marktflecken. 
In  diesen  wohnen  98.798  Menschen,  die  Italo-Albaner  genannt 
Averden.  Von  den  neuerdings  in  ihrer  Mitte  angesiedelten  Italie- 
nern spricht  nur  ein  geringer  Teil  albanisch,  und  in  Palconara 
gibt  es  beispielweise  22  Albaner,  die  ihre  Muttersprache  nicht 
mehr  beherrschen. 

Die  Kolonisationsgeschichte  der  Italo-Albaner  beweist, 
dal.')  diese  Albaner  nicht  rassenrein  sind,  da  es  kaum  eine 
Familie  unter  ihnen  gibt,  in  der  keine  Heiraten  mit  Italienern 
vorgekommen  wären.  Bezeichnenderweise  werden  che  Ansiedler 
von  ihren  eigenen  Schriftstellern  „Skypetaroni"  nämlich  Pseudo- 
Albanem  genannt.' 

So  weit  es  sich  nach  Angaben  aus  dem  XV — XVI.  Jahr- 
hundert schließen  läßt,  karni  man  nicht  behaupten,  daß  es  den 
neu  Angesiedelten  in  Italien  besser,  als  in  ihrer  ursprünglichen 
Heimat  gegangen  wäre.  In  Neapel  hat  sie  zwar  die  katholische 
Dynastie  und  die  Kirche  in  Schutz  genommen,  aber  es  ist  ihnen 
erst  nach  langer  Zeit  gelungen  Häuser  und  Hütten  zu  bauen; 
die  Regierung  war  stets  bestrebt,  die  Ankömmlinge  in  die  Berge 
zu  verdrängen.  Sie  hatten  ihre  Gründe  dazu,  denn  das  Hirten- 
volk m  Kalabrien  und  SiziUen  hat  sich  mit  den  Einwanderern 
in  Räuberbanden  vereinigt.  In  Chieuti  zum  Beispiel  nötigte  die 
italienische  Einwohnerschaft  die  Albaner  die  Stadt  nur  durch 
ein  bestimmtes  Tor  zu  betreten  und  innerhalb  derselben  wurden 
sie  in  einem  Ghetto  zusammengedrängt.  Die  Baronen  von  Neapel 
verordneten  am  3.  Juni  1506,  daß  die  Albaner  nur  in  Orten, 
die  mit  Mauern  umgeben  waren,  wohnen,  nur  unbewaffnet  aus- 
gehen, Pferde,  Maultiere  oder  Esel  nicht  halten  und  überhaupt 
keine  Waffen  tragen  durften.  Dieses  Gesetz  galt  übrigens  auch 
für  Griechen  und  Slawen. 

Daß  dieses  albanische  Volk  aus  einer  den  Griechen  benach- 
barten Gegend  herstammte,  ])eweist  ihr  orthodoxer  Glaube,  dem 
sie  mit  Ausnahme  der  wenigen  katholischen  Ansiedler  aus  Skutari 

'  Es  muß  betont  werden,  dal:")  diese  Angaben  niclit  auf  offiziellen 
Zusammenstellungen  beruhen,  da  die  italienisclie  Statistik  bisher  den 
Bestand  des  Albanentums  nicht  festgestellt  hat. 

22* 


340 


angehörten.  Später  trat  ein  großer  Teil  zum  Katholizismus  über 
und  sie  wurden  aus  Griechisch-Orientalischen  unierte  Griechisch- 
Katholische.  Ihre  Kirchensprache  ist  die  italienische  oder  griechi- 
sche, die  Gemeinde  Piana  ausgenommen  beten  sie  überall  italie- 
nisch und  griechisch/ 

Im  Lauie  der  Zeit  entstanmiten  den  Albanern  zahlreiche 
hervorragende  Schriftsteller,  Juristen,  Kirchentursten,  Staats- 
männer (Crispi  u,  A.).  Es  beweist  die  Zähigkeit  und  Rassen- 
anhänglichkeit der  Eingewanderten,  daß  sie  unter  einander  heute 
noch  den  italo-albanischen  Dialekt  beziehungsweise  eine  Misch- 
sprache sprechen. 

In  wirtschaftlicher  mid  kultureller  Beziehung  stehen  sie 
auf  gleichem  Niveau  mit  den  Süditalienern.  In  den  einzelnen 
Gemeinden  gibt  es  wohl  sogenannte  obligatorische  Normalschulen 
für  Knaben,  aber  um  die  Erziehung  der  Mädchen  künnnem  sie 
sich  nicht.  Die  Zahl  der  Analphabeten  beträgt  75°/o.  Sie  haben 
zwei  Mittelschulen :  in  Palermo  und  in  S.  Demetrio. 

Auch  in  ihrer  Tracht  unterscheiden  sie  sich  kaum  von 
ihren  Nachbarn,  nur  der  scharfe  BHck  eines  geübten  Balkan- 
Ethnographen  vermag  bei  ihnen  geringe  Verschiedenheit  zu 
bemerken. 

Was  ihre  Sprache  anbelangt,  erwähnten  wir  bereits,  daß 
sie  eine  eigene  albanische  Mundari  bildet,  die  dem  Griechisch- 
Albanischen  näher  steht,  als  dem  nördlichen  Dialekt  und  viele 
Elemente  enthält,  die  in  anderen  albanischen  Dialekten  bereits 
ausgestorben  sind.  Nach  der  Meinung  sachkundiger  albanischer 
Philologen  ist  die  italo-albanische  Mundart  eine  Abart  des 
Griechisch- Albanischen,  des  Toskischen.  Die  italo-albanische  Lite- 
ratur ist  lediglich  eine  Spezialität,  die  für  den  Ethnographen  ein 
Interesse  haben  kann.  Es  kann  sich  bei  ihnen  auch  keine  eigene 
Literatur  entwickeln,  da  das  Italienische  durch  die  allgemeinen 
Bildungselemente  und  die  Schulen  innner  mehr  an  Raum  gewiimt. 
In  ihren  Liedern  zeigt  sich  aber  viel  Origmalität,  obwohl  in  der 
Lyrik,  wie  auch  in  der  epischen  Dichtung  der  italienische  Ein- 
fluß   stark    einmrkt.    In    dieser    Beziehung  gleicht  die  Tätigkeit 

'  Insgesamt  gibt  es  unter  ihnen  36.073  Griechiscli-Katholiscjie. 


841 


von  Girolamo  de  Rada  sehr  derjenigen  des  Provenralen  Mistral. 
Ihr  begabtester  Dichter  war  Giuseppe  Serembe,  der  nach  vielen 
Irrfahrten  in  Amerika  umgekommen  ist. 

Zusammenfassend  ist  zu  bemerken,  dal.)  dieses  italo-alba- 
nische  Element,  obwohl  es  innerhalb  des  großen  Italienertums 
keine  Aussicht  hat  ein  selbständiges  nationales  Lel)en  zu  führen, 
—  was  übrigens  auch  gar  nicht  ernst  angestrebt  wird  —  unter 
den  vom  Balkan  ausgegangenen  Emigrationen  —  neben  der  alten 
runumischen  Wanderung  —  am  interessantesten  erscheint.  Wir 
wollten  in  dieser  Skizze  lediglich  auf  den  Gegenstand  hinweisen, 
der,  wenn  man  alle  Gesichtspunkte  entsprechend  würdigen  wollte, 
gewiß  eine  eingehendere  Behandlung  beansprucht.  Die  neueren 
italienischen  Publikationen  über  die  Lokalgeschichte  von  Ankona, 
Kalabrien  und  Apulien  werden  es  mit  der  Zeit  erm()glichen,  ein 
zusammenhängendes  Bild  von  der  bisher  nur  mosaikartig  l)ehan- 
delten  Immigration  zu  gewinnen. 


342 


Beiträge  zur  inneren  Gescliichte  Albaniens  im 

XIX.  Jahrhundert. 

Von  Theodor  Ippen. 

Siütan  Malimiid  H.,  "welclier  im  Jahre  1808  die  Regierung 
des  tüi'kischen  Reiches  antrat,  ist  der  Urheber  der  gründlichen 
Änderung  der  inneren  Verfassung  des  tiü-kischen  Reiches.  Bis 
auf  seine  Zeit  war  die  Verfassung  eine  auf  feudalem  Prinzipe 
beruhende  Autonomie  der  Provinzen,  welche  dem  nationalen 
Geiste  und  den  nationalen  Eigentümlichkeiten  der  im  türki- 
schen Reiche  lebenden  nichttürkischen  Nationalitäten  volle, 
von  keinem  Zentralismus  eingeschränkte  Freiheit  ließ. 

Die  Verwaltung  wurde  von  den  erbgesessenen  Familien  der 
Aga  und  Bej  ausgeübt,  ihre  Machtbefugnisse  waren  erbliche, 
die  Regierung  in  Konstantinopel,  d.  i.  der  Sultan  und  sein  Diwan 
nahmen  nur  Einfluß  auf  die  Besetzung  der  höheren  Amter  in 
der  Provinzialverwaltimg,  der  Posten  der  Sandschak  Bey,  der 
Beyler  Bey  und  der  Wesiere. 

Sultan  Mahmud  wollte  die  lose  autonomistische  Organi- 
sation durch  eine  straffe  zentralistische  Verwaltimg  ersetzen, 
Avelche  mit  den  im  Heerwesen  eingeführten  Reformen  in  besse- 
rem Einklänge  stehen  sollte.  Die  Verwdrklichung  dieser  Pläne 
fand  einen  lebhaften  Widerspruch  bei  den  nichttürkischen 
Nationalitäten  der  Türkei,  den  Albaniern,  Bosniern,  Kurden, 
Syi'iern  und  Arabern,  und  beschwor  harte  imiere  Kämpfe  herauf, 
welche  bis  in  die  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  dauerten. 

Ein  sehr  richtiger  Beobachter  der  türkischen  Verhältnisse, 
der  französische  Gesandte  d'An-il,  findet  als  Erklänmg  des 
Widerstandes,  welchen  die  erwiihnten  Völker  gegen  die  von 
Sultan  Mahmud  inaugurierte  zentralistische  Politik  leisteten,  fol- 
gende drei  Ursachen: 


343 


„Dif!  erste  Ursache  ist  die  Rassenantipathie,  von  welcher 
die  nichttürkischen  Völker  gegen  die  Osmanen  erfüllt  sind, 
und  welche  stiirker  ist  als  die  Gemeinsamkeit  der  Religion, 
Der  Charakter  der  Osmanen,  welcher  sich  ans  anderen  Eigen- 
schaften, anderen  Gewolmheiten,  anderen  Fehlw-n  zusammen- 
setzt, kommt  überall  mit  den  nationalen  Eigentümlichkeiten  der 
nichttürkischen  Völker  in  Gegensatz,  so  daß  dieselben  den 
asiatischen  Glaubensgenossen  stets  als  einen  fremden  Beherr- 
scher ansehen. 

Die  zweite  Ursache  der  Feindseligkeit  der  nichttürki- 
schen Mohammedaner  gegen  den  Zentralismus  liegt  in  der  Un- 
ordnung: und  den  Uberocriffen,  welche  sich  die  neue  zentralisti- 
sehe  Verwaltung  zuschulden  kommen  läßt.  Die  Türken  hatten 
bishin  nur  geherrscht,  jetzt  fingen  sie  an  zu  verwalten ;  nun 
besitzen  wohl  die  Türlven  große  Fiihigkeiten  zu  beherrschen, 
sie  haben  dies  gezeigt,  indem  sie  lange  die  verschiedensten  Völ- 
ker dadurch  regierten,  daß  die  Regierung  ihi-en  Eigentümlich- 
keiten Rechnung  trug.  Sie  sind  jedoch  sehr  schlechte  Admini- 
stratoren, denn  sie  können  sich  nie  von  der  ihnen  eigentümlichen 
verblendeten  und  zügellosen  Habgier  freihalten,  welche  alle 
Quellen  der  öffentlichen  Wohlfahrt  vernichtet. 

Die  dritte  Ursache  ist,  daß  die  zentralisti  sehe  Regierung 
überall  mit  Hilfe  einer  verräterischen  Politik  eingeführt  wurde ; 
beide  Vorgangsweisen  haben  die  zentralistische  Regierung  in 
den  Augen  der  Bevölkerung  mit  einem  unauslöschlichen  Makel 
belastet."  ' 

Albanien  wurde  zur  Zeit,  als  Sultan  Mahmud  die  Regie- 
rung antrat,  von  zwei  Wesieren  regiert.  In  Nordalbanien  hatte 
die  Familie  Buschatli  es  verstanden,  die  Regierung  des  Landes 
bereits  in  der  vierten  Generation  in  ihrer  Familie  erblich  zu 
machen :  Musüifa  Pascha  von  Skutari  fühi-te  den  Titel  Wali  von 
Iskenderie  (d.  i.  Skutari),  Ochri,  Elbassan  und  Dukadschin.  Der 
Wesier  von  Skut<iri  aus  der  Familie  Buschatli  regierte  also  das 
jetzige  Wilajet  Skutari  und  nebstdem  die  Sandschak  Elbassan, 
jpek    (dasselbe  wurde   in  älteren    Zeiten    als    Sandschak  Dukad- 

'  Negociiitioiis  rcliitives  an  truite  de  Berlin,  pag.   19. 


344 


schin  bezeichnet),  Monastir  (Oclirida  und  Umgebung),  demnacb 
jifanz  Nordalbanien  mit  Ausnahme  einiger  östlicher  Bezirke. 

In  Siidalbanien  regierte  der  Wesier  Ali  Pascha  von  Tepelen  : 
er  hatte  im  Jahre  1770  das  Paschulik  von  Janina  erhalten  und 
mit  der  Zeit  seine  Herrschaft  auf  ganz  Südalbanien  ausgedehnt, 
indem  er  für  seine  Söhne  Muchtar  Pascha  das  Sandschak  von 
Berat,  Veli  Pascha  das  Sandschak  'J'irhala  (Thessalien),  Salih 
Pascha  das  Paschalik  Lepanto  (Aetolien  und  Akarnanien)  erlangte. 

Mit  den  Plänen  und  Absichten  des  Sultans  Mahmud  stand 
besonders  die  Machtstellung  des  Wesiers  Ali  Pascha  von  Janina 
in  Widerspruch.  Die  Übergriffe  und  gewalttätigen  Handlungen, 
welche  Ali  Pascha  sich  erlaubte,  das  Drängen  imd  die  Vorstel- 
lungen der  zahlreichen  Feinde,  die  er  sich  gemacht  hatte,  trie- 
ben zu  einem  Konflikt  zwischen  dem  Sultan  und  seinem  mäch- 
tigen Vasallen.  Der  Anstol.l  dazu  wurde  dadurch  gegeben,  daß 
Ali  Pascha  einen  seiner  Widersacher,  Ismail  Pascho  Bey,  in 
Konstantinopel  ermorden  zu  lassen  versuchte.  Der  Sultan  befahl 
hierauf  Ali  Pascha,  binnen  40  Tagen  vor  ihm  zu  erscheinen, 
rmi  sich  zu  rechtfertigen,  widrigenfalls  er  als  Rebell  in  Acht 
getan  würde.  Da  Ali  Pascha  diesem  Befehle  nicht  nachkam, 
entsetzte  ihn  der  Sultan  seiner  Würde  als  Wali  von  Janina  und 
Delvino,  und  ordnete  im  Aj)ril  1820  eine  militärische  Expedition 
gegen  ihn  an. 

Der  Verlauf  dieser  Kämpfe  ist  von  Hugo  Pouqueville; 
welcher  als  französischer  Generalkonsul  in  Janina  Zeitgenosse 
und  Augenzeuge  der  Ereignisse  war,  und  welchem  ich  in  der 
bisherigen  Darstellung  ij;efolgt  bin,  in  seinem  Buche  „Histoire 
de  la  re'generation  de  la  Grece"  mit  allen  Details  geschildert 
worden.  Nach  zweijährigem  Widerstände  ergab  sich  Ali  Pascha 
dem  Serasker  (Jhurschid  Pascha,  wurde  jedoch  unter  Bruch  des 
gegebenen   Treuwortes    auf   Befehl    des    Sultans    am   5.  Februar 


1822  ermordet. 

Die  Bekämpfung  des  Wesiers  von  Südalbanien  war  der 
Funke,  Avelcher  einen  großen  Brand  entzündete :  die  Insurrektion 
der  Griechen  und  ihre  Kämpfe,  um  sich  a'oii  der  türkischen 
Herrschaft    zu    befreien.    Während    der    Jahre    1S21    bis    1S29 


345 


absorbierte  die  Insarrektion,  welche  hidd  ein  rii-litiger  Krieg 
wurde,  die  ganze  Tätigkeit  und  alle  Kriifte  der  Türkei,  umso- 
mehi*  als  letztere  im  Verlaufe  des  Krieges  mit  den  Griechen 
noch  in  einen  Krieg  mit  Rußland  (1828  bis  1829)  verwickelt 
wurde.  Während  dieser  Zeit  ruhten  die  Bestrebungen  des  Sul' 
tans  Mahmud,  die  innere  Organisation  seines  Reiches  zu  refor- 
mieren. 

Der  Grol.)wesier  Mehmed  Reschid  Pascha,  welcher  in  den 
letzten  Jahren  des  griechischen  Krieges  das  Oberkommando  gegen 
die  Griechen  führte,  hatte  mit  den  Albaniern  schlechte  Erfahrim- 
scen  gemacht.  Ganz  Südalbanien  stand  in  Waffen,  um  unter 
ihren  Bey  und  Aga  als  Irreguläre  die  Aktion  der  großherrlichen 
Armee  Avider  die  Griechen  zu  unterstützen.  Da  die  türkische 
Armeeverwaltung  nicht  imstande  war,  diesen  Ij-regulären  den 
bedungenen  Sold  auszuzahlen,  so  kamen  wiederholt  Differenzen 
zwischen  dem  Armeeoberkommando  imd  den  irregulären  Kontin- 
genten vor :  dieselben  meuterten,  verliel;>en  ihre  Stellungen,  setzten 
sich  gewaltsam  in  Besitz  von  Staatsgut  oder  erhoben  von  der 
Bevölkerimg  Kriegskontributionen,  um  sich  für  ihre  Forderungen 
schadlos  zu  halten.  Die  in  den  Krieg  ziehenden  oder  aus  dem 
Kriege  zurückkehrenden  Irregulären  plünderten  und  brandschatz- 
ten die  ruhig  gebliebenen  Unterfcmen  des  Sultans.  Alle  diese 
Schwierigkeiten  und  Unannehmlichkeiten  erzeugten  in  Mehmed 
Reschid  Pascha  einen  tiefen  Groll  und  eine  starke  Abneigung 
gegen  die  Albanien  Er  wußte  seine  Gesinnungen  dem  Sultan 
Mahmud  mitzuteilen,  und  es  wurde  beschlossen,  das  unbot- 
mäßige Sellistgefühl  und  die  Selbständigkeit  der  albanischen 
Bevölkerung  zu  brechen  imd  diesel]>e  zu  widerspruchsloser  Unter- 
werfung unter  den  Willen  der  Koustantinoj^ler  Regierung  zu 
zwingen. 

Die  Durchführung  dieser  A]>sicliten  erfuhr  einen  Auf- 
schub, indem  Mehmed  Reschid  Pascha  im  Anfange  des  Jahres 
1829  zum  Großwesier  und  Kommandanten  des  gegen  die  Russen 
kämpfenden  Heeres  ernannt  wurde.  Da  Reschid  Pascha  überall, 
wo  er  den  Russen  sich  entgegenstellte,  sidi  v<tn  ihnen  schlagen 
ließ,  war  der  russisch-türkische  Krieg  bald  beendet,  aui  2i).  Sep- 


346 


tember  l''*!29  wui-de  der  Friede  von  Adrianopel  geschlossen,  und 
Keseliid  Pascha  konnte  auf  den  »Schauplatz,  seiner  früheren 
Tiltio-keit  /zurückkehren,  um  den  in  ihm  lange  kochenden  Groll 
'wider  die  Albanier  endlich  zu  befriedigen. 

Er  nahm  sich  y,imi  Muster  das  Vorgehen  Mehmed  Ali 
Paschas  Ton  Ägypten,  welcher  sich  der  ihm  lästigen  Mamluken 
durch  das  Massaker  in  der  Zitadelle  von  Kairo  im  Jahre  1811 
entledigte,  ein  Muster,  welches  die  allerhöchste  Ratifizierung 
dadurch  erhalten  hatte,  dal.)  Sultan  Mahmud  es  in  dem  Massaker 
der  Janitscharen  am  At-Mejdan  im  Juni   182ti  nachahmte. 

Im  Juni  IH'M)  richtete  Reschid  Pascha  an  alle  Bey,  welche 
im  griechischen  Kriege  gedient  hatten,  die  Einladung,  in 
Momistir  Ijei  ihm  zu  erscheinen,  damit  ihre  Forderungen  an 
rückständiger  Löhnung  für  die  von  ihnen  ins  Feld  gestellten 
Irregidären  beglichen  A^•erden  könnten  mid  ihm,  dem  Groliwesier, 
Gelegenheit  gegeben  werde,  die  albanischen  Führer  für  die  ge- 
leisteten ti-euen  Dienste  zu  belohnen.  Eine  oToße  Anzahl  der 
Berufenen  kam,  ein  jeder  Bey  von  einigen  Gefolgsleuten  beglei- 
tet, im  ganzen  gegen  500  Personen. 

Nach  einigen  Tagen  veranstaltete  der  Groliwesier  ein  Exer- 
zieren  seiner  Garnison  nach  den  in  der  türkischen  Armee  neu 
eingeführten  europäischen  Reglements ;  er  lud  dazu  sämtliche 
Albanier  ein,  lieü  jedoch  einige,  welchen  er  wohlwollend  ge- 
sinnt war,  autfoi-dern,  nicht  zu  erscheinen.  Im  Verlaufe  des 
Exerzierens  machte  die  Ai-tillerie  und  Infanterie  Front  gegen 
die  Gruppe  der  allnmischen  Führer  und  gab  einige  scharfe 
Salven  auf  sie  al),  die  genügten,  um  die  ahnungslosen  Zuschauer 
insgesamt  niederziunachen.  Von  hervorragenden  Führern  fan- 
den den  Tod  Arslan  Bey  von  Karamuratades,  Avelcher  an  der 
Einnahme  vcm  Athen  teilgenommen  hatte,  Veli  Bey  Gjorosani, 
welcher  zuletzt  Gouverneur  von  Prevesa  imd  Arfci  war. 

Da  jedoch  das  Massaker  von  Monastir  nicht  alle  Führer 
der  Al))anier  getroffen  hatte,  setzte  der  Grol.h\^esier  Reschid 
Pascha  die  Treilnjagd  auf  sie  fort.  In  Janina  befanden  sich  der 
Bruder  Arslan  Bevs.  Edhem  Bev  und  der  Bruder  Veli  Bevs 
Gjorosani,    Muslim    Bey.    Reschid    Pascha    befahl    seinem    Sohne 


347 


Emin  Piiselui,  vvelclier  das  Siiiidscluik  Janina  verwaltete,  die 
beiden  Bey  auf  das  Kastell  zu  berufen  und  d(3rt  vom  Leben 
zum  Tod  VM  befördern.  Muslim  Bey  ging  in  die  Falle  und 
wurde  ermordet;  Edhem  Bey  dagegen  war  nicht  so  leicht  zu 
täuschen,  und  auf  die  Nachricht  der  Hinrichtung  seines  Genos- 
sen liel.)  er  zur  Rache  die  Stadt  Janina  durch  seine  Leute  plün- 
dern und  zog  dann  in  seine  Heimat  a)>,  ohne  dal.)  der  Gouver- 
neur Emin  Pascha  imstande  gewesen  wäre,  es  zu  verhindern. 

Aliko  Bey  Liamtzi,  Avelchen  Reschid  Pascha  el>enfalls  um- 
Ijringen  lassen  wollte,  verteidigte  sich  20  Tage  lang  in  dem 
Kloster  Ostanica  in  der  Landschaft  Pogoniani  wider  die  Soldaten 
des  Großwesiers,  sclilug  sich  schlieülich  durch  sie  durch  und 
entkam  ins  Gebirge. 

Reschid  Pascha  wurde  in  dieser  Tätigkeit  unterbrochen, 
indem  der  Wesier  von  Skutari  Mustafa  Pascha  Buschatli  sich 
gegen  die  Konstiintinopler  Regierung  erhob  und  Reschid  Pascha 
im  März  1831  Janina  verlieü,  um  das  Kommando  gegen  Mustafa 
Pascha  zu  übernehmen. 

Mustafa  Pascha  von  Skutari  war  im  Jahre  1820,  dem 
Aufgebot  des  Sultans  Mahmud  gehorchend,  wider  Ali  Pascha 
von  Janina  ins  Feld  gerückt ;  doch  kaum  hatte  er  den  Schkumbi- 
Hul-i  überschritten,  so  mußte  er  schleunigst  nach  Skutari  zurück- 
niarschieren,  um  sein  eigenes  Gebiet  gegen  die  Montenegriner 
zu  verteidigen,  welche  offenbar  über  Anstiften  des  Ali  Pascha 
von  Janina  dort  eingefallen  waren.  Ln  Jahre  1828  war  Mustafa 
Pascha  neuerdings  über  Befehl  des  Sultans  mit  seiner  Armee 
auf  den  griechischen  Kriegsschauplatz  al^gegangen ;  er  drang 
damals  bis  Karpenisi  vor,  der  berühmte  Marko  Botscharis  fand 
im  Kami»fe  mit  den  Truppen  Mustafa  Paschas  den  Tod,  und 
die  denkwürdiu-e  Belao-erunj^  von  Missolungi  wurde  von  Mustafa 
Pascha  begonnen.  Die  unter  den  an  der  Belagerung  teilnehmen- 
den orientiilischen  Truppen  ausgebrochene  Pest,  die  durchaus 
mangelhaften  Vorkehrungen  der  Armeeleitimg,  welche  die  Be- 
lagerungstruppen ohne  Lebensmittel  und  ohne  Schutz  gegen 
die  Unbilden  des  Winters  lieü,  zwangen  Mustafa  Pasclia,  mit 
seiner  Armee    sich  von  Missolungi    zurückzuziehen,    imd    da    er 


348 


nirgends  in  Südalbanien  geeignete  AVinterqnartiere  anfti'ieb,  mullte 
er  bis  in  seine  Provin/v  znrückmursehieren. 

Snltan  Malimnd  war  über  den  Rückzug  des  Wesiers  von 
Skiitari  aufs  höchste  erbittert  und  lai.)te  den  Entsehlul.).  den- 
selben auf  die  gleiche  Weise  Avie  seinerzeit  den  Wesier  von 
Janina  zu  beseitigen,  da  auch  er  ein  Hindernis  der  zentralisti- 
schen  und  auf  Aufhebung  der  Aufajnomien  gerichteten  Sultans- 
politik Avar.  Mustafa  Pascha  war  über  diese  Gesinnungen  des 
Sultans  informiert  und  fortan  darauf  bedacht,  dali  der  unaus- 
weichlich gewordene  Kampf  ihn  inöglic-hst  gut  gerüstet  finde. 
Er  unterliel-)  es,  ferner  in  den  griechischen  Krieg  auszurücken ; 
als  Rußland  im  April  182S  den  Krieg  an  die  Türkei  erklärte, 
schob  Mustafa  Pascha  den  Ausmarsch  seines  Kontingentes  sehr 
lange  hinaus,  er  erschien  erst  nach  der  Einnahme  von  Adria- 
nopel (30.  August  1829),  als  General  Diebitsch  auf  Lule-Burgas 
imd  Tschorlu,  also  auf  die  Hauptstadt  Konstantinopel  vordrang, 
in  der  Nähe  des  Kriegsschauplatzes. 

Die  Gegner  der  Politik  des  Sultans  setzten  ihre  Hoffnung 
auf  die  Armee  Mustafa  Paschas,  sie  erwarteten,  derselbe  werde 
in  Konstantinopel  einrücken,  und  dies  wäre  das  Signal  zur  Ent- 
thronung des  Sultans  Mahmud  gewesen.  Der  Sultan,  über  diese 
Ideen  auf  dem  Laufenden,  verhängte  zahlreiche  Verhaftungen 
in  der  Hauptstadt,  gegen  (iOO  Personen  wurden  als  Mitglieder 
einer  Verschwörung  hingerichtet,  und  er  Ijeeilte  sich,  den  Frie- 
den mit  Rußland  abzuschliefien,  mn  Mustafa  Pascha  von  Skutari 
den  Vorwand  zu  benehmen,  mit  seiner  Armee  länger  in  der 
Nähe  der  Hauptstadt  zu  verweilen. 

Trotzdem  Mustafa  Pascha  genau  wul.lte,  daß  der  Sultan 
Mahmud  ihn  vernichten  wolle,  hatte  er,  da  sein  Charakter  ihn 
zu  großen  Entschlüssen  nicht  Ijefähigte,  nicht  gewagt,  durch 
eine  kühne  Stellungnahme  seinerseits  den  ersten  Schlag  zu 
führen  und  den  Sultan  Mahmud  zu  stürzen  —  was  er  in  jener 
Lage  im  Jahre  iX'Ii)  imstiinde  gewesen  wäre. 

Das  Massaker  von  Monastir  vom  30.  Juli  1830  flößte  aber 
Mustafa  l'ascha  v(m  Skutari  einen  solchen  Schrecken  ein,  daß 
sein    Zaudern    ein  Ende  uahm.  Er  stellte  mit  den  verschont  ge- 


349 


blie)x;uen    Fülireni    in    >Siid;ill)aiiien,    Isnuiit   l'ota  in  dei"  Toskeii, 
welclier    gew()hnlicli   Sililidar  Pota  geuannt  Avird,  da  er  l)ei  dem 


AVesier  Ali  Pascha  das  Amt  eines  Öilihdar,  d.  i.  AA'atfenträgers 
l^ekleidete,  und  den  Bey  von  Filates  und  Aidonat  in  der  Tselia- 
mm'i,  ein  Einvernehmen  her  mid  schlug  los. 

Mustafa  Pascha  rückte  auf  Monastir  los,  wo  sich  der  Grol.)- 
wesier  Keschid  Pascha  mit  seiner  Armee  befand ;  der  erste  Zii- 
saimmenstoß  fand  im  Bal)anageljirge  bei  Prilip  sfcitt.  Die  Trappen 
Mustafa  Paschas  wm-den  geschlagen  und  liefen  auseinander,  so 
daß  Mustafa  Pascha,  ohne  an  einem  zweiten  Punkte  sich  dem 
Grcjßvvesier    entgegenzustellen,  direkt  nach  Skutari  rethierte,  wo 


o   o 


er  sich  in  die  Zitadelle  einschloß  und  die  Belagermig  durch 
Peschid  Pascha  ei^wartete.  Der  Großwesier  ließ  auch  nicht  lange 
auf  sich  warten,  er  erreichte,  ohne  von  den  Albaniern  aufgehalten 
worden  zu  sein,  Skutari  und  begann  sofort  die  Belagerang  der 
ZitadeUe. 

Der  Wesier  Mustafa  Pascha  rief  die  Vermitthmg  Öster- 
reichs an.  Im  November  1831  war  er  gezwungen  zu  kapitulieren, 
doch  hatte  die  Mediati(jn  Österreichs  bei  der  türkischen  Pegierung 
den  Erfolg,  daß  Mustafa  Pascha  von  jeder  Strafe  frei  ausging 
und  nur  verhalten  wm-de,  seinen  Wohnsitz  in  Konstantinopel  zu 
nehmen.  Sein  ganzes  Privateigentmn  verblieb  ihm  ungeschmälei-t 
und  ist  noch  jetzt  in  den  Händen  seiner  Enkel. 

Wähi'end  dieser  Vorgänge  bekämpfte  der  Sohn  des  Grol.l- 
wesiers,  Emin  Pascha,  welchen  sein  Vater  als  Gouvemem-  in 
Janina  zurückgelassen  hatte,  die  Verbündeten  des  Wesiers  von 
Skutari  in  Südalbanien.  Er  schlug  die  Bey  der  Tschamuri,  welche 
auf  Janina  losrückten,  bei  dem  Dorfe  Velschista  am  3.  Juli 
1831 ;  die  Bey  schlössen  sich  im  Kastell  von  Aidonat  ein,  mußten 
aber,  nachdem  sie  2  Monate  der  Belagerung  Widerstand  geleistet 
hatten,  sich  an  Emin  Pascha  ergeben. 

Gegen  Ismail  Silihdar  Pota,  den  anderen  Verbündeten  des 
Wesiers  von  Skutari,  welcher  sich  in  seiner  Heimat  in  dem  Kastell 
Melissina  verschanzt  hatte,  disponiei-te  der  Großwesier  den  Pascha 
von  Salonik,  Mahmud  Pascha.  Silüidar  Pota  verteidigte  sich 
5  Monate  lang  so  erfolgreich,  daß  ihm  Mahmud  Pascha  endlicli 


350 


freien  Ab/Aig  mit  seiner  gesamten  ]>eweglichen  Habe  bewilligen 
mußte. 

Dieser  albanische  Pai-teigiinger  Ismail  Aga  sümimt  aus  dem 
Dorfe  Pota  oder  Podes  im  Bezirke  Liaskovik  und  wird  nach  dem 
in  Südalbanien  betblg'ten  Brauclie  mit  dem  Namen  seines  Heimats- 
dorfes bezeichnet.  Er  war  einer  der  Getreuen  des  Wesiers  Ali 
i-*ascha  von  Janina.  welcher  ihm  in  seinem  Hofstaate  die  Charge 
eines  Silihdar  verlieh,  weshalb  Ismail  Aga  gemeiniglich  Silihdar 
Pota  genannt  wird.  Er  kämpfte  im  Interesse  seines  Herrn  Ali 
Pascha  wider  die  Truppen  des  Serasker  Churschid  Pascha,  diente 
jedoch  nach  Alis  Fall  dem  Sultan  in  dem  Kriege  gegen  die 
aufständischen  Griechen  in  Thessalien. 

Im  Jahre  1823  wurde  er  beim  Sultan  verleumdet  und  durch 
einen  Ferman  proskribiert ;  es  gelang  ihm.  sich  zu  retten,  indem 
er  mit  eigener  Hand  vier  Kapudschi  Baschi.  welche  den  Auftrag 
hatten,  ihn  zu  ermorden,  tötete.  Er  verließ  darauf  mit  seinen 
Lregulären  den  Kriegsschauplatz  und  zog  sich  in  seine  Heimat 
zmiick,  dem  Sultan,  der  Hohen  Pfoi-te  und  allen  Osmanen  ewigen 
Haß  schwörend.  (Pouqueville,  Histoh-e  de  la  regeneration  de  la 
Grece,  IV,  449.) 

Im  März  des  folgenden  Jahres  1833  bildete  sich  in  Süd- 
albanien eine  neue  Erhebung  gegen  die  türkische  Regierung. 
Einige  Bey  und  Aga,  welche  sich,  durch  das  Monastirer  Massaker 
im  Jahre  1830  ersckreckt,  nach  Griechenland  geflüchtet  hatten, 
kehrten  nach  Südalbanien  zurück  und  versuchten  die  neue  Ver- 
waltung zu  stürzen  und  die  Beamten  derselben  aus  dem  Lande 
zu  treiben.  Diese  Fühi-er  waren  AMul  Bey  Koka  aus  Delvino. 
Tafil  Busi.  Zejnel  Aga  Dscholeka  und  Mahmud  Bairakdar.  Da 
Emin  Pascha  von  Janina  ihnen  mit  einer  starken  Militärmacht 
entgegentrat,  begaben  sie  sich  wieder  in  das  türkisch-griechische 
Grenz^ebirffe  zurück. 

Im  Sommer  desselben  Jahres  erhob  sich  der  Bezirk  von 
Ginokastra  gegen  die  neue  Verwaltung  und  tötete  die  Regiei'migs- 
beamten :  die  Albanier  besetzten  die  Pässe  von  Episkopi  und 
Xerovalti  in  der  Nähe  von  Delvinaki,  welche  den  Zugang  in  das 
Tal   von    Gmokastra    von    Janina  her  bilden,  sie  wurden  jedoch 


351 


von  Emin  Pasclia  durch  rnigehnng  ihi-er  »Stellung  ge/AVungen, 
letztere  zu  räumen,  und  von  seinen  Trupjien  zersprengt.  Emin 
Pasclia  hatte  zu  der  Expedition  auch  die  <  'hristen  des  Bezirkes 
Pogoniani  herangezogen,  die  ihm  grolie  Dienste  leisteten ;  die  Auf- 
ständischen von  Ginokastra  straften  später  diesell^en  für  diese 
den  Türken  geleisteten  Dienste,  indem  sie  ihren  Anfüln-ei',  den 
Kapetan  Johann  Daka,  lebendig  am  »Spieße  brieten  und  seinen 
Sohn,  sowie  di'ei  andere  Hausgenossen  töteten. 

Im  März  1834  wiederholten  die  früher  genannten  alba- 
nischen Führer  ihren  Einfall  nach  Öüdalbanien ;  ihre  Unter- 
nehmung war  diesmal  erfolgi-eich.  sie  konnten  sich  im  Kui^welesch 
festsetzen  und  eine  Trupjje  von  2000  Mann  sammeln.  Sie  nahmen 
Bemt  und  schlössen  die  türkische  Besatzung  in  der  Festung  ein : 
von  da  rückten  sie  gegen  Janiua.  der  Kaimakam  von  Janina 
Hassan   Aga  ti-at  ihnen  zwar  mit  8000  Mann  regulärem  Mihtär 


bei  C  ervari  ()  Stunden  nöi-dlich  von  Janina  entgegen  imd  um- 
zingelte sie  dort,  Tafil  Busi,  der  Führer  der  Aufständischen, 
schlug  sich  indes  mit  großer  Kühnheit  durch  und  zog  sich  in 
den  Kurwelesch  nach  Tepelen  zurück.  Die  Regiening  begann  mit 
den  Aufständischen  zu  unterhandeln,  und  es  gelang  ihr,  diesellien 
zu  bewegen,  von  der  Erhebung  abzustehen. 

In  Xordalbanien  konnte  der  Großwesier  Mehmed  Keschid 
Pascha,  nachdem  er  den  Erbstatthalter  von  Skutari,  Mustafa 
Pascha  Buschatli,  bezwungen  hatte,  das  vom  Sultan  Mahmud 
beabsichtigte  Werk  der  Niederwerfung  der  albanischen  Feudal- 
herren nicht  foi-tsetzen,  da  er  im  März  1832  schleunigst  nach 
Kleinasien  })eiiifen  wurde,  um  das  Kommando  über  die  Annee 
zu  übernehmen,  welche  dem  aus  Syrien  gegen  Konstantinopel 
vordrmgenden  Heere  des  Paschas  von  Ägypten  den  Weg  verlegen 
sollte;  Mehmed  Reschid  Pascha  wurde  am  21.  Dezember  1832 
bei  Konia  geschlagen. 

Als  durch  den  unter  inissischer  Vennittlung  am  4.  Mai 
1833  abgeschlossenen  Frieden  mit  dem  Pascha  von  Ägypten  die 
äul^eren  Vei-wicklungen  der  Tüi'kei  beseitig-t  wurden,  konnte  Sultiin 
Mahmud  sich   wieder  seiner  Refonntätigkeit  im  Innern  widmen. 

Der  General  Hafiz  Pascha,  Gouverneur  von  Skutari,  hatte 


Instruktionen,  wonach  er,  um  dir  vdui  Sultan  Mahmud  für  die 
'J'ürkei  adojjtierte  :centrali.stische  llegieiTingsmethode  7X\  erniög- 
lichen.  die  UnlwtmäÜio-keit  der  Bevölkerung  von  Skutari  brechen, 
sowie  das  neue  Kekrutierangssystem  für  em  stehendes  Heer  ein- 
führen sollte.  Das  diesen  Instruktionen  entsprechende  energische 
A  orgehen  Hafiz  Paschas  entfesselte  im  Jahre  1880  einen  Aufstand 
in  Skutari,  zu  dessen  Niederwerfung  die  Kräfte  des  Gouverneurs 
nicht  ausreichten.  Sultan  Mahmud  entsandte  im  August  1835  den 
Rumili  Yalissi  aus  Monastir,  Mahmud  Hamdi  Pascha,  nach  Skutari, 
d(jch  auch  letztei'en  gelang  es  nicht,  die  Aufständischen  zu  be- 
siegen, er  l)egnügte  sich  damit,  durch  einen  Vergleich  die  Ruhe 
äul.lerlich  und  vorläufig  herzustellen. 

Konnte  sohin  der  Kumili  Valissi  Mahmud  Pascha  gegen  die 
Bevölkej-ung  von  Skutari  zwar  nichts  ausrichten,  so  setzte  er  das 
AVerk,  welches  Sultan  Mahinud  sich  vorgezeichuet  hatte,  und 
welches  der  Großwesier  Mehmed  Reschid  Pascha  in  Nordalbanien 
niit  dem  Sturze  Mustafa  Paschas  Buschatli  begonnen  hatte,  fort, 
indem  er  eine  Reihe  kleinerer  Feudalherren  aus  der  erblichen 
Verwaltung  ihi-er  Bezirke  entfernte.  Er  nahm  Ibrahim  Bey  von 
Jvavaja  fest  und  schickte  ihii  als  Gefangenen  nach  Konstantmopel : 
sämtliche  Güter  dieser  reichen  Familie  wurden  konfisziert  und 
Ijilden  jetzt  ein  sehr  einti'ägliches  Eigentum  der  kaiserlichen 
Zivilliste. 

Im  Jalu'e  1836  nahm  der  Rumili  Valissi  den  Feudalherrn 
von  Ipek  Ai-slan  Pascha  Mahinud  Begolai,  von  Djakova  Sejfuddin 
Pascha,  von  Prizren  die  Biiider  Mahmud  und  Emin  Pascha  und 
von  Dibra  Sulejman  Bey  Gulogli  oder  Hodschbgli^  fest,  enthob 
sie  ihrer  Stellungen  als  Gouverneure  der  Ijetretfenden  Distrikte 
rmd  schickte  sie  ins  Exil  zumeist  nach  Anatolien. 

'  Konsul  V.  Halm  yibt  iu  „Drin-  und  Vardarreise"  die  Tradition, 
welche  in  Diln'a  sich  Ijezüglich  dieser  Familie  erhalten  hat.  Hassan  Pascha 
Hodschogli  soll  zirka  1460  die  Zitadelle  von  Dibra  erbaut  haben.  Er  fiel 
in  einem  Feldzuge  gegen  Ungarn  (1467  ?).  und  sein  Grab  ist  iu  Warasdin 
in  Kroatien  noch  zu  sehen.  Seine  Nachkommen  hatten  das  Paschalik  von 
Dibra  inne  bis  auf  Ishak  Pasclia,  der  zirka  1836  wegen  seines  Wider- 
standes gegen  die  Reform  abgesetzt  und  verbannt  wurde  (richtig  muß  es 
lauten  Hakki  Pasclia  mid  1844). 


35;'. 


Er  konnte  die  Zerstörung"  der  feudalen  Macht  in  Albanien 
nicht  vollenden,  weil  er  in  Üsküb  im  September  1836  starb. 

Im  Jahre  1840  wurden  die  in  Dibra  zumckgebliebenen 
Söhne  Sulejman  Beys  Gnlogli.  Omer  Bej  und  Mersid  Bey,  mit 
den  übrigen  Gliedern  der  Familie  dmrh  den  Kmnili  Valissi  fest- 
genommen nnd  nach  Angora  exiliert,  da  die  kaiserlichen  Behörden 
vorgaben,  daß  diese  Familie,  wenn  auch  ihrer  Würde  entkleidet, 
dennoch  durch  ihren  Eintiul.»  die  Unterwerfung  ihres  Distriktes 
unter  die  /^entralistische  Herrschaft  der  Konstantinopler  ilegierung 
verhindere. 

Untei-  den  feudalen  Familien  Albaniens  blieben  diesmal  vor 
Vernichtung  bewahrt  die  Erbstatthalter  von  Tetovo  (türkisch 
Kalkandele)  und  Üsküb/  die  Bnider  Abdurrahman  Pascha  und 
Avdi  Pascha,  sowie  die  Herren  von  Prischtina  und  dem  Kosovo- 
polje,  Abdurrahman  und  Jaschar  Pascha.-  Die  Pascha  von  Üsküb 
und  Tetovo  wurden  im  Jahre  1843  aus  Anlaß  eines  zwischen 
ihnen  ausgebrocheneu  Zwistes,  welchen  sie  durch  einen  Privat- 
krieg austragen  wollten,  nach  Konstantinopel  benifen ;  es  wurde 
ihnen  die  Verwaltung  ihrer  alten  Lehensbezirke  aberkannt  und 
sie  selbst  in  Kleinasien  internierf. 

'  Griesebacli,  Reise  durch  Ruiuelieu,  II,  S.  '2i>0,  erwähnt  im  Jahre 
1843  diese  Familie. 

-  Konsul  V.  Hahn  sagt  (im  Jahre  1858  in  seiner  „Reise  von  Belgrad 
nach  Salouik")  von  der  Familie  :  „Sie  beteiligte  sich  bei  den  verschie- 
xlenen  Bewegungen  der  Landarif^tokratie  gegen  die  neue  Ordnung  der 
l)inge  mid  verlor  nicht  nur  ihre  Herrschaft,  sondern  auch  den  größten 
Teil  ihres  Privatvermögens.  Die  einzelnen  Familieuglieder  kamen  dabei 
um  oder  starben  im  Elend. 

Diese  Familie  stammt  aus  dem  in  der  Nachbarschaft  von  Prizren 
gelegenen  I)orfe  Dschinitsch  (richtig  Dschinaj  oder  Dschonaj)  und  war 
vor  etwa  100  Jahren  (zirka  1760)  nach  Nowo  Brdo  übersiedelt,  wo  sie 
sich  alsbald  an  die  Spitze  schwang. 

Reschid  Bey  verlegte  seine  Residenz  nach  GOan  und  gründete 
dieses  Städtchen.'* 

Im  Jahre  IbOT,  als  der  französische  Reisende  H.  Pouqueville  auf 
der  Reise  von  Travnik  nach  Janina  hier  durchpassierte,  war  Malik  Pascha 
der  Chef  der  Familie  und  Gouverneur  von  Prischtina  und  dem  Kosovopolje, 
sein  Bruder  Mustafa  Bey  residierte  in  (iilan.  (Voyage  de  la  (Irece,  III,  166.) 

23 


354. 


Aucli  die  Fendallierren  von  l'risclitina  wurden  seitens  der 
türkischen  Keg'ierang  aus  dem  angestummten  Sit/.e  ihrer  Familie 
entfernt,  denn  die  Enkel  des  obenenvälmten  Jaschar  Pascha  von 
Prischtina  sind  in  Konstantinopel  aufgewachsen  und  haben  dort 
ihren  stiindigen  Wohnort. 

Nachdem  so  die  bedeutenderen  Dynasten  in  Allxmien  ihrer' 
Macht  entkleidet  waren,  ging  die  Konstantinopler  Regierung 
daran,  an  die  Stelle  der  bisherigen  feudalen  Venvaltung  die  neu- 
adoptierte zentralistisch-bureaukratische  zu  setzen.  Der  nördliche 
Teil  Albaniens  wurde  in  ein  Verwaltungsgebiet  zusammengefaitt. 
welches  seine  Zentralstelle  in  Monastir  hatte  und  an  dessen  Spitze 
der  „Rumili-Valissi"  stand;  dieses  Ejalet  Rumili  ^^nlrde  durch 
den  kaiserlichen  Hattischerif  vom  6.  Rebiul-ewel  1252  (1836) 
aus  folgenden  Territorien  gebildet: 

Skutari,  Prizren,  Ipek  waren  jedes  ein  sogenanntes  Liwa 
(Kreis)  und  standen  unter  einem  General  —  gewöhnlich  Ferik  — 
der  regulären  Armee ;  Prischtina,  Üsküb,  Tetovo  standen  unter 
einheimischen  Paschas  und  gehörten  bald  zum  Ejalet  Rumili. 
bald  zmn  Ejalet  Sofia ;  Kavaja  mit  Durazzo,  Tirana,  Pekin,  El- 
bassan,  Mat,  Dibra,  Gora  und  Mokra,  Korea  und  Starova  gehörten 
als  Bezirke  zum  Liwa  Ohrida,  an  dessen  Sjntze  ein  Kaimakam 
des  Rumili  Valissi  amtierte ;  Monastir  und  sein  Gebiet  wurden 
direkt  vom  Wali  verwaltet. 

Der  südliche  Teil  Albaniens  bildete  das  Ejalet  Janina ; 
es  umfaßte  die  Kaimakamlik  Berat,  Argyi'okastro,  Arta  und  die 
um  Janina  liegenden  Bezirke ;  auch  Thessalien  gehörte  zeitweise 
als  Kaimakamlik  zum  Ejalet  Janina. 

Die  Einhebung  der  Steuern  war  den  Wali  überlassen ;  die 
Unüage  und  Eintreibung  der  Steuern  erfolgte  nicht  direkt  durch 
stiiatliche  Organe,  sondern  im  Wege  der  Steuerverpachtung  (tür- 
kisch Iltisam).  Die  Steuern  einer  Provinz  wurden  an  einen  pri- 
vaten Unternehmer  für  ein  oder  mehrere  Jahre  um  eine  Pausehal- 
smnme  verpachtet,  welche  derselbe  direkt  an  den  Staatsschatz  in 
Konstantinopel  abzuluhren  hatte ;  in  welcher  Weise  dann  dieser 
Steuerpächter  die  Steuei-n  bemaß  und  umlegte,  wie  er  sie  einhob, 
darum  bekümmerte  sich  die  Staatsverwaltung  nicht  weiter.  Sehr 


35.: 


liäulig  waren  die  Wali  selbst  die  Steuerpik-liter :  so  hatte  im  Jahre 
1833  der  Wali  Mahmud  Hamdi  Pascha  die  Staatseinkünfte  des 
Ejalet  Janina  für  ein  Jahr  gepachtet,  in  den  Jahren  1842  bis 
1844  hatte  sie  der  Wali  Nuri  Osman  Pascha  3  Jahre  lang  in 
Pacht.  Man  kann  sich  leicht  vorstellen,  zu  welchen  Übelständen 
es  führen  muÜte,  wenn  das  Amt  eines  Generalgouvernears,  der 
unumschränkt  über  alle  Machtmittel  der  Staatsgewalt  veifügte, 
mit  dem  Privatgeschäfte  eines  Steuerpächters,  welcher  seinerseits 
aus  seiner  Spekulation  den  möglichst  großen  Gewinn  er/ielenAvollte, 
in  einer  und  derselben  Person  vereint  war. 

Ein  türkischer  Staatsakt,  der  Hattischerif  von  Gülchane, 
charakterisiert  das  System  mit  diesen  Worten:  „Dans  ce  Systeme 
Tadministration  civile  et  fhianciere  d'une  localite'  est  livree  ä 
larbitraire  d'mi  seul  homme,  c'est  ä  dire  quelque  fois  ä  la  mairi 
des  fer  des  passions  les  plus  violentes  et  les  plus  cupides:  car 
si  ce  fermier  n'est  pas  Ijon,  il  n'aura  d'autre  soin  que  celui  de 
son  propre  avantage.", 

Diese  Verhältnisse  waren  wenig  geeignet,  in  der  Bevöl- 
kermig  Albaniens  die  Überzeugung  hervorzurufen,  daß  sie  bei 
der  Ersetzung  der  erblichen,  feudalen  Gouverneure  durch  amovible. 
vom  Zentrum  des  Reiches  in  allem  abhängige  fremde  Funktionäre 
einen  guten  Tausch  gemacht  hatten. 


Die  Ideen  über  die  Keform  der  Verwaltung  des  tüi'kischen 
Kelches,  welche  dem  Sultan  Mahmud  unklar  vorgeschwebt  hatten, 
erhielten  eine  präzise  Formulierung  durch  einen  Staatsakt  seines 
Xachfolgers  Sultan  Abdul  Medschid,  welcher  unter  dem  Namen 
., Hattischerif  von  Gülchane"  bekannt  und  vom  3.  November  1839 
datiert  ist.  Dieser  Staatsakt  ist  besonders  für  zwei  Zweige  der 
Verwaltung  der  Ausgangspunkt  einer  Reihe  von  neuen  Ein- 
führangen,  für  die  Wehrverfassung  und  für  das  Steuerwesen  des 
Reiches.  Das  kaiserliche  Patent  verfügt  daiüber:  „II  est  ne'ces- 
saire  d'etablir  des  lois  pour  regier  le  contingent  que  devra 
foumir  ehaque  localite  selon  les  necessites  du  moment  et  pour 
reduire   ä  4  ou  5  ans    le    temps    du    Service   militaire."  Femer : 

23* 


356 


„II  est  m'cessaire  que  desoraiais  chaque  membre  de  la 
societe  Ottomane  soit  taxi;  pour  une  quotite  d'impöt  determinre 
en  raison  de  sa  fortune  et  de  ses  facultes  et  que  rien  au-del;i 
puisse  etre  exige  de  lui." 

Das  angekündigte  \\elirgesetz  ei-schien  unter  dem  6.  Se])- 
tember  1843. 

Die  Steuerverwaltung  wurde  den  Gouverneuren  abgenom- 
men und  einem  gesonderten  Personale  von  Steuereinnehmern 
tibertragen,  welche  vom  Finanzministerium  in  Konstantinojiel 
geleitet  werden.  Es  wm-den  als  neue  Steuern  eine  Viehsteuer 
(türkisch  Agnam  vulgär  Dscheleb  genannt)  und  eine  Haus-  und 
Gehöftesteuer  (türkisch  Vergü)  emgefühi-t  und  der  Zehent,  welcher 
l)isher  von  den  Spahi  eingetrieben  worden  war,  fortan  für  den 
Staatsschatz  erholjen. 

Der  Hattischerif  von  Gülchane  wurde  am  4.  Januar  1840 
in  Skutari  durch    einen    von    Konstantinopel  entsandten  Spezial- 
kommissär    publiziert.    Die    Konstantinopler    Regienmg  begnügte 
sich  jedoch  vorläufig  mit  der  Verlesung  dieses  kaiserlichen  Paten- 
tes und  sah  davon  ab,  die  neuen  Gesetze,  welche  in  dessen  Ver- 
folg erlassen  worden  waren,  in  Albanien  zur  Geltung  zu  bringen. 
Emin   Pascha,  der  Sohn  des  Großwesiers  Mehmed  Resehid 
Pascha,    des    großen    Anhängers    der    zentralistischen    Ideen   des 
Sultans    Mahmud,  war  in  der  Zeit  vom  März  1881  bis  Oktober 
1833    und    vom   November    1836  bis  September   1837  Wali  in 
Südalbanien    gewesen,    und   getreu    den  Ideen  seines  Vaters  und 
gleich  demselben   ein   Feind    der    Albanier,    hatte    er    getrachtet, 
die    Soldatenaushebung    und    die    anderen    Neuerungen,    welche 
Sultan    Mahmud  anbefohlen    hatte,    in    Südalbanien   mit   Gewalt 
durchzusetzen.  Diese  Maßregeln  hatten  die  im  früheren  Abschnitte 
erzählten    Aufstände    von    1833     und    1834    hervorgerufen.    Im 
Jahre  1837  brach,    durch  Emin  Paschas  Verwaltung  provoziert, 
al^ennals    ein   Aufstand    unter    Führung  des  Ali  Bei  Frakula  in 
der  Musakija  und  in  den  Bezirken  Berat   und  Valona    aus.    Die 
Konstantinopler  Regierung  sah  ein,  dal'»  das  zu  scharfe  Vorgehen 
Emin  Paschas  nicht  am  Platze  sei,  sie  berief  ihn  al)  und  verzichtete 
vorderhand  darauf,  die  Reform  in  Südalbanien  einzubürgern. 


857 


So  blieben  für  Albanien  der  Hattisclierif  von  Gülchane 
sowie  die  auf  seiner  Grundlage  erlassenen  neuen  Gesetze  während 
der  Jahre  1839  bis  1844  ohne  Anwendung. 

Bei  einem  wiederholten  Versuche,  in  Noi-dalbanien  die 
neuen  Wehr-  und  Steuergesetze  einzuführen,  erhob  sitli  in  jenen 
Provinzen  ein  allgemeiner  Widerstand  gegen  die  zcntralistische 
l^olitik  der  türkischen  Regierung.  Trotz  der  Entfernung  der 
feudalen  Familien  von  der  Regierung  der  einzelnen  Distrikte 
und  der  U])ernahme  der  Verwaltung  durch  die  Bureaukratie  der 
Zenti'alregierung  fügte  sich  die  Bevölkeiaing  keineswegs  dem 
Zenti-alismus.  Die  Opposition  wider  den  Zentralismus  und  das 
]"]intreten  für  die  individuelle  Autonomie  Albaniens  und  dessen 
autonomistische  Einrichtungen,  welche  früher  von  den  wenigen 
feudalen  Familien  in  ihrem  eigenen  Interesse  unterhalten  worden 
waren,  wurden  nun  von  den  breiteren  Schichten  der  städtischen 
Bevölkerungen  als  Trägern  dieser  Ideen  aufgenommen.  Die 
Bewegung  kam  in  einer  Reihe  von  lokalen  ]^]rhebuiio-en  gegen 
die  zentralistische  Verwaltung  zum  Ausdruck. 

Im  September  1839  verjagte  die  Bevölkerung  von  Prizren 
den  Gouverneur  Ismet  Pascha.  Der  Rumili  Valissi  stellte  an  den 
Kapetiin  der  Mirditen  das  Ansinnen,  die  Shidt  Prizren  mit  seinen 
^lirditen  für  die  Konshintinopler  Regierung  zu  besetzen ;  da  der 
Kapetan  es  verweigerte  und  der  Statthalter  selbst  über  keine 
genügenden  militärischen  Kräfte  verfügte,  so  gab  die  Regierung 
nach,  liel.i  die  Provinz  von  Prizren  ungestraft  und  erfüllte  einen 
Teil  der  Fordenmgen  der  Bevölkerimg. 

Im  Jahre  1844  brach  in  Üsküb.  Tetovo  und  Prischtiua 
ein  Aufstand  aus.  welcher  gegen  die  zentralistische  Regienings- 
politik,  gegen  die  Aushebung  von  Rekruten  für  das  stehende 
Heer  und  gegen  die  neuen  Steuern  gerichtet  war.  Zwischen 
Uskül)  und  Köprülü  sanmielte  sich  unter  Kommando  des  Derwisch 
Aga  Zara  ein  albanisches  Heer  von  etwa  10.000  Mann;  der 
Rumili  Seraskeri  (Korpskommandant  von  Monastir)  Reschid 
Pascha  wurde  l)eauftragt,  die  Rebellion  niedei'zuschlagen.  Der 
General  Omer  Pascha  Frenk  (seinerzeitiger  österreicliischer 
Grenzerfeldwel^el    Michtiel    Lattas    mid    späterer    Serdar    Ekrem) 


.358 


schlug  beim  Dorfe  Kaplan  die  ADjunier  uud  nahm  I'slib  ein. 
Darauf  okkupierte  der  General  Haireddin  Pascha  Tetxjvc  »Anfang 
Juli  1844  ergab  sich  auch  Prischtina  an  den  Rumili  fr^raskeri, 
und  danu't  konnte  der  Aufstiind  als  lieendet  angesehen  erden. 
Bei  der  liekümpfung  der  Aufständischen  hatte  der  Kajxiin  der 
Mirditen  Bib  Doda  mit  einem  Kontingente  der  Seinen  le  ihm 
voi-geschriel)ene  Heere.sfolge  geleistet  und  sich  sehr  erdient 
gemacht.  Er  wurde  vom  Serasker  wiederholt  ansge/eichii,  imd 
überdies  verlieh  man  ihm  einen  Ehrensäbel  nebst  einöi  Paar 
Pistolen. 

V(m  Prischtina  wurden  die  'rru})pen  nach  Djak*a  und 
Pri/<ren  gefülii-t;  diese  Bezirke  hatten  sich  dem  Aufstaue  nicht 
angeschlossen ;  die  Truppenkommandanten  nahmen  eiu^e  als 
Oppositionsliäupter  })ekannte  Persönlichkeiten  fest  und  vrfügt^u 
überall  die  Aushebung  von  Kekrutcn.  Sodann  wurde  dasilaupt- 
([uartiei-  nach  Tetovo  verlegt;  von  hier  aus  initernahm  'eneral 
Haireddin  Pascha  eine  Expedition  nach  Dibra  und  Mcia,  in 
deren  Verlauf  er  blutige  Kämpfe  /m  bestehen  hatte.  Die  dinpro- 
nu'ttiei'ten  Führei'  dei'  Dil)i-aner  flüchteten  nach  Skutari,  m  von 
du  das  Ausland  /-u  gewinnen;  sie  wurden  jedoch  in  ^kutari 
festgenommen. 

Der  erbliche,  feudale  Gouverneur  von  Dibra,  Hakki  'uscha, 
aus  der  Familie  der  angestammten  Pascha  von  Dibra,  wixle  bei 
dieser  Gelegenheit  aus  Dibra  entfernt;  obwohl  er  bei  Eu-ücken 
der  kaiserlichen  'J'nippen  auf  ihrer  Seite  stand,  wurde  r  trot/,- 
dem  beschuldigt,  im  geheimen  die  Widerspenstigkeit  d*  Alba- 
nier  gegen  die  Konstantinopler  Regienmg  geschürt  /.u  i  laben ; 
er  WTirde  am  28.  Oktober  1844  verhaftet  imd  nach  Kostiinti- 
nopel  abgeführt. 

In  Diljra  wurden  Rekruten  aiLsgehoben,  und  es  wnle  für 
alle  Bezirke  mit  Ausnahme  Skutaiis  die  Entwaffnung  anbtohlen. 
Der  inzwischen  eingetretene  \\'inter  machte  weiteren  Opeitioneu 
ein  Ende. 

Im  Jahre  184.")  geriet  der  Bezirk  von  Djakova  i  Auf- 
ruhr; das  Jahr  zuvor  hatte  der  Rumili  Serasker  das  V'affen- 
tragen    verlioten.    der    Bezirk    A\ollte    sich   jedoch    dem   'erböte 


359 


nichtfügen.  und  die  Mulissoren  (CTel)irgsbciuern)  stimnielten  sich 
iinte  Führung  ihrer  Chefs  Binuk  Ali  und  Sokol  Aram;  der 
Aut^md  dehnte  'sich  aus  auf  die  Landschaft  Reka  und  auf  die 
Stänne  Bitutsch.  Gaschi.  Tropoja  und  Krasnitsch. 

Der  Runiili  Serasker  bekämpfte  diese  Erhebung  haupt- 
sächch  mit  den  Iriegulären.  welche  die  ül)rigen  Bezirke  Alba- 
nien-steilen muUten;  es  waren  zirka  3000  Mann  aus  Skutari, 
vorvegend  katholische  Malissoren  der  Stämme  Hoti,  Schkreli. 
Kiislati.  Retschi,  Lohja  und  Postripa,  ferner  Mirditen  und 
-Mutiner.  Die  Aufständischen  bezilierten  sich  auf  zirka  8000 
Man :  sie  verjagten  die  Garnison  aus  Djakova.  Anfang  Juni 
nahien  die  kaiserlichen  Truppen  Djakova  wieder  ein.  und  die 
Irreuhlren  rückten  über  Junik  in  der  Landschaft  Reka  gegen 
das  i*ebu'ge  vor:  die  Revolte  hatte  im  Anfang  einige  Erfolge, 
als  ber  die  Irregulären  durch  die  kaiserlichen  Truppen  mit 
Gesüützen  verstilrkt  Avurden.  konnten  sie  den  Gebirgspaß  Cafa 
Mona  in  Bitutsch  besetzen,  und  nachdem  die  Rebellen  am 
l.  Jli  hier  zersprengt  waren,  marschierten  die  Truppen  in 
Gasoi  und  Krasnitsch  ein. 

Vm  die  Aufrührer  total  zu  erdrücken,  ordnete  der  Serasker 
an.  al.)  weiter  Irreguläre  von  Skutari  aus  jene  im  Rücken  fassen 
sollt»,  um  ihnen  jeden  Rückzug  abzuschneiden:  die  Maliasoren 
der  stamme  Schala  und  Schoschi  und  Ali  Bey  von  Gussinje 
mit  inem  Kontingente  von  Gussinje.  Flava.  Vassojevic  und  Kuci 
füliy.n  diese  Operationen  glücklich  durch,  so  daß  am  0.  Juli 
alle  Vulständischen  sich  ergaljen. 

Der  Serasker  nahm  verschiedene  kompromittierte  Personen 
aus  Djakova  fest  und  setzte  dort  die  Stellung  durch;  er  ent- 
sandt den  Kapetan  der  Mirditen  mit  den  Irregulären  von  Mir- 
ditti. Mafia  imd  Tetovo  in  die  Gebirgstäler,  um  auch  unter  den 
Malworen  Soldaten  auszuheben. 

Die  Erfolge  der  türkischen  Zentralisierung  waren  jedoch 
nur  ;anz  ephemere :  solange  eine  starke  türkische  Truppenmacht 
anwsend  war.  konnten  einige  Soldaten  konskri])iei-t  und  einige 
Steiu-n  mit  Gewalt  eingetrielien  werden :  sobald  jedoch  der  Wali 
odeiSerasker  von  Rumili  nach  seinem  Amtssitz  Monastir  zurück- 


360 


Icehi-te,  traten  die  früheren  Zustände  ein.  Die  Provin/^en  Skntari. 
Djakova  und  Dibra  l^eliielten  ihre  alten  Verwaltungsnormen  und 
unterwarfen  sich  nie  vollständig  dem  Wehr'gesetze  von  1843 
und  den  neuen  Steuergeseticen ;  die  Konstantinopler  Regierung 
begnügte  sich,  wenn  diese  Provinzen  den  äußeren  Schein  der 
Ergebenheit  und  l  nterwüi-figkeit  wahiien  und  nicht  in  offene 
Erhebung  gegen  die  Regieiiing  ausbrachen. 

Mehr  Erfolg  als  in  Nordalbanien  hatte  die  türkische  Regie- 
nmg  in  Südalbanien,  als  sie  daselbst  neuerdings  die  Stabilisierung 
ihrer  zentralistischen    mid    gleichfönnigen  Venvaltung  A^ersuchte. 

Im  Mär/.  1845  langte  in  Janina  ein  kaiserlicher  Ferman 
ein,  welcher  für  das  Ejalet  die  Durchlühi-uug  des  Gesetzes  über 
die  Trennung  der  Steuerverwaltung  von  den  Machtbefugnissen 
des  Gouverneurs  vorschrieb ;  dieser  Fennan  wurde  indes  niclit 
befolgt.  Es  wurde  daher  im  Apiü  des  nächsten  Jahi-es  (184^») 
der  Korpskonunandant  von  Monastir  (Rmnili  Serasker)  Melimed 
Reschid  Pascha  nach  Janina  mit  dem  Auftmge  entsandt,  die 
neue  Venvaltung  dort  einzurichten.  Er  führte  sohin  das  Wehr- 
gesetz und  die  neuen  Steuern  ein,  setzte  die  gemischten  Medsch- 
lisse  ein  und  verbot  das  Waffentragen.  Solange  der  Rumili 
Serasker  mit  seinen  Trupj^en  :m  Ejalet  weilte,  gingen  die 
Sachen  gut;  als  er  jedoch  abzog  imd  der  Wali  Hatiz  Pascha 
allein  blieb  (es  war  dies  der  Kommandant  der  türkischen  Armee, 
welche  am  24.  Juni  1839  von  den  Agvptern  ])ei  Nisibiu  in 
Mesopotamien  geschlagen  worden  war),  brach  der  Aufstand  gegen 
die  verändei"te  Verwaltungsform  aus. 

Im  Juli  1847  wurden  die  Regierungsorgane,  welche  die  neue 
Schafsteuer  (Dschele)))  einheben  wollten,  in  der  Landschaft  Kur- 
welesch  von  den  unter  der  Leitung  des  Zeinel  Aga  Dscholeka 
aus  Kuci  zusammengerotteten  Albanern  vertriel)en.  Der  Auf- 
stand ergiiff  bald  die  ganze  Ljaberi  (Bezirke  Valoua.  Delvino. 
Argyrokastro).  Als  es  Zejnel  Aga  Dscholeka  gelungen  war.  sich 
der  Stadt  Delvino  zu  bemächtigen,  erhoben  sich  auch  die  Tscha- 
meri  (die  Bezirke  Filat.  Aidonat  und  Margariti)  sowie  die  Toskeri 
(Bezirke  Berat.  Tepelen  und  Premet)  gegen  die  aufoktroyierte 
Verwaltung.  In  der  Toskeri  Itefand    sich    Rapo    Hekali    aus    der 


361 


Musakiju  au  der  Spit/.e  der  Aufständischen,  es  gelang  ihm,  sich 
der  Stadt  Berat  yai  bemächtigen  und  die  Garnison  in  der  Zita- 
delle einzuschließen.  E])enso  gelang  es  dem  Zejnel  Aga  Dscho- 
leka,  die  von  Janina  Avider  ihn  aufgebotenen  zwei  Bataillone  zu 
schlagen  und  in  Ajrgyrokastro  einzuschliel-ien.  Die  Koiistauti- 
nopler  Regierung  beauftragte  den  Kumüi  Serasker  Imnichor 
Mehmed  Emin  Pascha  —  sein  Vorgänger  Reschid  Pascha  war 
am  25.  Januar  1847  in  Monastir  gestorben  —  den  Aufstand 
zu  dämpfen ;  während  er  selbst  sich  vorbehielt,  von  Monastir 
auf  Berat  zu  rücken,  disponieiie  er,  dal.)  eine  andere  Truppen- 
abteüung  miter  Zaim  Bey,  Kommandanten  von  Kastoria,  gegen 
Argyrokastro  operieren  solle.  Zejnel  Aga  Dscholeka  wul.lte  das 
Koi-ps  Zaim  Beys  im  Juli  1847,  bevor  letzterer  seine  Vereini- 
gung mit  den  in  Argyrokastro  stehenden  kaiserlichen  Truppen 
bewerkstelligen  konnte,  zu  schlagen  und  schlol.)  darauf  die 
Tmppen  in  Argyrokastro  noch  vollständiger  ein.  Eine  zweite 
Abteilung  von  2ö00  Mann,  welche  aus  Thessalien  zum  Entsatz 
der  in  Argyrokastro  eingeschlossenen  Truppen  heranmarschierte, 
wurde  von  den  Albaniern  am  28.  August  bei  dem  Dorfe  Doliani 
überfallen  und  nach  Janina  zm-ückgeworfen.  Zejnel  Aga  Dscho- 
leka hatte  den  ^Veg  nach  Janina  offen  und  hätte  die  Stadt 
überrmnpeln  können.  Doch  hielten  ihn  die  für  die  Albanier 
migünstigen  Nachrichten  aus  Berat  in  der  Ljaberi  fest.  Rapo 
Hekali  hatte  die  Belagerung  der  türkischen  Truppen  in  der 
Zitadelle  von  Berat  aufgeben  müssen,  da  er  durch  Eintreffen 
der  Truppen  des  Rumili  Sera.sker  in  Gefahr  geriet,  seinerseits 
eingeschlossen  zu  werden 

Als  Mehmed  Pascha  selbst  mit  10  Bahiillouen  in  Berat 
erschien,  zei-streuten  sich  die  ..AJbanier  aus  der  Toskeri,  ohne 
weiteren  Widerstand  zu  leisten.  Durch  einen  kühnen  Gebü-gs- 
marsch  rückte  Mehmed  Pa.scha  unvermutet  schnell  und  leicht 
in  die  Ljaberi  ein,  und  diese  Operation  demoralisierte  die  Scha- 
ren des  Dscholeka  derartig,  dal.)  auch  sie  sieh  verliefen. 

Der  Serasker  nahm  zahlreiche  Verhaftungen  unter  den 
Xotabeln  Südalbaniens  vor:  Kiipo  und  Hamid  Hekali  aus  Berat, 
zwei  Söhne  und  zwei  Xetfen  des*  Ismail  Bey  Vljoi-a  aus  Valona. 


362 


L  weis  Va.schari  und  drei  Söhne  des  Tahir  Abliasi  aus  Tei)elen, 
'Jahir  Bey  aus  der  Familie  Kaiilau  Pascha  in  Ai"gyrokastro, 
Abdul  Bey  Koka,  Tselio  Pitschari  und  Suljo  Kalapoda  aus 
Delvino.  Alisot  \md  Ahmed  Dino  aus  Filates,  Tahir  Tschapari  aus 
Mai^ariti  und  noch  eine  i^roUe  An/,ahl  Lente  aus  den  unteren 
Klassen  wurden  eingezogen;  16  Führer  des  Autstandes  wurden 
in  Konia  in  Anatolien  interniei-t,  die  üljrigen  Teilnehmer  erhiel- 
ten durch  einen  kaiserlichen  Ferman  Amnestie. 

Des  Zejnel  Aga  Dscholeka  konnten  die  Behörden  nicht 
habhaft  werden,  er  ergab  sieh  später  gegen  Zusicherung  voller 
Amnestie  und  w^irde  von  der  Regierung  als  Kommandant  irre- 
gulärer Truj)pen  verwendet;  als  solcher  fiel  er  im  Feldzuge 
wider  Montenegro  im  Jahre  1852. 

E,ax)0  Hekali  starb  im  Gefängnisse  /,u  Monastir. 

Der  Öerasker  fühi-te  in  den  aufständischen  Bezirken  die 
Rekrutenaushebung  durch  und  kehrte  zu  Ende  des  Jahi'es  1847 
nach  Monastir  zurück. 


In  den  zwanzig  Jahren,  welche  ZAvischen  dem  türkisch- 
russischen Kriege  von  1858  bis  1856  und  den  ki-iegeri sehen 
Verwicklungen  von  1875  bis  1878  lagen,  baute  die  Türkei  ihre 
neue  innere  Verfassung  und  die  Organisation  ihrer  Verwaltung 
aus.  Die  im  Hattischerif  von  Gülchane  ausgesprochenen  Prinzi- 
pien AATirden  durch  ein  zweites  kaiserliches  Patent  —  den 
Hattihumajun  vom  18.  Februar  1856  —  detailliert  ausgeführt, 
und  im  Sinne  dieses  kaiserliehen  Patentes  wurden  im  Verlauf 
der  Epoelie  sukzessive  Spezialgesetze  ausgearbeitet,  welche  die 
Verwaltung  der  Provinzen,  die  Organisation  der  Gerichte,  das 
Schulwesen,  die  Steuern  regelten.  Die  ganze  Gesetzgebung  ist 
von  dem  gleichen  zentralistischen  und  bm'eauki-atischen  Geiste 
inspiriert  und  erfüllt,  welcher  die  ei-sten  Schritte  des  Sultans 
Älahnmd  II.  geleitet  hatte. 

In  Albanien  Avußte  die  neue  Verwaltung,  olnvohl  sie  in 
jener  Periode  durch  keine  größeren  Aufstände  in  ihrem  Funktio- 
nieren   gestört    wurde,    dennoch    nicht  die  Bevölkenmg  von  den 


363 


\  urteilen  dei-  müdenien  Geset/.o-ebiin^-  zu  übeiVvOugen  und  für 
sieh  zu  gewinnen.  Bin  sehr  komjjetenter  Autor  gibt,  von  Albanien 
sjj rechend,  folgendes  Urteil  uli:  ,,0n  reste  convaincu.  quen 
uucune  autre  i)roYince  des  Etats  euro])e'ens  du  Sultan  le  gouvenie- 
ment  n*a  montre'  plus  d'incurie  et  d'ignorance  des  besoins  des 
populations  et  de  ses  propres  interets.  II  semble,  qu'il  ait  pris 
ä  tache  de  proToquer  de  ce  eöte'  la  desaffection  de  ses  sujets,  et 
Ton  peut  affirmer.  (jue  Te'tat  deplora))le  de  TAlbanie  est  en  grande 
partie  Foeuvre  de  ses  fonctionnaires. ' 

In  Ausfühning  des  Gesetzes  vom  Jahre  1865  über  die 
Organisation  der  inneren  politischen  Verwaltung  wurde  Albanien 
in  mehrere  Wilajet  geteilt :  in  das  Wilajet  Monastir,  das  Wilajet 
Janina.  das  Wilajet  Skutari ;  mit  dem  letzteren  \^T^irden  verschie- 
dene Versuche  gemacht,  indem  man  es  nach  einigen  Jahren  wieder 
^\ie  früher  als  Ejalet  dem  Wilajet  Monastir  unterordnete,  nachher 
jedoch  neuerdings  zum  selbständigen  Wilajet  erhol).  Ebenso 
wurde  mit  dem  nordöstlichen  Teile  Albaniens,  den  Paschalik 
Prizren,  Ipek.  Prischtina  und  Usküb.  herumexperimentiei-t :  sie 
waren  bald  als  eigenes  Wilajet  Prizren  formiert,  bald  bildeten  sie 
Teile  der  Wilajet  Xisch  oder  Monastir  oder  Kosovo. 

In  keinem  der  albanischen  Wilajet  konnte  der  gesamte 
Komplex  der  neuen  Verwaltungsgesetze  vollständig  und  effektiv 
in  W  irksamkeit  treten,  in  den  meisten  Verwaltungsbezirken  hatten 
die  Gesetze  nur  eine  nominelle  Geltung,  in  vielen  nicht  einmal 
diese.  Im  Sandschak  Skutaii  ^\alrden  die  Konskription  und  die 
neuen  Steuern  nie  eingeführt ;  die  ganze  Bevölkerung  einschließlich 
der  ( 'bristen  leistet  im  Kriegsfalle  Militärdienste,  an  Steuern  wer- 
den bloß  die  vor  der  A'erwaltungsreform  bestandenen  Steuern 
gezahlt. 

In  den  Sandschak  Ipek  (dem  ehemaligen  Sandschak  Du- 
kadschin )  und  Pnzren  sind  die  Konskription  und  die  neuen  Steuern 
nominell  zwar  eingeführt,  es  werden  indes  nur  soviel  ßekniten 
gestellt  und  nur  soviel  Steuern  gezahlt,  als  die  Bevölkerang 
freiwillig  leistet,  was  keineswegs  den  Stcmdesregistern  und  dem 
Steuerkataster  entspricht.  Ebenso  existieren  in  jenen  beiden  Städten 

'  Enurelliiirdt.  Lii   Tiiriiuif'  et  le  Tauzimat.   II.  iMö. 


364 


die  orgunisiitionsgemiiDen  Strufgericlite,  doch  ist  deren  Wirk- 
Siimkeit  eine  beschränkte,  y-uhh'eiche  strafbare  Handlungen  bleiben 
ihrer  Jurisdiktion  ent/.ogen. 

Im  Sandschak  Dibra  werden  wohl  einige  Relmiten  gestellt, 
im  allgemeinen  kann  aber  weder  die  Konskription  noch  die  Steuer- 
pflicht /,ur  Geltung  gebracht  werden.  Ebenso  konnte  in  Dibra  nie 
das  Gerichtswesen  organisieii  werden. 

Im  Sandschak  Elljassan  wird  die  Konskription  teilweise 
durchgeführt,  die  Wirksamkeit  der  Steuer-  und  Gerichtsbehörden 
ist  jedoch  zum  größten  Teile  nur  eine  nominelle. 

In  allen  erwähnten  Bezirken  mul.)  überdies  ein  L  nterschied 
gemacht  werden  zwischen  den  Städten,  den  Dörfern  der  Ebene 
und  den  Gebirgsdörfern,  gleichwie  er  in  früheren  Zeiten  in  Schott- 
land /.wischen  „lowland"  und  „highland"  herrschte.  Das  Gesagte  gilt 
bloß  für  die  „lowlands"  dieser  albanischen  Bezirke ;  die  „highlands" 
—  in  Al))anien  Malssija  genannt  —  nelimen  eine  vollständige 
Ausnahmsstellung  ein.  Die  Hochlande  sind  der  Konskiiption  nicht 
imtervvorfen,  die  Hochländer  leisten  jedoch  im  Kriegsfalle  Heeres- 
folge als  Irreguläre.  Die  neuen  Steuern  wurden  auf  die  Hochlande 
nicht  ausgedehnt,  die  meisten  hochländischen  Bezirke  zahlen  gar- 
nichts,  andere  einen  geringen  Tribut.  Die  türkischen  Gerichte  üben 
die  Jurisdiktion  in  den  Hochlanden  nicht  aus,  und  die  staatlichen 
Justizgesetze  haben  dort  keine  Geltung ;  die  Hochlande  haben  ihr 
eigenes  Gewohnheitsrecht,  und  dieses  wird  von  den  Hochländern 
selbst  gehandhabt.  Wenn  auch  die  Hochlande  in  den  Rahmen 
der  neuen  Provinzialorganisation  eins'efüjft  sind,  so  haben  sie 
demungeachtet  innerhalb  derselben  ihre  alte  autonome  Organisation 
behalten,  welche  sie  vor  Einführmig  der  neuen  Verwaltung  be- 
saßen,   und    sind  nicht  den  anderen  Bezirken  assimiliert  woixlen. 

Wie  aus  dieser  kurzen  Darstellung  ersichtlich  ist,  blieb  als 
Rest  der  einstigen  inneren  Organisation  des  türkischen  Reiches 
allein  die  Autonomie  der  albanischen  Hochlande  übrig. 

Die  Hochlande,  Avelche  zum  Wilajet  Skutari  gehören,  sind 
zum  größten  Teile  von  Katholiken  bewohnt;  gegen  sie  richtete 
sich  zuerst  das  Bestreben  der  türkischen  Regiening.  die  Autonomie 
abzuschatten  und  an  ihrersüitt  die  allgemeine  zenti"alistische  Ver- 


365 


Wiiltmig  der  türkischen  Jiui-eaukratie  /m  8tci])ili.siei'en.  Die  Hoch- 
länder verwalteten  sich  ohne  Einflulhiahnie  der  türkist-hen  Re- 
gierung, jeder  Stamm  durch  seine  eigenen  Chefs,  welche  eventuelle 
Verfüsuno-en  der  Keu'iening  direkt  vom  Gouverneur  von  Skutari 
erhielten.  Der  Wali  Menemenli  MiLstafa  Pascha,  welcher  von  185G 
bis  1858  die  Provinz^  Skuüiri  verwaltete,  führte  eine  neue  Organi- 
sation für  jene  Stämme,  welche  die  nächsten  auv  Stadt  Skutari 
waren,  ein,  die  bestimmt  war,  dieselben  in  ein  engeres  Abliängig- 
keitsverhältnis  /ai  bringen.  Die  Häuptlinge  dieser  Stämme  mußten 
sich  fortan  in  Skutari  /u  einem  Verwaltungsj-at  vereinigen,  an 
dessen  Spitze  ein  vom  Gouverneur  ernannter  Präsident  stand,  der 
nicht  aus  den  Hochländern  gewählt  wurde,  sondern  aus  den 
Notabein  der  Stadt  Skutari  und  immer  Mohammedaner  war.  Den 
Stämmen  wurde  die  Berechtigung,  ihre  Angelegenheiten  inner- 
halb des  Stammes  durch  die  eigenen  Chefs  zu  entscheiden,  ge- 
nommen, und  ihre  Befugnisse  wurden  dem  neuen  Konseil,  welcher 
..Kommission  der  Berge  von  Skutari"  (türkisch  Schkodiu  Dschibali 
Kommissioni  oder  kurzweg  Dschibal.  d.  i.  die  Berge)  hiel),  vor- 
behalten. 

Ob/.war  diese  Organisation  noch  immer  die  äußere  Form 
einer  Autonomie  wahrt,  so  ist  sie  nach  ihrem  inneren  Wesen 
dennoch  eine  Beseitigiuig  der  Autonomie ;  denn  der  in  Skutari 
sich  vereinigende  Koiiseil  ist  nicht  frei,  wie  es  früher  die  Konseils 
in  den  Hochlanden  waren,  sondern  durch  den  Prilsidenten  domi- 
niert der  Gouverneur  im  Konseil. 

Die  unter  dem  Xamen  „Mirdita"  bekannte  Gruppe  in  den 
zur  Provinz  Skutari  gehörigen  Hochlanden  hatte  eine  alther- 
gebrachte Organisation,  vermöge  welcher  an  ihrer  Spitze  sich  ein 
Oberhäuptling  befand,  welcher  den  Titel  „Kapetan"  führte  und 
zum.  Sultcin,  beziehungsweise  dem  Gouvemem*  von  Skutari  in 
einem  reinen  Va.stdlenverhältnis  stand. 

Da  die  Autonomie  der  albanischen  Hochlande  in  Mirdita 
am  stärksten  ausgeprägt  war,  wurde  diese  aniie  Landschaft  das 
Objekt  der  hartnäckigsten  und  schonungslosesten  Nivellierungs- 
sucht  der  türkischen  Bureiiakratie.  Der  vom  Sultan  Alxlul  Medschid 
mit  dem  Pascharange  ausgezeichnete  Kapeta n  Bib  Doda  starb  im 


300 


Jahre  18G8  mit  Hinterlassung  eines  aclitjährigen  Sohnes;  dersell^e 
war  der  legitime  Kapetan  der  Mirditen,  aber  wegen  seiner  Un- 
mündigkeit natürlich  verhindert,  die  väterliche  Erbschaft  anzu- 
treten. Die  Grelegenheit  erschien  der  türkischen  Verwaltuni;  tfünstitr. 
um  mit  der  Autonomie  Mirditas  aufzuräumen.  Der  unmündige 
Prenk,  Sohn  des  Bib  Doda.  wurde  nach  Konstantinopel  ge])racht. 
wo  er  bis  1870  verblieb;  Mirdita  wurde  zum Kajmakamlik  gemacht 
und  sollte  nach  dem  allgemeinen  Verwaltungsgesetze  vom  Jahre 
1865  imd  nicht  mehr  nach  seinem  alten,  autonomen  Recht 
administriert  werden.  Um  die  Neuerung  leichter  einzuführen, 
wurden  in  den  ersten  Jahren  Agnaten  des  verstorbenen  Kapetans 
zum  Kajmakam  bestellt,  zuerst  Kapetan  Dschon  Marku,  dann 
Kapetan  Kol  Prenka ;  sj^äter  wurden  Mohammedaner,  welche  keine 
Mirditen  waren,  zum  Kajmakam  ernannt.  Hajdar  Aga  Beleku  aus 
Kruja  und  Reschid  Bey  Buschatli  aus  Skutari.  Die  Hochländer 
von  Mirdita  wollten  jedoch  diese  ihnen  aufgezwungenen  Kajma- 
kame  nicht  akzeptieren,  verweigerten  ihnen  den  Gehorsam  und 
verlangten  unter  die  Herrschaft  des  jungen  Kapetan  Prenk  Bib 
Doda  zu  kommen.  Auch  als  derselbe  im  Jahre  1876  von  Kon- 
stantinopel nach  Skutaii  zurückkehrte,  wurde  ihm  von  der  tür- 
kischen Regierung  die  Verwaltung  Mirditas  nicht  überlassen, 
sondern  Denvisch  Bey  von  Prizren  zum  Kajmakam  erhoben. 

Der  Konflikt  verschärfte  sich  derart,  dal.)  er  im  Jahre  1877 
zu  einer  militärischen  Operation  gegen  JVIirdita  führte.  Obwohl 
Kapetan  Prenk  sich  im  Jahre  1878  mit  der  türkischen  Regierung 
wieder  versöhnte,  wurde  ihm  auch  jetzt  nicht  die  Verwaltung 
Mirditas  anvertraut,  sondern  sukzessive  Jussuf  Aga  Sokoli  von 
Skutari,  der  Oberst  Raschid  Bey,  Mahmud  Aga  von  Podgorica 
zu  Kajmakamen  ernannt,  doch  konnte  keiner  von  ihnen  seinen 
Verwaltungsbezirk  betreten . 

Kapetan  Prenk  Bib  Doda  wurde  im  Januar  1881  von  der 
türkischen  Regierung  gewaltsam  aus  Albanien  entfernt,  der  Konflild 
mit  Mirdita  wegen  Anerkennung  seiner  traditionellen  Autonomie 


dauert  indes  fort,  und  die  türkische  Verwaltung  ist  nicht  im 
Stande,  die  aufgeregte  Landschaft  zu  beruliigen  und  geordnete 
Verhältnisse  darin  zu  schaffen. 


o67 


In  dem  an  Skuturi  angren/enden  nürdöstliclien  Teile  Al- 
baniens, welcher  die  Paschalik  Ipek  und  Frieren  bildete,  ist  di6 
Malssija  (Hochlande)  von  Mohanniiedanern  bewohnt.  Auch  diese 
wehrten  sich  nicht  minder  energisch  als  ihre  katholischen  Lands- 
leute gegen  die  nivellierenden  und  zentralisierenden  Bestrebungen 
der  türkischen  Verwaltung ;  sie  traten  immer  für  die  folgenden 
drei  Forderungen  ein: 

1.  Die  tüi-kischen  Regierangsorgane  sollten  auf  dem  Gebiete 
der  Malssija  keine  Amtshandlungen  vornehmen,  solche  seien  den 
eigenen  Häuptlingen  vorbehalten. 

2.  Befreivmg  von  der  Stellung  von  Rekruten  für  die  regu- 
läre Armee  unter  Wahrung  der  althergebrachten  Heeresfolge  im 
Kriegstalle. 

3.  Befreiung  von  den  Steuern  des  Reformsteuersystems. 
Im  September  1864  kam  es  zu  einer  kleinen  aufständischen 

Bewegung  der  Hochlande  von  Djakova,  welche  auf  die  Gewährung 
dieser  Forderungen  seitens  der  Behörden  abzielte.  Nazif  Pascha^ 
der  Generalgouverneur  von  Monastir,  welcher  auf  dem  Schauplatz 
der  Ereignisse  erschienen  war,  trachtete,  da  er  zu  einer  gewalt- 
samen Unterdrückung  der  Bewegung  zu  schwach  war,  die  rnzu- 
friedenen  auf  gütlichem  Wege  zu  beruhigen,  und  die  Hochländer 
erreichten,  daß  die  türkische  Verwaltung  sich  foiiab  möglichst 
wenig  in  ihre  xVngelegenheiten  einmischte. 

Die  Mißbräuche  in  der  Verwaltung  führten  zu  neuen  Er- 
hebungen, welche  im  September  1866  in  den  Gemeinden  Ostrozub 
und  Palusa  ausbrachen  und  vom  Gouverneur  von  Prizren  dm'ch 
Versprechungen  und  Vertröstungen  beigelegt  wurden. 

Das  schlechte  Funktionieren  der  Verwaltung  sowie  die 
augenscheinliche  Schwäche  der  Regierung  erzeugten  einen  anar- 
chistischen Zustand  im  Ejalet  Prizren,  der  sich  schließlich  zu 
einer  gefährlichen  Bedrohung  der  christlichen  Bevölkerung  zu- 
spitzte. Zusanunengerottete  Banden  —  zumeist  Hochländer  aus 
den  Gebirgen  mn  Djakova  —  überfielen  die  von  Christen  be- 
wohnten Dörfer  bei  Djakova  und  Ipek,  brannten  die  Gehöfte 
nieder  und  plünderten  die  Habe  der  christlichen  Bauern. 

Im  November  1866  entsandte  die  türkische  Regierung  den 


368 


Marschali  Seiini  Pascha  von  Monastir  und  den  Bi-igadegeneral 
jMahmud  Hamdi  Pascha  nach  Pi-i/,ren.  nm  Ordnung  /.n  schatten. 
jVLihmud  Pascha  gmg  entschieden  und  energisch  Tor:  er  ver- 
folgte die  rnruhestifter  bis  ins  Gebirge  von  Krasnitsch,  schlug 
sie  wiederholt  und  nahm  gegen  200  der  am  meisten  kompromit- 
tierten Personen  fest ;  sechs  lieü  er  erschienen.  Von  Djakova 
marschierte  er  nach  Ipek.  um  auch  dort  die  Autständischen 
niederzuwerfen.  Sein  energisches  Vorgehen  gegen  Mohammedaner 
/um  Schutze  von  Christen  mitlliel  jedoch  an  vielen  Stellen ;  der 
Marschall  Selim  Pascha  l^erief  ihn  aus  Ipek  ab  und  kehi-te  mit 
ihm  Ende  Januar  1807  nach  Monastir  zurück,  wobei  er  die  von 
]Mahmud  Pascha  festgenommenen  Häupter  der  Revolte  gefangen 
mit  sich  führte. 

Der  Abzug  des  Generals  Mahmud  Pascha  war  für  die  Auf- 
ständischen das  Signal,  sich  von  neuem  zu  erheben :  die  Haupt- 
rädelsfühi-er  Binak  Ali  Bajrakdar  von  Krasnitsch  und  Schakir 
(.'ur  von  Djakova  waren  dem  strafenden  Arm  Mahmud  Paschas 
entgangen  und  stellten  sich  aljermals  an  die  Spitze  der  Bewegung. 
Im  Monat  März  1867  mußte  die  türkische  Regieining  Mahmud 
Pascha  neuerdings  nach  Prizren  entsenden :  er  erhielt  indes  nui- 
eine  unzureichende  Militärmacht,  und  deswegen  sowie  durch  die 
früher  gemachten  schlechten  Erfahrungen  gewarnt,  trat  er  niclit 
aktiv  auf;  seine  Anwesenheit  in  Prizren  genügte  jedoch,  die  Be- 
wegung in  Schranken  zu  halten.  Infolge  des  Aufstandes,  welchen 
zu  jener  Zeit  die  Christen  auf  Kreta  gegen  die  tüi-kische  Re- 
sierung  inszenierten,  waren  die  türkischen  Regierungskreise  nicht 
christenfreundlicli  gestimmt  und  nicht  ge^villt,  die  mohammeda- 
nischen Untertanen  um  der  Christen  willen  streng  zu  l^ehandeln. 
Mahmud  Pascha  wurde  daher  nach  zwei  Monaten  nach  Konstanti- 
nopel berufen,  und  es  wurde  beschlossen,  eme  Koumiission  nach 
Prizren  zu  delegieren,  welche  auf  gütlichem  Wege  das  unljot- 
mäßige  Nordostalbanien  pazifizieren  sollte. 

Die  Kommissäre  Auf  Bey  und  Mola  Sejfuddm  Efendi  wirkten 
bis  zum  Sommer  1868  in  Prizren,  Djakova  und  Ipek;  ihre  Tätig- 
keit hinterließ  jedoch  keine  nachhaltigen  Spuren  in  jenen  Ge- 
bieten, in  denen  ein  latenter  Z^viespalt  zwischen  der  Verwaltung 


369 


1 


und  der  Uevölkeniiig  ziirückblieb.  der  sich  noch  mehrmals  m 
kleineren  Erhebungen  Luft  machte. 

In  den  südlichen  Teilen  Albaniens,  das  ist  in  den  Wilajet 
Janina  und  Monastir,  war  es  dem  neuen  Systeme  gelungen,  festeren 
Fuß  z,u  fassen.  Die  Angehörigen  der  Kaste  der  Bey  und  Aga 
traten  in  gi-oljer  Anzahl  in  den  staatlichen  Zivil-  und  Militär- 
dienst, und  daraus  resultierte  eine  Interessengememschaft  zwischen 
der  Regierung  und  dieser  einflußreichen  Klasse  der  Bevölkerang, 
welche  es  der  neuen  Verwaltung  ermöglichte,  sich  in  Südalbanien 
Ijesser  zu  etablieren  als  in  den  übrigen  Landesteilen.  Die  Zentral- 
egierung  hielt  da])ei  an  dem  Prinzipe  fest,  die  Funktionäre  alba- 
nischer Xationaiität  zumeist  in  den  anatolisehen  Provinzen  und 
nicht  in  ihrer  Heimat  zu  verwenden. 

Es  blieb  dennoch  auch  in  Öüdalbanien  gewissen  entlegenen 
(Tebirg-sgegenden  die  Möglichkeit,  sich  einer  wirksamen  Aufsicht; 
und  Handhaljung  der  Verwaltung  zu  entziehen. 

Einiyfe  Erhebunoren.  welche  in  Südalbanien  stattfanden,  so 
z.  B.  im  Jahre  18()7.  waren  auf  die  christliche  Bevölkerimg 
l^eschränkt  und  hatten  ihre  Gründe  nicht  sosehr  in  der  inneren 
Lasce  der  Provinz  als  darin,  daß  die  christlichen  Südalbanier, 
unter  dem  Einflüsse  des  zu  Griechenland  hinneigenden  Klerus 
stehend,  so  oft.  als  es  den  politischen  Aktionen  Griechenlands 
einen  Vorteil  ver.sprach,  gegen  die  türkische  Regiemng  aus- 
gespielt Avurden. 


In  den  Jahren  1878  bis  1881  stand  Albanien  durch  di-ei 
Jahre  unter  der  Herrschaft  der  albanischen  Liga.  Die  albanische 
Lio-a  Avar  eine  Volksreo'ierung :  wenn  wir  in  der  Geschichte 
nach  Analogien  zu  derselben  suchen,  so  findet  man,  daß  die 
albanische  Liga  etwas  von  der  Eidgenossenschaft  an  sich  hat, 
AA-elche  die  Schweizer  Kantone  Schwytz,  Uri  und  Untei-walden 
im  Jahi-e  1307  bildeten,  mid  temer  etwas  von  dem  Wohlfahi-ts- 
und  dem  Sicherheitsausschusse,  welche  von  1793  bis  1795  die 
französische  Republik  regieiien. 

Mit    der    Eidgenossenschaft    hat    die    albanische  Liga  auch 

•24 


370 


das  o-emein,  dal.»  die  den  einzelnen  Kanton  berührenden  ]nt^- 
ressen  einen  die  Allgemeinheit  schädigenden  Raum  einnehmen, 
die  Analogie  hiit  dem  fmnzösischen  AVohlfahi-ts-  nnd  Öicherheits- 
ausschusse  bietet  sich  im  teiToristischen  Charakter,  welchen 
häufig  die  Maßregeln  der  albanischen  Liga  trugen. 

Die  VolksregieiTing  der  albanischen  Liga  hatte  keinen 
Mittelpunkt,  von  Avelchem  eine  einheitliche  Leitimg  ausgegangen 
wäre ;  sie  trat  in  mehreren  Teilen  Albaniens  auf,  Terkörpert 
dm-ch  lokale  Ausschüsse,  die  einander  gleichgestellt  waren  imd 
nur  in  losem  Zusammenhange  miteinander  standen.  Die  albani- 
sche Liga  manifestierte  sich  besondei"s  in  Pri/,ren.  Janina  und 
Prevesa,  Ökutari,  Dibra. 

Die  türkischen  Regierungskreise  in  Konstiintinopel  hatten 
auf  den  Ui-sprung  dieser  Volksbewegung  einen  großen  Eintlul.t : 
die  Idee  zur  Formation  der  Liga,  der  Anstoß  dazu  stammt 
olfenbar  von  ihnen.  Die  in  Aktion  gesetzten  Elemente,  die  er- 
weckten Greister  emanzijjierten  sich  jedoch  später,  so  dal.^  die 
Tätigkeit  der  Liga  und  gar  ihre  weitgehenden  Projekte  mid 
Pläne  bezüglich  der  innerpolitischen  Organisation  Albaniens 
spontane  Außenmgen  der  nationalen  Strömungen  und  Asj)ira- 
tionen  sind. 

Der  erste  Punkt  im  Programme  der  albanischen  Liga  war 
die  Integrität  des  albanischen  Territoriums,  deren  Verteidiguno- 
an  Stelle  der  ti\rkischen  Regierang,  Avelche  sich  dazu  als  unfähig 
erwiesen  hatte,  das  albanische  Volk  übernakin.  Die  nächste  Folge 
war,  daß  der  türkischen  Regiening  Steuern  und  Rekruten  ver- 
Aveigert  und  für  die  Liga  resei'viert  wurden. 

Im  Juni  1878  konstituierte  sich  unter  Vorsitz  des  Iljas 
Pascha  aus  Dibra  in  Prizren  ein  Ausschuß  der  albanischen  Liga, 
in  welchem  der  nördliche  Teil  Albaniens  vertreten  Avar,  nämlich 
die  Disti'ikte  Skutari,  Prizren,  Djakova,  Ipek,  Gussinje,  Miti-ovica, 
Vucitni,  Prischtina,  Grilan,  Üsküb,  Tetovo,  Gostivar,  Krcovo, 
Monastir,  Dibra. 

Der  südliche  Teil  Albaniens  hielt  in  Ginokastra  eine 
ähnliche  Vei-sammlung,  bei  welcher  die  Distrikte  Janina.  Gino- 
kastra,  Delvino.  Premet,  Berat.  Valona,  Filat,  Margariti,  Aidonat, 


371 


Pai^a,  Prevesa,  Ai-fai,  Tepelen.  Kolonia.  Koi-tsclia  vertreten 
waren :  der  Chef  dieser  Bewegun«»;  war  Alnlul  Bey  Fraschari 
aus  Preraet. 

Die  beiden  Ausschüsse  stellten  durrli  Vertrauensniännei', 
Avelche  in  Elbassan  sich  /-usamnienfanden.  den  Kontakt  unter- 
einander her. 

Die  türkische  Regierung-  hatte  vm  ihren  Konnnissären  für 
die  Delimitation  an  der  montenegrinischen  und  an  der  griechi- 
schen Grenze  die  Marschälle  Mehmed  Ali  Pascha  für  die  erstere 
Crren/e  und  Ahmed  Muchtar  Pascha  für  die  zweite  ernannt. 
Der  Marschall  Mehmed  Ali  Pascha  Avurde  am  (i.  h^eptember 
187S  in  Djakova  von  dem  erregten  Volke,  welches  keinerlei 
Gebietsabtretung  an  Montenegro  /-lüassen  wollte,  ermordet.  Die 
Mission  Ahmed  Muchtar  Paschas  hatte  kein  so  tragisches  Ende; 
er  fühi-te  im  Februar  und  März  1879  in  Prevesa  Verhandlungen 
mit  den  griechischen  Delegierten,  welche  kein  Resultat  ergaben, 
und  wurde  dann  als  Kommandant  nach  Monastir  l^eordei-t. 

Während  dieser  Verhandlungen  hatte  die  alljanische  Liga 
einen  Ausschuß  in  Prevesa,  welcher  eine  rührige  Agitation  gegen 
die  von  Griechenland  geforderte  Abtretung  von  Janina,  Prevesa 
und  Ai-ta  betrieb.  Nach  Abbruch  der  Verhandlunyfen  verfugten 
sich  Abdul  Bey  Fraschari  imd  Mehmed  Ali  Bey  Vrioni  als 
Deleo-iei-te  der  Liga  nach  Rom,  Berlin  und  Wien,  um  bei  den 
doi-tigen  Kabinetten  füi-  die  Integrität  des  albanischen  Terri- 
toriums zu  wirken. 

Zu  Montenegro  und  Griechenland,  wider  welche  die  albani- 
sche Liga  Front  machte,  gesellten  sich  als  weiterer  Feind  die 
Bulgaren,  indem  auch  sie  die  Integrität  des  albanischen  Terri- 
toriums bech'ohten.  Lii  November  1878  fielen  bulgarische  Ban- 
den in  den  Sandschak  Seres  bei  Salonik  ein  und  gaben  das 
Signal  zur  Bildung  weiterer  Ijulgarischer  Insurgentenbanden  in 
den  Bezirken  Köprülü,  Prilip,  Vodena,  Kastoria,  Monastir.  welche 
an  der  Ostgrenze  Albaniens  gelegen  sind.  Die  Albanier  besagter 
Bezirke  und  besonders  jene  von  Dibm  sahen  in  dieser  Erhebung 
der  Bulgaren  das  Bestreben,  das  Grol.^bulgarien  des  Vei-ti-ages 
von  San  Stefano,    welches   viele    albanische    Gebietsteile    in  sicli 

24* 


372 


schloß,  realisieren  /ai  wollen,  und  Avandten  sich  daher  energisch 
o-eo-en  die  Beweguuj^,  die  bald  von  ihren  Anstiftern  im  Stiche 
gelassen  Avurde. 

Die  Leiter  der  Liga  in  Siidalbanien  delinten  das  Programm 
derselben  auch  auf  eme  mnerpolitische  Frage,  die  künftige 
Orsanisation  Albaniens,  aus.  Sie  wollten  sämtliche  alljanischen 
Landesteile  in  eine  einzige  Provinz,  vereinigen,  als  deren  Haupt- 
stadt Ochrida  in  Aussicht  genommen  Avar;  die  VerAvaltungs- 
beamten  dieser  Provinz  sollten  insgesamt  Albanier  sein  und 
die  albanische  Sprache  in  der  VerAvaltung  gebraucht  Averden ; 
demgemäl.»  sollten  albanische  Schulen  eröffnet  werden,  ein  Teil 
der  direkten  Steuern  sollte  nicht  nach  Konstantinopel  abgeliefert 
wei-den,  sondern  in  der  Provinz  bleiben  und  in  ihrem  Interesse 
verwendet  werden ;  eine  von  der  Bevölkermig  geAvählte  Kom- 
mission sollte  die  Ausfühi-mig  der  vei-schiedenen  neuen  Anord- 
nungen kontrollieren:  allen  Eeligionen  Avurde  Kultusfreiheit  ver- 
sprochen.  Auf  einer  Anfang  Oktober  1879  in  Prizren  gehaltenen 
Versammlung  Ijeschäftigten  sich  auch  die  Delegiei-ten  Nord- 
albaniens mit  obigem  Programme  und  akzeptierten  es;  doch 
fanden  diese  Bestrebungen  bei  den  nordalbanischen  Delegierten 
wenig  Verständnis  und  wenig  Interesse,  da  dasselbe  zu  sehr  von 
den  an  der  Grenze  gegen  Montenegro  sich  abspielenden  Ereig- 
nissen absorbiei-t  war. 

Anfang  August  1879  richtete  die  Liga  an  die  zm-  Delimi- 
tation  zwischen  Montenegro  mid  der  Türkei  berufene  inter- 
nationale Kommission  einen  Protest  gegen  die  Abtreimung  von 
albanischen  Territorien.  Da  die  montenegrinische  liegierang  sah, 
daß  die  Besitznahme  des  ihr  abgetretenen  Bezirkes  von  Gussinje 
nicht  ohne  Widerstand  seitens  der  Albanier  erfolgen  werde,  zog 
sie  an  der  Grenze  dieses  Bezirkes  Tmppen  zusammen,  welche 
ihn  militärisch  okkupieren  sollten ;  zum  Kommandanten  wurde 
der  WoJAVode  Bozo  Petrovic  ernannt.  Auch  die  albanische  Liga 
sammelte  in  Gussmje  Truppen,  Avelche  unter  Kommando  des 
Ali  Pascha  von  Gussinje  standen. 

Anfang  November  gerieten  die  montenegrinischen  Trap- 
pen,   welche    sich   bis    Velika    und    Pepic  —  di-ei   Stmiden  von 


373 


Gussinje  —  vorschoben,  mit  den  Ligatnippen  in  Fiililim<^',  und 
es  wurden  Schüsse  gewechselt.  Am  4.  Dezember  1879  kam  es 
auf  der  Linie  Novsic — Velika  zum  Kampfe,  bei  welchem  vier 
montenegrinische  Baüiillone  und  zirka  (iOOO  Albanier  engagiert 
waren ;  beide  Teile  schrieben  sich  den  Sieg  zu. 

Die  Pforte  gab  nun  dem  Marschall  Muchtar  Pasclia  in 
Monastir  den  Befehl,  mit  Trupj)en  nach  Gussinje  zu  mai'schieren 
und  den  Bezirk  den  Montenegrinern  zu  üljerantworten.  Muchtar 
Pascha  verfügte  sich  nach  Prizren  und  verhandelte  von  dort 
aus  mit  den  Ligafühi-ern  m  Gussinje.  Dort  fand  inzwischen  am 
S.  Januai-  IS 80  ein  neuerlicher  Kampf  statt;  die  Montenegriner 
hatten  sich  von  Pepic  gegen  Metej  bei  Plava  in  Bewegung 
gesetzt  und  -wurden  von  den  Ligatruppen  angegriöeu  ;  es  nahmen 
acht  montenegrinische  Bataillone  und  zirka  10.000  Albanier  am 
Kampfe  teil.  Beiderseits  wurde  die  Ehre  des  Sieges  beansprucht, 
doch  zogen  sich  die.  montenegrinischen  Truppen  in  das  Detile 
Sutjeska  bei  Andrijevica  zurück,  und  die  Albanier  verbrannten 
die  Vassojevicdörfer  Velika,  Rzanica  und  Pepic.  Die  monte- 
negrinische Regierung  nahm  vom  Projekte  einer  militärischen 
Oklrupation  des  Bezirkes  Gussinje  Abstand  und  wandte  sich  an 
die  Signatarmüchte  des  Berliner  Vertrages,  um  den  in  diesem 
Vertrage  Montenegro  zuerkannten  Ländergewinn  zu  verwirklichen. 

Die  italienische  Regierung  ergrilf  die  Initiative  zu  einer 
Mediation  zwischen  der  Türkei  und  Montenegro,  und  sie  empfahl 
das  folgende  Kompromiß :  Montenegro  sollte  statt  des  Bezirkes 
Gussinje  einen  Streifen  Landes  erhalten,  welcher  das  'l'al  Ver- 
mosch  oberhalb  Gussinje,  die  rechte  Seite  des  Zemtales  bis 
zum  Austritte  dieses  Gebirgsbaches  aus  dem  Gebirge  in  die 
Ebene  bei  Dinoschi  und  die  ganze  Ebene  von  Tusi  l)is  zur 
Bucht  von  Kastrati  imd  Hoti  am  Skutarisee  umfal.'tte.  Durch 
eine  solche  Grenzlinie  wurden  zw^ei  Drittel  des  Stannnes  Gruda. 
ein  Teil  des  Stammes  Hoti  und  ein  grol.ler  Teil  der  (Grund- 
stücke, Weiden  und  Almen  des  Stammes  Klementi  zu  M(jnte- 
negro  geschlagen.  Am  12,  April  1880  wurde  dieses  Arran- 
gement von  der  Türkei  und  von  Montenegro  angenonmien. 

Das  Abkommen    rief   zunächst    Ijei    den    davon    dii-ckt   l»«- 


874 


liiliiien  albanischen  Stämmen,  dann  bei  der  ganzen  albanischen 
Liga  die  leibhafteste  Op})(.)sition  hervor,  und  die  Liga  war  ent- 
schlossen, die  Integrität  Albaniens  auch  auf  diesem  Punkte  mit 
den  AVatt'en  /u  veiteidigen.  Das  /.edieiie  Gebiet  sollte  am 
22.  Ajtril  IS^O  von  den  Montenegrinern  oklaipiert  werden; 
4(i00  Albanier  sammelten  sich  an  der  (iren/^e  des  Gelnetes 
an.  um  sich  der  Okkupation  y.u  widersetzen,  die  Montenegriner 
nahmen  jedoch  den  Kamjjf  nie-ht  auf,  sondern  appelliei^ten  aber- 
mals an  die  I)ij)lomatie.  Die  Trui^penmaclit  der  Liga  an  jener 
Grenze  Avurde  durch  Zuzüge  a\if  (SO(M)  ]\Iann  gebracht,  sie 
wui'de  dm'ch  Hodo  Bey  aus  Skutari  unil  den  Kapetan  Prenk 
Bib  Doda  von  Mirdita  kommandiert:  das  Zentrum  der  Stellung 
war  das  kleine  Städtchen  Tasi. 

Angesichts  dieser  Vorgänge  trat  England  Anfang  Jmii 
mit  einem  neuen  Vorschlage  heiTor,  nach  welchem  ]Montenegi-o 
A\eder  den  Bezirk  Gussinje  noch  das  Zemtal  und  die  Ebene 
von  Tusi  erhalten  sollt«,  sondern  den  an  der  Küste  des  adiiati- 
schen  Meeres  liegenden  Bezirk  von  Dulcigno.  Die  ]>esonnenen 
Elemente  in  der  alltanischen  Liga  sidien  ein.  daU  jede  weitere 
AVeitjermitj  jrecrenüber  dem  Willen  der  Signabirmächte  d&s  Ber- 
liner  Teiirages  keine  Aussicht  auf  Erfolg  hal)e.  und  entschlos- 
sen sich,  der  Zession  des  Bezirkes  nicht  zu  opponieren.  Die 
exti-eme  Partei  aber  glaubte  auch  Ijezüglich  Diücignos  den 
■^ampf  aufnehmen  zu  müssen,  Avar  jedoch  auf  die  fanatischen 
Köpfe  imter  den  ^Mohanmiedaneni  von  Skuüiri  beschi-änkt ;  unter 
dem  Kommando  des  Jussiü'  Aga  Sokoli  besetzten  Anfang  Jxüi 
einio-e  hundert  Mann  eine  Stellung  bei  dem  Grenzdorfe  Mrkovic 
und  im  Anschlüsse  den  Bergzug  der  Mozura  sowie  die  Stadt 
Didcigno  sel])st 

Die  türkische  Kegierung  entsandte  im  August  1880  den 
General  Riza  Pascha  nach  Skutari.  damit  er  tlen  Bezirk  Did- 
cigno an  die  Montenegi'iner  übergebe.  Anfang  Septeml^r  Avuitle 
von  Seite  der  Signatarmächte  de,s  Berliner  Vei-ti'ages  gegen  die 
tüi'kische  Ivegierung  die  Flottendemonstration  durch  4  öster- 
reichisch-ungarische. 4  englische.  3  französische.  8  italienische, 
2  lussische  und  1   deutsches  Kriegsschiff  in  Szene  gesetzt. 


375 


Die  türkisclie  Uei^ici-ung  fügte  sich  dem  Wunsche  der 
Mächte ;  der  General  liiz-u  Pascha  wurde  abljerufen,  inid  Mar- 
schall Derwisch  Pascha  traf  Ende  Oktober  in  Skutari  ein,  um 
die  Uljergabe  des  He/.irkes  Dulcigno  durch/.ufüliren.  Eine  größere 
Truppenmacht  \\  urde  bei  dem  Dorfe  fSchnjertsch  (St.  Georg) 
am  recliten  Hojunaufei-  lialbenwegs  /.wischen  Skutari  nnd  Dul- 
cigno aufgestellt,  und  am  21.  November  trat  sie  unter  Kom- 
mando  des  Marschalls  Derwisch  Pascha  den  Marsch  /.ur  Be- 
setzung Dulcignos  an.  Die  rechte  Seitenkohmne  wurde  bei  dem 
Öchkala  Musclicit  genannten  Aufstiege  auf  dem  der  Mozura 
vorgehigerten  Hügel  Kodra  Kuce  bei  dem  Dorfe  Klezna  von 
der  Truppe  des  Jussuf  Aga  Sokoli  angegriffen;  nach  zwei- 
stündigem Gefechte  wurden  die  Albanier  zersprengt,  und  am 
2'S.  Xovember  rückte  Derwisch  Pascha  in  Dulcigno  ein.  Am 
2ii.  Xovember  wurde  der  Bezirk  von  Dulcigno  von  den  Monte- 
negrinern in  Besitz  genonunen :  am  (>.  Dezember  löste  sich  die 
zur  Demonstration  vereinigte  alliierte  Flotte  auf. 

Wähi-end  der  geschildeiien  Vorgänge  an  der  Nordgrenze 
Albaniens  war  die  Liga  auch  an  der  Öüdgrenze  Albaniens  in 
Anspruch  genommen.  Im  Juni  1880  trat  in  Berlin  eine  Kon- 
ferenz zusammen,  um  die  griechisch-türkische  Grenzfrage  zu 
regeln ;  die  Konferenz  erhielt  Kundgeljungen  aus  Berat,  Valona, 
Artryrokastro,  Marjjfariti.  Janina,  Prevesa.  die  baten,  die  Grenz- 
linie  .so  zu  ziehen,  dal.»  albanisches  Territorium  niclit  an  Griechen- 
land zediert  werde.  Die  von  der  Konferenz  akzeptierte  Grenz- 
linie trennte  die  halbe  Tschameri.  das  ist  die  Bezirke  Janina. 
Aidonat.  Margariti.  Luros,  Prevesa  von  Albanien  ab:  die  fran- 
zö.sische  Regierung  hatte  diese  Grenzlinie  vorgeschlagen  und 
befüi-^vortet. 

Gegen  jene  großen  Gebietsabtietungen  lehnte  .sich  der 
Yolkswille  in  Südal))anien  auf;  in  Berat  bildete  sich  unter 
Mehmed  Ali  Bey  Vrioni  und  Omer  Bey  V^ioni  ein  Komitee, 
weiches  den  Widerstand  mit  den  A^'affen  wider  die  erwarteten 
Griechen  organisierte.  Xach  längeren  diplomatischen  Verhand- 
lunt^en  einii'ten  sich  die  Mächte,  die  Linie  der  Berliner  Kon- 
ferenz    durch    ihre    Botschafter    in    Konstantinopel    revidieren  zu 


37G 


lassen;  das  Resultat  dieser  im  Mär/,  1881  getuhi-ten  J^eratun- 
gen  war  eine  neue  Gi-enzlinie,  wek-lie  Griechenland  Thessalien 
/Aiwies,  an  der  Grenze  gegen  AU)anien  ahtT  nui-  den  Bezirk 
Arta  von  Albanien  abtrennte:  Ai'ta  wurde  am  <).  Juli  ]ssl 
den  Griechen  übergeljen. 

Mit  der  Überga))e  von  Duleigno  und  Arta  waren  die 
Gebietsabtretungen,  welche  die  Türkei  in  Albanien  machen  mulHe. 
beendet,  die  albanische  Liga  hatte  ihren  ersten  Progiammpunlct. 
Wahrung  der  Integrität  des  albanisclien  Terjitoriums.  zwar  nicht 
zu  vollständiger  Geltung  bringen  krmnen,  sie  hatte  ilm  jedoch 
mit  teilweisem  Erfolge  realisiert. 

Das  Programm  der  albanischen  Liga  erstret-kte  sich,  wie 
vorher  erwähnt,  auch  darauf,  für  die  albanischen  Landesteile  im 
Rahmen  des  türkischen  Reiches  eine  Organisation  zu  kreieren, 
welche  der  nationalen  Eisrenart  und  den  nationalen  Wünschen 
am  besten  entsprechen  würde.  In  Südalbanien  hatte  man  schon 
im  Jahre  1878  ein  Programm  entwickelt,  welches  bereits  an 
anderem  Orte  beleuchtet  worden  ist.  Das  Ligakomitee  in  Xordost- 
albanien  beschäftigte  sich  in  den  Monaten  Juni  und  Juli  18^0 
mit  dieser  Frage.  Das  Komitee  hatte  insoferne  eine  Reform  er- 
halten, als  die  früheren  Mitglieder,  welche  voi-  allem  l^edacht 
waren,  mit  der  Konstantinojjler  Regierung  iui  Einvernehmen  zu 
bleiben,  abdanken  mußten  und  an  ihre  Stelle  Anhänger  einer 
schärferen  Tonart  traten,  welche  in  erster  Linie  die  nationalen 
Aspirationen  im  Auge  hatten,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie  der 
Konstantinopler  Regierung  bequem  seien. 

Die  Delegierten  von  Xordost<d])anien  formulierten  ihre 
Wünsche  dahin:  Bildunic  einer  sämtliche  albanischen  Landes- 
teile  umfassenden  Provinz  mit  Monastir  oder  Ochrida  als  Haupt- 
stadt ;  der  Wali  der  Provinz  wird  vom  Sultan  ernannt :  alle 
übrigen  Beamten  müssen  Einheimische  sein:  nur  ein  Teil  der 
Einkünlte  der  Provinz  soll  an  die  Zentralregierung  nach  Kon- 
stantinopel abgeliefert  werden.  Das  in  Prizren  vereinigte  Liga- 
komitee unterbreitete  dieses  Progi'amm  dem  Sultan. 

Im  Oktober  1880  trat  in  Dibra  eine  Versiunmluiig  zasimmien. 
an  welcher  Delegierte  von  ganz  All)anien  partizipierten :  die  von 


öl 


der  Versammlung  votiei-te  Resolution  wiederholte  den  Wunsch 
nach  Bildung  einer  autonomen  Provinz-  Alljanien,  welche  alle 
albanischen  Landesteile  umfassen  sollte.  Die  Wünsche  dieser 
Delegieiienversammluno-  wurden  in  einer  Adresse  ausgedrückt, 
welche  Dschemal  Bey  aus  Dihra  nach  Konstantin(jpel  überbrachte. 
Um  die  Vereinigmig  Albaniens  unter  der  Bevölkenmg  populär 
zu  machen  und  zAvischen  dem  Norden  und  dem  .Süden  einen 
engeren  Kontakt  herzustellen,  bereisten  die  Delegierten  aas  Süd- 
albanien Abdul  Bey  Fraschaii  und  Mustafa  Efendi  die  Städte 
Noi-dalbaniens,  die  Delegierten  aus  dem  Norden  Dei-wisch  Mustafa 
Efendi.  fecheich  Ismail  Efendi  und  Muderris  Abdullah  Efendi 
die  Städte  Südalbaniens. 

Diese  Vorgänge  machten  Eindruck  auf  die  Konstantinopler 
Regierung,  sie  beschäftigte  sich  mit  den  albanischen  Forderungen 
und  zog  die  Vereinigung  sämtlicher  von  Albanien!  bewolinten 
Gebietsteile  zu  einem  Wilajet  in  Ei-wägung.  Die  meisten  hohen 
Beamten  der  Pforte  mid  die  übrigen  maßgebenden  Berater  hielten 
starr  am  Zentralismus  fest  und  perhorreszierten  jede  K(jnzession 
an  eine  autonomistische  Richtung  in  der  inneren  Politik:  man 
befürchtete  von  einer  Autonomie  eine  Schädigung  der  Kaste  der 
Funktionäre,  wodurch  die  Sonderinteressen  des  türkischen  und 
insl)esondere  des  Konstantmopler  Elementes,  welches  jene  Kaste 
vorwiegend  bildete,  gelitten   hätten. 

Die  al)lehnende  Haltung  der  Regierung  gegenül^er  den 
\A'ünschen  der  Albanier  wurde  in  Allianien  ))ekannt  und  rief 
dort  Erbitterung  heiTor.  Die  Liga  beschlol.'»,  in  schärfere  Oppo- 
sition gegen  die  Regierung  zu  treten,  die  Stellung  der  Rekruten 
zu  venveigeni  und  die  Machtbefugnisse  der  Regierangsl^eamten 
zu  negieren. 

Der  Anfang  wurde  in  Prizren  gemacht;  dem  Gouverneur 
wurde  jede  Amtshandlung  untei'sagt  und  ein  Mitglied  des  dor- 
tigen Ligakomitees  mit  den  Funktionen  eines  Gouvenieurs  betraut. 
Das  Prizrener  Ligakomitee  stellte  ein  Aufgel  )ot  Bewaffneter  auf, 
welches  die  gleichen  Mal.»regeln  in  den  benachljarten  Städten 
zur  Durchführung  bringen  sollte. 

Lizwischen  beo-ann  Derwisch  Pascha  in  Skutari    gegen  die 


Liociteiidenzen  mit  Gewalt  /.u  verfuhren,  indem  er  mehrere  Per- 
sönliehkeiten.  welche  an  diesen  Bestrebungen  leitenden  Anteil 
genommen  hatten,  aus  Skutiui  exilierte.  Der  Präsident  des  Liga- 
komitees von  Skutari  Muderris  Daud  E  feudi  und  der  Gendarmerie- 
kommandant  Fetbih  Aga  mul.lten  nach  Konstantinopel  sich  be- 
geben, und  am  12.  De/.eml)er  1880  ließ  Derwisch  Pascha  den 
Hodo  Pascha  von  Skufcii-i  und  Prenk  Bib  Doda.  Kapetan  der 
Mirditen.  verhaften  und  eljenialls  nach  Konstantinopel  eskoi-tieren ; 
Hodo  Pascha  wurde  in  Er/j'ngjan  in  Armenien  interniei-t. 

8ulejman  Aga  Vogsch  aus  Djakova  führte  das  liewaffiiete 
Aufgebot,  welches  die  Liga  in  Pri/>ren  formiert  hatte,  /Ainächst 
(4.  Januar  1881)  nach  Üskü)>  und  veranlaUte.  dal.)  die  Verwaltung 
auf  den  dortigen  Lig^uiusschul.»  unter  Jaschar  Bey  übertragen 
wurde.  Von  Uskül)  wandte  sich  das  Ligaaufgebot  gegen  Prischtina, 
wo  der  AVali  des  AVilajets  Kossovo,  der  zugleich  Militärkommandant 
Avar.  seinen  Amtssitz  hatte;  am  18.  Jamiar  1881  okkujjierte  die 
Liga  Prischtina,  und  der  Wali  wurde  von  der  Konstantinopler 
Kegierung  a]>l)erufen :  alle  Bezirke  der  Provinzen  Prischtina  und 
Üsküb  kamen  dergestalt  unter  die  Autorität  der  Liga. 

Im  Februar  1881  befolgte  auch  Dilira  das  Beispiel  Prizrens; 
unter  dem  Fintliil.le  Abdul  Beys  Fraschari  wurde  der  kaiserliche 
Grouvemeur  zur  Abreise  gezwungen  und  die  Liga  als  allein  maß- 
gebend erklärt. 

Unterdessen  hatte  der  Marschall  Derwisch  Pascha  sich 
von  Skutari  nach  Konstiintinopel  verfügt.  Er  war  ein  starrer 
Anhänger  des  zentralistischen  Funktionarismus  und  inspirierte  die 
Konstantinopler  Regierung  in  dem  Öinne.  daß  keine  Konzessionen 
an  die  albanischen  Forderangen  zu  machen  seien,  vielmehr  die 
Bewegung  in  Albanien  durch  Waffengewalt  unterdrückt  werden 
möge.  Diese  Ansicht  Derwisch  Paschas  ül)erwog  in  den  Beratun- 
gen, und  er  selbst  erhielt  die  Mission.    .Albanien  zu  unterwerten. 

Bei  Üsküb  wurde  eine  gröl.lere  'J'ruppenmacht  —  gegen 
20.000  Mann  —  konZ/entriert.  Am  23.  Mäi-z  1881  wurden  durch 
den  in  L'skülj  konnuandierenden  General  Ibrahim  Pascha  die 
Mitiflieder  des  dortiu'en  Lio'akomitees  Jascliar  Bev,  Hadzi  Mustafa 
Bev.    Hadzi     Abdui-rahman     Bev.     Dzavid    Bev.     Ismail    Efendi 


379 


M()liad/ir.  Hud/j  Jiaki  Efendi.  Sclieicli  Ali  Efendi.  Mehmed 
Efendi  Lolo.  Abdul  Agu.  Matkali  llti'aliini  Tsuliehaja,  iScheicli 
Behaedin  verhaftet  und  nacli  KJkxIus  in  ilie  Festunu"  u'ebraelit. 
Xacli  einig'en  Tagen  erschien  der  Marschall  Derwisch  Pascha 
in  Usküb,  liel>  die  Bahnstj'ecke  t  sküh^ — Mitrövica  durch  aus- 
gie))ige  Militärkräfte  besetzen  imd  sammelte  in  der  Shition 
Ferisoyic  zirka  10.000  Mann  mit  zwei  Batterien,  um  auf  Prizren 
Torzurücken. 

Das  Prizrener  Ligakomitee  sammelte  dagegen  ein  Aufge}M)t. 
das  4000  bis  .")O0O  Mann  stark  war  mid  das  Defilee  des  zur 
Kössovoeljene  tiieUenden  Crnoljevabaches  l)ei  dem  Marktflecken 
•Stimlja  besetzte.  Die  beiderseitigen  Voii»osten  waren  bis  zimi 
Doii'e  Ölivovo  vorgeschoben. 

Die  türkischen  Truppen  grilfen  um  20.  April  die  Al])anier 
liei  Slivovo  an;  Derwisch  Pascha  ließ  besonders  seine  Ai'tillerie 
spielen ;  da  die  Albanier  keine  hatten,  um  das  Feuer  zu  erwidern, 
Avurden  die  zum  großen  'J  eile  das  Aufgebot  bildenden  Gebirgs- 
bauern,  welche  die  Wirkung  von  Artilleriefeuer  nicht  kannten, 
durch  dassellje  ziemlich  demoralisiert.  Die  Albanier  hielten  den- 
noch den  ganzen  Tag  stand  und  zogen  sich  erst  gegen  Abend 
zurück.  Die  türkischen  Truppen  setzten  den  nächsten  Tag  die 
\  orrückung  auf  Prizren  fort,  ohne  ernstlichen  Widerstand  zu 
begegnen,  und  am  22.  April  1881  konnte  Derwisch  Pascha 
Pnzi-en  okkupieren. 

Am  5.  Mai  ließ  Derwisch  Pascha  durch  den  (reneral  Hadzi 
Osman  Pascha,  welcher  zirka  4000  Mann  und  xirtillerie  mit 
sich  hatte,  die  Stadt  Djakova  besetzen,  und  später  erfolgte  ebenso 
anstandslos  die  Okkupati(jn  von  Ipek. 

Abdul  Bey  Fraschari.  der  hauptsächlichste  Promotor  des 
all)anischen  Unionsgedankens,  war  beim  herannahen  Derwisch 
Paschas  aus  Pnzren  in  der  Richtung  der  Küste  bei  Durazzo 
geÜüchtet;  Dei^wisch  Pascha  schrieb  auf  dessen  Habhaftwerdung 
einen  Preis  von  50  türkischen  Pfund  aus.  und  tatsächlich  wurde 
AMul  Bey  in  der  Xähe  von  Elbassan  festgenommen  und  nach 
Prizren  eingeliefert,  wo  Derwisch  Pascha  ihn  in  strengen  Gewahr- 
sam setzte.  Gegen  andere  Persfinlicld^eiten,  die  sich  an  dei-  Liga- 


380 


hewefjuntj  Ijeteiligt  hatten,  schritt  Derwisch  Pascha  nicht  ein. 
Er  berief  sie  alle  und  /.war  die  Noüibeln  von  Ipek,  Djakova, 
Tetovo,  Dibra  und  Skutari  nach  Prizren.  warf  ihnen  ihre  In-tümei- 
vor,  forderte  sie  auf,  von  den  autonomistischen  Ideen  a})7Aistehen 
und  unentwegt  zum  Sultan  und  der  Konsümtinopler  Regierung 
zu  halten,  dann  aber  wurden  sie  in  ihre  Heimat  entlassen.  Blolö 
Had/i  Onier  Efendi,  der  Präsident  des  Ligakouiitees  von  Prizren. 
hatte  den  Absichten  Derwisch  Paschas  nicht  getraut  und  war 
nach  Dulcigno  geflüchtet,  wo  er  ständigen  Aufenthalt  nahm. 

In  Südalbanien  lieli  die  türkische  Regierung  die  Führer 
der  Ligabewegung  gefänglich  einziehen ;  der  (leneralgouverneur 
von  Janina  Mustafa  Assim  Pascha  lud  im  Mai  1881  Mustafa 
Nuri  Pascha  von  Valona,  Omev  Bey  Vrioni  von  Berat.  Sulejman 
Bev  Dino  von  Mai-gariti,  Mustafa  Efendi  und  Ahmed  Pascha-Zade 
Mustafa  Bey  aus  Janina.  sowie  Kiazim  Bey  von  Prevesa  zu  sich 
nach  Prevesa.  erklärte  sie  für  verhaftet  und  schickte  sie  nach 
Tschanak  Kala  in  den  Dardanellen,  wo  sie  bis  November  188:) 
blieben. 

Derwisch  Pascha  begab  sich  im  8epteml>er  1881  von 
Prizren  nach  Dibra  und  kehrte,  nachdem  er  seine  Mission, 
Albanien  zu  pazifizieren.  lieendet  hatte,  nach  Konstantinopel  zu- 
rück, wo  er  foi-tan  als  eine  Autorität  in  allen  Albanien  be- 
lührenden  Fragen  konsultiert  wiu'de. 


Von  einer  Seite  wird  in  Abrede  gestellt.  dal.>  faktisch  eine 
„albanische  Liga"  je  bestanden  habe;  diese  Ansicht  gründet  sich 
auf  die  Behau})tung,  dalo  es  überhaupt  keine  all>anische  Nation 
und  Nationalität  gebe,  sondern  nur  eine  Anzahl  von  Stämmen 
ohne  jede  Kohäsion  untereinander.  Die  Vertreter  obiger  Ansicht 
leugnen,  daß  man  von  einer  alljanischen  Liga  sprechen  dürfe : 
es  existiere  bloß  eine  „mohanuuedanische  Liga",  und  diese  sei 
von  den  türkischen  Behörden  erfunden  und  organisiert  worden, 
damit  die  Türkei  auf  solche  Art  sich  den  Bestimmungen  des 
Berliner  Vertrages  entziehen  könne. 

Andere,    besonders    Personen,    welche    die    'i'ätigkeit    des 


381 


Pri/,i'ene]-  Komitees  der  albaniselien  Liga  heohaclitet  haben,  be- 
haupten, dal.»  die  alljanische  Liga  eine  eliristen-  nnd  foi-tschritts- 
feiudliehe  Bewegung  gewesen  sei.  die  von  einem  fanatiseh-religiösen, 
exklusiv-mohanmiedanischen  Geiste  erfüllt  \va)\  Diese  Bewegung 
habe  mit  allen  Errungenschaften,  welche  westeurojjäiseher  Ein- 
Hul.t  in  der  Türkei  seit  dem  Jahre  1889  erreicht  hatte,  und  die 
allgemein  unter  der  Bexeiehnung  ..Tansimat"  oder  Reformen 
/usanuuenge fal.it  werden,  aufräumen  wollen,  mn  an  ihre  Stelle  eine 
Organisation  der  Gesellschaft  und  der  Verwaltung  y.u  setzen,  welche 
aussehliel.)]icli  auf  dem  mohammedanischen  religiösen  Rechte 
—  dem  Scheriat  —  autgebaut  sein  sollte.  Darnach  wäre  die 
all^anische  Liga  eine  reaktionäre  Bewegung  gewesen,  ferner  hätten 
die  Führer  der  Bewegung  nicht  sosehr  im  Auge  gehabt,  die 
Miübräuehe  der  ottomanischen  Verwaltung  abzuschatten,  als  sie 
vielmehr  ]ieidisch  gewesen  seien,  dal.l  fremde,  aus  Konstantinopel 
gekommene  Beamte,  die  aus  den  Verwaltungsmil.»bräuchen  ge- 
Avonnene  Bereicherung  genos.sen,  und  gewünscht  hätten,  sich 
selbst  an  jener  fremden  Beamten  Statt  zu  sehen. 

Es  wurde  l^ej-eits  an  früherer  Stelle  angedeutet,  dal.)  gegen- 
über den  vom  Berliner  Vertrage  verfügten  Abtretungen  all^anischen 
Territorimns  der  Appell  an  den  Volkswillen  in  Albanien  aus 
den  Kreisen  der  türkischen  Regierung  erfolgt  sein  mag,  und 
dali  diese  Kreise  und  die  türkischen  Beamten  bei  der  Bildung 
der  albanischen  Liga  und  ihrer  v^erschiedenen  Lokalkomitees 
aufmunternd  mitwirkten.  Es  mu.l.t  jedoch  hervorgeholDen  werden, 
dal.)  in  der  weiteren  Entwicklung  der  Ereignisse  die  Leitung 
der  albanischen  Volksbewegung  den  Händen  der  türkischen 
Funktionäre  entglitt,  dal.)  die  albanische  Liga  ihre  eigenen  Wege 
ging,  die  sie  zu  der  tüikischen  Regierung  geradezu  in  Gegensatz 
brachten.  Während  zu  Beginn  der  Bewegung  die  Mitglieder  der 
Ligakomitees  in  solchen  Kreisen  angeworben  A^'m'den.  für  welche 
die  Wünsche  der  türkischen  Regierung  die  maßgebende  Direktive 
waren,  kam  im  Verlaufe  der  Bewegung  die  Leitung  derselben 
an  eine  Pai-tei,  welche  nicht  mehr  das  Regierungsprogramm, 
sondern  ein  eigenes  nationales  und  autonomes  |  Programm  vertrat. 
Daß  die  Bewegung  zu  keinem  Ziele  führte,    kann    nicht  gut  als 


o82 


o 


Argument  füi*  die  Behauptung  angenommen  werden. .  dal»  sie 
überhaupt  keine  dem  Volkswillen  entsprechenden  Ziele  hatte. 
Man  darf  über  der  Tätigkeit  der  Liga,  welche  darauf  gerichtet 
war,  die  Abtrennung  albanischen  Territoriums  möglichst  xn  ver- 
liindern,  nicht  jene  andere  Tätigkeit  ül^ersehen.  deren  Ziel  die 
Bildung  einer  alle  albanischen  Landesteile  vereinigenden  Provinz 
mit  einem  eigenen,  von  autonomistischen  Prin/,i})ien  inspirierten 
Provinzialstatut  war;  es  ist  Avahr,  dalö  die  Tagesgeschiehte  sich 
mit  der  ersteren  Tätigkeit  starlv  beschäftigte,  während  sie  von 
der  /.weiten  sehr  wenig  und  nur  imgenaue  Kunde  besaß. 

Der  Voz-wurf  der  Christen-  und  Fortschiittsfeindlichkeit 
Avird  der  albanischen  Liga  hauptsächlich  deswegen  gemacht,  weil 
die  Ligakomitees  in  Prizren  und  in  Dilira  die  Aufhebung  der 
im  Jahre  18(54  eingeführten  Crerichte  und  die  alleinige  Gültigkeit 
des  Scheriat  fordeiien.  Dieser  Umstand  bedarf  einer  Erklärung. 
Die  Cierichtsverfassmisf,  sowie  das  Verfahren  in  )Straf-  mid  in 
Zivilsachen  vom  Jahre  1864  waren  die  betreffenden  französischen 
Legislationen ;  dieselben  brachten  so  viele  Förmlichkeiten  imd 
Schreibereien  mit  sich,  daß  sie  den  Bedürfnissen  einer  Bevölke- 
rung, welche  sich  auf  einer  tieferen  kiüturellen  und  ökonomischen 
Entwicklungsstufe  befand  als  die  französische,  nicht  enisprechen 
konnten  und  nur  eine  unverstandene  Belastung  und  Plackerei 
bedeuteten.  Dazu  kommt,  daß  zm-  Handhabung  dieses  kompli- 
zierten Justizapparates  eine  gebildete.  betVihigte  und  moralisch 
hochstehende  Beamtenschaft  gehört,  wie  sie  eben  ein  altes  Kul- 
turland gleich  Frankreich  besitzt.  Die  türkischen  Beamten,  welche 
Ijerufen  wui'den,  die  neuen  Gesetze  auf  dem  Gebiete  der  Rechts- 
pflege zu  handhaben,  hatten  aber  weder  die  Aasbildung  und 
Befähigung  dazu,  noch  die  notwendigen  Cha)-aktereigenschaften. 
In  den  Augen  der  Bevölkenmg  waren  also  besagte  Gesetze  nichts 
anderes,  als  ein  Mittel,  welches  der  türkischen  Beamtenschaft 
dazu  diente,  sich  zu  bereichern,  die  (jrerechtigkeit  ungestraft;  zu 
verletzen ;  man  fand,  daß  die  Lage  schlimmer  Avar  als  unter  der 
Wirksamkeit  der  früheren  Gesetze,  man  wollte  also  unter  die- 
selben zurückkehren.  Das  Verlangen  oreht  nach  Restitution  des 
Adet  und  des  Scheriat ;    ersteres  Wort    ist    nicht    zu    übersehen : 


383 


die  Albanier  vergingen  das  „Adof.  das  ist  ihr  alk's  Gewohn- 
heitsrecht. Es  ist  wenig  bekannt,  chili  ein  sehr  giv^l.lei-  Teil  des 
albanischen  Volkes  im  Norden  des  Landes  nach  einem  eigenen 
Landrechte  lebt,  welches  nicht  das  „Scheriat"  ist.  wohl  aber  das 
sogenannte  Kannni  Dschibal  oder  Kanuni  Lelv  JJukadschinit. 
Ja  alle  Katholiken  in  den  Gebirgen,  welche  deizeit  unter  dem 
„Adet" -Rechte  ihre  Geschäfte  erledigen,  opponieren  energisch  der 
Einführung  der  neuen  Ilefoinngeset/e  in  die  RechtsjjHege.  Auch 
das  „Öcheriat" -Recht,  welches  das  Adetreeht  subsidiär  ei^än/i. 
ist  in  seinen  Bestimmungen,  soweit  sie  nicht  dem  intolerant 
religiösen  Geiste  entspringen,  den  Bedürfnissen  eines  Naturvolkes, 
wie  es  die  Mehrheit  der  albanischen  Bevölkerung  noch  ist,  besser 
angepaßt,  als  die  hochmodernen  Gesetze  der  türkischen  Reform- 
l^eriode.  Ein  Auflehnen  Avider  let/-tere  und  ein  Verlangen,  sie 
durch  einfachere  zu  ersetzen,  darf  daher  nicht  als  eine  Bekämpfung 
des  Foi-tschrittes  und  der  Zivilisati(m  betrachtet  werden;  ein 
solches  Auflehnen  ist  der  Preßtest  gegen  die  ungerechte  und 
bedi'ückende  Anwendung  dieser  (iesetze  durch  die  türkischen 
Funktionäre,  es  ist  der  Aufschrei  einer  gequälten  Bev'ölkening 
nach  einer  l)esseren.  praktischeren  Institution,  und  da  man  in 
Prizren  und  in  Dibra  nichts  anderes  kannte,  als  das  vordem  in 
Kraft  gewesene  Adet-  und  Öcheriatrecht,  so  lautete  die  Partjle 
nach  deren  Wiedereinführung. 

Das  Ligakomitee  von  Prizren  richtete,  als  Derwisch  Pascha 
im  Frühjahre  1881  gegen  Prizren  vorrückte,  einen  Protest  an 
die  Botschafter  der  Großmächte  in  Konstantinopel  und  gab  darin 
selbst  die  Erklärung  ab.  daß  es  nie  l^eabsichtigt  habe.  Znstände 
in  Albanien  einzuführen,  Avelche  einem  barbarischen  Zeitalter 
entstammen  und  mit  dem  herrschenden  Zeilgeiste  und  der 
europäischen  Zivilisation  im  Widerspniche  seien. 

Der  Voi-wm-f  der  Christenfeindlichkeit  kann  der  albanischen 
Liga  im  allgemeinen  nicht  oremacht  werden,  wohl  trifft  er  aber 
das  Prizrener  Lokalkomitee  der  Liga :  die  Männer,  welche  sich 
an  der  Spitze  der  Ligabewegung  in  Prizren,  Djakova  und  Ipek 
befanden,  betrachteten  die  christlichen  Albanier  als  „qnantite 
negligeable",    welche    sich    in    allem    ihren    mohammedanischen 


384 


Landsleutt'n  unterordnen,  die  nüniliclien  oder  wonKit^licli  nocli 
u;röl-tere  PHichten  und  Lasten  tragen  sollte,  ohne  die  gleichen 
Kechte  /M  geniel-len.  Das  Ligakoniitee  in  Skutari  vertrat  einen 
anderen  Gesichtspunkt ;  das  Komitee  selbst  /ählte  mehrere  christ- 
liche Mitglieder,  die  Katholiken  der  Provin//  von  Skutari  hatten 
vorbehaltlos  dius  Ligaprogramm  akzeptiert,  die  Bewegung  stützte 
sich  zum  Teil  auf  sie,  und  so  nahmen  sie  eine  vollkommen 
gleichberechtigte  Stellung  an  der  Seite  der  mohammedanischen 
Albanier  ein.  In  Südalbanien  waren  die  Christen  der  Mehrlieit 
nach  Gegner  der  ligistischen  Bewegmig,  da  die  griechische  Pro- 
paganda einen  zu  grol-ien  Einflu.1.)  über  die  Christen  gewonnen 
hatte ;  hier  waren  also  die  Ligisten  und  die  Christen  politische 
Feinde. 

Das  Prizi-ener  Ligakomitee  hat  überhaupt  dem  Rufe  der 
Liga  sehr  geschadet.  Als  die  politische  Verwaltung  in  jenem 
Landstriche  in  den  Händen  dieses  Komitees  lag,  wm-de  sie  nicht 
in  einer  Weise  geführt,  welche  dem  neuen  Regime  das  Vertrauen 
nnd  die  Sympathie  der  Administrieiien,  wie  der  nichtiuteressierten 
Beobachter  zu  gewinnen  im  Stande  gewesen  wäre.  Anhänger 
der  Liga  aus  anderen  Landesgebieten  behaupten,  dal.)  Prizren, 
Djakova  und  Ipek  in  der  Kultm*  und  Zivilisation  am  meisten 
imter  allen  albanischen  Bezirken  zurückgeblieben  und  ihre  Be- 
völkenmg  von  besonders  gewalttätigen  Charakter  sei ;  die  nach- 
teiligen Eigenschaften  seien  selbstredend  bei  den  Persönlichkeiten, 
welche  das  Ligakomitee  bildeten,  zum  Ausdruck  gelangt.  Wenn 
jedoch  die  Liga  sich  hätte  frei  entwickeln  können,  namentlich 
in  der  Richtung,  daß  sie  eine  Zentralgewalt  erhalten  hätte,  von 
welcher  die  Lokalkomitees  abhängig  gewesen  Avären,  so  hätte 
diese  Zentralgewalt,  welche  natürlich  in  die  Hände  der  vor- 
geschrittensten Elemente  m  Albanien  gelegt  worden  wäre,  auf 
die  Lokalkomitees  einen  mäßigenden  und  zivilisatorischen  Einfluß 
geübt.  Ferner  wii-d  darauf  hingewiesen,  dal.»  es  jedesmal,  wenn 
der  Volkswille  sich  gegen  eine  ihn  unterdrückende  Macht  erhebt, 
in  der  Periode  der  Gährung  zu  Reibungen  und  Ausbrüchen  kommt. 

Die  Liga  wurde  in  Albanien  mit  dem  Worte  „Millet" 
bezeichnet,  welches  der  türkischen,  eigentlich  arabischen  Sprache 


385 


entlehnt  ist  und  „die  Xtition"  Ijedeutet.  Wenn  deninac-li  die 
All>iiniei-  die  Vereinigung,  welche  dus  Aushind  ids  Liga  bezeich- 
nete. kui/Aveg  „die  Nation"  nannten,  su  besagt  das  wohl,  dal.» 
in  den  Augen  der  All^anier  es  sich  nicht  ))lol.t  mn  eine  politische 
Partei  und  ihre  Mache  lumdelte.  sondern  dal.)  es  für  sie  die 
Bewegung  des  ganzen  all^anischeu  Volkes  war.  Tn  diesem  Sinne 
le])t  die  Erinnerung  an  die  Liga  aucli  jetzt  noch  weiter  in 
Albanien,  nämlich  als  an  einen  dem  ganzen  V^olke  gemeinsamen 
Komplex  von  fundamentalen  Ideen  und  auf  denselben  ])asierenden 
As])irationen. 


IL 

ETH]SO(iEAPHISCHES 

UND 

GEWOHNHRITSRECHTLICHES. 


3i9 


Das  Gewohnheitsrecht  der  Hochländer 
in  Albanien/ 

Von  Theodor   fjyjxui. 

Die  Bewohner  der  Gebirge  in  Albanien  regeln  ihre  llechts- 
verhültnisse  nach  einem,  ihnen  eigentümlichen  Gewohnheitsrechte, 
welches  zweifelsohne  für  die  liechtskmide  ein  interessantes 
Studienobjekt  ist.  Die  an  sich  nicht  beträchtliche  Literatm- 
über  Albanien  enthält  jedoch  sehr  geringe  und  oft  unrichtige 
Aufschlüsse  darüber;  Dr.  J.  G.  v.  Hahn  gibt  in  seinem  Buche 
„Albanesische  Studien"  auf  S.  176—181  Mitteilungen  über  dieses 
Gewohnheitsrecht,  welche  das  Eingehendste  und  Richtigste  sind, 

• 

'  Der  langjährige  k.  u.  k.  Generalkonsul  in  Skutari,  Herr 
Theodor  Ippen,  jetzt  Sektion.schef  im  Ministerium  des  k.  u.  k.  Hauses 
und  des  Äußeren,  hat  im  Jahre  189ü  zwei  albanische  Geistliche,  die 
viele  Jahre  im  dortigen  Gebirge  als  Pfarrer  wirkten,  zur  Abfassung  der 
zwei  Aufsätze  angeregt,  welche  dann  in  albanischer  Sprache  publiziert 
wurden.  Um  dieselben  einem  weiteren  Kreise  zugänglich  zu  machen, 
hat  Herr  Ippen  diese  Aufsätze  ins  Deutsche  übersetzen  lassen  und  dem 
Herrn  Dr.  P.  Träger  in  Zehlendorf-Berlin  zur  Mitteilung  in  der  Anthro^ 
pologischen  Gesellschaft  (publ.  in  der  Zeitschrift  für  Ethnologie.  Berlin, 
1901.  33.  Jahrg.,  S.  43—57)  überlassen.  Mit  Einwilligung  Sektionschefs 
Ippen  reproduzieren  wir  den  Beitrag  in  diesem  Sammelband.  Die  rezenten 
Beiträge  des  Dr.  Franz  Baron  Kojjcsa,  Beiträge  zur  Vorgeschichte  und 
Ethnologie  Nordalbaniens  [Wissenschaftliche  Mitteilungen  aus  Bosnien 
und  der  Herzegowina.  Band  XII,  Seite  168—254].  sowie  seine  übrigen 
folkloristischen  und  geologischen  Arbeiten,  welche  in  den  Publikationen 
des  vom  Regierungsrat  Patsch  trefflich  geleiteten  Balkaninstitutes  in 
Sarajevo  erschienen,  bilden  in  der  albanischen  wissenschaftlichen  Litera- 
tur ein  eigenes  Kapitel.  Die  Arbeiten  des  ebenso  kühnen,  wie  opfer- 
freudigen ungarischen  Forschers  würden  gewiß  in  dieses  Sammelwerk 
gehört   haben,  jedoch  der  Raum  der  Pul)likation  war  beschränkt. 


390 


was  bisher  über  diesen  Gegenstand  pii])liMert  wurde.  Er  ver- 
dankte diese  Mitteilungen  einem  italienischen  Missionär.  P.  Gabriel 
Capacei,  welcher  viele  Jahre  unter  den  albanischen  Hochländern 
lebte.  In  seinem  späteren  Buche  „Heise  durch  die  Gebiete  des 
Drin  und  Vardar"  gibt  von  Hahn  auf  S.  338 — 341  noch  einige 
weitere  Notizen  über  das  <Tewohnheitsrecht,  wie  es  speziell  die 
Mirditenstämme  anwenden. 

Xeuestens  hat  nun  die  seit  einiger  Zeit  in  Brüssel  in 
albanischer  Sprache  erscheinenden  Revue  „Albania"  in  den  Heften 
Nr.  9  und  11  des  I,  Bandes  imd  in  den  Heften  1,  2,  3,  6,  7 
und  10  des  H.  Bandes  und  dem  Hefte  4  des  UI.  Bandes  zwei 
ausführliche  Aufsätze  über  das  Gewohnheitsrecht  aus  der  Feder 
zweier  albanischer  PfaiTer  gebracht.  Wir  geben  diese  beiden, 
leider  imvollst'indigen  Aufsätze,  mit  Zustimmung  der  Autoren, 
nachstehend  in  deutscher  Üljersetzimg  wieder. 

I.  Das  Kedit  der  Stäinme  von  Dukadschiii. 

Von  T>on  LdZdV  MJedia, 

.  • 

Wir  Ijesitzen  keine  schriftlichen  Aufzeichnungen,  um  unsere 

von  Lek  (Alexander)  Dukadschini  herstammenden  Gesetze  mit 
Sicherheit  angeben  zu  können.  Wir  müssen  uns  deshalb  auf  die 
Tradition  stützen  und  von  Leuten,  die  der  Gewohnheitsgesetze 
kundig  sind,  diese  zu  erfahren  suchen. 

Obwohl  jeder  Teil  der  Hochlande  behauptet,  die  Gesetze 
des  Lek  Dukadschini  genau  beibehalten  zu  haben,  so  ist  doch 
nicht  anzunehmen,  dal.»  in  denselben  nach  Maßgabe  der 
Zeit  und  der  Umstände  keine  Veränderung  eingetreten  sei. 
Wenn  nun  auch  die  Gesetze,  welche  ich  im  Nachfolgenden 
darstelle,  von  den  bei  anderen  Stämmen  gebräuchlichen  in 
Einigem  abweichen,  so  ist  doch  die  Grundlage  bei  allen  eine 
gemeinsame.  Meine  Darstellung  bezieht  sich  auf  die  Stämme 
des  Dukadschins.  das  heißt  auf  die  Stämme  Schala,  Schoschi, 
Kiri,  Plani.  Dschoani  und  Toplana.  Ich  will  mit  der  Insti- 
tution der  Blutrache  mid  den  Vorschriften,  die  sie  regeln, 
anfangen. 


391 


1.  Die  Blutmche. 

.0  Derjenige,  Avelclier  seine  Blutraclie.  ohne  dul.l  eine 
^Weiterung  mit  ihr  verbunden  sei,  ausübt,  wird  deswegen  weder 
von  semem  Stamme,  noch  von  der  Regierung  ]>ehelligt.  Ich  sagte 
ohne  Weitermig,  weil  z.  B.  die  Ausübung  der  legitimen  Blut- 
rache, wenn  der  Schuldige  unter  dem  Schutice  eines  dritten  steht, 
den  Bluträcher  in  Konflikt  mit  dem  Beschützer  des  Blutschuld- 
ners Iwingt.  wäe  ich  später  l)ei  Eröiiermig  über  diesen  Schutz 
näher  ausführen  werde. 

B)  Wer  ohne  Berechtigung  zur  Blutrache,  einen  Menschen, 
sei  es  em  IVIann  oder  em  Weib,  ein  Envachsener  (jder  ein  Kind 
tfitet.  verfällt  folgenden  Strafen: 

1.  Seine  Häuser  werden  verbrannt  und  niedergerissen. 

2.  Seine  gesamte  Ijewegiiche  Halse  (Hausrat,  Getreide, 
Vieh  usw.)  mit  Ausnahme  der  Watten,  welche  in  oder  außerhalb 
seines  Gehöftes  gefunden  wird,  wird  konfiszieii.  Die  "Watten 
müssen,  auch  wenn  sie  beim  Niederbrennen  des  Hauses  aus  dem- 
sell)en  weggenommen  Avurdeu,  so  schnell  als  möglich  dem  Eigen- 
tümer zurückgegeben  werden,  sonst  verfällt  man  in  die  auf  die 
Entwatt'nung  eines  anderen  gesetzte  Buße,  welche  nach  dem 
Gewohnheitsrechte  4  Beutel,  d.  i.  2000  Piaster  beti-ägt. 

3.  Er  muß  seine  Wohnstätte  und  sein  Stanungebiet  mit 
der  ganzen  Familie,  d.  i.  Männer.  Weiljer,  Kinder  verlassen. 

4.  Er  muß  die  Buße  an  den  Stamm  und  an  die  Regienmg 
zahlen :  dieselbe  Iseträgt  4  Beutel  und  200  Piaster  (2200  Piaster). 
KJOO-  Piaster  davon  bekommt  die  Regienmg,  1000  der  Vorsteher 
seines  Süimmes,  200  der  Bülükbaschi '  mit  seinen  Gendarmen, 
welche  die  Buße  eintreiben  kommen.  Diese  Buße  zahlt  man  in 
Yieli  <xler  anderen  Gegenständen,  welche  in  diesem  Falle  viel 
h()her  als  nach  dem  eigentlichen  Weiie  eingerechnet  Averden. 

."».  Er  muß  alles  das  zahlen,  was  die  Häupter  des  eigenen 
Stanmies  und  die  Regieiimgsorgane  Ijei  der  Tagfahrt,  welche  zur 
^'orualime  der  Exekution  gehalten  wurde,  verzehrt  halsen. 

'  Bülükbaschi  ist  eine  Art  „Regierungskommi.s.sär"  bei  jedem 
autonomen  Hoohläuderstamin. 


392 


().  Der  Blutraclie  vertkllen  nicht  nur  seine  Familie  nn't  ihren 
Mitgliedern,  sondern  uuch  seine  unhe weglichen  (rüter,  derart,  dal.» 
sie  Eigentum  der  Verletzten  und  zur  Blutrache  Berechtigten 
werden.  Um  den  Besitz  dieser  Grundstücke  wieder  zu  erlangen, 
muß  der  Schuldige  eine  Befreiungsgebühr  zahlen,  dei'en  Höhe 
von  einem  Schiedsgericht  bestimmt  wird,  und  zwar  immer  niedri- 
ger als  der  eigentliche  \^'ert  des  Gutes  ist.  Auf  dem  so  befreiten 
Boden  kann  dann  wieder  ein  Haus  gebaut  werden  und  die  WeiV)er 
mit  einem  oder  mehreren  männlichen  ^Mitgliedern,  je  na-h  dem 
es  der  zur  Blutrache  Berechtigte  ei-laubt,  heimkehren,  damit  sie 
die  Gnindstücke  bemrtschaften. 

7.  Für  einen  Erschlasrenen  verfallen  nach  den  h^Hititjen 
Gesetzen  Avenigstens  sechs  Männer  der  Blutrache,  so  zAvar.  daß 
der  Täter  selbst  und  alle  männlichen  Mitglieder  seines  Hauses 
in  Blutrache  kommen ;  sofern  in  dem  Hause  nicht  sechs  Män- 
ner sich  vorfinden,  so  muß  diese  Zahl  aus  seiner  Verwandt- 
schaft komplettiert  werden ;  alle  diese  müssen  das  Stamm- 
gebiet verfassen. 

8.  Heutzutage  werden  die  Wohnstätten  der  Verwandtschaft 
nicht  mehr  niedergebrannt,  aber  sie  mul.5,  um  sich  davon  zu 
befreien,  eine  gemsse  Geldlniße  zahlen,  deren  Höhe  sich  nach  dem 
Grade  der  Verwandtschaft  richtet  (etwa  500  bis  KMKI  Piaster). 
Früher  hat  man  die  Häuser  der  Verwandtschaft  auch  verbrannt 
und  alle  haben  flüchtig  werden  müssen. 

Vor